Urteil des VG Schleswig-Holstein vom 14.03.2017, 9 A 636/04

Entschieden
14.03.2017
Schlagworte
Grundstück, Satzung, Rückwirkung, Kreisverkehr, Stadt, Entstehung, Gemeinde, Gehweg, Radweg, Asphalt
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Quelle:

Norm: § 8 KAG SH

Gericht: Schleswig- Holsteinisches Verwaltungsgericht 9. Kammer

Entscheidungsdatum: 21.03.2007

Aktenzeichen: 9 A 636/04

Dokumenttyp: Urteil

Kein Straßenausbaubeitrag für Kreisverkehrsanlage

Leitsatz

Die Herstellung einer Kreisverkehrsanlage mit nicht überfahrbarer Mittelinsel ist nicht beitragsfähig.

Tenor

Der Bescheid vom 28.11.2003 in der Fassung des Widerspruchsbescheides vom 07.05.2004 wird aufgehoben.

Der Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.

Das Urteil ist wegen der Kosten vorläufig vollstreckbar.

Dem Beklagten wird nachgelassen, die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des Vollstreckungsbetrages abzuwenden, wenn nicht die Kläger vor der Vollstreckung Sicherheit in dieser Höhe leisten.

Tatbestand

1Die Kläger wenden sich gegen die Erhebung eines Ausbaubeitrages für den Ausbau der E.Allee in der amtsangehörigen Gemeinde A-Stadt einschließlich anteiliger Kosten einer Kreisverkehrsanlage.

2Die Kläger sind Eigentümer des Grundstückes J. Straße X in A-Stadt (Flurstück X/Y und A/B; insgesamt 1.375 qm), das mit einem Einfamilienhaus (auf dem Flurstück X/Y) bebaut ist.

3Vor der streitigen Straßenbaumaßnahme der Jahre 1999 und 2000 war die J. Straße ein in Nordwest/Südost-Richtung verlaufender durchgängiger Straßenzug in den die etwa in Nordsüd-Richtung verlaufende E.Allee von Norden her einmündete. Im selben Bereich mündete der ebenfalls etwa in Nordsüd-Richtung verlaufende L.Weg von Süden her ein. Das klägerische Grundstück lag mit der nördlichen Grundstücksgrenze an der J. Straße, mit der östlichen Grundstücksgrenze am L.Weg.

4In den Jahren 1999 und 2000 errichtete die Gemeinde A-Stadt im Kreuzungsbereich J. Straße/E.Allee/L.Weg eine Kreisverkehrsanlage (mit nichtüberfahrbarer Mittelinsel) und stattete die E.Allee von der Li.Allee im Norden bis zur Kreisverkehrsanlage im Süden mit einer 5,50 m breiten Fahrbahn (Asphalt auf Trag- und Frostschutzschicht), beidseitigen befestigten Gehwegen, einem einseitigen befestigten Radweg sowie neuen Beleuchtungseinrichtungen aus. Für den Umfang der Straßenbaumaßnahmen wird auf den Lagenplan, Bl. 16 Beiakte C, Bezug genommen.

5Vor diesen Straßenbaumaßnahmen verfügte die E.Allee in dem Bereich zwischen Li.Allee und J. Straße lediglich über eine vier Meter breite Asphalt-Fahrbahn und einige Straßenlampen. Für den früheren Ausbauzustand wird auf die Fotos Bl. 1 ff. der Beiakte D Bezug genommen.

6Durch die Straßenbaumaßnahmen der Jahre 1999 und 2000 wurde der nördlich des klägerischen Grundstückes befindliche Straßenbereich, in dem die J. Straße von Westen und die E.Allee von Norden aufeinander stießen so ausgebildet, dass nunmehr die J. Straße von Osten kommend in die E.Allee einmündet, die ihrerseits im Bereich einer neu ausgebildeten „Grünstreifen-Nase“ eine kurze Fortsetzung bis zur Kreisverkehrsanlage findet.

7Hinter dem Grünstreifen dieser „Nase“ verläuft vor dem klägerischen Grundstück auf der Südseite der J. Straße ein rot-gepflasterter Gehweg, der vor dem klägerischen Grundstück bis zu dem den Kreisverkehr begleitenden Gehweg der Kreisverkehrsanlage geführt wird. Für die Einzelheiten wird auf die Fotos der Beiakte G Bezug genommen.

8Die Abnahme der Straßenbaumaßnahme erfolgte am 28.06.2000. Die Honorarschlussrechnung des Ingenieurbüros datiert vom 02.05.2001.

9Auf Grundlage der Ausbaubeitragssatzung der Gemeinde A-Stadt vom 11.09.2003 (ABS 2003), die sich gemäß § 14 Rückwirkung zum 01.01.1996 unter gleichzeitiger Aufhebung der Ausbaubeitragssatzung vom 18.12.1996 beimisst, veranlagte der Beklagte die Kläger mit Bescheid vom 28.11.2003 zu einem Ausbaubeitrag von 6.978,05 €.

10 Unter dem 18.12.2003 legten die Kläger Widerspruch ein, den sie mit Schreiben vom 27.01., 15.3. und 07.05.2004 begründeten. Die Kläger machten geltend, sie seien nicht Anlieger der E.Allee, so dass sie von der Straßenbaumaßnahme nicht bevorteilt seien. Im Übrigen sei die Herstellung einer Kreisverkehrsanlage nicht ausbaubeitragsfähig.

11 Mit Widerspruchsbescheid vom 07.05.2004 wurde der Widerspruch zurückgewiesen.

12 Die Kläger haben am 08.06.2004 Klage erhoben.

13 Im Klageverfahren wiederholen die Kläger ihr Vorbringen, dass sie mit ihrem Grundstück zum einen nicht an die E.Allee anlägen und zum anderen die Kosten der Kreisverkehrsanlage nicht beitragsfähig seien.

14 Die Kläger beantragen,

15den Bescheid vom 28.11.2003 in der Fassung des Widerspruchsbescheides vom 07.05.2004 aufzuheben.

16 Der Beklagte beantragt,

17die Klage abzuweisen.

18 Der Beklagte ist der Auffassung, das klägerische Grundstück sei von der E.Allee her erschlossen, da die Kläger im Bereich zwischen der Einmündung J. Straße und der Kreisverkehrsanlage auf der E.Allee an ihr Grundstück heranfahren und das Grundstück von dort aus betreten könnten.

19 Genauso wie die Ausbaukosten für Straßenkreuzungen seien auch die Kosten der Kreisverkehrsanlage nach § 2 Abs. 5 ABS 2003 zu Recht den in die Kreisverkehrsanlage einmündenden Straßen anteilig zuzurechnen. Die straßenverkehrsrechtlichen Halteverbote stünden der Anbaubarkeit einer Straße nicht entgegen.

20 Für das weitere Vorbringen der Parteien sowie der Einzelheiten des Sachverhaltes wird auf die Schriftsätze der Parteien sowie auf die Verwaltungsakten, die dem Gericht vorgelegen haben, Bezug genommen.

Entscheidungsgründe

21 Die Klage ist zulässig und begründet.

22 Der Bescheid vom 28.11.2003 in der Fassung des Widerspruchsbescheides vom 07.05.2004 ist rechtswidrig und verletzt die Kläger in ihren Rechten, so dass eine Aufhebung erfolgen musste (vgl. § 113 Abs. 1 VwGO).

23 Die in den Jahren 1999 und 2000 errichtete Kreisverkehrsanlage stellt eine

23 Die in den Jahren 1999 und 2000 errichtete Kreisverkehrsanlage stellt eine gegenüber der E.Allee selbständige öffentliche Einrichtung dar, durch die dem klägerischen Grundstück jedoch kein Vorteil im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG erwächst, so dass insoweit die Erhebung eines Ausbaubeitrages ausscheidet.

24 Auch hinsichtlich der die E.Allee betreffenden Straßenbaumaßnahmen ist das klägerische Grundstück nicht beitragspflichtig, da dieses Grundstück von der Straßenbaumaßnahme mangels qualifizierter Inanspruchnahmemöglichkeit der Straße nicht im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG bevorteilt wird.

25 Anders als bei einer Kreuzung zweier Straßen, bei der die Fahrbahnen der sich kreuzenden Straßen sich im Bereich der Kreuzung überdecken, ohne den Straßenlauf zu unterbrechen, ist bei Kreisverkehrsanlagen gemäß § 9a StVO von einer selbständigen Einrichtung auszugehen, so dass die in eine Kreisverkehrsanlage gemäß § 9a StVO einmündenden Straßen an dieser enden (vgl. Driehaus, ZMR 2004, S. 77 ff; derselbe, Erschließungs- und Ausbaubeiträge, 7. Auflage 2004, Rd. 56 zu § 14; OVG Lüneburg, Urteil vom 28.11.2001 - 9 LB 2941/01 -; Urteile der Kammer vom 27.04.2006 - 9 A 458/02 - und 04.07.2006 - 9 A 124/03 -; VG Dessau, Urteil vom 02.10.2003 - 2 A 61/03 -).

26 Die Kreisverkehrsanlage gemäß § 9 a StVO löst weder für die unmittelbar an der Kreisverkehrsanlage belegenden Grundstücke, noch für die Grundstücke, die an den in sie einmündenden Straßen liegen, Vorteile im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG aus und ist somit nicht ausbaubeitragsfähig (vgl. VG Dessau, Urteil vom 02.10.2003 - 2 A 61/03 -; Driehaus a.a.O., Rd. 5 zu § 31). Der Umstand, dass ein Kreisverkehr im Sinne von § 9 a StVO aufgrund des für die Kreisfahrbahn zwingend vorgesehenen Halteverbotes 9 a Abs. 1 Satz 2 StVO) die Erreichbarkeit der an dem Straßenzug anliegenden Grundstücke gerade nicht verbessert, sondern für den Bereich der Kreisfahrbahn ausschließt, zwingt zu der Annahme, dass die Anlage eines Kreisverkehrs für sich keinen Sondervorteil im Sinne des Straßenausbaubeitragsrechts vermittelt. Die Kreisverkehrsanlage gemäß § 9 a StVO ist in ihrem gesamten Umfang bestimmungsgemäß nicht darauf angelegt, irgendetwas für die Bebaubarkeit, Benutzbarkeit oder direkte Erreichbarkeit von Grundstücken herzugeben, so dass es an einem qualifizierten Sondervorteil, der Voraussetzungen für die Annahme eines beitragspflichtigen Vorteils im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG ist, fehlt. Insoweit liegt bei Kreisverkehrsanlagen gemäß § 9 a StVO eine völlig andere Situation vor, als bei einer zum Anbau bestimmten Straße, auf der partiell ein Halteverbot angeordnet wird, die jedoch die Voraussetzung für die Bebaubarkeit der anliegenden Grundstücke darstellt.

27 Mangels Ausbaubeitragspflichtigkeit der Herstellung der Kreisverkehrsanlage gemäß § 9a StVO kann dahinstehen, ob die Verteilung des Aufwandes für die Herstellung der Kreisverkehrsanlage unter Aufteilung der Kosten auf die in den Kreisverkehr einmündenden Straßen 2 Abs. 5 ABS 2003) und Verteilung der Kostenanteile gemäß § 4 ABS 2003 auf die jeweils an den betreffenden Straßen liegenden Grundstücke im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG eine vorteilsgerechte Verteilungsregelung wäre. Ferner kann dahinstehen, ob die von dem Beklagten aufgenommene Kostenaufteilung nach dem Verhältnis der Straßenbreite der einmündenden Straßen vorteilsgerecht im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG wäre.

28 Auch die Straßenbaumaßnahmen an der vor der Kreisverkehrsanlage endenden E.Allee bevorteilen das klägerische Grundstück nicht im Sinne des § 8 Abs. 1 KAG.

29 Das Grundstück J. Straße X wird durch die Anbaustraße E.Allee nicht erschlossen. Voraussetzung hierfür wäre, dass das Grundstück von der E.Allee für Kraftfahrzeuge, besonders auch solche der Polizei, der Feuerwehr, des Rettungswesens und der Ver- und Entsorgung erreichbar wäre, d. h. dass mit Personen- und Versorgungsfahrzeugen bis zur Höhe des Grundstücks gefahren und dort gehalten sowie das Grundstück sodann von der Anbaustraße aus - gegebenenfalls über einen zur Anbaustraße gehörenden Geh- und/oder Radweg - betreten werden könnte (vgl. Driehaus, Erschließungs- und Ausbaubeiträge, 7. Auflage 2004, Rd. 31 ff. zu § 12; BVerwG, Urteil vom 01.03.1991 - 8 C 59.89 - BVerwGE 88, 70 ff.). Es kann dahinstehen, ob vorliegend im Bereich zwischen der Einmündung der J. Straße und dem Kreisverkehr Fahrzeuge überhaupt halten dürften und Personen von einem haltenden Fahrzeug den zur E.Allee gehörenden Grünstreifen überqueren dürften. Jedenfalls lässt sich von der E.Allee auch bei Querung der zur E.Allee gehörenden Teileinrichtungen (Grünstreifen) das klägerische Grundstück nicht unmittelbar betreten. Vielmehr wäre die Querung des anschließenden Gehweges, der nicht zur E.Allee, sondern zur J. Straße gehört,

anschließenden Gehweges, der nicht zur E.Allee, sondern zur J. Straße gehört, erforderlich. Eine qualifizierte Inanspruchnahmemöglichkeit der E.Allee direkt vom klägerischen Grundstück ist somit nicht gegeben.

30 Nach alledem ist das klägerische Grundstück weder hinsichtlich des Ausbaues der E.Allee noch hinsichtlich der Errichtung der Kreisverkehrsanlage ausbaubeitragspflichtig.

31 Lediglich ergänzend ist festzustellen, dass die Regelungen in § 14 Abs. 1 und 2 betreffend die Rückwirkung und das Schlechterstellungsverbot des § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG nicht rechtmäßig sind.

32 Nach § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG dürfen Abgabenpflichtige durch eine rückwirkend erlassene Satzung nicht ungünstiger gestellt werden als nach der bisherigen Satzung. Die Wahrung des Schlechterstellungsverbotes des § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG ist durch eine entsprechende Bestimmung in der Satzung zu sichern (OVG Schleswig, Urteil vom 20.03.2002 - 2 K 4/00, SchlA 2002, 161).

33 Die Regelungen in § 14 ABS 2003 werden weder den Anforderungen der Normenklarheit hinsichtlich der getroffenen Rückwirkungsregelung noch den Anforderungen des § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG an eine Satzungsregelung zur Wahrung des Schlechterstellungsverbotes gerecht.

34 Nach § 14 Abs. 1 ABS 2003 tritt die Satzung rückwirkend zum 01.01.1996 in Kraft. Gleichzeitig tritt die Satzung vom 18.12.1996 außer Kraft. Im Widerspruch dazu regelt § 14 Abs. 2 Satz 1 ABS 2003, dass, soweit Beitragsansprüche nach den bisher geltenden Satzungsregelungen entstanden seien, die bisherigen Regelungen weiter gelten. Anknüpfend an diese Regelung, die wohl dem Schlechterstellungsverbot des § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG durch eine Satzungsregelung Rechnung tragen soll, folgt dann in § 14 Abs. 2 Satz 2 ABS 2003 die deklaratorische Feststellung, dass, soweit Beitragsansprüche vor der öffentlichen Bekanntmachung der Satzung entstanden seien, die Beitragspflichtigen durch diese Satzung gemäß § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG nicht ungünstiger gestellt würden, als nach der bisherigen Satzung.

35 Da im Ausbaubeitragsrecht diejenige Satzung Grundlage der Beitragserhebung ist, die im Zeitpunkt der Entstehung der sachlichen Beitragspflicht, d. h. im Zeitpunkt der Entstehung der Vorteilslage gilt, werden durch die Rückwirkung gerade diejenigen Fälle beitragsrechtlich erfasst, bei denen die Entstehung der sachlichen Beitragspflicht in den Zeitraum der Rückwirkung fällt. Entgegen § 14 Abs. 2 Satz 1 ABS 2003 kann für solche Fälle daher nicht die Weitergeltung der bisherigen Regelungen angeordnet werden, da dies gerade der Anordnung der Rückwirkung der Satzung widerspricht. Der Wahrung des Schlechterstellungsverbotes des § 2 Abs. 2 Satz 3 KAG kann nur durch eine Satzungsregelung Rechnung getragen werden, die zwar die rückwirkende Anwendung der neuen Satzung anordnet, jedoch für die Fälle, in denen die Satzung nur kraft ihrer Rückwirkung zur Anwendung gelangt (d. h. bei Entstehung der sachlichen Ausbaubeitragspflicht vor Inkrafttreten der neuen Satzung) den nach der neuen Satzung zu erhebenden Beitrag der Höhe nach auf den Ausbaubeitrag begrenzt, der sich bei Anwendung der durch die Rückwirkung ersetzten Satzungsregelungen ergäbe.

36 Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO.

37 Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 Abs. 1, Abs. 2 VwGO iVm §§ 708 Nr. 11, 711 ZPO.

38 Gründe, die Berufung zuzulassen (vgl. § 124 a Abs. 1 VwGO iVm § 124 Abs. 2 Nr. 3 und Nr. 4 VwGO) liegen nicht vor.

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