Urteil des VG Saarlouis vom 28.02.2007, 5 K 42/06

Entschieden
28.02.2007
Schlagworte
Grundstück, Bebauungsplan, Neubau, Gebäude, Wand, Kellergeschoss, Stadt, Satzung, Nichtigkeit, Bauwerk
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VG Saarlouis Urteil vom 28.2.2007, 5 K 42/06

Nachbaranfechtung einer Baugenehmigung zum Neubau eines Mehrfamilienhauses.

Leitsätze

1. Eine Baugenehmigung ist nicht nichtig, wenn sie nur in einem Punkt von allenfalls zweitrangiger Bedeutung unbestimmt ist.

2. Ein Nachbar kann mit seiner Klage gegen eine unbestimmte Baugenehmigung nur dann Erfolg haben, wenn die Baugenehmigung eine Bauausführung zulässt, die gegen eine seinem Schutz dienende Vorschrift verstößt.

3. Eine Dachgaube, deren Vorderfront sich als Fortsetzung der darunterliegenden Außenwand darstellt, ist abstandsflächenrechtlich kein unbeachtlicher Dachaufbau, vielmehr bei der Bestimmung der Wandhöhe und damit der Abstandsfläche zu berücksichtigen.

4. Wird die natürliche Geländeoberfläche von einem öffentlich bestellten Vermessungsingenieur aufgrund amtlicher Unterlagen und eigener örtlicher Aufnahmen ermittelt und ist diese sowohl vom Längs- als auch vom Querprofil her stimmig, muss der Nachbar gewichtige Gründe dartun, um diesen Ansatz in Frage zu stellen.

5. Eine Verletzung des Rücksichtnahmegebotes wegen des Maßes der baulichen Nutzung liegt regelmäßig nicht vor, wenn das zugelassene Bauwerk den Vorgaben des Bebauungsplanes entspricht und die Abstandsflächen einhält. Daran ändert sich im Regelfall auch dann nichts, wenn ein seit mehr als 40 Jahren angewandter Bebauungsplan wegen einer nicht mehr auffindbaren Veröffentlichung unwirksam ist.

Tenor

Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Verfahrens einschließlich der außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen tragen die Kläger.

Das Urteil ist wegen der Kosten vorläufig vollstreckbar. Die Kläger können die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung eines Betrages in Höhe der sich aus dem Kostenfestsetzungsbeschluss ergebenden Kostenschuld abwenden, falls nicht die Beklagte oder die Beigeladene vor der Vollstreckung Sicherheit in derselben Höhe leisten.

Der Streitwert wird auf 7.500,-- Euro festgesetzt.

Tatbestand

Die Kläger wenden sich mit ihrer Klage gegen die der Beigeladenen im Juli 2000 erteilte Baugenehmigung zum Neubau eines Mehrfamilienhauses in B-Stadt, Ortsteil B..

Die Kläger der Kläger zu 2. ist Baudezernent der Beklagten und als solcher Leiter der Unteren Bauaufsichtsbehörde - sind Eigentümer des mit einem Wohnhaus bebauten Grundstücks in B-Stadt, Ortsteil B., Hweg, Gemarkung B., Flur …, Flurstück …. An dieses grenzt nach Norden hin das Vorhabengrundstück, Hweg 6, Flurstück an. Beide Grundstücke liegen im Geltungsbereich des Bebauungsplans „S.“. Der Bebauungsplan wurde den Bevollmächtigten der Kläger im Laufe des Widerspruchsverfahrens übersandt; im weiteren Verlaufe des Verfahrens wurden keine Rügen gegen den Plan erhoben. Die

dem Gericht in der mündlichen Verhandlung als Fotographie vorgelegte Ausfertigung des Planes enthielt keine Ausfertigungsvermerke.

Mit Bauschein vom 08.05.1998 genehmigte die Beklagte der Beigeladenen im vereinfachten Verfahren 67 LBO 1996) den Neubau eines Mehrfamilienhauses auf dem Vorhabengrundstück. Ausweislich der genehmigten Pläne befinden sich im Kellergeschoss des Hauses eine Tiefgarage für fünf Pkw, fünf Kellerräume, ein Heizungs- und ein Waschund Trockenraum. Im Erd- wie im Obergeschoss gibt es jeweils zwei Wohnungen, die aus einem Flur, Bad, WC, Küche, Wohn- Eltern- und Kinderzimmer bestehen. Im Dachgeschoss ist eine Wohnung dargestellt, die ein zusätzliches Arbeitszimmer hat. Aufgrund der nach Osten hin ansteigenden Hanglage liegt das Kellergeschoss zum Hangweg hin frei; dort befindet sich dementsprechend die Zufahrt zur Tiefgarage. Auf der Ostseite des Gebäudes ist das Kellergeschoss vollständig eingegraben. Die Dachgeschosswohnung hat in den Plänen nur an den Giebelseiten des Hauses senkrechte Fenster, im übrigen Dachflächenfenster.

Mit Bauschein vom 24.08.1999 97018736 - genehmigte die Beklagte der Beigeladenen (erneut) den Neubau eines Mehrfamilienhauses auf dem Vorhabengrundstück. Im Unterschied zu den Plänen der Genehmigung vom 08.05.1998 befinden sich nunmehr anstelle der Dachflächenfenster Gauben als Aufbauten auf dem Dach. Weiterhin wurden u.a. die vorgebauten Balkone verändert.

Nachdem die Beklagte eine abweichende Ausführung der Bauarbeiten von den zuletzt genehmigten Plänen festgestellt hatte, stellte sie die Bauarbeiten mit Bescheid vom 20.06.2000 ein. Dabei ging es im Einzelnen um folgende Abweichungen:

A) Aufschüttungen entlang der Grundstücksgrenzen

B) Überschreitung der genehmigten Geschosshöhen

C) Überschreitung der lichten Höhe max. 2,30 m innerhalb der Dachaufbauten (in den Plänen mit 2,245 m angegeben) dadurch zusätzliches Vollgeschoss

D) Evtl. Unterschreitung der erforderlichen Abstandsflächen 6 LBO)

E) Veränderung und Anbau eines Balkons (Vorderfront) mit statischer Berechnung

In einem Schreiben an die Beklagte vom 04.07.2000 trugen die Bevollmächtigten der Beigeladenen vor, für die Abweichungen A) bis C) und E) lägen genehmigungsfähige Nachtragsbauanträge vor. Hinsichtlich der Dachgauben seien die Abstandsflächen unzureichend, wenn die Gauben als aufsteigende Wandteile in die Berechnung der Wandhöhe einbezogen würden (OVG des Saarlandes, Beschluss vom 23.02.1994 2 W 5/94 und Urteil vom 03.05.1994 2 R 13/92 -). Indes gebe es einen Rücksprung der Dachgauben hinter die Außenwand um etwa 20 cm. Damit setzten die Gauben die Außenwand nicht fort.

Mit dem nunmehr in Streit stehenden Nachtrags-Bauschein vom 19.07.2000 genehmigte der Beklagte der Beigeladenen die „Abweichung vom genehmigten Entwurf“ mit folgenden Auflagen:

„1. Die Auflagen des Bauscheines vom 08.05.1998 gelten auch für diese Genehmigung. Sie sind korrekt zu beachten und einzuhalten. Darüber hinaus sind zusätzlich folgende Auflagen einzuhalten:

2. Die bestehenden Dachgauben sind derart zurückzusetzen, dass die Vorderkante (Dachgaube) einen Abstand von mindestens 10 cm von der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand (Kniestock) einhält. (Die Dachgauben haben somit keine eigenen Abstandsflächen).

3. Die seitlichen Brüstungsmauern der Terrasse im DG (Abstandsfläche A1 und

A3) sind gegenüber den Höhenangaben der Abstandsflächenberechnung um mindestens 10 cm abzutragen. Der erforderliche aufgesetzte Handlauf ist an der Innenseite des Brüstungsmauerwerkes hochzuführen und zu befestigen. (Die resultierende Abstandsfläche berechnet sich somit auf 3,10 m)

4. Die lichten Höhen innerhalb der Dachgauben sind deutlich auf unter 2,30 m zu verringern.

5. Die Aufschüttungen in den seitlichen Bauwichen sind deutlich auf unter 50 cm zu beseitigen.“

Diese Auflagen sind durch Grüneintragungen in den Bauplänen visualisiert.

Gegen diesen, ihnen am 21.07.2000 förmlich zugestellten Bauschein vom 19.07.2000 erhoben die Kläger am 21.08.2000 zunächst zur Fristwahrung Widerspruch, der zunächst nicht begründet und deshalb auch nicht an den Stadtrechtsausschuss weitergeleitet wurde. Nachdem die Kläger dann mit Schreiben vom 01.07.2003 geltend gemacht hatten, sie hätten den Verdacht, dass die Abstandsflächen in Bezug auf die Dachgauben nicht eingehalten seien, wurde der Widerspruch dem Rechtsausschuss am 31.08.2004 vorgelegt.

Mit Widerspruchsbescheid aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 21.04.2006 wies der Stadtrechtsausschuss die Widersprüche der Kläger (und der Eigentümer des Grundstücks Hweg 8) zurück: Bei den Dachgauben handele es sich um Dachaufbauten, deren Höhe nicht in die Berechnung der Abstandsflächen einzubeziehen seien. Sie erfüllten die vom OVG des Saarlandes (Beschluss vom 20.05.1996 2 U 1/96 -) beschriebenen Anforderungen an Dachgauben. Die Baugenehmigung sei auch hinreichend bestimmt. Aus den zeichnerischen und textlichen Vorgaben sei unmissverständlich ersichtlich, welcher Mindestabstand zwischen der Rückseite der Gebäudewand und der Vorderseite der Gaubenwand einzuhalten sei. Der Widerspruchsbescheid wurde den Klägern am 30.05.2006 zugestellt.

Am 27.06.2006 haben die Kläger beim Verwaltungsgericht Klage erhoben. In der Sache wiederholen sie ihr bisheriges Vorbringen, allein aufgrund der trickreich manipulierten Pläne sei die Abstandsfläche nunmehr scheinbar eingehalten. Ursprünglich habe die Beigeladene die Gauben formell und materiell illegal hergestellt, so dass das Vorhaben die erforderliche Abstandsfläche zum Grundstück der Kläger nicht eingehalten habe. Der Beklagte sei zunächst dagegen eingeschritten, habe sodann aber zwei Nachträge zur Baugenehmigung erlassen und anschließend behauptet, der Abstand zwischen der Vorderkante der Dachgaube und der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand betrage wie im 2. Nachtrag vom 19.07.2000 gefordert mindestens 10 cm. Um festzustellen, ob das tatsächlich der Fall sei, hätten die Kläger einen öffentlich bestellten Vermessungsingenieur beauftragt, dem aber von der Beigeladenen das Betreten des Grundstücks verweigert worden sei. Erst auf intensives Nachbohren in der Widerspruchsverhandlung seien ihnen eine sog. Systemskizze als Anlage zum 2. Nachtrag und eine Aufmaßskizze vom 05.06.2002 vorgelegt worden. Dabei zeige die Systemskizze den Wandaufbau mit einem unveränderten Kniestock und die nachträgliche Eintragung „mind. 10 cm“ unterhalb der Dachfläche im Bereich des Zwischenraums unterhalb der Tragkonstruktion der Dachgaube. Demgegenüber sehe die Aufmaßskizze anders aus: Dort sei die das Dach der Gaube tragende, auf der eigentlichen Dachhaut ruhende Stützkonstruktion doppelschalig gezeichnet; dazwischen befinde sich als Bemaßung „-40“. Die äußere Stütze sei dann bis auf die tragende Außenwand des Kniestocks heruntergeführt; unter der inneren Stütze sei eine bis auf die Bodenoberkante des Dachraums reichende weitere Stütze eingezeichnet. Von außen, von der gemeinsamen Grundstücksgrenze und vom Grundstück der Kläger sehe man die auf der Aufmaßskizze gezeichnete äußere Gestaltung. Weder der 2. Nachtrag mit der Systemskizze noch die Aufmaßskizze bewirkten die Feststellung eines dem öffentlichen Recht entsprechenden Vorhabens. Denn die Bestimmungen über die Abstandsflächen hätten den Sinn, auf beiden Seiten einer Grundstücksgrenze ein Mindestmaß an Zutritt von Licht und Luft zu gewährleisten. Dieses Ergebnis träte vorliegend nicht ein. Ziffer 2 des Nachtrags stelle nicht im Verständnis von § 73 Abs. 1 S. 1 LBO fest, dass das Vorhaben den öffentlichen Vorschriften entspreche. Der in der

Nebenbestimmung enthaltene Befehl, dass die Dachgauben zurückzusetzen seien, genüge nicht den Anforderungen an die Bestimmtheit.

Weiterhin sei in der Baugenehmigung an der Geländeoberfläche manipuliert worden, die den Fußpunkt für die Berechnung der Wandhöhe und damit der Tiefe der Abstandsfläche bestimme. Nach § 2 Abs. 7 LBO sei eine Festlegung der Geländeoberfläche von der natürlichen Geländeoberfläche nur zulässig, um die Festsetzung der Höhenlage in einer städtebaulichen Satzung umzusetzen oder um Unebenheiten der vorgefundenen Geländeoberfläche auszugleichen. Um wie vorliegend - die Einhaltung der Abstandsfläche zu gewährleisten, dürfe die Geländeoberfläche nicht abweichend festgelegt werden. Auf diese Rüge der Kläger seien weder die Beklagte noch der Rechtsausschuss eingegangen.

Die Kläger beantragen,

die Baugenehmigung vom 08.05.1998 in der Fassung des ersten Nachtrags vom 24.08.1999 und des zweiten Nachtrags vom 19.07.2000 und den Widerspruchsbescheid aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 21.04.2006 aufzuheben

und die Hinzuziehung der Bevollmächtigten im Vorverfahren für notwendig zu erklären.

Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Sie verweist auf die Ausführungen im Widerspruchsbescheid und verwahrt sich gegen die Behauptung, die Baukonstruktion im Innern der Dachgauben sei manipuliert worden.

Die Beigeladene beantragt (ebenfalls),

die Klage abzuweisen.

Ihrer Ansicht nach regelt der 2. Nachtrag die konstruktive Trennung zwischen Gaube und Außenwand, damit die Dachgauben Dachaufbauten im Verständnis von § 7 Abs. 4 Satz 6 Nr. 2 LBO 2004 bzw. § 6 Abs. 4 Satz 6 Nr. 2 LBO 1996 sind. Soweit die Kläger die Nachprüfung der Einhaltung dieser Regelung beansprucht hätten, beträfe das nicht die Rechtmäßigkeit der Baugenehmigung, die im Übrigen auch insoweit hinreichend bestimmt sei. Auch in Bezug auf die Geländeoberfläche sei die Baugenehmigung rechtmäßig. Die Beklagte habe keine von der natürlichen Geländeoberfläche abweichende Geländeoberfläche festgelegt, sondern auf die Geländeoberfläche an der Grenze zum Grundstück der Kläger abgestellt. Das wirke sich für diese vorteilhaft aus, weil der natürliche Geländeverlauf an der Gebäudewand ca. 10 bis 15 cm höher als die terrassierten und verformten Nachbargelände sei.

Das Gericht hat die Örtlichkeit am 07.02.2007 in Augenschein genommen; wegen der Einzelheiten wird insoweit auf die Niederschrift über die Ortsbesichtigung Bezug genommen.

Wegen des Sachverhalts im Übrigen wird auf den Inhalt der Gerichtsakten einschließlich der beigezogenen Verwaltungsakten der Beklagten verwiesen, der Gegenstand der mündlichen Verhandlung war.

Entscheidungsgründe

Die Klage ist zulässig, aber unbegründet.

Die der Beigeladenen zuletzt erteilte Baugenehmigung vom 08.05.1998 verletzt die Kläger in der Fassung des ersten Nachtrags vom 24.08.1999 und des zweiten Nachtrags vom 19.07.2000 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 21.04.2006 nicht in ihren öffentlich-rechtlich geschützten Rechten.

Im Falle der Nachbaranfechtung einer Baugenehmigung ist diese allein daraufhin zu untersuchen, ob sie mit wehrfähigen Rechten gerade der Kläger zu vereinbaren ist. Dabei sind allein diejenigen Vorschriften des öffentlichen Rechts in den Blick zu nehmen, die durch

die angefochtene Baugenehmigung umgesetzt und gerade den Schutz der konkret um Rechtsschutz nachsuchenden Nachbarn bezwecken sollen. Welchen Vorschriften des Baurechts nachbarschützende Funktion zukommt, ist jeweils nach Inhalt, Zweck und Wirkung der einzelnen Vorschrift darauf zu untersuchen, ob die spezielle Norm zumindest auch den Schutz des Nachbarn bezweckt. Dabei ist Zurückhaltung geboten und grundsätzlich ein strenger Maßstab anzulegen, um einer Ausuferung in Richtung auf eine verdeckte Popularklage zu begegnen sowie den verständlichen Bedürfnissen des Bauherrn nach Rechtssicherheit gerecht zu werden. Eine besondere subjektive Rechtsstellung des Nachbarn kann nur dann anerkannt werden, wenn der Kreis der geschützten Personen durch die Norm hinreichend klar gestellt wurde, wobei zu fragen ist, ob die Vorschrift gerade darauf abzielt, Baumaßnahmen oder Nutzungen zu verhindern, welche typischerweise das Nachbargrundstück schädigen oder gefährden. Ob und gegebenenfalls in welchem Umfang das streitige Vorhaben mit den sonstigen Rechtsvorschriften in Einklang steht, ist für das Verfahren ohne Bedeutung.

Für die Beurteilung der Verletzung von öffentlich-rechtlich geschützten Nachbarrechten durch eine Baugenehmigung ist allein der Regelungsinhalt der Genehmigungsentscheidung und nicht die davon ggf. abweichende Bauausführung maßgeblich (OVG des Saarlandes, Beschluss vom 23.11.1999 - 2 Q 33/99 -).

Bauordnungsrechtlich stützen sich die Kläger ohne Erfolg auf die nachbarschützenden Bestimmungen über die Abstandsfläche.

Rechtsgrundlage für die der Beigeladenen erteilte Baugenehmigung und damit auch für die Bestimmung der Abstandsfläche sind auch nach dem Inkrafttreten der LBO 2004 zum 01.06.2004 weiterhin die Regelungen der LBO 1996, weil nach § 88 Abs. 1 LBO 2004 (In der Fassung von Art. 1 des Gesetzes Nr. 1544 zur Neuordnung des Saarländischen Bauord-nungs- und Bauberufsrechts vom 18.02.2004, veröffentlicht im Amtsblatt des Saarlandes vom 16.04.2004, S. 822 (860)) vor Inkrafttreten dieses Gesetzes eingeleitete Verfahren nach den bisherigen Verfahrensvorschriften weiterzuführen sind.

Das genehmigte Bauvorhaben verletzt nicht § 6 Abs. 1 Satz 1 LBO 1996:

Vor den Außenwänden von Gebäuden oder vor den Abschnitten von Außenwänden von Gebäuden sind Flächen von oberirdischen Gebäuden freizuhalten (Abstandsflächen).

Die erforderlichen Abstandsflächen müssen nach § 6 Abs. 2 LBO 1996 grundsätzlich auf dem Grundstück selbst liegen. Die Tiefe der Abstandsflächen bemisst sich nach § 6 Abs. 4 LBO 1996 der Wandhöhe, die senkrecht zur Wand gemessen wird. Als Wandhöhe gilt das Maß von der Geländeoberfläche bis zum Schnittpunkt der Wand mit der Dachhaut oder bis zum oberen Abschluss der Wand. Bei geneigtem oberem Wandabschluss und bei geneigter Geländeoberfläche ist die im Mittel gemessene Wandhöhe maßgebend. Bei Gebäuden mit gestaffelten Wänden ist die Wandhöhe für den jeweiligen Wandabschnitt zu ermitteln. Zur Wandhöhe werden u.a. die Höhe von Dächern mit Dachgauben oder anderen Dachaufbauten zu einem Drittel hinzugerechnet, wenn diese zusammen mehr als halb so breit wie die darunter liegende Gebäudewand sind. Das sich ergebende Maß ist H. Die Tiefe der Abstandsfläche beträgt nach § 6 Abs. 5 Sätze 1, 3 und 4 LBO 1996 0,4 H, abgerundet auf volle 10 cm, mindestens aber 3 m. In der Abstandsfläche sind nach § 7 Abs. 2 LBO 1996 offene erhöhte Terrassen zulässig, die an der Nachbargrenze bis zu 0,50 m erhöht sein dürfen.

Die Grenzabstandsbestimmungen, die im Zuge der Änderungen der Landesbauordnung von der Fassung 1974 zur Fassung 1988 die Regelungen über den sog. Bauwich 7 LBO 1974) ersetzt haben, bezwecken insbesondere eine ausreichende Belichtung, Belüftung und Besonnung der Gebäude; außerdem sollen der Wohnfrieden gefördert und der Brandschutz gewährleistet werden. Sie dienen - wie die früheren Bauwichbestimmungen - auch dem Nachbarschutz (OVG des Saarlandes, Beschlüsse vom 26.06.1985 - 2 W 1331/85 -, BRS 44 Nr. 162; vom 07.08.1991 - 2 W 10/91 -).

Die Anerkennung nachbarrechtlicher Abwehrrechte bei einer Verletzung der "zentimeterscharf" konzipierten Grenzabstandsbestimmungen setzt nach der ständigen

Rechtsprechung des OVG des Saarlandes regelmäßig nicht voraus, dass die betreffende Anlage im konkreten Einzelfall tatsächliche Beeinträchtigungen des Grenznachbarn hervorruft (OVG des Saarlandes, Urteile vom 06.03.1987 - 2 R 180/84 -, BRS 47 Nr. 100; vom 30.03.1993 - 2 R 17/92 -, BRS 55 Nr. 158; vom 14.12.1999 - 2 R 4/99-).

Eine Verletzung der Abstandsflächenbestimmungen zum Nachteil der Kläger lässt sich nicht feststellen. In diesem Zusammenhang ist zunächst erneut darauf hinzuweisen, dass die Kläger keinen Anspruch darauf haben, dass die Baugenehmigung in jeder Hinsicht objektiv rechtmäßig ist.

Soweit die Kläger in Bezug auf die Dachgauben gelten machen, weder der 2. Nachtrag mit Systemskizze noch die Aufmaßskizze bewirkten die Feststellung eines dem öffentlichen Recht entsprechenden Vorhabens, wirkt sich dieses jedenfalls nicht auf die Rechtsposition der Kläger aus.

Die Baugenehmigung ist zunächst nicht gemäß § 44 Abs. 1 SVwVfG nichtig. § 44 Abs. 1 SVwVfG stellt für die Abgrenzung der Nichtigkeit von der „einfachen“ Rechtswidrigkeit, die nur die Aufhebbarkeit und unter Umständen Rücknehmbarkeit des Verwaltungsakts zur Folge hat, auf die sogenannte Evidenztheorie ab (Kopp/Ramsauer, VwVfG, 8. Aufl. 2003, § 44 Rdnr. 7 mit umfangreichen Nachweisen), nach der es auf die Schwere und Offenkundigkeit des Fehlers ankommt. Fehler in diesem Sinne sind solche, die in einem so schwerwiegenden Widerspruch zur geltenden Rechtsordnung und den ihr zugrunde liegenden Wertvorstellungen der Gemeinschaft stehen, dass es unerträglich wäre, wenn der Verwaltungsakt die mit ihm intendierten Rechtswirkungen hätte (Kopp/Ramsauer, VwVfG, a.a.O., § 44 Rdnr. 8 mit Nachweisen). Ein solcher besonders schwerer Fehler ist u.a. bei völliger inhaltlicher Unbestimmtheit des Verwaltungsakts anzunehmen (Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, 6. Aufl. 2001, § 44 Rdnr. 110; Kopp/Ramsauer, VwVfG, a.a.O., § 44 Rdnr. 10). Demgegenüber ist ein Verwaltungsakt, der „lediglich“ gegen das Bestimmtheitsgebot verstößt, ohne in sich unverständlich zu sein, oder der eine Unklarheit lediglich in einem Punkt von zweitrangiger Bedeutung enthält, nicht nichtig, sondern nur anfechtbar. Keinesfalls genügt für die Annahme der Nichtigkeit eine Unbestimmtheit, die durch Auslegung zu überwinden ist (Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, a.a.O., § 44 Rdnr. 111 mit Nachweisen). Gemessen daran ist die angegriffene Baugenehmigung nicht nichtig.

Die Aufmaßskizze stammt vom 05.06.2002, knapp 2 Jahre nach dem Erlass der des 2. Nachtrags vom 19.07.2000, und trägt anders als die Systemskizze - keinen Genehmigungsvermerk. Schon aus diesem Grunde ist die Aufmassskizze nicht Bestandteil der Baugenehmigung. Zwar enthält die Systemskizze keine konkrete Bemaßung, sondern nur die Angabe eines Mindestmaßes, nämlich „mindestens 10 cm“. Diese Angabe führt indes nicht zur Nichtigkeit der Baugenehmigung, weil es sich dabei um eine Unklarheit in einem Punkt von allenfalls zweitrangiger Bedeutung handelt. Denn aus der Sicht des öffentlichen Baurechts ist es völlig unbedeutend, ob der Abstand zwischen der Vorderkante der Dachgaube und der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand 10, 20, 30 oder 100 cm beträgt. Entscheidend aus der Sicht des öffentlichen Baurechts ist allein, dass sich Front der Dachgaube nicht als Fortsetzung der darunter liegenden Gebäudeaußenwand darstellt.

Denn der rechtliche Hintergrund dieser Regelung in der Baugenehmigung besteht allein darin, dass eine Dachgaube, deren Vorderfront sich als Fortsetzung der darunter liegenden Außenwand darstellt, kein abstandsflächenrechtlich unbeachtlicher Dachaufbau, vielmehr bei der Bestimmung der Wandhöhe und damit der Abstandsfläche mit zu berücksichtigen ist (vgl. OVG des Saarlandes, Beschluss vom 20.05.1996 - 2 U 1/96 -, S. 5 ff.). Mit der Bestimmung, dass der Abstand zwischen der Vorderkante der Dachgaube und der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand mindestens 10 cm betragen muss, wird diesem Umstand Rechnung getragen. Damit ist die Baugenehmigung im Hinblick auf die Erfordernisse des öffentlichen Baurechts hinreichend bestimmt. In keinem Falle handelt es sich hier um einen Fehler, der in einem so schwerwiegenden Widerspruch zur geltenden Rechtsordnung und den ihr zugrunde liegenden Wertvorstellungen der Gemeinschaft steht, dass es unerträglich wäre, wenn die Baugenehmigung die mit ihr beabsichtigten Rechtswirkungen hätte.

Soweit die Kläger meinen, es handele sich dabei um einen Missbrauch rechtlicher

Gestaltungsmöglichkeiten, hat der Stadtrechtsausschuss im Widerspruchsbescheid in jeder Hinsicht zutreffend ausgeführt, dass die Ausnutzung rechtlicher Gestaltungsmöglichkeiten gerade kein Missbrauch und deshalb auch nicht verwerflich ist.

Die Baugenehmigung ist wegen der Bestimmung, dass der Abstand zwischen der Vorderkante der Dachgaube und der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand mindestens 10 cm betragen muss, auch nicht rechtswidrig. Eine Baugenehmigung ist wegen unterschiedlicher, unklarer oder widersprüchlicher Darstellungen in den genehmigten Plänen rechtswidrig und auf eine Nachbarklage hin aufzuheben, wenn (auch nur) eine der zugelassenen - und damit prinzipiell möglichen - Bauausführungen gegen nachbarschützende Vorschriften verstößt (vgl. OVG des Saarlandes, Urteil vom 03.05.1994 - 2 R 13/92 -, BRS 56 Nr. 104).

Das ist vorliegend nicht der Fall.

Ausweislich der Genehmigungsunterlagen hat die Beklagte die hier allein zu prüfende - Abstandsflächen zum Grundstück der Kläger (A1 und A2) wie folgt berechnet:

A1: (8,07 + 7,76 m) : 2 x 0,4 = 3,17 m, abgerundet 3,10 m

A2: (8,19 + 7,40 m) : 2 x 0,4 = 3,115 m, abgerundet 3,10 m

Da der Abstand zwischen dem Gebäude und der Grenze zum Grundstück der Kläger im Ergänzungslageplan einheitlich mit 3,20 m und im Plan Abstandsfläche auf der Westseite des Gebäudes mit 3,17 m, die durchgestrichen und mit 3,10 m überschrieben sind, und auf der Ostseite des Gebäudes mit 3,20 m angegeben ist, lässt diese Berechnung rechnerisch - keine Verletzung der Abstandsflächenbestimmungen zu. Auch die den Berechnungen zugrunde liegenden Maße sind von den Klägern nicht mit Erfolg rechtlich zu beanstanden.

Die Kläger beanstanden zu Unrecht die oberen und unteren Werte der Wandhöhe.

Der obere Wert war bei der Abstandsfläche A1 zunächst das obere Ende der Brüstungsmauer der dem Dach nach Westen hin vorgelagerten Terrasse im Dachgeschoss, deren Höhe in den genehmigten Plänen zunächst mit 251,62 m üNN angegeben war. Dieses Höhenmaß wurde durch die Auflage Nr. 3 dahingehend abgeändert, dass die Brüstungsmauer um mindestens 10 cm gegenüber der Höhenangabe der Abstandsflächenberechnung abzutragen ist. Daraus resultiert ein oberer Wert von (maximal) 251,52 m üNN. Für die Berechnung der Abstandsfläche A2 wurde als oberer Punkt der Wand auf den Schnittpunkt der südlichen Außenwand mit der Dachhaut abgestellt, der in den Plänen vermaßt mit + 252,05 m üNN angegeben ist. Dagegen ist von Rechts wegen nichts zu erinnern. Ausgehend von der Bestimmung in der Baugenehmigung, dass der Abstand zwischen der Vorderkante der Dachgaube und der Hinterkante der darunter liegenden Außenwand mindestens 10 cm betragen muss, ist die Außenwand der Gauben bei der Bestimmung der Wandhöhe außer Betracht zu lassen. Die Baugenehmigung lässt folglich keine Bauausführung zu, die insoweit gegen nachbarschützende Vorschriften des öffentlichen Baurechts verstößt.

Der untere Wert hat nach § 6 Abs. 4 Sätze 2und 4 LBO 1996 mit dem Höhenmaß der Geländeoberfläche und bei geneigter Geländeoberfläche vom Mittel auszugehen. Geländeoberfläche ist nach § 2 Abs. 5 LBO 1996 die sich aus den Festsetzungen einer städtebaulichen Satzung ergebende oder von der Bauaufsichtsbehörde festgelegte, im Übrigen die natürliche, an das Gebäude angrenzende Geländeoberfläche. Vorliegend geht es alleine um die Bestimmung der natürlichen, an das Gebäude angrenzende Geländeoberfläche. Dabei ist die Baugenehmigung in der Fassung vom 19.07.2000 von folgenden Werten ausgegangen:

A1: westlicher Fußpunkt: 243,55 m üNN

östlicher Fußpunkt: 243,86 m üNN

A2: westlicher Fußpunkt: 243,86 m üNN

östlicher Fußpunkt: 244,65 m üNN

Die Werte beruhen auf dem Lageplan und den Profilen 1 2 (ursprüngliches Gelände) vom 26.06.2000, die der öffentlich bestellte Vermessungsingenieur Dipl.-Ing. E. ausweislich der Legende „aufgrund amtlicher Unterlagen und eigener örtlicher Aufnahmen“ ermittelt hat. Die Werte in den beiden Plänen sind in sich stimmig und geben insbesondere mit Blick auf das Längs- und das Querprofil des Vorhabengrundstücks im Verhältnis zu den beiden Nachbargrundstücken ein geschlossenes Bild ab. Danach steigt das so ermittelte natürliche Gelände im Bereich der Nordgrenze des Grundstücks (= Profil 1) von 242,01 m üNN (Hangweg) nach 4,10 m auf 243,25 m üNN, nach 12,00 m auf 243,70 m üNN, nach 18 m auf 244,63 m üNN und nach 26,10 m auf 244,69 m üNN. Im Bereich der Südgrenze steigt das von Engler ermittelte natürliche Gelände (= Profil 2) von 242,63 m üNN (Hangweg) nach 3,00 m auf 243,48 m üNN, nach 6,60 m auf 243,88 m üNN, nach 15,50 m auf 244,64 m üNN, nach 22,90 m auf 244,86 m üNN und nach 24,40 m auf 245,81 m üNN.

Für die Südwestecke des Gebäudes hat Dipl.-Ing. E. eine Höhenlage von 243,57 m üNN und für die Südostecke des von 244,56 m üNN am Gebäude ermittelt. Das passt vom Querprofil her zusammen. In Höhe der der Straße zugewandten Westfront des Gebäudes beträgt die Höhenlage in den Plänen von Dipl.-Ing. E. an der Grenze zum Grundstück der Kläger 243,48 m üNN, an der vorderen rechten Hausecke 243,57 m üNN, an der vorderen linken Hausecke 243,98 und an der Grenze zum Grundstück Ries etwa 243,50 m üNN. In Höhe der Rückfront des Gebäudes beträgt die Höhenlage in den Plänen von Dipl.-Ing. E. an der Grenze zum Grundstück der Kläger etwa 244,76 m üNN, an der hinteren Hausecke zum Grundstück der Kläger 244,56 m üNN, an der hinteren Hausecke zum Grundstück R. 244,61 und an der Grenze zum Grundstück Ries etwa 244,68 m üNN. Das ist in sich stimmig und bietet keinen Ansatz für Zweifel an diesen Feststellungen der natürlichen Geländeoberfläche im Bereich der Hauswände.

Daraus resultieren die Wandhöhen für die Abstandflächen A1 (251,62 243,55 = 8,07 m; 251,62 243,86 = 7,69 m) und A2 (252,05 243,86 = 8,19 m; 252,05 244,65 = 7,4 m). Die mit der Baugenehmigung auf der Grundlage von § 7 Abs. 2 Nr. 2 LBO 1996 zugelassenen Aufschüttungen bis maximal 50 cm sind dabei auf die natürliche Geländeoberfläche gerechnet und beeinflussen die Berechnung der Abstandsfläche folglich nicht. Damit hält das zugelassene Bauvorhaben die Abstandsflächenbestimmungen ein. Weitere bauordnungsrechtliche Gesichtpunkte, aus denen die Baugenehmigung die öffentlich-rechtlich geschützten Nachbarrechte der Kläger verletzen könnten, sind weder dargetan noch sonst ersichtlich.

Die angegriffene Baugenehmigung verletzt die Kläger auch in bauplanungsrechtlicher Hinsicht nicht in ihren öffentlich-rechtlich geschützten Nachbarrechten. Bauplanungsrechtlich beurteilt sich die Zulässigkeit eines Vorhabens und damit auch die Abwehrmöglichkeit des Nachbarn - wie sonst auch - nach den für das Baugrundstück geltenden Rechtsnormen (BVerwG, Urteil vom 28.10. 1993 - 4 C 5.93 -, BRS 55 Nr. 168 = NVwZ 1994, 686).

In diesem Zusammenhang kann letztlich dahinstehen, ob sich das Vorhabengrundstück bauplanungsrechtlich im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplanes oder aber im nicht beplanten Innenbereich der Landeshauptstadt Saarbrücken befindet und deshalb entweder § 30 BauGB oder aber § 34 BauGB einschlägig sind.

Sollte der ausweislich der Legende vom Gemeinderat der Gemeinde B. am 07.12.1965 gemäß § 10 BBauG als Satzung beschlossene, am 12.04.1966 vom Minister für öffentliche Arbeiten und Wohnungsbau genehmigte und am 13.05.1966 durch öffentliche Auslegung gemäß § 12 BBauG ortsüblich bekannt gemachte Bebauungsplan wirksam sein, entspräche das von der Beklagten zugelassene Vorhaben dessen Festsetzungen hinsichtlich der Art der baulichen Nutzung (Reines Wohngebiet), der Anzahl der überbaubaren Grundstücksfläche, der Vollgeschosse, der Grundflächenzahl (0,4) und der Geschossflächenzahl (0,7).

Im Baunachbarstreit gewährt die Art der baulichen Nutzung dem Nachbarn ein subjektives Abwehrrecht gegenüber nicht gebietsverträglichen Nutzungen (BVerwG, Urteil vom

16.9.1993 -4 C 28.91-, BVerwGE 94, 151 = Buchholz 406.19 Nachbarschutz Nr. 118 = DVBl. 1994, 284 = DÖV 1994, 263 = BauR 1994, 223 = NJW 1994, 1546 = BRS 55 Nr. 110; daran anschließend: OVG des Saarlandes, Urteil vom 30.08.1994 - 2 R 8/94 -, BRS 56 Nr. 121, und Beschluss vom 12.04.1999 -2 W 1/99-.). Dieser über das Rücksichtnahmegebot hinausgehende Gebietsgewährleistungsanspruch ist darauf gerichtet, Nutzungen abwehren zu können, die mit der Eigenart des Baugebiets nicht verträglich sind. Demgegenüber haben Festsetzungen in Bebauungsplänen über das Maß der baulichen Nutzung nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts grundsätzlich keine nachbarschützende Funktion (Urteil vom 23.06.1995 -4 B 52.95- DVBl. 1995, 1025 = NJW 1996, 1075 = BRS 57 Nr. 209). Nachbarschutz vermitteln sie nur dann, wenn sich aus dem Bebauungsplan selbst oder seiner Begründung ein dahingehender Rechtssetzungswille der plangebenden Gemeinde im Einzelfall hinreichend sicher erkennen lässt (OVG des Saarlandes, Beschluss vom 03.07.1995 -2 W 28/95- und Urteil vom 29.03.1994 -2 R 24/93-). Lässt sich ein solcher Wille nicht feststellen, kann eine Überschreitung des Maßes der baulichen Nutzung nur dann vom Nachbarn abgewehrt werden, wenn sich dieses dem Nachbarn gegenüber nach den Grundsätzen des Rücksichtnahmegebotes als rücksichtslos und deshalb nicht mehr hinzunehmen darstellt.

Vorliegend gewährt die Art der baulichen Nutzung den Klägern kein subjektives Abwehrrecht, weil der Beigeladenen eine Baugenehmigung für ein Wohnhaus erteilt wurde und Wohnnutzung bauplanungsrechtlich kein Konfliktpotential gegenüber Wohnnutzung enthält. Der Gebietsgewährleistungsanspruch ist allein darauf gerichtet, Nutzungen abwehren zu können, die mit der Eigenart des Baugebiets nicht verträglich sind. Der Sinn und Zweck der Zulassung unterschiedlicher Nutzungsarten in den verschiedenen Baugebieten besteht nämlich darin, Konflikte widerstreitender Nutzungsarten durch eine Verweisung in ein anderes Baugebiet zu lösen. Ein solcher Widerspruch besteht vorliegend indes nicht, weil Wohnnutzung auf Wohnnutzung trifft. Eine bessere Verträglichkeit als von gleichartigen Nutzungen gibt es nicht. Daher wird der Gebietserhaltungsanspruch durch die erteilten Baugenehmigungen nicht verletzt.

Keine andere Beurteilung ergäbe sich, wenn es dem Bebauungsplan an Rechtswirksamkeit fehlte. Dann wäre das Vorhaben innerhalb des Bebauungszusammenhangs von B-Stadt, Ortsteil B., bauplanungsrechtlich nach § 34 BauGB zu beurteilen.

Nach § 34 Abs. 1 BauGB ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist.

Nach § 34 Abs. 2 BauGB beurteilt sich die Zulässigkeit des Vorhabens, wenn die Eigenart der näheren Umgebung einem der Baugebiete entspricht, die in der auf Grund des § 9a BauGB erlassenen Verordnung bezeichnet sind, nach Art seiner baulichen Nutzung allein danach, ob es nach der Verordnung in dem Baugebiet allgemein zulässig wäre. Da wie ausgeführt Wohnnutzung auf Wohnnutzung trifft, ergibt sich auch im Falle der Unwirksamkeit des Bebauungsplans kein nachbarlicher Abwehranspruch im Hinblick auf die Art der baulichen Nutzung.

Weiterhin bietet das Maß der baulichen Nutzung keinen Ansatzpunkt für einen Abwehranspruch der Kläger. Sollte der Bebauungsplan wirksam sei, scheiterte es an einem nachbarlichen Abwehranspruch bereits daran, dass die Planvorgaben zum Maß der baulichen Nutzung eingehalten sind. Nichts anderes ergäbe sich im Falle der Unwirksamkeit des Bebauungsplans.

Eine Überschreitung des Maßes der baulichen Nutzung kann im unbeplanten Innenbereich nur dann vom Nachbarn abgewehrt werden, wenn sich dieses dem Nachbarn gegenüber nach den Grundsätzen des Rücksichtnahmegebotes als rücksichtslos und deshalb nicht mehr hinzunehmen darstellt. Wie oben ausgeführt haben Festsetzungen in Bebauungsplänen über das Maß der baulichen Nutzung der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts grundsätzlich keine nachbarschützende Funktion (Urteil vom 23.06.1995 -4 B 52.95- DVBl. 1995, 1025 = NJW 1996, 1075 = BRS 57 Nr. 209). Nachbarschutz vermitteln sie nur dann, wenn sich aus dem Bebauungsplan selbst oder seiner Begründung ein dahingehender Rechtssetzungswille der plangebenden Gemeinde im Einzelfall hinreichend sicher erkennen lässt (OVG des Saarlandes, Beschluss vom

03.07.1995 -2 W 28/95- und Urteil vom 29.03.1994 -2 R 24/93-). Hierzu sind Anhaltspunkte weder vorgetragen noch sonst ersichtlich. Existiert indes kein Bebauungsplan, bleibt es beim Grundsatz, dass ein Überschreiten des Maßes der baulichen Nutzung nur im Falle der Rücksichtslosigkeit nachbarrechtliche Abwehrrechte auslöst.

Das Rücksichtnahmegebot ist keine allgemeine Härteklausel, die über den speziellen Vorschriften des Städtebaurechts oder gar des gesamten öffentlichen Baurechts steht, sondern Bestandteil einzelner gesetzlicher Vorschriften des Baurechts. Im Bebauungsplangebiet ist das Rücksichtnahmegebot Ausfluss von § 15 BauNVO, im unbeplanten Innenbereich ist es im Begriff des Einfügens in die Eigenart der näheren Umgebung in § 34 Abs. 1 BauGB verankert. Nach Letzterem hat sich ein Vorhaben nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einzufügen. Ein Vorhaben, das in Übereinstimmung mit städtebaulichen Vorgaben steht, kann nur ganz ausnahmsweise an den Anforderungen des Rücksichtnahmegebotes scheitern (vgl. etwa OVG des Saarlandes, Beschluss vom 23.7.2003 1 Q 51/03 m.w.N.; zum Rücksichtnahmegebot eingehend: etwa BVerwG, Beschluss vom 14.2.1994 4 B 152/93 -, BRS 56, Nr. 165).

Das von der Beklagten mit der angegriffenen Baugenehmigung zugelassene Bauwerk ist den Klägern gegenüber nicht rücksichtslos.

Das Gebot der Rücksichtnahme soll einen angemessenen Interessenausgleich gewähren. Die dabei vorzunehmende Abwägung hat sich daran zu orientieren, was dem Rücksichtnahmebegünstigten und dem Rücksichtnahmeverpflichteten jeweils nach Lage der Dinge zuzumuten ist. Je empfindlicher und schutzwürdiger die Stellung des Rücksichtnahmebegünstigten ist, desto mehr kann er an Rücksichtnahme verlangen. Je verständlicher und unabweisbarer die mit dem Vorhaben verfolgten Interessen sind, umso weniger braucht derjenige, der das Vorhaben verwirklichen will, Rücksicht zu nehmen. Berechtigte Belange muss er nicht zurückstellen, um gleichwertige fremde Belange zu schonen. Der begünstigte Dritte muss es hinnehmen, dass Beeinträchtigungen, die von einem legal genutzten vorhandenen Bestand ausgehen, bei der Interessenabwägung als Vorbelastung berücksichtigt werden, die seine Schutzwürdigkeit mindern kann (BVerwG, Urteil vom 14.01.1993 -4 C 19.90-, BRS 55 Nr. 175 m.w.N.).

Auf dieser Grundlage steht den Klägern ist im Hinblick auf das Maß der genehmigten baulichen Nutzung kein Abwehranspruch zu. Geht man von der Wirksamkeit des Bebauungsplanes aus, hält das genehmigte Gebäude wie bereits ausgeführt - dessen Vorgaben zum Maß der baulichen Nutzung ein. Das lässt eine Verletzung des Gebotes der Rücksichtnahme in jeder Hinsicht fern liegend erscheinen.

Geht man von der Unwirksamkeit des Bebauungsplans aus, ergibt sich im Ergebnis keine andere Beurteilung.

Was die sich aus der Verwirklichung einer bestimmten Baumasse ergebende räumliche Wirkung eines Baukörpers auf die Nachbargrundstücke angeht, so ist insoweit Nachbarschutz auf der Grundlage des in § 34 Abs. 1 BauGB enthaltenen Rücksichtnahmegebotes zwar nicht schlechthin ausgeschlossen, wenn die landesrechtlichen Abstandsflächen eingehalten sind. Allerdings dürfte die bisherige Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts jedenfalls im Ergebnis mit der Modifikation grundsätzlich richtig bleiben, dass zumindest aus tatsächlichen Gründen das Rücksichtnahmegebot im Regelfall nicht verletzt sein wird, wenn die Abstandsvorschriften eingehalten sind (BVerwG, Beschluss vom 11.1.1999 - 4 B 128.98 –, Buchholz 406.19 Nachbarschutz Nr. 159 = NVwZ 1999, 879 = DVBl 1999, 786 = DÖV 1999, 558 = BauR 1999, 615 mit weiteren Nachweise; vgl. zum Verhältnis des Rücksichtnahmegebotes zu den bauordnungsrechtlichen Abstandsflächenvorschriften auch: Mampel, Drittschutz durch das bauplanungsrechtliche Gebot der Rücksichtnahme - Aus dem Irrgarten in den Ziergarten -, DVBl 2000, 1830).

Dabei kann von einer erdrückenden Wirkung nicht schon dann ausgegangen werden, wenn ein Neubau höher wird als ein benachbartes vorhandenes Bauwerk (BVerwG, Beschluss vom 20.09.1984 - 4 B 181.84 -, DVBl 1985, 122: keine erdrückende Wirkung bei einem Grenzabstand von 8 m und einem Höhenunterschied von 2,20 m; bejaht bei einem 12geschossigen Neubau 15 m von einem 2geschossigen Nachbarwohnhaus entfernt:

BVerwG, Urteil vom 13.03.1981- 4 C 1.78 -, BRS 38 Nr. 186).

Bei Anlegung dieser Maßstäbe und unter dem Eindruck der Ortsbesichtigung wirkt das genehmigte Vorhaben auf das Grundstück der Kläger nicht in diesem Sinne erdrückend und zwar weder mit Blick auf die Höhe noch die Breite des Wohnhauses.

Folglich ist die Klage insgesamt abzuweisen.

Die Kostenfolge ergibt sich aus den §§ 154 Abs. 1, 159 VwGO, 100 ZPO.

Bei dieser Kostengrundentscheidung bedarf es keines Ausspruches über Notwendigkeit der Hinzuziehung der Bevollmächtigten der Kläger im Vorverfahren 162 Abs. 2 Satz 2 VwGO).

Die außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen sind den Klägern gemäß § 162 Abs. 3 VwGO aufzuerlegen, weil die Beigeladene in der Sache einen förmlichen Antrag gestellt hat und damit ihrerseits das Risiko eingegangen ist, auf der Grundlage von § 154 Abs. 3 VwGO an den Kosten des Verfahrens beteiligt zu werden.

Die Berufung wird nicht gemäß § 124 a Abs. 1 VwGO zugelassen.

Der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO in Verbindung mit den §§ 708 Nr. 11, 711 ZPO.

Die Festsetzung des Streitwerts ergibt sich aus § 52 Abs. 2 i.V.m. § 63 Abs. 2 GKG.

VG Saarlouis: arbeitskraft, hausarzt, verfügung, erhöhter beweiswert, diagnose, disziplinarverfahren, intervention, unverzüglich, anstaltsleitung, unterlassen

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VG Saarlouis: jagdhütte, nutzungsänderung, bauwerk, standort des gebäudes, forsthütte, verordnung, bewirtschaftung, bauherr, ernte, gemeinde

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Anmerkungen zum Urteil