Urteil des VG Minden vom 29.06.2005, 4 K 1947/04.A

Entschieden
29.06.2005
Schlagworte
Politische verfolgung, Russische föderation, Staatliche verfolgung, Anerkennung, Bundesamt, Auskunft, Ausländer, Registrierung, Wahrscheinlichkeit, Rasse
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Verwaltungsgericht Minden, 4 K 1947/04.A

Datum: 29.06.2005

Gericht: Verwaltungsgericht Minden

Spruchkörper: 4. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 4 K 1947/04.A

Tenor: Der Bescheid des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vom 10.5.2004 zu Nr. 2 wird aufgehoben, soweit dort festgestellt wird, dass die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 des Ausländergesetzes für die Beigeladenen hinsichtlich der Russischen Föderation vorliegen. Die Kosten des Verfahrens, für das Gerichtskosten nicht erhoben werden, trägt die Beklagte. Die außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen sind nicht erstattungsfähig.

Tatbestand: 1

2Die Beigeladene zu 1. ist russische Staatsangehörige tschetschenischer Volkszugehörigkeit. Sie ist die Ehefrau des Beigeladenen M. N. im Klageverfahren 4 K 1945/04.A und reiste zusammen mit ihm und ihrer minderjährigen Tochter, der Beigeladenen zu 2., im September 2003 auf dem Landweg in die Bundesrepublik Deutschland ein. Die Beigeladenen beantragten beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (Bundesamt) die Anerkennung als Asylberechtigte.

3Bei der Vorprüfung durch das Bundesamt am 10.9.2003 erklärte die Beigeladene zu 1. u.a., sie stamme aus H. in Tschetschenien. Die Lage dort sei sehr gefährlich gewesen. Russische Soldaten hätten oft nach ihrem Ehemann gefragt. Zuletzt habe sie sogar lügen und sagen müssen, dass er nicht mehr am Leben sei. Probleme mit den russischen Behörden habe sie nur wegen ihres Ehemannes gehabt.

4Durch Bescheid des Bundesamtes vom 10.5.2004 wurde die Anerkennung als Asylberechtigte abgelehnt, es wurden aber die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 des Ausländergesetzes (AuslG) für die Beigeladenen hinsichtlich der Russischen Föderation festgestellt.

Der Kläger hat daraufhin am 28.5.2004 die vorliegende Klage erhoben. 5

Er trägt u.a. vor, es sei nach dem Vorbringen der Beigeladenen zu 1. für den Fall der Rückkehr in die Russische Föderation eine Verfolgungssituation nicht mit der nötigen Wahrscheinlichkeit anzunehmen, da keine überzeugenden Hinweise dafür vorliegen würden, dass tatsächlich nach dem Lebensgefährten der Beigeladenen zu 1. landesweit gesucht würde. Im Übrigen stehe den Beigeladenen in der Russischen Föderation eine 6

Fluchtalternative offen.

Der Kläger beantragt, 7

8den Bescheid des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vom 10.5.2004 aufzuheben, soweit die Feststellung gemäß § 51 Abs. 1 AuslG getroffen worden ist.

Die Beklagte und die Beigeladenen beantragen, 9

die Klage abzuweisen. 10

11Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird Bezug genommen auf die Akten, die Akten des Verfahrens 4 K 1945/04.A, die Verwaltungsvorgänge des Bundesamtes und die in den Generalakten befindlichen gerichtlichen Entscheidungen, Auskünfte des Auswärtigen Amtes, gutachtlichen Stellungnahmen und Presseberichte zur Lage in der Russischen Föderation, die Gegenstand der mündlichen Verhandlung waren.

Entscheidungsgründe: 12

Die Klage ist zulässig und begründet. 13

Der Bescheid des Bundesamtes vom 10.5.2004 zu Nr. 2 (Feststellung der Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG) ist rechtswidrig und verletzt den Kläger in seinen Rechten 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO).

15Die Beklagte hat für die Beigeladenen zu Unrecht die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG hinsichtlich der Russischen Föderation festgestellt. Nach dieser Vorschrift darf ein Ausländer nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist. Das ist der Fall, wenn sich aus bestimmten tatsächlichen Gegebenheiten nach verständiger und objektiver Würdigung der Umstände des Einzelfalles der Schluss aufdrängt, dass dem Ausländer bei Rückkehr in sein Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Verfolgungsmaßnahmen drohen.

16BVerwG, Urteil vom 24.04.1979 - 1 C 49.77 -, Die Öffentliche Verwaltung (DÖV) 1979, S. 827.

17Dabei muss es sich um eine gegenwärtige und nachhaltige Verfolgung handeln, die dem Ausländer im gesamten Heimatstaatsgebiet droht und dem Staat unmittelbar oder mittelbar zugerechnet werden kann. Die Verfolgung muss grundsätzlich auf einem verantwortlichen Verhalten des Staates beruhen; sie ist eine Erscheinungsform von "Staatsunrecht".

18Vgl. OVG NW, Beschluss vom 05.02.1981 - 18 A 10072/80 -, n.v. sowie Schütz, DÖV 1980, S. 35 ff. m.w.N.

19

Danach liegen die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG in der Person der Beigeladenen nicht vor, denn durch ihren Vortrag haben sie nicht glaubhaft gemacht, 14

dass sie vor der Ausreise aus der Russischen Föderation politisch verfolgt worden sind und dass ihnen bei Rückkehr dorthin erneut politische Verfolgung droht.

20Die Beigeladenen mussten und müssen keine Sippenhaft wegen ihres Ehemanns und Vaters befürchten, denn Sippenhaft wird in der Russischen Föderation nicht praktiziert.

21Vgl. Auskunft des Auswärtigen Amtes vom 12.8.2003 an das Verwaltungsgericht Minden.

22Ob die von der Beigeladenen zu 1. in der mündlichen Verhandlung geschilderten beiden Säuberungen durch russische Soldaten, die sie miterlebt haben will, bereits eine politische Verfolgung bedeuteten, erscheint fraglich, denn sie dauerten nur kurze Zeit und die Beigeladene zu 1. hat nicht davon berichtet, dass sie misshandelt oder festgenommen wurde.

23Aber selbst wenn es sich insoweit um eine politische Verfolgung gehandelt haben sollte, ist festzustellen, dass die Beigeladene zu 1. nur von regionaler politischer Verfolgung betroffen war und daher keine politisch Verfolgte im Sinne der asylrechtlichen Gewährleistung des Grundgesetzes ist. Sie wurde durch das Miterleben der Säuberungen nicht landesweit in eine ausweglose Lage versetzt. Ihr standen vielmehr in anderen Teilen der Russischen Föderation Fluchtalternativen offen, in denen sie vor erneuter politischer Verfolgung hinreichend sicher war.

Vgl. BVerwG, Urteil vom 10.5.1994 - 9 C 434/93 -, NVwZ 1994, 1123 ff. 24

25Zwar ist in den von russischen Truppen kontrollierten Gebieten Tschetscheniens eine hinreichende Sicherheit der Zivilbevölkerung nicht gegeben. In anderen Gebieten der Russischen Föderation findet aber eine unmittelbare oder mittelbare staatliche Verfolgung bestimmter Personen(Gruppen) wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder politischen Überzeugung nicht (mehr) statt.

26Die russische Verfassung, die eine Demokratie präsidialen Zuschnitts begründete, enthält ein umfassendes Diskriminierungsverbot (Art. 2) und garantiert die klassischen Menschen- und Freiheitsrechte, u. a. die Religionsfreiheit (Art. 28) und die Meinungsfreiheit (Art. 29). Die Achtung dieser Grundrechte ist in der Praxis zumeist gewährleistet; allerdings ist die Kluft zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit unübersehbar. Weltanschauliche Neutralität des Staates und politischer Pluralismus haben ein Klima geschaffen, in dem politische und religiöse Bekenntnisse und Betätigungen im Regelfall keinen Beschränkungen unterworfen sind. Politische Gruppierungen, Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen können sich in der Russischen Föderation betätigen und artikulieren. Die Betätigungsmöglichkeiten für die politische Opposition sind grundsätzlich nicht eingeschränkt.

27Eine rassisch diskriminierende Gesetzgebung gibt es nicht. In der Praxis werden jedoch kaukasische oder mittelasiatische Minderheiten in überwiegend russisch besiedelten Gebieten der Russischen Föderation faktisch benachteiligt, z. B. durch häufigere Personenkontrollen in Moskau und durch administrative Schwierigkeiten insbesondere beim Zuzug. Gelegentliche Übergriffe von Seiten Dritter sind dem Staat weder unmittelbar noch mittelbar zuzurechnen; sie wurden mehrmals vom Präsidenten öffentlich verurteilt.

28Vgl. Lageberichte Russische Föderation des Auswärtigen Amtes vom 22.05.2000 und 28.08.2001.

29Art. 27 der russischen Verfassung garantiert jedem, der sich legal auf dem Territorium der Russischen Föderation aufhält, Freizügigkeit und die freie Wahl des Wohnortes. Dieses Recht ist in der Praxis allenfalls dadurch eingeschränkt, dass eine Pflicht zur Registrierung bei der Wohnsitznahme besteht. Registrierungen sind mit den früher bei Wohnsitznahmen erforderlichen Erlaubnissen nicht vergleichbar; sie können jedoch in den Großstädten wie Moskau und St. Petersburg recht teuer sein und stellen daher de facto für viele Flüchtlinge ein Zuzugshindernis dar. Dennoch halten sich selbst in Moskau Zehntausende von Flüchtlingen kaukasischer Herkunft (u.a. Tschetschenen) auf, und zwar illegal ohne Registrierung. Dies ist wegen der nur eingeschränkten Überwachungsmöglichkeiten in der Stadt Moskau nicht sonderlich schwierig; ferner lassen sich Probleme mit den Sicherheitsbehörden durch Zahlung von Bestechungsgeldern üblicherweise vermeiden. Das Institut der "Propiska" (Zuzugsgenehmigung) ist abgeschafft.

Vgl. Auskunft des Auswärtigen Amtes vom 27.08.1998 an das VG Weimar. 30

Außerhalb der großen Ballungsgebiete Moskau und St. Petersburg ist es für Flüchtlinge einfacher, Wohnraum zu erhalten. 31

Vgl. Auskunft des Auswärtigen Amtes vom 23.11.2000 an das VG Schleswig. 32

33Flüchtlinge aus Tschetschenien beispielsweise finden in großer Zahl Aufnahme in den an Tschetschenien angrenzenden Landesteilen, vornehmlich in Dagestan und Inguschetien.

Vgl. Lagebericht Russische Föderation des Auswärtigen Amtes vom 28.08.2001. 34

35Prinzipiell können Tschetschenen damit wie die übrigen Bürger der Russischen Föderation in jeweils anderen Gebieten des Landes zuziehen. So leben z. B. ca. 100.000 Tschetschenen in Moskau bzw. ca. 50.000 Tschetschenen in der Wolgaregion. Eingeschränkt wird dieser Zuzug allerdings durch die allgemeinen Zuzugsbeschränkungen in den großen Städten und das Registrierungssystem, zunehmende Ressentiments in der Bevölkerung gegen Menschen kaukasischen Aussehens sowie, in der Tendenz, ebenfalls zunehmendes benachteiligendes bis diskriminierendes Verhalten der Sicherheitskräfte und Behörden.

Auskunft des Auswärtigen Amtes vom 11.1.2003 an das Bundesamt. 36

37Die Sicherung der materiellen Existenz ist wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage in der Russischen Föderation zwar mit Schwierigkeiten verbunden, das Vorhandensein großer Gruppen von Tschetschenen in Moskau und in der Wolgaregion zeigt aber, dass für Tschetschenen auch außerhalb ihrer engeren Heimat in der Russischen Föderation die Möglichkeit besteht, sich eine materielle Lebensgrundlage zu schaffen.

38Der Begründetheit der Klage steht schließlich auch § 26 Abs. 4 AsylVfG nicht entgegen, der bestimmt, dass für den Ehegatten und die Kinder eines Ausländers, für den unanfechtbar das Vorliegen der Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes (AufenthG) festgestellt worden ist, auf Antrag ebenfalls

festzustellen ist, dass die Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG vorliegen. Im Rahmen des vorliegenden Verfahrens, dessen Gegenstand eine Anfechtungsklage gegen einen Teil des Bescheides des Bundesamtes vom 10.5.2004 ist, kann eine Entscheidung hierzu nicht getroffen werden. Eine solche Entscheidung setzte eine Verpflichtungsklage der Beigeladenen gegen die Beklagte voraus, die bisher nicht erhoben worden ist und auch nicht in den Klageabweisungsantrag der Beigeladenen hineingelesen werden kann.

39Nicht zu prüfen war das Vorliegen der Voraussetzungen des § 60 Abs. 7 AufenthG, denn Streitgegenstand ist nur das Vorliegen der Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG in der Person der Beigeladenen. Eine Abschiebungsanordnung gegenüber den Beigeladenen, die eine Prüfung der Voraussetzungen des § 60 Abs. 7 AufenthG erforderlich machte, existiert gegenwärtig nicht.

40Da das Bundesamt danach hinsichtlich der Russischen Föderation zu Unrecht die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG in der Person der Beigeladenen festgestellt hat, ist der Kläger auch in seinen Rechten verletzt (§§ 87 b, 6 AsylVfG).

41Der Bescheid vom 10.5.2004 war daher in seiner Nr. 2 bezüglich der Beigeladenen mit der Kostenfolge aus §§ 154 Abs. 1, 162 Abs. 3 VwGO, § 83 b AsylVfG aufzuheben.

VG Minden: aufschiebende wirkung, wiederherstellung des früheren zustandes, grundstück, wahrscheinlichkeit, eingriff, entwässerung, witterung, gefährdung, vwvg, bach

1 L 1436/02 vom 21.03.2003

VG Minden: grundstück, stadt, satzung, abgrenzung, bestimmtheit, bemessungsgrundlage, winterdienst, mindestabstand, eigentümer, ausdehnung

5 K 5579/03 vom 14.01.2005

VG Minden: bundesamt für migration, anerkennung, ausländer, veranstaltung, rücknahme, leiter, ausnahme, gefahr, gerichtsakte, asylverfahren

8 K 1454/04.A vom 15.04.2005

Anmerkungen zum Urteil