Urteil des VG Köln vom 25.11.2009, 26 K 3768/08

Aktenzeichen: 26 K 3768/08

VG Köln (schule, behinderung, eltern, gesellschaft, leben, jugendamt, privatschule, gesundheit, verhältnis zu, wahrscheinlichkeit)

Verwaltungsgericht Köln, 26 K 3768/08

Datum: 25.11.2009

Gericht: Verwaltungsgericht Köln

Spruchkörper: 26. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 26 K 3768/08

Tenor: Die Beklagte wird unter Aufhebung ihres Bescheides vom 26.05.2008 verpflichtet, der Klägerin Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII zur Erlangung einer angemessenen Schulbildung durch Übernahme der Kosten der Beschulung der Klägerin durch die HEBO-Privatschule in Bonn für die Zeit vom 02.03.2008 bis zum Ende des Schuljahres 2009/2010 zu gewähren.

Die Beklagte trägt die Kosten des gerichtskostenfreien Verfahrens.

Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten vorläufig vollstreckbar. Der Beklagten wird nachgelassen, die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung in Höhe des beizutreibenden Betrages abzuwenden, wenn nicht die Klägerin zuvor Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

T a t b e s t a n d 1

2Der Vater der am 00.00.0000 geborenen Klägerin meldete sich am 02.03.2008 bei dem Jugendamt der Beklagten und teilte mit, er stelle einen mündlichen Antrag auf Hilfe nach § 35a SGB VIII für die Klägerin. Die Klägerin befinde sich seit einem Jahr auf der HEBO- Schule in Bad Godesberg. Er finde diese Schule gut, weil dort kleine Klassen seien und sich intensiv um die Kinder gekümmert werde. Vor einiger Zeit hätten sich die Noten der Klägerin verschlechtert und die Schulpsychologin der Schule habe zu einer Prüfung beim Facharzt geraten. Der Facharzt habe nun eine ADHS festgestellt. Die Klägerin erhalte Medikamente und die Leistungen hätten sich schon wieder verbessert. Man habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die HEBO-Schule eine anerkannte Schule für ADHS-Kinder sei und darum stelle er nun einen Antrag auf Übernahme der Schulkosten. Der Kläger wurde im Rahmen dieses Gesprächs darauf aufmerksam gemacht, dass die Kosten der Schule nicht rückwirkend bezahlt würden. Erst wenn die Hilfe als geeignet angesehen und vom Jugendamt bewilligt werde, werde ab dem Antragsdatum gezahlt. Er müsse verschiedene Unterlagen zusenden. Dem Vater der Klägerin wurde in diesem Telefongespräch bestätigt, das mündliche Antragsdatum (02.03.2008) gelte, wenn die Hilfe bewilligt werde.

3Mit Schreiben vom 03.03.2008 bat die Beklagte von den Eltern der Klägerin unter anderem die Vorlage der bisherigen Schulzeugnisse sowie Unterlagen zu der Frage, ob die seelische Gesundheit der Klägerin längere Zeit abweichend sei vom typischen lebensaltersmäßigen Zustand. Akzeptiert würden Stellungnahmen, sofern sie von einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und- Psychotherapie, einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder einem Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten, der über besondere Erfahrungen auf dem Gebiet seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen verfüge, erstellt würden.

4Eingehend bei der Beklagten am 17.04.2008 beantragten die Eltern der Klägerin schriftlich Eingliederungshilfe für seelisch Behinderte 35a SGB VIII). Diesem Antragsschreiben fügten sie bei eine ärztliche Stellungnahme der Kinder- und Jugendärztin B. Zierath-Wahl vom 13.04.2008. In dieser Stellungnahme heißt es, die Klägerin besuche seit 2007 die HEBO-Schule, da ihre Leistungen in der vorher besuchten Hauptschule nicht ihren kognitiven Fähigkeiten entsprochen und daher massivste Motivationsprobleme mit Leistungsversagen bestanden hätten. Die Klägerin sei in der HEBO-Schule von der ehemaligen Leiterin des schulpsychologischen Dienstes getestet worden und es sei ihr dringend geraten worden sich bei ihr - Frau B. Zierath-Wahl - wegen des Verdachts auf introvertiertes ADS vorzustellen. Frau B. Zierath-Wahl gelangte zu der Diagnose: "Die Diagnose ADHS konnte ich den Leitlinien entsprechend stellen. Die Kernsymptomatik mit Ausbildung zunehmenden negativen Selbstwertgefühls, depressiven Episoden und nachgewiesenen Ängsten ist zu diagnostizieren." In der Beurteilung lautet es: "Elena leidet an der neuropsychiatrischen ADS mit sich daraus entwickelnder Sekundärsymptomatik seit Kleinkindalter. Ihre seelische Gesundheit weicht länger als 6 Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand ab. Eine Beeinträchtigung ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ist nach fachlicher Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Das Vorhandensein einer psychischen Störung (ADS) mit Sek.-Symptomatik und TLS (Dyskalkulie) mit einer sich zwingend daraus ergebenden Sozialintegrationsstörung beeinträchtigen ihre seelische Gesundheit mit Krankheitswert. Hier ist eine Besserung durch Medikation plus begabungsadäquater Beschulung mit störungsbildkompetentem Lehrpersonal, kleinen Gruppen, engster zeitlicher Zusammenarbeit mit dem Team Lehrer/Arzt/Psychologen ausschlaggebend, dies ist in der HEBO-Schule gesichert." Mit dem schriftlichen Antrag legten die Eltern der Klägerin auch die geforderten Schulzeugnisse der Klägerin vor. Insoweit wird auf Bl. 19 ff. des Verwaltungsvorgangs verwiesen. Mitarbeiter der Beklagten machten am 06.05.2008 einen Hausbesuch bei der Familie der Klägerin. Anlässlich dieses Hausbesuchs wurde in einem zeitlichen Umfang von einer Stunde eine Anamnese erstellt. Insoweit wird auf das Protokoll vom 06.05.2008 verwiesen. Auszugsweise lautet es hier: "Nach Beendigung des Gesprächs mit den Kindeseltern wurde mit Elena alleine gesprochen. Angetroffen wurde eine freundliche, zugängliche, hübsche Jugendliche. Hinsichtlich ihrer Schulsituation erklärte Elena, dass sie sich seit Februar 2007 auf der HEBO-Schule befinde. In den anderen Schulen fand sie es stets sehr laut und dieses störte sie in ihrer Konzentration wobei es in der HEBO-Schule auch nicht so leise ist. In der Schule kann sie Essen, hat Pausen und kann dort auch lernen. Hier liegen Silentiumstunden in der Schule an, in denen auch die Hausaufgaben gemacht werden können. Als Interessen gibt sie an, dass sie auch gerne ins Theater geht. Sie hat einen festen Freundeskreis und auch eine feste Freundin. Bis heute hat sie immer Leichtathletik im ADV gemacht. Elena überlegt etwas anderes zu machen und möchte sich, möglicherweise im TV Eiche, neu orientieren in Richtung Hip-Hop.... Elena gab ebenfalls an, dass sie sich erst seit Einnahme der Medikamente besser konzentrieren kann. Früher habe sie sich nur ein paar Minuten konzentrieren können

und somit sehr viel versäumt und Probleme gehabt. Erst durch die Medikamenteneinnahme ging es ihr eindeutig besser. In der Zusammenfassung dieses Protokolls lautet es: "Trotz der geringen Freizeitmöglichkeiten wird bei Elena deutlich, dass sie immer in die Gesellschaft integriert gewesen ist. Sie ist ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft, welches gemocht und anerkannt wird und somit eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hat. Egal, ob sie eine Teilleistungsschwäche hat oder nicht. Aus den gemachten Angaben und dem persönlich gewonnen Eindruck entsteht hier die Wahrnehmung, dass hier die Übernahme der Kosten auf der HEBO-Schule aufgrund einer seelischen Behinderung, die eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hervorruft nicht gegeben ist."

5Mit Bescheid vom 26.05.2008 lehnte die Beklagte den Antrag auf Gewährung von Eingliederungshilfe gemäß § 35 a SGB VIII ab. Eine seelische Behinderung liege bei der Klägerin nicht vor. Sie sei auch nicht von einer seelischen Behinderung bedroht. Ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft sei nicht beeinträchtigt. In der Begründung gibt die Beklagte ferner an, aufgrund der Verschlechterung der Leistungen sei "auf Hinweis der Schulpsychologin der HEBO-Schule durch die Kinder- und Jugendärztin Frau Zierath-Wahl eine Untersuchung erfolgt".

Die Klägerin hat am 03.06.2008 Klage erhoben. 6

7Zur Begründung trägt sie vor, sie leide an dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS). Diese Symptomatik habe sich bereits im Grundschulalter gezeigt. Dies habe zur Wiederholung der 2. Klasse geführt. Das Jugendamt, dem von den Eltern der Befund der Kinderärztin Zierath-Wahl vom 13.04.2008 vorgelegt worden sei, sei seiner Verpflichtung nach § 35 a Abs. 1 a SGB VIII nicht nachgekommen und habe nicht das vom Gesetzgeber geforderte fachärztliche Gutachten auf der Basis des Multiaxialen Klassifikationsschemas eingeholt. Gleichwohl glaube das Jugendamt den medizinischen Befund aus eigener Anschauung aufgrund eines Hausbesuchs am 06.05.2008 beurteilen zu können und führe im angefochtenen Bescheid nach der Darstellung der Diagnose aus: "In meinem Gespräch mit Ihnen am 06.05.2008 konnte ich einen anderen Eindruck gewinnen." Die Darstellung des Gesprächs bei dem Hausbesuch weiche auch erheblich vom tatsächlichen Verlauf dieses Gesprächs ab. Insbesondere die Aussage, die Klägerin habe an der Stefan-Andres-Schule in Unkel Freunde gehabt die u.a. zur Ablehnung des Tatbestandsmerkmals "Teilhabebeeinträchtigung" geführt habe, sei unzutreffend. Die Klägerin habe immer Schwierigkeiten gehabt, adäquate Freunde selbst zu finden. Entweder habe sie sich mit viel Jüngeren beschäftigt oder der Kontakt sei über die Eltern vermittelt worden. Es sei auch heute noch so, dass die Klägerin keinen eigenen Kontakt zu anderen Jugendlichen außerhalb des Unterrichts unterhalte. Der Kontakt zu der einzigen "Freundin" sei durch die Mütter hergestellt worden. Aufgrund der bei der Klägerin bestehenden Störung verfüge sie nur über ein geringes Selbstbewusstsein. Deshalb trete regelmäßig eine Schwellenangst in neuen Gruppen auf, vor allem wenn die Klägerin befürchtet, dass etwas Negatives über sie gesagt werde. Insgesamt lägen alle Merkmale einer Teilhabebeeinträchtigung im Sinne des § 35 a SGB VIII vor. Dies könne nicht durch den persönlichen Eindruck einer Sozialarbeiterin des Jugendamtes der Beklagten aufgrund eines einzigen Gesprächs widerlegt werden.

Die Klägerin beantragt sinngemäß, 8

die Beklagte unter Abänderung des Bescheides vom 26.05.2008 zu verpflichten, der 9

Klägerin Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII zur Erlangung einer angemessenen Schulbildung durch Übernahme der Kosten der Beschulung der Klägerin durch die HEBO-Privatschule in Bonn für die Zeit vom 02.03.2008 bis zum Ende des Schuljahres 2009/2010 zu gewähren.

Die Beklagte beantragt, 10

die Klage abzuweisen. 11

Zur Begründung trägt die Beklagte im Wesentlichen vor, aus den Unterlagen gehe hervor, dass die Klägerin alle möglichen Fördermaßnahmen und Arbeitsgemeinschaften in der Schule belegt habe, um den Schulstoff zu bewältigen. Die Eltern hätten Wert darauf gelegt, dass sie mehrfach in der Woche zusätzliche Nachhilfestunden erhalten habe. Die Freizeitmöglichkeiten für die Klägerin seien damit stark eingeschränkt gewesen. Die schulischen Leistungen seien, soweit ersichtlich im Laufe der Zeit schlechter geworden, hätten aber nicht zur Wiederholung einer Klasse geführt. Es habe sich gezeigt, dass auch nach einem Jahr Besuch der HEBO-Schule keine deutliche Verbesserung der Noten bis Februar 2008 zu erkennen sei. Erst seit Einnahme des Medikamentes schienen sich die Leistungen etwas verbessert zu haben. Die Klägerin habe erklärt, dass sie durch die Einnahme des Medikamentes wieder mehr Lebensqualität gewonnen habe, da sie nicht mehr gegen sich selbst kämpfen und somit stundenlang Hausaufgaben machen müsse. Es gehe ihr im Verhältnis zu vorher gut. Die Klägerin beeindrucke als netter, freundlicher Teenager, der, wie alle anderen Jugendlichen in ihrem Alter, mit seiner Erziehung, Entwicklung und Pubertät zu kämpfen habe. Die Klägerin sei aber keinesfalls aus der Gesellschaft ausgegrenzt und empfindet dies auch nicht. Die Eltern der Klägerin hätten ihre Tochter in all den Jahren bestmöglich unterstützt und gefördert, aber eine therapeutische Hilfe zum Beispiel bei einem Kinder- und Jugendpsychiater sei von ihnen nicht in Betracht gezogen und mithin nicht für nötig befunden worden. Die Beklagte teile nicht die Auffassung, dass die Klägerin aufgrund der Störungen in ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt sei und das neben der Gabe von Methylphenidat eine Beschulung in der HEBO-Schule die erforderliche Maßnahme sei, einer drohenden seelischen Behinderung vorzubeugen. Die Klägerin sei in einen Freundeskreis eingebunden und in verschiedenen, ihren vielfältigen Interessen (Sport, Chor) entgegenkommenden Vereinen engagiert. Dabei sei bemerkenswert, dass ihr die Pflege der Kontakte und Interessen trotz der schulischen Belastungen gelinge. Positive Veränderungen und Leistungssteigerungen in der Schule seien für die Klägerin, in eigener Wahrnehmung, erkennbar, seit sie die Medikamente nehme. Dieser Eindruck werde durch die Eltern bestätigt. Die Klägerin bemühe sich, einen schulischen Abschluss zu erwerben und setze sich mit möglichen beruflichen Perspektiven altersgemäß und interessiert auseinander. Sie werde von allen Beteiligten als freundlich beschrieben und im sozialen Kontakt von anderen voll akzeptiert. Sie habe wohl Schwierigkeiten im Bereich der Konzentration und der Ausdauer. Zusammenfassend könne gesagt werden, dass eine individuelle seelische Störung mit Krankheitswert sowie eine dadurch bedingte individuelle Einschränkung in der Vergangenheit vorgelegen haben möge. Eine dadurch bedingte soziale Beeinträchtigung und daraus folgend eine seelische Behinderung oder die Bedrohung einer seelischen Behinderung hätten jedoch nicht festgestellt werden können.

13

Auf der Grundlage des Beschlusses vom 30.10.2008 hat der erkennende Einzelrichter Beweis erhoben durch die Einholung eines Sachverständigengutachtens zu folgender 12

Frage: "Liegt bei der Klägerin eine Abweichung der seelischen Gesundheit im Sinne von § 35 a Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 SGB VIII vor und ist deshalb ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt oder ist eine solche Beeinträchtigung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten?"

14In dem daraufhin von der Uni-Klinik Köln unter dem 03.06.2009 erstellten Gutachten (auf Blatt 87 ff. der Gerichtsakte wird verwiesen) lautet es in der zusammenfassenden Diagnose: "Achse 1: Störung der Aufmerksamkeit ohne Hyperaktivität, Anpassungsstörung mit einer länger andauernden depressiven Reaktion, unterdurchschnittliche Intelligenz, leichte Intelligenzminderung, mäßig gradige soziale Beeinträchtigung in mindestens einem oder zwei Lebensbereichen." Nach gutachterlicher Einschätzung haben das psychische Erkrankungsbild, sowie es rückblickend im Schuljahr 2006/2007 mit hoher Wahrscheinlichkeit bestanden habe, eine Abweichung von Elenas seelischer Gesundheit um länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand hervorgerufen. Nach fachärztlicher Einschätzung habe eine Beeinträchtigung ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft bestanden und es drohe eine seelische Behinderung. Die Kriterien nach § 35 a SGB VIII zum Anspruch auf Eingliederungshilfe seien demnach erfüllt gewesen. Mit der Umschulung auf die HEBO-Schule, der Diagnosestellung eines ADS und der medikamentösen Behandlung mit einem Psychostimulans habe sich Elenas Schul- und Lebenssituation deutlich verbessert. Nach Schilderung der Betroffenen selbst und ihrer Eltern erfahre Elena in der Schule eine individuelle Förderung und eine persönliche Betreuung. Kleine Klassen, individuelle Motivation und die Berücksichtigung ihrer Lernschwächen hätten Elena in den vergangenen zwei Jahren die Angst vor der Schule und die ausgeprägte Schulunlust genommen, so dass sie das tägliche frühe Aufstehen um 5 Uhr und den weiten Schulweg gerne in Kauf nehme. Nach Wegfall der chronischen Überforderungssituation und ihrer Folgen bestünden die Symptome der Anpassungsstörung bei Elena derzeit nur noch in einem deutlich abgeschwächten Ausmaß, seien aber noch vorhanden. Eine seelische Behinderung bestehe aktuell nicht, sei aber bei Wegfall der eingeleiteten Hilfen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Aus heutiger Sicht stelle die Beschulung auf der HEBO-Schule eine adäquate Hilfe dar, um Elenas Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu sichern.

15Das Gutachten betreffend macht die Beklagte geltend, der Gutachter formuliere, dass eine seelische Behinderung mit hoher Wahrscheinlichkeit lediglich bei Wegfall der eingeleiteten Hilfen zu erwarten sei. Es stehe jedoch der Familie der Klägerin frei, weiterhin die Einnahme des Medikamentes zu gestatten und auch den Besuch der selbst ausgewählten Privatschule weiterhin zu ermöglichen, um dadurch den weitgehenden stabilen Zustand der Klägerin zu erhalten. Für das Jugendamt habe zum Zeitpunkt der Antragstellung (Frühjahr 2008) und bestehe heute nach Vorliegen des Gutachtens keine Grundlage für die Leistung von Eingliederungshilfe gemäß § 35 a SGB VIII. Weder damals noch heute habe eine seelische Behinderung bestanden, noch habe ihr Auftreten eindeutig nachweisbar gedroht.

16Für den Fall, dass sich bei der Klägerin zukünftig eine seelische Behinderung oder eine Bedrohung - etwa durch herbeigeführten Wegfall der Hilfen - feststellen lassen, so könne das Jugendamt auf Antrag der Eltern mit ihnen und der Klägerin gemeinsam nach einer notwendigen und geeigneten Maßnahme suchen. Über die Hilfeform entscheide letztendlich jedoch das Jugendamt, dies sei nochmals ausdrücklich erwähnt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der 17

Gerichtsakte und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge Bezug genommen. Die Beteiligten haben sich übereinstimmend mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung gemäß § 101 Abs. 2 VwGO einverstanden erklärt.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : 18

19Die zulässige Klage, über die gemäß § 6 Abs. 1 Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) durch den Einzelrichter und nach § 101 Abs. 2 VwGO ohne mündliche Verhandlung entschieden wird, ist begründet. Die Beklagte ist verpflichtet, die durch die Beschulung der Klägerin in der HEBO-Privatschule im tenorierten Zeitraum angefallenen und anfallenden Kosten zu übernehmen; der entgegenstehende Bescheid des Beklagten vom 26.05. 2008 ist rechtswidrig und verletzt die Klägerin in ihren Rechten 113 Abs. 5 Satz 1 VwGO).

20Die Klägerin hat einen Anspruch auf Übernahme der Kosten für den Besuch auf der HEBO-Privatschule nach § 35 a SGB VIII.

21Nach dieser Bestimmung haben Kinder und Jugendliche, die seelisch behindert oder von einer solchen Behinderung bedroht sind, Anspruch auf Eingliederungshilfe. Nach § 35 a Abs. 3 Satz 1 SGB VIII i.V.m. § 54 Abs. 1 Nr. 1 SGB XII umfasst die Hilfe auch die Hilfe zu einer angemessenen Schulbildung.

22Die Klägerin gehört zum Personenkreis nach § 35 a SGB VIII. Die für die Gewährung von Eingliederungshilfe erforderliche seelische Behinderung ergibt sich bereits aus der Stellungnahme der Kinder- und Jugendärztin B. Zierath-Wahl vom 13.04.2008, wo es auszugsweise lautet: "Elena leidet an der neuropsychiatrischen ADS mit sich daraus entwickelnder Sekundärsymptomatik seit Kleinkindalter. Ihre seelische Gesundheit weicht länger als 6 Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand ab. Eine Beeinträchtigung ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ist nach fachlicher Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Das Vorhandensein einer psychischen Störung (ADS) mit Sek.-Symptomatik und TLS (Dyskalkulie) mit einer sich zwingend daraus ergebenden Sozialintegrationsstörung beeinträchtigen ihre seelische Gesundheit mit Krankheitswert..." Das Gutachten der Uni-Klinik Köln vom 03.06.2009 gelangt gleichfalls - auch rückblickend bereits für das Schuljahr 2006/07 - zur Feststellung einer Abweichung von Elenas seelischer Gesundheit um länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand. Soweit die Beklagte lapidar geltend macht, für das Jugendamt habe zum Zeitpunkt der Antragstellung (Frühjahr 2008) und bestehe heute nach Vorliegen des Gutachtens keine Grundlage für die Leistung von Eingliederungshilfe gemäß § 35 a SGB VIII. Weder damals noch heute habe eine seelische Behinderung bestanden, noch habe ihr Auftreten eindeutig nachweisbar gedroht, vermag dies als bloßes Bestreiten gutachterlicher Feststellungen nicht zu überzeugen. Wenn auch das Gutachten der Uni-Klinik zu der Feststellung gelangt, eine seelische Behinderung bestehe aktuell nicht, so vermag dies zu keiner anderen Betrachtung zu führen. Denn - so das Gutachten weiter - es ist zu erwarten, dass bei Wegfall der eingeleiteten Hilfen mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder eine seelische Behinderung zu erwarten ist. Aus heutiger Sicht stelle die Beschulung auf der HEBO-Schule eine adäquate Hilfe dar, um Elenas Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu sichern. Die hiergegen vorgebrachte Argumentation der Beklagten, es stehe der Familie der Klägerin frei, den Besuch der selbst ausgewählten Privatschule weiterhin zu ermöglichen, um dadurch den weitgehenden stabilen Zustand der Klägerin zu erhalten, geht an der festgestellten Teilhabebeeinträchtigung vorbei, ja sie mutet

geradezu zynisch an.

23Aufgrund der seelischen Behinderung ist auch die weitere Tatbestandsvoraussetzung des § 35 a Abs. 1 Nr. 2 SGB VIII - zu erwartende oder bereits eingetretene Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft - gegeben. Dies wird sowohl durch die Stellungnahme der Kinder- und Jugendärztin B. Zierath-Wahl vom 13.04.2008 als auch durch das Gutachten der Uni-Klinik Köln belegt. Auf die insoweit bereits zitierten Passagen der Stellungnahme sowie des Gutachtens wird insoweit verwiesen.

24Dem festgestellten Anspruch der Klägerin steht auch nicht - jedenfalls nicht ab dem Datum der Anspruchsstellung am 02.03.2008 - der Gesichtspunkt der Unzulässigkeit der jugendhilferechtlichen Selbstbeschaffung entgegen. In der Rechtsprechung des OVG Münster,

vgl. hierzu Urteil vom 14.03.2003 - 12 A 1193/01 -, 25

26ist anerkannt, dass bei Jugendhilfemaßnahmen, die in zeitliche Abschnitte unterteilt werden können, bei ursprünglich unzulässiger Selbstbeschaffung - dies mag vorliegend (ohne dass es noch darauf ankommt) für die Zeit vor der Antragstellung der Fall gewesen sein - ein Anspruch für einen nachfolgenden Zeitabschnitt in Betracht kommt, wenn die Selbstbeschaffung nachträglich zulässig geworden ist.

27Dies war hier für die Zeit ab dem 02.03.2008 der Fall. Für diesen Zeitraum hätte die Beklagte auf der Grundlage der eingereichten Unterlagen das Verwaltungsverfahren durchführen und eine nicht durch vollendete Tatsachen gebundene Entscheidung für einen nachfolgenden selbständigen Leistungsabschnitt treffen können. Stattdessen blieb die Beklagte weitgehend - bis auf einen Hausbesuch - untätig und kam auch nicht der Verpflichtung des § 35a Abs. 1a SGB VIII nach, eine entsprechende Stellungnahme einzuholen.

28Das Gericht hat keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass der Eingliederungsbedarf der Klägerin in dem vorliegenden Fall auch die Übernahme der Kosten der Beschulung durch die HEBO-Privatschule umfasst.

29Defizite der pädagogischen Konzeption, die durchgreifende Eignungsmängel in Bezug auf die Vermittlung einer angemessenen Schulbildung begründen könnten, hat die Beklagte in keiner Weise aufgezeigt.

30Es fehlt auch nicht - mit Blick auf den grundsätzlichen Vorrang der Förderung von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Schulwesen - an der jugendhilferechtlichen Erforderlichkeit der in Rede stehenden Maßnahme. Ein solcher Vorrang setzt nach der Rechtsprechung des OVG Münster voraus, dass nach den konkreten Umständen des Einzelfalls im öffentlichen Schulwesen eine bedarfsdeckende Hilfe zu erhalten ist.

31Vgl. hierzu OVG Münster Beschlüsse vom 18.03.2004 - 12 B 2634/03 - sowie 30.01.2004 - 12 B 2392/03 - und 16.07.2004 - 12 B 1338/04.

32Daran fehlte es hier. Alternativen der Bedarfsdeckung, die ernsthaft in Betracht gekommen wären, hat die Beklagte zu keinem Zeitpunkt aufgezeigt.

Mangels aufgezeigter alternativer Hilfemaßnahmen stellt sich auch das Problem der Begrenzung des Wunsch- und Wahlrechts der Klägerin nach § 5 Abs. 2 SGB VIII nicht. 33

Vgl. hierzu OVG Münster, Beschluss vom 15.09.2008 - 12 B 1249/08 -. 34

35An dieser Alternativ- und Tatenlosigkeit der Beklagten hat sich auch bis heute nichts geändert. Dies zeigen die Ausführungen der Beklagten, für den Fall, dass sich bei der Klägerin zukünftig eine seelische Behinderung oder eine Bedrohung - etwa durch herbeigeführten Wegfall der Hilfen - feststellen ließen, so könne das Jugendamt auf Antrag der Eltern mit ihnen und der Klägerin gemeinsam nach einer notwendigen und geeigneten Maßnahme suchen. Die Beklagte war seit dem Zeitpunkt der Antragstellung nicht gehindert, in Wahrnehmung ihrer Steuerungsverantwortung nach geeigneten Hilfen zu suchen. Das Angebot - erst nach Wegfall von Hilfen - gemeinsam mit den Eltern nach geeigneten Maßnahmen zu suchen - wird dieser Steuerungsverantwortung nach Auffassung des Gerichts nicht gerecht.

36Angesichts dessen, dass das Gericht gerade mit Blick auf die letztgenannte Ausführung der Beklagten nicht erkennen kann, dass die Beklagte bereit ist, ernsthaft alternative Hilfeformen zu ermitteln, erscheint es zum Schutz der Klägerin angezeigt, die Beklagte zur Kostenübernahme der Beschulung der Klägerin durch die HEBO-Privatschule bis zum Abschluss des laufenden Schuljahres 2009/2010 zu verpflichten.

Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 154 Abs. 1, 188 Satz 2 VwGO. 37

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit ergibt sich aus § 167 VwGO i.V.m. §§ 708 Nr. 11, 711 ZPO. 38

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