Urteil des VG Köln vom 26.07.2006, 9 K 794/05

Aktenzeichen: 9 K 794/05

VG Köln: krankenschwester, fristlose kündigung, anweisung, widerruf, gesundheitszustand, personalakte, behörde, zahl, mobbing, zukunft

Verwaltungsgericht Köln, 9 K 794/05

Datum: 26.07.2006

Gericht: Verwaltungsgericht Köln

Spruchkörper: 9. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 9 K 794/05

Tenor: Der Bescheid des Beklagten vom 30. Juni 2003 und der Widerspruchsbescheid der Bezirksregierung Köln vom 13. Januar 2005 werden aufgehoben.

Der Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.

Die Kostenentscheidung ist gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 Prozent des beizutreibenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

1Tatbestand Der am 00.00.0000 geborenen Klägerin wurde am 01. April 1991 die Erlaubnis erteilt, die Berufsbezeichnung "Krankenschwester" zu führen.

2Ab dem 01. August 1991 war sie bei der Universitätsklinik Köln angestellt tätig. In der Zeit bis 1998 kam es zu verschiedenen Beschwerden von Kollegen und Vorgesetzten über die Klägerin, die ihr Arbeits- und Sozialverhalten betrafen. Die Klägerin erkrankte und erschien seit dem 07. September 1998 nicht mehr zur Arbeit. Sie legte zunächst zwei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen von praktischen Ärzten und danach vier Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen eines Facharztes für Psychiatrie vor. Am Ende der Fehlzeit wurde der Klägerin von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte eine vierwöchige Rehabilitationsmaßnahme bewilligt, die mit der Einschätzung des Rehabilitationsträgers endete, die Klägerin sei arbeitsunfähig am bisherigen Arbeitsplatz, jedoch voll einsetzbar als OP-Schwester in einem neuen Betätigungsfeld. Eine Aussage zur behandelten Erkrankung enthielt die Bescheinigung vom 04. Mai 2000 nicht.

3Die Klägerin wurde daraufhin ab ihrer Arbeitsaufnahme am 10. Mai 2000 in einer anderen Abteilung eingesetzt. Seit Januar 2001 beschwerten sich Kollegen und Vorgesetzte der Klägerin bei der Personalstelle der Universitätsklinik in einer Vielzahl von Schreiben über das Sozialverhalten und die Arbeitsleistung der Klägerin. Ein Teil der Kollegen und Vorgesetzten bat ausdrücklich, nicht mehr mit der Klägerin zusammenarbeiten zu müssen oder die Klägerin aus der derzeitigen Abteilung in eine andere Abteilung zu versetzen. Die Klägerin verweigerte eine betriebsärztliche Untersuchung, zu der sie die Universitätsklinik aufgefordert hatte. Im März 2001 sprach die Universitätsklinik eine Änderungskündigung des Inhalts aus, dass die Klägerin künftig nicht mehr als OP-Schwester, sondern nur noch als Krankenschwester

eingesetzt werde. Die dagegen erhobene Kündigungsschutzklage hatte Erfolg (ArbG Köln, Urteil vom 20. September 2001 - 1 Ca 3482/01 -). Eine beabsichtigte Untersuchung nach Maßgabe des § 7 II BAT wurde nach der Umsetzung der Klägerin in eine andere Abteilung vorläufig zurückgestellt. Seit Ende April 2001 kam es erneut zu schriftlichen Beschwerden von Kollegen und Vorgesetzten über das Arbeitsverhalten der Klägerin in der neuen Abteilung. Im September 2001 legten Mitarbeiter eine Unterschriftenliste vor, in der sie sich gegen die weitere Zusammenarbeit mit der Klägerin aussprachen.

4Die Universitätsklinik Köln bat den Beklagten bereits mit Schreiben vom 31. Mai 2001, die Klägerin amtsärztlich zu untersuchen. Der psychische Gesundheitszustand solle auch mit Blick auf die Frage geprüft werden, ob die Klägerin noch berechtigt sei, als Krankenschwester zu arbeiten. Die Klägerin wurde von dem Beklagten zum 09. Juli 2001 zur Begutachtung eingeladen und lehnte ihr dortiges Erscheinen ohne Begründung ab. Der Beklagte forderte die Klägerin auf, ihrerseits ein entsprechendes Gutachten vorzulegen. Die damalige Verfahrensbevollmächtigte der Klägerin führte dazu aus, dass die Klägerin nach dem Ergebnis der arbeitsmedizinischen Untersuchungen uneingeschränkt arbeitstauglich gewesen sei. Die gegen die Klägerin erhobenen Vorwürfe seien im Übrigen unberechtigt. Unter dem 09. Dezember 1996 sei ihr ein Zwischenzeugnis erteilt worden, das ihr gute bis befriedigende Leistungen bescheinige. Sie sei im Mai 2000 als voll einsatzfähige OP- Schwester aus der Rehabilitation zurückgekehrt. Nach Rückkehr an den Arbeitsplatz seien die unberechtigten Vorwürfe gegen die Klägerin fortgeführt worden. In der HNO-Abteilung habe sie zunächst eine Einarbeitungszeit benötigt, die ihr erst nach mehrmaliger Aufforderung gewährt worden sei. Der Vorwurf des verlangsamten Denkens und Handelns werde zwar erhoben, aber nicht belegt. Ebenfalls nicht belegt sei der Vorwurf, sie habe Kollegen mit juristischen Schritten gedroht und beleidigt. Ein einziger Vorgang sei konkretisiert worden, nämlich eine Operation vom 23. Januar 2001. Damals sei sie erstmals zum Instrumentieren ein- gesetzt worden. Sie habe sich zunächst der Anweisung des operierenden Arztes wi- dersetzt, Stäbchen zu zerteilen, weil diese nach den Anweisungen des Herstellers nicht zerteilt werden dürften. Nachdem der Arzt seine Anweisung aufrecht erhalten habe, sei sie dieser nachgekommen. Die für die Zeit nach der Umsetzung in eine andere Station erhobenen Vorwürfe seien ebenfalls nicht konkretisiert. Die Klägerin legte eine Bescheinigung der Frau Dr. (Uni Rom) I. vom 01. Oktober 2001 vor. Darin heißt es, die Klägerin befinde sich bei ihr seit Juli 2000 in psychotherapeutischer Behandlung und leide nicht unter Denk-, Merk- und Konzentrationsstörungen. Sie vermittle jedoch den Eindruck, am Arbeitsplatz einer "Mobbing"-Situation ausgesetzt zu sein.

5Unter dem 20. Dezember 2001 hörte der Beklagte die Klägerin zu dem beabsichtigten Widerruf der Erlaubnis an, die Berufsbezeichnung Krankenschwester zu führen. Am 16. Januar 2002 wurde die Klägerin erneut zu einer Begutachtung im Gesundheitsamt am 15. März 2002 eingeladen. Die frühere Verfahrensbevollmächtigte erklärte dazu, die Klägerin sei am Arbeitsplatz unabkömmlich. Zum anberaumten Termin erschien der Lebensgefährte der Klägerin, Herr U. I1. , der unter anderem erklärte, dass die Klägerin gesund sei und dass die Universitätsklinik eine Kampagne gegen die Klägerin führe. Am 15. März 2002 fand in der Universitätsklinik Köln wegen des Verhaltens und des weiteren Einsatzes der Klägerin ein Gespräch statt, an dem die Klägerin und Mitarbeiter der Abteilung sowie der Personalverwaltung teilnahmen.

Unter dem 02. April 2002 fragte der Beklagte bei der Universitätsklinik an, ob die 6

Bedenken an der gesundheitlichen Eignung der Klägerin fortbestünden. Diese teilte mit, dass das Verhalten der Klägerin weiterhin Anlass zu erheblichen Beanstandungen gebe und die Klägerin nicht in der Lage sei, die vorgetragene Kritik zu reflektieren. Ferner sei die Klägerin wegen ihres Verhaltens nicht normal belastbar und einsetzbar. Der Amtsarzt Dr. I2. führte unter dem 12. Juli 2002 nach Durchsicht des Aktenmaterials aus, es lasse sich nicht objektiv einschätzen, ob und in welchem Umfang die Klägerin erkrankt sei. Er empfahl ein Vorgehen des Arbeitgebers aufgrund des § 7 Abs. 2 BAT, weil hinreichende ärztliche Erkenntnisse fehlten. Er empfahl wegen der vorgetragenen Schwierigkeiten im konzentrativen Bereich eine neurophysiologische Untersuchung. Die Universitätsklinik wies einen entsprechenden Vorschlag des Beklagten zurück. Unter dem 04. April 2003 wurde der Klägerin zum 30. September 2003 gekündigt. Die Universitätsklinik sprach am 03. Juni 2003 auch die fristlose Kündigung aus. Die dagegen erhobene Kündigungsschutzklage hatte in zweiter Instanz im Wesentlichen mit der Begründung Erfolg, dass der tätig gewordene Mitarbeiter der Universitätsklinik Köln keine Berechtigung besessen habe, eine Kündigung auszusprechen (LAG Köln, Urteil vom 17. März 2006 - 4 SA 85/05 -).

Der Beklagte widerrief mit Bescheid vom 30. Juni 2003 die der Klägerin erteilte Erlaubnis, die Berufsbezeichnung "Krankenschwester" zu führen. Zur Begründung führte er aus, die Fehlzeiten der Klägerin in der Zeit vom 07. September 1998 bis zum 10. Mai 2000 und die seitdem bekannt gewordenen beruflichen Fehlleistungen und Verhaltensauffälligkeiten hätten Zweifel an der gesundheitlichen Eignung der Klägerin aufkommen lassen. Der wiederholten Aufforderung, sich einer amtsärztlichen Untersuchung zu unterziehen oder ihre gesundheitliche Eignung durch ein amtsärztliches Gutachten nachzuweisen, sei die Klägerin nicht nachgekommen. Die vorgelegte Bescheinigung der Frau Dr. I3. vom 01. Oktober 2001 sei nicht geeignet, die bestehenden Zweifel auszuräumen. Wegen der Weigerung, an der Aufklärung des Sachverhalts mitzuwirken, müsse zu Ungunsten der Klägerin davon ausgegangen werden, dass sie die gesundheitliche Eignung für den Beruf der Krankenschwester nicht mehr besitze. Im Rahmen der gebotenen Ermessensentscheidung sei berücksichtigt worden, dass das Interesse der Patienten und der Volksgesundheit das Interesse der Klägerin an einer weiteren Berufsausübung überwiege.

8

Den am 24. Juli 2003 gegen diese Entscheidung eingelegten Widerspruch wies die Bezirksregierung Köln mit Bescheid vom 13. Januar 2005 als unbegründet zurück. Zur Begründung hieß es, die Anordnung, sich einer amtsärztlichen Untersuchung zu unterziehen, stehe im Ermessen der Behörde und sei gerichtlich nur beschränkt überprüfbar. Aufgrund der Weigerungen der Klägerin, sich einer Untersuchung zu unterziehen, aufgrund der Erhebungen des Beklagten und des Umstandes, dass die Klägerin wegen einer psychiatrischen Erkrankung längere Zeit nicht zur Arbeit erschienen sei, bestehe ein hinreichender Grund für die Annahme, dass die Klägerin weiterhin psychisch erkrankt und berufsunfähig sei. Ob diese Annahme zutreffend sei, könne nur durch ein amtsärztliches Gutachten bestätigt oder widerlegt werden. Nachdem die Klägerin sich geweigert habe, an einer entsprechenden Aufklärung mitzuwirken und aufgrund der Tatsache, dass die Hinweise auf eine psychische Erkrankung verdichtet seien, müsse davon ausgegangen werden, dass die Klägerin berufsunfähig sei. Unabhängig davon habe sich die Klägerin eines Verhaltens schuldig gemacht, aus dem sich ihre Unzuver- lässigkeit zur Ausübung des Berufs einer Krankenschwester ergebe. Eine Vielzahl von Beschwerden über das Arbeitsverhalten und das Sozialverhalten der Klägerin ließen den Schluss zu, dass sich die Klägerin gerade auch im klinischen Bereich, der in besonderer Weise auf Zusammenarbeit und 7

Verlässlichkeit angewiesen sei, als unzuverlässig erwiesen habe.

9Am 01. Februar 2005 hat die Klägerin Klage erhoben. Zur Begründung trägt sie im Wesentlichen vor: Die angebliche gesundheitliche Nichteignung sei bisher nicht hinreichend belegt. In dem Widerspruchsbescheid sei ausgeführt, dass die vermeintliche psychische Erkrankung bislang medizinisch nicht bestätigt worden sei. Es sei nicht die Aufgabe der Klägerin, die gesundheitliche Nichteignung zu beweisen. Aus den Mitteilungen von Kollegen über ihr Arbeitsverhalten könne nicht geschlossen werden, dass sie - die Klägerin - psychisch krank sei. Selbst der Amtsarzt Dr. I2. habe dazu ausgeführt, dass aufgrund der vorgelegten Unterlagen auf keine spezifische Erkrankung geschlossen werden könne. Dass sich die Klägerin nicht habe untersuchen lassen, könne ihr nicht zum Nachteil gereichen. Das Gesetz sehe eine Verpflichtung, sich entsprechend untersuchen zu lassen, nicht vor. Es sei auch fehlerhaft, eine Unzuverlässigkeit der Klägerin anzunehmen. Die entsprechenden Vorwürfe aus ihrem Arbeitsumfeld habe die Bezirksregierung nicht einfach als wahr unterstellen und ihrer Entscheidung zugrunde legen dürfen. Auf ihr detailliertes Widerspruchsvorbringen sei die Behörde nicht eingegangen.

Die Klägerin beantragt, 10

den Widerrufsbescheid des Beklagten vom 30. Juni 2003 und den Widerspruchsbescheid der Bezirksregierung Köln vom 13. Januar 2005 aufzuheben. 11

Der Beklagte beantragt, 12

die Klage abzuweisen. 13

Zur Begründung trägt er unter anderem vor, der Amtsarzt Dr. I2. habe die Äußerungen des Klinikpersonals nicht berücksichtigen können, die nach seiner Stellungnahme zur Akte gelangt seien. Ferner könne es nicht sein, dass die Klägerin es selbst in der Hand habe, ob ihre Berufsfähigkeit näher untersucht und festgestellt werde. Ferner sei nicht anzunehmen, dass die von vielen Mitarbeitern vorgetragenen Beschwerden auf Mobbing zurückzuführen seien. Dem stehe schon die Zahl der Äußerungen und der Umstand entgegen, dass die Universitätsklinik ein zu großes Gebilde sei, um von Mitarbeitern der Personalverwaltung gesteuert oder manipuliert werden zu können.

15Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge sowie die über die Klägerin geführte Personalakte der Universitätsklinik Köln ergänzend Bezug genom- men.

16Entscheidungsgründe Die Klage, über die die Kammer mit Einverständnis der Beteiligten ohne mündliche Verhandlung entscheiden kann 101 Abs. 2 VwGO), ist zulässig und begründet.

17Der Bescheid des Beklagten vom 30. Juni 2003 und der Widerspruchsbescheid der Bezirksregierung Köln vom 13. Januar 2005 sind rechtswidrig und verletzen die Klägerin in ihren Rechten, § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO.

18

Die Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung "Krankenschwester" kann nach Maßgabe des § 2 Abs. 2 des Krankenpflegegesetzes vom 16. Juli 2003 (BGBl. I S. 1442), zuletzt geändert durch Artikel 1 der Verordnung vom 22. Oktober 2004 (BGBl. I S. 14

2657) - KrPflG - entzogen werden. Nach § 2 Abs. 2 Satz 3 KrPflG kann ein Widerruf erfolgen, wenn nachträglich die Voraussetzung nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 KrPflG weggefallen ist. § 2 Abs. 1 Nr. 3 KrPflG bestimmt, dass eine Erlaubnis nach § 2 Abs. 1 KrPflG nur zu erteilen ist, wenn die Antragstellerin oder der Antragsteller in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufs geeignet ist. Ein Widerruf setzt also die Feststellung voraus, dass die gesundheitliche Eignung nach Erteilung der Erlaubnis weggefallen ist.

19Eine medizinisch fundierte Feststellung, dass die Klägerin den beruflichen Anforderungen an eine Krankenschwester (vgl. § 3 KrPflG) aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr entsprechen könnte, hat der Beklagte aufgrund vorliegender ärztlicher Befunde oder aufgrund einer ärztlichen Begutachtung nicht getroffen. Vielmehr entspricht die Klägerin nach den Ergebnissen der allgemeinen betriebsärztlichen Untersuchungen in der Universitätsklinik den spezifischen Anforderungen des Berufs und des konkreten Arbeitsplatzes, soweit dies betriebsärztlich untersucht wird. Der Amtsarzt Dr. I2. hat unter dem 12. Juli 2002 aufgrund einer Durchsicht des ihm vorgelegten Aktenmaterials ausgeführt, es lasse sich nicht objektiv einschätzen, ob und in welchem Umfang die Klägerin er- krankt sei.

20Weitere objektive Befunde zum aktuellen Gesundheitszustand der Klägerin gibt es nicht. Der Beklagte hat vielmehr angenommen, dass Anhaltspunkte für eine gesundheitliche Nichteignung vorliegen, die Klägerin an der Aufklärung des Sachverhalts unberechtigt nicht mitgewirkt habe und sich daher die Anhaltspunkte zu ihren Lasten entsprechend § 444 ZPO dahingehend verdichten, dass sie in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufs nicht mehr geeignet ist.

21Für die zugrunde liegende Annahme, dass die Klägerin wegen einer psychischen oder neurologischen Erkrankung berufsunfähig sein könnte, fehlt es bereits an hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkten. Die große Anzahl von Beschwerden gegen die Klägerin besagt über ihren Gesundheitszustand unmittelbar nichts. Selbst wenn man die Richtigkeit aller entsprechenden Mitteilungen unterstellt, sind Rückschlüsse auf gesundheitliche Ursachen lediglich Mutmaßungen. In den Beschwerden wird überwiegend das fachliche und soziale Verhalten der Klägerin gerügt. Auch die Beobachtungen, das Verhalten und die Auffassungsgabe seien verlangsamt und es fehle die Einsicht in die Wirkung ihres Verhaltens auf Dritte, bieten einen nur unspezifischen Anhalt für eine Erkrankung. Dabei mag die Bescheinigung der Frau Dr. (Uni Rom) I. vom 01. Oktober 2001, die Klägerin leide nicht unter Denk- Merk- und Konzentrationsstörungen, außer Betracht bleiben. Denn die Klägerin befand sich bei ihr seit geraumer Zeit in psychotherapeutischer Behandlung, und die Ärztin hat der Klägerin in Kenntnis des bisherigen Behandlungserfolgs nicht deren psychische oder neurologische Gesundheit (positiv) bescheinigt. Gegen gesundheitlich verursachte Defizite spricht, dass sich die Kläge- rin nach dem Inhalt ihrer Personalakte bisher nicht als gute oder herausragende Fachkraft gezeigt hat. Ferner hat sie sich nicht unmittelbar berufsbezogen fortgebildet und ist anderthalb Jahre aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen, was angesichts sich ständig ändernder beruflicher Anforderungen ein weiteres erhebliches Defizit in ihrer beruflichen Qualifikation zur Folge gehabt haben dürfte. Bereits vor dem Jahre 1998 hat es erhebliche fachliche und persönliche Probleme gegeben, wie sich aus der Personalakte ergibt.

22Vor diesem Hintergrund fehlt es an hinreichenden tatsächlichen Feststellungen, die für einen Wegfall der gesundheitlichen Eignung sprechen. Damit entfällt zugleich die

Grundlage für die weitere Schlussfolgerung des Beklagten, wegen der verweigerten amtsärztlichen Untersuchung müsse zu Ungunsten der Klägerin davon ausgegangen werden, dass sie die gesundheitliche Eignung für den Beruf der Krankenschwester nicht mehr besitze.

Ein Widerruf wegen mangelnder Zuverlässigkeit der Klägerin kommt ebenfalls nicht in Betracht. Nach § 2 Abs. 2 Satz 2 KrPflG ist die Erlaubnis zu widerrufen, wenn nachträglich die Voraussetzung nach Absatz 1 Nr. 2 weggefallen ist. Dies setzt voraus, dass sich der Betreffende nach Erteilung der Erlaubnis eines Verhaltens schuldig gemacht hat, aus dem sich die Unzuverlässigkeit zur Ausübung des Berufs ergibt. Das fragliche Verhalten muss nach der Art, der Schwere und der Zahl von Verstößen gegen Berufspflichten die Prognose rechtfertigen, der Betroffene biete aufgrund der begangenen Verfehlungen nicht die Gewähr, in Zukunft den berufsspezifischen Vorschriften und Pflichten zu entsprechen. Dabei sind die gesamte Persönlichkeit der betroffenen Person und ihre Lebensumstände im Zeitpunkt des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens zu würdigen,

24vgl. BVerwG, Urteil vom 26. September 2002 - 3 C 37.01 -, NJW 2003, 913 ff., zu § 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BApO; Beschluss vom 10. Dezember 1993, - 3 B 38.93 -, Buchholz 418.1 Heilhilfsberufe Nr. 5 zum Krankenpflegegesetz.

25

Ein solches Fehlverhalten der Klägerin kann vorliegend nicht festgestellt werden. Die gegen die Klägerin von ihren Kollegen und Vorgesetzten erhobenen Vorwürfe erlauben zwar die Schlussfolgerung, dass jedenfalls seit der Rückkehr der Klägerin aus ihrer krankheitsbedingten Arbeitsunterbrechung vom 07. September 1998 bis zum 10. Mai 2000 ein fachlich und persönlich reibungsloses Arbeiten nicht mehr möglich gewesen ist. Ihre Vorgesetzten und ihre Kollegen in verschiedenen Abteilungen der Universitätsklinik haben die Verwaltung wiederholt schriftlich und unter Benennung ihrer eigenen Namen gebeten, nicht mehr mit der Klägerin zusammenarbeiten zu müssen, sie zu versetzen oder selbst versetzt zu werden, wenn die Klägerin an ihrem bisherigen Arbeitsplatz verbleiben sollte. Derartige wiederholte und schriftlich dokumentierte Bekundungen belegen eine massive und über eine einzelne Episode hinausgehende Störung der Betriebsabläufe, wobei die Verursachung und Verantwortung im Detail offen bleiben muss. Ein konkretes Fehlverhalten der Klägerin, das die Prognose rechtfertigt, sie werde auch in Zukunft nicht die berufsspezifischen Vorschriften und Pflichten beachten, liegt damit jedoch nicht vor. Die dokumentierten Konflikte lassen im Wesentlichen den Hintergrund er- kennen, dass die Klägerin auf einer aus ihrer Sicht richtigen Berechnung der regelmäßigen Pausenzeiten beharrt, sie eigene Vorstellungen von den Kompetenzen des Pflegepersonals und des ärztlichen Personals, namentlich bei der Verabreichung von Infusionen, hat und zuletzt darauf, dass sie sich während einer Operation einer ärztlichen Anweisung über das Zerteilen von Stäbchen widersetzt hat, weil die Anweisung nach ihrer Meinung den Herstellervorgaben widerspricht. Diese Vorfälle und der Vorwurf des verlangsamten unkonzentrierten Verhaltens mögen Zeichen für eine mangelnde Anpassungsfähigkeit an veränderte Situationen und für Leistungsdefizite sein. Daraus ließe sich - wie etwa auch das Landesarbeitsgericht in seinem Urteil vom 17. März 2006 ausgeführt hat - jedoch nur folgern, dass die Klägerin für bestimmte Tätigkeitsbereiche nicht oder derzeit nicht geeignet ist, wenn etwa im Operationsbereich wegen der erhöhten Gefahren für die Patienten von dem beteiligten ärztlichen und nichtärztlichen Personal höchste Zuverlässigkeit und erhöhte Leistungsfähigkeit in körperlicher, geistiger und sozialer Hinsicht gefordert sind. Für derartige Leistungsdefizite spricht zudem, dass die früher schon als OP- Schwester tätig 23

gewesene Klägerin im Mai 2000 an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt ist und Fehlleistungen noch im Jahre 2001 damit verteidigt hat, nicht ordnungsgemäß eingearbeitet worden zu sein. Mehr oder weniger ausgeprägte Defizite rechtfertigen jedoch nicht die Annahme, die Klägerin werde die berufsspezifischen Vorschriften und Pflichten allgemein nicht beachten. Die der Klägerin erteilte Erlaubnis kann daher auch nicht gemäß § 2 Abs. 2 Satz 2, Abs. 1 Nr. 2 KrPflG wegen nachträglich eingetretener Unzuverlässigkeit widerrufen werden.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO. 26

Die Vollstreckbarkeitsentscheidung beruht auf § 167 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 VwGO i.V.m. § 709 Satz 2 der Zivilprozessordnung. 27

Urteil herunterladen
Informationen
Optionen
Sie suchen einen Anwalt?

Wir finden den passenden Anwalt für Sie! Nutzen Sie einfach unseren jusmeum-Vermittlungsservice!

Zum Vermittlungsservice