Urteil des VG Koblenz vom 02.11.2009, 7 L 1152/09.KO

Entschieden
02.11.2009
Schlagworte
Recht auf bildung, Informatik, Schüler, Schule, Umlegung, Französisch, Lehrer, Sportunterricht, Schulsport, Pflichtfach
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VG

Koblenz

02.11.2009

7 L 1152/09.KO

Schulrecht

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die 7. Kammer des Verwaltungsgerichts Koblenz auf Grund der Beratung vom 2. November 2009, an der teilgenommen haben

<Richter am Verwaltungsgericht >Fritz> am Verwaltungsgericht > am Verwaltungsgericht >>

beschlossen:>>

Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird abgelehnt.

Der Antragsteller hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Der Gegenstandswert wird auf 2.500,-- festgesetzt.

Gründe

Der Antrag, den Antragsgegner im Wege einstweiligen Rechtsschutzes zu verpflichten,

die Teilnahme des Antragstellers am Grundkurs Informatik der Kursstufe 12-I W.-Gymnasiums N.> als Pflichtfach bis zu einer Entscheidung in der Hauptsache zu ermöglichen,

hat keinen Erfolg.

Nach der einschlägigen Rechtsgrundlage des § 123 Abs. 1 Satz 2 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) wäre eine einstweilige Anordnung des gewünschten Inhalts, also mit dem Ziel der Regelung eines vorläufigen Zustandes in Bezug auf ein streitiges Rechtsverhältnis, nur möglich, wenn die Regelung zur Abwendung wesentlicher Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus anderen Gründen nötig erschiene. Gerechtfertigt ist die der Hauptsache vorgreifende Regelungsanordnung jedoch nur, wenn der geltend gemachte Anspruch bei summarischer Überprüfung der Sach- und Rechtslage hinreichend wahrscheinlich ist (Anordnungsanspruch) und dem Betroffenen bis zum Ergehen einer Entscheidung in der Hauptsache schlechthin unzumutbare Nachteile drohen (Anordnungsgrund). Vorliegend fehlen sowohl der Anordnungsgrund (1.) wie auch der Anordnungsanspruch (2.).

1.Der Anordnungsgrund fehlt, weil nicht ersichtlich ist, dass dem Antragsteller ohne die beantragte gerichtliche Entscheidung unzumutbare Nachteile drohen. Einerseits kann er die ihm angeblich durch eine Nichtteilnahme am Informatik-Grundkurs entstehenden Beeinträchtigungen durch eigenes zumutbares Verhalten abwenden (a)); andererseits waren diese für ihn absehbar (b)).

a) Nachteile, bei denen es der Betroffene selbst in der Hand hat, sie durch zumutbares Verhalten abzuwenden, sind kein ausreichender Anlass für eine vorrübergehende gerichtliche Regelung. Vorliegend kann der Antragsteller unschwer den Besuch eines Informatik-Grundkurses dadurch sicherstellen, dass er auf die Teilnahme am bisher besuchten Französisch-Grundkurs verzichtet. Selbst ohne den letztgenannten Grundkurs verbleibt eine nach § 7 der Landesverordnung über die gymnasiale Oberstufe (Mainzer Studienstufe) im Folgenden: MSS-VO zulässige Fächerkombination. Überdies ist die Pflichtstundenzahl von 32 Unterrichtsstunden 7 Abs. 3 MSS-VO) eingehalten. In der Jahrgangsstufe 12 ist diese Marge unter Einbeziehung des vom Antragsteller zu belegenden musischen Fachs selbst dann erreicht, wenn er auf beide freiwillig gewählten Grundkurse (Informatik und Französisch) verzichtet.

Es sind keine Gesichtspunkte vorgetragen worden oder ersichtlich, nach denen der Verzicht auf den Französisch-Grundkurs zwecks Teilnahme am alternativen Informatik-Grundkurs if1 nach objektiver Betrachtung unzumutbar erscheint. Dies gilt insbesondere für die angeführte Vermeidung eines Lehrerwechsels. Davon abgesehen, dass der Antragsteller ohnehin nicht darauf vertrauen kann, über drei Jahre in einem Fach denselben Lehrer zu haben, blendet die Antragstellerseite mit diesem Argument die Interessen anderer Schüler und die Organisationskompetenzen der Schule gänzlich aus. Bei der Prüfung eines Anordnungsgrundes ist aber nicht nur auf die individuellen Interessen des Antragstellers abzustellen. Grundsätzlich sind öffentliche Interessen und die Interessen anderer Personen mit in den Blick zu nehmen (vgl. Kopp/Schenke, VwGO-Komm., 15. Aufl. 2007, § 123 Rdnr. 26). Die Berücksichtigung der letztgenannten Interessen gewinnt im Schulrecht besondere Bedeutung, da die Schule zur Anerkennung ethischer Normen (s. § 1 Abs. 2 Satz 1 des rheinland-pfälzischen Schulgesetzes (SchulG)) und zu wertorientiertem Verhalten 2 Abs. 2 MSS-VO), folglich auch zur Achtung von Fremdinteressen erziehen soll. Vor diesem Hintergrund sind die Alternativvorschläge des Antragstellers nicht akzeptabel. Ihnen ist sämtlich gemein, dass um des angestrebten Vorteils „Besuch des Informatik-Grundkurses if2“ willen das gesamte schulische Umfeld des Antragstellers gravierende Nachteile hinnehmen müsste. So wäre es nicht gerechtfertigt und verstieße zudem gegen das verfassungsrechtlich verankerte Gleichbehandlungsgebot, wenn ein Lehrerwechsel beim Antragsteller als nicht hinnehmbar, beim von ihm benannten Tauschschüler aber als akzeptabel erachtet würde. Ebenso wäre es nicht gerechtfertigt und überdies unverhältnismäßig, wenn andere Kurse umgelegt würden, um dem Antragsteller den Besuch des von ihm bevorzugten Informatik-Grundkurses zu ermöglichen, obschon er die Teilnahme am Informatik- Unterricht mit geringen eigenen Einbußen sicherstellen kann. Denn diese Umlegung hätte zur Folge, dass die davon betroffenen Schüler umdisponieren müssten. Es ist kein Grund ersichtlich, warum diese die damit verbundenen Nachteile (weiterer Nachmittagsunterricht, Umorganisation des Tagesablaufs etc.) hinnehmen sollten.

b) Die Nichtermöglichung des Besuchs des Informatik-Grundkurses if2 ist vom Antragsteller sodann deshalb hinzunehmen, weil er darauf rechtzeitig zu Beginn der Jahrgangsstufe 11 hingewiesen wurde. Er hatte somit ausreichend Zeit, sich auf dieses seiner eigenen Kursauswahl geschuldete Manko einzustellen. Dem stehen angebliche Aussagen von Lehrern nicht entgegen. Einerseits handelt es sich nicht um verbindliche schriftliche Zusicherungen (s. § 38 Abs. 1 Satz 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes (VwVfG)); andererseits hätten sie vom Schulleiter abgegeben werden müssen (s. § 39 Abs. 2 der Übergreifenden Schulordnung (ÜSchulO)).

2.Der Antragsteller hat zudem keinen Anspruch auf Ermöglichung seiner Teilnahme am Informatik- Grundkurs als Pflichtfach. Ein solcher Anspruch ergibt sich weder aus dem Bildungsanspruch (a)) noch aus speziellen Regelungen (b)).

a) Das auf Art. 2 Abs. 1 GG und Art. 31 der Verfassung für Rheinland-Pfalz (LV) fußende Recht auf Bildung siehe auch § 1 ÜSchulO begründet nur den (abstrakten) Anspruch auf Teilhabe an den tatsächlich vorhandenen Bildungseinrichtungen, steht also generell unter dem Vorbehalt eingerichteter Klassen und Kurse. Aus dem Recht auf Bildung ergibt sich kein Anspruch auf ein individuelles Bildungsangebot, auf eine bestimmte Anzahl oder Art von Unterrichtsstunden oder auf besondere Fördermaßnahmen (vgl. Niehues/Rux, Schul- und Prüfungsrecht, Band 1 Schulrecht, 4. Aufl. 2006, Rdnrn. 176, 636, 643). Zudem ist bei der Prüfung eines Anspruchs auf Unterrichtung in einem bestimmten Fach oder Kurs der auf Art. 7 Abs. 1 GG beruhende Gestaltungsspielraum des Staates zu beachten, aus dem ein organisatorisches Ermessen der Schule resultiert (vgl. VG Koblenz, Beschluss vom 25. Juni 2009 7 L 555/09.KO –, m.w.N.). Schließlich darf die Erfüllung eines Fächer- oder Kurswunsches nicht zu einer Benachteiligung anderer Schüler führen; Art. 3 Abs. 1 GG garantiert die Chancengleichheit in Bezug auf schulische Leistungen.

Unter diesen Prämissen ist ein Anspruch des Antragstellers auf Teilnahme an seinem bisherigen Informatik-Grundkurs if2 in der Stufe 12 zu verneinen. Der Antragsteller hat es hinzunehmen, dass ihm die Teilnahme an diesem Kurs wegen der Überschneidung mit dem von ihm zu besuchenden Musik- Grundkurs unmöglich ist. Er muss sich wie die anderen Schüler seines Gymnasiums mit dem von diesem bereitgestellten Kursangebot abfinden, zumal nicht erkennbar ist, dass dieses nicht den allgemeinen Anforderungen der Mainzer Studienstufe entspricht. Einen Anspruch auf Verlegung des Informatik- Grundkurses hat der Antragsteller ebenfalls nicht. Dem steht bereits das Organisationsermessen seiner Schule entgegen. Diese hat mit nachvollziehbaren und ermessensgerechten Gründen dargelegt, warum eine solche Verlegung nicht in Frage kommt. Die Verlegung wäre nämlich mit erheblichem Aufwand (Betroffenheit mehrerer Kurse) und mit nicht unerheblichen Nachteilen für Lehrer und andere Schüler (Wegfall des AG-Nachmittags, Umlegung der AG´s, Dispositionen der von der Umlegung von Kursen betroffenen Lehrer und Schüler) verbunden. Einer Umlegung steht zudem der Gleichbehandlungsgrundsatz entgegen. Denn die damit einhergehende Sonderbehandlung des Antragstellers würde zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber solchen Schülern führen, die auf Grund des von der Schule vorgegebenen Kursprogramms nicht alle gewünschten Kurse gewählt haben.

b) Der Antragsteller kann einen Anspruch auf Teilnahme am Informatik-Grundkurs (If2) als Pflichtfach nicht aus speziellen Vorschriften ableiten. Dies gilt insbesondere für die angeführte Regelung in Nr. 7.4.2 der Verwaltungsvorschrift zur Durchführung der Landesverordnung über die gymnasiale Oberstufe (im Folgenden: Durchführungs-VV (MSS)). Nach dieser Vorschrift muss derjenige Schüler, der für längere Zeit nicht am Sportunterricht teilnehmen kann, ein Ersatzfach wählen; allerdings ist dann, wenn eine Teilnahme am Sport wieder möglich ist, eine individuelle Regelung zu treffen.

Zunächst folgt aus dieser Regelung kein Anspruch des Antragstellers auf Einstufung von Informatik „als Pflichtfach“. Nr. 7.4.2 Durchführungs-VV (MSS) ist im Lichte von § 7 Abs. 8 MSS-VO zu sehen. Nach der zweitgenannten Regelung muss derjenige, der vom Sportunterricht befreit ist, zum Erreichen der Pflichtstundenzahl ein weiteres Grundfach belegen. Da der Antragsteller ohne seine freiwilligen Kurse Informatik und Französisch in der Jahrgangsstufe 12 bereits die Pflichtstundenzahl erreicht, müsste er nach der letztgenannten Regelung kein weiteres Fach belegen. Zudem benötigt er nicht zwingend Informatik, um die Pflichtfachanforderungen in § 7 Abs. 1 MSS-VO zu erfüllen.

Weiter sind aus Sicht der Kammer aber auch die Voraussetzungen von Nr. 7.4.2 Durchführungs-VV (MSS) im Fall des Antragstellers nicht erfüllt. Aus den vorgelegten Attesten ergibt sich nicht schlüssig, dass der Antragsteller für längere Zeit nicht am Sportunterricht teilnehmen kann. Es ist Aufgabe der jeweiligen Schule nicht des behandelnden Arztes –, gegebenenfalls mit Unterstützung des Schularztes zu entscheiden, ob der Gesundheitszustand eines Schülers die Teilnahme am Sportunterricht zulässt (s. § 39 ÜSchulO). Insoweit war die vom Antragsteller für das Schuljahr 2008/2009 vorgelegte ärztliche Bescheinigung vom 29. September 2008 nicht bindend. Nicht Prof. Dr. Dr. W. hat festzustellen, dass der Antragsteller vom Schulsport zu befreien ist, sondern das W.-Gymnasium. Zudem ist jene Bescheinigung nicht stichhaltig. Es fehlt nicht nur die angewandte Diagnose-Methode, sondern vor allem die Darlegung, woraus der Arzt eine ganzjährige uneingeschränkte Schulsport-Untauglichkeit ableitet. So ist nicht zu erkennen, dass der Arzt Krankheitsbild und Sportangebot abgleicht, also prüft, ob die Erkrankung des Antragstellers tatsächlich die Teilnahme an allen angebotenen Sportkursen verwehrt. Im Ergebnis Gleiches gilt für das Attest vom 10. August 2009. Dort ist lediglich allgemein von Beschwerdesymptomatik die Rede, ohne dass diese mit dem Sportangebot abgeglichen wird.

Die Art der vorgelegten Atteste und die früheren mäßigen Leistungen des Antragstellers im Schulsport legen den Schluss nahe, dass er den in der Oberstufe verpflichtenden Schulsport (s. § 7 Abs. 1 Satz 1 MSS-VO) zwecks Anhebung des Notenschnitts umgehen möchte. Dann wäre ein Wechsel von Sport zu Informatik schon als unzulässige Rechtsausübung abzulehnen. Denn die ungerechtfertigte Abwahl des Pflichtfachs Sport führt zur Verletzung des Grundsatzes der Chancengleichheit. Es käme nämlich zu einem unlauteren Vorteil des Antragstellers gegenüber den Schülern, die auch in Sport hervorragende Leistungen erbringen.

Schließlich stehen einem auf Nr. 7.4.2 Durchführungs-VV (MSS) gestützten Anspruch des Antragstellers auf Teilnahme am Informatik-Grundkurs weitere Gesichtspunkte entgegen. Die Ermöglichung dieser

Teilnahme würde organisatorische Maßnahmen der Schule erfordern, die der Einrichtung eines neuen Kurses gleichkämen. Auf die Einrichtung bestimmter Kurse haben die Schüler aber keinen Anspruch; sie erfolgt im Rahmen der Ausstattung der organisatorischen Gegebenheiten der Schule (s. § 8 Abs. 1 MSS- VO). Eine ähnliche Einschränkung findet sich in Nr. 7.6.5 Satz 2 Durchführungs-VV (MSS). Danach besteht bei einer nachträglichen Kursänderung, der die vorliegende Konstellation vergleichbar ist, kein Anspruch auf die Belegung eines bestimmten Kurses. Schließlich ist nach Nr. 7.6.6 Satz 2 Durchführungs- VV (MSS) darauf zu achten, dass eine Belegungsänderung eines Einzelnen nicht mit Nachteilen für andere verbunden ist. Solche Nachteile wären aber wie bereits dargelegt für Lehrer und andere Schüler zu erwarten.

3.Als Unterlegener des Rechtsstreits hat der Antragsteller gemäß § 154 Abs. 1 VwGO die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Der Streitwertfestsetzung beruht auf § 52 Abs. 2 und § 53 Abs. 3 Nr. 1 des Gerichtskostengesetzes (GKG) unter Bezugnahme auf Ziffer 1.5 des Streitwertkatalogs für die Verwaltungsgerichtsbarkeit (NVwZ 2004, 1327).

Rechtsmittelbelehrung

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Anmerkungen zum Urteil