Urteil des VG Gelsenkirchen vom 01.07.2009, 7 L 597/09

Entschieden
01.07.2009
Schlagworte
Unter drogeneinfluss, Aufschiebende wirkung, Besondere gefahr, Cannabis, Passivrauchen, Wahrscheinlichkeit, Anschluss, Entziehung, Vollziehung, Alkohol
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Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, 7 L 597/09

Datum: 01.07.2009

Gericht: Verwaltungsgericht Gelsenkirchen

Spruchkörper: 7. Kammer

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 7 L 597/09

Schlagworte: Cannabis; gelegentlicher Konsum; Passivrauchen

Tenor: Der Antrag wird auf Kosten des Antragstellers abgelehnt.

2. Der Streitwert wird auf 2.500 EUR festgesetzt.

G r ü n d e : 1

Der sinngemäß gestellte Antrag, 2

3die aufschiebende Wirkung der Klage des Antragstellers 7 K 2522/09 gegen die Ordnungsverfügung des Antragsgegners vom 3. Juni 2009 wiederherzustellen bzw. hinsichtlich der Zwangsgeldandrohung anzuordnen,

4ist gemäß § 80 Abs. 5 der Verwaltungsgerichtsordnung - VwGO - zulässig, aber unbegründet. Die Vollzugsanordnung ist hinreichend und insbesondere einzelfallbezogen begründet worden. Sie hebt die besondere Gefahr bei weiterer Teilnahme des Antragstellers am Straßenverkehr hervor, sollte dieser erneut unter Drogeneinfluss ein Kraftfahrzeug führen. Damit ist dem Begründungserfordernis des § 80 Abs. 3 VwGO genügt.

5Die Anordnung der sofortigen Vollziehung der Fahrerlaubnisentziehungsverfügung ist auch in der Sache gerechtfertigt. Die im Rahmen des vorläufigen Rechtsschutzverfahrens vorzunehmende Interessenabwägung fällt zu Lasten des Antragstellers aus, weil die Ordnungsverfügung bei summarischer Prüfung mit großer Wahrscheinlichkeit rechtmäßig ist. Zur Begründung verweist die Kammer zur Vermeidung von Wiederholungen zunächst auf die Ausführungen in der angegriffenen Verfügung des Antragsgegners, denen sie folgt (vgl. § 117 Abs. 5 VwGO).

6Mit Rücksicht auf das Antrags- und Klagevorbringen ist ergänzend Folgendes auszuführen: Maßgebend ist im vorliegenden Fall, dass der Antragsteller am 10. Januar 2009 ein Kraftfahrzeug unter Cannabiseinfluss geführt hat. Dadurch hat er bewiesen,

dass er zwischen Konsum von Cannabis und Fahren nicht trennen kann.

7Vgl. Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen (OVG NRW), Beschlüsse vom 15. Dezember 2003 - 19 B 2493/03 -, 7. Februar 2006 - 16 B 1392/05 -, 9. Juli 2007 - 16 B 907/07 - und 1. August 2007 - 16 B 908/07.

8Der im Blut des Antragstellers nach dem Ergebnis des toxikologischen Gutachtens des Prof. Dr. E. (Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums E1. ) vom 22. Februar 2009 festgestellte THC-Wert von 2,6 ng/ml übersteigt den zu § 24 a Abs. 2 des Straßenverkehrsgesetzes - StVG - durch die Grenzwertkommission festgesetzten Wert von 1 ng/g bzw. ml deutlich und rechtfertigt daher die Annahme eines zeitnahen Konsums mit entsprechender Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit. Das Erreichen dieses Grenzwertes ist nämlich für die Annahme relevanten Cannabiseinflusses erforderlich, aber auch ausreichend.

9Vgl. Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 21. Dezember 2004 - 1 BvR 2652/03 - mit zahlreichen Nachweisen aus Rechtsprechung und Literatur.

10Vor diesem Hintergrund ist entgegen den Ausführungen des Antragstellers unerheblich, inwieweit er während oder im Anschluss an die in Rede stehende Fahrt zudem drogenbedingte Auffälligkeiten bzw. Ausfallerscheinungen aufwies.

11Die Behauptung des Antragstellers, er habe lediglich dieses eine Mal Cannabis zu sich genommen, er sei also im Sinne der Fahrerlaubnis-Verordnung - FeV - kein „gelegentlicher" Konsument, dürfte zwar in rechtlicher Hinsicht relevant sein,

vgl. OVG NRW, Beschluss vom 11. September 2008 - 16 B 868/08 -, 12

13ist aber in hohem Maße tatsächlichen Zweifeln ausgesetzt. So spricht eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit dagegen, dass der Antragsteller gerade im Anschluss an einen experimentellen Erstkonsum - das heißt bei noch weitgehender Unerfahrenheit mit den Wirkungen der Cannabiseinnahme - das besondere Risiko einer Fahrt mit einem Kraftfahrzeug eingegangen wäre. Berücksichtigt man weiter, dass angesichts der relativ geringen Dichte der polizeilichen Verkehrsüberwachung das Auffälligwerden ausgerechnet eines Erstkonsumenten einen seltenen Zufall darstellen dürfte, könnte dem Antragsteller seine dahingehende Einlassung nur dann abgenommen werden, wenn er die Umstände seines (einmaligen) Cannabiskonsums konkret und glaubhaft dargelegt hätte.

14Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 14. Februar 2008 - 16 B 1833/07 - und 11. September 2008 - 16 B 868/08 -.

15Daran fehlt es vorliegend. Vielmehr sind die Angaben des Antragstellers hinsichtlich seines Cannabiskonsums unglaubhaft. So hat er in der Klageschrift vom 9. Juni 2009 vorgetragen, er habe Haschisch auf einer Party konsumiert, die er am 9. Januar 2009 besucht habe. Dort habe er auch geschlafen. Erst am Morgen des 10. Januar 2009 sei er nach Hause gegangen und habe dann gegen 23 Uhr die in Rede stehende Fahrt angetreten. Nach diesem Vortrag lag zwischen dem Cannabiskonsum und der Fahrt des Antragstellers eine Dauer von etwa 20 Stunden. Die Nachweisbarkeitsdauer von THC im Blutserum wird im Fachschrifttum nach einem Einzelkonsum jedoch mit vier bis sechs Stunden angegeben, und nur in Fällen von wiederholtem oder regelmäßigem

Konsum kann sich diese Zeitspanne erhöhen, gelegentlich auf über 24 Stunden.

16Vgl. Schubert/Schneider/Eisenmenger/Stephan, Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung, Kommentar, 2. Auflage, S. 178.

17Das Vorbringen des Antragstellers wird auch nicht durch seinen weiteren Vortrag plausibel, er habe sich während der Feier am 9. Januar 2009 über mehrere Stunden mit mindestens zehn Personen, die alle Cannabis-Zigaretten geraucht hätten, in einem kleinen Raum aufgehalten. Soweit er damit andeutet, der festgestellte, nicht unerheblich hohe THC-Wert rühre auch vom Passivrauchen her, ist dem nicht zu folgen. Passivrauchen bewirkt nämlich unter realistischen Bedingungen keine forensisch relevante Blutkonzentration.

18Vgl. Madea/Mußhoff/Berghaus, Verkehrsmedizin, Köln 2007, S. 482; Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, www.sfa- ispa.ch, Suchworte: Passivrauchen und Cannabis, Archivbeitrag vom 03.09.2002; Krause, Nachgewiesene THC-Konzentration durch Passiv-Rauchen von Cannabis?, DAR 2006, 175.

19Angesichts der danach feststehenden Ungeeignetheit des Antragstellers - bei diesem Sachverhalt steht die Entziehung nicht im Ermessen der Behörde - bestehen auch keine Bedenken an der Anordnung der sofortigen Vollziehung der Entziehungsverfügung. Etwaige damit verbundene Schwierigkeiten hat der Antragsteller hinzunehmen, weil gegenüber seinen Interessen das Interesse am Schutz von Leib, Leben und Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer eindeutig überwiegt. Es ist auch nicht ersichtlich, dass die Voraussetzungen für die Entziehung der Fahrerlaubnis inzwischen nicht mehr vorliegen. Es bleibt dem Antragsteller unbenommen, den für die Wiedererlangung der Kraftfahreignung erforderlichen Nachweis in einem späteren Wiedererteilungsverfahren durch eine medizinisch- psychologische Untersuchung zu führen, die zwingend vorgeschrieben ist (vgl. § 14 Abs. 2 FeV).

Angesichts dessen ist auch die Zwangsmittelandrohung nicht zu beanstanden. 20

21Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO. Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 53 Abs. 3 Nr. 2 i. V. m. § 52 Abs. 1 des Gerichtskostengesetzes und entspricht der neuen Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen bei Streitigkeiten um eine Fahrerlaubnis in einem vorläufigen Rechtsschutzverfahren, vgl. Beschluss vom 4. Mai 2009 - 16 E 550/09 -.

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Anmerkungen zum Urteil