Urteil des VG Freiburg vom 06.06.2007, 4 K 1010/07

Aktenzeichen: 4 K 1010/07

VG Freiburg (bundesrepublik deutschland, antragsteller, wiederherstellung der aufschiebenden wirkung, richtlinie, deutschland, anerkennung, antrag, mitgliedstaat, aufschiebende wirkung, psychologisches gutachten)

VG Freiburg Beschluß vom 6.6.2007, 4 K 1010/07

Gegenseitige Anerkennung eines EU-Führerscheins, den der alkoholabhängige Inhaber unter Ausnutzung des Gemeinschaftsrechtes erwarb

Leitsätze

1. Hat der Betroffene die Fahrerlaubnis im EU-Ausland durch eine missbräuchliche Inanspruchnahme des Gemeinschaftsrechts erworben und damit die maßgeblichen nationalen Bestimmungen für die Neuerteilung umgangen, kann ihm dieser Umstand zumindest im vorläufigen Rechtsschutzverfahren auch unter Geltung der 2. EU-Führerschein-Richtlinie (91/439/EWG) entgegengehalten werden.

2. Der angebliche französische Wohnort des Antragstellers lag nur wenige (zwei) Kilometer hinter der deutschen Grenze.

3. Die Kammer ist davon überzeugt, dass der Antragsteller der französischen Fahrerlaubnisbehörde nicht mitgeteilt hat, dass dass er (zumindest) früher alkoholkrank gewesen ist, dass ihm im Jahr 1999 von einem deutschen Gericht die Fahrerlaubnis entzogen wurde, dass er danach zweimal vergebens eine neue Fahrerlaubnis beantragt hat, dass ihm in zwei medizinisch-psychologischen Gutachten bescheinigt worden ist, er sei auch gegenwärtig noch alkoholkrank bzw. -abhängig, und dass er nach der zweiten vergeblichen Beantragung einer neuen Fahrerlaubnis wieder damit aufgefallen ist, dass er betrunken (mit einer BAK von 1,74 %o) im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug geführt und dabei einen Verkehrsunfall verursacht hat.

4. Art. 11 Nr. 4 EGRL 2006/126 (3. EU-Führerschein-Richtlinie) bietet zwar eine Handhabe gegen den rechtsmissbräuchlichen Führerscheintourismus, ist aber wohl erst nach dem 19.01.2009 anwendbar.

5. Art. 7 Nr. 5 EGRL 2006/126 (3. EU-Führerschein-Richtlinie) regelt nicht den Fall der Anerkennung einer EU- Fahrerlaubnis.

Tenor

Der Antrag wird abgelehnt.

Der Antragsteller trägt die Kosten des Verfahrens.

Der Streitwert wird auf 2.500,-- Euro festgesetzt.

Gründe

1Der Antrag des Antragstellers, die aufschiebende Wirkung seines Widerspruchs gegen den Bescheid der Antragsgegnerin vom 29.03.2007 wiederherzustellen, durch welchen ihm unter Anordnung der sofortigen Vollziehung die französische Fahrerlaubnis der Klasse B entzogen, das Führen fahrerlaubnispflichtiger Kraftfahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr innerhalb der Bundesrepublik Deutschland untersagt und das Recht aberkannt wurde, von seiner französischen Fahrerlaubnis in der Bundesrepublik Deutschland Gebrauch zu machen, ist gemäß § 80 Abs. 5 VwGO zulässig. Der Antrag hat jedoch keinen Erfolg. Bei Anwendung ausschließlich innerstaatlichen Rechts ist der Antrag, wenn nicht bereits unzulässig, so jedenfalls unbegründet. Im vorliegenden Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes teilt die Kammer auch nicht die Auffassung des Antragstellers, dass aus europarechtlichen Gründen die in Frankreich am 28.11.2003 erworbene Fahrerlaubnis in Deutschland anerkannt werden müsste. Selbst wenn aber die Erfolgsaussichten im Widerspruchsverfahren wegen der europarechtlichen Einwendungen des Antragstellers als offen anzusehen wären, führt die gebotene Interessenabwägung zum Überwiegen des öffentlichen Interesses an der sofortigen Vollziehung der Untersagungsverfügung gegenüber dem privaten Suspensivinteresse des Antragstellers.

21. Ob dem Antragsteller schon das allgemeine Rechtsschutzbedürfnis abzusprechen ist, weil eine - gegebenenfalls inzident vorzunehmende, unter Umständen umfangreiche - materiell-rechtliche Prüfung ergibt, dass die mit dem angefochtenen Bescheid der Sache nach konkretisierte Unterlassungsverpflichtung sich bereits unmittelbar aus einschlägigen Rechtsvorschriften, hier § 28 (Abs. 4) FeV, entnehmen lässt, kann hier dahingestellt bleiben. Auch wenn nämlich zugunsten des Antragstellers von der Zulässigkeit des Antrags ausgegangen und der angefochtene Bescheid als die Rechtslage konkretisierende Verfügung verstanden wird, gegen die zulässigerweise Widerspruch und Anfechtungsklage erhoben und im Eilverfahren ein Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO gestellt werden können ( so Beschlüsse der Kammer vom 28.07.2006 - 4 K 1065/06 - und vom 28.06.2005 - 4 K 1163/05 - ), ist der Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs unbegründet. Die Anordnung des Sofortvollzuges ist mit formellrechtlich ausreichender Begründung 80 Abs. 3 Satz 1 VwGO) erfolgt und auch inhaltlich nicht zu beanstanden. Die angefochtene Verfügung ist bei summarischer Prüfung rechtmäßig, so dass der Antragsteller von der französischen Fahrerlaubnis im Bundesgebiet keinen Gebrauch machen darf, ebenso wenig wie von einer, nach Aktenlage allerdings nicht ersichtlichen, etwaigen sonstigen ausländischen Fahrerlaubnis. Da zudem der dringende Verdacht seiner Ungeeignetheit zum Führen von Kraftfahrzeugen (fort-)besteht, ist ein Überwiegen des öffentlichen Interesses am Sofortvollzug indiziert.

3Die Verfügung unter Ziffer I. des Bescheids der Antragsgegnerin vom 29.03.2007 ist nach nationalem Recht sehr wahrscheinlich rechtmäßig. Rechtsgrundlage ist (zumindest in entsprechender Anwendung) § 3 Abs. 1 StVG in Verbindung mit den §§ 46 Abs. 1, 28 Abs. 1 Satz 3 und Abs. 4 Nr. 3 FeV. Nach der letztgenannten Vorschrift gilt für Inhaber einer EU-Fahrerlaubnis, die ihren ordentlichen Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland haben, die Berechtigung zum Führen von Kraftfahrzeugen im Inland 28 Abs. 1 FeV) nicht, wenn ihnen die Fahrerlaubnis im Inland vorläufig oder rechtskräftig von einem Gericht oder sofort vollziehbar oder bestandskräftig von einer Verwaltungsbehörde entzogen worden ist, denen die Fahrerlaubnis bestandskräftig versagt worden ist oder denen die Fahrerlaubnis nur deshalb nicht entzogen worden ist, weil sie zwischenzeitlich auf die Fahrerlaubnis verzichtet haben. Diese Voraussetzungen sind beim Antragsteller erfüllt. Denn ihm ist durch Strafbefehl des Amtsgerichts Freiburg vom 15.07.1999 wegen einer Trunkenheitsfahrt (mit einer BAK von 1,9 %o) die Fahrerlaubnis entzogen worden und ihm ist auch in den folgenden Jahren trotz zweier Anträge keine neue Fahrerlaubnis in Deutschland erteilt worden. Beim ersten Mal hatte er seinen Antrag (am 06.03.2000) von sich aus zurückgenommen, beim zweiten Mal hatte die Antragsgegnerin seinen Antrag mit Bescheid vom 17.05.2001, der nach Rücknahme des Widerspruchs am 17.09.2001 bestandskräftig wurde, abgelehnt. In beiden Fällen beruhte die Erfolglosigkeit seines Antrags darauf, dass ein jeweils zuvor eingeholtes medizinisch-psychologisches Gutachten (fachlich überzeugend) zu dem Ergebnis gekommen war, der Antragsteller sei suchtkrank bzw. alkoholabhängig.

4Dem Antragsteller ist das Recht, von seiner französischen Fahrerlaubnis in Deutschland Gebrauch zu machen, nicht (ausdrücklich) durch eine Entscheidung einer deutschen Fahrerlaubnisbehörde zugesprochen worden, wie das bei der gegebenen Sachlage nach § 28 Abs. 4 und 5 Satz 1 FeV erforderlich wäre, um wieder ein fahrerlaubnispflichtiges Kraftfahrzeug in Deutschland führen zu dürfen. Er hat ersichtlich auch keinen darauf gerichteten Antrag gestellt (vgl. § 28 Abs. 5 Satz 1 FeV).

52. Entgegen der Auffassung des Antragstellers begegnet die vorstehend dargelegte nationale Rechtslage auch unter Berücksichtigung der europarechtlichen Vorgaben im Rahmen einer naturgemäß im vorläufigen Rechtsschutzverfahren nur summarischen Prüfung der Rechtslage keinen durchgreifenden Bedenken.

6Nach Art. 1 Abs. 2 der Richtlinie 91/439/EWG des Rates der Europäischen Gemeinschaften vom 29.07.1991 ( ABl. L 237, S. 1 ff. ) über den Führerschein in der Fassung der Richtlinie 97/26/EG des Rates vom 02.06.1997 ( ABl. L 150, S. 41 ff. ) - EWGRL 439/91 (2. EU-Führerschein-Richtlinie) - sind zwar die von den EU- Mitgliedstaaten ausgestellten Führerscheine wechselseitig anzuerkennen. Gemäß § 8 Abs. 2 EWGRL 439/91 kann aber der Mitgliedstaat des ordentlichen Wohnsitzes vorbehaltlich der Einhaltung des straf- und polizeirechtlichen Territorialitätsprinzips auf den Inhaber eines von einem anderen Mitgliedstaat ausgestellten Führerscheins seine innerstaatlichen Vorschriften über den Entzug der Fahrerlaubnis anwenden.

7In seinem Beschluss vom 06.04.2006 ( C-227/05 -, NJW 2006, 2173 - Fall Halbritter ) hat der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaft zwar ausgeführt, diese Ausnahmeregel des Art. 8 Abs. 2 EWGRL 439/91 sei eng auszulegen, um zu vermeiden, dass der Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung der Führerscheine, der den "Schlussstein" des mit der Richtlinie eingeführten Systems darstelle, ins Gegenteil verkehrt werde, wenn ein

Mitgliedstaat diese Anerkennung unter Berufung auf seine nationalen Vorschriften "unbegrenzt" verweigern könne. Der Gerichtshof hat deshalb entschieden, es sei den Mitgliedstaaten verwehrt, einer ausländischen Fahrerlaubnis die Anerkennung zu verweigern, die nach einem Entzug einer vorhergehenden inländischen Fahrerlaubnis und nach Ablauf der damit verbundenen Sperrfrist für eine Wiedererteilung von dem anderen Mitgliedstaat erteilt worden sei. Sie dürften daher nicht die Einhaltung der nach nationalem Recht für eine Wiedererteilung geltenden Bedingungen verlangen und keine eigene neue Eignungsprüfung durchführen, weil sie damit die Beachtung der Ausstellungsbedingungen durch den dafür allein kompetenten ausstellenden Staat erneut überprüften, was gerade durch das System der wechselseitigen Anerkennung vermieden werden solle. Bezogen auf eignungsrelevante Umstände, die schon vor der Erteilung der neuen Fahrerlaubnis bestanden hätten, sei daher eine erneute Fahreignungsüberprüfung nicht zulässig. Zulässig sei eine solche Prüfung nur im Hinblick auf Umstände bzw. auf ein Verhalten des Betroffenen nach dem Erwerb der neuen Fahrerlaubnis.

8Die Entscheidung des Gerichtshofs betraf aber einen Fall, in dem der Betreffende nicht nur seinen Wohnsitz endgültig (und damit in Einklang mit Art. 7 Abs. 1b und 9 EWGRL 439/91) von Deutschland nach Österreich verlegt hatte, sondern dort auch erst nach Durchführung einer eigenständigen medizinisch-psychologischen Eignungsbegutachtung nach Ablauf der nach nationalem Recht bestehenden Sperrfrist für die Wiedererteilung einer deutschen Fahrerlaubnis eine neue österreichische Fahrerlaubnis erteilt bekommen hatte. In diesem Fall lag also weder ein rechtsmissbräuchlicher "Führerscheintourismus" noch eine Fahrerlaubnis vor, die ohne individuelle medizinische Prüfung der Fahreignung und der damit zusammenhängen Verkehrsgefahren erteilt worden war. Ausweislich der Entscheidungsgründe (RdNrn. 30 bis 32 und 36) waren insbesondere auch diese beiden Gesichtspunkte wesentlich und mitentscheidend für den Beschluss des Gerichtshofs, in einem solchen konkreten Fall ("wie dem des Herrn Halbritter" - siehe RdNr. 36) die Anforderung einer erneuten medizinischpsychologische Eignungsbegutachtung durch die deutsche Fahrerlaubnisbehörde als richtlinienwidrig zu qualifizieren. Der Gerichtshof hat unter RdNr. 32 ausdrücklich darauf abgehoben, dass "aufgrund aller vorstehenden Erwägungen", zu denen eben auch die beiden genannten Umstände zählten, die Vorlagefrage in dem in seinem Beschluss entschiedenen Sinn zu beantworten sei. Unter Nr. 2 des Entscheidungstenors hat der Gerichtshof ferner ausdrücklich ausgeführt, dass eine Richtlinienwidrigkeit "unter Umständen wie denen des Ausgangsverfahrens" anzunehmen sei. Im Kern hat der Gerichtshof damit in nachvollziehbarer und überzeugender Weise entschieden, dass es in einem solchen Fall den deutschen Behörden nicht zustehe, eine neue (strengere) medizinisch-psychologische Untersuchung nach den in Deutschland geltenden Maßstäben zu fordern, obwohl der Erteilung der österreichischen Fahrerlaubnis ohnehin schon eine medizinischpsychologische Untersuchung zugrunde gelegen hatte. Eine solche Anmaßung einer Kontrolle der ausländischen Fahrerlaubniserteilung und die Anlegung strengerer inländischer Maßstäbe ist mit dem Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung nicht vereinbar, dessen Zweck in der Erleichterung der Niederlassungsfreiheit besteht ( diese Auffassung wurde auch von der beschließenden Kammer seit jeher geteilt ).

9Vor diesem Hintergrund aber kann dieser deutlich auf den konkreten Einzelfall bezogenen Entscheidung des Gerichtshofs nicht die generelle Aussage entnommen werden, dass ein Gebrauchmachen von der Ausnahmeermächtigung des Art. 8 Abs. 2 EWGRL 439/91 ungeachtet des auch der Verkehrssicherheit dienenden Zwecks der Richtlinie und ungeachtet der Frage eines Rechtsmissbrauchs auch dann grundsätzlich richtlinienwidrig sein soll, wenn offensichtlich eine medizinisch-psychologische Überprüfung der Fahreignung durch den anderen Mitgliedstaat vor Ausstellung der neuen Fahrerlaubnis überhaupt nicht stattgefunden hat, wenn dem anderen Mitgliedstaat - auch wegen Fehlens eines europaweiten Registers - der vorangegangene Entzug der deutschen Fahrerlaubnis bzw. der freiwillige Verzicht auf die Fahrerlaubnis zum Zeitpunkt der Erteilung der neuen Fahrerlaubnis gar nicht bekannt war oder gar vorsätzlich verschwiegen wurde oder wenn schließlich zu keinem Zeitpunkt ein dauerhafter Wohnsitz des Fahrerlaubnisinhabers in dem anderen Mitgliedstaat bestand ( zum Wohnsitzerfordernis vgl. Art. 7 Abs. 1b und 9 EWGRL 439/91 ), das heißt wenn sich der betreffende Inhaber nach vorangegangenem Entzug der deutschen Fahrerlaubnis die ausländische Fahrerlaubnis ausweislich solcher Umstände ganz offensichtlich allein zu dem Zweck beschafft hat, die Folgen des Entzugs seiner nationalen Fahrerlaubnis zu umgehen, indem er sich unter rechtsmissbräuchlicher Berufung auf das europarechtliche Gegenseitigkeitsprinzip der Richtlinie einer nunmehr durch die ausländische Fahrerlaubniserteilung angeblich dokumentierten Wiedererlangung seiner Fahreignung berühmt ( Beschluss der Kammer vom 28.07.2006, a.a.O.; im Wesentlichen ebenso VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.07.2006, NJW 2007, 99, Hess. VGH, Beschluss vom 03.08.2006, NJW 2007, 102, OVG Meckl.-Vorp., Beschluss vom 29.08.2006, NJW 2007, 1154, Thür. OVG, Beschluss vom 29.06.2006 - 2 EO 240/06 -, VRS 111, 288, und VG Freiburg, Beschluss vom 01.06.2006, VBlBW 2006, 396, m.w.N.; vgl. auch Hailbronner/Thoms, NJW, 2007,

1089, 1092; einschränkend Hamb. OVG, Beschluss vom 22.11.2006, NJW 2007, 1160; a. A. Schlesw.-Holst. OVG, Beschluss vom 20.06.2006 - 4 MB 44/06 - und OVG Rhld.-Pf., Beschluss vom 15.08.2005, NJW 2005, 3228 ).

10Solche Umstände liegen hier in mehrfacher Hinsicht vor.

11Zum einen hat der Antragsteller trotz ausdrücklicher Bitte des Kammervorsitzenden seine Behauptung, er habe in der Zeit vom 01.01.2003 bis zum 03.05.2004 seinen (polizeilichen) Wohnsitz in Frankreich gehabt, nicht belegt. Allein die Vorlage eines Formulars, mit dem er sich in Freiburg nach F-... A...., 2, Rue de I..., abgemeldet hat, belegt nicht, dass er sich tatsächlich unter der angegebenen Adresse in Frankreich angemeldet hat. Soweit der Antragsteller die fehlende Vorlage der Anmeldebescheinigung damit begründet hat, er habe sie in der Kürze der Zeit nicht auffinden können, kommt dem nach Ablauf von mehr als einem Monat keine Bedeutung (mehr) zu. Darüber hinaus hat der Antragsteller auch den Grund, der ihn zu einem Umzug nach Frankreich veranlasst hat, nicht hinreichend belegt. Insbesondere spricht Vieles dafür, dass dieser Umzug nicht durch einen europarechtlich relevanten Umstand (wie Erwerbstätigkeit in Frankreich oder dergleichen) veranlasst war. Im Gegenteil, die Nähe des angeblichen französischen Wohnorts zu Deutschland von höchstens zwei Kilometern spricht dafür, dass die sonstigen Lebensumstände des Antragstellers und seine Beziehungen zu Deutschland im Wesentlichen erhalten geblieben sind. Bei einer Gesamtbetrachtung aller hierfür bedeutsamen Gesichtspunkte liegt hiernach die Annahme nahe, dass der Antragsteller sich nur deshalb "über die Grenze" nach Frankreich begeben hat, um dort der strengen Überprüfung seiner Kraftfahreignung in Deutschland aus dem Weg zu gehen.

12Zum anderen geht die Kammer aber - vor allem - auch deshalb von einer rechtsmissbräuchlichen Umgehung der Anforderungen an den Erwerb einer Fahrerlaubnis in Deutschland aus, weil sie zumindest mit der im vorliegenden vorläufigen Rechtsschutzverfahren erforderlichen Wahrscheinlichkeit ausschließt, dass der Antragsteller der zuständigen französischen Fahrerlaubnisbehörde alle für die Erteilung einer Fahrerlaubnis erforderlichen Tatsachen mitgeteilt hat ( vgl. hierzu VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.07.2006, und OVG Meckl.-Vorp., Beschluss vom 29.08.2006, jew. a.a.O. ). Zu diesen Tatsachen, deren Kenntnis auch für die französische Behörde bedeutsam gewesen wäre, zählen u. a., dass der Antragsteller (zumindest) früher, wie er selbst mehrfach eingeräumt hat, alkoholkrank gewesen ist, dass ihm im Jahr 1999 von einem deutschen Gericht die Fahrerlaubnis entzogen wurde - in der Anamnese bei der medizinisch-psychologischen Begutachtung im Februar 2000 hatte der Antragsteller selbst erwähnt, dass das bereits im Jahr 1978 schon einmal der Fall war -, dass er danach zweimal vergebens eine neue Fahrerlaubnis beantragt hat, dass ihm in zwei medizinisch-psychologischen Gutachten bescheinigt worden ist, er sei auch gegenwärtig noch alkoholkrank bzw. -abhängig, und - vor allem auch - dass er nach der zweiten vergeblichen Beantragung einer neuen Fahrerlaubnis im Sommer 2001 wieder damit aufgefallen ist, dass er betrunken (mit einer BAK von 1,74 %o) im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug geführt und dabei einen Verkehrsunfall verursacht hat, weshalb er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Dass der Antragsteller all diese Tatsachen der französischen Fahrerlaubnisbehörde mitgeteilt hat, behauptet er selbst nicht. Das liefe auch seiner auch in diesem Verfahren zum Ausdruck gebrachten Auffassung zuwider, wonach sein Alkoholproblem der Vergangenheit angehöre und er heute abstinent lebe. Wer so denkt, wird es nicht für erforderlich halten, einer Fahrerlaubnisbehörde von sich aus von seinen "früheren" Alkoholproblemen und den daraus folgenden Bedenken an seiner Kraftfahreignung zu berichten. Abgesehen davon geht die Kammer davon aus, dass auch die französische Fahrerlaubnisbehörde ( entsprechend ihrer Verpflichtung aufgrund von Nr. 14 des Anhangs III zu Art. 7 Nr. 1a EWGRL 439/91 ) weitere Nachweise über die Kraftfahreignung in Form ärztlicher Stellungnahmen und Gutachten gefordert hätte, wenn sie von den fahrerlaubnisrelevanten Vorfällen in der Vergangenheit des Antragstellers Kenntnis gehabt hätte. Dass solche Nachweise verlangt worden wären, hat der Antragsteller selbst nicht behauptet, was zumindest in diesem Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes nur den Schluss zulässt, dass er diese Vorfälle gegenüber der französischen Fahrerlaubnisbehörde verschwiegen hat.

13Unter Berücksichtigung all dieser Umstände liegt es nach Auffassung der Kammer auf der Hand, dass der Antragsteller durch die Beantragung einer Fahrerlaubnis bei einer französischen Behörde die deutschen Voraussetzungen für die Wiedererteilung einer Fahrerlaubnis rechtsmissbräuchlich umgangen hat, weil ihm aufgrund mehrerer vergeblicher Versuche klar war, dass er unter den gegebenen Umständen, die keine deutliche Abkehr von seinem Alkoholkonsum erkennen ließen, keine Chance haben würde, auf absehbare Zeit in Deutschland eine Fahrerlaubnis zu erhalten. Im Fall eines solchen Rechtsmissbrauchs hat der in der 2. EU- Führerschein-Richtlinie niedergelegte Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung von Fahrerlaubnissen, die von

anderen Mitgliedstaaten der EU erteilt wurden, ausnahmsweise aus Gründen der Verkehrssicherheit zurückzutreten ( siehe oben ).

14Angesichts dieser Rechtslage, die nach den vorstehenden Ausführungen im Einklang steht mit der 2. EU- Führerschein-Richtlinie, kann es dahingestellt bleiben, ob die (neue) Richtlinie 2006/126/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20.12.2006 ( ABl. L 403/18 ff. ) - EGRL 2006/126 (3. EU-Führerschein- Richtlinie) - weitergehende Ausnahmen vom Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung von EU- Fahrerlaubnissen in anderen Mitgliedstaaten normiert und nach Art. 11 Nr. 4 Abs. 2 EGRL 2006/126 sogar geböte, dass ein Mitgliedstaat der EU in einem Fall wie dem vorliegenden einer Fahrerlaubnis die Anerkennung versagt ( vgl. hierzu Hess. VGH, Beschluss vom 19.02.2007 - 2 TG 13/07 -; Hailbronner/Thoms, a.a.O.; Geiger, DAR 2007, 126; Thoms, DAR 2007, 287 ). Gegen eine Anwendung von Art. 11 Nr. 4 Abs. 2 EGRL 2006/126 dürfte im Übrigen sprechen, dass diese Vorschrift nach Art. 18 Abs. 2 EGRL 2006/126 wohl erst ab dem 19.01.2009 gilt ( ebenso Thoms, DAR, 2007, 287; nach Geiger, DAR 2007, 126, der seine Meinung mit Art. 13 Nr. 1 Abs. 2 und Art. 16 Nrn. 1 und 2 EGRL 2006/126 begründet, sogar erst ab dem 19.01.2013 ). Soweit das Verwaltungsgericht Düsseldorf ( im Beschluss vom 05.02.2007, DAR 2007, 27 9) bereits jetzt aufgrund von Art. 7 Nr. 5 Abs. 2, 2. Halbsatz und Art. 11 Nr. 2 EGRL 2006/126 eine entsprechende Einschränkung des Anerkennungsgrundsatzes annimmt, vermag die Kammer dem nicht zu folgen. Denn Art. 7 Nr. 5 EGRL 2006/126, der zwar nach Maßgabe von Art. 18 EGRL 2006/126 bereits seit dem 19.01.2007 gilt, regelt nicht den Fall der Anerkennung einer in einem anderen Mitgliedstaat ausgestellten Fahrerlaubnis, und Art. 11 Nr. 2 EGRL 2006/126 dürfte angesichts der wörtlichen Übereinstimmung mit der bisherigen Vorschrift in Art. 8 Abs. 2 EWGRL 439/91 (2. EU-Führerschein-Richtlinie) keine Änderung der Rechtslage bewirken ( ebenso Thoms, DAR 2007, 287 ). Ebenfalls kann es dahingestellt bleiben, ob die 3. EU-Führerschein-Richtlinie im Hinblick auf den mit ihr verfolgten Zweck, dem EU-Führerscheintourismus entgegenzuwirken, lediglich eine Klarstellung des schon bisher geltenden Rechts bezweckt, so dass Art. 8 Abs. 2 EWGRL 439/91 bereits jetzt im Lichte des neuen Art. 11 EGRL 2006/126 auszulegen ist ( vgl. hierzu Hess. VGH, Beschl. vom 19.02.2007, a.a.O. ).

153. Aber selbst dann, wenn im Hinblick auf die europarechtlichen Fragen die Erfolgsaussichten des Rechtsschutzantrags als offen zu bewerten wären, bliebe der Antrag hier ohne Erfolg. Denn die dann gebotene reine Interessenabwägung geht zu Lasten des Antragstellers. Schließlich ist weiter davon auszugehen, dass dieser als ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeugs anzusehen ist. Insgesamt überwiegt deshalb im vorliegenden Fall das hochrangige öffentliche Interesse am Schutz von Gesundheit und Leben der anderen Verkehrsteilnehmer das entgegenstehende private Interesse des Antragstellers an der Ausnutzung seiner französischen Fahrerlaubnis während der Dauer des Widerspruchsverfahrens und eines sich eventuell anschließenden Klageverfahrens. Das gilt auch dann, wenn der Antragsteller zur Bestreitung seines Lebensunterhalts auf die Benutzung von Kraftfahrzeugen angewiesen sein sollte.

16Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO, die Streitwertfestsetzung auf den §§ 52 Abs. 2, 53 Abs. 3 Nr. 2 und 63 Abs. 2 GKG; die Kammer orientiert sich dabei am Streitwertkatalog für die Verwaltungsgerichtsbarkeit ( NVwZ 2004, 1327, Nrn. 1.5 und 46.3 ), der für Hauptsacheverfahren bei einer Fahrerlaubnis der vorliegenden Art den Auffangstreitwert, das heißt 5.000,-- EUR, vorsieht. Dieser Betrag ist für das vorliegende vorläufige Rechtsschutzverfahren zu halbieren.

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