Urteil des VG Düsseldorf vom 27.06.2006, 2 K 2681/06.A

Aktenzeichen: 2 K 2681/06.A

VG Düsseldorf: politische verfolgung, auskunft, demonstration, bundesamt für migration, brücke, gefahr, persönliche freiheit, anhörung, anerkennung, flucht

Verwaltungsgericht Düsseldorf, 2 K 2681/06.A

Datum: 27.06.2006

Gericht: Verwaltungsgericht Düsseldorf

Spruchkörper: 2. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 2 K 2681/06.A

Tenor: Die Klage wird abgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens, für das Gerichtskosten nicht erhoben werden.

Tatbestand: 1

2Der am 00.0.1973 geborene Kläger ist iranischer Staatsangehöriger muslimischen Glaubens und azerischer Volkszugehörigkeit.

3Er verließ nach eigenen Angaben den Iran am 28. November 2000, reiste am 9. Dezember 2000 auf dem Landweg in die Bundesrepublik Deutschland ein und stellte am 12. Dezember 2000 beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (nunmehr: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge; nachfolgend: Bundesamt) einen Asylantrag. Bei seiner persönlichen Anhörung vor dem Bundesamt trug der Kläger im Wesentlichen wie folgt vor: Er habe die Schule nach der 9. Klasse im Jahre 1990 beendet, von 1991 bis 1993 seinen Militärdienst geleistet und eine Berufsausbildung als Teppichrestaurateur absolviert. Außerdem sei er als Schweißer angelernt worden, weil sein Vater diesen Beruf ausübe. Er habe auch in beiden Berufen gearbeitet.

4Er sei am 12. November 2000 mit der Familie und zwei weiteren Freunden nach Isfahan zur Hochzeitsfeier eines Arbeitnehmers seines Vaters namens N1 eingeladen gewesen. Sie seien mit zwei Autos hingefahren. Nachdem sie dort einen Tag verbracht hätten, habe der Gastgeber am darauf folgenden Tag von den Verwandten verlangt, dass sie sie durch die Stadt führten. Sie seien morgens zu acht Personen losgefahren und wollten abends zur Hochzeitsfeier. Als sie unterwegs in der Höhe der sog. 33-Säulen- Brücke vorbei gekommen seien, hätten sie eine Demonstration beobachtet, an der etwa 400 Personen teilgenommen hätten. Es habe auch eine Schlägerei mit Sicherheitskräften stattgefunden. Sie seien aus den Autos ausgestiegen und hätten sich spontan daran beteiligt. Plötzlich seien zwei Sicherheitsleute in Uniform erschienen, die eine andere Person und ihn selbst von hinten angegriffen und mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen hätten. Als die anderen der acht Personen das beobachtet

hätten, seien sie ihnen zu Hilfe gekommen. Sie hätten dann gemeinsam die beiden uniformierten Sicherheitskräfte verprügelt und entwaffnet. Die Waffen hätten sie unterwegs weggeworfen und seien zu ihren Autos gerannt. Zwischenzeitlich seien weitere Ordnungskräfte der Bassidj eingetroffen und hätten ihre Autos umzingelt. Zwei aus ihrer Gruppe seien bei einem Fluchtversuch festgenommen worden, wohingegen die anderen zu Fuß hätten fliehen können. Sie seien durch mehrere Gassen gerannt, bis sie zu einer Hauptstraße gelangt seien, wo sie ein Taxi genommen hätten, das sie zu einem zentralen Punkt, einer Art Mitfahrzentrale, gefahren habe. Dort hätten sie sich ein Auto gemietet, mit dem sie sich nach Teheran hätten fahren lassen. Dort seien sie zu einem Verwandten gegangen, den sie am nächsten Tag zu seinem Vater - dem Vater des Klägers - geschickt hätten, damit dieser in Erfahrung bringe, wo sich die anderen befinden. Zwei Tage später hätten sie diesen Verwandten erneut los geschickt. Bei seiner Rückkehr habe er mitgeteilt, dass die beiden Freunde immer noch inhaftiert seien und man nach ihnen suche. Sie seien fünfzehn Tage lang bei dem Verwandten in Teheran geblieben, hätten sich mit einem Schlepper getroffen und seien dann auf dem Landweg in einem LKW nach Deutschland geflüchtet.

5Mit Bescheid vom 15. Mai 2003, dem Kläger zugestellt am 12. Juni 2003, lehnte das Bundesamt das Asylbegehren des Klägers ab und stellte fest, das die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG und Abschiebungshindernisse nach § 53 AuslG nicht vorliegen, und forderte ihn auf, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb eines Monats nach dem unanfechtbaren Abschluss des Asylverfahrens zu verlassen. Gleichzeitig drohte es für den Fall der Nichtbefolgung die Abschiebung in den Iran oder in einen anderen Staat an, in den er einreisen dürfe oder der zu seiner Rückübernahme verpflichtet sei. Zur Begründung führte es im Wesentlichen wie folgt aus:

6Ein Anspruch auf Anerkennung als Asylberechtigter gemäß Artikel 16a Abs. 1 GG komme nicht in Betracht, da der Kläger eigenen Angaben zufolge auf dem Landweg und damit über einen sicheren Drittstaat eingereist sei. Die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG lägen ebenfalls nicht vor. Es bestünden erhebliche Zweifel an der Wahrheit des Vorbringens in seiner Gesamtheit. Es sei nicht nachvollziehbar und absolut lebensfremd, dass der bis dahin völlig unbescholtene Kläger quasi ohne jede Veranlassung an einer gewalttätigen Auseinandersetzung teilgenommen haben solle. Dies gelte um so mehr, da er bis dahin im Iran in einem Klima des Misstrauens und unter der Angst vor Übergriffen der ständig gewaltbereiten Sicherheitskräfte gelebt habe und sich deshalb der besonderen Gefahrensituation bewusst gewesen sein müsse. Zudem seien die Asylanträge der anderen angeblich an diesem Ereignis beteiligten Verwandten und Bekannten des Klägers in gleichem Umfang wegen mangelnder Glaubhaftmachung abgelehnt worden. Selbst wenn man aber zu Gunsten des Klägers seine Angaben als wahr unterstelle, führe sein Vorbringen, er habe als Teilnehmer einer Demonstration Sicherheitskräfte verletzt und entwaffnet, nicht zu einem für ihn günstigeren Ergebnis im Asylverfahren. Denn es sei jedenfalls keine asylerhebliche Verfolgung geltend gemacht. Abschiebungshindernisse lägen ebenfalls nicht vor.

7Der Kläger hat am 20. Juni 2003 die vorliegende Klage beim Verwaltungsgericht Aachen erhoben, mit der er sein Begehren weiter verfolgt, wobei er die Klage wegen der Einreise auf dem Landweg auf die Feststellung eines Bleiberechts beschränkt und eine Anerkennung als Asylberechtigter nach Art. 16a GG ausdrücklich nicht anstrebt, wie die Prozessbevollmächtigte des Klägers auf entsprechende Nachfrage in der mündlichen Verhandlung nochmals bestätigt hat. Zur Begründung seiner Klage trägt der Kläger ergänzend wie folgt vor: Er habe den Iran gemeinsam mit drei Verwandten verlassen,

die ebenfalls einen Asylantrag gestellt hätten: Es handele sich um seinen Cousin L (2 K 2676/06.A), seinen Onkel L1 (2 K 2679/06.A) und einen Halbonkel namens Q, zu dem er keinen Kontakt mehr habe.

8Er sei im Alter von 17 Jahren mit einem Mädchen erwischt und bestraft worden. Im Alter von 18 Jahren habe er Alkohol ausprobiert, sei erwischt und daraufhin ausgepeitscht worden. Anlässlich der Studentendemonstrationen im Jahre 2000 sei er zu alt gewesen, um sich daran zu beteiligen, zu jung jedoch, um sich nicht mehr für die Freiheit zu interessieren. Er sei neugierig gewesen und habe gehofft, dass die Jugend Erfolg habe. Dies habe zur Festnahme und zu Schlägen geführt, daraufhin sei er entlassen worden. Es sei nur in diesem Zusammenhang zu verstehen, dass er sich anlässlich der spontanen Demonstration in Isfahan in ähnlicher Weise eingemischt habe. Man sei zur Hochzeit eines Bekannten nach Isfahan gefahren. Hochzeiten würden im Iran immer an zwei Tagen gefeiert, wobei am ersten Tag die männlichen Gäste mit dem Bräutigam in dessen Haus feierten und die weiblichen Gäste bei der Braut. Der zweite Tag sei von der Trauungszeremonie und einem anschließenden gemeinsamen Fest geprägt. Der Morgen dieses zweiten Tages, der 12. (13.) November 2000, sei nicht verplant gewesen, so dass sich die aus Teheran angereisten Gäste zu einer Fahrt in die Stadt aufgemacht hätten. Insoweit sei die Angabe im Protokoll der Anhörung beim Bundesamt zu korrigieren, soweit dort von acht Personen die Rede sei. Er habe von sechs Personen gesprochen, nämlich die vier Personen, die gemeinsam nach Deutschland geflüchtet seien, sowie zwei weitere Freunde, die im Iran festgenommen worden seien. Man sei bei der Fahrt durch die Stadt an der berühmten 33-Säulen-Brücke vorbei gekommen und in unmittelbarer Nähe der Brücke auf eine Demonstration aufmerksam geworden. Man habe die beiden Autos abgestellt und sich zu sechst dorthin begeben, um zu schauen, warum und weshalb dort demonstriert wurde. Es habe sich um eine Menschenmenge von etwa 400 Personen gehandelt. Es seien zwar bereits einige Sicherheitskräfte zu sehen gewesen, aber da sie nur zuschauen wollten, seien die wenigen Sicherheitskräfte kein Anlass gewesen, sich zurückzuziehen und zu verschwinden. Vielmehr sei die Demonstration der Grund gewesen, sich dort anzuschließen, wo zunächst keine Sicherheitskräfte zu sehen gewesen seien, um ihren Unmut gegen das Regime zum Ausdruck zu bringen. Die ersten Sicherheitskräfte hätten sich völlig ruhig verhalten, wahrscheinlich angesichts ihrer Unterzahl im Vergleich zu der dort protestierenden Menge. Erst später, als die Sicherheitskräfte sich genähert hätten, sei es zu Angriffen auf die Demonstranten durch die Sicherheitskräfte und zu Schlägereien gekommen. Erst zu diesem Zeitpunkt sei von hinten auf ihn und wohl auf seinen Onkel, Herrn L1, eingeprügelt worden; vermutlich mit einem Gewehrkolben. Sie hätten dann zu sechst die beiden Bassidj gewaltsam entwaffnet und die Flucht ergriffen, wobei sie unterwegs die Waffen weggeworfen hätten. Er habe in Erinnerung, dass die beiden Freunde, die vorneweg gelaufen seien, bereits an den Autos angekommen waren und dort von den Bassidj festgenommen worden seien. Als er dies in einiger Entfernung gesehen habe, sei er abgebogen, nicht weiter auf das Auto zugelaufen, sondern durch mehrere Gassen gerannt, wobei die anderen drei ihm gefolgt seien. Auf der Hauptstraße hätten sie ein Taxi zum sogenannten Terminal genommen. Dort hätten sie einen PKW gefunden, der sie nach Teheran gebracht habe. Unterwegs hätten sie beratschlagt und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass es zu gefährlich sei, sich zur eigenen Wohnung fahren zu lassen, weshalb sie sich dafür entschieden hätten, zu den nächsten Verwandten zwischen Isfahan und Teheran fahren zu lassen. Dies sei sein Schwiegervater gewesen. Sein Schwiegervater habe sich dann am nächsten Tag zu seinem Vater - des Klägers - begeben, um Näheres in Erfahrung zu bringen. Er habe auf diesem Wege erfahren, dass die Freunde in Isfahan auch zwei Tage danach nicht

zurückgekehrt seien und die ersten Sicherheitskräfte in seinem Elternhaus aufgetaucht seien und nach ihm gefragt hätten. Daraufhin hätten sie sich gemeinsamen zur Flucht entschlossen und Kontakt zu einem Schlepper aufgenommen. Dann seien sie gemeinsam wie beschrieben in einem LKW-Container nach Deutschland geflohen.

9Er habe durch einige Telefonate mit seiner Familie erfahren, dass auch ein zweites Mal nach ihm gesucht worden sei. Dies sei etwa fünf bis sechs Monate nach seiner Flucht gewesen. Seinen Vater habe man damit bedroht, dass man ihn in Haft nehmen würde, wenn er den Aufenthalt seines Sohnes nicht bekannt gebe, gleichwohl habe er das Komitee wieder unbehelligt verlassen können. Seither seien weder sein Vater noch seine Ehefrau behelligt worden.

10Er habe sich in der Bundesrepublik Deutschland der „Constitutionalist Party of Iran" (CPI) angeschlossen und an zahlreichen Demonstrationen und Veranstaltungen gegen das iranische Regime teilgenommen. Hierzu hat er mehrere Zeitungsberichte, Fotos, Ausdrucke aus dem Internet sowie ein Schreiben der CPI vom 0.0. 2006 zur Gerichtsakte gereicht. Des weiteren hat der Kläger eine Bescheinigung der CPI vom 00.0.2006 vorgelegt, wonach er seit dem 00.0. 2005 ordentliches Mitglied der CPI- Sektion B und deren 2. Vorsitzender sei. Nicht zuletzt hat der Kläger unter dem 00.0.2006 gemeinsam mit Herrn L in B einen Informationsstand beantragt.

Der Kläger beantragt, 11

12die Beklagte unter entsprechend teilweiser Aufhebung des Bescheides des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vom 15. Mai 2003 zu verpflichten, festzustellen, das in seiner Person die Voraussetzung des § 60 Abs. 1 AufenthG hinsichtlich des Iran vorliegen,

hilfsweise, 13

14festzustellen, dass in seiner Person Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG hinsichtlich des Iran vorliegen.

15Die Beklagte beantragt unter Bezugnahme auf den angefochtenen Bescheid schriftsätzlich,

die Klage abzuweisen. 16

17Das Verfahren ist zum 1. April 2006 durch das Zwölfte Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Ausführung der Verwaltungsgerichtsordnung im Lande Nordrhein- Westfalen (GV. NRW. 2006 S. 107) in die Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts Düsseldorf übergegangen.

18Der Kläger ist in der mündlichen Verhandlung eingehend zu seinen Asylgründen gehört worden. Wegen seines Vorbringens wird auf die Sitzungsniederschrift verwiesen.

19Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakten und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge der Beklagten sowie der Ausländerbehörde dieses Verfahrens sowie der Verfahren 2 K 2676/06.A und 2 K 2679/06.A Bezug genommen.

Entscheidungsgründe: 20

21Das Gericht kann durch den Einzelrichter entscheiden, nachdem ihm der Rechtsstreit durch Beschluss der Kammer vom 4. Mai 2006 zur Entscheidung übertragen worden ist 76 Abs. 1 AsylVfG).

Die Klage hat keinen Erfolg. Sie ist zulässig, aber unbegründet. 22

23Der - teilweise - angefochtene Bescheid des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vom 15. Mai 2003 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (vgl. § 113 Abs. 1 und 5 VwGO). Der Kläger hat im maßgebenden Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung 77 Abs. 1 Satz 1 Halbsatz 1 AsylVfG) keinen Anspruch auf die Feststellung, dass in seiner Person die Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG oder Abschiebungsverbote gemäß § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG hinsichtlich des Iran vorliegen.

24Dem Kläger steht kein Anspruch auf Feststellung der Voraussetzungen für die Gewährung von Abschiebungsschutz für politische Verfolgte nach § 60 Abs. 1 AufenthG zu. Danach darf ein Ausländer nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist. Die Voraussetzungen nach § 60 Abs. 1 AufenthG sind, soweit sie die Verfolgungshandlung, die geschützten Rechtsgüter und den politischen Charakter der Verfolgung betrifft, deckungsgleich mit den Voraussetzungen des Anspruchs nach Art. 16a Abs. 1 GG auf Anerkennung als Asylberechtigter.

25Vgl. Bundesverwaltungsgericht (BVerwG), Urteil vom 18. Februar 1992 - 9 C 59/91 -, NVwZ 1992, 892 und vom 18. Januar 1994 - 9 C 48/92 -, NVwZ 1994, 497; Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen (OVG NRW), Urteile vom 30. April 1992 - 16 A 1193/91.A - und vom 4. Juni 1992 - 16 A 2543/91.A -; jeweils zu § 51 Abs. 1 AuslG a.F.

26§ 60 Abs. 1 AufenthG setzt demnach - wie Art. 16 a Abs. 1 GG - eine gegenwärtige Verfolgungsbetroffenheit voraus. Dem Ausländer muss politische Verfolgung bei verständiger Würdigung aller Umstände seines Falles mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit drohen, sodass es ihm nicht zumutbar ist, in sein Heimatland zurückzukehren.

27Vgl. BVerwG, Urteil vom 3. November 1992 - 9 C 21/92 -, BVerwGE 91, 151, 154 - zu § 51 Abs. 1 AuslG a.F.

28Über das Vorliegen einer mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit gegebenen Gefahr politischer Verfolgung entscheidet eine wertende Gesamtbetrachtung aller möglichen verfolgungsauslösenden Gesichtspunkte, wobei in diese Gesamtschau im Rahmen der Prüfung des Abschiebungsschutzes nach § 60 Abs. 1 AufenthG - anders als bei der Feststellung einer Asylberechtigung nach Art. 16 a Abs. 1 GG - alle Verfolgungsumstände einzubeziehen sind, unabhängig davon, ob sie schon im Verfolgungsstaat bestanden oder erst in Deutschland entstanden oder von dem Ausländer selbst geschaffen wurden oder ob ein Kausalzusammenhang zwischen dem nach der Flucht eingetretenen Verfolgungsgrund und entsprechenden, schon im Heimatland bestehenden Umständen gegeben ist.

29Vgl. BVerwG, Urteil vom 18. Februar 1992 - 9 C 59/91 -, a.a.O. - zu § 51 Abs. 1 AuslG a.F.

30Politisch verfolgt in diesem Sinne ist, wem selbst - in seiner Person - von seinem Heimatstaat gezielt intensive, ihn aus der übergreifenden Friedensordnung des Staates ausgrenzende Rechtsverletzungen zugefügt worden sind oder unmittelbar drohen, die in Anknüpfung an asylerhebliche Merkmale, d.h. aus Gründen, die allein in seiner politischen Überzeugung, seiner religiösen Grundentscheidung oder in anderen, für ihn unverfügbaren Merkmalen liegen, welche sein Anderssein prägen, Leib und Leben gefährden oder die persönliche Freiheit besonders beschränken.

31Vgl. Bundesverfassungsgericht (BVerfG), Beschluss vom 14. Mai 2003 - 2 BvR 134/01 -, NVwZ 2003, Beilage Nr. I 10, 84 m.w.N.; BVerwG, Urteil vom 15. Mai 1990 - 9 C 17/89 -, BVerwGE 85, 139 (140 f.). Beschluss vom 10. Juli 1989 - 2 BvR 502/86 u.a. -, BVerfGE 80, 315 (334 ff.); Beschluss vom 1. Juli 1987 - 2 BvR 478/86 u.a. -, BVerfGE 76, 143 (157 f.).

32Wer in diesem Sinne politisch verfolgt ist, genießt Asylrecht, es sei denn, dass bei einer Rückkehr des Asylsuchenden in diesen Staat eine Wiederholung von Verfolgungsmaßnahmen mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen wäre.

33Vgl. BVerfG, Beschluss vom 2. Juli 1980 - 1 BvR 147, 181, 182/80 -, BVerfGE 54, 341; BVerwG, Urteil vom 31. März 1981 - 9 C 237.80 -, Buchholz, Sammel- und Nachschlagewerk der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, 402.24 § 28 AuslG Nr. 27.

34Es obliegt dem Asylsuchenden, die Voraussetzungen für seine Anerkennung glaubhaft zu machen. Er muss in Bezug auf die in seine eigene Sphäre fallenden Ereignisse und persönlichen Erlebnisse eine Schilderung geben, die geeignet ist, seinen Anspruch auf Asylanerkennung lückenlos zu tragen. Hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhältnisse im Herkunftsland muss er Tatsachen vortragen, aus denen sich - als wahr unterstellt - hinreichende Anhaltspunkte für eine nicht entfernt liegende Möglichkeit politischer Verfolgung für den Fall seiner Rückkehr in das Herkunftsland ergeben.

35Vgl. BVerwG, Urteil vom 22. März 1983 - 9 C 68.81 -, Buchholz 402.24 § 28 AuslG Nr. 44; Beschluss vom 21. Juli 1989 - 9 B 239/89 -, NVwZ 1990, S. 171.

36Ein in diesem Sinne schlüssiges Asylbegehren setzt im Regelfall zugleich voraus, dass der Asylsuchende konkrete Einzelheiten seines individuellen Verfolgungsschicksals vorträgt und sich nicht auf unsubstantiierte allgemeine Darlegungen beschränkt. Er muss nachvollziehbar machen, wieso und weshalb gerade er eine politische Verfolgung befürchtet.

37Vgl. BVerwG, Urteil vom 28. März 1984 - 9 C 981.81 -, Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 19.

38An der Glaubhaftmachung von Verfolgungsgründen fehlt es regelmäßig, wenn der Asylsuchende im Laufe des Verfahrens unterschiedliche Angaben macht und sein Vorbringen nicht auflösbare Widersprüche enthält, wenn seine Darstellungen nach der Lebenserfahrung oder auf Grund der Kenntnis entsprechender vergleichbarer

Geschehensabläufe unglaubhaft erscheinen oder er sein Vorbringen im Laufe des Asylverfahrens steigert, insbesondere, wenn er Tatsachen, die er für sein Asylbegehren als maßgebend bezeichnet, ohne vernünftige Erklärung erst spät in das Asylverfahren einführt.

39Vgl. hierzu BVerfG, Beschluss vom 29. November 1990 - 2 BvR 1095/90 -, InfAuslR 1991, S. 94 (95); BVerwG, Urteil vom 30. Oktober 1990 - 9 C 72.89 -, Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 135.

40In Anwendung dieser Maßstäbe und in Würdigung der in das Verfahren eingeführten Erkenntnisse und der beigezogenen Verfahrensakten ist das Gericht nicht zu der Überzeugung gelangt, dass der Kläger sein Heimatland aus begründeter Furcht vor unmittelbar drohender politischer Verfolgung verlassen hat und sich auch nach seiner Ausreise nicht in verfolgungserheblicher Weise betätigt hat.

41Der Kläger kann sich zunächst nicht mit Erfolg auf die von ihm erwähnten früheren Ereignisse berufen, wonach er im Alter von 17 Jahren mit einem Mädchen, im Alter von 18 Jahren wegen des Besitzes von Alkohol erwischt und bestraft worden sei und schließlich am 14. Juli 2000 im Zusammenhang mit den Studentenunruhen zum 18. Tir ohne erkennbaren Grund vor dem Laden seines Vaters festgenommen und festgehalten worden sei. Denn diese Vorgänge stehen auch nach dem Vorbringen des Klägers in keinem kausalen Zusammenhang mit seiner Ausreise aus dem Iran. Die beiden erstgenannten Vorgänge lagen zum Zeitpunkt der Ausreise des Klägers bereits einige Jahre, die angebliche Festnahme in Teheran immerhin bereits vier Monate zurück.

42Das weitere Vorbringen des Klägers einer ihm unmittelbar drohenden politischen Verfolgung im Zusammenhang mit der Teilnahme an einer regimefeindlichen Demonstration in Isfahan und einer Verwicklung in eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Bassidj am 13. November 2000 führt ebenfalls nicht zum Erfolg der Klage.

43Es bestehen bereits eine Reihe von Widersprüchen zwischen den Ausführungen des Klägers beim Bundesamt, im Rahmen seines Klagevorbringens und gegenüber den Angaben, die er bei seiner Anhörung in der mündlichen Verhandlung machte. Weitere Widersprüche ergeben sich aus einem Vergleich der Darstellungen des Klägers sowie des L (2 K 2676/06.A) und des L1 (2 K 2679/06.A). Diese beiden Personen, die nach übereinstimmenden Angaben mit dem Kläger von Teheran zu der Hochzeit nach Isfahan gefahren sind, dort dieselbe Demonstration erlebt haben und gemeinsam mit ihm aus dem Iran geflohen sind, sind am heutigen Tage in den Parallelverfahren 2 K 2676/06.A und 2 K 2679/06.A ebenfalls durch das Gericht in Anwesenheit u.a. der Prozessbevollmächtigten des Klägers angehört worden. Deren Anhörung war auch Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. Insgesamt sind die vorhandenen Widersprüche auch in zentralen Bereichen des Vortrags des Klägers in ihrer Gesamtheit von solchem Gewicht, dass das Gericht den Vortrag insgesamt für unglaubhaft erachtet.

44Im Einzelnen: Während der Kläger bei seiner Anhörung beim Bundesamt bei der Beschreibung des Tagesverlaufs des 13. November 2000 in Isfahan mehrfach erwähnte, dass sie zu acht Personen in der Stadt unterwegs gewesen seien, hat er zur Begründung seiner Klage im Schriftsatz vom 8. Juli 2003 ausdrücklich richtiggestellt, dass sie zu sechst unterwegs gewesen seien. In der mündlichen Verhandlung hat er auf Befragen unter Aufzählung der einzelnen Personen dargelegt, dass es sich tatsächlich

um acht Personen gehandelt habe, nämlich neben ihm um L, L1, Q, die mit ihm zusammen ausgereist sind, des weiteren die beiden Freunde aus Teheran D und I sowie zwei Freunde des Bräutigams aus Isfahan namens H und K.

45Auch im Hinblick auf die Fahrt zu den Sehenswürdigkeiten Isfahans gibt es widersprüchliche Angaben: L hat in der Klagebegründung ausgeführt, dass von den beiden Autos, mit denen die Gruppe durch Isfahan gefahren sei, eines der beiden Fahrzeuge einem der festgenommenen Gäste aus Teheran, das andere aber der Familie des Bräutigams aus Isfahan gehört habe, die es nach den Ereignissen ungefährdet wieder habe an sich nehmen können. In der mündlichen Verhandlung hingegen erklärte er ebenso wie der Kläger, es habe sich bei den Fahrzeugen um diejenigen gehandelt, mit denen man am Vortag aus Teheran angereist sei. Niemand wisse, was mit den beiden Autos geschehen sei, auch die Familien der beiden Fahrer wüssten nichts.

46Widersprüche ergeben sich des weiteren hinsichtlich der Stadtbesichtigung: Während L in der mündlichen Verhandlung ausgeführt hat, dass man während der Stadtbesichtigung in Isfahan bei Zwischenstopps mehrfach die Plätze zwischen den Fahrzeugen gewechselt habe, hat der Kläger auch auf Nachfrage in der mündlichen Verhandlung dargelegt, dass unterwegs die Autobesetzung nicht geändert worden sei.

47Darüber hinaus machte der Kläger unterschiedliche Angaben hinsichtlich der Situation, als die Gruppe an der Si-o-Se-Pol-Brücke (33-Bögen-Brücke) ankam. Während er bei seiner Anhörung beim Bundesamt angegeben hatte, dass er bereits bei der Ankunft an dieser Brücke eine Demonstration und Sicherheitskräfte gesehen hätten, unter denen eine Schlägerei stattgefunden habe und sie sich spontan daran beteiligt hätten, führte er in der Klagebegründung und der mündlichen Verhandlung aus, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Sicherheitskräfte erkennbar gewesen seien und sie sich deshalb der Demonstration angeschlossen hätten. Erst später sei es zu Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften gekommen. Gegenüber dem Gericht sprach er ohne Zögern von einer Zeitspanne von 20 bis 40 Minuten oder auch etwas weniger, bis die Gewalttätigkeiten eingesetzt hätten; jedenfalls seien zu dem Zeitpunkt, zu dem sie ausgestiegen seien, noch keine gewaltsamen Auseinandersetzungen festzustellen gewesen.

48Des weiteren besteht ein wesentlicher Unterschied in den Schilderungen, weshalb man angehalten habe und ausgestiegen sei. Nach den Angaben von L1 habe man nicht - wie dies der Kläger ausgeführt hat - wegen der zuvor vom Auto aus beobachteten Demonstration angehalten. Vielmehr habe man die Autos abgestellt und sei ausgestiegen, um sich in zwei Gruppen zu Fuß weitere Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Nach einer halben Stunde habe man sich an der Si-o-Se-Pol-Brücke treffen wollen. Erst, nachdem man sich zu Fuß der Brücke genähert habe, habe man die Demonstration dort bemerkt.

49Ein weiterer Widerspruch besteht hinsichtlich der Angaben zu der Auseinandersetzung mit den Bassidj: Der Kläger hat in seiner Anhörung beim Bundesamt ausgeführt, dass zwei Sicherheitsleute in Uniform eine andere Person und ihn selbst von hinten angegriffen und mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen hätten. Als die anderen der acht Personen das beobachtet hätten, seien sie ihnen zu Hilfe gekommen, und sie hätten dann gemeinsam die beiden uniformierten Sicherheitskräfte verprügelt und entwaffnet. In der mündlichen Verhandlung hat der Kläger auf entsprechendes

Befragen hingegen dargelegt, dass die Bassidj von links und von rechts von der Straße auf die Wiese vor der Brücke gekommen seien, um die Menge zusammenzutreiben und Leute festzunehmen. Als er jemanden habe rufen hören, dass die Bassidj da seien, seien sie weggelaufen, dabei jedoch von zwei Bassidj aufgehalten worden. Einer habe den L festgehalten und mit dem Gewehrkolben von hinten geschlagen. Demgegenüber hat L1 in seiner schriftlichen Klagebegründung wiederum angegeben, zwei Bassidj hätten einen aus ihrer Gruppe angegriffen und mit dem Gewehrkolben auf ihn eingeschlagen, wobei diesem die anderen zu Hilfe gekommen seien. L hat in der mündlichen Verhandlung hingegen ausgeführt, er sei zwar mehrfach mit einem Gewehrkolben am Rücken getroffen worden und habe sich gewehrt, doch habe ihm von den anderen keiner geholfen, weil alle mit eigenen Dingen beschäftigt gewesen seien. Außerdem widersprechen sich die Aussagen hinsichtlich der Frage, was nach der Schlägerei mit den „erbeuteten" Waffen passiert ist. Diese sind nach dem Vorbringen des L zu Boden gefallen und auf der Flucht nicht mitgenommen worden. Der Kläger dagegen führte aus, sie hätten beide Waffen mitgenommen und unterwegs weggeworfen.

50Uneinheitlich sind ferner die Angaben zum Zeitpunkt und den Umständen der Festnahme der zwei Teheraner Freunde. Der Kläger trug beim Bundesamt ebenso wie L hierzu vor, man habe Sicherheitskräften die Waffen abgenommen, nachdem diese zwei von ihnen festgenommen hätten, habe die Waffen weggeworfen und sei geflohen. Demgegenüber haben sie in der mündlichen Verhandlung berichtet, die beiden seien erst nach den Auseinandersetzungen mit den Bassidj verhaftet worden, als man sich schon auf der Flucht befunden habe und diese beiden bei ihren abgestellten Fahrzeugen eingetroffen seien.

51Widersprüchliche Angaben finden sich auch hinsichtlich der Kontaktaufnahme mit der Hochzeitsgesellschaft in Isfahan nach der Demonstration: L1 hat in der Klageschrift ausgeführt, man habe von Teheran aus in Isfahan angerufen und erfahren, dass die beiden Festgehaltenen nicht bei der Hochzeitsgesellschaft aufgetaucht seien. Während der mündlichen Verhandlung hingegen führte er ebenso wie der Kläger stattdessen aus, man habe aus Angst weder von Isfahan noch von Teheran aus Kontakt mit der Hochzeitsgesellschaft aufgenommen.

52Schließlich gibt es unterschiedliche Angaben zur Rückreise nach Teheran, die ausweislich der Klageschrift des L in einem von der Hochzeitsgesellschaft geliehenen Wagen erfolgte, nach den Erläuterungen des L und des Klägers vor Gericht aber in einem privaten Wagen von einem Pkw-Terminal aus.

53Bei all diesen Widersprüchen verkennt das Gericht nicht, dass sie ein Geschehen betreffen, das mehr als fünf Jahre zurückliegt. Hierbei handelt es sich um eine Zeitspanne, in der die Erinnerung an „normale" Geschehensabläufe verblasst. Vorliegend ist indes zu berücksichtigen, dass es hier um den Kernbereich des Asylvorbringens geht, der unmittelbarer Auslöser des Verlassens des Heimatlandes gewesen sein soll und für die Flüchtenden daher einschneidende Bedeutung hat. Schon deshalb stellt es ein für den Kläger und seine Verwandten herausragendes Ereignis dar, das sich besonders einprägt. Dieser Umstand gleicht den langen Zeitablauf bis zu den gerichtlichen Anhörungen im Rahmen der mündlichen Verhandlungen aus. Des weiteren wurde bei den Angaben des L1 berücksichtigt, dass dieser unter einer paranoiden Psychose leidet. Dies hat sich jedoch - soweit erkennbar - lediglich dahin ausgewirkt, dass er bei seinen Aussagen mehrfach blockierte und

angab, sich nicht mehr erinnern zu können. Soweit er aber Ausführungen gemacht hat, waren sie flüssig, zusammenhängend und zum Teil sogar von ihm mit dem Hinweis versehen, dies oder jenes genau zu wissen. Es besteht daher kein Anlass, seine Aussagen - soweit sie erfolgt sind - bei der Frage der Glaubhaftigkeit nicht zu verwerten.

Nach alledem steht zur Überzeugung des Gerichts fest, dass dem Vorbringen des Klägers nicht gefolgt werden kann und dieser nicht aufgrund unmittelbar drohender politischer Verfolgung aus dem Iran ausgereist ist.

55Auch die exilpolitischen Aktivitäten des Klägers für die monarchistische Organisation CPI führen nicht zur Feststellung der Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG.

56Für die Annahme einer Verfolgung im Fall der Rückkehr reicht nicht jede öffentlich zur Schau getragene Kritik, sondern nur ein nach außen hin in exponierter Weise für eine regimefeindliche Organisation erfolgtes Auftreten aus. Welche Anforderungen tatsächlicher Art an eine exilpolitische Tätigkeit gestellt werden müssen, damit diese als „exponiert" in diesem Sinne anzusehen ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Eine derartige Tätigkeit wird vielmehr durch die jeweils völlig unterschiedlichen konkretindividuellen Umstände des Einzelfalles geprägt.

57St. Rspr., vgl. OVG NRW, Beschluss vom 18. Januar 2005 - 5 A 3956/04.A - m.w.N.; ferner Sächsisches OVG, Urteil vom 5. Juni 2002 - 2 B 92/01 -; Hessischer VGH, Urteil vom 9. Juli 2003 - 11 UE 275/02.A -; Bayerischer VGH, Beschluss vom 2. Oktober 2003 - 14 ZB 03.31125 -; OVG Schleswig-Holstein, Urteil vom 23. Mai 2003 - 3 LB 9/03 -.

58Ausgangspunkt für die hiernach notwendige Differenzierung zwischen unbeachtlicher, öffentlich zur Schau getragener Kritik einerseits und beachtlichem exponiertem Auftreten in der Öffentlichkeit für eine regimefeindliche Organisation andererseits bildet die Erkenntnis, dass der iranische Geheimdienst in der Bundesrepublik Deutschland die regimefeindlichen/regimekritischen Aktivitäten iranischer (Exil-)Organisationen intensiv beobachtet und sich bemüht, die Mitglieder und/oder Anhänger dieser Organisationen sowie die Teilnehmer von Demonstrationen oder sonstigen öffentlichen Aktionen zu fotografieren und zu erfassen,

59vgl. OVG NRW, a.a.O., S. 11 m.w.N.; Auswärtiges Amt, Auskunft an das VG Trier vom 8. Februar 2000; Bundesamt für Verfassungsschutz, Auskunft an das VG Leipzig vom 23. August 2000; Auswärtiges Amt, Auskunft an das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht vom 28. Januar 2003; Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. August 2003 „Prozess wegen Spionage für Iran - Ehemaliger Vize-Konsul informierte Teheran über Oppositionelle".

60Indes kann nicht jeder in irgendeiner Weise exilpolitisch tätige Iraner namentlich erfasst werden. Vor allem aber ist in Rechnung zu stellen, dass den iranischen Behörden gerade auf Grund ihrer intensiven Beobachtungen bewusst ist, dass ein nach außen zum Ausdruck gebrachtes politisches Engagement vielfach nicht wirklich ernsthaft ist und nur zur Erlangung von Vorteilen im Asylverfahren an den Tag gelegt wird.

61

Vgl. OVG NRW, a.a.O., S. 11; Bundesamt für Verfassungsschutz, Auskunft an das VG Ansbach vom 2. Juli 1999, Auskunft an das VG Köln vom 11. Dezember 2000 und Auskunft an das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht vom 28. Januar 2003; Deutsches Orient-Institut, Auskunft an das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht 54

vom 26. Mai 2003; Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage im Iran vom 3. März 2004, S. 23.

62Angesichts dessen werden die iranischen Stellen die schwierigen und aufwändigen Ermittlungen zur Identifizierung von iranischen Asylsuchenden auf die diejenigen Personen beschränken, die auf Grund besonderer Umstände über die massentypischen und niedrigprofilierten Erscheinungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen wahrgenommen und/oder Aktivitäten entwickelt haben, die den jeweiligen Iraner aus der Masse der mit dem Regime in Teheran Unzufriedenen herausheben und als ernsthaften und gefährlichen Regimegegner erscheinen lassen,

63OVG NRW, a.a.O.; Deutsches Orient-Institut, Auskunft an das Schleswig- Holsteinische Verwaltungsgericht vom 26. Mai 2003.

64Dies schließt es von vorneherein aus, der - üblichen - Mitgliedschaft iranischer Asylsuchender in Exilorganisationen von im Iran verbotenen oppositionellen Parteien, der Teilnahme an Veranstaltungen dieser Organisationen, der Teilnahme an regimekritischen Demonstrationen und das hierbei übliche Tragen von Plakaten und sowie Rufen von Parolen, der Teilnahme an sonstigen regimekritischen Veranstaltungen, der - ebenfalls typischen - Betreuung von Büchertischen und dem Verteilen von Informations- und Propagandamaterial in Fußgängerzonen eine Bedeutung für die Feststellung einer Verfolgungsgefahr beizumessen,

vgl. OVG NRW, a.a.O. 65

66Hieran ändert auch die mehrfache Teilnahme an Demonstrationen nichts, da die Erhöhung der Quantität niedrig profilierter Tätigkeiten allein nicht zu einer Qualitätsänderung der Gesamtaktivität führt. Gerade der, der über einen längeren Zeitraum im Rahmen zahlreicher Veranstaltungsteilnahmen nach außen hin deutlich macht, dass er lediglich „dabei ist", liefert gegenüber dem iranischen Nachrichtendienst den Beweis, dass von ihm allenfalls Unzufriedenheit, nicht aber - gegebenenfalls im Zusammenwirken mit anderen - eine ernst zu nehmende Gefahr für das Mullah-Regime in Teheran ausgeht.

67Dies gilt auch für die monarchistische Exilopposition. Denn auch wenn diese Gruppen, die für das iranische Regime jahrelang kaum Bedeutung hatten, zwischenzeitlich als Sammlungsbewegung aller oppositioneller Bestrebungen, die sich im weitesten Sinne mit der Abschaffung der religiösen Diktatur und der Errichtung eines (westlichen) Systems politischer und bürgerlicher Freiheiten verbinden, erheblich an Gewicht gewonnen haben, kommt es hinsichtlich der Gefährdung eines Asylbewerbers dennoch darauf an, ob er in herausgehobener, nach außen sichtbarer Position tätig wird.

68Deutsches Orient-Institut, Auskunft an das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht vom 26. Mai 2003 und Auskunft an das VG Kassel vom 26. Mai 2003; Protokoll über Vernehmung des Sachverständigen Uwe Brocks am 11. März 2003 vor dem VG Wiesbaden - 4 E 1641/00.A(1) -; Urteil der Kammer vom 9. Mai 2006 - 2 K 3858/06.A -; sowie VG Düsseldorf, Urteil vom 6. April 2004 - 22 K 7796/02.A -, www.nrwe.de.

Soweit eine weitere Auskunft 69

- Gutachten des „Kompetenzzentrums Orient Okzident" des Geographischen Instituts der 70

Universität Mainz vom 19. August 2003 an das VG Wiesbaden -

71ein generelles Gefährdungspotential für Mitglieder monarchistisch- nationalistischer Organisationen annimmt, ist dem nicht zu folgen.

72Vgl. VG Düsseldorf, Urteile der Kammer vom 9. Mai 2006 - 2 K 3858/06.A - und vom 7. September 2004 - 2 K 8497/01.A -, www.nrwe.de.

73Denn zum einen erfolgt diese Einschätzung ohne jede weitere Begründung und ist deshalb angesichts der oben dargelegten ausführlichen Erkenntnisse nicht überzeugend. Zum anderen wurde das Gutachten ausweislich des Anschreibens auf der Grundlage von Recherchen im Iran sowie unter Exil-Iranern erstellt. Letzteres erscheint problematisch. Da zumindest in Deutschland lebende Exil-Iraner - soweit sie nicht aus asyl- oder ausländerrechtlichen Gründen bereits ein Aufenthaltsrecht besitzen - vielfach auf die Geltendmachung von Nachfluchtgründen und dabei insbesondere auf die Darlegung einer Gefährdung aufgrund „exilpolitischer Betätigung" angewiesen sind, erscheint die Aussagekraft dieses „Gutachtens" insoweit entsprechend gering.

74Soweit andererseits monarchistische Exilorganisationen nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes

- Auskunft an das VG Koblenz vom 23. Februar 2004 - 75

76seitens der iranischen Machthaber nicht als Gefahr für den Bestand des Regimes angesehen werden, da diese über keine erkennbaren politischen Bindungen in den Iran verfügten, ist diese Einschätzung im Lichte der neueren Erkenntnisse ebenfalls nicht überzeugend. Denn zum einen legen die oben zitierten neueren Gutachten des Deutschen Orient-Institutes gerade ausführlich dar, dass aufgrund der erheblichen Propaganda mittels Satellitenfernsehens der Einfluss monarchistischer Organisationen auch im Iran selbst zugenommen habe. Zum anderen setzt sich diese Einschätzung nicht mit den zitierten neueren Erkenntnissen des Deutschen Orient-Institutes auseinander und ist deshalb ebenfalls nicht geeignet, diese Einschätzung nachhaltig zu erschüttern.

77In Anwendung dieser Grundsätze ist der Kläger nicht zu den Personen zu zählen, die wegen eines exponierten Auftretens für eine regimefeindliche Organisation den iranischen Sicherheitsbehörden als ernsthafte Gefahr erschiene. Die von ihm ausgeübten exilpolitischen Tätigkeiten für die CPI führen nicht zur Annahme einer mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit bestehenden Gefährdung im Falle einer Rückkehr in den Iran. Nach den oben dargestellten Maßstäben erscheint es von vornherein ausgeschlossen, der Teilnahme an Kundgebungen und Veranstaltungen, der Mitwirkung an Informationstischen sowie dem Verteilen von Informationsschriften eine verfolgungsrelevante Bedeutung beizumessen. Auch die Mitgliedschaft und die Bekleidung der Funktion des 2. Vorsitzenden der CPI-Sektion B sowie die - erstmalige - Beantragung eines Informationsstandes bei der Stadt B am 00.0.2006 (und damit unmittelbar nach Erhalt der Ladung zur mündlichen Verhandlung) lässt den Kläger nicht über den Rahmen massentypischer und niedrig profilierter Erscheinungsformen exilpolitischen Protests hinausragen. Eine herausgehobene Position im oben genannten Sinne nimmt er auch als 2. Vorsitzender der genannten Sektion nicht ein, denn es ist nicht erkennbar, dass er in dieser Funktion eine herausgehobene Stellung im oben dargestellten Sinne einnimmt.

78Nichts anderes gilt für das Vorbringen des Klägers, er habe im Internet regimekritische Artikel veröffentlicht. Dies reicht für die Annahme einer hinreichend wahrscheinlichen Gefährdung nicht aus. Zwar dürften iranische Stellen eine Auswertung von Internetseiten oppositioneller Gruppen betreiben, doch erscheint es auf Grund der großen Internetpräsenz iranischer Oppositionsgruppen unwahrscheinlich, dass vereinzelte Internetauftritte Oppositioneller für den iranischen Nachrichtendienst von Relevanz sind.

79Vgl. Urteil der Kammer vom 30. Mai 2006 - 2 K 2674/06.A -; Bundesamt für Verfassungsschutz vom 12. März 2003 - IVC2-247-S-410 093-9/03 -.

80Dem Gericht ist aus anderen Verfahren iranischer Asylbewerber bekannt, dass die exilpolitischen Organisationen zahlreichen Personen die Gelegenheit bieten, bei Veranstaltungen kurze Reden zu halten oder sich anderweitig zu profilieren, so dass auch eine Meinungskundgabe im Internet keine herausgehobene Aktivität darstellt.

81Schließlich ergibt sich für den Kläger die beachtliche Gefahr einer politischen Verfolgung bei einer Rückkehr in den Iran auch nicht aufgrund der Stellung des Asylantrages in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist bereits nicht ersichtlich, woher die iranischen Stellen hierüber Kenntnis erlangt haben sollen. Zudem führt die Asylantragstellung als solche - auch in Verbindung mit einem langjährigen Auslandsaufenthalt - nicht mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit zu einer politischen Verfolgung im Iran. Dies zeigt bereits die hohe Anzahl von in den vergangenen Jahren abgelehnten und rückgeführten Asylbewerbern, die im Iran ein normales Leben führen,

82vgl. die insoweit seit Jahren gleich lautenden Lageberichte des Auswärtigen Amtes, zuletzt Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in der Islamischen Republik Iran vom 24. März 2006; Deutsches Orient-Institut, Stellungnahme vom 8. April 2002, Seite 6; ai, Stellungnahme vom 16. Juni 1998; st. Rspr., vgl. OVG NRW, Urteil vom 30. April 1992 - 16 A 1193/91.A - und Beschluss vom 16. April 1999 - 9 A 5338/98.A -.

83Der Kläger kann sich des Weiteren nicht erfolgreich auf Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG berufen. Hiernach darf ein Ausländer nicht in einen Staat abgeschoben werden, in dem für ihn die konkrete Gefahr der Folterung besteht (Abs. 2) oder in dem er wegen einer Straftat gesucht wird und für ihn deshalb die Gefahr der Todesstrafe besteht (Abs. 3). Begehrt ein Staat die Auslieferung oder die mit der Ankündigung eines Auslieferungsersuchens verbundene Festnahme des Ausländers, darf dieser bis zur Entscheidung über die Auslieferung ebenfalls nicht abgeschoben werden (Abs. 4). Außerdem ist die Abschiebung unzulässig, wenn die Konvention vom 4. November 1950 (BGBl. 1952 II S. 686) zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten dies vorschreibt (Abs. 5) oder wenn im Abschiebungsland für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht, der die Bevölkerung oder der Bevölkerungsgruppe, der der Ausländer angehört, nicht allgemein ausgesetzt ist (Abs. 7). Anhaltspunkte für das Vorliegen solcher Abschiebungsverbote bestehen nicht.

84Soweit die Klage auf Aufhebung von Ziffer 4 des angegriffenen Bescheides gerichtet ist, hat sie keinen Erfolg, weil Ausreiseaufforderung und Abschiebungsandrohung rechtlich nicht zu beanstanden sind. Sie beruhen auf §§ 34 Abs. 1, 38 Abs. 1 AsylVfG in

Verbindung mit §§ 59, 60 Abs. 10 AufenthG und verletzen den Kläger daher nicht in seinen Rechten.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO. Gerichtskosten werden gemäß § 83 b AsylVfG nicht erhoben. Der Gegenstandswert ergibt sich aus § 30 RVG. 85

86

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