Urteil des VG Aachen, Az. 1 K 2124/02.A

VG Aachen: serbien und montenegro, kosovo, verfassungskonforme auslegung, diskriminierung, die post, bundesamt, anerkennung, erlass, rückführung, abschiebung
Verwaltungsgericht Aachen, 1 K 2124/02.A
Datum:
02.10.2003
Gericht:
Verwaltungsgericht Aachen
Spruchkörper:
1. Kammer
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
1 K 2124/02.A
Tenor:
Soweit der Kläger die Klage zurückgenommen hat, wird das Verfahren
eingestellt.
Die Beklagte wird unter teilweiser Aufhebung von Ziffer 3 des
Bescheides des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge vom 19. September 2002 verpflichtet, festzustellen, dass in
der Person des Klägers Abschiebungshindernisse gemäß § 53 Abs. 6
des Ausländergesetzes hinsichtlich des Kosovo vorliegen.
Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.
Die Kosten des Verfahrens, in dem Gerichtskosten nicht erhoben
werden, trägt der Kläger zu 5/6 und die Beklagte zu 1/6.
Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten vorläufig vollstreckbar. Der
jeweilige Vollstreckungsschuldner kann die Vollstreckung durch
Sicherheitsleistung oder Hinterlegung in Höhe des
Vollstreckungsbetrages abwenden, wenn nicht zuvor der jeweilige
Vollstreckungsgläubiger vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher
Höhe leistet.
Tatbestand:
1
Der am 00.00.0000 in Pec geborene Kläger stammt aus dem Kosovo und ist
ashkalischer Volkszugehörigkeit.
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Am 11. Oktober 1998 reiste er in die Bundesrepublik Deutschland ein und stellte am 27.
März 2000 einen Asylantrag. In einem Schriftsatz seiner Prozessbevollmächtigten und
in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge
(Bundesamt) vom 26. April 2000 gab er an, bis zum Juni 1998 habe er mit seiner Mutter
und Schwester in Vitomirica in der Gemeinde Peje gelebt. Dort habe es keine ethnisch
getrennten Wohnviertel gegeben. Sie seien vor den Serben geflohen. Er habe seine
Mutter und seine Schwester jedoch auf der Flucht verloren. Daher sei er in die
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Bundesrepublik Deutschland zu seinem Onkel geflohen. Er könne nicht in den Kosovo
zurückkehren, da er dort alleine wäre. Sein Vater sei bereits 1987 gestorben. Er habe
nunmehr Angst vor den Albanern, die alle töteten, die nicht albanischer
Volkszugehörigkeit seien. So seien eine Schwester seines Vaters und andere
Verwandte, die in Istoq gelebt hätten, im September 1999 ausgeraubt und getötet
worden. Die KFOR könne die Ashkali nur unzureichend schützen. Zum Beleg reichte
der Kläger eine Auskunft der spanischen KFOR - Brigade ein.
Mit Bescheid vom 19. September 2002 lehnte das Bundesamt den Antrag des Klägers
auf Anerkennung als Asylberechtigter ab, stellte das Nichtvorliegen der
Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 des Ausländergesetzes (AuslG) und von
Abschiebungshindernissen nach § 53 AuslG fest. Es forderte den Kläger zur Ausreise
aus der Bundesrepublik Deutschland binnen eines Monats nach Unanfechtbarkeit auf
und drohte ihm für den Fall der Nichtbefolgung die Abschiebung in die Bundesrepublik
Jugoslawien (Kosovo) an. Der Bescheid wurde als Übergabe - Einschreiben am 2.
Oktober 2002 zur Post gegeben.
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Der Kläger hat am Montag, den 21. Oktober 2002 Klage erhoben und führt zur
Begründung ergänzend aus, dass er zumindest Anspruch auf Abschiebungsschutz nach
§ 53 Abs. 6 AuslG habe. Im Falle einer Rückkehr sei seine Existenz nicht gesichert. Er
sei schon als Jugendlicher im Alter von erst 14 Jahren in die Bundesrepublik
Deutschland gekommen. Im Heimatland habe er keine Unterstützung durch die Familie
mehr. Auch ein staatliches System der sozialen Sicherung gebe es nicht. Insbesondere
für die ethnische Minderheit der Ashkali sei die Sicherheits- und Versorgungslage
unzureichend. In der mündlichen Verhandlung vom 2. Oktober 2003 hat der Kläger die
Klage zurückgenommen, soweit er ursprünglich auch die Verpflichtung der Beklagten
begehrt hat, sie unter Aufhebung des Bescheides des Bundesamtes vom 19. September
2002 zu verpflichten, ihn als Asylberechtigten anzuerkennen und festzustellen, dass die
Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG und des § 53 Abs. 1 - 4 AuslG in der Person
des Klägers vorliegen.
5
Der Kläger beantragt nunmehr nur noch,
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die Beklagte unter teilweiser Aufhebung des Bescheides des Bundesamtes vom 19.
September 2002 zu verpflichten, in der Person des Klägers Abschiebungshindernisse
nach § 53 Abs. 6 AuslG festzustellen.
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Die Beklagte beantragt schriftsätzlich,
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die Klage abzuweisen.
9
Zur Begründung bezieht sie sich auf den angefochtenen Bescheid.
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Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die
Gerichtsakten und die beigezogenen Verwaltungsvorgänge Bezug genommen. Die
Erkenntnisse der Kammer zum Kosovo wurden zum Gegenstand der mündlichen
Verhandlung gemacht.
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Entscheidungsgründe:
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Soweit der Kläger die Klage in der mündlichen Verhandlung in Bezug auf die zunächst
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begehrte Anerkennung als Asylberechtigter und die Verpflichtung zur Feststellung, dass
die Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG und des § 53 Abs. 1 - 4 AuslG vorliegen,
zurückgenommen hat, war das Verfahren gemäß § 92 Abs. 3 Satz 1 der
Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) einzustellen.
Im Übrigen ist die Klage zulässig und überwiegend begründet. Insbesondere ist sie
gemäß § 74 Abs. 1 des Asylverfahrensgesetzes (AsylVfG) fristgerecht innerhalb von
zwei Wochen nach Zustellung des Ablehnungsbescheides erhoben worden. Der
Bescheid des Bundesamtes vom 19. September 2002 ist der Prozessbevollmächtigten
des Klägers durch Übergabeeinschreiben vom 2. Oktober 2003 zugestellt worden.
Gemäß § 56 Abs. 2 VwGO in der bis zum 30. Juni 2002 geltenden Fassung in
Verbindung mit § 4 Abs. 1 des Verwaltungszustellungsgesetzes (VwZG) gilt bei der
Zustellung durch die Post mittels eingeschriebenem Brief dieser mit dem dritten Tag
nach Aufgabe zur Post als zugestellt, es sei denn das Schriftstück ist nicht oder später
zugegangen. Danach ist der am 2. Oktober 2002 zur Post gegebene Bescheid am 5.
Oktober 2003 zugestellt worden. Die Zweiwochenfrist endete gemäß § 57 Abs. 2 VwGO
in Verbindung mit § 222 Abs. 2 der Zivilprozessordnung mit Ablauf des Montags den 21.
Oktober 2002, da das Ende der rechnerischen Frist auf einen Sonnabend, den 19.
Oktober 2002 fiel. Die am Montag, den 21. Oktober 2002 erhobene Klage war damit
fristgemäß.
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Die aufrechterhaltene Klage ist auch begründet. Der Kläger hat einen Anspruch auf
Feststellung eines Abschiebungshindernisses nach § 53 Abs. 6 AuslG.
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Nach § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG kann von der Abschiebung eines Ausländers in einen
anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für ihn mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. "Allgemeine"
Gefahren im Sinne des § 53 Abs. 6 AuslG, die einer gesamten Bevölkerungsgruppe im
Zielland drohen, können im Grundsatz lediglich zu einer politischen Entscheidung über
einen generellen Abschiebungsschutz auf der Grundlage der §§ 53 Abs. 6 Satz 2 und
54 AuslG führen. Nur dann, wenn eine Regelung nach § 54 AuslG nicht ergangen ist,
kann im Einzelfall mit Blick auf die Grundrechte aus Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 2 Satz 1
GG dennoch ein Abschiebungsschutz gem. § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG geboten sein.
Nach dem vom Bundesverwaltungsgericht aufgestellten Maßstab ist Voraussetzung für
die Gewährung von Abschiebungsschutz in verfassungskonformer Auslegung des § 53
Abs. 6 AuslG, dass sich eine allgemeine Gefahrenlage so extrem darstellt, dass
gleichsam jeder einzelne Rückkehrer "sehenden Auges dem sicheren Tod oder
schwersten Verletzungen" ausgeliefert würde, genereller Abschiebungsschutz aber
nicht gewährt worden ist. Weiter ist erforderlich, dass die beschriebenen Gefahren
landesweit bestehen oder es für den Rückkehrer unmöglich ist, tatsächlich gefahrfreie
Landesteile ohne Gefährdung zu erreichen.
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Vgl. BVerwG, Urteile vom 12. Juli 2001 - 1 C 5.01 -, NVwZ 2002, 101 ff. sowie vom 17.
Oktober 1995 - 9 C 9.95 -, NVwZ 1996, S. 199 = DÖV 1996, S. 251 = DVBl. 1996, S.
203.
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Die vom Kläger geltend gemachten Gefahren, die ihm aufgrund seiner ethnischen
Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Ashkali drohen, sind allgemeine Gefahren, die
grundsätzlich für die gesamte Bevölkerungsgruppe im Kosovo bestehen. Sie
rechtfertigen im Falle des Klägers auch die Gewährung von Abschiebungsschutz nach §
53 Abs. 6 AuslG in verfassungskonformer Auslegung. Diese ist - im Gegensatz zur
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Rechtslage bis zum 31. März 2003 - nicht schon deswegen ausgeschlossen, weil die
abschiebungsrelevante Lage für abgelehnte Asylbewerber dieser Volksgruppe durch
Erlasse geprägt ist, deren rechtlich verbindliche Vorgaben für die Ausländerbehörden in
ihren Auswirkungen einer generellen Regelung gemäß § 54 AuslG gleichkommen. Bis
zum 31. März 2003 bestimmten jeweils Runderlasse des Innenministeriums für das
Land Nordrhein - Westfalen,
s. beispielhaft Runderlass vom 14. Juni 2002 - 14.3/44.386 - I 14 - Kosovo -,
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dass die Abschiebung ethnischer Minderheiten in den Kosovo aus tatsächlichen
Gründen nicht möglich wäre und aufgrund des bis zum Abschluss weiterer
Verhandlungen mit der UNMIK bestehenden Abschiebungshindernisses
ausreisepflichtigen Angehörigen ethnischer Minderheiten die Duldung um drei Monate -
und damit um den Zeitraum wie in § 41 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG - verlängert werden
konnte. Die Rechtsprechung hat daraus seinerzeit geschlossen, dass die Angehörigen
der ethnischen Minderheiten keines zusätzlichen individuellen Abschiebungsschutzes
bedurften. Unabhängig davon, ob es sich bei den genannten Erlassen um allgemeine
Anordnungen der Abschiebungsaussetzung im Sinne des § 54 AuslG handelte,
vermittelten sie den Betroffenen jedenfalls den gleichen Schutz vor Abschiebung wie
eine durch die Verhältnisse im Kosovo begründete allgemeine Anordnung gemäß § 54
AuslG.
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Vgl. OVG NRW, Beschlüsse vom 4. Juli 2002 - 14 A 891/02.A - und vom 27. März 2000 -
14 A 521/00.A -, Urteil vom 5. Mai 2000 - 14 A 3334/94.A -.
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Nunmehr hat sich die Situation für die Angehörigen der Volksgruppe der Ashkali wie
den Kläger grundlegend geändert. Der Erlass des Innenministeriums für das Land
Nordrhein - Westfalen vom 7. April 2003 - 14/44.386 - I 14 (Kosovo) sieht nunmehr
grundsätzlich auch die zwangsweise Rückführung von bis zu 1000 Angehörigen der
ethnischen Minderheiten der Türken, Bosniaken, Gorani, Torbesh und der Ashkali und
Ägypter vor. Entsprechend dem zwischen dem Sonderbeauftragten des
Generalsekretärs der Vereinten Nationen für das Kosovo und dem Bundesinnenminister
vereinbarten "Memorandum of Understanding" vom 31. März 2003 gilt für
rückzuführende Ashkali und Ägypter - innerhalb dieser zahlenmäßigen Grenze - ein
individuelles Prüfverfahren, das von UNMIK durchgeführt wird. Hierzu hat UNMIK dem
Bundesinnenministerium eine dem Erlass als Anlage beigefügte Liste von Orten im
Kosovo übersandt, deren gegenwärtige Sicherheitssituation eine Rückkehr von Ashkali
und Ägyptern grundsätzlich zulässt. Der Erlass führt weiter aus, dass UNMIK davon
ausgehe, dass sich die deutschen Behörden bei der Auswahl der Rückzuführenden
daran orientierten und möglichst Personen zur Rückführung ankündigten, die aus den
dort genannten Gebieten oder Orten stammten. Im Gegensatz zur vorhergehenden
"Erlasslage" sind den Ausländerbehörden daher keine konkreten und
rechtsverbindlichen Vorgaben gemacht, die dem Kläger den gleichen Schutz vermitteln
können wie eine allgemeine Anordnung nach § 54 AuslG oder die Gewährung von
individuellem Abschiebungsschutz nach § 53 Abs. 6 AuslG in verfassungskonformer
Auslegung. Vielmehr sind die Volksgruppen der Ashkali und Ägypter danach
grundsätzlich für eine zwangsweise Rückführung "freigegeben". Auch die eventuelle
Nichterfüllung aus dem Erlass abzuleitender Voraussetzungen für einen positiven
Abschluss des individuellen Prüfverfahrens kann dem Betroffenen keinen dem § 54
AuslG oder § 53 Abs. 6 AuslG in verfassungskonformer Auslegung vergleichbaren
Schutz vermitteln. Dies gilt schon deswegen, weil den maßgeblichen Behörden bei der
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Umsetzung des vorgesehenen individuellen Prüfverfahrens anhand der Informationen
von UNMIK über sichere Orte gewisse Entscheidungsspielräume verbleiben bzw. keine
Vorgaben für das Prüfungsverfahren von UNMIK existieren (können). Vgl. auch die
Formulierung im Organisatorischen Konzept zur Rückführung von Minderheiten in das
Kosovo der Bund - Länder - Arbeitsgemeinschaft: "möglichst nur Personen, die aus den
in der beiliegenden Liste ersichtlichen Gebieten/Orten stammen".
Die dem Kläger bei einer Rückkehr in den Kosovo drohenden Gefahren erfüllen auch
die Voraussetzungen der vom Bundesverwaltungsgericht für eine verfassungskonforme
Auslegung geforderten extremen Gefahrenlage.
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Insoweit ist Prüfungsmaßstab lediglich die Lage im Kosovo als Herkunftsgebiet des
Klägers. Der Kläger kann nicht auf andere Gebiete in Serbien als inländische
Fluchtalternative verwiesen werden. Zwar umfasst die Abschiebungsandrohung des
Bundesamtes noch das gesamte Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik Jugoslawien
(jetzt Staatenunion Serbien und Montenegro). Völkerrechtlich ist die Zugehörigkeit des
Kosovo zu Serbien auch noch nicht aufgehoben worden. Der Bescheid bezeichnet den
Klammerzusatz "Kosovo" ausdrücklich als lediglich unverbindlichen Hinweis für die
Ausländerbehörde. Faktisch ist der Kosovo nach Auffassung der Kammer aber nicht
mehr als unselbständiger Teil der Republik Serbien anzusehen. Es handelt sich
vielmehr um ein Gebiet, das schon hinsichtlich der ethnischen Besiedelung deutliche
Unterschiede zum (übrigen) serbischen Staatsgebiet aufweist. Unabhängig von der
noch ausstehenden endgültigen Klärung des völkerrechtlichen Status seit dem Abzug
serbischer Sicherheitskräfte im Herbst 1999 unterliegt der Kosovo derzeit einer von
Serbien getrennten Verwaltung durch die Vereinten Nationen (UNMIK/KFOR). Diese hat
durch ihre Dauer mittlerweile eine gewisse Verfestigung erhalten. Durch die Aufspaltung
der früheren Bundesrepublik Jugoslawien in zwei in einer Föderation verbundene
Staaten - Serbien und Montenegro - hat sich die schon früher zu verzeichnende
Ablösung des Kosovo von dem Gesamtstaat Bundesrepublik Jugoslawien zudem
verstärkt. Eine (vollständige) Wiedereingliederung des Kosovo in die serbische
Republik und deren Staatsgewalt ist auf unabsehbare Zeit politisch nicht vorstellbar.
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Vgl. Lageberichte des Auswärtigen Amtes vom 4. Juni 2002 und vom 27. November
2002; "Kosovo auf dem Weg zur Nation", NZZ vom 14. August 2002; "Die Anarchie ist
tot, es lebe die Verwaltung, Auch in Nord - Mitrovica übernimmt die UNMIK die
Kontrolle", FAZ vom 26. November 2002; "Kosovo - Serben ernüchtern die UNMIK",
Frankfurter Rundschau vom 29. Oktober 2002; "Kontinuität der Diskriminierung im
Kosovo, die serbische Provinz seit dem Zweiten Weltkrieg", NZZ vom 14. November
2001.
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Mit Blick auf eine inländische Fluchtalternative ist der Kosovo in der gegenwärtigen
Situation deshalb nicht (mehr) als Region eines Gesamtstaates Serbien und
Montenegro zu werten. So hat auch das Bundesamt im angefochtenen Bescheid vom
19. September 2002 die Verhältnisse im Kosovo geprüft.
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Die Lage der Roma und Ashkali im Kosovo ist trotz gewisser gradueller
Verbesserungen der Gesamtsituation auch gegenwärtig noch dadurch gekennzeichnet,
dass sie einer besonderen Gefahr der Diskriminierung ausgesetzt sind. Allgemeine inter
- ethnische Spannungen und Intoleranz verbinden sich mit einer besonderen
Diskriminierung gegenüber Roma, Ashkali und Ägyptern durch fast alle anderen
ethnischen Gruppen im Kosovo. Die Probleme umfassen neben akuter Diskriminierung
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und Ausgrenzung Granatenangriffe, Steinwürfe auf Behausungen und körperliche
Übergriffe. An vielen Orten sind Roma und Ashkali regelmäßig Gewalt und
Einschüchterung ausgesetzt, die teilweise bis hin zum Angriff auf ihr Leben reicht. Zahl
und Intensität der begangenen Verbrechen sind im Verhältnis zur Größe Kosovos,
seiner Bevölkerungszahl und der Zahl der internationalen und lokalen Sicherheitskräfte
immer noch hoch. Die Motivation hierfür beruht teilweise auf dem Vorwurf der
Kollaboration mit den Serben während deren Vorgehen gegen die Albaner in der Zeit
bis zum Juni 1999. Durch die mit der Diskriminierung verbundene Bedrohung der
physischen Sicherheit ist die Bewegungsfreiheit der Roma und Ashkali eingeschränkt,
was sie wiederum in der Wahrnehmung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Rechte
beeinträchtigt und ihre ohnehin schon ärmliche Situation verschlimmert. Die
Diskriminierung wirkt sich auch auf dem Arbeitsmarkt aus. Die Arbeitslosenquote der
Minderheiten der Roma, Ashkali, Ägypter, Bosniaken und Gorani liegt bei ca. 90 % ,
außerhalb der Städte auch darüber. Sobald Minderheiten eine wirkliche Konkurrenz auf
dem Arbeitsmarkt werden können, drohen auch eine relative Sicherheit und
Bewegungsfreiheit verloren zu gehen. Grundsätzlich sind die albanisch sprechenden
und muslimischen Ashkali dieser Diskriminierung zwar in deutlich geringerem Maße als
die serbisch sprechenden Roma ausgesetzt. Dies beruht einmal darauf, dass die
Diskriminierung teilweise an eine tatsächliche oder vermeintliche frühere Kollaboration
der Betroffenen mit den Serben anknüpft. Insoweit haben die serbisch sprechenden
Roma teilweise die Vertreibung der Albaner unterstützt, während die albanisch
sprechenden Ashkali, die zum Teil auch die Lebensgewohnheiten und politischen
Forderungen der Albaner übernommen hatten, deren Schicksal teilten. Zum anderen
beruht die geringere Gefährdung auf der höheren Anpassung und Integration der
Ashkali in die albanische Bevölkerung. Die Lage im Einzelnen variiert jedoch je nach
örtlicher Situation erheblich.
Vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe : Kosovo - Situation der Minderheiten/ Update vom
2. April 2003; Gutachten des UNHCR zur fortdauernden Schutzbedürftigkeit von
Personen aus dem Kosovo vom Januar 2003; -Lageberichte des Auswärtigen Amtes
vom 27. November 2002 und vom 4. Juni 2002; Auskunft des UNHCR an das
Verwaltungsgericht Kassel vom 8. Mai 2002.
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Nach Überzeugung der Kammer ist vor diesem Hintergrund eine differenzierende
Entscheidung anhand der im "Memorandum of Understanding" zwischen dem
Bundesinnenminister und dem Sonderbeauftragten des Generalsekretärs der Vereinten
Nationen für das Kosovo vom 31. März 2003 aufgeführten sicheren Orte zu treffen.
Diese Liste beruht auf den vor Ort von UNMIK gewonnen Informationen. Wenn der
jeweilige Kläger aus einem dort aufgeführten sicheren Ort stammt und somit eine
gewisse Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass er an einem solchen Ort an persönliche
Kontakte aus der Zeit vor seiner Ausreise anknüpfen kann, die ihn vor einer Eskalation
der Sicherheitslage schützen und den wirtschaftlichen Neuanfang erleichtern können,
sind die strengen Voraussetzungen für eine extreme allgemeine Gefahrenlage in
verfassungskonformer Auslegung des § 53 Abs. 6 AuslG nicht erfüllt.
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Anders ist es dagegen, wenn der jeweilige Kläger nicht aus einem als sicher benannten
Ort stammt. In diesem Fall fehlen Anhaltspunkte dafür, dass er an einem relativ sicheren
Ort wenigstens ansatzweise an seine frühere Lebenssituation anknüpfen kann. Vor dem
Hintergrund der oben geschilderten Gesamtsituation ist es dann mehr oder weniger vom
Zufall abhängig, ob es dem Kläger gelingt, seine Existenz zumindest notdürftig zu
sichern. Seine besondere Gefährdung als Angehöriger der Volksgruppe der Ashkali
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realisiert sich dann in extremer Weise gerade wegen der Verknüpfung der schlechten
Sicherheitslage mit der damit einhergehenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit
und damit der Möglichkeiten zur Sicherstellung eines wirtschaftlichen
Existenzminimums.
So liegt der Fall bei dem Kläger, der aus dem Dorf Vitomirica/ Gemeinde Peje stammt
und zudem noch als Minderjähriger aus dem Kosovo ausgereist ist. Das Dorf Vitomirica
taucht auf der von UNMIK verfassten Liste der sicheren Orte im Gegensatz zu anderen
Dörfern nicht auf. Deshalb hat er einen Anspruch auf Feststellung eines
Abschiebungshindernisses in verfassungskonformer Auslegung des § 53 Abs. 6 AuslG.
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Die in Nr. 4 des Bundesamtsbescheides enthaltene Abschiebungsandrohung ist
dagegen rechtlich nicht zu beanstanden, vgl. §§ 34, 38 AsylVfG i.V.m. § 50 Abs. 1 Satz
2 AuslG. Die auf asylverfahrensrechtlicher Grundlage ergangene
Abschiebungsandrohung des Bundesamtes unterliegt auch dann nicht der Aufhebung,
wenn das Bundesamt wegen des Bestehens einer extremen Gefahrenlage im
Abschiebezielland in verfassungskonformer Anwendung des § 53 Abs. 6 AuslG zur
Feststellung eines Abschiebungshindernisses zu verpflichten ist.
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Vgl. BVerwG, Urteil vom 15. April 1997 - 9 C 19.96 -, BVerwGE 104, 260.
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Die Kostenentscheidung beruht auf § 155 Abs. 1, Abs. 2 VwGO, § 83 b AsylVfG. Dabei
legt die Einzelrichterin für die Quotelung hinsichtlich der Streitgegenstandsbestandteile
Art. 16 a GG, § 51 Abs. 1 und § 53 AuslG ein Verhältnis von je 1/3, innerhalb des § 53
AuslG zwischen den Absätzen 1, 2 und 4 einerseits und Absatz 6 andererseits von je
1/6 zugrunde. Hieraus folgt für den Kläger die Kostenquote von 1/6.
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Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO i.V.m. §§
708 Nr. 10, 711 Satz 1 ZPO.
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