Urteil des VG Aachen vom 03.06.2009, 9 L 133/09

Entschieden
03.06.2009
Schlagworte
Aufschiebende wirkung, Lebensgemeinschaft, öffentliches interesse, Besondere härte, Aufenthaltserlaubnis, Trennung, Wohnung, Wiederaufnahme, Vollziehung, Vergleich
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Verwaltungsgericht Aachen, 9 L 133/09

Datum: 03.06.2009

Gericht: Verwaltungsgericht Aachen

Spruchkörper: 9. Kammer

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 9 L 133/09

Tenor: 1. Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe wird abgelehnt.

2. Der Antrag wird abgelehnt.

Der Antragsteller trägt die Kosten des Verfahrens.

3. Der Wert des Streitgegenstandes wird auf 2.500,- EUR festgesetzt.

G r ü n d e : 1

2Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe sowie auf Beiordnung des Prozessbevollmächtigten ist mangels hinreichender Erfolgsaussicht abzulehnen 166 VwGO in Verbindung mit §§ 114, 121 ZPO). Zur Begründung wird auf die folgenden Ausführungen verwiesen.

Der Antrag des Antragstellers, 3

4die aufschiebende Wirkung seiner Klage (9 K 348/09) gegen die Ordnungsverfügung des Antragsgegners vom 6. Februar 2009 anzuordnen,

5ist zwar zulässig, weil der Klage gegen die Ablehnung der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis gemäß § 84 Abs. 1 Nr. 1 des Aufenthaltsgesetzes (AufenthG) keine aufschiebende Wirkung zukommt.

Der Antrag ist jedoch unbegründet. 6

Bei der Entscheidung über die Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Klage nach § 80 Abs. 5 VwGO trifft das Gericht eine eigene Ermessensentscheidung. Es hat dabei abzuwägen zwischen dem gesetzlich bestimmten öffentlichen Interesse an der sofortigen Vollziehung des Bescheides und dem Interesse des Antragstellers an der aufschiebenden Wirkung seines Rechtsbehelfs. Bei dieser Abwägung sind die Erfolgsaussichten des Hauptsacheverfahrens zu berücksichtigen. Ergibt die im Rahmen des § 80 Abs. 5 VwGO allein mögliche, aber auch ausreichende summarische Prüfung 7

der Sach- und Rechtslage, dass die Klage offensichtlich erfolglos bleiben wird, tritt das Interesse eines Antragstellers regelmäßig zurück. Erweist sich dagegen der angefochtene Bescheid schon bei kursorischer Prüfung als offensichtlich rechtswidrig, besteht kein öffentliches Interesse an dessen sofortiger Vollziehung. Ist der Ausgang des Hauptsacheverfahrens nicht hinreichend absehbar, verbleibt es bei der Interessenabwägung.

8Im vorliegenden Fall ist nach der hier gebotenen und ausreichenden summarischen Prüfung davon auszugehen, dass die Klage des Antragstellers hinsichtlich der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis sowie hinsichtlich der Abschiebungsandrohung nach derzeitiger Einschätzung offensichtlich erfolglos bleiben wird. Damit überwiegt das öffentliche Interesse an der sofortigen Vollziehung der Ablehnung der Anträge auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis und der Abschiebungsandrohung die persönlichen Interessen des Antragstellers an der aufschiebenden Wirkung seiner Klage.

9Nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AufenthG wird die Aufenthaltserlaubnis des Ehegatten im Falle der Aufhebung einer ehelichen Gemeinschaft als eigenständiges, vom Zweck des Familiennachzugs unabhängiges Aufenthaltsrecht verlängert, wenn die eheliche Lebensgemeinschaft seit mindestens zwei Jahren rechtmäßig im Bundesgebiet bestanden hat und der Ausländer bis dahin im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis war. Der Antragsteller war zwar aufgrund der eingegangenen Ehe im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis. Er erfüllt aber nicht die Voraussetzung einer mindestens zwei Jahre rechtmäßig im Bundesgebiet bestandenen ehelichen Lebensgemeinschaft.

10Diese begann am 3. August 2005, nachdem der Antragsteller bei der deutschen Auslandsvertretung in Q. die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung in der Form des Visums zum Zwecke der Familienzusammenführung mit seiner deutschen Ehefrau erreicht hatte und mit ihr am 3. August 2005 zusammengezogen war. Die eheliche Lebensgemeinschaft war aber bereits vor Ablauf von zwei Jahren im Juli 2007 beendet.

11Maßgeblich ist dabei insoweit nicht der Zeitraum des formalen Bestehens der Ehe, sondern die Dauer der tatsächlich gelebten ehelichen Lebensgemeinschaft, das heißt die Zeit der tatsächlichen Verbundenheit der Ehegatten, die regelmäßig in der Pflege einer häuslichen Gemeinschaft zum Ausdruck kommt. Mit der Forderung einer bestimmten Mindestbestandsdauer der "gelebten" Ehe von zwei Jahren soll der sich hieraus ergebenden Verfestigung der Lebensverhältnisse des nachgezogenen Ausländers in Deutschland Rechnung getragen werden. Dabei können Unterbrechungen der ehelichen Lebensgemeinschaft unschädlich sein und nicht ohne Weiteres dazu führen, dass das zeitliche Erfordernis in vollem Umfang neu erfüllt werden muss, wenn die Trennung nicht auf Dauer erfolgt, sondern nur vorübergehender Natur ist. Hierbei sind die Umstände des Einzelfalles zu ermitteln. Fehlt es im Falle einer Unterbrechung bereits an einem übereinstimmenden Wiederaufnahmewillen, geben vielmehr beide oder auch nur einer der Ehegatten ernsthaft und eindeutig zu erkennen, dass die eheliche Lebensgemeinschaft als dauerhaft beendet betrachtet wird, ist die Trennung integrationsschädlich. Sie beendet die begonnene Integrationsphase endgültig mit der Folge, dass bei späterer Wiederaufnahme der ehelichen Lebensgemeinschaft aufgrund geänderten Willensentschlusses die Frist des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AufenthG neu in Lauf gesetzt wird.

Vgl. zum Vorstehenden: Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, 12

Beschlüsse vom 24. Mai 2006 - 18 B 2187/05 -, NRWE, und vom 29. November 2000 - 18 B 1627/00 -, juris; Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Beschluss vom 12. Juni 2002 - 11 S 800/02 -, juris.

13Ausgehend von diesen Grundsätzen war die eheliche Lebensgemeinschaft des Antragstellers bereits im Juli 2007 - und damit vor Ablauf der Zwei-Jahres-Frist - beendet und begann mit deren Wiederaufnahme im August/September 2007 neu. Dafür, dass es sich bei der im Juli 2007 vorgenommenen Trennung nicht um eine nur vorübergehende handelte, spricht bereits der Umstand, dass die Ehefrau des Antragstellers bei ihrer Vorsprache am 12. Juli 2007 nach Schilderung der Vorfälle, die zu der Trennung geführt haben, ausdrücklich die Wiederaufnahme der ehelichen Lebensgemeinschaft für sich ausgeschlossen hat. Dass sie damit ernsthaft und eindeutig - auch dem Antragsteller gegenüber - zu erkennen gegeben hat, dass die eheliche Lebensgemeinschaft jedenfalls von ihr als dauerhaft beendet betrachtet worden ist, ergibt sich auch aus dem vor dem Familiengericht geführten Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz wegen Zuweisung der ehelichen Wohnung. Nach dem in diesem Verfahren am 6. August 2007 geschlossenen Vergleich war der Antragsteller nur noch bis zum 31. August 2007 berechtigt, in der gemeinsamen Wohnung zu übernachten; auch wurde vereinbart, dass der Antragsteller nach dem 1. September 2007 die Wohnung nicht mehr gegen den Willen seiner Ehefrau betreten durfte und er zu diesem Zeitpunkt die Schlüssel der Wohnung herauszugeben hatte. Im Hinblick auf diesen Vergleich und den Umstand, dass die Ehefrau des Antragstellers ein solches Verfahren überhaupt angestrengt hatte, kann nicht angenommen werden, dass - jedenfalls aus Sicht der Ehefrau des Antragstellers - nur eine vorübergehende Trennung der ehelichen Lebensgemeinschaft beabsichtigt war. Mithin ist davon auszugehen, dass es sich um eine Trennung auf Dauer gehandelt hat mit der Folge, dass die mit der Versöhnung Ende August/Anfang September 2007 wieder begonnene eheliche Lebensgemeinschaft die Frist des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AufenthG neu in Lauf gesetzt hat. Da der Antragsteller seit dem 21. März bzw. 1. April 2008 von seiner Ehefrau wieder getrennt lebt, ist das Fristerfordernis weiterhin nicht erfüllt.

14Anhaltspunkte für eine besondere Härte im Sinne des § 31 Abs. 2 AufenthG, die ein Absehen von der Voraussetzung des zweijährigen rechtmäßigen Bestandes der ehelichen Lebensgemeinschaft ermöglichen könnte, sind weder vorgetragen noch sonst ersichtlich.

15Da der Antragsteller damit ausreisepflichtig ist, konnte ihm auch die Abschiebung angedroht werden 50 Abs. 1, § 58 AufenthG). Die Abschiebungsandrohung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen 59 AufenthG). Etwaige Duldungsgründe stehen dem Erlass einer Abschiebungsandrohung nicht entgegen; solche sind auch nicht vorgetragen. Die gesetzte Ausreisefrist von einem Monat ist angemessen (vgl. § 50 Abs. 2 AufenthG).

Danach war der Antrag mit der Kostenfolge aus § 154 Abs. 1 VwGO abzulehnen. 16

17Die Festsetzung des Wertes des Streitgegenstandes beruht auf §§ 53 Abs. 3 Nr. 2, 52 Abs. 1 und 2 GKG. Das Antragsinteresse ist mit Rücksicht auf den vorläufigen Charakter dieses Verfahrens in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Auffangstreitwertes ausreichend und angemessen berücksichtigt und entspricht der ständigen Rechtsprechung der Kammer in vergleichbaren Verfahren.

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