Urteil des VG Aachen vom 15.12.2009, 3 K 2318/08

Entschieden
15.12.2009
Schlagworte
Umgebung, Standort des gebäudes, Gebäude, Grundstück, Wohnhaus, Verhältnis zu, Errichtung, Wirkung, 1995, Zeitpunkt
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Verwaltungsgericht Aachen, 3 K 2318/08

Datum: 15.12.2009

Gericht: Verwaltungsgericht Aachen

Spruchkörper: 3. Kammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 3 K 2318/08

Tenor: Die Klage wird abgewiesen.

Die Klägerin trägt die Kosten des Verfahrens.

T a t b e s t a n d : 1

2Die Klägerin beantragte am 5. Oktober 2007 bei dem Beklagten die Erteilung einer Baugenehmigung zur Errichtung eines Einfamilienhauses mit Garage auf dem Grundstück Gemarkung C. , Flur , Flurstück . Eigentümer des Grundstücks ist Herr X. T. , der Onkel der Klägerin.

3Das Grundstück liegt im Geltungsbereich der Klarstellungs- und Abrundungssatzung der Stadt F. für den Stadtteil C. vom 12. Juli 1995.

4Das Baugrundstück liegt zwischen den in einem Abstand zwischen ca. 90 m und ca. 140 m parallel verlaufenden Straßen "J. C1. " einerseits und der Straße "M. C. " bzw. der J1. Straße andererseits. Das Grundstück selbst grenzt aber nicht an eine der vorgenannten öffentlichen Verkehrsflächen an. Östlich des Baugrundstücks liegen die von der Straße "M. C. " erschlossenen Hausgrundstücke. Die an die Straße "M. C. " angrenzenden Grundstücke sind im Wesentlichen straßenseitig mit Wohnhäusern (Nrn. 1, 5, 7 und 9) bebaut; im rückwärtigen Bereich schließen sich Nebengebäude an. Südlich des Baugrundstücks verläuft über die Flurstücke und ein Privatweg bis zur westlich gelegenen Straße "J. C1. ". Die Erschließung des Baugrundstücks soll über diesen Privatweg erfolgen. Eine entsprechende Grunddienstbarkeit ist am 7. September 2009 eingetragen worden. Unmittelbar südlich des Privatweges befindet sich - spiegelbildlich zum beantragten Bauvorhaben - ein Wohnhaus ("J. C1. " 14). Dieses Gebäude ist ca. 1950 errichtet worden. Westlich des Baugrundstücks schließt sich das an der Straße "J. C1. " gelegene Flurstück Nr. an; dieses ist mit einem Einfamilienwohnhaus bebaut. Das Grundstück Flurstück Nr. liegt bereits im Geltungsbereich des Bebauungsplans "J. C1. " der Gemeinde F. , der hinsichtlich der Art der baulichen Nutzung ein Dorfgebiet festsetzt. Nördlich des Baugrundstücks schließen sich gärtnerisch bzw. landwirtschaftlich genutzte Freiflächen an (Flst. und ). Die Entfernung zum in nördlicher Richtung nächstgelegenen Wohnhaus ("J. C1. " 24) beträgt ca. 65 m.

5Wegen der örtlichen Gegebenheiten wird im Einzelnen auf die im Ortstermin gefertigten Lichtbilder sowie auf die folgende - hinsichtlich des Bauvorhabens nicht maßstabsgetreue - Flurkarte verwiesen:

(Flurkarte wegen Anonymisierung entnommen) 6

7Nach Anhörung mit Schreiben vom 23. September 2008 lehnte der Beklagte die Erteilung der beantragten Baugenehmigung mit Bescheid vom 30. Oktober 2008 ab. Zur Begründung wird ausgeführt, das Vorhaben füge sich nicht in die nähere Umgebung ein. Das beantragte Wohnhaus befinde sich im westlichen Grundstücksbereich des Flurstücks Nr. und damit in dem hinteren Ruhe- und Gartenbereich der bebauten Grundstücke entlang der Straße "M. C. " und der J2. Straße. Das geplante Gebäude befinde sich auf einem nachgelagerten Grundstück außerhalb einer durch den vorhandenen Wohngebäudebestand anzunehmenden Bauflucht. Es handele sich hierbei um eine sog. Hinterlandbebauung, die sich nicht in die Eigenart der näheren Umgebung einfüge. Auf dem im Süden an das Baugrundstück angrenzenden Flurstück stehe zwar das Gebäude "J. C1. " 14, jedoch handele es sich hierbei um einen Altbau, der als Solitär einzuordnen sei und somit keine Beurteilungsgrundlage oder ein planungsrechtliches Vorbild darstelle. Es seien keine weiteren wohnbaulich genutzten Hauptanlagen innerhalb der hinteren Grundstücksbereiche entlang der Straßen "M. C. " sowie der J2. Straße vorhanden. Durch den Standort des Gebäudes (Hinterlandbebauung) in Bezug auf den vorhandenen Wohn- und Gebäudebestand des umliegenden Dorfgebietes und dessen Nutzung würden erhebliche bodenrechtliche Spannungen erzeugt. Die nicht gewünschte Vorbildwirkung einer fortschreitenden Hinterlandbebauung wirke sich negativ auf die weitere städtebauliche Entwicklung des Ortsteils C. aus.

8Die Klägerin hat am 2. Dezember 2008 Klage erhoben. Zur Begründung trägt Sie im Wesentlichen vor: Das Vorhaben sei planungsrechtlich zulässig. Es füge sich sowohl nach der Art als auch dem Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden solle, in die Eigenart der näheren Umgebung ein. Es handele sich um ein typisches Einfamilienhaus in 1 1/2 - geschossiger Bauweise, wie es sich unter anderem auch auf den unmittelbar benachbarten Grundstücken befinde. In die prägende Umgebungsbebauung seien neben dem Wohnhaus "J. C1. " 14 auch die Wohngebäude "J. C1. " Nrn. 18, 20, 22 und 24 einzubeziehen. Dass sich diese Grundstücke in einem heute überplanten Gebiet befinden, stehe der Einbeziehung nicht entgegen. Der Ortsteil C. sei auch gerade nicht durch eine typische Straßenrandbebauung geprägt. Bei den Häusern "J. C1. " 22 und 24 handele es sich um eine Hinterlandbebauung, die ebenso wie das klägerische Bauvorhaben über eine private Zuwegung erschlossen sei. Dass das Wohnhaus auf einer bisherigen Freifläche errichtet werden solle, stehe einem Einfügen nicht entgegen. Das Baugrundstück sei weder gärtnerisch gestaltet noch handele es sich um eine der umgebenden Bebauung zugeordnete Ruhezone. Das Grundstück liege im Übrigen innerhalb des Bereichs, für den nach der Klarstellungs- und Abrundungssatzung vom 12. Juli 1995 eine bauliche Nutzung ausdrücklich vorgesehen sei. Eine Bebauung des Grundstücks entspreche daher den planungsrechtlichen Vorstellungen des Satzungsgebers. Das Bauvorhaben begründe im Übrigen keine bewältigungsbedürftigen Spannungen. Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass dem Vorhaben eine negative Vorbildwirkung zukomme, seien nicht ersichtlich. Dies ergebe sich auch aus der Klarstellungs- und Abrundungssatzung, welche eine Eigenentwicklung der einbezogenen Grundstücke ausdrücklich habe unterstützen

wollen. Schließlich lasse es das Vorhaben auch nicht an der gebotenen Rücksichtnahme auf die in seiner Nähe vorhandene Bebauung fehlen. Von dem Vorhaben gingen keine wesentlichen Emissionen aus. Der durch das Vorhaben ausgelöste Zu- und Abgangsverkehr halte sich im Rahmen des räumlich überschaubaren Bereichs. Gewichtige Nachbarbelange stünden daher der Erteilung der beantragten Baugenehmigung nicht entgegen. Nachdem mittlerweile ein Wegerecht in Form einer Grunddienstbarkeit im Grundbuch eingetragen sei, sei auch die Erschließung des Baugrundstücks gesichert.

Die Klägerin beantragt, 9

10den Beklagten unter Aufhebung seines Ablehnungsbescheides vom 30. Oktober 2008 zu verpflichten, ihr die beantragte Baugenehmigung zur Errichtung eines Einfamilienwohnhauses mit Garage auf dem Grundstück Gemarkung C. , Flur , Flurstück , zu erteilen.

Der Beklagte beantragt, 11

die Klage abzuweisen. 12

Das Vorhaben sei unzulässig. Es füge sich nicht in die Eigenart der näheren Umgebung ein, da es in dem hinteren Ruhe- und Gartenbereich der bebauten Grundstücke entlang der Straße "M. C. " und der J1. Straße errichtet werden solle. Das Gebäude "J. C1. " 14 sei bereits um 1950 errichtet worden und habe keine planungsrechtliche Vorbildfunktion. Alle übrigen Gebäude in diesem Bereich hätten einen direkten Zugang entweder zur Straße "M. C. ", zur J1. Straße oder zur Straße "J. C1. ". Das von der Klägerin zur Bebauung benötigte Grundstück liege allerdings genau zwischen zwei Grundstücken, die an diese Straßen angeschlossen seien. Ein weitläufig vergleichbares bebautes Grundstück sei nur das Grundstück "J. C1. " 14. Die dort vorhandene Altbebauung sei aber aus den genannten Gründen nicht gebietsprägend. Auch könne die Bebauung in dem angrenzenden Plangebiet bei der nach § 34 Abs. 1 BauGB vorzunehmenden Beurteilung nicht berücksichtigt werden. Durch seinen Standort führe Bauvorhaben zu erheblichen bodenrechtlichen Spannungen. Die nicht gewünschte Vorbildfunktion einer fortschreitenden Hinterlandbebauung würde sich auf die weitere städtebauliche Entwicklung des Ortes C. negativ auswirken.

14Der Berichterstatter hat die Örtlichkeit im Erörterungstermin am 5. August 2009 in Augenschein genommen. Wegen der hierbei getroffenen Feststellungen wird auf den Inhalt der hierüber gefertigten Niederschrift verwiesen.

15

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte sowie der beigezogenen Verwaltungsvorgänge des Beklagten verwiesen. 13

Entscheidungsgründe: 16

Die zulässige Klage ist nicht begründet. Der Ablehnungsbescheid des Beklagten vom 30. Oktober 2008 ist rechtmäßig und verletzt die Klägerin daher nicht in ihren Rechten (vgl. § 113 Abs. 1 und 5 Satz 1 der Verwaltungsgerichtsordnung - VwGO -).

18

Die Klägerin hat keinen Anspruch auf Erteilung der beantragten Baugenehmigung für die Errichtung eines Einfamilienwohnhauses, da diesem Vorhaben öffentlich-rechtliche - 17

nämlich bauplanungsrechtliche - Vorschriften entgegenstehen (vgl. § 75 Abs. 1 der Bauordnung für das Land Nordrhein-Westfalen - BauO NRW -).

19Die planungsrechtliche Zulässigkeit baulicher Anlagen beurteilt sich nach den §§ 29 ff. des Baugesetzbuchs (BauGB). J. konkreten Fall findet - wie aus der nach § 34 Abs. 4 BauGB erlassenen Klarstellungs- und Abrundungssatzung der Stadt F. für den Stadtteil C. vom 12. Juli 1995 ersichtlich - § 34 BauGB Anwendung.

20Nach § 34 Abs. 1 BauGB ist für die Zulässigkeit eines Vorhabens u. a. erforderlich, dass es sich nach der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. Das ist hier nicht der Fall.

21Dabei ist zunächst darauf hinzuweisen, dass die Klarstellungs- und Abrundungssatzung für C. vom 12. Juli 1995 für die Frage, ob sich ein Vorhaben in die nähere Umgebung einfügt, rechtlich unerheblich ist. Die nach § 34 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 und 3 BauGB erlassene Satzung betrifft lediglich die Einbeziehung von Grundstücken in den im Zusammenhang bebauten Ortsteil, nach § 34 Abs. 1 BauGB, nicht aber Regelungen zur Frage, ob sich ein Vorhaben innerhalb dieses räumlichen Geltungsbereichs der Satzung in den durch die vorhandene Bebauung vorgegebenen Rahmen einfügt.

22Die nach § 34 Abs. 1 BauGB maßgebliche nähere Umgebung wird dadurch ermittelt, dass in zwei Richtungen, nämlich in Richtung vom Vorhaben auf die Umgebung und in Richtung von der Umgebung auf das Vorhaben geprüft wird, wie weit die jeweiligen Auswirkungen reichen. Zu berücksichtigen ist die Umgebung einmal soweit, als sich die Ausführung des Vorhabens auf sie auswirken kann und zweitens insoweit, als die Umgebung ihrerseits den bodenrechtlichen Charakter des Baugrundstücks prägt oder doch beeinflusst.

23Vgl. Bundesverwaltungsgericht (BVerwG), Urteil vom 26. Mai 1978 - 4 C 9.77 -, Baurechtssammlung (BRS) Bd. 33 Nr. 36.

24Die nähere Umgebung ist für jedes der in § 34 Abs. 1 Satz 1 BauGB genannten Merkmale gesondert zu ermitteln, weil diese jeweils eine Prägung mit ganz unterschiedlicher Reichweite und Gewichtung entfalten können. Insbesondere bezüglich des Merkmals der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, mit dem die konkrete Größe der Grundfläche der baulichen Anlage und ihre räumliche Lage innerhalb der vorhandenen Bebauung gemeint ist,

25vgl. BVerwG, Beschlüsse vom 28. September 1988 - 4 B 175.88 -, BRS 48 Nr. 50 und vom 17. September 1985 - 4 B 167.85 -, Buchholz 406.11 § 34 BBauG Nr. 107,

26wird die nähere Umgebung im Regelfall enger als z.B. bei dem Merkmal der Art der baulichen Nutzung zu bemessen sein. Denn die von den überbauten Grundflächen ausgehende Prägung bleibt in ihrer Reichweite im Allgemeinen hinter den von der Art der baulichen Nutzung ausgehenden Wirkungen zurück. Maßgeblich ist, wie weit die wechselseitigen Auswirkungen im Verhältnis von Vorhaben und Umgebung reichen.

27Vgl. Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen (OVG NRW), Urteil vom 20. Februar 2006 - 7 A 2473/03 -; Beschlüsse vom 16. November 2001 - 7 A 1143/00 - und vom 3. März 2000 - 7 A 2262/99 -.

28Bei der Abgrenzung der näheren Umgebung ist zu berücksichtigen, dass die Eigenart des Gebietes auch durch (schon vorhandene) bauliche Anlagen geprägt werden kann, die in einem angrenzenden, nach § 30 Abs. 1 BauGB zu beurteilenden Plangebiet errichtet worden sind.

29Vgl. BVerwG, Urteil vom 31. Oktober 1975 - IV C 16.73 -, Buchholz 406.11 § 34 BBauG Nr. 50; Söfker, in: Ernst-Zinkahn-Bielenberg, Baugesetzbuch, Stand: März 2006, Rn. 36 zu § 34 BauGB.

30Die nähere Umgebung i.S.v. § 34 Abs. 1 BauGB endet daher im vorliegenden Fall - anders als der Beklagte meint - nicht zwangsläufig an den Grenzen des Bebauungsplans "J. C1. ". Die wechselseitige Prägung und damit die nähere Umgebung beschränkt sich im Falle des klägerischen Grundstücks auf die Bebauung innerhalb des Straßengevierts der Straße "J. C1. " (nördliche, südlich und westliche Grenze) sowie der die östliche Grenze des Gevierts bildenden Straßen L. Straße, M. C. und der J2. Straße. Innerhalb dieses Gevierts liegt das Grundstück bzw. das Bauvorhaben - sowohl was die Nord-Süd als auch die Ost-West - Ausrichtung betrifft - ungefähr in der Mitte. Insoweit findet daher nach dem Eindruck, den der Berichterstatter im Ortstermin gewonnen und der Kammer vermittelt hat und der im vorhandenen Kartenmaterial zum Ausdruck kommt, die erforderliche wechselseitige bodenrechtliche Prägung zwischen Umgebung und Vorhabengrundstück statt.

31Die Eigenart der so eingegrenzten näheren Umgebung wird hinsichtlich der überbaubaren Grundstücksfläche im Wesentlichen durch eine straßennahe Wohnbebauung geprägt. So liegen die Wohnhäuser an den Straßen "J. C1. ", J2. Straße, "M. C. " und L. Straße entweder unmittelbar an der Straße oder halten zu dieser einen Abstand von max. 20 m ("M. C. " 17) ein. Aus diesem Rahmen fallen die an zwei privaten, von der Straße "J. C1. " in östliche Richtung in das hier maßgebliche Straßengeviert hereinführenden Erschließungswegen (Flst. bzw. und ) liegenden (Wohn-)Gebäude "J. C1. " 14, 22 und 24 heraus. Das Gebäude "J. C1. " 22 kann mit einem Abstand zur öffentlichen Straße von nur ca. 30 m allerdings hinsichtlich der überbaubaren Grundstückfläche kein Vorbild für das klägerische Bauvorhaben haben. Nur die Gebäude "J. C1. " 14 (ca. 55 m) und "J. C1. " 24 (ca. 80 m) weisen eine vergleichbare Bebauungstiefe auf wie das ebenfalls an einem der beiden Erschließungswege geplante klägerische Bauvorhaben (ca. 65 m) und könnten daher Vorbild für dieses Bauvorhaben sein. Das Gebäude "J. C1. " 24 ist allerdings letztlich im Rahmen des § 34 Abs. 1 BauGB nicht als prägend zu berücksichtigen. Maßgeblich ist nämlich grundsätzlich die im Zeitpunkt der baurechtlichen Zulassungsentscheidung tatsächlich vorhandene Bebauung bzw. ausgeübte Nutzung. Nach Mitteilung des Beklagten (Auszug aus dem Melderegister) wird das frühere Wohnhaus "J. C1. " 24 aber schon seit September 2005 nicht mehr bewohnt. Nach Auskunft des neuen Eigentümers, der RWE Power AG, an den Beklagten vom 14. Oktober 2009 steht das Gebäude derzeit leer und ist eine Weitervermietung nicht mehr beabsichtigt. Zwar behält auch eine bereits eingestellte Nutzung ihre prägende Kraft solange, wie nach der Verkehrsauffassung mit der Aufnahme einer gleichartigen Nutzung gerechnet werden kann. Innerhalb welcher zeitlicher Grenzen mit der Verkehrsauffassung eine nachprägende Wirkung anzunehmen ist, hängt aber maßgeblich von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab.

32Vgl. BVerwG, Urteil vom 19. September 1986 - 4 C 15.84 -, BRS 46 Nr. 62; OVG NRW, Urteil vom 21. November 2005 - 10 A 1166/04-, Rechtsprechungsdatenbank NRWE

(www.nrwe.de), m.w.N..

33Gemessen daran hat das Anwesen "J. C1. " 24 seine prägende Wirkung als straßenferne Wohnbebauung mit der Nutzungsaufgabe im Jahr 2005 verloren. Dies ergibt sich vor allem aus der besonderen Situation des im Abbaugebietes des Braunkohletagebaus "Garzweiler II" gelegenen Ortsteils C. und dem Eigentumserwerb gerade durch die RWE Power AG als Betreiber des Tagebaus. In dem Braunkohlenplan Umsiedlung C. (abrufbar unter www.bezreg-koeln.nrw.de) ist als Zeitpunkt für den Beginn der gemeinsamen Umsiedlung von C. der 1. Juli 2006 festgelegt. Zeitpunkt für den Abschluss der gemeinsamen Umsiedlung ist der Zeitpunkt der bergbaulichen Inanspruchnahme des betroffenen Ortes; bei C. ist dies das Jahr 2015. In dieser Umsiedlungsphase werden von der RWE Power AG Grundstücke erworben, an deren bisheriger Nutzung insbesondere zu Wohnzwecken erkennbar kein Interesse mehr besteht. Es liegt vielmehr im Interesse des Bergbautreibenden, dass die Einwohner die durch den Tagebau in Anspruch genommenen Ortschaften frühzeitig verlassen. Vor diesem Hintergrund entspricht es der Verkehrsauffassung der Anwohner sowohl der hier prägenden Umgebung als auch der Ortschaft C. insgesamt, dass die bereits von der RWE Power AG erworbenen und von den früheren Bewohnern verlassenen Wohnhäusern ihre prägende Wirkung für eine zukünftige Bebauung verlieren. Insbesondere kann eine nachprägende Wirkung im Hinblick auf eine evtl. Wiederaufnahme der Nutzung aufgrund der dargestellten besonderen Umstände nicht angenommen werden. Vor diesem Hintergrund prägt daher auch das Anwesen "J. C1. " 24 nicht mehr die maßgebliche Umgebung und kann daher hinsichtlich der Bebauungstiefe nicht mehr als Vorbild für das klägerische Bauvorhaben herangezogen werden.

34Somit ist als Wohngebäude mit vergleichbarer Bebauungstiefe lediglich das (noch bewohnte) Anwesen "J. C1. " 14 zu berücksichtigen. Wegen seiner Einzigartigkeit hinsichtlich der überbaubaren Grundstücksfläche in dem hier maßgeblichen Straßengeviert stellt sich dieses Wohngebäude aber als einzelner Fremdkörper dar, so dass es an einer mitprägenden Wirkung gegenüber der sonst vorherrschenden Straßenrandbebauung fehlt.

35Hinsichtlich der überbaubaren Grundstücksfläche fügt sich das klägerische Bauvorhaben somit nicht in den vorgegebenen "Rahmen" ein. Zwar können sich Vorhaben, die den aus ihrer Umgebung ableitbaren Rahmen überschreiten, dennoch dieser Umgebung einfügen. Bei dem "Einfügen" geht es weniger um "Einheitlichkeit" als um "Harmonie". Daraus, dass ein Vorhaben in seiner Umgebung - überhaupt oder doch in dieser oder jener Beziehung - ohne ein Vorbild ist, folgt noch nicht, dass es ihm an dem harmonischen Einfügen fehlt. Das Erfordernis des Einfügens schließt nicht schlechthin aus, etwas zu verwirklichen, was es in der Umgebung bisher nicht gibt.

Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Mai 1978 - 4 C 9.77 -, Buchholz 406.11 § 10 BBauG Nr. 17. 36

37Geht jedoch ein Vorhaben über den vorgegebenen Rahmen hinaus, so fügt es sich in seine Umgebung nur ein, wenn die Überschreitung nicht in einer Weise erfolgt, die - weil es schon selbst oder sei es infolge der Vorbildwirkung - geeignet ist, bodenrechtlich beachtliche und erst noch ausgleichsbedürftige Spannungen zu begründen oder die vorhandenen Spannungen zu erhöhen. Ein Vorhaben, das im Verhältnis zu seiner Umgebung bewältigungsbedürftige Spannungen begründet und erhöht, das in diesem Sinne "verschlechtert", "stört", "belastet", bringt die ihm vorgegebene Situation

gleichsam in Bewegung. Es stiftet Unruhe, die potenziell ein Planungsbedürfnis nach sich zieht. Soll es zugelassen werden, kann dies sachgerecht nur unter Einsatz der - jene Unruhe gewissermaßen auffangenden - Mittel der Bauleitplanung geschehen.

38Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Mai 1978 - 4 C 9.77 -, a.a.O.; Urteil vom 21. November 1980 - 4 C 30.78 -, BauR 1981, 170; Urteil vom 3. April 1981 - 4 C 61.78 -, BRS 38, Nr. 69.

39Die Anwendung dieser Grundsätze auf den vorliegenden Fall führt zu dem Ergebnis, dass das Vorhaben der Klägerin auch nicht ausnahmsweise zulässig ist, weil es wegen der von ihm ausgehenden Vorbildwirkung geeignet ist, bodenrechtliche Spannungen zu begründen. Das Vorhaben der Klägerin bringt nämlich wegen der Überschreitung des Rahmens gleichsam Bewegung in die vorhandene Situation und ruft somit potenziell ein Planungsbedürfnis hervor. Bei Errichtung einer weiteren Hinterlandbebauung wäre das Wohnhaus "J. C1. " 14 kein einzelner Fremdkörper mehr. Dieses bereits vorhandene Wohnhaus und das Bauvorhaben hätte dann vielmehr Vorbildwirkung für die Nachbarparzellen und , auf denen drei weitere Gebäude im Hintergelände errichtet werden könnten. Zudem wäre die Errichtung eines zweiten Wohngebäudes auf dem Baugrundstück (Flst. ) möglich. Wegen dieser weitreichenden, sich aus der konkreten Situation ergebenden Folgewirkungen ist das Vorhaben der Klägerin unzulässig, weil ein solcher Vorgang nur aufgrund einer Bauleitplanung mit den Grundsätzen einer geordneten städtebaulichen Entwicklung vereinbar ist.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO. 40

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