Urteil des SozG Duisburg vom 28.01.2005
SozG Duisburg: versorgung, entziehung, datum, sperre, härtefall, zukunft, nummer, auflage, krankheit, unfreiwillig
Datum:
Gericht:
Spruchkörper:
Entscheidungsart:
Sachgebiet:
Tenor:
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Aktenzeichen:
Rechtskraft:
Sozialgericht Duisburg, S 19 KA 20/04
28.01.2005
Sozialgericht Duisburg
19. Kammer
Urteil
S 19 KA 20/04
Vertragsarztrecht
nicht rechtskräftig
Die Klage wird abgewiesen. Der Kläger trägt die Kosten des
Rechtsstreits.
Tatbestand:
Streitig ist, ob der Kläger einen Anspruch auf eine erneute Zulassung zur vertragsärztlichen
Versorgung hat.
Der 1939 geborene Kläger war ab dem 01.07.1992 als praktischer Arzt für den Sitz E, U-
Straße zur Primär- und Ersatzkassenpraxis zugelassen. Mit Beschlüssen vom 26.03.1997
und vom 04.03.1998 entzogen der Zulassungsausschuß für Ärzte - E - und der Beklagte
dem Kläger die Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung: Der Kläger sei für eine
weitere Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung nicht mehr geeignet. Über einen
längeren Zeitraum und fortgesetzt habe er seine vertragsärztlichen Pflichten gröblich
verletzt; unter anderem habe der Kläger Abrechnungsunterlagen für das Quartal II/96, die
ihm zur nochmaligen Überprüfung zurückgegeben worden seien, nachträglich zu seinen
Gunsten abgeändert.
Das Sozialgericht Duisburg (Az.: S 19 KA 33/98) wies mit Urteil vom 28.01. 2002 die gegen
die Entziehung der Zulassung erhobene Klage als unbegründet zurück. Auf die
Entscheidungsgründe wird verwiesen. Im Termin zur mündlichen Verhandlung vor dem
Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen (Az.: L 11 KA 63/02) erklärte der Kläger am
30.12.2002 seinen Verzicht auf seine Zulassung mit Wirkung zum 30.06.2004, woraufhin
sämtliche Beteiligte den Rechtsstreit in der Hauptsache für erledigt erklärten. Auf die
Sitzungsniederschrift vom 30.12.2002 wird Bezug genommen.
Mit anwaltlichem Schreiben vom 05.03.2004 stellte der Kläger einen
"Wiederzulassungsantrag" für die Zeit ab dem 01.07.2004: Er habe durch
Honorareinbehaltungen und -rückforderungen eine finanzielle Schieflage erlitten. Es sei
durchaus möglich, daß er demnächst Sozialhilfe beziehen werde, weil er mit Rücksicht auf
die gegen ihn erhobenen Rückforderungen seine Lebensversicherungsverträge und
sonstige für die Altersvorsorge bestimmte Rücklagen aufgelöst habe. Er werde mit dem
Ende der vertragsärztlichen Behandlungen zum Quartal IV/2004 ohne Einkünfte sein, denn
die Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit seien zu vernachlässigen. Folglich liege in
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seiner Person ein Härtefall im Sinne von § 25 Satz 2 der Zulassungsverordnung für
Vertragsärzte (Ärzte-ZV) vor. Die Verfehlungen, die zu dem
Zulassungsentziehungsverfahren geführt hätten, seien nach Auffassung des
Zulassungsausschusses ohnehin nur für eine zeitlich begrenzte Sanktion geeignet
gewesen. Sein Abrechnungsverhalten habe sich zwischenzeitlich deutlich gebessert.
Schließlich sei die Versorgung der vielen betagten Patienten im Einzugsbereich seiner
Praxis nur durch ihn persönlich möglich, weil die Suche nach einem Praxisnachfolger nicht
auf Interesse gestoßen sei.
Der Zulassungsausschuß lehnte den Antrag mit Beschluss vom 21.04.2004 ab: Die
Verzichtserklärung, die der Kläger in dem Termin zur mündlichen Verhandlung vor dem
Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen abgegeben habe, sei verbindlich. Ein Härtefall
nach § 25 Satz 2 Ärzte-ZV liege nicht vor. Überdies sei der Planungsbereich E bei einem
Versorgungsgrad von 113,9 v H für Hausärzte gesperrt.
Der Kläger erhob Widerspruch: Seine Neuzulassung sei zur Vermeidung unbilliger Härten
nach § 25 Satz 2 Ärzte-ZV geboten. Im Rahmen dieser Vorschrift könne eine eventuelle
Überversorgung des Planungsbereichs keine Rolle spielen. Denn selbst dann, wenn eine
solche Überversorgung tatsächlich bestehen sollte, werde sie durch die begehrte
Neuzulassung nicht ausgeweitet.
Der Beklagte wies den Widerspruch mit Beschluss vom 01.09.2004 zurück: Das
Zulassungsbegehren scheitere daran, daß der Planungsbereich E für Hausärzte gesperrt
sei. Es könne dahinstehen, ob dem Kläger die begehrte Zulassung auch wegen
mangelnder Eignung zur Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung zu versagen sei.
Der Kläger trägt zur Begründung der dagegen binnen Monatsfrist erhobenen Klage
ergänzend vor: In E sei noch nicht einmal die Notfallversorgung in ordnungsgemäßer
Weise gewährleistet. Von daher sei zu vermuten, daß eine Überversorgung mit Hausärzten
überhaupt nicht vorliege. Die Entziehung der Zulassung sei als eine Ordnungsmaßnahme
anzusehen, die darauf abziele, die Geeignetheit zur weiteren oder erneuten Teilnahme an
der vertragsärztlichen Versorgung wiederherzustellen. Dieser Zustand dürfte inzwischen
erreicht sein, nachdem sämtliche Regress- und sonstige Forderungen der
Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen im vorliegenden Fall befriedrigt worden
seien. Von daher sei es wohl unverhältnismäßig, ihm für weitere Zeit die Rückkehr in die
vertragsärztliche Versorgung zu versperren.
Der Kläger beantragt,
den Beklagten unter Aufhebung des Beschlusses des Zulassungsausschusses vom
21.04.2004 in Gestalt des Beschlusses des Beklagten vom 01.09.2004 zu verurteilen, den
Wiederzulassungsantrag des Klägers vom 05.03.2004 unter Beachtung der
Rechtsauffassung des Gerichts erneut zu bescheiden.
Der Beklagte und die Begeladene zu 7) beantragen,
die Klage abzuweisen.
Der Beklagte hält seinen Beschluss vom 01.09.2004 für rechtmäßig.
Die Beigeladene zu 7) trägt vor: Einer erneuten Zulassung des Klägers dürfte nicht nur die
derzeitige Sperrung des Planungsbereichs E für Hausärzte entgegenstehen, sondern auch
die Tatsache, daß das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen in dem Termin am
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30.12.2002 offensichtlich davon ausgegangen sei, daß die Entziehung der
vertragsärztlichen Zulassung zu Recht erfolgt sei. Die Einräumung einer 18-monatigen
Frist, die die Verzichtserklärung des Klägers beinhalte, habe ausschließlich den Zweck
gehabt, dem Kläger die Abwicklung seiner Praxis ohne Aussicht auf Rückkehr in die
vertragsärztliche Versorgung zu ermöglichen.
Wegen der Einzelheiten wird auf die Gerichtsakten, den Aktenvorgang des
Widerspruchsverfahrens sowie auf die den Kläger betreffenden Arztregister- und
Zulassungsakten verwiesen, deren wesentlicher Inhalt ebenfalls Gegenstand der
mündlichen Verhandlung gewesen ist.
Entscheidungsgründe:
Die Klage ist zulässig, aber unbegründet.
Der Beschluss des Zulassungsausschusses vom 21.04.2004 und der Beschluss des
Beklagten vom 01.09.2004 beschweren den Kläger nicht nach § 54 Absatz 2 Satz 1
Sozialgerichtsgesetz (SGG). Diese Beschlüsse sind nicht rechtswidrig. Der Kläger hat
keinen Anspruch darauf, mit Wirkung ab einem nach dem 30.06.2004 liegenden Zeitpunkt
innerhalb des Planungsbereichs D erneut zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen zu
werden.
Es kann dahinstehen, ob der am 08.03.2004 bei dem Zulassungsausschuß für Ärzte - E -
eingegangene "Wiederzulassungsantrag" wegen Verstoßes gegen das auch im
öffentlichen Recht entsprechenden § 242 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) geltende Verbot
widersprüchlichen Verhaltens unwirksam ist; dafür, daß der mit anwaltlichem Schreiben
vom 05.03.2004 gestellte Zulassungsantrag in einem offensichtlichen Gegensatz zu
früheren rechtsverbindlichen Erklärungen des Klägers steht, spricht vor allem der Umstand,
daß der Kläger im Termin zur mündlichen Verhandlung vor dem Landessozialgericht
Nordrhein-Westfalen am 30.12.2002 mit Wirkung zum 30.06.2004 auf seine Zulassung
verzichtet hat, ohne sich für einen nach diesem Datum liegenden Zeitpunkt einen Antrag
auf Wiederzulassung vorzubehalten.
Dem unter dem 05.03.2004 formulierten Zulassungsbegehren steht jedoch die derzeit für
den Planungsbereich E geltende Zulassungssperre für Hausärzte (§ 73 Absatz 1 a Satz 1
Fünftes Buch des Sozialgesetzbuchs - SGB V -) entgegen. Solange der Landesausschuß
der Ärzte und Krankenkassen diese Zulassungssperre nicht nach § 103 Absatz 3 in
Verbindung mit Absatz 1 Satz 1 SGB V mit Wirkung für die Zukunft aufgehoben hat, haben
die Zulassungsinstanzen diese Sperre von Amts wegen zu beachten, (§ 16 b Absatz 2
Ärzte-ZV). Dieser Sperre kommt nach Ansicht der Kammer eine sogenannte
Tatbestandswirkung zu.
Ein Anspruch auf die begehrte erneute Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung läßt
sich auch nicht aus § 25 Satz 2 Ärzte-ZV herleiten. Dies ergibt sich schon daraus, daß die
Zulassung eines über 55 Jahre alten Arztes in das Entschließungsermessen der
Zulassungsinstanzen gestellt ist. Desweiteren sind die tatbestandlichen Voraussetzungen
dieser Vorschrift nicht erfüllt. Die begehrte Zulassung ist nicht erforderlich, um in der Person
des Klägers den Eintritt einer unbilligen Härte im Sinne von § 25 Satz 2 Ärzte-ZV zu
vermeiden. Äußert ein Arzt, dem die Zulassung entzogen worden ist oder der von sich aus
auf die Zulassung verzichtet hat, den Wunsch, zur vertragsärztlichen Versorgung wieder
zugelassen zu werden, rechtfertigt dies nicht ohne weiteres die Annahme eines Härtefalles
(Bundessozialgericht, Urteil vom 24.11.1993 - 6 RKa 36/92 - SozR 3 - 2500 - § 98 Nummer
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3 - NZS 1994, 427). Der Verlust von Honorareinnahmen aus der Teilnahme an der
vertragsärztlichen Versorgung vermag nur dann zu einer unbilligen Härte im Sinne von §
25 Satz 2 Ärzte-ZV zu führen, wenn der hinter dem Begehren nach erneuter Zulassung
stehende Einnahmeverlust darauf zurückzuführen ist, daß der betreffende Arzt unfreiwillig -
insbesondere wegen längerer Krankheit - aus der vertragsärztlichen Versorgung
ausgeschieden ist (vgl. Schallen, Zulassungsverordnung für Vertragsärzte, 3. Auflage,
Randnummer 460 nwN). Im vorliegenden Fall liegen die Dinge jedoch anders, weil der
Kläger auf seine Zulassung mit Wirkung ab dem 01.07. 2004 deshalb verzichtet hat, weil er
die von den Zulassungsinstanzen in den Jahren 1997 und 1998 verfügte Entziehung seiner
Zulassung sowie das diese Entscheidungen bestätigende Urteil des Sozialgerichts
Duisburg vom 28.01.2002 hat gegenstandslos werden lassen wollen. Die Beigeladene zu
7) weist insoweit zutreffend darauf hin, daß das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen
in dem Termin zur mündlichen Verhandlung am 30.12.2002 offensichtlich davon
ausgegangen ist, daß die Entziehung der vertragsärztlichen Zulassung zu Recht erfolgt ist.
Nachdem dem Kläger das Ergebnis der Zwischenberatung des 11. Senats bekannt
gegeben worden war, ist dem Kläger offensichtlich bewußt geworden, daß das
Landessozialgericht das erstinstanzliche Urteil nicht aufheben würde. Der Verlust von
Honoraransprüchen aus einer weiteren Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung,
der den Arzt als eine unmittelbare oder mittelbare Folge eines
Zulassungsentziehungsverfahrens trifft, stellt nicht weniger aber auch nicht mehr als die
schwerste Konsequenz eines Zulassungsentziehungsverfahren dar, die der Gesetzgeber
für den Fall der Entziehung der Zulassung in Rechnung gestellt hat.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 197 a Sozialgerichtsgesetz (SGG) in Ver- bindung mit
§ 154 Absatz 1 Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO).