Urteil des SozG Berlin vom 29.03.2017, S 61 AS 1046/06

Aktenzeichen: S 61 AS 1046/06

SozG Berlin: schule, schüler, erlass, nebenkosten, verpflegungskosten, ausbildung, unterricht, hauptsache, englisch, integration

Quelle: Gericht: SG Berlin 61. Kammer

Norm: § 23 Abs 3 SGB 2

Entscheidungsdatum: 23.02.2006

Aktenzeichen: S 61 AS 1046/06 ER

Dokumenttyp: Beschluss

Grundsicherung für Arbeitsuchende - Arbeitslosengeld II - Sonderbedarf - einmalige Zahlung der Kosten für eine

Klassenfahrt - Zusammenhang zwischen Fahrt und Schulunterricht

Leitsatz

§ 23 Abs 3 S 1 SGB 2 setzt nicht voraus, dass das auf der Klassenfahrt vermittelte Wissen unabdingbar für den angestrebten Schulabschluss ist. Auch wenn Vorträge der Erweiterung des Allgemeinwissens dienen, besteht ein hinreichender Zusammenhang zwischen dem schulischen Unterricht und der Fahrt.

Tenor

1. Der Antragsgegner wird im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, Kosten für die Teilnahme des Antragstellers an der Projektfahrt der Klasse vom 27. Februar 2006 bis zum 03. März 2006 nach H/ T in Höhe von 165,00 zu übernehmen und auf das Klassenfahrtkonto Nr. bei der Postbank Berlin (BLZ: 100 100 10) zu zahlen.

2. Im übrigen wird der Antrag abgelehnt.

3. Der Antragsgegner hat dem Antragsteller 2/3 seiner außergerichtlichen Kosten des Rechtsstreits zu erstatten.

Gründe

1I) Der 1979 geborene Antragsteller besucht das Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informations- und Medientechnik und ist dort in der Ausbildung zum Medienassistenten Schüler der Klasse M. Mit dem Schulabschluss wird er gleichzeitig die Fachhochschulreife erlangen. Vom Antragsgegner erhält der Antragsteller zusätzlich zu seinen sonstigen Einnahmen aus Schüler-BAföG (247,-- €) und Kindergeld (154,-- €) gemäß Bescheid vom 09.12.2005 laufende Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem SGB II in Höhe von monatlich 233,75 €.

2Vom 27.02.2006 bis zum 03.03.2006 unternimmt der gesamte Klasenverband des Antragstellers gemeinsam mit dem Klassenlehrer eine als „Projektfahrt“ bezeichnete Fahrt nach H. Andere Schüler des Oberstufenzentrums nehmen nicht an der Fahrt teil.

3Einen Antrag des Antragstellers, ihm zusätzlich zu den laufenden monatlichen Leistungen eine Einmalzahlung in Höhe von 246,00 für die Kosten der Fahrt nach H, hiervon 165 für Fahrt, Unterkunft und Verpflegung, sowie 81 für sonstige „Nebenkosten (Eintrittsgelder etc. kein Taschengeld)“, zu erbringen, lehnte der Antragsgegner mit Bescheid vom 24.01.2006 ab. Die Voraussetzungen zur Leistungsgewährung nach § 23 Absatz 3 SGB II seien nicht erfüllt, weil es sich bei der Fahrt nicht um eine Klassenfahrt im Rahmen der schulrechtlichen Bestimmungen handele.

4Am 31.01.2006 hat der Antragsteller beantragt, den Antragsgegner im Wege der einstweiligen Anordnung zu verpflichten, die Kosten für die Fahrt nach H in Höhe von 246,00 zu übernehmen. Wegen des bevorstehenden Beginns der Klassenfahrt sei Eile geboten. Auch könne er die Kosten für die Fahrt nicht aus eigenen Mitteln erbringen. Die Fahrt mit dem Projektthema „Das neue EU-Mitglied vermittele unterrichts- und prüfungsrelevante Sachverhalte und gehöre unabdingbar zu seiner Ausbildung.

5Der Antragsgegner beantragt, den Antrag zurückzuweisen. Dass die Integration des Antragstellers in den Klassenverband in Frage gestellt werde, habe dieser nicht dargelegt. Auch lasse das Programm der Fahrt, welches durch Vermittlung der t Kultur, Skikurse sowie die Bearbeitung von Mathematik- und Englisch-Hausarbeiten geprägt sei,

Skikurse sowie die Bearbeitung von Mathematik- und Englisch-Hausarbeiten geprägt sei, eine Relevanz für den Abschluss zum Medienassistenten nicht erkennen.

6II 1) Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gemäß § 86b Absatz 2 dahingehend, dass der Antragsgegner verpflichtet werden soll, die Kosten einer Teilnahme des Antragstellers an der streitgegenständlichen Fahrt nach H vom 27.02.2006 bis zum 03.03.2006 in Höhe von 246,00 zu übernehmen, ist statthaft und zulässig und auch insoweit begründet, als der Antragsteller die Zahlung von 165 für Fahrt-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten geltend macht. Nicht begründet ist der Antrag jedoch hinsichtlich der darüber hinaus geltend gemachten „Nebenkosten“ der Fahrt in Höhe von 81,00 €.

7a) Hinsichtlich der Fahrt-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten in Höhe von 165,-- war dem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zu entsprechen, weil der Antragsteller nach Auffassung des erkennenden Gerichts eindeutig einen Anspruch auf Übernahme der Kosten der streitgegenständlichen Fahrt nach H gemäß § 23 Absatz 3 Sätze 1 und 2 SGB II hat und diese Kosten auch durch eine vom Antragsteller eingereichte Kostenbestätigung seiner Schule vom 05.12.2005 nachgewiesen sind.

8Dass die Fahrt von der Schule nicht als Klassenfahrt, sondern als Projektfahrt bezeichnet wird, steht einer Anwendung von § 23 Absatz 3 Sätze 1 und 2 SGB II nicht entgegen. Maßgeblich hierfür ist nämlich nicht die Bezeichnung der Fahrt seitens der Schule, sondern ihr tatsächlicher Charakter. Der Antragsgegner selbst hat aber vorgetragen, dass der Klassenlehrer des Antragstellers auf telephonische Nachfrage mitgeteilt habe, dass ausschließlich der gesamte Klassenverband und keine anderen Schüler der Schule an der Fahrt teilnehmen. Auch ein hinreichender Zusammenhang zwischen der Fahrt und dem Schulunterricht kann nach Auffassung des erkennenden Gerichts ausweislich des vom Antragstellers eingereichten Programms der Fahrt nicht in Zweifel gezogen werden. Wesentlicher Bestandteil des Programms sind nämlich neben der Bearbeitung der von Fachlehrern der Schule verteilten Hausarbeiten (Englisch, Mathematik) „Vorträge der Schüler zur Landeskunde (Politik, Wirtschaft, Kultur/Sprache)“ T. Dies mag nicht spezifisch für die Ausbildung zum Medienassistenten sein. Ausweislich der telephonischen Auskunft des Klassenlehrers gegenüber dem Antragsgegner, über die dieser schriftsätzlich unter dem 13.02.2006 berichtete, sollten die Vorträge jedoch gerade wegen des mit dem Schulabschluss verbundenen Erwerbs der Fachhochschulreife auch der Erweiterung des Allgemeinwissens dienen. Damit ist ein hinreichender Zusammenhang zwischen dem schulischen Unterricht und der streitgegenständlichen Fahrt hergestellt. Dass das auf der Fahrt vermittelte Wissen unabdingbar für den angestrebten Schulabschluss wäre, wird vom Begriff der Klassenfahrt in § 23 Absatz 3 Satz 1 SGB II nicht vorausgesetzt. Auch eine Gefährdung der Integration des Antragstellers im Klassenverband ist für die Anwendung von § 23 Absatz 3 Sätze 1 und 2 SGB II nicht erforderlich.

9Da der Antragsteller nach den vorstehenden Darlegungen einen Anspruch auf Übernahme von 165 Kosten der streitgegenständlichen Fahrt hat und diese bereits am 27.02.2006 beginnt, ist ihm ein Zuwarten bis zur Hauptsacheentscheidung nicht zuzumuten. Der für den Erlass einer einstweiligen Anordnung nach § 86b Absatz 2 SGG zu fordernde Anordnungsgrund ist zu bejahen. Dass mit der einstweiligen Anordnung in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Fahrt gleichzeitig die Hauptsache zu Lasten des Antragsgegners vorweggenommen wird, steht ihrem Erlass nicht entgegen, weil der vom Antragsteller geltend gemachte Anspruch in Höhe von 165,00 nach Auffassung des erkennenden Gerichts in keiner Hinsicht zweifelhaft erscheint und auch eine ablehnende Entscheidung umgekehrt die Hauptsache vorwegnehmen würde, allerdings zu Lasten des Antragstellers.

10 b) Nicht zu entsprechen war dem Antrag jedoch, soweit der Antragsteller neben den nachgewiesenen Fahrt-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten in Höhe von 165 weitere Nebenkosten in Höhe von 81 geltend macht.

11 Insoweit ist nämlich in keiner Weise erkennbar, dass und warum tatsächlich welche zusätzlichen Kosten gerade durch die mehrtägige Klassenfahrt veranlasst werden. Belegt durch die Bescheinigung der Schule vom 05.12.2005 sind lediglich Kosten in Höhe von 165 €. Auch aus dem vom Antragsteller eingereichten Programm lässt sich nicht ohne weiteres herleiten, dass dem Antragsteller gerade durch die Klassenfahrt zusätzliche Nebenkosten entstünden, die nicht bereits mit den sonstigen laufenden Leistungen zum Lebensunterhalt, die er vom Antragsgegner erhält, abgedeckt wären.

12 2) Die Kostenentscheidung folgt aus § 193 SGG und berücksichtigt das Obsiegen und Unterliegen der Beteiligten.

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