Urteil des OVG Rheinland-Pfalz vom 05.02.2008, 8 B 10001/08.OVG

Aktenzeichen: 8 B 10001/08.OVG

OVG Koblenz: aufschiebende wirkung, behörde, widerruf, sicherheit, anhörung, verwaltungsakt, mangel, erlass, lizenz, ermittlungsverfahren

OVG

Koblenz

05.02.2008

8 B 10001/08.OVG

Luftverkehrsrecht

Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz

Beschluss

In dem Verwaltungsrechtsstreit

****Herrn ***************************, ************, ***** ********,

- Antragsteller und Beschwerdegegner -

Prozessbevollmächtigte: Rechtsanwälte Schneider & Federrath, Wilhelmstraße 3, 57518 Betzdorf,

gegen

das Land Rheinland-Pfalz, vertreten durch den Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz, dieser vertreten durch die Geschäftsführer, Friedrich-Ebert-Ring 14 - 20, 56068 Koblenz,

- Antragsgegner und Beschwerdeführer -

wegen Luftverkehrsrechts

hier: aufschiebende Wirkung

hat der 8. Senat des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz in Koblenz aufgrund der Beratung vom 5. Februar 2008, an der teilgenommen haben

Vorsitzender Richter am Oberverwaltungsgericht Dr. Held Richterin am Oberverwaltungsgericht Lang Richter am Oberverwaltungsgericht Müller-Rentschler

beschlossen:

Auf die Beschwerde des Antragsgegners wird der Beschluss des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 7. Dezember 2007 4 L 1810/07.KO abgeändert und der Antrag des Antragstellers auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung seines Widerspruchs gegen den Bescheid vom 18. Oktober 2007 abgelehnt.

Der Antragsteller hat die Kosten des Verfahrens beider Rechtszüge zu tragen.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 3.750,-- festgesetzt.

Gründe

Die Beschwerde ist zulässig und begründet.

Das Verwaltungsgericht hätte den Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs des Antragstellers gegen den Bescheid vom 18. Oktober 2007, mit dem unter Anordnung der sofortigen Vollziehung das Ruhen seiner Luftfahrererlaubnis angeordnet und die entsprechenden Ausweise eingezogen wurden, ablehnen müssen. Denn das öffentliche Interesse an der sofortigen Vollziehbarkeit dieses Bescheides überwiegt das private Interesse des Antragstellers, vorläufig von dessen Vollziehung verschont zu bleiben.

Entgegen der Ansicht des Verwaltungsgerichts begegnet der Bescheid in formeller Hinsicht keinen Bedenken (1.). In materieller Hinsicht ist die Sach- und Rechtslage allerdings derzeit offen (2.). Die danach vorzunehmende Abwägung der öffentlichen und der privaten Interessen fällt jedoch zu Lasten des Antragstellers aus (3.).

1. Der Bescheid des Antragsgegners vom 18. Oktober 2007 ist zunächst formell rechtmäßig.

a) Er wurde insbesondere nicht von einer unzuständigen oder nicht existenten Behörde erlassen. Der „Landesbetrieb Mobilität“ ist vielmehr mit dem durch Art. 1 § 1 des Landesgesetzes zur Neuorganisation der Straßen- und Verkehrsverwaltung Rheinland-Pfalz vom 18. Dezember 2001 (GVBl. 2001, S. 303) errichteten „Landesbetrieb Straßen und Verkehr“ identisch, der gemäß § 1 der Landesverordnung über Zuständigkeiten nach dem Luftverkehrsgesetz vom 20. März 1992 (BS 96-1), zuletzt geändert durch Art. 22 der Landesverordnung zur Anpassung der Zuständigkeiten an die Neuorganisation der Straßen- und Verkehrsverwaltung Rheinland-Pfalz vom 6. Mai 2002 (GVBl. 2002, S. 269, 273), für die Ausführung der den Ländern nach dem Luftverkehrsgesetz und dem Luftsicherheitsgesetz übertragenen Aufgaben zuständig ist. Durch die Organisationsverfügung des Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau vom 5. Januar 2007 (StAnz. 2007, S. 2) wurde lediglich die durch Gesetz errichtete, bereits bestehende Behörde umbenannt. Eine Änderung von Funktionen, Strukturen oder Zuständigkeiten der Behörde war damit nicht verbunden. Es handelt sich bei der bisher unter dem Namen „Landesbetrieb Straßen und Verkehr“, jetzt unter dem Namen „Landesbetrieb Mobilität“ agierenden Behörde nach wie vor um dieselbe „in den Organismus der Staatsverwaltung eingeordnete, organisatorische Einheit von Personen und sächlichen Mitteln“ (vgl. zum allgemeinen Behördenbegriff BVerwG, Urteil vom 24. Januar 1991 2 C 16/88 -, NJW 1991, S. 2980).

Die Umbenennung des Landesbetriebs konnte auch durch eine Organisationsverfügung des zuständigen Ministeriums erfolgen. Denn sie wird von der „Organisationsgewalt“ des Ministeriums, seiner Kompetenz für Organisationsregelungen und –maßnahmen in seinem Geschäftsbereich (vgl. dazu Maurer, Allgemeines Verwaltungsrecht, 16. Aufl. 2006, § 21, Rn. 59), umfasst. Dem Gesetzesvorbehalt unterfällt zwar die Errichtung von Behörden, nicht aber deren Einrichtung im Sinne ihrer Ausstattung mit personellen und sächlichen Mitteln (vgl. Maurer, a.a.O., Rn. 66); darunter fällt auch die Ausstattung einer Behörde mit einem geänderten Namen. Nach rheinland-pfälzischem Landesrecht ist sogar die Umbenennung einer kommunalen Gebietskörperschaft durch Organisationsverfügung des zuständigen Ministeriums zulässig (vgl. z.B. § 3 Abs. 1 Satz 2 Landkreisordnung).

Selbst wenn man davon ausginge, dass das Ministerium mit der Umbenennung des Landesbetriebs seine Kompetenzen überschritten hätte, würde dies im Ergebnis nichts ändern. Bei der Organisationsverfügung vom 5. Januar 2007 handelt es sich um eine Allgemeinverfügung i. S. v. § 35 Satz 2 VwVfG, also um einen Verwaltungsakt, der mangels Vorliegens von Nichtigkeitsgründen i. S. v. § 44 VwVfG auch im Falle seiner Rechtswidrigkeit wirksam bleibt.

b) Der Bescheid vom 18. Oktober 2007 ist ferner nicht wegen fehlender Anhörung des Antragstellers formell rechtswidrig. Zwar wurde der Antragsteller vor dem Erlass des Bescheides entgegen § 1 LVwVfG i.V.m. § 28 Abs. 1 VwVfG nicht angehört. Der Mangel der vorherigen Anhörung ist jedoch gemäß § 1 LVwVfG i.V.m. § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG durch Nachholung der Anhörung im Widerspruchsverfahren geheilt worden, nachdem der Antragsgegner dem Antragsteller mit Schreiben vom 6. November 2007 Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hatte.

2. In materieller Hinsicht stellt sich die Rechtslage indessen als offen dar. Der angefochtene Bescheid wirft eine Reihe von schwierigen Rechtsfragen auf, deren Klärung dem Hauptsacheverfahren überlassen bleiben muss.

Als Rechtsgrundlage für die Anordnung des Ruhens der Luftfahrererlaubnis für Privatflugzeugführer des Antragstellers sowie seiner Klassenberechtigung für Reisemotorsegler im Luftfahrerschein für Segelflugzeugführer kommt nur § 4 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. des Luftverkehrsgesetzes LuftVG - i.V.m. § 29 Abs. 3 Satz 1 der Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung LuftVZO i.d.F. vom 13. Juni 2007 in Betracht. Gemäß § 4 Abs. 3 LuftVG ist die Erlaubnis zu widerrufen, wenn die Voraussetzungen nach Abs. 1 nicht mehr vorliegen. Nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 LuftVG ist Voraussetzung für die Erteilung der Luftfahrererlaubnis auch, dass keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Bewerbers nach § 7 des Luftsicherheitsgesetzes LuftSiG bestehen. Gemäß § 29 Abs. 3 Satz 1 LuftVZO kann (als milderes Mittel gegenüber dem Widerruf, vgl. dazu Schmid, in: Giemulla/Schmid, LuftVG, § 4 Rn. 73) anstelle des Widerrufs das Ruhen der Lizenz auf Zeit angeordnet werden, wenn dies ausreicht, um die Sicherheit des Luftverkehrs aufrechtzuerhalten. Bei dem Antragsteller kommen als Grund für den Widerruf bzw. die Anordnung des Ruhens seiner Luftfahrererlaubnisse nur Zweifel an seiner Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG in Frage, also an seiner spezifisch luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeit im Hinblick auf die Abwehr äußerer Gefahren für den Luftverkehr (sog. „security“). Seine allgemeine luftverkehrsrechtliche Zuverlässigkeit im Hinblick auf die Abwehr betriebsbedingter Gefahren (sog. „safety“; vgl. zu den unterschiedlichen Zuverlässigkeitsbegriffen van Schyndel, in: Giemulla/Schmid, Luftsicherheitsgesetz, § 7, Rn. 17) kann hingegen nicht (mehr) wegen der in Rede stehenden strafgerichtlichen Verurteilungen und Ermittlungsverfahren in Frage gestellt werden, weil die Voraussetzungen der diesbezüglichen Regelvermutung der Unzuverlässigkeit gemäß § 24 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 b) und Satz 3 LuftVZO nicht vorliegen.

Geht es mithin vorliegend entscheidend um die Frage, ob bei dem Antragsteller „Zweifel an seiner Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG“ bestehen, so ergeben sich eine Reihe rechtlicher Zweifelsfragen, die im vorliegenden Eilverfahren nicht abschließend geklärt werden können:

a) Offen und im Eilverfahren nicht abschließend zu klären ist bereits die formelle Verfassungsmäßigkeit des Luftsicherheitsgesetzes.

So ist insbesondere zweifelhaft, ob das Luftsicherheitsgesetz gemäß Art. 87 d Abs. 2 GG der Zustimmung des Bundesrates bedurft hätte, die dieser ausdrücklich verweigert hat (vgl. BT-Drs. 15/3759). Nach Art. 87 d Abs. 2 GG können Aufgaben der Luftverkehrsverwaltung durch Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, den Ländern als Auftragsverwaltung übertragen werden. Das Luftsicherheitsgesetz überträgt den Ländern Aufgaben der Luftsicherheitsbehörden 16 Abs. 2 LuftSiG). Allerdings oblagen bestimmte Luftsicherheitsaufgaben schon bisher nach dem Luftverkehrsgesetz den Ländern (vgl. §§ 31 Abs. 2 Nr. 19 i.V.m. 29 c, 29 d LuftVG a.F.). Im Rahmen dieser Aufgabenzuweisung waren die Länder für die Überprüfung der Zuverlässigkeit eines bestimmten Personenkreises mit besonders sicherheitsrelevantem Bezug zuständig, darunter auch für das Personal der Flugplatz- oder Luftfahrtunternehmen 29 d Abs. 1 Nr. 2 LuftVG a.F.). Ungeklärt und in Rechtsprechung und Literatur streitig ist die Frage, ob die Erweiterung dieser Überprüfungsaufgaben, vor allem die Erstreckung der Zuverlässigkeitsüberprüfung auf alle Luftfahrer in § 7 Abs. 1 Nr. 4 LuftSiG, das Luftsicherheitsgesetz gemäß Art. 87 d Abs. 2 GG zustimmungsbedürftig macht (so insbesondere VG Darmstadt, Beschluss vom 7. November 2007 5 E 1495/06 -, juris Rn. 61 ff.; a. A. VG Frankfurt/Main, Urteil vom 6. Juli 2006 12 E 3035/05 -, LKRZ 2005, S. 35 und VG Hamburg, Urteil vom 22. Mai 2007 15 K 3090/06 -, juris Rn. 28 ff.; offen gelassen in BVerfGE 115, 118, 135 f.; s. auch VG Berlin, Beschluss vom 27. Februar 2007 13 A 168.06 -, juris Rn. 19, m.w.N.). Darüber hinaus könnte sich die Zustimmungsbedürftigkeit des Gesetzes auch aus § 16 Abs. 3 Satz 2 LuftSiG ergeben (vgl. auch dazu VG Darmstadt, a.a.O., Rn. 162 ff.).

Das VG Darmstadt hat die Frage der Verfassungsmäßigkeit von § 7 Abs. 1 Nr. 4 LuftSiG i.V.m. § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 LuftVG inzwischen dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt (vgl. Beschluss vom 7. November 2007, a.a.O.).

b) Geht man einmal von der formellen und materiellen Verfassungsmäßigkeit der einschlägigen Bestimmungen des Luftsicherheitsgesetzes aus, so ist weiter offen, ob die Widerrufsermächtigung in § 4 Abs. 3 LuftVG, soweit sie an das Bestehen von Zweifeln an der Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. LuftVG anknüpft, auch auf solche Luftfahrer anzuwenden ist, die wie der Antragsteller ihre Lizenzen bereits vor dem Inkrafttreten des Luftsicherheitsgesetzes am 15. Januar 2005 erworben haben, bei denen die erst zu diesem Zeitpunkt eingeführte weitere Zuverlässigkeitsvoraussetzung i.S. von § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. LuftVG also noch gar nicht geprüft werden konnte. Auch diese Frage ist in der Rechtsprechung umstritten. Während das OVG Berlin in dem vom Antragsteller vorgelegten Beschluss vom 1. Oktober 2007 12 S 58.07 aus Wortlaut und Systematik des Luftsicherheitsgesetzes, insbesondere aber aus § 1 Abs. 2 Nr. 4 der auf der Grundlage von § 17 LuftSiG erlassenen Luftsicherheits-Zuverlässigkeit-Überprüfungsverordnung vom 23. Mai 2007 (BGBl. I, S. 947) folgert, dass der von § 7 Abs. 1 Nr. 4 LuftSiG erfasste Personenkreis der Privatpiloten nur bei erstmaliger Erteilung oder Verlängerung der Erlaubnis nach dem 15. Januar 2005 der

Zuverlässigkeitsüberprüfung nach § 7 LuftSiG unterliegt, vertritt das VG Darmstadt die Auffassung, dass die Widerrufsermächtigung gemäß § 4 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. LuftVG auch für „Alt- Erlaubnisinhaber“ gelte; dies sei aus dem Fehlen einer Übergangsregelung für „Alt-Erlaubnisinhaber“, aber auch aus der Systematik und dem Sinn und Zweck des Gesetzes abzuleiten. Auch wenn nach Ansicht des Senats vieles für die Auffassung des VG Darmstadt spricht bei Nichtanwendung des neuen Rechts auf „Alt-Erlaubnisinhaber“ würden z.B. Altinhaber einer Klassenberechtigung für Reisemotorsegler in einer unbefristeten Luftfahrererlaubnis für Segelflugzeugführer der Zuverlässigkeitsüberprüfung nach § 7 LuftSiG dauerhaft entzogen, obwohl sie an sich gemäß §§ 7 Abs. 1 Nr. LuftSiG i.V.m. 1 Abs. 2 Nr. 5 LuftVG zum erfassten Personenkreis zählen muss die abschließende Klärung auch dieser strittigen Rechtsfrage dem Hauptsacheverfahren vorbehalten bleiben.

c) Unterstellt man einmal, dass die Neuregelung auch auf den Antragsteller als „Alt-Erlaubnisinhaber“ Anwendung findet, so spricht einiges für die Annahme des Antragsgegners vom Vorliegen eines Widerrufsgrundes nach § 4 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. LuftVG. Denn nach summarischer Prüfung dürften bei dem Antragsteller Zweifel an seiner Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG zu bejahen sein.

Zuverlässig i. S. v. § 7 LuftSiG ist nur, wer die Gewähr dafür bietet, die ihm obliegenden Pflichten zum Schutz vor Angriffen auf die Sicherheit des Luftverkehrs, insbesondere vor Flugzeugentführungen und Sabotageakten, jederzeit in vollem Umfang zu erfüllen. Wegen des gerade beim Luftverkehr hohen Gefährdungspotenzials und der Hochrangigkeit der zu schützenden Rechtsgüter sind dabei strenge Anforderungen zu stellen. Die Zuverlässigkeit ist bereits zu verneinen, wenn an ihr auch nur geringe Zweifel bestehen (vgl. BVerwG, Urteil vom 15. Juli 2004 3 C 33/03 BVerwGE 121, 257, 262, zu § 29 d LuftVG a.F.). Zweifel an der luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeit sind regelmäßig anzunehmen, wenn der Betroffene für mehrere vollendete, vorsätzliche Straftaten rechtskräftig verurteilt wurde, weil damit bereits seine Unwilligkeit und Uneinsichtigkeit, sich an Gesetze zu halten und entsprechend zu handeln, hinreichend deutlich geworden ist (vgl. van Schyndel, a.a.O., Rn. 52, m.w.N.); die zur Last gelegten Verfehlungen müssen dabei keinen spezifisch luftverkehrsrechtlichen Bezug haben (vgl. BayVGH, Beschluss vom 12. Juli 2005 20 CS 05.1674 juris Rn. 9). Die durch die Begehung von Straftaten indizierten Zweifel an der luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeit einer Person können nur durch Tatsachen widerlegt werden, die aufgrund einer Gesamtwürdigung von Verhalten und Persönlichkeit des Betroffenen die Straftaten derart in den Hintergrund treten lassen, dass allein im Hinblick auf diese keine Zweifel an der Zuverlässigkeit aufkommen (vgl. BayVGH, a.a.O., Rn. 12).

Danach sind vorliegend Zweifel an der luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeit des Antragstellers durchaus begründet und bisher auch nicht durch Gegentatsachen widerlegt. Der Antragsteller ist zweimal wegen vorsätzlicher Straftaten zu Freiheitsstrafen rechtskräftig verurteilt worden, zuletzt im Jahre 2001 wegen einer Vielzahl von Betrugsdelikten mit hohem Schaden zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, die er bis auf einen zur Bewährung ausgesetzten Strafrest verbüßen musste. Hinzu kommen eine Reihe von weiteren Ermittlungsverfahren, vornehmlich wegen Betrugs, die lediglich gemäß §§ 153 a oder 154 StPO eingestellt wurden. Die große Anzahl der Taten, die erhebliche Schadenshöhe und das Tatmotiv der persönlichen Bereicherung zeigen eine gleichgültige Grundeinstellung des Antragstellers gegenüber fremden Vermögen und den sie schützenden Strafvorschriften. Die Vielzahl von Vermögensdelikten lässt befürchten, dass der Antragsteller seine Pflichten zum Schutze der Sicherheit des Luftverkehrs verletzen könnte, wenn ihm etwa materielle Vorteile geboten werden. Der Antragsgegner hat auch überzeugend ausgeführt, dass bei einer Gesamtwürdigung von Verhalten und Persönlichkeit des Antragstellers jedenfalls derzeit noch keine hinreichenden Tatsachen erkennbar sind, durch die die Indizwirkung der Straftaten widerlegt wird. Im Hauptsacheverfahren wird jedoch zu berücksichtigen sein, dass die Indizwirkung auch der erheblichen Verurteilung aus dem Jahre 2001 mit zunehmendem zeitlichen Abstand „verblasst“, sofern keine weiteren Verfehlungen des Antragstellers hinzukommen (wobei dem im Jahre 2004 nach § 153 a StPO eingestellten weiteren Ermittlungsverfahren wegen Betrugs aufgrund des Bagatellcharakters des zugrunde liegenden Sachverhalts allenfalls sehr geringe Bedeutung zukommen kann). Dabei zeigen die unterschiedlich gestaffelten Fristen für die Berücksichtigung strafgerichtlicher Verurteilungen im Rahmen der Regelvermutung der luftverkehrsrechtlichen Unzuverlässigkeit gemäß § 24 Abs. 2 Satz 2 LuftVZO, dass der Gesetz- und Verordnungsgeber bei sonstigen vorsätzlichen Straftaten, die keinen Verbrechenstatbestand erfüllen, selbst bei Verurteilung zu Freiheitsstrafen von mindestens einem Jahr eine „Verblassenswirkung“ der Verurteilung bereits nach fünf Jahren annimmt. Zwar wird man bei der luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeitsüberprüfung wegen des besonders gewichtigen Schutzguts der Sicherheit des Luftverkehrs vor Flugzeugentführungen, Sabotageakten und Terroranschlägen (vgl. § 1 LuftSiG) und der deshalb gerechtfertigten niedrigeren Schwelle für die Annahme von Zweifeln an der Zuverlässigkeit von längeren Frist ausgehen dürfen. Zur Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit wird man dem Antragsteller jedoch Straftaten ohne Gewaltanwendung und ohne spezifisch luftverkehrsrechtlichen Bezug nicht „ewig“ vorhalten dürfen. Bei einem zeitlichen Abstand von ca. sechseinhalb Jahren zur Rechtskraft der letzten Verurteilung aus dem Jahre 2001 dürfte diese Grenze jedoch derzeit noch nicht überschritten sein.

d) Nach summarischer Prüfung ist der Antragsgegner auch durch die aufschiebende Wirkung von Widerspruch und Anfechtungsklage des Antragstellers gegen den Bescheid vom 11. September 2006, mit dem seine Zuverlässigkeit nach § 7 Abs. 1 Nr. 4 LuftSiG „verneint“ wurde, nicht gehindert, das Ruhen der in Rede stehenden Luftfahrererlaubnisse anzuordnen und deren Einziehung zu verfügen. Nach dem Wortlaut des § 4 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 Satz 2 Nr. 3, 2. Halbs. LuftVG setzt der Widerruf der Luftfahrererlaubnisse nicht die förmliche Feststellung von Zweifeln an der Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG in einem (bestandskräftigen oder für sofort vollziehbar erklärten) feststellenden Verwaltungsakt voraus, sondern nur das Bestehen derartiger Zweifel. Auch aus den komplexen Regelungen des § 7 LuftSiG ergibt sich nicht, dass die Luftsicherheitsbehörde zwingend durch feststellenden Verwaltungsakt zu entscheiden hat. Zwar spricht § 7 Abs. 5 Satz 1 LuftSiG von einer nach Anhörung des Betroffenen zu treffenden „Entscheidung“; in § 7 Abs. 7 Satz 2 LuftSiG ist dann aber nur von einer „Unterrichtung“ u.a. des „Betroffenen“ über das „Ergebnis der Überprüfung“ die Rede. Eindeutige verwaltungsverfahrensrechtliche Regelungen, die auf eine Verpflichtung der Behörde zum Erlass eines feststellenden Verwaltungsakts schließen lassen, enthält § 7 LuftSiG nicht.

Etwas anderes folgt auch nicht aus § 24 Abs. 2 Satz 1 LuftVZO, wonach die Zuverlässigkeit von Bewerbern um eine Lizenz zum Führen eines Luftfahrzeugs nicht vorliegt, „wenn die Zuverlässigkeit der Bewerber nach § 7 des Luftsicherheitsgesetzes nicht festgestellt worden ist“. Danach will diese Vorschrift zwar offenbar die Erteilung von Luftfahrererlaubnissen von einer Art „Positivattest“ über die Zuverlässigkeit nach § 7 LuftSiG abhängig machen. Damit ist aber nicht zugleich gesagt, dass die Behörde zur Versagung der Luftfahrererlaubnis bzw. für ihren Widerruf eines förmlichen „Negativattestes“ über das Fehlen der Zuverlässigkeit bedarf. Setzt aber der Widerruf und die an seiner Stelle zulässige Ruhensanordnung nicht die förmliche Feststellung des Fehlens der Zuverlässigkeit durch Verwaltungsakt, sondern nur das objektive Bestehen von Zweifeln an der Zuverlässigkeit voraus, so steht die aufschiebende Wirkung der Klage gegen den Bescheid vom 11. September 2006 dem Erlass der Ruhensanordnung nicht entgegen.

Der Senat hat anders als das Verwaltungsgericht auch keine Bedenken dagegen, dass der Antragsgegner die Ruhensanordnung aus Gründen der Verhältnismäßigkeit und der Verfahrensökonomie bis zum Abschluss des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens gegen den Bescheid vom 11. September 2006 befristet hat. Auch die Anordnung der Einziehung der Luftfahrerscheine ist ohne weiteres dahin auszulegen, dass sie nur für die Dauer der Ruhensanordnung also bis zum Abschluss des genannten verwaltungsgerichtlichen Verfahrens gilt.

3. Sind nach alledem die Erfolgsaussichten des Antragstellers in der Hauptsache insbesondere im Hinblick auf die formelle Verfassungsmäßigkeit von § 7 LuftSiG i.V.m. § 4 Abs. 3, Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 2. Halbs. LuftVG sowie hinsichtlich der Anwendbarkeit der Vorschriften auf „Altererlaubnisinhaber“ derzeit noch offen, so fällt allerdings die gebotene Interessenabwägung zu seinen Ungunsten aus.

Für die Anordnung des Sofortvollzugs streitet das öffentliche Interesse der Allgemeinheit und insbesondere der Luftfahrt, vor Anschlägen mit Luftfahrzeugen und den dabei drohenden verheerenden Folgen geschützt zu werden, indem der potenziell gefährliche Personenkreis der Luftfahrer möglichst umfassend auf Zuverlässigkeit geprüft und schon bei geringen Zweifeln an ihrer luftsicherheitsrechtlichen Zuverlässigkeit an der Ausübung der Luftfahrererlaubnisse umgehend gehindert wird. Dieses Vollzugsinteresse ist angesichts der bis zu einer eventuellen Normverwerfung durch das Bundesverfassungsgericht Geltung beanspruchenden Gefahreneinschätzung des Gesetzgebers und der im Falle des Schadenseintritts betroffenen hohen Rechtsgüter sowie des zu erwartenden hohen Schadensausmaßes als besonders gewichtig einzustufen, zumal sich die verfassungsrechtlichen Bedenken gegen das Luftsicherheitsgesetz nicht auf einen Mangel bei der Ausfüllung der gesetzgeberischen Einschätzungsprärogative, sondern nur auf einen formellen Mangel, die fehlende Zustimmung des Bundesrates, stützen (vgl. OVG NRW, Beschluss vom 23. März 2006 20 B 1985/05 -, juris Rn. 3).

Demgegenüber ist das private Interesse des Antragstellers, vorläufig vom Sofortvollzug der Ruhensanordnung verschont zu bleiben, eindeutig weniger gewichtig. Da der Antragsteller nicht Berufs-, sondern Hobbypilot ist, betrifft die Ruhensanordnung nur seine durch die allgemeine Handlungsfreiheit (Art. 2 Abs. 1 GG) geschützte fliegerische Betätigung zum eigenen Vergnügen, also die Einschränkung einer Freizeitbeschäftigung. Zudem wird ihm die fliegerische Betätigung in der Freizeit nicht vollständig versagt, da die Ruhensanordnung nicht seine Lizenz zum Segelfliegen betrifft, sondern insoweit auf die Klassenberechtigung für Reisemotorsegler in der Luftfahrererlaubnis für Segelflugzeugführer beschränkt ist. Konsequenterweise wird ihm im angefochtenen Bescheid angeboten, sich bei Rückgabe seiner Luftfahrerscheine einen Luftfahrerschein für Segelflugzeugführer ohne die genannte Klassenberechtigung ausstellen zu lassen.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO.

Die Festsetzung des Streitwerts für das Beschwerdeverfahren beruht auf §§ 47, 52 Abs. 1, 53 Abs. 3 Nr. 2 GKG.

gez. Dr. Held gez. Lang gez. Müller-Rentschler

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