Urteil des OVG Nordrhein-Westfalen vom 27.08.2008, 12 A 2572/07

Aktenzeichen: 12 A 2572/07

OVG NRW: abstammung, heimat, kultur, volkszählung, alter, eltern, familie, abweisung, rüge, nationalität

Oberverwaltungsgericht NRW, 12 A 2572/07

Datum: 27.08.2008

Gericht: Oberverwaltungsgericht NRW

Spruchkörper: 12. Senat

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 12 A 2572/07

Vorinstanz: Verwaltungsgericht Köln, 2 K 2775/06

Tenor: Der Antrag auf Zulassung der Berufung wird abgelehnt.

Die Klägerin trägt die Kosten des Zulassungsverfahrens.

Der Streitwert wird auch für das Zulassungsverfahren auf 5.000,00 Euro festgesetzt.

G r ü n d e : 1

Der Antrag auf Zulassung der Berufung ist unbegründet. 2

3Das Zulassungsvorbringen führt nicht zu den geltend gemachten ernstlichen Zweifeln an der Richtigkeit des angefochtenen Urteils i. S. v. § 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO. Es vermag nicht die selbständig die Abweisung der Klage tragende Feststellung des Verwaltungsgerichts zu erschüttern, gemessen an der hier anzuwendenden Regelung des § 6 Abs. 2 Satz 1 BVFG aktueller Fassung stamme die Klägerin bereits nicht von einem deutschen Staatsangehörigen oder von einem deutschen Volkszugehörigen ab.

4Entgegen dem - allerdings kaum nachvollziehbaren - Zulassungsvorbringen hat das Verwaltungsgericht dargelegt und zutreffend begründet, dass der behauptete Anspruch auf Erteilung eines Aufnahmebescheides an den Regelungen des Bundesvertriebenengesetzes in seiner aktuellen Fassung und nicht in der bis zum 31. Dezember 1992 geltenden Fassung zu messen ist. Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ergibt sich aus dem Prozessrecht, dass ein Verpflichtungsbegehren, wie es hier vorliegt, nur Erfolg haben kann, wenn im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung ein Anspruch auf Erlass des erstrebten Verwaltungsakts besteht. Ob dies der Fall ist, beurteilt sich nach materiellem Recht, dem nicht nur die tatbestandlichen Voraussetzungen des Anspruchs selbst, sondern auch die Antwort auf die Frage zu entnehmen ist, zu welchem Zeitpunkt diese Voraussetzungen

erfüllt sein müssen.

5Vgl. BVerwG, Urteil vom 29. August 1995 - 9 C 391/94 -, BVerwGE 99, 133 = NVwZ-RR 1996, 232, m. w. N., und ferner Beschluss vom 22. Februar 2008 - 5 B 208/07 -, Juris.

6Nach dem hier maßgeblichen materiellen Recht, nämlich nach § 27 Abs. 1 Satz 1 BVFG, wird der Aufnahmebescheid auf Antrag solchen Personen mit Wohnsitz in den Aussiedlungsgebieten erteilt, die nach Begründung des ständigen Aufenthalts im Geltungsbereich die Gesetzes die Voraussetzungen als Spätaussiedler (§§ 4, 6 BVFG) erfüllen. Bereits der Umstand, dass der Gesetzgeber als maßgeblichen Beurteilungszeitpunkt für die Frage, ob der jeweilige Kläger die Voraussetzungen als Spätaussiedler erfüllt, grundsätzlich einen Zeitpunkt festlegt, welcher in den Fällen des § 27 Abs. 1 Satz 1 BVFG im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung noch in der Zukunft liegt, verdeutlicht, dass der Aufnahmeanspruch nach dem zur Zeit der letzten mündlichen Verhandlung gültigen Recht zu beurteilen ist. Nichts anderes ergibt sich vorliegend aus Übergangsregelungen. Denn die insoweit überhaupt nur in Betracht zu ziehende Übergangsregelung des § 100 BVFG greift nicht zugunsten der Klägerin ein. Es ist schon nicht dargelegt und im übrigen auch sonst nicht ersichtlich, dass die Klägerin eine Person im Sinne der §§ 1 bis 3 BVFG ist, also den Status als Vertriebene, Heimatvertriebene oder Sowjetzonenflüchtling erworben hat 100 Abs.1 BVFG), dass die Ausstellung eines Ausweises nach § 15 BVFG in Rede steht 100 Abs. 2 BVFG), dass die Klägerin vor dem 1. Juli 1990 eine Übernahmegenehmigung oder vor dem 1. Januar 1993 einen Aufnahmebescheid erhalten hat 100 Abs. 4, 5 BVFG) oder dass die Klägerin die Voraussetzungen des § 100 Abs. 6 BVFG erfüllt.

7Das Zulassungsvorbringen, die Beklagte und das Verwaltungsgericht hätten zu Unrecht „die Anwendung des alten Rechts" verweigert, greift nicht durch. Entgegen der Ansicht der Klägerin ist der Beklagten insoweit kein Ermessen eingeräumt. Ein Aufnahmeanspruch ist - wie gesehen - grundsätzlich nach Maßgabe des aktuell geltenden Rechts zu beurteilen, und die hier allein interessierende Vorschrift des § 100 BVFG lässt eine Abweichung von diesem Grundsatz nur dann zu und gebietet sie zugleich, wenn die tatbestandlichen Voraussetzungen der in dieser Vorschrift geregelten Ausnahmefälle erfüllt sind. Insbesondere trifft auch die Ansicht der Klägerin nicht zu, ein Ermessensspielraum ergebe sich aus § 100 Abs. 2 Satz 3 BVFG. Diese Vorschrift, nach welcher „im übrigen" die Vertriebenen- oder Flüchtlingseigenschaft nur auf Ersuchen einer Behörde, die für die Gewährung von Rechten oder Vergünstigungen an Vertriebene oder Flüchtlinge zuständig ist, festgestellt wird, räumt schon von ihrem Wortlaut her kein wie immer geartetes Ermessen ein. Sie knüpft vielmehr an die Regelungen des § 100 Abs. 2 Sätze 1 und 2 BVFG an und besagt, dass einem Aussiedler, der die dort festgelegten Fristen versäumt hat, kein eigenes Antragsrecht mehr zusteht, vielmehr nur noch die zur Gewährung von Eingliederungsleistungen zuständigen Behörden im Bedarfsfall, d. h. wenn der Aussiedlerstatus eine entscheidungserhebliche Vorfrage darstellt, das Recht eingeräumt ist, eine Feststellung zu verlangen.

8Vgl. die Gesetzesbegründung im Entwurf eines Gesetzes zur Bereinigung von Kriegsfolgengesetzen (Kriegsfolgenbereinigungsgesetz - KfbG) der Bundesregierung, BT-Drs. 12/3212, Seite 27 f.; vgl. ferner von Schenckendorff, Vertriebenen- und Flüchtlingsrecht, Stand: Juni 2008, § 100 BVFG n. F. Anm. 2. b).

Dass das Ergebnis, nach welchem der Aufnahmeanspruch der Klägerin allein nach den 9

geltenden Vorschriften des BVFG zu beurteilen ist, geeignet sein könnte, die Grundrechte der Klägerin und insbesondere das Grundrecht aus Art. 3 Abs. 1 GG zu verletzen, hat die Klägerin zwar behauptet, nicht aber dargelegt. Eine Verletzung von Grundrechten ist im übrigen insoweit auch nicht einmal ansatzweise erkennbar.

10Das Zulassungsvorbringen ist ferner nicht geeignet, die mit Blick auf das Vorstehende zu Recht in Anwendung des § 6 Abs. 2 Satz 1 BVFG aktueller Fassung erfolgte Feststellung des Verwaltungsgericht in durchgreifende Zweifel zu ziehen, die Klägerin stamme nicht von einem deutschen Staatsangehörigen oder von einem deutschen Volkszugehörigen ab.

11Der diesbezügliche Vortrag der Klägerin, ihre Mutter, N. Q. , sei als Volksdeutsche anzusehen, weil sie während der 22 Jahre, die sie innerhalb einer deutschen Familie gelebt habe, sich die deutsche Sprache angeeignet, ihre Lebensweise geändert und sich als Deutsche bekannt habe und deshalb im deutschen Volkstum aufgegangen sei, weckt keine ernstlichen Zweifel an der Annahme des Verwaltungsgerichts, die deutsche Volkszugehörigkeit der Mutter der Klägerin, auf welche hier mangels Angaben zum Vater der Klägerin und den Großeltern der Klägerin allein abgestellt werden konnte, lasse sich nicht feststellen.

12Nach § 6 BVFG in der bis zum 31. Dezember 1992 geltenden Fassung war deutscher Volkszugehöriger im Sinne des BVFG, wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung und Kultur bestätigt wird. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts besteht ein Bekenntnis zum deutschen Volkstum im Sinne dieser Regelung in dem von einem entsprechenden Bewusstsein getragenen, nach außen hin verbindlich geäußerten Willen, selbst Angehöriger des deutschen Volkes als einer national geprägten Kulturgemeinschaft zu sein und keinem anderen Volkstum anzugehören, sich dieser Gemeinschaft also vor jeder anderen nationalen Kultur verbunden zu fühlen. Ein Bekenntnis in diesem Sinne kann sich unmittelbar aus Tatsachen ergeben (unmittelbare Feststellung eines Bekenntnissachverhalts). Das ist zum einen dann der Fall, wenn jemand bei Volkszählungen oder bei anderen Gelegenheiten gegenüber dem Behörden des Heimatstaates seine Volkszugehörigkeit mit deutsch angegeben hat (ausdrückliches Bekenntnis). Es liegt weiter vor, wenn sich jemand zum deutschen und keinem anderen Volkstum zugehörend angesehen, sich seiner ganzen Lebensführung entsprechend dieser Einstellung nach außen erkennbar verhalten hat und dementsprechend im Vertreibungsgebiet von seiner Umgebung als Volksdeutscher angesehen worden ist (Bekenntnis durch schlüssiges Gesamtverhalten). Schließlich kann ein Bekenntnis mittelbar aus hinreichend vorhandenen Indizien, namentlich den in § 6 BVFG a. F. genannten objektiven Bestätigungsmerkmalen, gefolgert werden (mittelbare Feststellung eines Bekenntnissachverhalts). Das solchermaßen zu bestimmende, in der Heimat abgelegte Bekenntnis muss ferner kurz vor Beginn der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen gegen Deutsche vorgelegen haben,

13vgl. zum Ganzen BVerwG, Urteil vom 17. Oktober 1989 - 9 C 18/89 -, Buchholz 412.3 § 6 BVFG Nr. 62, m. w. N.,

d. h. im Falle Rumäniens kurz vor dem Sommer 1944. 14

Vgl. BVerwG, Urteil vom 19. April 1994 - 9 C 20.93 -, BVerwGE 95, 311. 15

16Gemessen hieran enthält auch das Zulassungsvorbringen keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein bis zu dem genannten Zeitpunkt vorliegendes Bekenntnis der 1909 geborenen und deshalb schon vor 1944 bekenntnisfähigen Mutter der Klägerin und vermag deshalb die Annahme des Verwaltungsgerichts, ein Bekenntnis derselben zum deutschen Volkstum lasse sich nicht feststellen, nicht zu erschüttern. Dass ihre Mutter ein ausdrückliches Bekenntnis abgegeben habe, hat die Klägerin schon selbst nicht behauptet, obwohl ein solches Bekenntnis in Rumänien bei der Volkszählung im Jahre 1930 durch Angabe der Nationalität und bei der Volkszählung vom 6. April 1941 durch Angaben zur Muttersprache, Umgangssprache und ethnischen Ursprung des Gezählten und seiner Eltern abgegeben werden konnte.

17Vgl. BVerwG, Beschluss vom 10. November 1995 - 9 B 431.95 -, Buchholz 412.3 § 6 BVFG Nr. 82.

18Die Annahme, auch ein Bekenntnis der Mutter der Klägerin durch schlüssiges Gesamtverhalten oder ein aufgrund hinreichender Indizien zu folgerndes Bekenntnis derselben bis kurz vor dem Sommer 1944 sei nicht erkennbar, wird durch das bereits wiedergegebene Zulassungsvorbringen schon deshalb nicht in Frage gestellt, weil es pauschal und unsubstantiiert geblieben ist. Demgegenüber hat das Verwaltungsgericht seine gegenteilige Auffassung zunächst damit begründet, die Mutter der Klägerin stamme selbst nicht von einem deutschen Volkszugehörigen oder deutschen Staatsangehörigen ab, was schon mit Blick auf insoweit fehlenden Vortrag nicht zu beanstanden ist und im übrigen auch dadurch gestützt wird, dass die Mutter der Klägerin nach den Angaben im Aufnahmeantrag (zunächst) orthodoxen und nicht etwa evangelischen oder katholischen Glaubens war. Ferner hat das Verwaltungsgericht ausgeführt, dass auch das Bestätigungsmerkmal der deutschen Erziehung nicht erfüllt sei, was schon deshalb zutrifft, weil die Mutter der Klägerin erst im Alter von 16 Jahren nach erfolgtem Besuch von Grund- und Berufsschule überhaupt mit dem deutschen Volkstum in Berührung gekommen ist, nämlich als Verwalterin auf dem Gutshof des S. T. angestellt und in die dortige Familie aufgenommen worden ist. Aus diesem Grund kann zumindest bis 1925 auch keinerlei sprachliche oder kulturelle Prägung im Sinne eines Bekenntnisses zum deutschen Volkstum vorgelegen haben. Dass sich insoweit bis zum maßgeblichen Zeitpunkt des Beginns der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen durchgreifende Änderungen ergeben haben könnten und dass die immerhin bis zum Alter von 16 Jahren von einem fremden Volkstum geprägte Mutter der Klägerin sich - einem geänderten Volkstumsbewusstsein entsprechend und sich nicht nur den neuen Lebensumständen auf dem Gutshof anpassend -

vgl. insoweit BVerwG, Urteil vom 8. August 1995 - 9 C 292/94 -, DVBl 1996, 197 - 19

20kurz vor diesem Zeitpunkt in einer nach außen erkennbaren Weise zum deutschen Volkstum bekannt hat, ist auch in Ansehung des Zulassungsvorbringens, sie sei im deutschen Volkstum „aufgegangen", mit Blick auf dessen Substanzlosigkeit nicht dargetan.

21Sofern mit dem Zulassungsvorbringen in Bezug auf die nach § 6 Abs. 2 Satz 1 BVFG zu beurteilende Abstammung der Klägerin von einer deutschen Volkszugehörigen auch der Zulassungsgrund des § 124 Abs. 2 Nr. 2 VwGO geltend gemacht worden sein sollte, liegt er mit Blick auf die vorstehenden Ausführungen jedenfalls nicht vor.

22Soweit die Klägerin schließlich in Hinblick auch auf § 124 Abs. 2 Nr. 5 VwGO sinngemäß geltend macht, das Verwaltungsgericht hätte den Sachverhalt u. a. in Bezug auf die Frage der Abstammung von Amts wegen weiter aufklären müssen, und damit die Verletzung des Amtsermittlungsgrundsatzes 86 Abs. 1 VwGO) rügt, greift dies schon deshalb nicht durch, weil sich dem Verwaltungsgericht angesichts des unsubstantiierten Vortrags eine weitere Aufklärung des Sachverhalts nicht aufdrängen musste. Abgesehen davon ist insoweit Rügeverlust eingetreten. Die Geltendmachung der Verletzung des Amtsermittlungsgrundsatzes setzt unter anderem die Darlegung voraus, dass die unterlassene Aufklärung vor dem Tatsachengericht rechtzeitig gerügt worden ist.

23Vgl. BVerwG, Beschluss vom 12. August 1997 - 8 B 165. 97 -; OVG NRW, Beschlüsse vom 13. Dezember 2007 - 12 A 2268/06 - und vom 13. August 2008 - 12 A 417/07 -.

24Dieser Anforderung genügt die Darlegung schon deshalb nicht, weil daraus nicht ersichtlich ist, dass die anwaltlich vertretene Klägerin das Unterlassen einer weiteren Aufklärung in der mündlichen Verhandlung am 17. Juli 2007 gegenüber dem Verwaltungsgericht angesprochen und gerügt hat. Dem insoweit maßgebenden Protokoll der mündlichen Verhandlung ist eine derartige Rüge nicht zu entnehmen. Auch im Zulassungsantrag ist hierzu nichts ausgeführt.

25Mit Blick darauf, dass das Zulassungsvorbringen in Bezug auf den die Abweisung der Klage selbständig tragenden Begründungsteil, die Klägerin stamme nicht von einem deutschen Staatsangehörigen oder Volkszugehörigen ab, insgesamt nicht durchdringt, waren Ausführungen zu dem übrigen Zulassungsvorbringen nicht mehr veranlasst.

26Dazu, dass eine Zulassung dann, wenn eine Entscheidung in jeweils selbständig tragender Weise mehrfach begründet ist, voraussetzt, dass im Hinblick auf jeden der Begründungsteile ein Zulassungsgrund dargelegt und gegeben sein muss, vgl. etwa OVG NRW, Beschluss vom 6. August 2007 - 12 A 1901/07 -,

m. w. N. zur Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. 27

28Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO; die Streitwertfestsetzung beruht auf §§ 52 Abs. 1 und 2, 47 Abs. 1 und 3 VwGO.

29Dieser Beschluss ist nach § 152 Abs. 1 VwGO und - hinsichtlich der Streitwertfestsetzung - gemäß §§ 68 Abs. 1 Satz 5, 66 Abs. 3 Satz 3 GKG unanfechtbar. Das Urteil des Verwaltungsgerichts ist nunmehr rechtskräftig 124a Abs. 5 Satz 4 VwGO).

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