Urteil des OVG Nordrhein-Westfalen vom 30.12.2009, 13 A 235/09

Entschieden
30.12.2009
Schlagworte
Norm, Antenne, Gerät, Zweifel, Funktion, Anwendbarkeit, Zweck, Empfänger, Gesetz, Messung
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Oberverwaltungsgericht NRW, 13 A 235/09

Datum: 30.12.2009

Gericht: Oberverwaltungsgericht NRW

Spruchkörper: 13. Senat

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 13 A 235/09

Leitsätze: Ein Vertriebsverbot, das das Inverkehrbringen und Vertreiben einer Antenne verbietet, stellt seinem Inhalt nach einen Dauerverwaltungsakt dar. Es erschöpft sich nicht im Verlangen eines einmaligen Tuns oder Unterlassens.

Tenor: Der Antrag der Klägerin auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln vom 3. Dezember 2008 wird auf ihre Kosten zurückge¬wiesen.

Der Streitwert wird auch für das Zulassungsverfah-ren auf 25.000, Euro festgesetzt.

G r ü n d e : 1

Der Antrag auf Zulassung der Berufung hat keinen Erfolg. 2

3Keiner der von der Klägerin geltend gemachten Zulassungsgründe, die gemäß § 124a Abs. 5 Satz 2 VwGO nur im Rahmen der Darlegungen der Klägerin zu prüfen sind, rechtfertigt die Zulassung der Berufung gegen das angefochtene Urteil vom 3. Dezember 2008, mit dem das Verwaltungsgericht die Klage gegen den Bescheid der Beklagten vom 5. Juli 2006 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 8. Januar 2007 über die Verhängung eines Vertriebsverbots abgewiesen hat.

4Ein Zulassungsgrund ist weder unter dem Gesichtspunkt ernstlicher Zweifel an der Richtigkeit der erstinstanzlichen Entscheidung 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) noch dem besonderer tatsächlicher oder rechtlicher Schwierigkeiten der Rechtssache 124 Abs. 2 Nr. 2 VwGO) gegeben.

5Der Klägerin hat ernstliche Zweifel an der Richtigkeit des angefochtenen Urteils nicht dargelegt. Zwar ist entgegen der Auffassung des Verwaltungsgerichts das angefochtene Vertriebsverbot vom 5. Juli 2006 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 8. Januar 2007 nicht nach dem Gesetz über die elektromagnetische Verträglichkeit von

Geräten vom 18. September 1998 (EMVG 1998), sondern nach dem Gesetz über die elektromagnetische Verträglichkeit von Betriebsmitteln vom 26. Februar 2008 (EMVG 2008) zu beurteilen. Das Vertriebsverbot der "Digitenne TT1" stellt seinem Inhalt nach nämlich einen Dauerverwaltungsakt dar.

6Zum Dauerverwaltungsakt vgl. U. Stelkens, in: Stelkens/Bonk/Sachs, Kommentar zum Verwaltungsverfahrensgesetz, 7. Aufl. 2008, § 35 Rn. 223 f.

7Das Vertriebsverbot verbietet das Inverkehrbringen und Vertreiben der "Digitenne TT1" und erschöpft sich damit nicht im Verlangen eines einmaligen Tuns oder Unterlassens. Es ist anerkannt, dass die Gerichte bei der Beurteilung derartiger Dauerverwaltungsakte nicht auf die Sach- und Rechtslage der letzten Behördenentscheidung abzustellen haben, sondern auch den Zeitraum bis zur letzten mündlichen Verhandlung jedenfalls dann zu berücksichtigen haben, wenn das materielle Recht nicht die Maßgeblichkeit eines anderen Zeitpunkts bestimmt.

8Vgl. BVerwG, Urteile vom 22. Januar 1998 - 3 C 6.97 -, BVerwGE 106, 141 = NJW 1999, 881, und vom 14. April 2005 - 3 C 9.04 -, NVwZ 2005, 1198; Decker, in: Posser/Wolff, BeckOK VwGO, Stand: 1. Oktober 2009, § 113 Rn. 22.1.

9Dies ist bei dem hier in Rede stehenden Regelungskomplex nicht der Fall. Dementsprechend war hier nicht die Rechtslage im Zeitpunkt der letzten Behördenentscheidung maßgeblich. Daraus ergibt sich jedoch keine entscheidungserhebliche Änderung hinsichtlich der materiell-rechtlichen Beurteilung, da die vom Verwaltungsgericht herangezogenen Rechtsvorschriften des EMVG 1998 sich wörtlich oder jedenfalls inhaltlich übereinstimmend auch in den Bestimmungen des § 14 Abs. 3 i. V. m. Abs. 1 Nr. 1, § 6 Abs. 1, § 4 Abs. 1 EMVG 2008 finden.

10Soweit die Klägerin die grundsätzliche Anwendbarkeit der Europäischen Norm EN 55020 "Ton- und Fernseh-Rundfunkempfänger und verwandte Geräte der Unterhaltungselektronik - Störfestigkeitseigenschaften - Grenzwerte und Prüfverfahren" in Abrede stellt, zeigt ihr Vorbringen keine ernsthaften Zweifel auf.

11Die Norm EN 55020 ist auf die von der Klägerin vertriebene "Digitenne TT1" anwendbar. Nach deren Nr. 1 Satz 1 gilt die Prüfnorm für die Störfestigkeit von Ton- und Fernseh-Rundfunkgeräten und verwandten Geräten der Unterhaltungselektronik. Die "Digitenne TT1" ist ein solches "verwandtes Gerät der Unterhaltungselektronik" im Sinne der Nr. 3.1.3 der EN 55020, da sie als Antenne dazu bestimmt ist, direkt mit einem Ton- oder Fernseh-Rundfunkempfänger verbunden zu werden. Die Anwendbarkeit der EN 55020 ist entgegen der Auffassung der Klägerin auch hinsichtlich der Nr. 5.5 "Messung der Schirmdämpfung", soweit der passive Zweig der Antenne betroffen ist, zu bejahen. Es soll nach dem EMVG 2008 sichergestellt sein, dass von Geräten keine elektromagnetischen Störungen ausgehen und Geräte eine bestimmte Festigkeit gegen Störungen anderer Geräte aufweisen (vgl. § 4 Abs. 1 EMVG 2008). Dieser Sinn und Zweck des Gesetzes erfordert, dass das betreffende Gerät in allen seinen Funktionen - im vorliegenden Fall also sowohl im aktiven Zweig bei Nutzung als DVB-T-Antenne als auch in ihrem passiven Zweig bei Nutzung zur Weiterleitung externer Signale - diesen Anforderungen genügt. Dies ergibt sich aus der Begriffsbestimmung des § 3 Nr. 2 a) EMVG 2008, wonach Geräte im Sinne dieses Gesetzes auch die als Funktionseinheit in den Handel gebrachten Verbindungen von Produkten mit eigenständiger Funktion sind.

Demzufolge hat die Beklagte zu Recht die Prüfnorm EN 55020 hinsichtlich der Schirmdämpfungsmessung am passiven Zweig der Antenne angewendet. Darüber hinaus hat die Klägerin in ihrer Konformitätserklärung vom 11. April 2006 die Norm EN 55020 insgesamt, und nicht beschränkt auf den aktiven Zweig der Antenne, in Bezug genommen, was zur Folge hat, dass das gesamte Gerät der Norm EN 55020 entsprechen muss.

Die Klägerin kann auch nicht mit Erfolg geltend machen, dass für den Fall der grundsätzlichen Anwendbarkeit der EN 55020 auf die streitgegenständliche Antenne jedenfalls eine Überprüfung anhand der in Ziffer 5.5.2 (Messverfahren für Fernseh- Rundfunkempfänger) vorgesehenen Methode fehlerhaft gewesen sei. Zwar sieht diese Bestimmung vor, dass das Ergebnis der Störgröße entweder auf dem Bildschirm des Fernseh-Rundfunkempfängers beobachtet oder, wenn der Empfänger eine Videoausgangsbuchse hat, an dieser Buchse gemessen wird. Dies bedeutet aber nicht, dass das geprüfte Gerät selbst über einen Bildschirm oder eine Videoausgangsbuchse verfügen muss und der Anschluss eines externen Bildschirms zur Messung nicht zulässig ist. Für verwandte Geräte der Unterhaltungselektronik sieht die EN 55020 keine spezifischen Prüfaufbauten vor. Um der Anwendung der Norm auch auf verwandte Geräte der Unterhaltungselektronik Geltung zu verschaffen und insoweit ein Leerlaufen der Norm zu verhindern, sind verwandte Geräte bei sachgerechter Veränderung des Prüfaufbaus indes anhand der Normen zu prüfen, die für Empfangsgeräte einschlägig sind, wenn das verwandte Gerät den gleichen Zweck wie ein Empfangsgerät erfüllt. So liegt es hier, da die "Digitenne TT1" dem gleichen Zweck dient wie eine entsprechende Antenneneingangsbuchse am Empfangsgerät. Die Messung der Schirmdämpfung als Teil der Störfestigkeit konnte die Beklagte demnach nach Nr. 5.5.2 der EN 55020 durchführen. Die Schirmdämpfung ist gemäß Nr. 3.1.11 der Norm definiert als "Eigenschaft eines Koaxial-Anschlusses, die Umsetzung äußerer Ströme in innere Spannungen zu unterdrücken (zu dämpfen)". Die "Digitenne TT1" ist nach der Produktbeschreibung dazu bestimmt, mit einem Empfänger verbunden und für den Empfang von DVB-T-Fernsehsignalen verwendet zu werden. Die getestete Funktion der passiven Weiterleitung externer Signale ist mit der einer entsprechenden Eingangsbuchse an einem Empfangsgerät vergleichbar, da insoweit die gleiche Funktion erfüllt wird. Eine sachgerechte Modifizierung des in Nr. 5.5.2 der EN 55020 beschriebenen Prüfaufbaus ist durch die Beklagte erfolgt, indem sie an die Antenne einen Empfänger (Fernsehgerät) angeschlossen hat.

13Auch der Einwand der Klägerin, der passive Zweig der Antenne dürfe nicht auf der Basis von Vorschriften bewertet werden, die für aktive Rundfunkwiedergabegeräte gelten, geht fehl. Denn mit der Schirmdämpfung wird die Störfestigkeit des Geräts gegenüber äußeren Signalen und gerade nicht die aktive Funktion des Geräts gemessen.

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Soweit die Klägerin geltend macht, die Beklagte hätte bei ihren Prüfungen die Norm EN 500832/2 berücksichtigen müssen, bestehen ebenfalls keine ernstlichen Zweifel an der Richtigkeit des erstinstanzlichen Urteils. Die Klägerin hat die Konformität nicht gegenüber dieser Norm erklärt. Nach § 7 Abs. 2 EMVG 2008 hat der Hersteller die elektromagnetische Verträglichkeit seines Geräts zu bewerten und dessen Übereinstimmung mit den grundlegenden Anforderungen des § 4 Abs. 1 EMVG 2008 gemäß § 7 Abs. 3 Satz 2 EMVG 2008 in einer Konformitätserklärung zu erklären. Sofern der Hersteller bei seiner Bewertung gemäß § 7 Abs. 2 Satz 2 EMVG 2008 die einschlägigen harmonisierten Normen angewendet hat, hat er bezüglich dieser Normen 12

nach Anlage 1 Nr. 2 d) zum EMVG 2008 die Konformität zu erklären. Die Überprüfung der Geräte durch die Beklagte konnte sich aufgrund der von der Klägerin abgegebenen Konformitätserklärung auf die in dieser Erklärung angewendeten Normen beschränken, denn jedenfalls diese Normen musste das Gerät der Klägerin erfüllen. Es ist nicht Aufgabe der Beklagten zu prüfen, ob die Geräte der Klägerin mit anderen als den angewendeten Normen konform sind. Es ist daher unerheblich, dass die Norm EN 500832/2 zum Zeitpunkt der Konformitätserklärung der Klägerin noch nicht in Kraft getreten war. Ob der Beklagten darüber hinaus verwehrt wäre, eine Überprüfung anhand nicht aufgeführter EN-Normen vorzunehmen, bedarf hier wegen fehlender Entscheidungsrelevanz keiner Erörterung.

15Das Verwaltungsgericht hat auch zu Recht mangels Entscheidungserheblichkeit die Frage eines möglichen Verstoßes gegen EN 55013 "Ton und Fernseh- Rundfunkempfänger und verwandte Geräte der Unterhaltungselektronik - Funkstöreigenschaften - Grenzwerte und Messverfahren" offen gelassen. Ob die Klägerin ein berechtigtes Interesse an einer Feststellung hat, dass ein Normverstoß gegen EN 55013 vorliegt, ist außerdem ohne Bedeutung, da die Klägerin allein die Aufhebung des Vertriebsverbots beantragt hat.

16Die Rechtssache weist ferner keine besonderen tatsächlichen oder rechtlichen Schwierigkeiten auf 124 Abs. 2 Nr. 2 VwGO). Die im vorliegenden Verfahren aufgeworfenen Rechtsfragen lassen sich - wie dargelegt - ohne größere Auslegungsaufwendungen aus dem Gesetz und unter Zuhilfenahme der vorgelegten Unterlagen beantworten und übersteigen nicht das Normalmaß vergleichbarer Streitigkeiten. Schließlich hat die Klägerin andere Zulassungsgründe weder ausdrücklich benannt noch schlüssig geltend gemacht.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. 17

Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 1 GKG. 18

Dieser Beschluss ist unanfechtbar. 19

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