Urteil des OLG Saarbrücken, Az. 5 U 492/09

OLG Saarbrücken: grobe fahrlässigkeit, im bewusstsein, leichte fahrlässigkeit, schmerzensgeld, angriff, spiel, schiedsrichter, haftungsbeschränkung, gefahr, karte
OLG Saarbrücken Urteil vom 2.8.2010, 5 U 492/09 - 110
Wettkampfsport: Voraussetzung für eine deliktische Haftung bei Verletzung des Mitspielers
im Fußballspiel durch einen objektiven DFB-Regelverstoß; stillschweigender
Haftungsausschluss für einfache Fahrlässigkeit
Leitsätze
Hat ein Spieler beim Fußballspiel einer Altherrenmannschaft einen gegnerischen Spieler
durch Hineingrätschen in dessen Lauf zu Fall gebracht und verletzt und damit objektiv
regelwidrig und rechtswidrig gehandelt, so hängt seine Haftung auf Schadensersatz davon
ab, ob ihm Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen ist. Für einfache Fahrlässigkeit
ist von einem stillschweigenden Haftungsausschluss auszugehen.
Tenor
1. Die Berufung des Klägers gegen das am 24.9.2009 verkündete Urteil des Landgerichts
Saarbrücken, Az.: 8 O 305/08, wird zurückgewiesen.
2. Der Kläger trägt die Kosten des Berufungsverfahrens.
3. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
4. Die Revision wird nicht zugelassen.
5. Der Streitwert für das Berufungsverfahren wird auf 9.000 EUR festgesetzt.
Gründe
Der Kläger nimmt den Beklagten auf Zahlung von Schmerzensgeld und Schadensersatz
wegen einer Verletzung in Anspruch, die dieser ihm anlässlich eines Fußballspiels am
16.7.2005 zufügt hatte, an dem die Parteien als Mitspieler in gegnerischen Mannschaften
teilgenommen hatten.
Dabei handelte es sich um ein Freundschaftsspiel der „Alte-Herren-Mannschaften“ des SV
S. und des SV H.. Der streitgegenständliche Vorfall, den beide Parteien als sogenanntes
Foulspiel des Beklagten qualifizieren, ereignete sich unter im Einzelnen umstrittenen
Umständen im Strafraum der Mannschaft des Beklagten. Unstreitig ist, dass der Ball dem
Kläger von einem Mitspieler zugespielt wurde und der Beklagte in die Beine des Klägers
hineingrätschte. Daraufhin zeigte der Schiedsrichter dem Beklagten, dem zuvor schon die
Gelbe Karte gezeigt worden war, die Gelb/Rote Karte und verwies diesen des Spielfeldes.
Am Abend wurde der Kläger zum Ausschluss einer Rippenfraktur in das Kreiskrankenhaus
nach Ottweiler verbracht, wo eine Thoraxprellung und eine Schienbeinprellung
diagnostiziert wurden.
Der Kläger hat zum konkreten Hergang des Vorfalls vorgetragen, er habe den Ball mit dem
linken Fuß spielen wollen, als der Beklagte aus einer Entfernung von circa 3 Metern „seitlich
von hinten“ kommend mit ausgestrecktem Bein in sein Bein hineingerutscht sei und ihn
unterhalb des Knies getroffen habe, woraufhin er, der Kläger, gestürzt und auf den Boden
geprallt sei. Er hat die Ansicht vertreten, dies sei als äußerst grobes Foulspiel zu werten,
welches die Grenzen des im Fußball erlaubten Verhaltens ganz erheblich überschritten
habe. Der Beklagte habe den Ball überhaupt nicht erreichen können, weil er, der Kläger,
sich zwischen dem Beklagten und dem Ball befunden habe.
Bei dem Sturz habe er sich eine schwere Thoraxprellung zugezogen, was er sich damit
erkläre, dass er wohl noch mit dem Arm unter den Körper geraten sei. Des Weiteren habe
er trotz Schienbeinschoners eine schmerzhafte Schienbeinprellung davongetragen.
Aufgrund dieser Verletzungen habe er zunächst minutenlang benommen am Boden
gelegen und habe dann in die Kabine getragen werden müssen; weil er infolge des Sturzes
keine Luft mehr bekommen habe, habe ein anwesender Arzt die Notversorgung
übernommen.
Aufgrund dieser Verletzungen sei ärztlich die Arbeitsunfähigkeit festgestellt worden und
eine Krankschreibung bis zum 11.9.2005 erfolgt. Er habe für die Dauer von mehr als 16
Wochen täglich unter Schmerzen gelitten und Schmerzmittel einnehmen müssen. Die
sportliche Freizeitgestaltung mit seiner Familie sei wegen seiner Beschwerden bis Ende
Februar 2006 erheblich eingeschränkt gewesen; den Fußballsport habe er über diesen
Zeitraum überhaupt nicht ausüben können. Auch noch nach Wiedererlangung der
Arbeitsfähigkeit habe er wegen des vom Sicherheitsgurt ausgehenden Drucks nur unter
erheblichen Beschwerden Autofahren können. Da der Beklagte es nicht einmal
fertiggebracht habe, sich für sein Fehlverhalten zu entschuldigen, hat der Kläger unter
Berücksichtigung der Gesamtumstände ein Schmerzensgeld von 6.000 EUR für
gerechtfertigt erachtet.
Darüber hinaus hat der Kläger von dem Beklagten Schadensersatz wegen Verdienstausfalls
verlangt, den er als selbstständiger Anwalt in seiner Einzelpraxis erlitten habe. Er habe
zwar seine Gerichtstermine noch selbst wahrnehmen können, habe aber erhebliche
Ausfallzeiten in seinem Büro gehabt, wo viel Arbeit liegen geblieben sei; er habe nur die
wichtigsten Termine und Fristen gewahrt. Das Personal habe die anrufenden Mandanten
vertrösten müssen, wobei es ohne weiteres möglich sei, dass es sich hierbei um neue
Mandanten oder um Mandanten mit neuen Fällen gehandelt habe; das Personal sei nicht in
der Lage, Mandanten zu gewinnen oder zu binden. Der Kläger hat die Ansicht vertreten,
der ihm entstandene Dienstausfall sei gemäß § 287 ZPO mit 3.000 EUR zu bemessen.
Er hat beantragt,
den Beklagten zu verurteilen, dem Kläger aus einem Vorfall vom
16.7.2005 Schmerzensgeld in einer vom Gericht zu bestimmenden
Höhe zu zahlen, sowie sonstigen Schadensersatz in Höhe von 3.000
EUR, beide Beträge nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über
dem Basiszinssatz ab dem 16.7.2005 zu zahlen.
Der Beklagte hat beantragt,
die Klage abzuweisen.
Er hat sowohl die Schwere seines Regelverstoßes als auch die Schwere der erlittenen
Verletzungen und das Ausmaß deren Folgen auf die Ausübung der beruflichen Tätigkeit des
Klägers bestritten. Dass ihm kein extremer Regelverstoß vorgeworfen werden könne, folge
bereits aus dem Umstand, dass er mit der Gelb/Roten Karte lediglich für das laufende Spiel
gesperrt worden sei. Im Übrigen habe er nicht vorsätzlich gehandelt, der Zwischenfall habe
sich im Eifer oder Übereifer des Spiels ereignet. Er hat den Hergang unter Bezugnahme auf
eine Skizze (Bl. 32 d.A.) wie folgt geschildert: Er habe sich zunächst in etwa derselben
Höhe befunden wie der den Ball abspielende Mitspieler des Klägers und sei dann dem Ball
nachgelaufen. Um diesen vor dem Kläger zu erreichen, sei er in Grätschposition auf den
Kläger zu gerutscht, der sich ebenfalls auf den zwischen ihnen befindlichen Ball zubewegt
habe; er, der Beklagte, sei sich sicher gewesen, den Ball noch erreichen zu können, habe
diesen aber verfehlt und stattdessen den rechten Fuß des Klägers getroffen. Bei der
Schilderung des Klägers habe die Verletzung sich in der Kniekehle oder an der Wade
befinden müssen. Dessen ungeachtet sei der verlangte Schmerzensgeldbetrag überhöht;
für den geltend gemachten Verdienstausfallschaden fehle es an jeglicher Grundlage.
Das Landgericht hat die Klage nach Beweiserhebung durch Vernehmung des
Schiedsrichters K. und der vom Kläger benannten Mitspieler Kl., D. und L. als Zeugen mit
am 24.9.2009 verkündetem Urteil (Bl. 99 d.A.) abgewiesen, weil dem Kläger der
Nachweis schuldhaften Verhaltens des Beklagten nicht gelungen sei.
Hiergegen hat der Kläger Berufung eingelegt, mit der er sich in erster Linie gegen die
Wertung des Landgerichts wendet, das Verhalten des Beklagten sei noch in den
Grenzbereich zwischen kampfbetonter Härte und unzulässiger Unfairness einzuordnen, so
dass es an einem Verschulden fehle. Dabei habe das Landgericht vor allem zu Unrecht
außer acht gelassen, dass es sich um ein Freundschaftsspiel im Amateurbereich, sogar im
Alte-Herren-Bereich, gehandelt habe, in dem der Kläger habe erwarten dürfen, dass ein
Gegenspieler auf solche in grober Weise gefährdenden Aktionen verzichtet. Des Weiteren
habe es in Betracht ziehen müssen, ob für den Kläger nicht Beweiserleichterungen
eingreifen könnten.
Der Kläger beantragt,
unter Aufhebung des Urteils des Landgerichts Saarbrücken vom
24.9.2009 – 8 O 305/08 – den Beklagten zu verurteilen, dem Kläger
aus einem Vorfall vom 16.7.2005 Schmerzensgeld in einer vom
Gericht zu bestimmenden Höhe sowie sonstigen Schadensersatz in
Höhe von 2.500 EUR zu zahlen, beide Beträge nebst Zinsen in Höhe
von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz ab dem 16.7.2005.
Der Beklagte beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Er verteidigt die angefochtene Entscheidung.
Hinsichtlich des Sachverhalts und des Parteivortrags im Einzelnen wird auf die
gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen sowie die Sitzungsniederschriften des
Landgerichts vom 26.2.2009 (Bl. 44 d. A.), vom 4.6.2009 (Bl. 58 d.A.), vom 16.7.2009
(Bl. 68 d.A.) und vom 6.8.2009 (Bl. 81 d.A.) und des Senats vom 23.6.2010 (Bl. 159 d.
A.) sowie auf das Urteil des Landgerichts Saarbrücken vom 24.9.2009 (Bl. 98 d.A.) Bezug
genommen.
II.
Die Berufung des Klägers hat keinen Erfolg. Ihm stehen wegen der ihm durch den
Beklagten bei einem Fußballspiel am 16.7.2005 unstreitig zugefügten Verletzungen keine
Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüche zu. Abgesehen davon, dass er einen
materiellen Schaden nicht im Ansatz dargelegt hat, scheitert ein allein in Betracht
kommender deliktischer Anspruch aus § 823 Abs. 1 BGB schon daran, dass dem Beklagten
eine stillschweigend zwischen den Teilnehmern des Fußballspiels vereinbarte
Haftungsbeschränkung auf vorsätzliches und grob fahrlässiges Verhalten zugute kommt
und dem Kläger der Nachweis eines solchen Verhaltens des Beklagten nicht gelungen ist.
1.
Die Haftung für bei einem sportlichen Wettkampf zugefügte Verletzungen muss dem
Umstand Rechnung tragen, dass die Teilnehmer einvernehmlich mit körperlichem Einsatz
ein Kampfspiel gegeneinander austragen, das selbst bei Einhaltung der Regeln des
sportlichen Wettkampfs oder bei geringen Regelverstößen eine erhöhte Gefahr
gegenseitiger Verletzungen in sich birgt (vgl. BGH, Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 –
VersR 1975, 137 = BGHZ 63, 140). Der Bundesgerichtshof hat deshalb unter Hinweis auf
§ 242 BGB den Grundsatz aufgestellt, dass eine Haftung für solche Verletzungen
ausgeschlossen ist, die sich ein Sportler bei einem regelgerechten und dem bei jeder
Sportausübung zu beachtenden Fairnessgebot entsprechenden Einsatz seines Gegners
zuzieht, weil derartige bewusst eingegangene Gefahren von jedem Teilnehmer in Kauf
genommen würden. Dabei hat er dahingestellt sein lassen, ob die Inkaufnahme der dem
jeweiligen Kampfsport immanenten Risiken als „Handeln auf eigene Gefahr“ oder als
„sozial-adäquate Verhaltensweise“ anzusehen sei und damit bereits die
Tatbestandsmäßigkeit oder doch die Rechtswidrigkeit des § 823 Abs. 1 BGB ausschließe
(vgl. auch Fritzweiler in Fritzweiler/Pfister/Summerer, Praxishandbuch Sportrecht, 2. Aufl.,
S. 407 f.; Deutsch, VersR 1974, 1045; Zimmermann, VersR 1980, 497 jeweils zu den
hierzu vertretenen Auffassungen). Jedenfalls müsse die Teilnahme eines Sportlers an einem
solchen Kampfspiel, das - wie der Fußballwettkampf - nach bestimmten, für jeden
Mitspieler verbindlichen Regeln geführt wird, rechtlich dahin verstanden werden, dass er
selbst sich auf diese Regeln einlässt und bei regelkonformem Verhalten keine
Schadensersatzansprüche wegen dennoch eingetretener Verletzungen erheben wird (vgl.
BGH, Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 – VersR 1975, 137 = BGHZ 63, 140; Urt. v.
5.11.1974 – VI ZR 125/73 - zitiert nach juris; Urt. v. 10.2.1976 – VI ZR 32/74 – VersR
1976, 591; Urt. v. 1.4.2003 – VI ZR 321/02 – VersR 2003, 775; Urt. v. 27.10.2009 – VI
ZR 296/08 – ZfSch 2010 133; ebenso OLG Hamm, NJW-RR 2005, 1477; OLG Celle, VersR
2009, 1236; Staudinger/Schiemann, BGB, 2005, § 254, Rdn. 66, der dies als eine Frage
des Mitverschuldens gemäß § 254 BGB ansieht). Die Haftung setzt deshalb nach
gefestigter Rechtsprechung immer die Feststellung eines Regelverstoßes voraus.
2.
Dass der Beklagte einen (objektiven) Regelverstoß begangen und dadurch die – wenn auch
ihrer Schwere nach umstrittene – Körperverletzung des Klägers verursacht hat, ist
erwiesen. Zwischen den Parteien ist unstreitig, dass der Beklagte in die Laufrichtung des
Klägers hineingrätschte, dem der Ball von einem Mitspieler zugespielt worden war, und
dabei statt des Balls das Bein des Klägers traf. Dies stellt einen Verstoß gegen die erste
Alternative der Regel 12 – Treten des Gegners - der auch für Freundschaftsspiele
geltenden Fußball-Regeln des Deutschen Fußballbundes für 2005/2006 (vgl. Fritzweiler in
Fritzweiler/Pfister/Summerer, aaO., S. 429), aber auch gegen das für jeden sportlichen
Wettkampf geltende Fairnessgebot dar, der auch von dem Beklagten selbst eingeräumt
wird.
Aufgrund dieses Regelverstoßes ist - nicht nur auf der Grundlage der Lehre vom
Erfolgsunrecht, sondern auch auf der Grundlage der Lehre vom Handlungsunrecht (vgl.
MünchKommBGB/Wagner, 5. Aufl., § 823, Rdn. 4 ff. zur Darstellung des Streitstandes) –
auch von der Rechtswidrigkeit der Verletzung des Körpers des Klägers auszugehen. Die
Spielregeln, nach denen die Sportmannschaften antreten, dienen zwar in erster Linie dazu,
die Eigenheiten des Spiels zu prägen, den Spielfluss und die Chancengleichheit zu
gewährleisten und einen Ausgleich für regelwidrig erlangte Vorteile zu schaffen. Die für
Fußballverbandsspiele geltenden Fußballregeln des Deutschen Fußballbundes enthalten
aber auch Regeln dazu, welche Handlungen zum Schutz der Spieler vor Verletzungen nicht
erlaubt sind. Auch wenn es sich dabei nicht um Rechtsnormen handelt, so können sie doch
jedenfalls Aufschluss darüber geben, was als spielordnungsgemäßes Verhalten anzusehen
ist (vgl. BGH, Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 – VersR 1975, 137; Spindler in BeckOK
BGB, Stand: 1.10.2007, § 823, Rdn. 394).
3.
Eine Schadensersatzverpflichtung aus § 823 Abs. 1 BGB setzt aber weiter voraus, dass
dem Schädiger Vorsatz oder Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann. Allerdings greift
zugunsten des Beklagten ein Haftungsausschluss für leichte und mittlere Fahrlässigkeit ein.
Den Nachweis vorsätzlichen oder grob fahrlässigen Verhaltens hat der insoweit darlegungs-
und beweisverpflichtete (vgl. BGH, Urt. v. Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 – VersR 1975,
137; Urt. v. 5.11.1974 VI ZR 125/73 – zitiert nach juris; OLG Celle, VersR 2009, 1236)
Kläger nicht zu erbringen vermocht.
a) Wegen der Besonderheiten des Wettkampfsports führt nach gefestigter Rechtsprechung
nicht jede, nach objektiven Maßstäben als fahrlässig einzuordnende Verletzung eines
Mitspielers zu einer Haftung des Schädigers aus § 823 Abs. 1 BGB (vgl. BGH, Urt. v.
1.2.1976 – VI ZR 32/74 – VersR 1976, 591; OLG Stuttgart, NJW-RR 2000, 1043; OLG
Hamm, NJW-RR 2005, 1477). Die erfolgreiche Teilnahme an einem Kampfspiel wie dem
Fußballspiel setzt ein hohes Maß an physischer und psychischer Kraft, an Schnelligkeit,
Geschicklichkeit und körperlichem Einsatz voraus. Die Hektik und Schnelligkeit des Spiels
verlangt den Teilnehmern ab, oftmals im Bruchteil einer Sekunde Chancen abzuwägen,
Risiken einzugehen und die im Einzelfall hiermit notwendigerweise verbundene Härte an
den Tag zu legen. Dass diese Besonderheiten des Wettkampfsports die erhöhte Gefahr
begründen, dass durch Fehleinschätzungen oder im Spieleifer Regelverstöße geschehen,
liegt auf der Hand. Würde jeder dieser Regelverstöße die Haftung aus § 823 Abs. 1 BGB für
hierdurch verursachte Verletzungen auslösen, so wäre die Teilnahme an einem solchen
Wettkampfsport mit einem vernünftigerweise nicht hinnehmbaren Haftungsrisiko
verbunden.
Dieser Umstand rechtfertigt die Annahme einer stillschweigenden Haftungsbeschränkung
auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit. Das Bestehen eines ungewöhnlich hohen
Haftungsrisikos bietet hier deshalb einen hinreichenden Anhaltspunkt für einen
entsprechenden Parteiwillen, weil es alle Teilnehmer gleichermaßen trifft (vgl. BGH, Urt. v.
10.2.2009 – VI ZR 28/08 – NJW 2009, 1482, der die stillschweigende Vereinbarung einer
Haftungsminderung bei einem alle Parteien eines Rechtsverhältnisses gleichermaßen
treffenden Haftungsrisiko – vereinbarungsgemäße gemeinsame Anmietung und
abwechselndes Führen eines Fahrzeugs bei einer gemeinsam geplanten und
durchgeführten Reise – aus dem Gesichtspunkt einer Gefahrgemeinschaft ableitet). Da
jeder Mitspieler aus einer Spielsituation ebenso gut als Anspruchsteller wie als
Anspruchsgegner einer Schädigungshandlung hervorgehen kann, liegt eine Begrenzung des
Haftungsrisikos im Interesse aller Mitspieler. Wenn diese im Bewusstsein der Risikolage und
der aufgrund der Eigenart des Spiels erhöhten Verletzungsgefahr einvernehmlich an dem
Spiel teilnehmen, so wollen sie sich nicht wegen der Folgen einer durch leichte
Fahrlässigkeit verursachten Verletzung eines Mitspielers unter Umständen Existenz
bedrohenden Schadensersatzansprüchen ausgesetzt sehen. Auf der Grundlage dieses
übereinstimmenden Willens der Spielteilnehmer kann eine stillschweigende Beschränkung
der Haftung auf vorsätzliche und grob fahrlässige Regelverstöße angenommen werden
(ebenso Seybold/Wendt in Anm. zu OLG Celle, VersR 2009, 1236; im Ergebnis auch BGH,
Urt. v. 1.2.1976 – VI ZR 32/74 – VersR 1976, 591; OLG Stuttgart, NJW-RR 2000, 1043;
OLG Hamm, NJW-RR 2005, 1477, MünchKommBGB/Wagner, 5. Aufl., § 823, Rn. 549 f.;
Fleischer, VersR 1999, 785; Deutsch, VersR 1974, 1045; Weisemann/Spieker, Sport, Spiel
und Recht, 2. Aufl., Rdn. 101, die eine Haftungsbeschränkung dogmatisch allerdings mit
einer Differenzierung der Anforderungen begründen, die an die im Verkehr erforderliche
Sorgfalt i.S.d. § 276 Abs. 2 BGB zu stellen sind).
Grobe Fahrlässigkeit setzt anerkanntermaßen einen objektiv schweren und subjektiv nicht
entschuldbaren Verstoß gegen die Anforderungen der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt
voraus. Diese muss in ungewöhnlich hohem Maße verletzt und es muss dasjenige
unbeachtet geblieben sein, was im gegebenen Fall jedem hätte einleuchten müssen. Dabei
rechtfertigt ein objektiv grober Pflichtenverstoß für sich allein noch nicht den Schluss auf ein
entsprechend gesteigertes persönliches Verschulden, nur weil ein solches häufig damit
einhergeht. Ein entsprechender Verschuldensvorwurf ist vielmehr nur dann gerechtfertigt,
wenn eine auch subjektiv schlechthin unentschuldbare Pflichtverletzung vorliegt, die das in §
276 Abs. 2 BGB bestimmte Maß erheblich überschreitet (vgl. vgl. BGH, Beschl. v.
11.5.2010 – IX ZB 167/09 – zitiert nach juris; Urt. v. 10.2.2009 – VI ZR 28/08 – NJW
2009, 1482 jew. m.w.N.; Senat, Urt. v. 10.3.1999 – 5 U 767/98 – ZfS 1999, 291).
b) Der Nachweis für ein vorsätzliches oder in dem beschriebenen Sinne grob fahrlässiges
Verhalten des Beklagten ist indes nicht erbracht.
Aus den Zeugenaussagen lässt sich kein zuverlässiges Bild des Vorfalls gewinnen. Der
Kläger kann sich nicht mit Erfolg darauf berufen, ein vorsätzliches Verhalten des Beklagten
sei dadurch belegt, dass dieser keine Chance mehr gehabt habe, den Ball zu spielen. Diese
von den Zeugen Kl. und L. bestätigte Behauptung (Bl. 70, 82 d.A.) lässt für sich
genommen schon deshalb keinen hinreichend sicheren Rückschluss auf ein vorsätzliches
Verhalten des Beklagten zu, weil sie sich auf die Einschätzung einer Spielsituation
beschränkt, die der Beklagte anders getroffen haben mag. Eine hiervon abweichende
Einschätzung haben dann auch tatsächlich sowohl der als Zeuge vernommene
Schiedsrichter K. getroffen, der von einem Kampf um den Ball berichtet hat, bei dem der
Beklagte den Ball verfehlt und den Kläger versehentlich am Knie getroffen habe (Bl. 60
d.A.), als auch der Zeuge D., der bekundet hat, der Beklagte habe noch eine Chance
gehabt, den Ball zu bekommen; diesem könne keine Absicht unterstellt werden (Bl. 73
d.A.). Insoweit stimmt dessen Aussage im Übrigen auch mit der Einschätzung des Zeugen
L. überein, der auf Nachfrage angegeben hat, er gehe davon aus, dass der Beklagte den
Ball habe erreichen wollen (Bl. 83 d.A.). Eine Spielsituation, die eindeutig den Rückschluss
auf ein vorsätzliches Vorgehen des Beklagten zuließe, weil es aus dessen Sicht als
aussichtslos erscheinen musste, den Ball noch zu treffen und der Angriff deshalb nur noch
dem Kläger gelten konnte, hat der Kläger nicht geschildert; allein der Umstand, dass der
Beklagte sich dem Kläger von seitlich hinten genähert haben soll, lässt einen solchen
Rückschluss ohne weitere konkrete Angaben - etwa zu den Entfernungen der Spieler
zueinander und jeweils zum Ball - nicht zu (vgl. BGH, Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 –
VersR 1975, 137). Der Senat teilt deshalb die Einschätzung des Landgerichts, dass die
Behauptung des Beklagten, er habe versucht den Ball zu erreichen, nach dem Ergebnis der
Beweisaufnahme nicht als widerlegt angesehen werden kann.
Der Kläger hat auch nicht zweifelsfrei den Nachweis einer grob fahrlässigen
Regelverletzung erbringen können.
Der Schiedsrichter K. hat anlässlich seiner Vernehmung vom 4.6.2009 geschildert, dass
beide Parteien zum Ball gegangen und aufeinander zugelaufen seien, was im Wesentlichen
die mit einer Skizze (Bl. 32 d.A.) veranschaulichte Version des Beklagten bestätigt. Der
Senat teilt nicht die Ansicht des Landgerichts, bei der Würdigung der Zeugenaussage des
Schiedsrichters K. sei zu berücksichtigen, dass der Zeuge D. diesen als mit der Leitung des
Spiels überfordert betrachtet hat. Dies bedeutet nicht, dass dieser auch tatsächlich
überfordert gewesen ist; die unterschiedliche Wahrnehmung und Einschätzung von
Spielsituationen ist für den Fußballwettkampf typisch. Geschieht in einem solchen Kampf
um den Ball eine Regelverletzung, so kann jedenfalls ohne weitere Anhaltspunkte nicht
ohne weiteres von einem grob fahrlässigen Verhalten ausgegangen werden.
Demgegenüber hat der Zeuge Kl. bei seiner Vernehmung vom 16.7.2009 (Bl. 68 d.A.)
ebenso wie der Zeuge L. bei seiner Vernehmung vom 6.8.2009 (Bl. 82 d.A.) angegeben,
der Beklagte habe seitlich von dem Kläger gestanden und „wohl etwas nach hinten“ bzw.
der Beklagte habe sich „mehr von hinten als von der Seite“ kommend auf den Kläger
zubewegt, während der Zeuge D. bei seiner Vernehmung vom 16.7.2009 (Bl. 72 d.A.)
bekundet hat, die Parteien hätten sich seitlich voneinander befunden. Der Senat vermag
bei dieser Sachlage nicht mit hinreichender Sicherheit festzustellen, dass der Beklagte sich
von hinten kommend tatsächlich außerhalb des Blickfeldes des Klägers befunden hat, was
den Beklagten zwar - auch in einem Freundschaftsspiel zwischen Alte-Herren-
Mannschaften - nicht dazu gezwungen hätte, auf seinen Angriff zu verzichten, ihm aber ein
erhöhtes Maß an Vorsicht abverlangt hätte. Dass der Kläger geltend macht, durch den
Angriff eine Schienbeinprellung – und nicht eine Verletzung im Bereich der Wade oder
Kniekehle - davongetragen zu haben, spricht eher für die von dem Schiedsrichter K.
bestätigte Schilderung des Beklagten.
Zu einer anderen Beurteilung gelangt man auch dann nicht, wenn man mit dem
Landgericht zur Feststellung des streitigen Sachverhalts maßgeblich auf die Aussage des
Zeugen L. (Bl. 82/83 d.A.) abstellen wollte, der als der den Kläger anspielende Mitspieler an
dem fraglichen Spielzug unmittelbar beteiligt war. Dieser hat angegeben, dem Kläger auf
das Tor laufend den Ball zugespielt zu haben, in der Absicht, einen Doppelpass zu spielen.
Der Beklagte sei „mehr von hinten als von der Seite“ kommend in den Kläger
hineingegrätscht, sei aber „praktisch zu spät gekommen“, weil der Kläger den Ball bereits
abgespielt habe. Ausgehend davon, dass es in der Eigenart des Fußballspiels liegt, dass
sich Spieler in der blitzschnell zu treffenden Beurteilung der Spielsituation und der
Möglichkeit, den Ball noch zu erreichen, verschätzen und Entscheidungen treffen, die sich
nachträglich als falsch erweisen können, lässt auch diese Schilderung den Rückschluss auf
ein grob fahrlässiges Verhalten des Beklagten nicht zu, weil sich jedenfalls eine subjektiv
schlechthin unentschuldbare Pflichtverletzung nicht feststellen lässt. Für diese Beurteilung
spricht insbesondere auch, dass der Zeuge L. trotz seiner Wahrnehmung und Einschätzung
der Spielsituation nicht daran zweifelte, dass der Beklagte versucht habe, den Ball zu
erreichen. Auch in einem Freundschaftsspiel im Amateurbereich, sogar im „Alte-Herren-
Bereich“, muss ein Spieler damit rechnen, dass er auf „energische und bissige“ Verteidiger
trifft, als welchen der Zeuge D. den Beklagten beschrieben hat (Bl. 73 d.A.). Konkrete
Anhaltspunkte, dass dessen Spielweise über ein energisches und möglicherweise auch
verbissenes Vorgehen hinausgegangen wäre, sind nicht nachgewiesen.
c) Der Kläger kann sich auch nicht darauf berufen, das Landgericht habe zu seinen Gunsten
Beweiserleichterungen in Betracht ziehen müssen.
Die Beweislast für die schuldhafte Begehung einer unerlaubten Handlung trägt
grundsätzlich der Verletzte (vgl. Palandt/Sprau, BGB, 68. Aufl., § 823, Rdn. 80). Nichts
anderes gilt für Verletzungshandlungen bei Sportwettkämpfen, insbesondere kann dort
nicht in Anwendung der Grundsätze der Beweislastverteilung nach Gefahrenbereichen dem
jeweiligen Angreifer die Beweislast für regelgerechtes Verhalten und fehlendes Verschulden
auferlegt werden.
Eine solche Beweislastverteilung würde die oben erörterten Besonderheiten des
Wettkampfspiels außer acht lassen, das von Angriff und Verteidigung und jeweils
blitzschnellem Rollenwechsel der Spieler gekennzeichnet ist. Der Bundesgerichtshof hat
deshalb angenommen, dass die Inkaufnahme des Risikos, beim Spiel trotz Einhaltung der
Regeln verletzt zu werden, auch die Übernahme des Risikos einschließt, im Streitfall den
Regelverstoß nicht beweisen zu können. Eine Beweislast des Angreifenden würde diesen
von einem Angriff auf den Ball abhalten, der doch gerade Aufgabe jedes Spielers ist (vgl.
BGH, Urt. v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73 - VersR 1975, 137; VI ZR 125/73 – zitiert nach
juris). Soll die Eigenart des Fußballspiels als Kampf- und Angriffssport erhalten bleiben, so
kann nichts anderes für die Frage gelten, ob der Regelverstoß schuldhaft begangen wurde.
4.
Ungeachtet des Umstandes, dass ein Schadensersatz- und Schmerzensgeldanspruch des
Klägers deshalb schon dem Grunde nach nicht gegeben ist, fehlt es dem Vorbringen des
Klägers auch an der substantiierten Darlegung eines materiellen Schadens. Zwar werden
dem selbstständig Tätigen, der einen Dienstausfall geltend macht, nach § 252 Satz 2 BGB
und § 287 ZPO - auf den der Kläger sich ausdrücklich beruft – nicht nur
Beweiserleichterungen gegenüber dem allgemeinen Grundsatz gewährt, wonach für die
Entstehung eines Schadens der volle Beweis erforderlich ist; vielmehr mindern die
genannten Vorschriften schon dessen Darlegungslast. Dies befreit den Kläger aber nicht
davon, hinreichend konkrete Anhaltspunkte für die Schadensermittlung vorzutragen (vgl.
BGH, Urt. v. 6.7.1993 – VI ZR 228/92 – NJW 1993, 2673; KG, VersR 2004, 483 jew.
m.w.N.). Hieran fehlt es.
Hinreichende Anknüpfungspunkte lassen sich indes weder dem Vorbringen des Klägers,
noch den vorgelegten ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, Rechnungen und
Rezepten entnehmen (Bl. 17-20 d.A.), die lediglich die gestellten Diagnosen wiedergeben.
4.
Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 97 Abs. 1 ZPO.
Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus §§ 708 Nr. 10, 711, 713
ZPO. § 713 ZPO ist anwendbar, da die Voraussetzungen, unter denen ein Rechtsmittel
gegen das Urteil stattfindet, für jede der Parteien unzweifelhaft nicht gegeben sind. Dies
folgt daraus, dass die Revision nicht zugelassen ist und gemäß § 26 Nr. 8 EGZPO n.F. die
Nichtzulassungsbeschwerde für jede der Parteien unzulässig ist, da die Beschwer nicht
mehr als 20.000 EUR beträgt.
Die Revision war nicht zuzulassen, da die Voraussetzungen des § 543 Abs. 2 ZPO n.F.
nicht gegeben sind.
Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 3 ZPO.