Urteil des OLG Oldenburg vom 09.11.1994, 2 U 164/94

Entschieden
09.11.1994
Schlagworte
Obliegenheit, Gestüt, Einverständnis, Aufwand, Gewahrsam, Versicherter, Kündigungsfrist, Belastung, Wechsel, Versicherungsvertrag
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Gericht: OLG Oldenburg, 02. Zivilsenat

Typ, AZ: Urteil, 2 U 164/94

Datum: 09.11.1994

Sachgebiet: Kein Sachgebiet eingetragen

Normen: AVP § 77A 8 NR ., VVG § 6 ABS 1 S 2, VVG § 6 ABS 1 S 3, VVG § 6 ABS 2

Leitsatz: AVP 77a: Leistungsfreiheit bei Verletzung der Anmeldepflicht im Fall von Bestandsveränderungen in der Tierversicherung mit Einzelbeschreibung. - Erfordernisse für die Kenntnis i.S. von § 6 Abs. 1 Satz 2 VVG.

Volltext:

Die Beklagte ist hinsichtlich der drei verbrannten Hengste gem.

§ 8 Ziff. 5 Abs. 3 Satz 2 der Allgemeinen Bedingungen für die Versicherung von Pferden und anderen Einhufern (AVP 77 a) i.V.m. § 6

Abs. 1 VVG von ihrer Leistungspflicht aus dem Versicherungsvertrag

frei, da der Kläger schuldhaft seiner Obliegenheit aus § 8 Ziff. 5

Abs. 1 Satz 1 AVP 77a nicht nachgekommen ist, neu in seinen Gewahrsam gelangte Tiere nachträglich zur Versicherung anzumelden,

soweit und sobald sie versicherungsfähig waren und soweit sie zur

selben Tiergruppe gehörten, die der bestehende Versicherungsvertrag umfaßte. Die Beklagte kann sich auf diese Leistungsfreiheit nach § 6 Abs. 1 Satz 2 und 3 VVG berufen, da sie innerhalb eines Monats, nachdem sie von dieser Obliegenheitsverletzung

des Klägers Kenntnis erlangt hatte, den Versicherungsvertrag gekündigt hat. Da die vom Kläger verletzte Obliegenheit nicht der

Verminderung einer Gefahr oder der Verhütung einer Gefahrerhöhung

für das Versicherungsobjekt diente, ist § 6 Abs. 2 VVG nicht einschlägig (Schmitt, VersR 1953, 385; Prölss/Martin-Kollkosser, VVG,

25.·Aufl., §·9 AVR 77·a Anm.·3 zur inhaltlich gleichen Bestimmung

für die Rinder-Versicherung); es kommt somit nicht darauf an, ob

die Verletzung der Obliegenheit für den Schadenfall kausal geworden ist. Das hat das Landgericht verkannt.

Seit März/April 1993 - also bereits im Zeitpunkt des Brandes am

4.6.1993 - befand sich neben den drei versicherten Deckhengsten

noch der Deckhengst "Rinaldo" im Gestüt des Klägers; der Kläger

hat ihn entgegen seiner versicherungsvertraglichen Pflicht aus § 8

Ziff. 5 Abs. 1 Satz 1 AVP 77 a jedoch erst 11. 8. 1993 bei der Beklagten angemeldet.

Die Verletzung der Nachmeldungspflicht durch den Kläger geschah

zumindestens fahrlässig. Die Verpflichtung, neu in den Gewahrsam

des Versicherungsnehmers gelangte Tiere dem Versicherer nachzumelden, ist in den AVP 77 a ausdrücklich normiert. Die Unkenntnis der

Allgemeinen Versicherungsbedingungen ist grundsätzlich fahrlässig

(Prölss/Martin-Prölss, a.a.O., §·6 VVG Anm.·13 m.w.N.). Dies gilt

im vorliegenden Fall umso mehr, als es sich zum einen beim Kläger

um einen hauptberuflichen Versicherungsvertreter und zum anderen

bei der verletzten Obliegenheit um eine im Hinblick auf das versicherte Risiko naheliegende Bestimmung handelte. Sind nämlich

nicht alle im Bestand vorhandenen Tiere versichert, liegt es auf

der Hand, daß es im Schadenfall zu Auseinandersetzungen kommt, ob

das jeweils zu Schaden gekommene Tier zum versicherten Bestand gehörte. Um solchen Auseinandersetzungen vorzubeugen, hat der Versicherer deshalb ein offensichtliches und anerkennenswertes Interesse an einer umgehenden und umfassenden Nachmeldung aller neu in

den Bestand kommenden Tiere. Diese Interessenlage war dem Kläger

aufgrund der Vertragsumstellung im Jahre 1987 auch genau bekannt,

wie seine Ausführungen im Schriftsatz vom 29. 3. 1994 belegen.

Der Kläger kann sich weder damit entschuldigen, daß er als Betreiber eines Gestüts nicht ständig alle Neuzugänge habe anmelden können, noch damit, daß er seit 20 Jahren von der Beklagen unbeanstandet lediglich etwa zweimal im Jahr eine Bestandliste an

die Beklagte übersandt habe. Selbst wenn täglich ein Wechsel im

Bestand des Versicherungsnehmers eintritt, ist er im Hinblick auf

die oben dargestellten berechtigten Interessen des Versicherers

zur Nachmeldung verpflichtet; diese Belastung ist weder vom zeitlichen noch vom finanziellen Aufwand her unzumutbar. Aus der Aufstellung der Beklagten über die Bestandmeldungen des Klägers, der

der Kläger nicht widersprochen hat, läßt sich keinerlei Regelmäßigkeit der Nachmeldungen durch den Kläger erkennen; die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Meldungen liegen zwischen 2

Monaten und mehr als zwei Jahren. Die Beklagte durfte deshalb annehmen, daß der Pferdebestand des Klägers jeweils entsprechend

diesen Meldungen gewechselt hatte, alle Änderungen also korrekt

und pünktlich gemeldet waren. Dies gilt umso mehr, als der Kläger

in den Änderungsmeldungen nicht abweichende Termine für die gemeldeten Zu- und Abgänge angegeben hatte. Keinesfalls läßt sich

den Meldungen des Klägers ein Einverständnis der Beklagten entnehmen, auf sofortige Nachmeldung von Neuzugängen im Bestand zu verzichten.

Da die Obliegenheitsverletzung durch den Kläger nicht als unverschuldet anzusehen ist, war die Beklagte binnen eines Monats nach

Kenntnis dieser Obliegenheitsverletzung zur fristlosen Kündigung

des Vertrags berechtigt 6 Abs. 1 Satz 2 VVG). Die Beklagte hat

am 29.9.1993 die Kündigung des Vertrags erklärt. Das war rechtzeitig. Sie hatte, wie sie nachgewiesen hat, erst am 6.9.1993

Kenntnis vom Inhalt der staatsanwaltlichen Ermittlungsakte und damit Kenntnis davon, daß sich zum Zeitpunkt des Brandes im Bestand

des Klägers neben den versicherten Deckhengsten noch ein weiterer

Deckhengst befunden hatte. Für seine gegenteilige Behauptung, die

Beklagte habe bereits am 17.6.1993 durch einen der Schadenmeldung

beigefügten Zeitungsausschnitt davon erfahren, daß sich im Zeitpunkt des Brandes ein vierter Deckhengst namens "Rinaldo" in seinem Gewahrsam befunden habe, hat der Kläger keinen Beweis angetreten. Da es für die Kündigungsfrist des §·6 Abs.·1 VVG auf die

positive Kenntnis des Versicherers ankommt und das bloße Kennenmüssen der Obliegenheitsverletzung nicht ausreichend ist

(Prölss/Martin-Prölss, a.a.O., §·6 VVG Anm.·10, m.w.N.), ist nicht

entscheidend, ob die Beklagte aus dem beigefügten Zeitungsausschnitt hätte entnehmen können, daß sich zum Zeitpunkt des Brandes

im Gestüt noch ein weiterer, nicht versicherter Deckhengst befunden hatte, sondern ob sie dem Zeitungsausschnitt diese Kenntnis

tatsächlich positiv entnommen hat. Dafür ist der Kläger beweispflichtig (Prölss/Martin-Prölss, a.a.O., §·6 Anm. 10 m.w.N.).

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