Urteil des OLG Köln vom 06.05.1992, 27 U 28/91

Aktenzeichen: 27 U 28/91

OLG Köln (kläger, erblasser, pneumonie, lungenentzündung, vernehmung von zeugen, praxis, bronchitis, diagnose, untersuchung, anhörung)

Oberlandesgericht Köln, 27 U 28/91

Datum: 06.05.1992

Gericht: Oberlandesgericht Köln

Spruchkörper: 27. Zivilsenat

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 27 U 28/91

Vorinstanz: Landgericht Köln, 25 O 479/87

Schlagworte: Haftungsrecht Arzthaftung Diagnosefehler

Normen: BGB § 844

Leitsätze: Ein Facharzt für Innere Krankheiten begeht keinen Behandlungsfehler, wenn er bei einem langjährig in seiner Behandlung stehenden älteren Patienten mit nach einer Operation wegen Lungen-Tbc eingeschränkten Atemfunktion a) auf Grund klinischer Untersuchung eine Rhinobronchitis diagnostiziert und behandelt und deshalb keine Röntgenaufnahme zum Ausschluß einer Pneumonie veranlaßt; b) diesen Patienten nicht ausdrücklich zur routinemäßigen Therapieerfolgskontrolle wiederbestellt, sondern sich darauf verläßt, daß der Patient sich von sich aus wieder meldet, wenn eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes eintritt.

Tenor: Die Berufung der Kläger gegen das am 4. Dezember 1990 verkündete Urteil der 25. Zivilkammer des Landgerichts K. - 25 O 479/87 - wird zurückgewiesen. Die Kläger haben die Kosten des Berufungsrechtszuges zu tragen. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Kläger können die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung von 11.200,-- DM abwenden, wenn nicht der Beklagte zuvor Sicherheit in gleicher Höhe leistet. Ihnen wird gestattet, die Sicherheit auch durch selbstschuldnerische Bürgschaft einer deutschen Großbank oder öffentlichen Sparkasse zu erbringen.

T a t b e s t a n d 1

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3Die Kläger nehmen den Beklagten wegen angeblicher ärztlicher Fehler im Zusammenhang mit der Heilbe-handlung des im Alter von 61 Jahren verstorbenen R. Berger in Anspruch. Herr B. (im folgenden: Erblas-ser) war der Ehemann der Klägerin zu 2. und der Va-ter des Klägers zu 1..

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Der Erblasser, der sich im Jahre 1953 wegen einer Lungentuberkolose einer 5

Thorakoplastik hatte unterziehen müssen, war seit 1977 Patient des Beklagten. Dieser behandelte ihn in der Folgezeit unter anderem wegen Bronchitis mit eingeschränkter Atemleistung. Am suchte der Erblasser den Beklagten auf, weil er erkältet war und sich fiebrig fühlte. In der Patientenkartei vermerkte der Beklagte unter diesem Datum als Befund ein über der Lunge auskul-tierbares diffuses Giemen, einen freien Rachen und einen Blutdruck von 140/70, als Diagnose einen fieberhaften grippalen Infekt und eine Rhinobronchitis sowie als Therapie die Verordnung der Medikamte Bisolvonamid, Otriven, Euphyllin retard, Aldactone, Saltucin und Digacin. In den frühen Morgenstunden verständigte die Klägerin zu 2. wegen zunehmender Atembeschwerden des Erblassers den Notarzt, der die Diagnose einer Bronchitis stellte und dem Patienten Bronchospasmin injizierte. Noch am selben Tage ver-anlaßte die Klägerin zu 2. die Aufnahme des Erblas-sers in das Krankenhaus in K., wo eine rechtsbasale Pneumonie sowie eine Herzinsuffizienz diagnosti-ziert wurden. Am darauffolgenden Tag verstarb der Erblasser - laut Bericht der behandelnden Kranken-hausärzte "unter dem Bild eines nicht mehr beeinflußbaren respiratorischen Versagens".

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7Der Kläger zu 1., der im ersten Rechtszug den Pro-zeß allein geführt hat, hat behauptet, sein Vater habe, nachdem das Fieber auf mehr als 39,5 Grad Celsius angestiegen sei, am Nachmittag des in einem mit der Praxis des Beklagten geführten Telefonge-spräch unter Hinweis darauf, daß er unter einer starken Erkältung mit Fieber und Husten leide und das Bett nicht verlassen könne, um einen Hausbesuch gebeten. Daraufhin habe ihm der Beklagte ausrichten lassen, er solle sich in der Sprechstunde vorstel-len. Bei zwei weiteren Telefonanrufen in der Praxis des Beklagten sei der Hörer dort sofort aufgelegt worden, nachdem sein Vater seinen Namen genannt habe. Schließlich habe man ihm einen Behandlungs-termin reserviert. An diesem Tage habe der Beklagte lediglich eine Hustenmedizin verordnet und geäu-ßert, sein Vater habe als Rentner Zeit und könne daher seine Erkältung mit Hausmitteln selbst kurie-ren. Als sein Vater wegen anhaltend hohen Fiebers den Beklagten erneut aufgesucht habe, sei ihm - oh-ne vorangehende Untersuchung - nur Bisolvon-Saft verschrieben worden. Bei sorgfältigem Vorgehen hät-te der Beklagte die Lungenentzündung bereits erken-nen und mit Erfolg behandeln können.

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9Da sein Vater gemeinsam mit seiner Mutter den Haus-halt versorgt habe, sei dieser bei einem Monatslohn von 750,00 DM für eine Haushaltshilfe während der Zeit ein Schaden in Höhe von 15.750,00 DM entstan-den, den der Beklagte ihm aus abgetretenem Recht zu ersetzen habe und den er hilfsweise aufgrund einer von ihr erteilten Ermächtigung für sie geltend ma-che. Der Beklagte habe ihm - gleichfalls aus abge-tretenem Recht - auch Beerdigungskosten in Höhe von 7.633,60 DM sowie 1.389,66 DM Kosten für die Ein-holung eines Gutachtens des Instituts für Medizinschadens-Begutachtung zu erstatten.

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Der Kläger zu 1. hat beantragt, 11

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1.) 15

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den Beklagten zu verurteilen, an ihn - hilfsweise an Frau E. B. , , 23.383,10 DM nebst 4 % Zinsen seit Rechts-hängigkeit zu zahlen, 19

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2.) 23

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27festzustellen, daß der Beklagte verpflich-tet sei, ihm - hilfsweise Frau E. B., , allen künftigen materiellen Schaden zu er-statten, der Frau B. durch den Tod ihres Ehemannes R. B. in Zukunft entstehe, so-weit derartige Ansprüche nicht auf öffentlich-rechtliche Versicherungsträger über-gehen sollten.

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Der Beklagte hat beantragt, 29

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die Klage abzuweisen. 31

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Er hat behauptet, der Erblasser habe wegen der Erkältungssymptome erstmals in seiner Praxis ange-rufen. Nachdem die Zeugin C. - seine Sprechstun-denhilfe - den Erblasser wegen der von diesem ge-wünschten Grippemedikamente mit ihm habe verbinden wollen und dies dem Erblasser offenbar zu lange gedauert habe, sei diesem auf dessen Wunsch hin ein Behandlungstermin zugesagt worden. An jenem 33

Tag habe der Erblasser über ein grippales Gefühl, leichtes Fieber, Schnupfen und Husten geklagt und betont, es gehe ihm schon wieder besser. Bei einer gründlichen Untersuchung, insbesondere von Rachen-raum und Lunge, habe sich lediglich das bereits seit Jahren vorhandene Giemen feststellen lassen. Der Erblasser habe an einem leicht fieberhaften Infekt in Verbindung mit der bekannten chronischen Bronchitis gelitten. Er habe ihm deshalb neben weiteren Medikamenten zur Vorbeugung Bisolvon-Saft verordnet, mit dem er schon bei früheren bronchiti-schen Exazerbationen des Erblassers gute Erfahrun-gen gemacht habe. Ferner habe er ihm geraten, sich wieder bei ihm zu melden, falls innerhalb von drei Tagen eine Besserung ausbleiben solle. Im übrigen hat der Beklagte den geltendgemachten Schaden der Höhe nach bestritten.

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35Nach Beweiserhebung durch Vernehmung von Zeugen und Einholung eines schriftlichen Sachverständigen-gutachtens hat das Landgericht die Klage abgewiesen mit der Begründung, von einer Vernachlässigung der ärztlichen Sorgfalt durch den Beklagten könne nicht ausgegangen werden.

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Der Kläger hat gegen das ihm zugestellte Urteil bei Gericht eingegangenem Schriftsatz Berufung einge-legt und diese zugleich begründet. 37

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39Er erneuert den Vorwurf eines Behandlungsfehlers, der in dem Unterlassen einer Röntgenkontrolle sowie darin zu sehen sei, daß der Beklagte sich nicht kurzfristig von der Wirksamkeit der begonnenen The-rapie überzeugt habe.

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Im Verhandlungstermin hat die Klägerin zu 2. ihren Parteibeitritt zu Protokoll erklärt. 41

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Die Kläger beantragen, 43

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unter Abänderung des angefochtenen Urteils nach den Anträgen zu erkennen, die der Kläger zu 1. zuletzt im ersten Rechtszug gestellt hat, 47

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51hilfsweise ihnen nachzulassen, die Zwangs-vollstreckung dadurch abzuwenden, daß sie Sicherheit leisten, auch durch selbst-schuldnerische Bürgschaft einer Großbank oder öffentlichen Sparkasse in der Bundes-republik Deutschland.

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Der Beklagte beantragt, 53

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1.) 57

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die Berufung kostenpflichtig zurückzu-weisen, 61

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2.) 65

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ihm zu gestatten, Sicherheit auch durch die Bürgschaft einer deutschen Großbank, öffentlichen Sparkasse oder Volksbank zu leisten. 69

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Er verteidigt das erstinstanzliche Urteil und be-streitet überdies die Ursächlichkeit der Lungenent-zündung für den Tod des Erblassers. 71

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Wegen aller weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstands wird auf den 73

Tatbestand des angefoch-tenen Urteils sowie auf die im Berufungsrechtszug zwischen den Parteien gewechselten Schriftsätze Be-zug genommen.

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75Der Senat hat Beweis erhoben durch Einholung ei-nes schriftlichen Gutachtens des Sachverständigen Dr. H. sowie durch mündliche Anhörung der Sachver-ständigen Prof. Sch. und Dr. H.. Hinsichtlich der Ausführungen der Sachverständigen wird auf das schriftliche Gutachten (Bl. 370 ff d.A.) und auf das Sitzungsprotokoll (Bl. 412 ff d.A.) verwiesen.

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E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e 77

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79Die Berufung ist statthaft sowie form- und frist-gerecht eingelegt und begründet worden und damit zulässig. Berufungsführerin ist neben dem Kläger zu 1. auch die Klägerin zu 2., nachdem sie im er-sten Verhandlungstermin vor dem Senat gemäß §§ 297 Abs. 1 Satz 2, 523 ZPO ihren Beitritt als Prozeß-partei erklärt hat. Die in dem Parteibeitritt lie-gende Klageänderung ist zulässig, da sich der Be-klagte rügelos auf die abgeänderte Klage eingelas-sen hat (§§ 263, 267, 523 ZPO). Die Klägerin zu 2. hat sich auch dem vom Kläger zu 1. in der Beru-fungsbegründung formulierten Antrag angeschlossen; die in ihrem Schriftsatz angekündigten geänderten Anträge haben die Kläger in der mündlichen Verhand-lung nicht verlesen.

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In der Sache hat die Berufung jedoch keinen Erfolg. 81

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83Den Klägern stehen keine Schadensersatzansprüche gemäß §§ 844 Abs. 1, 2, 398 BGB gegen den Beklagten zu. Dabei kann offenbleiben, welche der Parteien auf der Klägerseite Inhaber etwaiger Forderungen gegen den Beklagten und ob gegebenenfalls die Abtretung der Ansprüche oder die Ermächtigung zu ihrer Geltendmachung wirksam ist. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme steht jedenfalls nicht fest, daß der Beklagte einen zum Schadensersatz verpflichten-den Behandlungsfehler begangen hat.

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I. 85

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87Eine Sorgfaltspflichtverletzung vor dem Untersu-chungstermin ist dem Beklagten schon deshalb nicht anzulasten, weil nicht davon ausgegangen werden kann, daß der Erblasser in der Praxis des Beklagten angerufen und um einen Hausbesuch gebeten sowie zwei weitere von Mitarbeitern des Beklagten unter-bundenen

Telefonate mit dessen Praxis geführt hat. Nicht erwiesen ist ferner die vom Kläger zu 1. gleichfalls im ersten Rechtszug behauptete zweite Vorstellung des Erblassers in der Praxis des Be-klagten, so daß auch insofern ein Behandlungsfehler ausscheidet. Der Senat folgt der zutreffenden, gründlichen Würdigung der erhobenen Zeugenbeweise durch das Landgericht und nimmt zur Vermeidung von Wiederholungen insoweit auf die Gründe des ange-fochtenen Urteils Bezug 543 ZPO). Die Berufung greift die Beweiswürdigung durch das Landgericht zur Kontaktaufnahme des Erblassers mit dem Beklag-ten und zur Anzahl der Untersuchungen auch nicht an. Soweit in dem Schriftsatz der erstinstanzliche Vortrag des Klägers zu 1. zu den angeblichen Telefonanrufen des Erblassers wieder aufgegriffen wird, enthält das Berufungsvorbringen keine neuen Gesichtspunkte, die das in dem angefochtenen Urteil erläuterte Beweisergebnis in Frage stellen könnten.

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II. 89

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91Daß der Beklagte bei seiner Konsultation durch den Erblasser oder im Zusammenhang mit der eingeleite-ten Therapie zu einem späteren Zeitpunkt einen Be-handlungsfehler begangen hat, ist nicht erwiesen.

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1.) 93

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95Die Kläger werfen dem Beklagten vor, den zum Nachweis der schon damals erkennbaren Lungenentzün-dung geeigneten und erforderlichen Röntgenbefund nicht erhoben und zudem pflichtwidrig eine kurz-fristige Kontrolle des Therapieerfolgs versäumt zu haben. Mit dem Vorwurf, der Beklagte habe durch das Unterlassen diagnostischer Maßnahmen eine bestehende Pneumonie nicht erkannt, machen die Kläger im Ergebnis einen Diagnoseirrtum geltend. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, der der Senat folgt, sind Diagnoseirrtümer nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler zu bewerten (vgl. BGH VersR 1981, 1033; Steffen, Neue Entwick-lungslinien der BGH-Rechtsprechung zum Arzthaft-ungsrecht, 4. Aufl., S. 41). Fehldiagnosen sind in erster Linie dann Gegenstand der Arzthaftung, wenn Krankheitserscheinungen in völlig unvertretba-rer Weise gedeutet oder elementare Kontrollbefunde nicht erhoben werden oder wenn eine Überprüfung der ersten Diagnose im weiteren Behandlungsverlauf unterbleibt, auch wenn dieser keine Wirkungen zeigt (vgl. Steffen a.a.O.; OLG K. - 7. Senat - VersR 1989, 631). Die Voraussetzungen, unter denen danach ein zum Schadensersatz verpflichtender Diag-nosefehler angenommen werden kann, sind im vorlie-genden Fall nicht erfüllt.

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Einem fundamentalen Diagnoseirrtum im Sinne einer Fehlinterpretation erhobener Befunde ist der Be-klagte nicht erlegen. Die Kläger behaupten selbst nicht, die bei der Untersuchung des Erblassers gewonnenen Befundergebnisse seien eindeutige 97

Symp-tome einer Lungenentzündung. Nach den übereinstim-menden Ausführungen der Sachverständigen Prof. Sch. und Dr. H. ist dies auch tatsächlich nicht der Fall. Der Sachverständige Dr. H. hat in seinem schriftlichen Gutachten auf der Grundlage der in der Patientenkartei dokumentierten Befunde das Vorliegen von Anhaltspunkten für die Diagnose auf eine Lungenentzündung verneint. Selbst in dem Erstgutachten des Sachverständigen Prof. Sch., dem die - nicht bewiesene - Darstellung des Klägers zu 1. in erster Instanz zu dem Erscheinungsbild der Erkrankung des Erblassers zugrundegelegt worden war und welches der Sachverständige in seiner ergänzen-den Stellungnahme in wesentlichen Punkten revidiert hat, ist nicht von einer zweifelsfreien Diagnose die Rede, sondern lediglich von einem Verdacht auf eine Pneumonie, der differentialdiagnostisch durch eine Röntgenaufnahme hätte abgeklärt werden müssen. Daß bei der Untersuchung keinesfalls die eindeutige Diagnose einer Lungenentzündung zu stellen war, hat sich bei der mündlichen Anhörung beider Sachver-ständiger durch den Senat bestätigt.

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99Eine Haftung des Beklagten ist auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Nichterhebung von Kontrollbe-funden begründet. Ein Behandlungsfehler könnte allerdings dann vorliegen, wenn es der Beklagte ver-säumt hätte, einen unklaren und jedenfalls auch den Verdacht auf eine Pneumonie aufzeigenden Befund zum Anlaß einer Röntgenkontrolle zur differentialdia-gnostischen Abklärung einer möglichen Lungenentzün-dung zu nehmen (vgl. BGH NJW 1987, 1482). Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ist ein solcher Befund hier aber nicht feststellbar.

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101Bei der Beurteilung des Krankheitsbildes ist von denjenigen Befunden auszugehen, die in der Patien-tenkartei des Beklagten dokumentiert sind. Danach war über der Lunge des Erblassers ein "diffuses Giemen" auskultierbar, der Rachen frei und ein Blutdruckwert von 140/70 gemessen worden. Weiterge-hende Befunde wie etwa hohes Fieber oder Atemnot können der Entscheidung dagegen nicht zugrundege-legt werden. Daß die in dem Erstgutachten des Sach-verständigen Prof. Sch. erörterten Symptome "Husten mit Auswurf" und "Luftnot" bereits am 20. Febru-ar 1986 aufgetreten seien, tragen die Kläger selbst nicht vor. Im übrigen haben sie die Richtigkeit ihrer Behauptung, der Erblasser habe unter hohem bis über 39,5 Grad Celsius angestiegenem Fieber ge-litten, nicht nachgewiesen. Das Landgericht hat der Bekundung der als Zeugin vernommenen jetzigen Klä-gerin zu 2., der Erblasser habe Temperaturen zwi-schen 39,5 und 40 Grad Celsius notiert, mit Recht keinen hinreichenden Beweiswert beigemessen. Abge-sehen von den im angefochtenen Urteil im einzelnen zutreffend aufgezeigten Zweifeln an der Zuverläs-sigkeit der Erinnerung der Klägerin zu 2. aufgrund der gegenteiligen Aussagen der anderen Zeugen be-stehen Bedenken gegen ihre Angaben über die Körper-temperatur schon wegen der in den Krankenunterlagen des Krankenhauses festgehaltenen Anamnese, nach der der Erblasser "seit einigen Tagen" "schlechtes Be-finden, Luftnot, Fieber" hatte.

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Die vom Beklagten dokumentierten Befunde waren kein Anlaß, einem Verdacht auf eine Pneumonie durch eine Röntgenkontrolle nachzugehen. Der Sachverständige 103

Dr. H. hat in seinem schriftlichen Gutachten die Beweisfrage, ob Anhaltspunkte für den Verdacht auf eine Lungenentzündung bestanden hatten, ebenso klar verneint wie die Frage nach der Indikation einer Röntgenkontrolle. Zur Begründung hat Dr. H. darauf hingewiesen, daß bei dem Erblasser lediglich ein - durch eine Verengung der Bronchien entstandenes - diffuses Giemen vorgelegen habe, während die klassischen Zeichen einer Lungenentzündung sogenannte feuchte, klingende Rasselgeräusche bzw. feines Knistern, verbunden mit einer Klopfschalldämpfung über dem entsprechenden Lungenabschnitt seien, die ein erfahrener Arzt recht schnell und leicht fest-stellen und nicht überhören könne. Die Situation sei - so der Sachverständige Dr. H. - auch nicht deshalb anders zu beurteilen, weil die Atemwege des Erblassers vorgeschädigt waren. Wenngleich die Möglichkeit einer Lungenentzündung grundsätz-lich bei jeder Bronchitis und in besonderem Maße bei bestehenden Vorerkrankungen des Atemsystems wie denen des Erblassers in Betracht zu ziehen sei, so habe der Beklagte dennoch aufgrund des aktuellen Befundes sowie der langjährigen Beobachtung und Betreuung dieses Patienten und der dabei gewonne-nen therapeutischen Erfahrungen zunächst nicht an eine Lungenentzündung zu denken brauchen. Bei der mündlichen Erläuterung seines Gutachtens hat Dr. H. - bestätigt durch den Sachverständigen Prof. Sch. - nochmals auf den Grundsatz hingewiesen, daß der erfahrene Arzt eine Bronchitis von einer Pneumonie ohne weiteres anhand der Atemgeräusche unterschei-den kann, und hinzugefügt, Voraussetzungen für die Feststellung eines Giemens und die Diagnose einer Rhinobronchitis seien ein Abhorchen des Patienten sowie ein Abklopfen auf solche Geräusche, die auf eine Lungenentzündung hindeuten könnten.

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105Das Gutachten des Sachverständigen Dr. H. stimmt im Kern mit den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Sch. überein. In seinem Erstgutachten war Prof. Sch. zwar zu dem Schluß gelangt, daß der Be-klagte eine Röntgenkontrolle hätte veranlassen müs-sen, um eine Pneumonie sicher auszuschließen. Die-ser Schlußfolgerung hatte der Sachverständige in-dessen Anknüpfungstatsachen zugrundegelegt, die zum Teil nicht einmal von den Klägern behauptet worden und im übrigen nicht erwiesen sind. Prof. Sch. hatte angenommen, der Erblasser habe bei seiner Vorstellung in der Praxis des Beklagten über Fieber bis zu 40 Grad, über Husten mit Auswurf und über Luftnot geklagt. Den Vorwurf, der Beklagte habe eine indizierte Röntgenkontrolle versäumt, hatte der Sachverständige mit gerade diesen - in Wahr-heit nicht feststehenden - Krankheitserscheinungen verknüpft. Dies zeigt sein Hinweis darauf, daß das Symptom "Husten mit Auswurf" sowohl einer Bronchitis als auch einer Lungenentzündung zugeschrieben werden könne, während das "sehr hohe Fieber" von 39,5 Grad Celsius und "insbesondere das Sympthom Luftnot" den Verdacht auf eine Pneumonie hätten nahelegen müssen. Dementsprechend hat Prof. Sch. in seinem Ergänzungsgutachten, nunmehr ausgehend al-lein von den dokumentierten Befunden, einen Behand-lungsfehler durch den Beklagten ausdrücklich ver-neint. Das von dem Beklagten festgestellte Giemen war auch nach den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Sch. kein hinreichender Anlaß für eine Rönt-genkontrolle. In seinem schriftlichen Erstgutachten hatte der Sachverständige allerdings darauf hinge-wiesen, daß ein giemendes Atemgeräusch auf eine Ob-struktion der Atemwege deute, die sowohl im Rahmen der Bronchitis als auch bei einer Pneumonie auftre-ten könne. Bei seiner mündlichen Anhörung indessen hat Prof. Sch. dies dahin näher erläutert, daß ein diffuses Giemen nur bei einer virusbedingten und nicht bei einer bakteriellen Lungenentzündung zu finden

sei, und das Giemen eher auf eine Bronchitis hinweise. Bereits in seinem Erstgutachten hatte der Sachverständige überdies das Fehlen der für eine Pneumonie wegweisenden Rasselgeräusche bei der Un-tersuchung hervorgehoben.

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107Hohe Fieberwerte, die nach dem Erstgutachten des Sachverständigen Prof. Sch. den Verdacht auf eine Pneumonie hätten lenken können, sind - wie darge-legt - für den Untersuchungstermin nicht feststell-bar. Aufgrund des Eintrags eines "fieberhaften grippalen Infekts" in der Patientenkartei, dem ein Hinweis des Patienten auf Fieber zugrundeliegen dürfte, kann zwar von einer erhöhten Körpertem-peratur des Erblassers zum damaligen Zeitpunkt ausgegangen werden. Wie jedoch beide Sachverstän-dige bei ihrer Anhörung übereinstimmend ausgeführt haben, ist der Umstand einer Temperaturerhöhung mit dem Befund einer Bronchitis vereinbar und die Behandlung durch den Beklagten auch vor diesem Hin-tergrund nicht zu beanstanden. Eine Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht haben die Sachverständigen auch nicht darin gesehen, daß in der Praxis des Beklagten die Temperatur des Patienten offenbar nicht gemessen worden war. Die dafür angeführte Begründung, daß einerseits wegen der möglichen ra-schen Änderung von Fieberbefunden die Temperatur in der Praxis üblicherweise nicht nachgemessen werde und andererseits der Arzt grundsätzlich von der Richtigkeit der Angaben des Patienten über Fieber ausgehen könne, erscheint einleuchtend.

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109Bei ihrer Anhörung habe beide Sachverständige die von dem Beklagten gewählte Behandlung im übrigen selbst unter der Voraussetzung ausdrücklich als richtig bezeichnet, daß der Erblasser unter einer "gewissen" Luftnot gelitten hat. Diese Schlußfolge-rung haben die Gutachter nachvollziehbar aus dem Umstand gezogen, daß der Erblasser infolge der Thorakoplastik ohnehin bei jeder körperlichen Beanspruchung in Luftnot geraten und diese gleichsam ein Dauerbefund gewesen sei.

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Nach den überzeugenden Ausführungen beider Sachver-ständigen ist in dem Unterlassen einer Röntgenkon-trolle demnach kein Versäumnis zu sehen. Anhaltspunkte für die Notwendigkeit anderer diagnostischer Maßnahmen zur Abklärung einer etwaigen Pneumonie haben sich aus den Gutachten gleichfalls nicht er-geben. 111

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113Überdies fehlt es an einem Ursachenzusammenhang zwischen dem Unterlassen einer Röntgenkontrolle bei der Untersuchung und dem weiteren Krankheitsver-lauf. Die Sachverständigen Prof. Sch. und Dr. H. sind übereinstimmend zu dem Schluß gelangt, daß auf einer an jenem Tag gefertigten Röntgenaufnahme eine Lungenentzündung nicht erkennbar gewesen wäre. Zur Begründung hat der Sachverständige Prof. Sch. ausgeführt, eine bakterielle Pneumonie habe eine Entwicklungszeit von durchschnittlich 6 bis 12 Ta-gen, die bei einer Pneumokokken- Pneumonie auch un-terschritten werden könne. Da der röntgenologische Befund nur eine geringe, kleinflächige Verschattung in den Lungen zeige, sei anzunehmen, daß die Ent-wicklung der Krankheit nur wenige Tage zuvor begon-nen habe. Damit im

Einklang steht die Einschätzung durch Dr. H., der den Beginn der Entwicklungszeit für die Lungenentzündung auf höchstens sechs Tage veranschlagt hat.

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2.) 115

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117Ein Behandlungsfehler ist dem Beklagten auch nicht unter dem Gesichtspunkt einer versäumten Überprü-fung der ersten Diagnose im weiteren Behandlungs-verlauf vorzuwerfen. In seinem schriftlichen Gut-achten hat der Sachverständige Dr. H. dazu ausge-führt, eine Kontrolle des erhobenen Befundes sei nicht in jedem Fall notwendig gewesen. Einer kurz-fristigen Überprüfung hätte es nur dann bedurft, wenn entweder bei der Untersuchung schwerwiegende Symptome im Sinne eines Verdachts auf eine begin-nende oder drohende Pneumonie registriert worden wären oder wenn sich eine Besserung nicht einge-stellt hätte. Ohnedies dürfe - so der Sachverstän-dige Dr. H. - davon ausgegangen werden, daß ein Pa-tient sich beim Ausbleiben einer Besserung aus ei-genem Antrieb wieder melden werde. Hinzukomme hier, daß Arzt und Patient sich auf die früheren Erfah-rungen verlassen und auf einen gleich guten Behand-lungserfolg auch in diesem Fall hätten vertrauen können. Bei der mündlichen Anhörung der Sachver-ständigen sind diese Erwägungen von Dr. H. wieder-holt und von Prof. Sch. bestätigt worden. Beide Sachverständige haben übereinstimmend betont, der Beklagte habe bei dem Befund einer Bronchitis mit der Verordnung von Bisolvonamid die richtige Thera-pie gewählt, und darauf hingewiesen, daß mit Rück-sicht auf das Giemen als Dauerbefund sowie die lan-ge Krankheitserfahrung des Erblassers eine Auffor-derung an diesen, sich gegebenenfalls in der Pra-xis des Beklagten wieder vorzustellen, entbehrlich gewesen sei, zumal eine Besserung durch die medika-mentöse Behandlung wie schon in früheren Fällen ha-be erwartet werden können. Diese Schlußfolgerungen hält auch der Senat für überzeugend. Erst recht war der Beklagte daher nicht gehalten, von sich aus die Wirksamkeit der eingeleiteten Therapie zu über-prüfen. Übereinstimmend haben die Sachverständigen hervorgehoben, daß etwa Anrufe des Arztes beim Pa-tienten zum Zweck der Krankheitsüberwachung in sol-chen Fällen unüblich seien.

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Nach alledem ist dem Beklagten ein ärztlicher Be-handlungsfehler nicht anzulasten. 119

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Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO, der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit auf § 708 Nr. 10 ZPO. 121

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Berufungsstreitwert: 123

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Antrag zu 1.) = 23.383,10 DM Antrag zu 2.) = 36.000,00 DM (gemäß § 17 Abs. 2 GKG 125

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abzüglich 20 %) 127

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59.383,10 DM 129

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Beschwer für die Kläger: über 60.000,00 DM 131

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