Urteil des OLG Hamm vom 10.11.2009, I-25 W 563/09

Entschieden
10.11.2009
Schlagworte
Erledigung des verfahrens, Anwaltliche vertretung, Zeitlicher zusammenhang, Zpo, Höhe, Beschwerde, Sache, Teil, Haftpflichtversicherung, Umsatzsteuer
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Oberlandesgericht Hamm, I-25 W 563/09

Datum: 10.11.2009

Gericht: Oberlandesgericht Hamm

Spruchkörper: 25. Zivilsenat

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: I-25 W 563/09

Vorinstanz: Landgericht Siegen, 2 O 210/06

Tenor: Die sofortige Beschwerde wird zurückgewiesen.

Der Beklagte trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Beschwerdewert beträgt 434,61 EUR.

Die Rechtsbeschwerde wird zugelassen.

G r ü n d e: 1

1.2

3Im Ausgangsverfahren hatte die Klägerin den Beklagten mit am 06.06.2006 eingegangener Klage auf Schadensersatz wegen angeblicher ärztlicher Fehlbehandlung in Anspruch genommen. Mit durch Beschluss des Landesgerichts Siegen vom 26.06.2009 gemäß § 278 Abs. 6 ZPO festgestelltem Vergleich haben die Parteien sich zur Erledigung des Verfahrens auf eine Zahlung des Beklagten in Höhe von 50.000,- EUR geeinigt. Die Kosten des Rechtstreits haben die Parteien zu 44 % der Klägerin und zu 56 % dem Beklagten auferlegt.

4Vorgerichtlich hatten die Prozessbevollmächtigten der Klägerin mit Schreiben vom 19.01.2004 dem Beklagten persönlich die anwaltliche Vertretung der Klägerin angezeigt und ihr Bemühen um eine außergerichtliche Regulierung des "Arzthaftungsfalles" zum Ausdruck gebracht. Zudem wurde der Beklagte in diesem Schreiben aufgefordert, sofort seine Haftpflichtversicherung einzuschalten und dieser die Fakten des Falles zu schildern. Darüber hinaus wurde schon in diesem Schreiben zum Vorwurf der ärztlichen Fehlbehandlung näher ausgeführt. Mit Schreiben vom 05.02.2004 meldeten sich für den Beklagten die späteren Prozessbevollmächtigten und teilten mit, dass sie den Vorgang der Berufshaftpflichtversicherung des Beklagten gemeldet hätten. Darüber hinaus wiesen die Prozessbevollmächtigten des Beklagten unter Bezugnahme auf das Schreiben der klägerischen Prozessbevollmächtigten u.a. daraufhin, dass die Darstellung der Klägerin zu der durchgeführten Operation völlig verfehlt sei und führten hierzu näher aus.

5Mit Schreiben vom 24.02.2004 meldete sich für den Beklagten dessen Haftpflichtversicherer und bat darum, die Korrespondenz nunmehr mit ihr zu führen.

6In der Folgezeit legte die Klägerin die Sache der Ärztekammer Westfalen-Lippe - Gutachtenkommission für ärztliche Haftpflichtfragen vor. Mit Schreiben vom 01.07.2004 übersandten die späteren Prozessbevollmächtigten des Klägers Beklagten der Behandlungsunterlagen an die Ärztekammer und wiesen darauf hin, dass der von der Klägerin geschilderte Eingriff in dieser Form nicht stattgefunden habe.

7Im weiteren Fortgang erfolgte eine vorgerichtliche Korrespondenz nur noch zwischen dem klägerischen Prozessbevollmächtigten und dem Versicherer.

8Im Kostenfestsetzungsverfahren meldete der Beklagte u.a. eine 1,3 Verfahrensgebühr nach Nr. 3100 VV RVG in Höhe von 1.660,10 EUR zzgl. Umsatzsteuer, insgesamt 1.975,52 EUR zur Festsetzung an. Die Prozessbevollmächtigten des Beklagten trugen dabei vor, sie seien außergerichtlich nicht zur Abwehr von Schadensersatzansprüchen tätig geworden, dies sei vielmehr ausschließlich von der Haftpflichtversicherung erfolgt. Unter ihrer Beteiligung sei es nur um Herausgabe von Unterlagen und die Bekanntgabe der zuständigen Haftpflichtversicherung gegangen.

9Die Rechtspflegerin hat die Verfahrensgebühr gleichwohl unter Hinweis auf die Anrechnungsvorschrift in Teil 3, Vorbemerkung 3 Abs. 4 RVG nur in Höhe von 830,05 EUR zzgl. Umsatzsteuer, insgesamt 987,76 EUR in Ansatz gebracht, wodurch sich bei der Kostenquote von 44 % zu 56 % der Erstattungsanspruch der Klägerin gegenüber dem Beklagten um einen Betrag in Höhe von 434,61 EUR erhöhte.

10Hiergegen richtet sich die Beschwerde des Beklagten, mit welcher er auch auf die Neuregelung des § 15a RVG verweist, die seiner Auffassung einer Anrechnung uch für diesen Fall entgegenstünde.

11Die Rechtspflegerin hat der Beschwerde nicht abgeholfen und die Sache zur Entscheidung dem hiesigen Oberlandesgericht vorgelegt.

12Durch Beschluss vom 22.10.2009 hat die originär zuständige Einzelrichterin die Sache wegen grundsätzlicher Bedeutung gemäß § 568 Satz 2 Nr. 2 ZPO auf den Senat übertragen.

2.13

14Die nach §§ 104 Abs. 3, 567 Abs. 2, 569 ZPO zulässige sofortige Beschwerde des Beklagten hat in der Sache keinen Erfolg.

15Die im Ausgangsverfahren angefallene 1,3 Verfahrensgebühr ist zu Recht nur gekürzt in Höhe einer 0,65-fachen Gebühr in Ansatz gebracht worden. Insoweit greift die Anrechnungsvorschrift in Teil 3 Vorbemerkung 3 Abs. 4 VV RVG, da die späteren Prozessbevollmächtigten bereits außergerichtlich für den Beklagten tätig geworden sind, dadurch eine Geschäftsgebühr erwachsen ist und der Gegenstand der außergerichtlichen Tätigkeit des späteren Prozessbevollmächtigten und der Prozessvertretung des Beklagten im anschließenden gerichtlichen Verfahren jeweils derselbe war.

Der hierfür erforderliche sachliche, personelle und zeitliche Zusammenhang liegt vor. 16

17Mit dem angefochtenen Beschluss ist der Senat der Auffassung, dass die Prozessbevollmächtigten des Beklagten außergerichtlich zur Abwehr der später im gerichtlichen Verfahren geltend gemachten Schadenssatzansprüche tätig geworden sind. Denn das als Anlage zur Klageschrift eingereichte vorprozessuale Schreiben der Prozessbevollmächtigten des Beklagten vom 05.02.2004 erfolgte im direkten Bezug auf das dem Grunde nach bereits erhobene Schadensersatzbegehren der Klägerin im Schreiben vom 19.01.2004. Bereits dabei wurde mit konkreten, von dem Vorwurf der Klägerin abweichenden Sachausführungen eine Verantwortlichkeit des Beklagten zurückgewiesen und nicht lediglich auf die weitere Befassung des Haftpflichtversicherers verwiesen. Damit genügt bereits dieses Schreiben für den erforderlichen inneren Zusammenhang mit der später erhobenen Schadensersatzklage.

18Gleiches gilt für das Schreiben der Prozessbevollmächtigten des Beklagten vom 01.07.2004 an die Ärztekammer. Der darin enthaltenen Vortrag, es sei entgegen der Darstellung der Klägerin eine "Haut- und Subcutan Gewebeentnahme in erforderlichem Umfange" erfolgt, stellt sich als bereits als qualifizierter Vortrag zur Abwehr des Schadensersatzbegehrens dar.

19Auch ein zeitlicher Zusammenhang ist gegeben. Zwischen Klageerhebung und außergerichtlicher Tätigkeit lag ein Zeitraum von nicht zwei Jahren.

20Die 1,3 Verfahrensgebühr ist daher unter Anrechnung der vorprozessualen Geschäftsgebühr nach Teil 3 Vorbemerkung 3 Abs. 4 VV RVG nur mit 0,65 angefallen und nur in diesem Umfang erstattungsfähig (vgl. BGH Beschl. v.22.01.2008 VIII ZB 57/07, Beschl. v. 30.04.2008- III ZB 8/08, zitiert nach juris).

3.21

Die seit dem 05.08.2009 geltende Vorschrift des § 15 a RVG steht dem nicht entgegen. Der Senat ist mit den Oberlandesgerichten Düsseldorf (Beschluss vom 26.08.2009, 2 W 240/09), Frankfurt (Beschluss vom 10.08.2009, 12 W 91/09), Celle (Beschluss vom 26.08.2009, 2 W 240/09), dem Kammergericht (Beschluss vom 13.08.2009, 2 W 128/09) zitiert jeweils nach juris sowie dem 6. Familiensenat des Oberlandesgerichts Hamm (Beschluss vom 22.06.2009, 6 WF 154/09) und anders als die Oberlandesgerichte Stuttgart (Beschluss vom 11.08.2009, 8 W 339/09), OLG Dresden (Beschluss vom 13.08.2009, 3 W 793/09),Koblenz (Beschluss vom 01.09.2009, 14 W 553/09) und Köln (Beschluss vom 14.09.2009, 17 W 195/09) der Auffassung, dass § 15 a RVG wegen der zumindest entsprechend anwendbaren Überleitungsvorschrift des § 60 Abs. 1 RVG auf das vorliegende Verfahren keine Anwendung findet, weil der Auftrag zur Rechts- /Prozessvertretung des Antragstellers vor Inkrafttreten des § 15 a RVG (05.08.2009) erteilt worden ist.

23Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen wird auf die Ausführungen des Senats im Beschluss vom 18. September 2009 (Bl. 41 -45 d.A.) Bezug genommen.

24

Auch die Entscheidung des II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs im Beschluss vom 02.09.2009 II ZB 35/07, zitiert nach juris, gibt dem Senat keine Veranlassung, von dieser Rechtsauffassung abzuweichen. Mit seiner Beurteilung der Rechtslage vor Inkrafttreten des § 15 a RVG steht der II. Zivilsenat im Gegensatz zur Rechtsprechung 22

des I.,III., IV und VIII. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs (vgl. Beschlüsse vom 20.10.2005, I ZB 21/05; vom 30.04.2009, III ZB 8/08; IV ZB 16/08; vom 18.08.2009, VIII ZB 17/09; vom 25.07.2008, zitiert nach juris), der sich der Senat angeschlossen hat. Danach handelt es bei der Regelung des § 15 a RVG um eine Gesetzesänderung und nicht um eine bloße Klarstellung des wahren Willens des Gesetzgebers (vgl. auch KG Berlin, Beschluss vom 13.10.2009, 27 W 98/09; Tz. 19; zitiert nach juris).

Die sofortige Beschwerde des Beklagten war daher zurückzuweisen. 25

Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. 26

Die Wertfestsetzung bemisst sich nach dem Abänderungsinteresse des Beklagten. . 27

4.28

29Die Zulassung der Rechtsbeschwerde war nach § 574 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 Nr. 1 und Nr. 2, 2. Alt., Abs. 3 Satz 1 ZPO zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung geboten, weil der Senat von der Rechtsauffassung der Oberlandesgerichte Dresden, Koblenz, Köln ,Stuttgart und des II. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs, § 15 a RVG sei keine Gesetzesänderung im Sinne des § 60 Abs. 1 RVG, abweicht.

30Durch die Entscheidung des II. Zivilsenats über die Anwendung des § 15 a RVG auf "Altfälle" ist diese Rechtsfrage noch nicht abschließend geklärt. Sie stützt sich auf eine Beurteilung der Rechtslage vor Einführung des § 15 a RVG, die von anderen Senaten des Bundesgerichtshofs nicht geteilt wird. Eine Entscheidung dieser Rechtsfrage durch den Großen Senat des Bundesgerichtshofs für Zivilsachen liegt, soweit ersichtlich, noch nicht vor.

31Die Rechtssache hat daher grundsätzliche Bedeutung. Zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung ist die Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts gefordert.

32

OLG Hamm: datum

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