Urteil des OLG Düsseldorf, Az. I-8 U 35/03

OLG Düsseldorf: geburt, druck, lege artis, hebamme, physikalische therapie, dokumentation, beweiserleichterung, vollstreckung, erfahrung, behandlungsfehler
Oberlandesgericht Düsseldorf, I-8 U 35/03
Datum:
15.07.2004
Gericht:
Oberlandesgericht Düsseldorf
Spruchkörper:
8. Zivilsenat
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
I-8 U 35/03
Tenor:
hat der 8. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf aufgrund der
mündlichen Verhandlung vom 10. Mai 2004 unter Mitwirkung des
Vorsitzenden Richters am Oberlandesgericht R., des Richters am
Oberlandesgericht S. und der Richterin am Oberlandesgericht S.-B.
für R e c h t erkannt:
Die Berufung des Klägers gegen das am 27. Februar 2003 verkün-dete
Urteil der 3. Zivilkammer des Landgerichts K. wird zurückgewie-sen.
Der Kläger hat die Kosten des Berufungsverfahrens zu tragen.
Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
Der Kläger darf die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von
110 % des zu vollstreckenden Betrages abwenden, sofern nicht die
Beklagten vor der Vollstreckung in jeweils gleicher Höhe Sicher-heit
leisten.
T a t b e s t a n d
1
Die 1965 geborene Mutter des Klägers wurde als Drittgebärende am 5. Mai 1998 gegen
0.40 Uhr mit anhaltender Wehentätigkeit in der Frauenklinik des unter Trägerschaft der
Beklagten zu 1) stehenden Klinikums K. aufgenommen. Die Aufnahmeuntersuchung
zeigte einen auf 3 cm eröffneten Muttermund bei noch stehender Fruchtblase. Unter
CTG-Kontrolle erfolgte die Geburtsvorbereitung durch die als Hebamme in der
Geburtsklinik angestellte Beklagte zu 3). Um 5.00 Uhr kam es bei nunmehr vollständig
eröffnetem Muttermund zum Blasensprung. Danach erfolgte - nach einem von dem
Beklagten zu 2) als dem die Geburt leitenden Arzt durchgeführten Dammschnitt - die
Geburt des Kopfes des Klägers. Allerdings gelang seine vollständige Entwicklung nicht
problemlos, weil es zu einer Verkantung der Schulter über der Symphyse gekommen
war. Der Beklagte zu 2) rief als weitere Hebamme die Zeugin M. W. zu Hilfe. Aufgrund
der nunmehr durchgeführten - zwischen den Parteien im einzelnen umstrittenen -
Maßnahmen konnte der Kläger um 6.51 Uhr geboren werden. In dem Geburtsprotokoll
heißt es hierzu:
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"6.51 Uhr Geburt eines großen reifen Knaben aus II. HHL nach medianer
Episiotomie. Bei großem Kind erschwerte Schulterentwicklung mit Druck
hinter Symphyse".
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Der Kläger wog 4.400 g und hatte eine Länge von 56 cm sowie einen Kopfumfang von
38,5 cm. Die Apgar-Werte wurden mit 7,8 und 10 dokumentiert.
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Wegen des Verdachtes einer rechtsseitigen Schlüsselbeinfraktur wurde der Kläger um
10.40 Uhr seines Geburtstages in der angeschlossenen Kinderklinik vorgestellt. Dort
wurde eine solche Fraktur zwar ausgeschlossen, allerdings diagnostizierte man eine
rechtsseitige Plexusparese (Erb'sche Lähmung) und leitete eine physikalische Therapie
ein. Die weitere Entwicklung des Klägers wird in einem Arztbrief der behandelnden
Kinderärztin P. H. vom 4. Juni 1999 (GA 49) wie folgt beschrieben:
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"... Die Plexusparese zeigte unter intensiver krankengymnastischer Betreuung
eine deutliche Besserung der Funktionseinschränkung mit Zunahme der
Muskelmasse im Schulterbereich rechts und des rechten Bizeps. Zur Zeit ist
bei D. ein leichter Verlust an Muskelmasse in Schulter-Gürtel und
Bizepsmuskulatur festzustellen. Die Pro- u.-Supination des rechten Armes ist
nur eingeschränkt möglich, die Abduktion bis ca. 900."
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Der Kläger macht den Beklagten gegenüber Ersatzansprüche geltend. Er hat den
Beklagten zu 2) und 3) vorgeworfen, angesichts der gegen 6.30 Uhr nach der Geburt
seines Kopfes eingetretenen Schulterdystokie fehlerhaft gehandelt und dadurch die
Plexusparese herbeigeführt zu haben. Er hat behauptet, der Beklagte zu 2) habe zur
Behebung der Schulterdystokie gemeinsam mit der hinzugerufenen Hebamme die
Beine der Mutter hochgehalten und dabei mit dem Ellebogen einen in dieser Situation
unzulässigen starken Druck auf den Oberbauch ausgeübt, während die Beklagte zu 3)
in unverantwortlicher Weise dergestalt heftig an seinem Kopf gerissen habe, das ein
deutliches Knackgeräusch vernehmbar gewesen sei.
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Der Kläger hat die Auffassung vertreten, die Geburtsleitung sei grob fehlerhaft gewesen,
wobei ihm angesichts einer unzulänglichen Dokumentation der zur Behebung der
Schulterdystokie eingeleiteten Maßnahmen Beweiserleichterungen zuzubilligen seien.
Er hat sich ferner darauf berufen, dass sich die Ursächlichkeit des anzunehmenden
Fehlverhaltens für die eingetretene Schädigung bereits nach den Grundsätzen des
Anscheinsbeweises ergebe.
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Zu den Folgen der Plexusparese hat der Kläger vorgetragen, es sei davon auszugehen,
dass ein lebenslanger Restdefekt verbleiben und er dauerhaft auf fremde Hilfe
angewiesen sein werde. Zudem seien ihm behinderungsbedingt zahlreiche sportliche
und berufliche Betätigungen verschlossen.
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Der Kläger hat neben der Zahlung eines Schmerzensgeldes von mindestens 100.000
DM und der Feststellung der Ersatzpflicht der Beklagten für materielle Schäden
folgende Schadenspositionen geltend gemacht:
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- Personeller und sachlicher Mehraufwand für die Zeit vom 5. Mai 1998 bis 31. Juli 1999
41.409,58 DM; - monatlicher Mehrbedarf ab 1. August 1999 2.599,84 DM.
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Der Kläger hat beantragt,
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1. Die Beklagten zu verurteilen, als Gesamtschuldner an ihn a) 41.409,58 DM nebst
4 % Zinsen seit dem 21. Februar 1999; b) ab dem 1. August 1999 eine monatliche
Mehrbedarfsrente von 2.599,84 DM nebst 4 % Zinsen seit dem 21. Februar 1999;
c) ein Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 100.000 DM nebst 4 % Zinsen
seit dem 21. Februar 1999 zu zahlen;
2. festzustellen, dass die Beklagten als Gesamtschuldner verpflichtet sind, ihm den
infolge des geburtshilflich fehlerhaften Verhaltens noch entstehenden materiellen
Schaden, und soweit er nicht durch die Klageanträge zu 1) und 2) erfasst ist, auch
vergangenen materiellen Schaden zu ersetzen, abzüglich etwaiger sachlich und
zeitlich kongruenter Leistungen Dritter.
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Die Beklagten haben beantragt,
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die Klage abzuweisen.
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Die Beklagten sind den Vorwürfen entgegengetreten und haben behauptet, das
geburtshilfliche Vorgehen sei in jeder Hinsicht einwandfrei gewesen. Nachdem der
Beklagte zu 2) das Vorliegen einer Schulterdystokie erkannt habe, habe man das bei
dieser Komplikation indizierte Manöver nach Mc Roberts eingeleitet. Im einzelnen sei
man wie folgt vorgegangen (GA 172): Weil sich der Kopf nach seiner Geburt nicht von
selbst drehte, habe die Hebamme ihn mit flachen Händen vorsichtig unter
suprapubischem Druck des Beklagten zu 2) zur Seite geführt. Hierbei sei kein Druck auf
den Oberbauch durch Kristellern ausgeübt worden. Danach sei das Mc Roberts
Manöver eingeleitet worden, das zum Lösen der Schulter geführt habe. Durch eine
anschließende Kristellerhilfe habe der Kläger vollständig entwickelt werden können.
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Die Beklagten haben im übrigen das Vorliegen von Restschäden angesichts der
kinderärztlich beschriebenen Befundbesserung bestritten und sind der
Schadenberechnung des Klägers entgegengetreten.
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Die 3. Zivilkammer des Landgerichts K. hat Beweis erhoben durch Vernehmung der
Zeugin M. W. (weitere Hebamme) und H. F. (Vater des Klägers) sowie durch Einholung
eines schriftlichen gynäkologischen Gutachtens des Sachverständigen Prof. Dr. T. (GA
105) nebst eines Ergänzungsgutachtens (GA 250); ferner hat die Kammer den
Sachverständigen mündlich angehört (GA 179).
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Durch das am 27. Februar 2003 verkündete Urteil hat das Landgericht die Klage
abgewiesen. Zur Begründung hat es ausgeführt, Fehler bei der Geburtsleitung seien
nicht feststellbar. Es seien angesichts der damaligen Befunde nicht erforderlich
gewesen, der Mutter zur Durchführung einer Schnittentbindung zu raten. Ein
unsachgemäßes Vorgehen bei der Entwicklung des Klägers sei nicht bewiesen. Es
könne unter Berücksichtigung der Geburtsdokumentation und der Zeugenaussagen
nicht davon ausgegangen werden, dass vor der erreichten Drehung der zunächst
verkeilten Schulter eine unzulässige Kristellerhilfe ausgeübt worden sei.
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Gegen die Entscheidung wendet sich der Kläger mit der Berufung. Er behauptet
weiterhin, das McRoberts-Manöver sei nicht lege artis erfolgt. Das Landgericht habe
insoweit nicht berücksichtigt, dass der Zeuge F. glaubhaft ein unzulässiges Zerren am
Kopf des Kindes vor der Lösung der Schulter beschrieben habe. Mangels ausreichender
Dokumentation könne im übrigen nicht festgestellt werden, ob die Kristellerhilfe
tatsächlich erst nach der Lösung der Schulter erfolgt sei. Dies rechtfertige insoweit eine
Beweislastumkehr zu seinen Gunsten.
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Der Kläger, der die von ihm erstinstanzlich verfolgten Ansprüche weiterhin geltend
macht, beantragt,
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unter Abänderung des angefochtenen Urteils
22
1. die Beklagten gesamtschuldnerisch zu verurteilen, an ihn 21.223,51 EUR (=
41.409,58 DM) nebst 4 % Zinsen seit dem 21. Februar 1999 zu zahlen;
2. die Beklagten gesamtschuldnerisch zu verurteilen, an ihn ab dem 1. August 1999
eine monatliche Mehrbedarfsrente von 1.329,27 EUR (= 2.599,84 DM) nebst 4 %
Zinsen seit dem 21. Februar 1999 zu zahlen;
3. die Beklagten gesamtschuldnerisch zu verurteilen, an ihn ein Schmerzensgeld in
Höhe von mindestens 51.129,18 EUR (= 100.000 DM) nebst 4 % Zinsen seit dem
21. Februar 1999 zu zahlen;
4. festzustellen, dass die Beklagten gesamtschuldnerisch verpflichtet sind, ihm den
infolge des geburtshilflich fehlerhaften Verhaltens noch entstehenden materiellen
Schaden und, soweit er nicht durch die Klageanträge zu 1) und 2) erfasst ist, auch
vergangenen materiellen Schaden zu ersetzen, abzüglich etwaiger sachlich und
zeitlich kongruenter Leistungen Dritter.
23
Die Beklagten beantragen,
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die Berufung zurückzuweisen.
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Die Beklagten verteidigen das Urteil des Landgerichts unter Bezugnahme auf das
Beweisergebnis.
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Der Senat hat ergänzend Beweis erhoben durch erneute Vernehmung des Zeugen H. F.
sowie durch Anhörung des Sachverständigen Prof. Dr. T.. Wegen des
Beweisergebnisses wird auf den Berichterstattervermerk vom 11. Mai 2004 (GA 356-
366) verwiesen.
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Wegen des Sachverhaltes im übrigen wird auf den Inhalt der eingereichten Schriftsätze
und Behandlungsunterlagen Bezug genommen.
28
E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e
29
A.
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Die zulässige Berufung ist nicht begründet. Der Kläger kann weder gemäß § 847 BGB
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die Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes verlangen, noch steht ihm nach
den Grundsätzen der positiven Vertragsverletzung (§§ 611, 242, 246, 249 ff. BGB a.F.)
oder aus dem Gesichtspunkt der unerlaubten Handlung im Sinne des § 823 BGB ein
Anspruch auf Ausgleich schon entstandener oder zukünftig entstehender Schäden zu.
Den Beklagten ist ein für die Schädigung des Klägers ursächlicher Behandlungsfehler
bei der geburtshilflichen Betreuung nicht vorzuwerfen; auch haften sie nicht für ein
Versäumnis im Rahmen der gebotenen Patientenaufklärung.
I.
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Eine Inanspruchnahme der die Geburt des Klägers seinerzeit als Hebamme
begleitenden Beklagten zu 3) scheidet von vornherein aus. Dass ihr persönlich Fehler
unterlaufen sind, bevor der Beklagte zu 2) als ärztlicher Geburtshelfer hinzu kam, wird
von dem Kläger nicht geltend gemacht. Danach hatte die Beklagte zu 3) den
Anweisungen des die Geburt leitenden Beklagten zu 2) zu folgen. Dass sie dies nicht
getan oder dass ihr selbst ein völlig unverständliches geburtshilfliches Verhalten
vorzuwerfen ist, ist nicht ersichtlich und wird auch von dem Kläger nicht vorgetragen.
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II.
34
Auch die Beklagte zu 1) als Krankenhausträger und der Beklagte zu 2) als ärztlicher
Geburtshelfer haben für die geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen
des Klägers nicht einzustehen:
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Die von dem Landgericht begonnene und von dem Senat fortgesetzte Beweisaufnahme
hat ergeben, dass das Vorgehen in der geburtshilflichen Abteilung der Frauenklinik der
Beklagten zu 1) insgesamt sachgerecht war. Jedenfalls hat der nach allgemeinen
prozessualen Grundsätzen beweispflichtige Kläger nicht den Nachweis erbracht, dass
es bei der Planung oder der Durchführung der Entbindung am 5. Mai 1998 zu für seine
Behinderung ursächlichen Versäumnissen gekommen ist:
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1. Zu Recht geht das Landgericht auf der Grundlage der Ausführungen des
Sachverständigen Prof. Dr. T., der als Leiter einer Frauenklinik und Hebammenschule
über umfassende wissenschaftliche und praktische Erfahrung auf dem Gebiet der
Geburtshilfe verfügt, davon aus, dass das gewählte Konzept einer vaginalen Entbindung
richtig war und es auch keiner Aufklärung der Kindesmutter über die Möglichkeit einer
Sectio bedurfte. Diese Feststellungen werden mit der Berufung nicht in Frage gestellt,
so dass es hierzu keiner weiteren Ausführungen bedarf.
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2. Im Ergebnis zutreffend geht das Landgericht im übrigen davon aus, dass das
geburtshilfliche Vorgehen bei der Entwicklung des Klägers nicht zu beanstanden ist. Die
erneute Vernehmung des Zeugen H. F. sowie die ergänzende Anhörung des
Sachverständigen Prof. Dr. T. vor dem Senat rechtfertigen keine andere Beurteilung:
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a) Prof. Dr. T. hat unter Berücksichtigung des dokumentierten Geburtsverlaufes und der
Darstellung des bei der Geburt anwesenden Zeugen F. keinen Zweifel daran gelassen,
dass der bei der Entwicklung des Klägers vorübergehend eingetretene Geburtsstillstand
auf einen sog. hohen Schultergradstand - eine Form der Schulterdystokie -
zurückzuführen war. Die Situation war dadurch gekennzeichnet, dass der Kopf zwar
geboren wurde, sich dann allerdings zurückzog und festsaß, weil die Schulterbreite
nicht quer in den Beckeneingang eintrat, sondern in gerader Stellung durch die vordere
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Schulter arretiert wurde (Gutachten vom 23. Februar 2001, Seite 10 = GA 114). Welche
der dem Senat bereits aus anderen ähnlich gelagerten Geburtsfällen bekannten
Maßnahmen zur Behebung dieser Situation erforderlich waren und was unterbleiben
musste, hat Prof. Dr. T. wie folgt dargestellt:
Zunächst kam das Manöver nach Mc Roberts in Betracht, bei dem die Beine der Mutter
maximal im Hüftgelenkt gebeugt werden, um auf diese Weise durch ein Kippen der
Symphyse eine Lösung der kindlichen Schulter herbeizuführen; dabei wird als weitere
Maßnahme die gleichzeitige äußere Überdrehung des Kopfes empfohlen.
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Als alternative Maßnahme hat Prof. Dr. T. einen von außen - besser: mit der Hand in der
Vagina - ausgeübten Druck auf die suprasymphyser verkeilte Schulter beschrieben, um
damit die Drehung nachzuholen.
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In jedem Fall war es - so der Sachverständige - erforderlich, zunächst die Drehung der
Schulter nachzuholen und erst dann die vollständige Entwicklung durch einen
moderaten Zug oder eine Kristellerhilfe zu bewirken. Grob fehlerhaft wäre es
demgegenüber gewesen, vor der erforderlichen Drehung der Schulter eine Kristellerhilfe
auszuüben oder forciert am Kopf zu ziehen.
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b) Dass die Beklagten zu 2) und/oder zu 3) in der dargestellten Weise fehlerhaft
gehandelt haben, läßt sich nicht feststellen:
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Der Kläger räumt ein, dass das von den Beklagten vorgetragene und von dem Zeugen
F. bestätigte ("Beine der Kindesmutter nach oben geklappt; Knie zum Kopf gedrückt")
Mc Roberts-Verfahren nach Eintritt des Geburtsstillstandes durchgeführt, die richtige
Maßnahme zunächst also eingeleitet worden war. Seine Behauptung, eine
Kristellerhilfe sowie ein unzulässiger Zug am Kopf sei entgegen der Darstellung der
Beklagten bereits vor der durch Drehung erfolgten Lösung der Schulter ausgeführt
worden, hat der Kläger nicht nachzuweisen vermocht.
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Zwar hat der seinerzeit bei der Geburt anwesende Zeuge F. mehrfach darauf
hingewiesen, dass wegen der Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Klägers an dem
bereits geborenen Kopf dermaßen gezogen worden sei, dass er ein Knacken gehört
habe; ferner sei, als die Beine der Kindesmutter angewinkelt waren, mit dem Ellbogen
auf ihren Bauch gedrückt worden, um das Kind insgesamt entwickeln zu können.
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Diese Darstellung des Zeugen erlaubt indes nicht die Feststellung eines sachwidrigen,
unzulässigen geburtshilflichen Vorgehens. Insbesondere kann nicht davon
ausgegangen werden, dass eine Kristellerhilfe vor der Lösung der Schulter angewendet
worden ist.
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Die Beschreibungen der am Kopf des Kindes vorgenommene Manipulationen durch den
Zeugen belegen kein unzulässiges Vorgehen: Prof. Dr. T. hat unter Berücksichtigung
der Zeugenaussage erläutert, dass selbst im Falle einer unkomplizierten Entwicklung
Manipulationen im Kopfbereich des Kindes selbstverständlich sind und es, sofern nicht
ein eindeutig gewaltsames Vorgehen vorliegt, für das der Sachverständige in der
Darstellung des Zeugen F. keine Anhaltspunkte findet, ausgeschlossen ist, durch eine
Beobachtung von außen festzustellen, ob möglicherweise zu viel oder zu intensiv am
Kopf manipuliert worden ist.
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Dass der Zeuge F. das geburtshilfliche Vorgehen subjektiv als unangemessen
empfunden haben mag, rechtfertigt keine andere Beurteilung. Die Geburt des Klägers
war der einzige Geburtsvorgang, den der Zeuge je aus eigener Anschauung miterlebt
hat. Es liegt auf der Hand, dass er ohne die erforderliche Erfahrung keine medizinisch
präzisen Angaben zu einem Vorgehen machen kann, dass sich nach Darstellung des
Sachverständigen in seiner Beurteilung dem außenstehenden medizinischen Laien
ohnehin regelmäßig verschließt.
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Aufgrund der Angaben des Zeugen ergeben sich keine sicheren Anhaltspunkte für eine
unzulässige Kristellerhilfe. Denn es lässt sich nicht feststellen, dass der von ihm
beschriebene Versuch, mit Hilfe des Ellbogens Druck auf den Bauch der Kindesmutter
auszuüben - ein Vorgang, den Prof. Dr. T. als Kristellerhilfe bewertet - vor der Lösung
der Schulter des Klägers erfolgt war. Der Darstellung des Zeugen zufolge soll der Druck
zu einem Zeitpunkt ausgeübt worden sein, als die Beine der Kindesmutter (noch)
angewinkelt waren. Prof. Dr. T. hat darauf hingewiesen, dass sich aufgrund dieser
Beschreibung nicht feststellen lässt, zu welchem Zeitpunkt die Schulter richtig
eingestellt, die Ausübung einer Kristellerhilfe dann also zulässig war. Auch unter
Berücksichtigung der Ausführungen des Zeugen kann damit nicht ausgeschlossen
werden, dass eine - dann sachgerechte - Kristellerhilfe zur Entwicklung des Klägers erst
angewendet worden ist, als die Schulter bereits gelöst war.
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Ungeachtet dieser Umstände ist der objektive Gehalt der Aussage des Zeugen F. auch
im übrigen nicht ausreichend zuverlässig, um eine Entscheidung auf seine Angaben zu
stützen: So hat der Zeuge mehrfach zu erkennen gegeben, dass er an den damaligen
Ablauf im einzelnen keine konkrete Erinnerung mehr hat, was auch daran deutlich
geworden ist, dass er die im Gerichtssaal anwesenden Beklagten zu 2) und zu 3) nicht
als die damaligen Geburtshelfer erkannt hat. Im übrigen hat er unterschiedliche
Angaben zu den mit den Manipulationen am Kopf des Klägers befassten Personen
gemacht: Erstinstanzlich hat er davon gesprochen, eine Hebamme habe am Kopf
gezogen; bei seiner Vernehmung vor dem Senat hat er ausgesagt, der Arzt habe am
Kopf des Klägers gedreht, wobei er zunächst nur von der Anwesenheit einer Hebamme
und von zwei Schwestern im Kreißsaal gesprochen hat und sich nicht sicher war, ob
auch ein Arzt zugegen war. Der Zeuge hat im übrigen darauf hingewiesen, dass er die
Entwicklung des Kopfes erst hat mitverfolgen können, als die Beine der Kindesmutter
nach oben geklappt waren und dass ihm die entsprechende Sicht - er stand neben der
Gebärenden - zuvor verschlossen war.
50
3.
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Entgegen der Auffassung des Klägers besteht keine Veranlassung, ihm wegen des
Fehlens genauer Aufzeichnungen über die Art und Weise der Schulterentwicklung
Beweiserleichterungen bezüglich des Nachweises eines Behandlungsfehlers
zuzubilligen und zu unterstellen, dass bereits vor der Lösung der Schulter eine
unzulässige Kristellerhilfe ausgeübt worden ist.
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Es trifft zwar zu, dass das Geburtsprotokoll keine Angaben zur Anwendung der
Kristellerhilfe und damit auch nicht zu dem genauen Zeitpunkt dieser Maßnahme macht.
Dort wird lediglich auf eine erschwerte Schulterentwicklung mit Druck hinter der
Symphyse hingewiesen. Es ist auch anerkannt, dass sich
Dokumentationsversäumnisse beweisrechtlich zugunsten der klagenden Partei
auswirken und dazu führen können, dass dem Patienten zum Ausgleich der hierdurch
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eingetretenen Erschwernis, einen ärztlichen Behandlungsfehler nachzuweisen, eine
entsprechende Beweiserleichterung zugute kommt, um auch für die Prozessführung
eine gerechte Rollenverteilung im Arzt-Patienten-Verhältnis zu schaffen. Diese
Beweiserleichterung hilft dem Patienten jedoch zunächst nur insoweit, als sie die
Vermutung begründet, dass eine nicht dokumentierte Maßnahme vom Arzt auch nicht
getroffen worden ist (BGH NJW 1988, 2949).
Darum geht es hier allerdings nicht: Der Kläger selbst geht davon aus, dass angesichts
der erkannten Probleme der Schulterentwicklung das in diesem Fall indizierte sog.
McRoberts-Manöver durchgeführt wurde. Der Kläger stellt auch nicht in Abrede, dass
eine Kristellerhilfe nach einer durch dieses Vorgehen erreichten Lösung der Schulter
nicht zu beanstanden ist. Er bemängelt allerdings, dass nicht dokumentiert ist, ob der
Kristellergriff vor oder nach der Drehung der Schulter angewendet worden ist. Die zu
diesem Punkt unterbliebene Dokumentation führt allerdings nicht zu der von dem Kläger
erstrebten Beweiserleichterung. Denn es steht fest, dass das Problem der
Schulterentwicklung von den Geburtshelfern seinerzeit erkannt und versucht worden ist,
es durch ein sachgerechtes Manöver zu bewältigen. Dabei wurde das anerkannte
Verfahren nach McRoberts durchgeführt, bei dem die Beine der Mutter angewinkelt
werden. Der in der Geburtsdokumentation enthaltene Hinweis darauf, dass die
Schulterentwicklung mit Druck hinter der Symphyse erfolgte, spricht ferner dafür, dass
auch diejenigen Maßnahmen ergriffen wurden, die der von dem Sachverständigen als
notwendig dargestellten äußeren Schulterdrehung dienten und sich nicht als Ausübung
eines unzulässigen Druckes darstellten. Die Geburtsdokumentation zeigt unter diesen
Umständen trotz ihres knappen Inhaltes, dass die Geburtshelfer die Probleme bei der
Geburt des Klägers erkannt hatten und bestrebt waren, seine Entwicklung durch eine
Lösung der verkeilten Schulter herbeizuführen. Deshalb rechtfertigt das Fehlen eines
Hinweises auf den Zeitpunkt der Kristellerhilfe in der Geburtsdokumentation hier nicht
die - dann von den Beklagten zu widerlegende - Annahme, sie sei vor der
Schulterdrehung und damit in unzulässiger Weise erfolgt. Vielmehr hat es bei dem
allgemeinen Grundsatz zu verbleiben, dass der Kläger als Anspruchsteller ein
haftungsrelevantes ärztliches Fehlverhalten nachzuweisen hat.
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Beweiserleichterungen kann der Kläger auch nicht aus dem Gesichtspunkt des sog.
Anscheinsbeweises für sich in Anspruch nehmen. Die Ausführungen des
Sachverständigen zeigen nämlich, dass eine geburtsbedingt eingetretene Plexusparese
nicht typischerweise durch ein ärztliches Fehlverhalten bei der Geburtsleitung zu
erklären ist, sondern auch durch den mit der Geburt selbst verbundenen mechanischen
Druck entstehen kann (Seite 10 des Berichterstattervermerks = GA 365).
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B.
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Die Nebenentscheidungen beruhen auf den §§ 97 Abs. 1, 708 Nr. 10, 711 ZPO.
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Die Beschwer des Klägers liegt über 20.000 EUR.
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