Urteil des OLG Düsseldorf vom 28.06.2002, 22 U 13/02

Entschieden
28.06.2002
Schlagworte
Zugesicherte eigenschaft, Fahrzeughalter, Rückzahlung, Fingerabdruck, Kaufpreis, Ausgabe, Rückgabe, Käufer, Rücknahme, Stillegung
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Oberlandesgericht Düsseldorf, 22 U 13/02

Datum: 28.06.2002

Gericht: Oberlandesgericht Düsseldorf

Spruchkörper: 22. Zivilsenat

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 22 U 13/02

Tenor: Der Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin 4.584,79 EUR nebst 5% Zin-sen über dem jeweiligen Basiszinssatz seit dem 27. April 2001 zu zah-len Zug um Zug gegen Übergabe des PKW Daimler-Benz E 200 D, Fahrzeugidentitätsnummer ....

Es wird festgestellt, daß der Beklagte sich mit der Rücknahme des vorstehend beschriebenen Fahrzeugs in Annahmeverzug befindet.

Im übrigen wird die Klage abgewiesen.

Von den Kosten des Rechtsstreits tragen die Klägerin 18% und der Beklagte 82%.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Kaufpreis 11.000,00 DM

./. Gebrauchsvorteile 2.400,00 DM

zzgl. Reparaturkosten 356,07 DM

zzgl. Abmeldegebühren 11,00 DM

8.967,07 DM.

Diese entsprechen 4.584,79 EUR.

Sachverhalt und Entscheidungsgründe: 1

I. 2

Der Beklagte verkaufte der Klägerin einen gebrauchten PKW Daimler Benz, 200 D, Erstzulassung ..., unter Ausschluß jeder Gewährleistung für 11.000 DM. In dem unter 3

Verwendung eines vom ADAC herausgegebenen Formulars schriftlich fixierten Vertrag heißt es im vorgedruckten Text unter

Angaben des Verkäufers: 4

1. Der Verkäufer sichert zu: 5

... 6

1.4. daß das Kfz in der Zeit, in der es sein Eigentum war, 7

x keinen Unfallschaden 8

x keine sonstigen Beschädigungen erlitt 9

... 10

2. Der Verkäufer erklärt: 11

2.1 daß das Fahrzeug auch in der übrigen Zeit 12

- soweit ihm bekannt - 13

x keinen Unfallschaden 14

x keine sonstigen Beschädigungen 15

lediglich folgende Schäden hatte: 16

... 17

2.4 daß das Kfz, soweit ihm bekannt, 2 Vorbesitzer (Fahrzeughalter) hatte. 18

19Die Kästchen sind jeweils durch Ankreuzen bzw. durch Einfügen der Zahl "2" handschriftlich ausgefüllt worden.

20In dem zu dem Fahrzeug gehörenden Fahrzeugbrief ist vermerkt, daß der bisherige Fahrzeugbrief eingezogen worden sei. Der darüber angebrachte Vermerk "Anzahl Vorhalter" ist im Bereich der darauf folgenden Zahl durch einen dunklen Fingerabdruck unleserlich.

21Die Klägerin behauptet, der Beklagte habe zugesichert, daß das Fahrzeug lediglich zwei Vorbesitzer habe. Sie begehrt im Wege der Wandlung des Kaufvertrages die Rückzahlung des Kaufpreises abzüglich der Gebrauchsvorteile Zug um Zug gegen Übergabe des Fahrzeugs.

22Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Mit der Berufung verfolgt die Klägerin den erstinstanzlichen Zahlungsantrag unter Erweiterung der Klage um den Antrag auf Feststellung des Annahmeverzuges des Beklagten mit der Rücknahme des Fahrzeugs weiter.

II. 23

Die zulässige Berufung der Klägerin hat auch in der Sache im wesentlichen Erfolg. 24

25Das Wandlungsbegehren der Klägerin ist begründet (§§ 459, 465, 467, 346 ff BGB a. F.). Der Beklagte hat die Klägerin durch die Erklärung, das verkaufte Fahrzeug habe, soweit ihm bekannt, zwei Vorbesitzer (Fahrzeughalter) gehabt, arglistig getäuscht und durch diese Täuschung zum Abschluß des Kaufvertrages veranlaßt.

26Unstreitig und inzwischen durch die von der Klägerin vorgelegte Ablichtung des "alten", vom Straßenverkehrsamt des Rheinisch-Bergischen-Kreises Fahrzeugbriefs Bl. 61 GA belegt hatte das verkaufte Fahrzeug allerdings nicht zwei, sondern fünf Vorbesitzer. Damit fehlte dem verkauften Fahrzeug zwar - wovon das Landgericht zutreffend ausgegangen ist - nicht schon eine zugesicherte Eigenschaft im Sinne des § 459 Abs. 2 BGB in der seinerzeit geltenden alten Fassung). In dem schriftlichen Kaufvertrag wird bei den "Angaben des Verkäufers" ausdrücklich zwischen Zusicherungen ("1. Der Verkäufer sichert zu:") und Wissenserklärungen ("Der Verkäufer erklärt:") unterschieden. Schon dadurch ist auch für den Käufer als Erklärungsempfänger erkennbar zum Ausdruck gebracht, daß der Verkäufer für das Vorhandensein der unter Nr. 2 beschriebenen Merkmale und Eigenschaften - anders als für die unter Nr. 1 aufgeführten - keine vertragliche Gewähr übernehmen will.

27Der Beklagte hat der Klägerin jedoch durch die Erklärung, das verkaufte Fahrzeug habe, soweit ihm bekannt, zwei Vorbesitzer gehabt, arglistig Umstände vorgespiegelt, denen für die Wertbildung erhebliche Bedeutung zukam.

28Die Erklärung stellt sich nicht lediglich als unverbindliche Wissenserklärung dar. Sie war vielmehr aus der Sicht der Klägerin als Erklärungsempfängerin so zu verstehen, daß nach dem Kenntnisstand des Beklagten bei Abschluß des Kaufvertrages nur zwei Halter vor dem Beklagten eingetragene Halter des Fahrzeugs gewesen waren. So verstanden kam ihr für die Kaufentscheidung der Klägerin eine wesentliche Bedeutung zu. Der Anzahl der im Kfz-Brief eingetragenen Vorbesitzer eines Kraftfahrzeuges wird im Gebrauchtwagenhandel eine erhebliche Bedeutung beigemessen. Ob ein etwa sieben Jahre alter PKW mit Dieselmotor drei oder aber vier und mehr Vorbesitzer hat, wirkt sich beim Verkauf regelmäßig in einem Preisunterschied aus. Je höher die Anzahl der in den Kraftfahrzeugbrief eingetragenen Halter ist, desto geringer ist der Marktpreis bei im übrigen vergleichbaren Merkmalen und Eigenschaften des Fahrzeugs anzusetzen.

29Die Erklärung des Beklagten war objektiv falsch und entsprach auch nicht dem Kenntnisstand des Beklagten.

30Aufgrund der Eintragungen in den eingezogenen ersten Fahrzeugbrief, von dem die Klägerin nunmehr mit der Berufungsbegründung die Ablichtung Bl. 61 GA vorgelegt hat, steht fest, daß das Fahrzeug schon vor der Ausgabe des Ersatz-Fahrzeugbriefs drei verschiedene Halter hatte. Selbst wenn die in dem Ersatz-Fahrzeugbrief unter "Anzahl Vorhalter" angegebene Zahl bereits unleserlich gemacht worden war, bevor er das Fahrzeug erwarb, und ihm deshalb die genaue Anzahl der eingetragenen Vorbesitzer nicht bekannt war, wußte der Beklagte doch, daß es vor ihm nicht nur zwei Vorbesitzer gegeben hatte. Das Vorhandensein zumindest eines weiteren Halters ging aus dem Ersatz-Fahrzeugbrief unübersehbar hervor. Der Ersatz-Fahrzeugbrief enthält unter der Rubrik "Raum für weitere amtlich zugelassene Eintragungen" die amtliche Eintragung,

daß dieser im April 1998 als Ersatz für den bisherigen ausgegeben und der "alte" Fahrzeugbrief eingezogen worden ist. Schon allein die Tatsache, daß für das Fahrzeug, nachdem es früher bereits zum Straßenverkehr zugelassen war, vier Jahre nach der Erstzulassung ein zweiter Fahrzeugbrief ausgestellt worden ist, sprach in hohem Maße dafür, daß es zumindest einen weiteren Halter gegeben hatte. Zwar bestand - jedenfalls theoretisch - die Möglichkeit, daß der als erster in den neuen Kraftfahrzeugbrief eingetragene S T auch einziger in den eingezogenen Kraftfahrzeugbrief eingetragener Halter war. Zweifel, daß dies tatsächlich zutraf, drängten sich jedoch nicht nur im Hinblick auf die Einziehung des "alten" Fahrzeugbriefs und den seit der Erstzulassung bis dahin verstrichenen Zeitraum von vier Jahren auf. Vor allem der Umstand, daß die im Zusammenhang mit der Ausgabe des neuen Fahrzeugbriefs unter der vorgenannten Rubrik erfolgte Eintragung der Anzahl der Vorhalter "zufällig" in dem Bereich der eingetragenen Zahl durch einen (in der Fotokopie schwarzen) Fingerabdruck unleserlich gemacht worden war, schloß ein Festhalten an der Vorstellung, der an erster Stelle in den Ersatz-Fahrzeugbrief eingetragene Halter T sei auch der erste und einzige Halter des Fahrzeugs gewesen, praktisch aus.

Der Beklagte handelte auch arglistig. 31

32Nach Lage der Dinge ist davon auszugehen, daß der Beklagte - sofern er nicht selbst die Zahlenangabe bezüglich der Vorhalter unleserlich gemacht hat - sich der Erkenntnis, daß das Fahrzeug nicht nur die vor ihm in den Ersatz-Fahrzeugbrief eingetragenen zwei Halter gehabt hatte, bewußt verschlossen und die Erklärung, das Fahrzeug habe, soweit ihm bekannt, nur zwei Fahrzeughalter vor ihm gehabt, in dem Bewußtsein abgegeben hat, die Klägerin werde den Vertrag nicht oder jedenfalls nicht zu denselben Bedingungen abschließen, wenn er ihr offenbarte, daß das Fahrzeug außer ihm mehr als nur zwei Vorbesitzer gehabt hatte.

33Ohne Erfolg beruft sich der Beklagte darauf, aus dem Kraftfahrzeugbrief, der ihm vorgelegen habe, sei nicht zu erkennen gewesen, daß das Fahrzeug mehr als zwei Vorbesitzer gehabt habe. Wenn er beim Verkauf des Fahrzeuges Angaben über die Zahl der Vorbesitzer machte, so konnte er dies nicht tun, ohne sich darüber zuvor durch Einsichtnahme in den Kraftfahrzeugbrief zu unterrichten. Dann konnte ihm aber nicht verborgen bleiben, daß die in dem Vermerk über die Ausstellung des Ersatzfahrzeugbrief angegebene Zahl der in den eingezogenen "alten" Fahrzeugbrief eingetragenen Halter unleserlich gemacht worden war. Er mußte deshalb damit rechnen, daß das Fahrzeug bereits mehrere Halter gehabt hatte, bevor der Ersatzfahrzeugschein ausgestellt wurde, und handelte deshalb arglistig, indem er diesen Umstand der Klägerin verschwieg. Daß diese sich auf die unrichtige oder unvollständige Erklärung des Beklagten verließ, ist der Klägerin nicht vorwerfen. Sie mag zwar vor Abschluß des Kaufvertrages Gelegenheit gehabt haben, in den (Ersatz- )Fahrzeugbrief Einblick zu nehmen. Einem wenig erfahrenen, durch unrichtige oder unvollständige Erklärungen des Verkäufers getäuschten Käufer fällt aber nicht sogleich ins Auge, daß es sich um einen Ersatz-Fahrzeugbrief handelt. Das gilt insbesondere dann, wenn der Ersatz-Fahrzeugbrief - wie hier - nicht durch einen Stempelaufdruck oder in anderer Weise auf den ersten Blick sichtbar als solcher gekennzeichnet ist.

34Da der Beklagte der Klägerin arglistig vorgespiegelt hat, das Fahrzeug habe seines Wissens vor ihm nur zwei Halter gehabt, ist der vertraglich vereinbarte Gewährleistungsausschluß unwirksam 476 BGB a. F.).

Die Klägerin kann daher im Wege der Wandlung gemäß den §§ 459, 462, 467, 346, 348 BGB a. F. Zug um Zug gegen Rückgabe des Fahrzeuges die Rückzahlung des Kaufpreises von 11.000 DM verlangen. Sie muß sich jedoch für die Dauer der Nutzung des Fahrzeuges die gezogenen Gebrauchsvorteile anrechnen lassen 346 S. 2 BGB a. F.).

36Nach ihrer unwidersprochen Darstellung in dem Schriftsatz vom 26.10.2001 hat die Klägerin bis zur Stillegung am 15.10.2001 (vgl. die Abmeldebescheinigung Bl. 21 GA) 17.211 km mit dem Fahrzeug zurückgelegt. Den Betrag der Nutzungsvorteile je Kilometer Fahrleistung schätzt der Senat auf 0,14 DM. Grundlage dieser Schätzung sind eine Restlaufleistung von ca. 80.000 km, die bei einer Laufleistung des mit einem Diesel-Motor ausgestatteten Fahrzeugs von 170.000 km bei Abschluß des Kaufvertrages noch zu erwarten war, und der vereinbarte Kaufpreis von 11.000,00 DM. Pro Kilometer ergibt sich daraus ein vom Kläger zu vergütender Nutzungsvorteil von etwa 0,14 DM (11.000 DM : 80.000). Das macht für 17.211 km abgerundet 2.400 DM, so daß die Klägerin einen Betrag von 8.600,00 DM, der 4.397,11 EUR entspricht, von dem Beklagten Zug um Zug gegen Rückgabe des Fahrzeug verlangen kann.

37Über die Rückgewähr des nach Abzug der Gebrauchsvorteile verbleibenden Kaufpreises hinaus kann die Klägerin ferner gemäß den §§ 347 S. 2 BGB a. F., § 994 Abs. 1 BGB die Erstattung der Aufwendungen verlangen, die ihr ausweislich der Rechnung der Daimler-Chrysler AG, Niederlassung R, vom 10.09.2001 (Bl. 22 f GA) in Höhe von 356,07 DM entstanden sind. Die Infrarot-Ferbedienung der Zentralverriegelung gehört zur Standardausrüstung des Fahrzeugs vom Typ E 200 D. Die Aufwendungen für den - letztlich erfolglosen - Versuch der Fehlerbeseitigung gehörte demgemäß zu den notwendigen Aufwendungen im Sinne des § 994 Abs. 1 BGB. Daß durch den Reparaturversuch eine Verbesserung und Wertsteigerung des Fahrzeugs nicht eingetreten ist, weil die Fahrzeugelektrik verändert worden war, ist unerheblich; ein fortdauernder Nutzen der Maßnahme ist nicht erforderlich (vgl. Palandt- Bassenge, BGB, 60. Auflage, § 994 Rdn. 5 m. w. N.).

38Dagegen kann die Klägerin nicht auch die Kosten für die Beschaffung eines neuen Schlüssels ersetzt verlangen. Diese Aufwendungen waren zur Erhaltung des Fahrzeugs nicht notwendig. Hätte die Klägerin - was angesichts der Nichtbedienbarkeit der Zentralverriegelung durch die Fernsteuerung nahe gelegen hätte - die Fahrzeugelektrik überprüfen lassen, bevor sie den neuen Schlüssel erwarb, hätte sich die Anschaffung erübrigt.

39

Ferner kann die Klägerin die für die Abmeldung des Fahrzeuges aufgewandten Gebühren von 11,00 DM als Vertragskosten ersetzt verlangen 467 S. 2 BGB a. F.). 35

Die begründete Klageforderung errechnet sich demgemäß wie folgt: 40

41Der geltend gemachte Zinsanspruch ist erst für die Zeit ab 27.04. 2001 (30 Tage nach der am 27.03.2001 erfolgten Klagezustellung - Bl. 10 GA) gemäß den §§ 284 Abs. 3, 288 Abs. 1 BGB begründet. Daß die Klägerin die Rückzahlung des Kaufpreises vor der Klagezustellung in gehöriger Weise, nämlich Zug um Zug gegen Übergabe des Fahrzeuges, gefordert hat, ist nicht dargetan. Die Klägerin hat vielmehr in der Klageschrift lediglich vorgetragen, sie habe den Beklagten vorprozessual aufgefordert, ihrem Wandlungsbegehren zuzustimmen.

42Die weiteren Nebenentscheidungen beruhen auf den §§ 92 Abs. 1, 708 Nr. 10, 713 ZPO, 26 Nr. 5 EGZPO. Soweit die Klägerin unterlegen ist, beruht dies nicht ausschließlich auf Gründen, die es gemäß § 92 Abs. 2 Nr. 1 und 2 ZPO rechtfertigen, dem Gegner die gesamten Kosten aufzuerlegen.

43Die Voraussetzungen, unter denen die Revision gemäß § 543 Abs. 2 ZPO zuzulassen ist, liegen nicht vor.

Streitwert für die Berufungsinstanz: 5.624,21 EUR (11.000,00 DM). 44

45Dem Antrag auf Feststellung des Annahmeverzuges kommt nach ständiger Rechtssprechung des Senats neben dem Rückgewähranspruch nach erklärter Wandlung kein besonderer Wert zu.

Beschwer der Klägerin: 1.039,42 EUR, 46

des Beklagten: 4.584,79 EUR. 47

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1. M M-P

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