Urteil des OLG Brandenburg vom 01.11.2006, 2 Ss 43/07

Aktenzeichen: 2 Ss 43/07

OLG Brandenburg: bewährung, beweisantrag, sammlung, link, wiedergabe, quelle, verfahrensmangel, vollstreckung, körperverletzung, zustellung

Quelle:

Norm: § 33b Abs 2 JGG

Gericht: Brandenburgisches Oberlandesgericht 2. Strafsenat

Entscheidungsdatum: 19.07.2007

Aktenzeichen: 2 Ss 43/07

Dokumenttyp: Beschluss

Jugendgerichtsverfassung: Entscheidung über die Besetzung der großen Jugendkammer im Berufungsverfahren gegen ein Urteil des Jugendschöffengerichts

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten S… G… wird das Urteil der 3. großen Strafkammer des Landgerichts Cottbus vom 1. November 2006 mit den zu Grunde liegenden Feststellungen aufgehoben, soweit es den Angeklagten S… G… betrifft.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten des Revisionsverfahrens - an eine andere Kammer des Landgerichts Cottbus zurückverwiesen.

Gründe

I.

1Der Angeklagte wurde durch das Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Bad Liebenwerda am 21. Juli 2005 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Mit dem angefochtenen Urteil hat die Jugendkammer des Landgerichts Cottbus die Berufung des Angeklagten verworfen und auf die Berufung der Staatsanwaltschaft das Urteil des Jugendschöffengerichts dahin geändert, dass die Strafaussetzung zur Bewährung hinsichtlich der erkannten Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten entfällt. Hiergegen richtet sich die in jeweils zulässiger Weise eingelegte und begründete Revision des Angeklagten, der die Verletzung formellen und sachlichen Rechts rügt.

2Die Generalstaatsanwaltschaft beantragt, das angefochtene Urteil wegen Verletzung formellen Rechts aufzuheben.

II.

3Das Rechtsmittel des Angeklagten ist begründet.

41. Zu Recht rügt der Angeklagte die Verletzung des § 33 b Abs. 1 JGG i.V.m. § 338 Nr. 1 StPO, weil die Jugendkammer in der Hauptverhandlung mit zwei Richtern einschließlich der Vorsitzenden und zwei Jugendschöffen besetzt war, ohne dass hierfür ein Beschluss nach § 33 b Abs. 2 JGG gefasst wurde.

5Gemäß § 33 b Abs. 2 Satz 1 JGG beschließt die große Jugendkammer bei Eröffnung des Hauptverfahrens, dass sie in der Hauptverhandlung mit zwei Richtern einschließlich des Vorsitzenden und zwei Jugendschöffen besetzt ist, wenn nicht die Sache nach den allgemeinen Vorschriften einschließlich der Regelung des § 74 e des Gerichtsverfassungsgesetzes zur Zuständigkeit des Schwurgerichts gehört oder nach dem Umfang oder der Schwierigkeit der Sache die Mitwirkung eines dritten Richters notwendig erscheint. Diese Vorschrift, die ihrem Wortlaut nach nur Verfahren erfasst, die zur erstinstanzlichen Zuständigkeit der Jugendkammer gehören, ist entsprechend anzuwenden, wenn die große Jugendkammer - wie hier über Berufungen gegen Urteile des Jugendschöffengerichts entscheidet (BGHR § 33 b Abs. 2 Besetzungsentscheidung in Berufungsverfahren; OLG Düsseldorf, StV 2001, 166 f. sowie im Ergebnis BayObLG, StV 1998, 321 f.). Wenn der großen Jugendkammer in den zumeist bedeutsameren erstinstanzlichen Verfahren die Möglichkeit eröffnet ist, über ihre Besetzung mit nur zwei Berufsrichtern in der Hauptverhandlung zu beschließen, so muss dies erst recht gelten, wenn sie in Berufungsverfahren über überschaubare, rechtlich und tatsächlich einfach gelagerte Fälle zu entscheiden hat (OLG Düsseldorf, a.a.O.).

6Der Gesetzeswortlaut von § 33 b Abs. 2 Satz 1 JGG verlangt einen Beschluss der großen Jugendkammer über ihre Besetzung in der Hauptverhandlung, mithin eine förmliche gerichtliche Entscheidung. Ergeht diese außerhalb der Hauptverhandlung, so ist diese in Schriftform zu fassen und von den beteiligten Richtern zu unterzeichnen, damit der Vorgang der gerichtlichen Entscheidung aktenmäßig dokumentiert und die Entscheidung den Betroffenen durch Zustellung bekannt gemacht werden kann 35 Abs. 2 Satz 1 StPO). Dies gilt auch dann, wenn die Vorschrift des § 33 b Abs. 2 Satz 1 JGG auf die Besetzung der großen Jugendkammer in Verfahren über eine Berufung gegen ein Urteil des Jugendschöffengerichts analog angewendet wird.

7Einen solchen Beschluss hat die Jugendkammer hier nicht gefasst. Bei den Akten befindet sich lediglich eine von der Vorsitzenden unterzeichnete Terminsverfügung, in der die Gerichtsbesetzung in der Berufungshauptverhandlung bestimmt ist. Dies ist kein Beschluss der großen Jugendkammer, weil er nicht von den drei Berufsrichtern gefasst wurde, die nach dem Geschäftsverteilungsplan des Landgerichts für die Sache zuständig waren.

8Fehlt es indes an einem Beschluss nach § 33 b Abs. 2 Satz 1 JGG, so verbleibt es bei der gesetzlichen Bestimmung des § 33 b Abs. 1 Halbsatz 1 JGG, wonach die Jugendkammer mit drei Richtern einschließlich des Vorsitzenden und zwei Jugendschöffen (große Jugendkammer) besetzt ist, wenn sie in Verfahren über Berufungen gegen Urteile des Jugendschöffengerichts entscheidet. Hiergegen hat die Jugendkammer im vorliegenden Verfahren verstoßen.

9Der Senat hat geprüft, ob der vorstehende Verfahrensmangel gemäß § 357 StPO auch zur Aufhebung der Verurteilung der Mitangeklagten E… G… führt. Dies ist jedoch nicht der Fall, weil die Mitangeklagte E… G… nach § 55 Abs. 2 JGG nicht mehr zur Einlegung einer Revision berechtigt war (vgl. Meyer-Goßner, StPO, 49. Aufl., § 357 Rn. 7 m.w.N.).

10 2. Begründet ist die Revision des Angeklagten auch, soweit er die Verletzung von § 244 Abs. 3 StPO rügt, weil die Jugendkammer Beweisanträge auf die Einvernahme von vier Zeugen wegen Bedeutungslosigkeit abgelehnt hat, wobei die ablehnenden Beschlüsse der Jugendkammer nur mit der Wiedergabe des Gesetzeswortlauts begründet worden sind.

11 Die Ablehnung eines Beweisantrags durch das Gericht in der Hauptverhandlung erfordert eine Begründung, die den Antragsteller davon unterrichten soll, wie das Gericht den Antrag beurteilt, damit er in der Lage ist, sich in seiner Verteidigung auf die Verfahrenslage einzustellen, die durch die Antragsablehnung entstanden ist, insbesondere weitere Anträge zu stellen. Auch soll dem Revisionsgericht die rechtliche Prüfung der Ablehnung ermöglicht werden. Eine über den Gesetzeswortlaut nicht hinausgehende Beschlussbegründung genügt daher nicht (vgl. Meyer-Goßner, a.a.O., § 244 Rn. 41 a mit zahlreichen weiteren Nachweisen). Wird ein Beweisantrag - wie hier - durch das Gericht wegen Bedeutungslosigkeit abgelehnt, so müssen die Gründe der ablehnenden Entscheidung angeben, ob sie auf tatsächlichen oder rechtlichen Gründen beruht und auf welchen. Wird die Unerheblichkeit aus tatsächlichen Umständen gefolgert, müssen diese daher mitgeteilt werden; das ist insbesondere deshalb erforderlich, damit sich der Antragsteller auf die dadurch geschaffene Verfahrenslage einstellen kann. Daher wird ein Mangel der Beschlussbegründung auch nicht durch eine nähere Begründung in den Urteilsgründen beseitigt (Meyer-Goßner, a.a.O., Rn. 43 a m.w.N.).

12 Die von der Jugendkammer formularmäßig gefassten Beschlüsse, mit denen die Beweisanträge des Angeklagten abgelehnt wurden, genügen diesen Anforderungen nicht, weil sie zur Begründung nur den Gesetzeswortlaut anführen. Auf diesem Mangel beruht das Urteil auch 337 Abs. 1 StPO), weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Angeklagte seine Verteidigung geändert, insbesondere weitere Beweisanträge gestellt hätte, wenn ihm die Gründe der ablehnenden Entscheidungen der Jugendkammer in nachvollziehbarer Weise mitgeteilt worden wären.

Datenschutzerklärung Kontakt Impressum

Urteil herunterladen
Informationen
Optionen
Sie suchen einen Anwalt?

Wir finden den passenden Anwalt für Sie! Nutzen Sie einfach unseren jusmeum-Vermittlungsservice!

Zum Vermittlungsservice