Urteil des OLG Brandenburg vom 07.05.2009
OLG Brandenburg: eltern, wohl des kindes, familie, sorgerecht, elterliche sorge, trennung, anhörung, jugendamt, haushalt, persönlichkeit
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Gericht:
Brandenburgisches
Oberlandesgericht 1.
Senat für
Familiensachen
Entscheidungsdatum:
Aktenzeichen:
9 UF 71/09
Dokumenttyp:
Beschluss
Quelle:
Normen:
§ 1671 Abs 1 BGB, § 1671 Abs 2
Nr 2 BGB
Elterliche Sorge: Übertragung des Sorgerechts auf einen
Elternteil wegen mangelnder Kooperationsfähigkeit der
Kindeseltern
Tenor
Die Beschwerde des Kindesvaters gegen den Beschluss des Amtsgerichts Bad
Liebenwerda vom 07.05.2009 – Az.: 20 F 213/07 – wird zurückgewiesen.
Die Kosten des Beschwerdeverfahrens werden dem Beschwerdeführer auferlegt.
Die Rechtsbeschwerde wird nicht zugelassen.
Der Beschwerdewert wird auf 3.000,- € festgesetzt.
Gründe
I.
Die Kindeseltern streiten über das Sorgerecht für ihre Tochter L… K…. Diese ist aus
einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft der Kindeseltern hervorgegangen. Für das
Kind haben die Kindeseltern mit Jugendamtsurkunde vom 19.04.07 eine gemeinsame
Sorgeerklärung gem. § 1626 a BGB abgegeben.
Der am ….04.1980 geborene Kindesvater hat nach einem Realschulabschluss eine Lehre
im elterlichen Schlosserbetrieb absolviert, war danach arbeitslos und verpflichtete sich
als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Die am ….09.1985 geborene Kindesmutter besitzt
einen Sonderschulabschluss und keine Berufsausbildung. Sie ist Legasthenikerin. Zu
ihrem leiblichen Vater hat sie keinen Kontakt; die Mutter hat aus der Ehe mit dem
Stiefvater mehrere weitere Kinder. Diese Familie lebt in Nö…. Der Kindesvater war zu
seiner Bundeswehrzeit in H… stationiert; die Kindeseltern lernten sich in G… kennen.
Nach der Geburt L…s am ….06.2004 lebte die Familie zunächst in der Umgebung von
G…. Das Dienstverhältnis des Kindesvaters zur Bundeswehr wurde im Jahr 2004 vorzeitig
beendet. Hintergrund war der Vorwurf des Missbrauchs von Drogen.
Ende 2004 zog die Familie nach K…, wo sie auf einem Grundstück der Eltern des
Kindesvaters, die dort ebenfalls wohnen, eine Zweizimmerwohnung bezog. Im
Untergeschoss desselben Hauses wohnt weiter die Großmutter des Kindesvaters. Nach
mehrjähriger Arbeitslosigkeit absolvierte der Kindesvater einen Lehrgang als
Webdesigner und ist inzwischen als Arbeitnehmer im elterlichen Betrieb, den er später
zu übernehmen hofft, beschäftigt.
Die Kindesmutter hat vor und nach der Übersiedlung nach K… verschiedene gering
entlohnte Tätigkeiten ausgeführt und im Herbst 2006 eine Ausbildung als Beiköchin in
Gu… begonnen, die im Internatsbetrieb durchgeführt wurde. Die Versorgung L…s sowohl
in Zeiten berufsbedingter Abwesenheit ihrer Eltern als auch generell wurde zu großen
Teilen von der Urgroßmutter und den Großeltern väterlicherseits geleistet. Im Übrigen
streiten die Kindeseltern darüber, welche Versorgungs- und Erziehungsanteile sie gehabt
haben. L… verfügte (lediglich) im Wohnhaus der Eltern des Kindesvaters über ein
Kinderzimmer, wo sie überwiegend auch übernachtete.
Im November 2007 kam es zur Trennung der Kindeseltern, wobei die Einzelheiten von
ihnen abweichend dargestellt werden. Auslöser war die Erklärung der Kindesmutter,
erneut schwanger zu sein, was sie auch auf Nachfrage zuvor stets verneint hatte. Schon
vor dieser Erklärung hatte der Kindesvater deutlich gemacht, kein weiteres Kind zu
wünschen. Ob er die Kindesmutter aus der Wohnung gewiesen hat, oder diese das Haus
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wünschen. Ob er die Kindesmutter aus der Wohnung gewiesen hat, oder diese das Haus
aus eigenem Antrieb verlassen hat, ist zwischen den Kindeseltern umstritten. Jedenfalls
holte die Kindesmutter gegen den Willen des Kindesvaters und ohne dessen Wissen L…
aus dem Kindergarten ab und brachte das Kind mit Unterstützung ihrer herbeigerufenen
Eltern nach Nö…, zunächst in die Wohnung der Großeltern mütterlicherseits. Inzwischen
lebt die Kindesmutter dort in einer eigenen Wohnung.
Vor diesem Hintergrund hat der Kindesvater mit Antragschrift vom 26.11.2007 sowohl
im Rahmen eines einstweiligen Anordnungsverfahrens wie auch zur Hauptsache
zunächst die Übertragung des alleinigen Aufenthaltsbestimmungsrechts für die
gemeinsame Tochter L… auf sich selbst begehrt. Den Antrag auf Erlass der einstweiligen
Anordnung hat das Amtsgericht Bad Liebenwerda mit Beschluss vom 06.12.2007 unter
Hinweis auf eine nicht erkennbare Eilbedürftigkeit zurückgewiesen. Im Rahmen des
Hauptsacheverfahrens hat das Amtsgericht ein kinderpsychologisches
Sachverständigengutachten der Diplompsychologin Dr. C… S… eingeholt.
Am ….12.2007 brachte die Kindesmutter den Sohn M… zur Welt, als dessen Vater sie
zunächst den Beschwerdeführer angab. In einem Vaterschaftsfeststellungsverfahren
ergab sich indes, dass M… nicht vom Beschwerdeführer abstammt. Am ….12.2008
gebar die Kindesmutter eine weitere Tochter, K…, deren Vater ein dritter Mann ist.
Die Kindeseltern vereinbarten im Rahmen eines gesondert geführten
Umgangsverfahrens (Az. 20 F 20/08 des Amtsgerichts Bad Liebenwerda) am
13.03.2008, dass dem Vater alle zwei Wochen von Freitag 16:00 Uhr bis Sonntag 18:00
Uhr ein Umgangsrecht mit L… zustehen soll. Diese Umgänge, die sich von Beginn an
wegen mangelnder Absprachen schwierig gestalteten, wofür sich die Kindeseltern
wechselseitig die Schuld zuweisen bewältigt der Kindesvater in der Weise, dass er die
jeweils 5stündige Fahrtzeit zwischen den beiden Wohnorten im PKW mit Hilfe seiner
Eltern zurücklegt.
Im weiteren Verfahrensverlauf, der von einer Flut wechselseitiger Vorwürfe
gekennzeichnet ist, gab die Kindesmutter an, der Kindesvater habe früher und auch
heute noch Drogen konsumiert. Der Kindesvater hat dies im Verfahren zwar bestritten,
gegenüber der Sachverständigen jedoch erklärt, etwa während der Dauer eines Jahres in
seiner Bundeswehrzeit ca. einmal monatlich „Gras“ geraucht zu haben. Eine vom
Amtsgericht daraufhin veranlasste ergänzende Beweisaufnahme in Gestalt eines
Drogentests ergab seine auf den nachprüfbaren Zeitraum Oktober 2007 bis April 2008
feststellbare Abstinenz.
Die Sachverständige Dr. S… erstattete unter dem 18.12.2008 ihr schriftliches
Gutachten, auf das wegen der Einzelheiten Bezug genommen wird. Als Ergebnis ihrer
Untersuchungen beschreibt die Sachverständige den Kindesvater als eine wenig
eigenständige, von der Herkunftsfamilie abhängige, unreife Persönlichkeit, die wenig
Verantwortungsbereitschaft und mangelnde Selbstkritik zeige, emotional labil sei sowie
teilweise aggressiv und fordernd auftrete. Die Kindesmutter schildert die
Sachverständige als unsichere, distanzierte und gehemmte Persönlichkeit, gleichfalls
unreif und in Abhängigkeit von ihrer Herkunftsfamilie, teilweise ohne Emotionen und
wenig zielstrebig. Bei L… stellte sie eine verzögerte Sprachentwicklung fest und betonte
ansonsten, dass das Kind eine gute Beziehung zu beiden Elternteilen habe, sich beim
Vater jedoch fröhlicher zeige. In der Interaktion habe sich der Kindesvater als feinfühliger
erwiesen; die Bindung L…s zu ihrer Mutter sei weniger belastbar als die zum Vater, ihr
Wille ambivalent. Anders als der Vater besitze die Kindesmutter eine geringere
Förderkompetenz, wogegen der Vater eine geringere Bindungstoleranz aufweise. Die
Sachverständige empfahl die Aufhebung des gemeinsamen Sorgerechts und dessen
Übertragung allein auf den Kindesvater.
Im Ergebnis dessen begehrte der Kindesvater erstinstanzlich zuletzt, ihm das
vollständige Sorgerecht allein zu übertragen.
Auf Grund der langen Dauer der Gutachtenerstellung und angesichts des weiteren von
wechselseitigen Vorwürfen geprägten Parteivorbringens, in dem auch eine handgreifliche
Ausein-andersetzung zwischen dem Kindesvater, der Kindesmutter und deren Schwester
während eines Urlaubswochenendes im Rahmen der Übergabe L…s thematisiert wurde,
erachtete das Amtsgericht eine Nachbegutachtung für erforderlich, die im April 2009 in
der Weise erfolgte, dass die Sachverständige einen erneuten Besuch im mütterlichen
Haushalt vornahm.
Von diesem erstattete die Sachverständige in der abschließenden Anhörung vor dem
Amtsgericht am 23.04.2009 Bericht dahin, dass die von ihr erneut durchgeführten Tests
nunmehr eine engere Bindung L…s an die Kindesmutter ergeben hätten. Im Übrigen
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nunmehr eine engere Bindung L…s an die Kindesmutter ergeben hätten. Im Übrigen
habe sich ihre Sprachentwicklung gebessert; die Angaben der Mitarbeiterin der von L…
besuchten Kita hätten ergeben, dass die Kindesmutter sich für das Kind einsetze. Auch
fühle sich L… danach an ihre beiden jüngeren Halbgeschwister gebunden. Die
Sachverständige empfahl nunmehr, der Kindesmutter das alleinige Sorgerecht
zuzusprechen. Dieser Meinung schloss sich die Verfahrenspflegerin, die L… nicht noch
einmal gesehen hatte, an. Das Jugendamt zeigte sich angesichts der kurzen Dauer der
Veränderungen zweifelnd.
Mit am 07.05.2009 verkündetem Beschluss hat das Amtsgericht Bad Liebenwerda
daraufhin das Sorgerecht für L… auf die Kindesmutter allein übertragen und dies zum
einen mit der mangelnden Bindungstoleranz des Kindesvaters begründet. Die geringere
Förderkompetenz der Kindesmutter falle demgegenüber nicht erheblich ins Gewicht. Der
Kontinuitätsgrundsatz spreche inzwischen für die Kindesmutter. Im Übrigen wird auf die
Begründung des angefochtenen Beschlusses Bezug genommen.
Gegen die ihm am 13.05.2009 zugestellte Entscheidung hat der Kindesvater mit am
04.06.2009 eingegangenen Schriftsatz befristete Beschwerde eingelegt und diese
gleichzeitig begründet. Mit seinem Rechtsmittel erstrebt er weiterhin die Übertragung
des alleinigen Sorgerechts für L… auf sich selbst. Zur Begründung führt er im
Wesentlichen aus, das Amtsgericht habe das Verhalten der Kindesmutter nicht
zutreffend bewertet. Diese habe nach der Trennung zwei weitere Kinder von zwei
verschiedenen Männern geboren, die nun zur Betreuung im Wesentlichen der Mutter der
Kindesmutter überantwortet würden. Er selbst sei durch die falschen Angaben der
Kindesmutter zu einem Vaterschaftsanfechtungsverfahren und einem Drogentest
gezwungen gewesen. Auch die Konflikte anlässlich seiner Umgänge mit L… seien
ausschließlich von der Kindesmutter initiiert worden. Offenbar seien auch die
Sachverständige und Verfahrenspflegerin ihm gegenüber voreingenommen. In der
Nachbegutachtung durch die Sachverständige sei insbesondere nicht die
Alltagssituation mit drei Kindern im mütterlichen Haushalt beobachtet worden, weshalb
eine Geschwisterbindung gar nicht habe festgestellt werden können. Diese bestreitet der
Kindesvater im Übrigen. Er meint, da L… bei der Mutter vorrangig durch Dritte betreut
werde, spreche der Kontinuitätsgrundsatz für ihn. Eine andere Bewertung stelle im
Ergebnis eine Belohnung der widerrechtlichen Wegnahme des Kindes durch die Mutter
bei der Trennung dar. Es müsse schließlich berücksichtigt werden, dass der
Kindesmutter die geistige Reife zur Erziehung des gemeinsamen Kindes fehle und sie
durch die Betreuung von 3 Kleinkindern offensichtlich überfordert sei. Eine rückständige
Entwicklung von L… sei bereits feststellbar, Verbesserungen seien allein auf seine – des
Kindesvaters – Förderungsmaßnahmen zurückzuführen. Bei einem Belassen des Kindes
bei der Kindesmutter sei zu befürchten, dass irreparable Schäden eintreten würden.
Die Kindesmutter, die die Zurückweisung der Beschwerde beantragt, hält die
angefochtene Entscheidung für zutreffend und meint, mit dem Rechtsmittel verfolge der
Kindesvater im Wesentlichen seine eigenen Interessen bzw. werde von seinen Eltern
instrumentalisiert. Die Bedürfnisse des Kindes nehme der Kindesvater auch bei den
Umgängen nicht hinreichend wahr. So habe er während des Sommerurlaubs, den er mit
L… verbracht hat, telefonische Kontakte des Kindes mit der Kindesmutter unmöglich
gemacht. Auch ansonsten erlaube er es ihr nicht, während seiner Umgänge mit dem
Kind oder auch nur mit dem Kindesvater zu telefonieren.
Das Jugendamt des Landkreises E… hat in seiner Stellungnahme vom 14.07.2009 darauf
hingewiesen, dass die Nachbegutachtung durch die Sachverständige in Abwesenheit der
übrigen beiden Kinder zu einem fragwürdigen Ergebnis geführt und keine Klarheit
gebracht habe. Eine Empfehlung hat das Jugendamt E… nicht ausgesprochen. Das
Jugendamt des Landkreises N… hat in seinem Bericht vom 29.07.2009 ausgeführt, dass
mehrere unangemeldete Hausbesuche bei der Kindesmutter keine Mängel zutage
gebracht hätten, wohl aber eine liebevolle Geschwisterbindung L…s beobachtet werden
konnte.
Mit Beschluss vom 19.08.2009 hat der Senat die bisherige Verfahrenspflegerin von ihren
Verpflichtungen entbunden und nunmehr die Sozialtherapeutin U… S… zur
Verfahrenspflegerin bestellt. Diese hat unter dem 01.09.2009 einen ausführlichen
schriftlichen Bericht abgegeben. Im Ergebnis berichtet sie, L… scheine insgesamt
altersgerecht entwickelt zu sein, Auffälligkeiten habe sie nicht feststellen können. L… sei
an beide Eltern positiv gebunden und liebe ihre Eltern sowie sämtliche Großeltern. Auch
an ihre Geschwister, insbesondere M…, sei sie stark gebunden. L… habe sich eindeutig
für einen Verbleib bei der Mutter ausgesprochen, wolle ihren Vater aber oft und gerne
sehen. Die Verfahrenspflegerin, auf deren schriftlichen Bericht im Übrigen Bezug
genommen wird, hat sich dafür ausgesprochen, der Kindesmutter das alleinige
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genommen wird, hat sich dafür ausgesprochen, der Kindesmutter das alleinige
Sorgerecht zu belassen.
Der Senat hat am 10.09.2009 sämtliche Beteiligte ausführlich angehört. In diesem
Termin hat die Sachverständige Dr. S… nochmals ihr Gutachten erläutert und zu Fragen
Stellung genommen.
II
Die befristete Beschwerde des Kindesvaters ist gem. §§ 621 e; 621 Abs. 1 Nr. 1; 517;
520 ZPO zulässig. Das Rechtsmittel ist jedoch unbegründet. Das Amtsgericht hat mit
zutreffender Begründung der Kindesmutter das alleinige Sorgerecht für L… übertragen.
Nach § 1671 Abs. 1; Abs. 2 Nr. 2 BGB kann einem Elternteil die elterliche Sorge allein
übertragen werden, wenn die Kindeseltern nicht nur vorübergehend getrennt
voneinander leben und zu erwarten ist, dass die Aufhebung der gemeinsamen Sorge
und die Übertragung auf einen Elternteil dem Wohl des Kindes am besten entsprechen.
Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist ein
Mindestmaß an Verständigungsmöglichkeiten zwischen den Kindeseltern (BGH, FamRZ
1982, 1179; 2008, 592). Angesichts der widerstreitenden Anträge der Kindeseltern und
ihrer äußerst hitzigen Auseinandersetzungen, die auch vor dem Senat deutlich
geworden sind, erscheint es unrealistisch anzunehmen, dass die Kindeseltern in
absehbarer Zeit in der Lage sein werden, zum Wohl L…s zusammen zu wirken. Es
bestehen so erhebliche Spannungen zwischen den Kindeseltern, dass sie bereits zu
mindestens einer handgreiflichen Auseinandersetzung geführt haben, und dies vor den
Augen des Kindes anlässlich einer Abholung zum Umgang. Auch die übrigen
Verfahrensbeteiligten schätzen die Kooperationsfähigkeit der Kindeseltern als derart
gering und ihre persönlichen Probleme als so massiv ein, dass die vollständige
Aufhebung des gemeinsamen Sorgerechts hier geboten ist. Der Senat geht nicht davon
aus, dass es ausreichend wäre, nur Teile des Sorgerechts einem Elternteil allein zu
übertragen.
Bei der Frage, welchem Elternteil das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu übertragen ist,
ist derjenigen Regelung der Vorzug zu geben, von der zu erwarten ist, dass sie im Sinne
des Kindeswohls die bessere Lösung darstellt BVerfG 31, 194; BVerfG, FamRZ 2009,
189). Bei der prognostischen Beurteilung sind die folgenden Gesichtspunkte bedeutsam,
wobei die Gewichtung im konkreten Fall dem Gericht überlassen ist:
Förderungsgrundsatz und Erziehungseignung, Bindungstoleranz der Eltern, Bindungen
des Kindes, Kontinuitätsgrundsatz und Kindeswille (BGH, FamRZ 1985, 169;
Palandt/Diederichsen, BGB, 68. Aufl., § 1671 Rz.26 ff).
Der Grundsatz der Kontinuität, wobei es auf die Frage ankommt, welcher Elternteil in der
Vergangenheit die größeren Erziehungsanteile innegehabt hat, und der auf der
Erfahrung beruht, dass die Fortdauer familiärer und sozialer Bindungen wichtig für die
stabile und gesunde psychosoziale Entwicklung eines heranwachsenden Menschen ist,
spricht im hier zu beurteilenden Fall zwar nicht mit großer Deutlichkeit, jedoch auf Grund
der Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit eher für die Kindesmutter. Für die ersten
5 Lebensmonate L…s vor dem Umzug der Familie nach K… haben die Beteiligten über
die Betreuungssituation nichts mitgeteilt. Da der Kindesvater in dieser Zeit bei der
Bundeswehr tätig war, dürfte das Baby vornehmlich von der Mutter betreut worden sein.
Inwieweit auch die Großeltern (wohl mütterlicherseits) in die Betreuung einbezogen
waren, kann nicht festgestellt werden. Nach dem Umzug Ende 2004 bis zur Trennung
der Kindeseltern im November 2007 wurde L… offenbar nur in geringerem Umfang von
den eigenen Eltern, überwiegend aber von der übrigen Familie väterlicherseits betreut.
Im Übrigen waren sowohl der Kindesvater als auch – teilweise - die Kindesmutter
berufstätig. Es mag sein, dass von den Kindeseltern der Kindesvater größere Anteile an
der Erziehung und Betreuung L…s hatte. Zwar streiten die Kindeseltern insoweit über die
Gründe hierfür, über die Tatsachen als solche jedoch nicht. Der Kindesvater wirft der
Kindesmutter vor, sich für L… nicht interessiert zu haben, während diese geltend macht,
von der Familie des Kindesvaters aus der Erziehung und Betreuung hinausgedrängt
worden zu sein. Diese Problematik vermag der Senat nicht aufzuklären, festzuhalten ist
jedoch, dass in diesem Zeitraum die Betreuung und Versorgung des Kindes
überwiegend durch den väterlichen Teil der Familie geleistet worden ist. Dies hat im
Übrigen auch die Sachverständige festgestellt, die im Zeitpunkt ihrer ersten
Begutachtung eine weniger gefestigte Bindung zwischen Mutter und Kind festgestellt
hat, im Gegensatz dazu eine sichere Bindung an den Vater.
Seit November 2007, also seit nunmehr 1 ¾ Jahren hält sich L… jedoch im mütterlichen
Haushalt auf. Dort hat sie ihren Lebensmittelpunkt. Es kann nicht festgestellt werden,
dass die Kindesmutter die Betreuung L…s in größerem Umfang nicht selbst durchführt,
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dass die Kindesmutter die Betreuung L…s in größerem Umfang nicht selbst durchführt,
sondern das Kind durch ihre Eltern oder Schwestern betreuen lässt. Der Kindesvater hat
dies zwar wiederholt behauptet, tatsächliche Anhaltspunkte hierfür bestehen aber nicht.
Das Jugendamt am Wohnsitz der Kindesmutter hat bei mehreren Hausbesuchen
festgestellt, dass (sämtliche) Kinder durch die Kindesmutter selbst in ihrem Haushalt
betreut werden. Bei ihrer Anhörung vor dem Senat hat die Kindesmutter auch durchaus
nachvollziehbar und glaubhaft zu ihrem Tagesablauf mit den Kindern berichtet. Da L… –
und demnächst M… – halbtags den Kindergarten besuchen und die Befragung von
Mitarbeiterinnen des Kindergartens seitens des Jugendamtes und seitens der
Verfahrenspflegerin ergeben haben, dass die Kindesmutter L… dort regelmäßig hinbringt
und abholt, ist davon auszugehen, dass die Angaben der Kindesmutter im Wesentlichen
zutreffend sind. Auch die Verfahrenspflegerin hat sowohl schriftlich als auch mündlich
eindrücklich geschildert, wie die Kindesmutter L… vom Kindergarten abholte und der
weitere Tagesablauf mit den Kindern aussah, wobei sie den Eindruck hatte, das dies den
üblichen Abläufen entsprach. Schließlich hat die Kindesmutter auch darauf hingewiesen,
dass ihre Eltern beide berufstätig seien und damit eine umfangreiche Betreuung der
Kinder durch die Großeltern tatsächlich nicht möglich erscheint. Es ist deshalb davon
auszugehen, dass der Lebensmittelpunkt des Kindes tatsächlich bei der Kindesmutter
und nicht bei sonstigen Dritten ist. (Im Übrigen kann auch der Kindesvater nicht für sich
in Anspruch nehmen, er sei in der Lage, L… „allein ohne Hilfe von Dritten“ zu betreuen.
Da er berufstätig ist, ist auch er bei der Versorgung des Kindes auf die Hilfe von Dritten,
nämlich seinen Eltern und der Großmutter angewiesen).
Schließlich hat die Sachverständige bei ihrer Nachbegutachtung festgestellt, dass
inzwischen eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind besteht. Sie hat dies auch vor
dem Termin nochmals unter Einbeziehung der Schilderung der Verfahrenspflegerin
erläutert und bestätigt. Der Senat hat keinen Anlass, an der entsprechenden
Feststellung zu zweifeln. Es liegt in der Natur der Sache, dass Bindungen innerhalb eines
Zeitraumes von fast 2 Jahren im täglichen Umgang miteinander wachsen und sich
festigen. Auch der Kindesvater hat diese Feststellung nicht ernsthaft in Zweifel gezogen,
sondern darauf hingewiesen, dass dies Folge der widerrechtlichen Mitnahme des Kindes
durch die Kindesmutter gewesen sei. Der Senat kann insoweit zwar nachvollziehen, dass
der Kindesvater diese Umstände als „ungerecht“ empfindet, an den eingetretenen
Tatsachen, nämlich der Vertiefung der Bindungen zwischen Mutter und Kind, ändert dies
jedoch nichts. Die Entscheidung, die der Senat zu treffen hat, ist allein ausgerichtet am
Kindeswohl, das auf Grund der tatsächlichen Umstände im Zeitpunkt der Entscheidung
beurteilt werden muss (vgl. auch : BVerfG, FamRZ 2009, 189).
Das Förderungsprinzip, bei dem die Frage im Mittelpunkt steht, von wem das Kind für
den Aufbau seiner Persönlichkeit die meiste Unterstützung erwarten kann, führt, wenn
man den Blickwinkel auf die Lernförderung verengt, zu einem Übergewicht auf Seiten
des Kindesvaters, bezieht man jedoch die allgemeine Persönlichkeitsentwicklung und
insbesondere die Bindungstoleranz mit ein, jedenfalls nicht zu einem Vorteil für den
Kindesvater.
Der Kindesvater ist, wie die Sachverständige in ihrem ursprünglichen Gutachten
ausgeführt und auch zwischenzeitlich nicht in Frage gestellt hat, von beiden Elternteilen
eher in der Lage, sich intellektuell auf die Bedürfnisse des Kindes einzustellen, spielt in
kindgerechter Weise mit ihm und fördert die Entwicklung L…s. Von seiner eigenen
Ausbildung her und seinen Fähigkeiten ist er besser als die Kindesmutter in der Lage, L…
s geistige und intellektuelle Entwicklung zu fördern. Die Kindesmutter räumt ihre Defizite
insoweit auch ein. Sie hat freimütig zugestanden, Bedenken daran zu haben, L…s
schulische Entwicklung selbst hinreichend begleiten zu können. Durch ihre eigene nur
eingeschränkte schulische Laufbahn und die festgestellte Legasthenie dürften sich in der
Tat Schwierigkeiten bei der Kindesmutter zeigen, L… angemessen selbst in schulischen
Belangen zu fördern. Dass möglicherweise ein Ausgleich durch Dritte geschaffen werden
kann, ist ebenfalls von Bedeutung.
Die Beteiligten sind sich zwar darüber einig, dass nach der Trennung eine sprachlich
verzögerte Entwicklung L…s feststellbar war. Ob diese aber durch die Kindesmutter
verursacht worden ist, kann nicht festgestellt werden. Es ist unklar geblieben, ob nicht
eine sprachlich verzögerte Entwicklung schon eingetreten war, als die Kindeseltern noch
zusammen lebten. Aber selbst wenn diese Verzögerung erst nach der Trennung
eingetreten sein sollte, so kann sie auch auf dem Trennungserlebnis als solchem
beruhen. Es entspricht durchaus der Lebenserfahrung, das Kinder auf Grund der
Trennung der Eltern unter erheblichen Leidensdruck geraten, der durch
Entwicklungsverzögerungen zum Ausdruck kommen kann. Jedenfalls zwischenzeitlich
kann die Entwicklungsverzögerung im Rahmen der Sprache nicht mehr festgestellt
werden, wobei auch insoweit wieder unklar geblieben ist, worauf die Verbesserung
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werden, wobei auch insoweit wieder unklar geblieben ist, worauf die Verbesserung
tatsächlich beruht. Bei seiner Anhörung der Kindeseltern hat der Senat jedenfalls den
Eindruck gewonnen, dass die Kindesmutter sich durchaus sprachlich gewandt
ausdrücken kann und dem eher wortkarg erscheinenden Kindesvater insoweit nicht
nachstand. L… dürfte noch eine Konzentrationsschwäche aufweisen, wobei wiederum
unklar ist, worauf diese beruht. Die Verantwortung kann jedenfalls nicht allein der
Kindesmutter zugeschrieben werden.
Hinsichtlich der allgemeinen Förderung der Persönlichkeitsentwicklung kann kein
nennenswerter Unterschied zwischen den Kindeseltern festgestellt werden. So hat die
Sachverständige auf Grund einer ausführlichen Begutachtung bei beiden Kindeseltern
festgestellt, dass es sich um für ihr Alter recht unreife Persönlichkeiten handelt, die
jeweils stark von ihrer Herkunftsfamilie abhängig sind. Die Erziehung des Kindes zu
einem selbstbewussten, eigen bestimmten Menschen begegnet daher in der Person
beider Kindeseltern gewissen Bedenken.
Im Rahmen des Förderungsprinzips ist auch die Bindungstoleranz, d. h. die Bereitschaft
und die Fähigkeit, den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil zu unterstützen, zu
berücksichtigen. In diesem Bereich sind beim Kindesvater größere Defizite erkennbar als
bei der Kindesmutter. Der Kindesvater hat dem Senat bei seiner Anhörung nicht
vermitteln können, die Bindungen L…s an ihre Mutter, wie sie inzwischen gewachsen
sind, zu akzeptieren. Er ist der Kindesmutter ausschließlich aggressiv und vorwurfsvoll
gegenübergetreten und hat u. a. abfällig geäußert, er könne sich gar nicht vorstellen,
warum L… „da bleiben“ wolle. Er hat sich auch nicht gescheut, damit zu drohen, wenn es
beim Sorgerecht der Kindesmutter bleibe, könne er die Umgänge nicht mehr wie bisher
durchführen. Verständnis für Schwierigkeiten der Kindesmutter, im umgekehrten Fall den
Umgang auszuüben, da sie weder über ein Fahrzeug, noch einen Führerschein verfügt
und weitere zwei kleine Kinder betreuen muss, hat der Vater nicht geäußert. Nicht nur
aus dem Akteninhalt, sondern auch aus seiner Darstellung im Verfahren wird deutlich,
dass der Kindesvater seine eigenen Befindlichkeiten in den Mittelpunkt rückt, so dass
Bedürfnisse des Kindes in den Hintergrund treten, was den Kontakt mit der Kindesmutter
und den Geschwistern angeht. Soweit sich sonstige Verfahrensbeteiligte – die
Sachverständige bzw. die Verfahrenspflegerin – bei der Anhörung positiv über
gewachsene Beziehungen zwischen Mutter und Kind sowie über die Betreuungssituation
L…s bei ihrer Mutter geäußert haben, hat der Kindesvater dies durchgängig mit
abfälligen Bemerkungen oder höhnischem Schnauben quittiert. Auf Einschätzungen
Dritter hat er sich inhaltlich nicht eingelassen, sondern jeweils angemerkt, diese seien
ihm gegenüber voreingenommen.
Was die mangelhafte Bindungstoleranz des Kindesvaters angeht, so hat die
Sachverständige Dr. S… bereits in ihrem Ausgangsgutachten dazu Feststellungen
getroffen. Insbesondere hat sie ausgeführt, der Kindesvater habe ihr gegenüber
betreffend die Kindesmutter abwertende und negative Ausführungen gemacht, und zwar
auch im Beisein des Kindes. Dies wird auch bestätigt durch die Verfahrenspflegerin, die
mitgeteilt hat, L… habe berichtet, der Vater sage böse Sachen über die Mutter.
Anlässlich der Anhörung konnte der Kindesvater auch nicht erklären, warum er der
Kindesmutter keine Telefonate während des Umgangs – auch nicht während des länger
andauernden Urlaubs - gestattet. Auch insoweit äußerte sich deutlich seine mangelnde
Akzeptanz der Kindesmutter als wichtige Bezugsperson für L….
Ob Schwierigkeiten hinsichtlich der Umgänge überwiegend durch den Kindesvater oder
durch Provokationen seitens der Kindesmutter verursacht werden, ließ sich nicht
abschließend feststellen. Die Kindeseltern machen sich insoweit gegenseitige Vorwürfe.
Fest steht allerdings, dass der Kindesvater zwar für seine Familie in Anspruch nimmt,
gewachsene Bindungen müssten berücksichtigt werden und täten L… gut, dass er aber
andererseits die Familie der Kindesmutter vollständig ablehnt und Bindungen des Kindes
zu den Großeltern mütterlicherseits und den Geschwistern der Kindesmutter als
ausschließlich negativ darstellt. Nachvollziehbare Gründe dafür gibt es nicht.
Wenn sich auch nicht klären lassen wird, welchen Anteil die Kindeseltern jeweils an den
Problemen bei der Umgangsausübung haben, so ist doch festzuhalten, dass die
Umgänge im Wesentlichen so stattfinden, wie sie vereinbart worden sind. Außerdem hat
die Verfahrenspflegerin anschaulich geschildert, dass das Verhalten L…s gegenüber der
Kindesmutter und deren Reaktionen gegenüber dem Kind auf ein unbelastetes
Umgehen mit dem Umgang des Kindesvaters hindeuten. L… hat auch in ihrem Zimmer
ein Bild von ihrem Vater, was ebenfalls die Bindungstoleranz der Kindesmutter belegt.
Soweit der Kindesvater der Kindesmutter vorwirft, diese respektiere ihn nicht, was u. a.
durch das notwendig gewordene Vaterschaftsfeststellungsverfahren deutlich werde, mag
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durch das notwendig gewordene Vaterschaftsfeststellungsverfahren deutlich werde, mag
dies zutreffen, hat jedoch keine erkennbare Auswirkung auf die Einstellung der
Kindesmutter zur Bindung L…s an ihren Vater. Es konnte nicht festgestellt werden, dass
etwa die Kindesmutter gegenüber L… schlecht über den Vater spricht. Das Kind selbst
hat dies gegenüber der Verfahrenspflegerin jedenfalls verneint.
Aus dem gesamten Inhalt der Akten einschließlich vom Kindesvater selbst verfassten
Schreiben und seinem Auftreten im Anhörungstermin ist der Senat davon überzeugt,
das die Einschätzungen der Sachverständigen über seine mangelhafte Bindungstoleranz
in vollem Umfang zutreffen.
Was die gefühlsmäßigen Bindungen des Kindes angeht, so besitzt L… emotionale feste
Bindungen zu beiden Elternteilen sowie zu den Großeltern und ihren Geschwistern,
insbesondere zu M…. Die vom Vater geleugnete Geschwisterbindung ist zwar nicht
durch die Sachverständige begutachtet worden, die einen Umgang L…s mit ihren
Geschwistern nicht beobachtet hat, jedoch durch die Verfahrenspflegerin, deren eigene
Beobachtungen durch die eingeholten Auskünfte des Kindergartens sowie des
Jugendamts des Landkreises N… bestätigt werden. Im Übrigen entspricht eine solche
Geschwisterbindung, die insbesondere zu dem inzwischen 1 ¾ Jahre alten M…
anzunehmen ist, auch gefestigten entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Dass
eine solche Bindung nicht existiert, weil die jüngeren Kinder überwiegend von Dritten
betreut würden, ist eine bloße nicht nachgewiesene Behauptung des Kindesvaters
geblieben.
Dem von L… – allerdings deutlich – geäußerten Willen, ihren Lebensmittelpunkt bei der
Kindesmutter beibehalten zu wollen, kommt angesichts ihres geringen Alters von gerade
einmal 5 Jahren zwar keine ausschlaggebende Bedeutung zu, er ist jedoch als Ausdruck
einer selbst bestimmten Persönlichkeit, über die auch schon kleinere Kinder, wenn auch
in geringerem Umfang verfügen, zumindest mit zu berücksichtigen. L… hat, wie der
Bericht der Verfahrenspflegerin eindrucksvoll belegt und wie es auch angesichts der
Tatsache, dass L… in den vergangenen fast 2 Jahren ihren Lebensmittelpunkt bei der
Kindesmutter hat, nicht verwundert, inzwischen eine so gefestigte Beziehung zur
Kindesmutter aufgebaut, dass sie dort verbleiben möchte.
Insgesamt spricht die Abwägung aller Belange des Kindeswohls deutlich dafür, das
Sorgerecht der Kindesmutter allein zu übertragen. Die vom Kindesvater ins Feld geführte
angebliche Vernachlässigung des Kindes bei der Kindesmutter kann ebenso wenig
festgestellt werden, wie deren behauptete völlige Überforderung mit der Erziehung von 3
Kindern. Die Befürchtung des Kindesvaters, es würden in Zukunft irreparable Schäden
eintreten, weil die Kindesmutter nicht über die notwendige geistige Reife verfüge,
übertreibt die Defizite der Kindesmutter erheblich, während die eigenen Defizite des
Kindesvaters vernachlässigt werden. Mit der überzeugenden Darstellung der
Sachverständigen geht der Senat davon aus, dass auf Grund der zwischenzeitlich
eingetretenen Entwicklung einem Sorgerecht der Kindesmutter der Vorzug vor dem des
Kindesvaters zu geben ist. Dabei wird keineswegs verkannt, dass vorhandene Defizite
bei der Kindesmutter nicht allein durch den Hinweis auf die Möglichkeit von
Fördermaßnahmen durch Dritte begegnet werden kann. Maßgeblich ist jedoch, dass
angesichts solcher Fördermöglichkeiten derzeit keine Gefährdung für das Kindeswohl bei
einem Verbleib bei der Kindesmutter gesehen werden kann, insbesondere auch auf
Grund ihrer bereits gezeigten Bereitschaft, Hilfe durch staatliche Stellen anzunehmen.
Im Übrigen ist es für die Entwicklung des Kindes am wichtigsten, dass die Bindungen und
Beziehungen zur Kindesmutter sich gefestigt haben und insbesondere die Bindung zur
Kindesmutter und den Geschwistern stärker einzuschätzen ist als diejenige zum
Kindesvater. Eine Herausnahme des Kindes aus der mütterlichen Familie mit der Gefahr
des weitgehenden Beziehungsabbruchs zur Kindesmutter würde das Kindeswohl
dagegen nachhaltig schädigen. Die gesamte Würdigung aller einzubeziehenden Kriterien
spricht daher maßgeblich für die Kindesmutter, weshalb ihr das Sorgerecht allein zu
übertragen war.
Es bleibt zu hoffen, dass die Eltern künftig wenigstens das Umgangsrecht des
Kindesvaters großzügig zu regeln in der Lage sind, wobei sie sich dringend einer
fachkundigen Beratung bedienen sollten. Angesichts der für L… bedeutenden Bindung
zu ihrem Vater und zu den Großeltern väterlicherseits ist es für das Kind besonders
wichtig, ihren Vater und die väterliche Familie oft genug sehen zu können, ohne dass
Druck auf L… ausgeübt wird. Die Kindeseltern müssen sich unter Zurückstellung ihrer
Befindlichkeiten und ihrer persönlichen Schwierigkeiten der Verantwortung stellen,
vernünftige Regelungen zu treffen, die weder das Kind noch den Kindesvater
überfordern. Für den Kindesvater gilt insbesondere, dass dieser versuchen muss, seine
Gefühle gegenüber der Kindesmutter hintanzustellen und gegenüber L… von
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Gefühle gegenüber der Kindesmutter hintanzustellen und gegenüber L… von
herabsetzenden Äußerungen Abstand zu nehmen. Die Kindesmutter wird gehalten sein,
etwaige Provokationen zu unterlassen und auf als provokativ empfundene Äußerungen
des Kindesvaters möglichst nicht einzugehen. Der Kindesvater darf sich insbesondere –
anders als seine Ankündigungen zum Umgang befürchten lassen – im Interesse des
Kindes nicht zurückziehen und muss L… weiter das Gefühl geben, bei ihm ein zweites
Zuhause zu haben, auch wenn die Durchführung des Umgangs angesichts der
Entfernung nur unter erheblichen Belastungen möglich ist.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 13 a Abs.1 Satz 2 FGG, die Entscheidung über die
Festsetzung des Beschwerdewerts auf § 30 Abs. 2 KostO.
Gründe für die Zulassung der Rechtsbeschwerde (§ 574 Abs. 2 ZPO) liegen nicht vor.
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