Urteil des LSG Nordrhein-Westfalen vom 22.01.2004
LSG NRW: wirtschaftliches interesse, ermessen, abgabe, erstellung, krankenversicherung, anwendungsbereich, rechtskraft, verwaltungsverfahren, krankenkasse, verfügung
Datum:
Gericht:
Spruchkörper:
Entscheidungsart:
Vorinstanz:
Sachgebiet:
Tenor:
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Aktenzeichen:
Rechtskraft:
Landessozialgericht NRW, L 16 B 14/03 KR
22.01.2004
Landessozialgericht NRW
16. Senat
Beschluss
L 16 B 14/03 KR
Sozialgericht Düsseldorf, S 34 KR 148/01
Krankenversicherung
rechtskräftig
Auf die Beschwerde des Klägers wird der Beschluss des Sozialgerichts
Düsseldorf vom 05.11.2002 dahin geändert, dass der Gegenstandswert
auf 214.621,86 Euro festgesetzt wird. Im Übrigen wird die Beschwerde
zurückgewiesen.
Gründe:
I.
Der Kläger begehrte im Ausgangsverfahren die Zulassung als Hörgeräteakustiker gemäß §
126 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V). Auf einen entsprechenden Leistungsantrag
des Klägers vom 04.10.1999 erbat die Beklagte von diesem mit Schreiben vom 12.10.1999
diverse Unterlagen bzw. Angaben (u.a. Vorlage des Prüfberichts einer Betriebsbegehung).
Die Beklagte einigte sich sodann mit der AOK Rheinland, dem Landesverband der
Betriebskrankenkassen Nordrhein-Westfalen sowie der IKK Nordrhein darauf, das
Zulassungsverfahren "federführend" zu betreiben. Den Kläger wies sie nachfolgend darauf
hin, dass für eine Entscheidung weiterhin die Prüfberichte einer Betriebsbegehung benötigt
würden. Das von ihm übersandte Gutachten des Medizinischen Dienstes der
Krankenversicherung (MDK) Nordrhein vom 07.09.1998 könne diesen Prüfbericht nicht
ersetzen. Sofern er den Betrieb nicht von der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker
abnehmen lassen wolle, werde anheimgestellt, diesbezüglich einen vereidigten
Sachverständigen in Anspruch zu nehmen.
Mit Schreiben vom 03.01.2000 teilte die Beklagte dem Sozialgericht (SG) Düsseldorf zum
Aktenzeichen S 4 KR 104/99 (in diesem Verfahren - Beklagte die AOK Rheinland -
begehrte der Kläger die Zulassung für die Abgabe von Hilfsmittel an Tinnitus-Erkrankte;
laut Sitzungsniederschrift vom 17.12.1999 erklärte die beklagte AOK Rheinland, die
hiesige Beklagte sei hinsichtlich der Vollzulassung zuständig) mit, dass die
gemeinschaftliche Federführung des weiteren verwaltungsinternen Verfahrens (hinsichtlich
der "Vollzulassung") übernommen worden sei und die Zuständigkeit für die Entscheidung
über den Antrag auf Vollzulassung bestehe. Mit Bescheid vom 17.01.2000 lehnte die
Beklagte den Antrag des Klägers ab, da der erforderliche Nachweis des Erfüllens der
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Mindestanforderung der räumlichen Ausstattung nicht geführt sei und der Kläger es
ablehne, weitere Nachweise zu erbringen. Mit Schreiben vom 26.01.2000 unterrichtete die
Beklagte die AOK Rheinland, den BKK-Landesverband Nordrhein-Westfalen sowie die IKK
Nordrhein, über die Ablehnung und wies darauf hin, dass absprachegemäß in deren
Namen nur bei positiver Beurteilung entschieden hätte werden können. Bei Ablehnung der
Zulassung müsse jede Kassenart selbst entscheiden und das Widerspruchsverfahren
durchführen. Gegen den ablehnenden Bescheid wandte sich der Kläger mit Widerspruch
vom 01.02.2000. Mit Schreiben vom 01.02.2000 bat der BKK-Landesverband Nordrhein-
Westfalen die Beklagte entsprechend der Absprache der Verbandsgeschäftsführer am
24.06.1994 zu verfahren und das Vorverfahren und ggf. anschließend das
Sozialgerichtsverfahren im Rahmen ihrer Federführung durchzuführen. Die IKK Nordrhein
lehnte die Zulassung ihrerseits mit Bescheid vom 02.02.2000 ab. Mit Schreiben vom
09.02.2000 wies die Beklagte die übrigen Verbände darauf hin, dass es ihr nicht möglich
sei, für die anderen Kassenarten einen Widerspruchsbescheid zu erteilen. Der Kläger teilte
unter dem 15.08.2000 mit, dass er nicht bereit sei, einen Mitbewerber als Gutachter zu
akzeptieren. Zugleich bot er der Beklagten an, durch einen ihrer Mitarbeiter den Betrieb zu
besichtigen. Gleichwohl wies die Beklagten den Widerspruch mit Widerspruchsbescheid
vom 23.08.2000 zurück. Zur Begründung führte sie aus, dass der Kläger die
Mindestvoraussetzungen gemäß den Gemeinsamen Empfehlungen der Spitzenverbände
der Krankenkassen nach § 126 Abs. 2 SGB V vom 02.05.1991 nicht nachgewiesen habe.
Im sich anschließenden Klageverfahren einigten sich die Beteiligten über die Erstellung
eines Sachverständigengutachtens nach Betriebsbegehung. Nach Eingang des nach
Gutachtens des Sachverständigen Alo Kramer erteilte die Beklagte mit Bescheid vom
06.12.2001 namens und in Auftrag der IKK Nordrhein sowie des BKK-Landesverbandes
Nordrhein-Westfalen mit sofortiger Wirkung die Zulassung zur Abgabe von Hörhilfen an
Anspruchsberechtigte der Innungskrankenkassen, Betriebskrankenkassen und der
landwirtschaftlichen Krankenkassen für den Betrieb des Klägers. Dieses Anerkenntnis
nahm der Kläger am 17.10.2002 an. Die AOK Rheinland hatte bereits zuvor, allerdings in
Kenntnis des im Auftrag der Beklagten eingeholten Gutachtens des Sachverständigen
Kramer, bereits mit Bescheid vom 24.08.2001 die Zulassung erteilt.
Mit Beschluss vom 05.11.2002 hat das SG Düsseldorf den Gegenstandswert auf 3.300,-
Euro festgesetzt und die außergerichtlichen Kosten des Klägers zur Hälfte der Beklagten
auferlegt. Hinsichtlich der Kostengrundentscheidung hat das SG im Wesentlichen darauf
abgestellt, dass der endgültige Nachweis der räumlichen und ausstattungsmäßigen
Erfordernisse für eine Zulassung gemäß § 126 SGB V erst nach Erstellung des von der
Beklagten veranlassten Gutachtens erbracht worden sei, zum anderen der Kläger der
Beklagten aber bereits vor Abschluss des Vorverfahrens angeboten habe, seinen Betrieb
zu besichtigen. Die Beklagte habe die Möglichkeit gehabt, eine Prüfung durch eigene
Mitarbeiter vorzunehmen. Hinsichtlich des Gegenstandswertes hat das SG Bezug
genommen auf einen Beschluss des BSG vom 07.08.2002 (B 3 KR 26/01 R, vorhergehend
SG Düsseldorf S 4 KR 104/99 s.o.): Das BSG war von einem Gesamtumsatz von 330.000
Euro ausgegangen (Überschuss aus Gesamteinnahmen und Betriebsausgaben während
eines Zeitraums von 5 Jahren). Das SG hat ein Prozent dieser Summe angesetzt, da die
Beklagte ca. ein Prozent der gesetzlich Versicherten betreue.
Mit seiner Beschwerde vom 13.12.2002 gegen den ihm am 13.11.2002 zugestellten
Beschluss begehrt der Kläger die vollständige Kostenbelastung der Beklagten sowie eine
höhere Festsetzung des Gegenstandswertes. Er ist der Auffassung, es komme nicht darauf
an, in welchem prozentualen Verhältnis die Zahl der von der Beklagten betreuten
Versicherten zur Gesamtzahl der Patienten des Klägers stehe. Dass die Beklagte und nicht
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eine andere Kasse die angefochtenen Bescheide erteilt habe, beruhe auf einer internen
Zuständigkeitsregelung der betroffenen Kassen. Die Beklagte ist hingegen der Auffassung,
der Festsetzung des Gegenstandsstreitswertes seien die Kassen anteilig nicht
zuzurechnen, die am vorliegenden Verfahren unbeteiligt gewesen seien. Dies gelte für den
VdAK/AEV, die AOK Rheinland und die Bundesknappschaft. Die BKK und IKK hätten
wegen der Kosten beigeladen und ggf. zur anteiligen Kostentragung verpflichtet werden
müssen. Sie hat Bezug genommen auf die Kostenanteile gemäß offizieller Kassenstatistik
(Stichtag 01.07.2001).
Auf gerichtliche Anfrage hin hat der Kläger mitgeteilt, er habe im Jahr 2002 hinsichtlich des
VdAK 33.150,067 Euro und hinsichtlich der übrigen Kassen 214.621,86 Euro umgesetzt.
Seine Betriebsausgaben hat er nicht dargelegt.
II.
1. Die Kostenentscheidung richtet sich noch nach § 193 Abs. 1 Zweite Alternative
Sozialgerichtsgesetz in der bis zum 01.01.2002 geltenden Fassung, da das vorliegende
Verfahren bereits zu diesem Zeitpunkt rechtshängig war (vgl. BSG, Urteil vom 30.01.2002 -
B 6 KA 12/2001 -).
Danach entscheidet das Gericht auf Antrag durch Beschluss, ob und in welchem Umfang
die Beteiligten einander Kosten zu erstatten haben, wenn das gerichtliche Verfahren
anders als durch Urteil endet. Die Kostenentscheidung des Gerichts ist nach
sachgemäßem Ermessen zu treffen. Zu berücksichtigen sind dabei alle Umstände des
Einzelfalles. Neben dem Maß des tatsächlichen oder mutmaßlichen Obsiegens kann auch
von Bedeutung sein, ob einer oder mehrere Beteiligte anderen durch ihr prozessuales oder
vorprozessuales Verhalten Veranlassung zur Klageerhebung gegeben habe.
Von diesen Grundsätzen ausgehend ist die Kostengrundentscheidung des SG nicht zu
beanstanden. Das SG hat die maßgeblichen tatsächlichen Umstände des Einzelfalles
gewürdigt. Es ist zwar in der Regel billig, dass derjenige die Kosten trägt, der unterliegt.
Einer vollständigen Kostenbelastung der Beklagten steht aber entgegen, dass hier erst im
laufenden Klageverfahren der Nachweis der Zulassungsvoraussetzungen erbracht worden
ist. Dies ist auch dem Kläger anzulasten, da er sich im Verwaltungsverfahren zunächst
geweigert hatte, weitere Nachweise zu erbringen, und schließlich ein
Sachverständigengutachten abgelehnt hatte. Nicht gänzlich unberücksichtigt bleiben kann
hingegen die Tatsache, dass der Kläger bereits vor Abschluss des Verwaltungsverfahrens
seine Bereitschaft erklärt hatte, eine Betriebsbegehung durch einen Mitarbeiter der
Beklagten durchführen zu lassen. Auch dieser Umstand kann hingegen nicht zur vollen
Kostenbelastung der Beklagten führen, denn die Beklagte muss als "Herrin des
Vorverfahrens" angesehen werden und kann auch im Rahmen des von ihr zu beachtenden
Amtsermittlungsgrundsatzes die ihrer Auffassung nach zur Sachverhaltsermittlung
geeigneten Mittel wählen. Jedenfalls ist nicht ersichtlich, und das alleine ist
Prüfungsmaßstab, dass die Entscheidung des SG nicht aufgrund Ausübung sachgemäßen
Ermessens getroffen worden wäre.
2. Hinsichtlich der Festsetzung des Gegenstandstreitwertes konnte der Beschluss des SG
hingegen keinen Bestand haben. Der Gegenstandswert bemisst sich nach § 116 Abs. 2
Bundesgebührenordnung für Rechtsanwälte (BRAGO) i.V.m. § 8 BRAGO. Im
Anwendungsbereich des § 116 Abs. 2 BRAGO ist der Gegenstandswert mangels
einschlägiger Wertvorschriften nach billigem Ermessen zu bestimmen (§ 8 Abs. 2 Satz 2
BRAGO). In Anlehnung an § 13 des Gerichtskostengesetzes ist dabei auf die sich aus dem
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Antrag des Rechtsmittelführers für ihn ergebende Bedeutung der Sache, in der Regel also
auch sein wirtschaftliches Interesse an der erstrebten Entscheidung und deren
Auswirkungen, abzustellen (vgl. hierzu BSG, Beschluss vom 07.08.2002 - B 3 KR 26/2002
R -). Im Verfahren zur Festsetzung des Gegenstandswertes sind grundsätzlich keine
weiteren Ermittlungen anzustellen.
Die Festsetzung des Gegenstandswertes auf 3.300,- Euro entspricht aber nicht annähernd
der wirtschaftlichen Bedeutung des Rechtsstreits für den Kläger. Insoweit ist zu beachten,
dass die Beklagte nach Absprache mit der AOK Rheinland, der IKK Nordrhein sowie dem
BKK-Landesverband Nordrhein-Westfalen federführend (gemäß Besprechungsergebnis
der Verbandsgeschäftsführer vom 24.06.1994) tätig war. Auch wenn sie mit Schreiben vom
09.02.2000 die anderen Verbände darüber in Kenntnis setzte, dass die Ablehnung der
Zulassung und das Widerspruchsverfahrens von jeder Kassenart gesondert erfolgen
müsse, hinderte dies die Beklagte nicht daran, sich im Widerspruchsbescheid weiterhin als
federführende Krankenkasse zu bezeichnen. Dies lässt alleine den Schluss zu, dass eine
positive Entscheidung des Klägers gegenüber der Beklagten Bindungswirkung auch für die
übrigen Verbände nach sich ziehen sollte. Konsequenterweise erteilte die Beklagte die
Zulassung dann mit Bescheid vom 06.12.2001 namens und im Auftrag der IKK Nordrhein
und des BKK-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Dass die AOK Rheinland bereits
zuvor, allerdings in Kenntnis des im Auftrag der Beklagten eingeholten Gutachtens des
Sachverständigen Kramer, bereits mit Bescheid vom 24.08.2001 die Zulassung erteilt hatte,
ist ohne Belang. Die Beklagte selbst hatte sich noch mit Schreiben vom 10.08.2001
offenbar als federführend für die Zulassung angesehen und auch der AOK Rheinland
dieses Gutachten zur Verfügung gestellt und um Mitteilung gebeten, ob diese mit einer
Zulassung auch in deren Namen einverstanden sei. Der tatsächliche Ablauf und die
Erklärungen der einzelnen hier angesprochenen Kassenarten machen, ohne dass es
darauf ankommt, ob andere Kassen beigeladen waren, hinreichend deutlich, dass die
Vollzulassung maßgeblich vom Verfahren gegen die hiesige Beklagte abhing. Ausgehend
von den für das Jahr 2002 übermittelten Umsatzzahlen ist daher ein Streitwert von
214.621,86 Euro anzusetzen. Wie das BSG (a.a.O.) geht auch der Senat mangels Vorlage
konkreter Zahlen zu den Betriebsausgaben von einer Umsatzrendite von 20 v.H. aus, die
für einen Zeitraum von fünf Jahren zu berücksichtigen ist.
Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 177 SGG).