Urteil des LSG Nordrhein-Westfalen vom 02.05.2008
LSG NRW: zumutbare arbeit, firma, schlüssiges verhalten, gemeinsames ziel, wesentlicher nachteil, hauptsache, bus, wohnung, begriff, auflage
Landessozialgericht NRW, L 7 B 321/07 AS ER
Datum:
02.05.2008
Gericht:
Landessozialgericht NRW
Spruchkörper:
7. Senat
Entscheidungsart:
Beschluss
Aktenzeichen:
L 7 B 321/07 AS ER
Vorinstanz:
Sozialgericht Detmold, S 9 AS 213/07 ER
Sachgebiet:
Grundsicherung für Arbeitssuchende
Rechtskraft:
rechtskräftig
Tenor:
Die Beschwerde der Antragsgegnerin gegen den Beschluss des
Sozialgerichts Detmold vom 08.10.2007 wird zurückgewiesen. Die
Antragsgegnerin trägt die außergerichtlichen Kosten des Antragstellers
auch für das Beschwerdeverfahren. Dem Antragsteller wird für die
Durchführung des Beschwerdeverfahrens Prozesskostenhilfe unter
Beiordnung von Rechtsanwalt G aus N ab Antragstellung bewilligt.
Gründe:
1
I.
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Der am 00.00.1985 geborene Antragsteller begehrt im Wege des einstweiligen
Rechtsschutzes die Bewilligung ungekürzter Leistungen nach dem Zweiten Buch
Sozialgesetzbuch (SGB II) für die Zeit vom 01.08.2007 bis zum 31.10.2007.
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1. Die Antragsgegnerin bewilligte ihm mit Bescheid vom 10.01.2007 auf seinen Antrag
vom 17.11.2006 erstmals Leistungen i.H.v. 711 EUR monatlich für die Zeit vom
17.11.2006 bis zum 31.07.2007.
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2. Am 15.03.2007 schloss der Antragsteller eine Eingliederungsvereinbarung mit der
kreiseigenen Beschäftigungsförderungsgesellschaft proArbeit gGmbH, die im
Kreisgebiet des Kreises N für diesen beschäftigungspolitische Aufgaben wahrnimmt.
Darin wurde als gemeinsames Ziel die Integration in den ersten Arbeitsmarkt vereinbart,
das zum 14.09.2007 erreicht werden sollte. In der Vereinbarung verpflichtete sich der
Antragsteller zur Vorlage einer vollständigen Bewerbungsmappe. Darüber hinaus sollte
er sich bis zum 30.03.2007 um die Wiedererlangung der ihm entzogenen Fahrerlaubnis
bemühen und beim Amtsgericht Bielefeld Informationen darüber einholen, ob er ihm
auferlegte Sozialstunden ableisten muss oder Ratenzahlung anbieten kann.
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Am 04.05.2007 schloss die proArbeit gGmbH mit dem Maschinenbau und
Schweißfachbetrieb K, in I für den Antragsteller eine Vereinbarung über die Ableistung
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eines unentgeltlichen Praktikums in der Zeit vom 07.05.2007 bis zum 01.06.2007. Die
finanzielle Sicherung des Lebensunterhalts des Antragstellers, der das Praktikum
vereinbarungsgemäß aufnahm, wurde währenddessen durch die Zahlung von
Arbeitslosengeld II gewährleistet.
Am 29.05.2007 meldete sich der Antragsteller morgens telefonisch bei der proArbeit
gGmbH und teilte mit, dass er die Praktikumsstelle an jenem Tag nicht habe aufsuchen
können, weil er keine Möglichkeit gehabt habe, diese zu erreichen. Seine
Lebensgefährtin, die ihn zuvor täglich mit dem Auto dorthin gefahren habe, habe sich
von ihm getrennt. Geld für eine Busfahrkarte habe er nicht. Der Antragsteller setzte das
Praktikum anschließend nicht fort.
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3. Am 18.06.2007 stellte der Antragsteller bei der Antragsgegnerin einen Antrag auf
Leistungsfortzahlung für die Zeit ab dem 01.08.2007.
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Mit Bescheid vom 02.07.2008 senkte die Antragsgegnerin die Regelleistung i.H.v. 347
EUR für den Zeitraum vom 01.08.2007 bis zum 31.10.2007 um 100 Prozent ab. Zur
Begründung gab sie an, der Antragsteller habe sich trotz Belehrung über die
Rechtsfolgen geweigert, eine zumutbare Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit
aufzunehmen oder fortzuführen und verwies auf § 31 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 Buchst. c) SGB II.
Er habe die Möglichkeit gehabt, zum 01.06.2007 bei dem Maschinenbau und
Schweißfachbetrieb K eine Beschäftigung aufzunehmen. Diese habe er jedoch mit der
Begründung abgelehnt, "eine Busfahrt nach I sei zu umständlich".
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Mit Bescheid vom 27.07.2007, der den Bewilligungszeitraum vom 01.08.2007 bis
31.01.2008 zum Gegenstand hatte, gewährte die Antragsgegnerin dem Antragsteller
entsprechend des Absenkungsbescheides vom 02.07.2007 für den Zeitraum vom
01.08.2007 bis zum 31.10.2008 lediglich Kosten der Unterkunft i.H.v. 366 EUR. Für die
Zeit ab dem 01.11.2007 bewilligte sie Leistungen i.H.v. 713 EUR (347 EUR
Regelleistung, 366 EUR Kosten der Unterkunft).
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4. Der Antragsteller hat am 25.07.2007 einen Eilantrag beim Sozialgericht (SG) Detmold
gestellt und beantragt, die Antragsgegnerin im Wege der einstweiligen Anordnung zu
verpflichten, ihm Leistungen in Form der Regelleistung in voller Höhe nach den
gesetzlichen Bestimmungen über den 31.07.2007 hinaus zu zahlen. Zur Begründung
hat er vorgetragen, er habe sich weder geweigert, eine zumutbare Arbeit auszuüben,
noch eine Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit aufzunehmen. Er sei, nachdem seine
damalige Lebensgefährtin sich von ihm getrennt hatte, nicht in der Lage gewesen, den
in I gelegenen Praktikumsbetrieb zu erreichen. Eine Praktikumsstelle sei darüber hinaus
weder als Arbeit noch als Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit zu qualifizieren. Dies sei
jedoch Voraussetzung des § 31 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 Buchst. c) SGB II, auf den sich die
Antragsgegnerin zur Begründung der Beschränkung der Leistungen auf die Kosten der
Unterkunft berufen habe. Er habe sich auch nicht geweigert, das Praktikum fortzuführen.
Vielmehr habe er die proArbeit gGmbH gebeten, die Kosten für die Busfahrkarte nach I
für die letzte Praktikumswoche zu tragen. Dies sei jedoch mit der Begründung abgelehnt
worden, er könne die Strecke von N nach I von 14 km morgens auch zu Fuß gehen oder
mit dem Fahrrad zurücklegen. Soweit die Antragsgegnerin ihn darauf verwiesen habe,
dass Fahrtkosten bei entsprechendem Nachweis nachträglich übernommen würden,
habe sie übersehen, dass er schon am 29.05.2007 kein Geld für eine Busfahrkarte hatte.
Des Weiteren sei es ihm auch nicht möglich gewesen, die Firma K in I mit dem Bus zu
erreichen, da während der Schulferien eine Busverbindung von N nach I zu den Zeiten,
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zu denen er dort erscheinen musste, nicht existiere. Darüber hinaus sei es unzutreffend,
dass im Anschluss an das Praktikum ab dem 01.06.2007 ein Arbeitsvertrag mit der
Firman K habe geschlossen werden sollen. Dies gehe auch aus den Unterlagen der
Antragsgegnerin nicht hervor. Vielmehr habe der Inhaber der Firma, Herr K, ausweislich
der Gesprächsnotiz der proArbeit gGmbH vom 29.05.2007 geäußert, er habe Zweifel
daran, den Antragsteller einzustellen. Dass die Zweifel auf dem Nichterscheinen des
Antragstellers an einem Praktikumstag beruhten, lasse sich der Gesprächsnotiz aber
nicht entnehmen. Die Antragsgegnerin übersehe, dass er das Praktikum unter großem
Aufwand nahezu vollständig abgeleistet habe. Lediglich am vorletzten Praktikumstag
habe er die Praktikumsstelle nicht erreichen können. Insofern sei es nicht einzig und
allein sein Verschulden, dass es nicht zum Zustandekommen eines
Arbeitsverhältnisses gekommen sei. Insbesondere liege keine Bestätigung der Firma K
vor, aus der sich ergebe, dass er zum 01.06.2007 einen Arbeitsvertrag erhalten hätte,
wenn er am 29.05.2007 zum Praktikum erschienen wäre. Für den Erlass der
einstweiligen Anordnung bestehe auch ein Anordnungsgrund, da er durch den Wegfall
der Regelleistung nicht mehr krankenversichert sei. Des Weiteren lebe er allein in einer
eigenen Wohnung, sodass er sich nicht ernähren könne. Sachleistungen habe die
Antragsgegnerin nicht zur Verfügung gestellt. Auch habe sie nicht darauf hingewiesen,
dass er Sachleistungen wie Verpflegungsgutscheine erhalten könne.
Die Antragsgegnerin hat vorgetragen, dass im Anschluss an das Praktikum ab dem
01.06.2007 zwischen dem Antragsteller und der Firma K ein Arbeitsvertrag zu einem
Stundenlohn von ca. 9 EUR habe geschlossen werden sollen. Bei dem Praktikum mit
anschließendem Arbeitsvertrag handele es sich eindeutig um eine konkrete
Beschäftigungsmöglichkeit. Dem Antragsteller sei in dem Telefonat mit der proArbeit
gGmbH am 29.05.2007 erklärt worden, dass die Fahrtkosten für die Dauer des
Praktikums nachzuweisen seien und sodann übernommen würden. Dies ergebe sich
auch aus Ziffer 3 der Vereinbarung vom 04.05.2007. Darüber hinaus sei er auf die
Möglichkeit eines Vorschusses zum Arbeitslosengeld II bzw. eines Gehaltsvorschusses
hingewiesen und über die Rechtsfolgen bei Zuwiderhandeln gegen die getroffene
Vereinbarung belehrt worden. Ihm sei deutlich gemacht worden, dass es nach
Auffassung der proArbeit gGmbH auch zumutbar sei, die laut Routenplaner ca. 14 km
lange Strecke von seiner Wohnung bis zur Firma K mit dem Fahrrad zurückzulegen. Am
30.05.2007 habe die Firma K mitgeteilt, dass der Antragsteller sich gegen sieben Uhr
gemeldet und erklärt hätte, er müsse mit dem Bus drei Mal umsteigen, um nach I zu
gelangen. Dies sei ihm zu umständlich. Die ausweislich der aus dem Internet
abgerufenen Fahrplanauskunft bestehende Busverbindung von N (Abfahrt um 5:36 Uhr)
nach I (Ankunft um 6:53 Uhr) mit dreimaligem Umsteigen sei zwar nicht optimal, aber
zumutbar. Im Übrigen fahre der Bus von N nach I auch in den Ferien.
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Das Sozialgericht Detmold hat die Antragsgegnerin mit Beschluss vom 08.10.2007, auf
dessen Begründung Bezug genommen wird, im Wege der einstweiligen Anordnung
verpflichtet, an den Antragsteller neben den Kosten der Unterkunft auch Leistungen in
Form der Regelleistung in voller Höhe nach den gesetzlichen Bestimmungen über den
31.07.2007 hinaus zu zahlen.
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5. Gegen den ihr am 10.10.2007 zugestellten Beschluss hat die Antragsgegnerin am
07.11.2007 Beschwerde erhoben.
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Zur weiteren Begründung hat sie ergänzend vorgetragen, dass ein Anordnungsgrund
nicht vorgelegen habe, da dem Antragsteller im Bescheid vom 02.07.2007 (dort Punkt 3.
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Hinweise) Sachleistungen bzw. Gutscheine angeboten worden seien. Wesentliche
Nachteile seien dementsprechend nicht zu befürchten gewesen. Insbesondere bestehe
bei der Gewährung von Sachleistungen bzw. der Kosten der Unterkunft auch
Krankenversicherungsschutz. Im Übrigen sei der Antragsteller seit Februar 2007
familienversichert. Es könne auch nicht damit argumentiert werden, dass durch die
Absenkung der Regelleistung um 100 Prozent der notwendige Unterhalt nicht gedeckt
sei. In § 31 Abs. 3 SGB II sei die Absenkung der Regelleistung um mehr als 30 v.H.
ausdrücklich genannt und die Erbringung von ergänzenden Sachleistungen und
geldwerten Leistungen in angemessenem Umfang als "Kann-Leistung" explizit
vorgesehen. Auch seien die Kosten für Unterkunft und Heizung gewährt worden. Soweit
der Beschluss des SG sie zur Zahlung der vollen Regelleistung verpflichte, liege ein
Verstoß gegen die Vorwegnahme der Hauptsache vor. Es sei auch kein
Anordnungsanspruch gegeben gewesen, da die Antragsgegnerin das Vorliegen der
Voraussetzungen des § 31 SGB II durch das Schreiben der Firma K vom 30.05.3007 an
die proArbeit gGmbH glaubhaft gemacht habe. Insbesondere sei diesem Schreiben zu
entnehmen, dass ab dem 01.06.2007 mit dem Antragsteller ein Arbeitsvertrag
geschlossen werden sollte. Im Übrigen könne auch dahingestellt bleiben, ob der
Antragsteller tatsächlich einen Arbeitsvertrag erhalten hätte. Denn der Abbruch des
Praktikums sei jedenfalls unter dem Gesichtspunkt der Weigerung, eine Ausbildung etc.
fortzuführen, für die Absenkung des Arbeitslosengeldes ausreichend.
Der Antragsteller hält die erstinstanzliche Entscheidung für zutreffend und hat
ergänzend vorgetragen, dass ein Anordnungsgrund gegeben sei. Die Antragsgegnerin
habe in dem Bescheid vom 02.07.2007 lediglich darauf hingewiesen, dass die
Möglichkeit bestehe, in angemessenem Umfang ergänzende Sachleistungen zu
erbringen, die sie in der Regel dann erbringe, wenn der Hilfebedürftige mit
minderjährigen Kindern in einer Bedarfsgemeinschaft lebe. Dies sei bei ihm aber nicht
der Fall. Die Antragsgegnerin habe ihn auch nicht darauf hingewiesen, dass er
Sachgutscheine bei ihr abholen könne.
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II.
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Die Beschwerde der Antragsgegnerin, der das SG Detmold mit Beschluss vom
10.12.2007 nicht abgeholfen hat, ist zulässig, in der Sache jedoch unbegründet.
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1. Der Antrag des Antragstellers auf Bewilligung der Regelleistung für die Monate
August 2007 bis einschließlich Oktober 2007 war zulässig, insbesondere als Antrag auf
Erlass einer einstweiligen Anordnung i.S.d. § 86b Abs. 2 S. 2 Sozialgerichtsgesetz
(SGG) statthaft.
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Der Antragsteller konnte sein Rechtsschutzbegehren nicht durch einen auf Anordnung
der aufschiebenden Wirkung seines Widerspruchs gegen den Absenkungsbescheid
vom 02.07.2007 gerichteten Antrag gemäß § 86b Abs. 1 S. 1 Nr. 2 SGG erreichen. Zwar
ist in den Fällen, in denen die Absenkung der Regelleistung dem (auch) den
Absenkungszeitraum betreffenden Bewilligungsbescheid zeitlich nachfolgt und der
Sanktionsbescheid dementsprechend in den Bestand der bereits erfolgten Bewilligung
eingreift, regelmäßig nur ein Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung des
Widerspruchs i.S.d. § 86b Abs. 1 S. 1 Nr. 2 SGG statthaft. Denn in diesen Fällen wird
keine Erweiterung der Rechtsstellung über den bei Erlass des Sanktionsbescheides
bestehenden Zustand hinaus angestrebt (vgl. LSG Niedersachsen-Bremen, Beschluss
vom 30.01.2006, L 9 AS 17/06 ER, Juris), da die Anordnung der aufschiebenden
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Wirkung des Widerspruchs zur Folge hat, dass der Sanktionsbescheid nicht zu
vollziehen ist und dem Berechtigten die begehrte Leistung bereits aus der (ungekürzten)
Bewilligungsentscheidung zusteht (vgl. LSG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom
17.11.2006, L 19 B 75/06 AS ER, Juris). Dies gilt jedoch nicht für den hier gegebenen
Fall, in dem die Absenkung der Regelleistung zeitlich vor der Bewilligungsentscheidung
für den Absenkungszeitraum erfolgt und im Bewilligungsbescheid für diesen Zeitraum
lediglich die gekürzten Leistungen bewilligt werden. In diesen Fällen kann der
Hilfebedürftige sein Begehren durch die Anordnung der aufschiebenden Wirkung seines
Widerspruchs gegen den Absenkungsbescheid nicht erreichen.
2. Der Antrag war auch begründet.
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a) Gemäß § 86b Abs. 2 S. 2 SGG sind einstweilige Anordnungen zur Regelung eines
vorläufigen Zustandes in Bezug auf ein streitiges Rechtsverhältnis zulässig, wenn eine
solche Regelung zur Abwendung wesentlicher Nachteile notwendig erscheint
(Regelungsanordnung). Der Erlass einer einstweiligen Anordnung setzt dabei neben
dem Bestehen eines Anordnungsanspruchs, d.h. eines materiellen Anspruchs auf die
begehrte Leistung, auch das Vorliegen eines Anordnungsgrundes voraus. Ein solcher
Anordnungsgrund besteht, wenn die Anordnung zur Abwendung wesentlicher Nachteile
nötig erscheint (vgl. § 86b Abs. 2 S. 2 SGG). Ein wesentlicher Nachteil in diesem Sinne
ist insbesondere gegeben, wenn das Abwarten der Entscheidung in der Hauptsache
nach Abwägung aller betroffenen Interessen für den Antragsteller unzumutbar ist, weil
ohne die einstweilige Anordnung seine wirtschaftliche Existenz oder der Fortbestand
seiner Lebensgrundlage gefährdet wäre (Keller in Meyer-Ladewig/Keller/Leitherer,
SGG, 8. Auflage 2005, § 86b Rn. 28). Können ohne die Gewährung vorläufigen
Rechtsschutzes schwere und unzumutbare, anders nicht abwendbare
Beeinträchtigungen entstehen, die durch das Hauptsacheverfahren nicht mehr zu
beseitigen wären, sind die Erfolgsaussichten der Hauptsache nicht nur summarisch,
sondern abschließend zu prüfen. Scheidet eine vollständige Aufklärung der Sach- und
Rechtslage im Eilverfahren aus, ist auf der Grundlage einer an der Gewährung eines
effektiven Rechtsschutzes orientierten Folgenabwägung zu entscheiden (BVerfG,
Beschluss vom 12.05.2005, 1 BvR 569/05, BVerfGK 5, 237 = NVwZ 2005, S. 927).
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b) Das SG hat zu Recht das Bestehen eines Anordnungsanspruchs festgestellt.
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Der Antragsteller hatte gemäß § 20 Abs. 1 und 2 SGB II auch für den Zeitraum vom
01.08.2007 bis 31.10.2007 einen Anspruch auf die Regelleistung zur Sicherung des
Lebensunterhalts i.H.v. 347 EUR monatlich. Denn es steht nicht zur Überzeugung des
Senats fest, dass die Voraussetzungen des § 31 Abs. 5 i.V.m. Abs. 1 SGB II für die
Beschränkung des Arbeitslosengeldes II auf die Leistungen für Unterkunft und Heizung
gegeben waren. Der Sanktionsbescheid vom 02.07.2007 ist bei summarischer Prüfung
rechtswidrig und daher mit Erfolg anfecht- und aufhebbar.
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aa) Gemäß § 31 Abs. 5 S. 1 SGB II wird bei erwerbsfähigen Hilfebedürftigen, die das 15.
Lebensjahr, aber noch nicht das 25. Lebensjahr vollendet haben, das Arbeitslosengeld
II unter den in den Absätzen 1 und 4 genannten Voraussetzungen auf die Leistungen
nach § 22 SGB II beschränkt, wobei die nach § 22 Abs. 1 SGB II angemessenen Kosten
für Unterkunft und Heizung an den Vermieter oder andere Empfangsberechtigte gezahlt
werden sollen. § 31 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c) SGB II sieht eine Leistungsabsenkung
insbesondere vor, wenn der erwerbsfähige Hilfebedürftige sich trotz Belehrung über die
Rechtsfolgen weigert, eine zumutbare Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit
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aufzunehmen oder fortzuführen.
Der Verweigerungshandlung muss dabei im Falle der verweigerten Arbeitsaufnahme
notwendigerweise ein Angebot zur Aufnahme einer bestimmten Beschäftigung
vorausgehen (Valgolio in Hauck-Noftz, SGB II, K § 31 Rn. 50 (Stand: November 2007)).
Dies setzt nicht voraus, dass der Leistungsträger die Arbeitsgelegenheit unterbreiten
muss. § 31 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 Buchst. c) SGB II erstreckt sich auf Beschäftigungsangebote
eines Arbeitgebers und solche Tätigkeiten, auf die der Hilfebedürftige selbst
aufmerksam geworden ist (Berlit in LPK-SGB II, 2. Auflage 2007, § 31 Rn. 33).
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(1) Entgegen der Ansicht der Antragsgegnerin hat sich der Antragsteller durch den
Abbruch des Praktikums nicht geweigert, eine Arbeit, Ausbildung oder
Arbeitsgelegenheit fortzuführen. Denn bei dem unentgeltlichen Praktikum handelt es
sich nicht um eine Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit im Sinne des § 31 Abs. 1
Nr. 1 Buchst. c) SGB II.
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Unter Berücksichtigung der Wertung des § 10 Abs. 1 und des § 2 Abs. 2 S. 2 SGB II ist
"Arbeit" in diesem Sinne jede (lohn-)abhängige Erwerbstätigkeit, die
sozialversicherungsrechtlich ein (sozialversicherungspflichtiges)
Beschäftigungsverhältnis konstituiert (Rixen in Eicher/Spellbrink, SGB II, 2. Auflage
2008, § 10 Rn. 25). Ein Praktikum, für das kein Entgelt oder Lohn gezahlt wird, erfüllt
diese Kriterien nicht. Dies folgt bereits aus § 2 Abs. 2 S. 2 SGB II, der bestimmt, dass
erwerbsfähige Hilfebedürftige ihre Arbeitskraft zur Beschaffung ihres Lebensunterhalts
einzusetzen haben. Da unentgeltliche Tätigkeiten diesen Zweck (unmittelbar) nicht zu
erreichen vermögen, sind sie insofern auch nicht als "Arbeit" i.S.d. §§ 10 und 31 SGB II
zu qualifizieren.
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Ein Praktikum ist auch keine Ausbildung im oben genannten Sinne. Denn der Begriff der
Ausbildung betrifft die Berufsausbildung (Rixen a.a.O., § 10 Rn. 27).
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Das unentgeltlich zu absolvierende Praktikum stellt schließlich auch keine
Arbeitsgelegenheit i.S.d. § 31 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c) SGB II dar. Denn der Begriff der
Arbeitsgelegenheit in diesem Sinne bezieht sich auf alle Arbeitsgelegenheiten gemäß §
16 SGB II, wobei damit insbesondere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und
Arbeitsgelegenheiten gemeint sind, die mit Hilfe von Eingliederungszuschüssen
geschaffen werden (Rixen a.a.O., § 31 Rn. 15).
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(2) Durch den Abbruch des Praktikums hat sich der Antragsteller auch nicht geweigert,
eine zumutbare Arbeit aufzunehmen. Zwar ergeben sich aus dem Fax des Inhabers der
Firma K an die proArbeit gGmbH vom 30.05.2007 durchaus Anhaltspunkte für seine
grundsätzliche Bereitschaft, ab dem 01.06.2007 einen Arbeitsvertrag mit dem
Antragsteller abzuschließen. Allerdings hat die hierfür materiell beweispflichtige
Antragsgegnerin nicht mit der für die Glaubhaftmachung erforderlichen überwiegenden
Wahrscheinlichkeit dargetan, dass dem Antragsteller von der Firma K zum 01.06.2007
tatsächlich ein konkretes Beschäftigungsangebot unterbreitet wurde. Sie hat
insbesondere nicht vorgetragen, wann und unter welchen Umständen dem Antragsteller
der Abschluss eines Arbeitsvertrages angeboten worden sein soll und zu welchen
konkreten Arbeitsbedingungen das Beschäftigungsverhältnis geschlossen werden
sollte.
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(3) Selbst wenn dem Antragsteller von der Firma K zum 01.06.2007 der Abschluss eines
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Arbeitsvertrages angeboten worden sein sollte, steht jedenfalls nicht zur Überzeugung
des Senats fest, dass der Antragsteller sich geweigert hat, die Arbeit zum 01.06.2007
aufzunehmen.
Der Begriff des "Weigerns" bedeutet im Rahmen des § 31 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 Buchst. c)
SGB II die vorsätzliche Nichtaufnahme einer angebotenen Arbeit, wobei eine
Weigerung auch konkludent in einem auf Nichtannahme der Arbeit angelegten
Verhalten zu sehen sein kann, mit dem der Eindruck erweckt wird, dass der Betroffene
unwillens ist, die Arbeit aufzunehmen (Rixen a.a.O., § 31 Rn. 17, 14, 9 f.) Bei der
Weigerung durch schlüssiges Verhalten muss das dem Hilfebedürftigen zurechenbare
Handeln oder Unterlassen den sicheren Schluss erlauben, dass er eine bestimmte
Arbeit, Ausbildung oder Beschäftigung nicht (mehr) ausüben will (Berlit a.a.O., § 31 Rn.
34). Der Ablehnungswille muss sich also eindeutig und zweifelsfrei aus dem
Gesamtverhalten des Arbeitsuchenden ergeben (Valgolio, a.a.O., § 31 Rn. 52), wobei
der Leistungsträger dafür die materielle Darlegungslast trägt (Berlit, a.a.O., § 31 Rn. 34).
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Ausgehend von diesen Grundsätzen kann zwar auch das unentschuldigte Fehlen
während eines Praktikums die schlüssige Ablehnung eines im Anschluss daran
angebotenen Arbeitsverhältnisses darstellen. Dies ist jedoch anhand der konkreten
Umstände des Einzelfalls zu beurteilen, wobei insbesondere die Hintergründe für das
Nichterscheinen zu berücksichtigen sind.
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Die Ablehnung des Erscheinens im Betrieb mit Hinweis auf die Umständlichkeit der
Busverbindung erfüllt dabei zwar die Voraussetzungen des "Weigerns" im oben
genannten Sinne. Denn ein solches Verhalten lässt den sicheren Schluss zu, dass der
Arbeitsuchende unwillens ist, die Arbeit aufzunehmen. Dass der Antragsteller
(ausschließlich) auf Grund der ungünstigen Busverbindung am 29.05. und am
30.05.2007 nicht bei der Firma K erschienen ist und mit Hinweis darauf eine weitere
Tätigkeit abgelehnt hat, ist von der darlegungspflichtigen Antragsgegnerin jedoch nicht
mit der für die Glaubhaftmachung erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit
dargetan worden. Insbesondere das sehr kurz und allgemein gehaltene Fax des
Firmeninhabers vom 30.05.2007 ist angesichts des Inhalts der Vorsprache des
Antragstellers bei der proArbeit gGmbH am 29.05.2007 jedenfalls allein kein geeigneter
Nachweis für eine generelle Ablehnung des vermeintlichen Arbeitsangebotes.
Insbesondere steht das im Fax beschriebene Verhalten des Antragstellers im
Widerspruch zu seinem Auftreten gegenüber der proArbeit gGmbH. Denn dieses deutet
vielmehr auf seine Bereitschaft hin, den Pflichten aus dem Praktikumsvertrag
nachzukommen. Der Antragsteller hat nämlich unstreitig in der Vorsprache vom
29.05.2007 bei der proArbeit gGmbH die Gründe für das erstmalige Nichterscheinen
beim Praktikum dargelegt und sich nach der Übernahme der Kosten für die Busfahrkarte
zum Praktikumsbetrieb erkundigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er insbesondere von dem
22 Tage dauernden Praktikum bereits 19 Tage absolviert. Insofern lässt das durch die
proArbeit gGmbH dokumentierte Verhalten des Antragstellers unter Berücksichtigung
aller Umstände des Einzelfalls nicht den für ein "Weigern" erforderlichen sicheren und
zweifelsfreien Schluss zu, dass er unwillens war, ein Beschäftigungsverhältnis mit dem
Praktikumsbetrieb einzugehen.
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bb) Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Sanktionsbescheides vom 02.07.2007 bestehen
auch deshalb, weil es an der erforderlichen Ermessenasuübung fehlt. Gemäß § 31 Abs.
6 Satz 2 SGB II kann der Grundsicherungsträger bei jungen Erwachsenen die Sanktion
unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls auf sechs Wochen verkürzen. Es
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handelt sich hierbei um eine Ermessensentscheidung (Rixen a.a.O., § 31 Rn. 57; vgl.
Beschluss des erkennenden Senats vom 14.03.2008, L 7 B 27/08 AS ER). Es ist nicht
erkennbar, dass die Antragsgegnerin ihr Ermessen erkannt und sodann pflichtgemäß
ausgeübt hat.
c) Der für den Erlass der einstweiligen Anordnung erforderliche Anordnungsgrund war
ebenfalls gegeben. Dies hat das SG zu Recht festgestellt.
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Denn der Antragsteller lebt in einer eigenen Wohnung und verfügt über keine weiteren
Einnahmen, die es ihm ermöglicht hätten, seinen Lebensunterhalt (insbesondere die
Grundversorgung mit Nahrungsmitteln) für die Dauer von drei Monaten sicherzustellen.
Soweit die Antragsgegnerin darauf verweist, dass dem Antragsteller im Bescheid vom
02.07.2007 unter Punkt 3. zur Grundversorgung Sachleistungen angeboten worden
seien, die auch hätten erbracht werden können, führt dies nicht zu einer anderen
Beurteilung. Die Erwähnung der möglichen Gewährung von Sachleistungen oder
geldwerten Vorteilen unter der Überschrift "Hinweis zu ihren Rechten" stellt entgegen
der Ansicht der Antragsgegnerin kein Angebot von Sachleistungen dar, die der
Antragsteller hätte beanspruchen können. Denn der gemäß § 31 Abs. 5 S. 6 SGB II
anwendbare Abs. 3 S. 6 der Vorschrift, der die Erbringung von angemessenen
Sachleistungen und geldwerten Leistungen ermöglicht, räumt dem Träger Ermessen
ein. Insoweit war die Antragsgegnerin jedenfalls zur Gewährung entsprechender
Leitungen nicht verpflichtet.
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Soweit die Antragsgegnerin der Ansicht ist, die Verpflichtung zur Zahlung der vollen
Regelleistung verstoße gegen das Verbot der Vorwegnahme der Hauptsache, ist ein
solcher nicht gegeben. Von einer Vorwegnahme der Hauptsache kann nur gesprochen
werden, wenn die Entscheidung nachträglich nicht mehr für die Vergangenheit
korrigierbar ist (Keller, a.a.O. § 86b Rn. 31). Dies ist bei der Verurteilung zur vorläufigen
Gewährung von Sozialleistungen nur der Fall, wenn eine Rückforderung
ausgeschlossen ist (Keller, a.a.O.) Die Antragsgegnerin hat jedoch die Möglichkeit, die
vorläufig zu gewährenden Leistungen zurückzufordern, sofern der Antragsteller im
Hauptsacheverfahren unterliegen sollte.
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3. Der Senat sah sich nicht veranlasst, den Tenor des Beschlusses des SG klarstellend
neu zu fassen. Zwar verpflichtet dieser die Antragsgegenerin zur Zahlung auch der
Regelleistung "über den 31.07.2007 hinaus". Den Beschlussgründen (dort insb. Seite 3
oben) ist jedoch zu entnehmen, dass sich diese Verpflichtung - entsprechend der
ausgesprochenen Sanktion - auf den Zeitraum (nur) bis zum 31.10.2007 bezieht.
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4. Da die Antragsgegenerin Beschwerde erhoben hat, war dem Antragsteller
Prozesskostenhilfe auch für das Beschwerdeverfahren zu bewilligen (§ 73a Abs. 1 S. 1
SGG i.V.m. § 119 Abs. 1 S. 2 Zivilprozessordnung (ZPO).
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5. Die Kostenentscheidung beruht auf einer entsprechenden Anwendung des § 193
Abs. 1 SGG.
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6. Dieser Beschluss ist nicht mit der Beschwerde anfechtbar (§ 177 SGG).
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