Urteil des LSG Niedersachsen-Bremen vom 08.02.2002, L 6 U 29/01

Aktenzeichen: L 6 U 29/01

LSG Nsb: arbeitsunfähigkeit, unfallversicherung, arthrose, auskunft, arbeitsunfall, niedersachsen, unfallfolgen, zustand, berufskrankheit, resektion

Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen

Urteil vom 08.02.2002 (nicht rechtskräftig)

Sozialgericht Aurich S 3 U 67/99

Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen L 6 U 29/01

Die Berufung des Klägers gegen den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Aurich vom 11. Dezember 2000 wird zurückgewiesen. Kosten sind nicht zu erstatten. Die Revision wird nicht zugelassen.

Tatbestand:

Der Kläger begehrt die Anerkennung von Unfallfolgen sowie die Zahlung von Verletztenrente und die Übernahme von Behandlungskosten.

Der im Oktober 1966 geborene Kläger erlitt am 14. September 1997 bei seiner Tätigkeit als Vertragsamateurfußballspieler für den TUS B. einen Unfall. Er blieb mit dem Fuß im Rasen hängen und verdrehte sich dabei das rechte Kniegelenk (Auskunft der Barmer Ersatzkasse vom 20. November 1997, Unfallanzeige des Vereins vom 23. Dezember 1997). Er suchte am 15. September 1997 den Durch-gangsarzt Dr. C. auf, der einen Außenmeniskusrestschaden bei retropatellarem sowie lateralem Knorpelschaden im Sinne einer Chondromalazie retropatellar zum Teil Grad IV, lateral, femoral als auch tibial Grad III des rechten Kniegelenks diagnostizierte. Es bestand eine deutliche Ergussbildung mit Schwellung. Bei der am 01. Oktober 1997 durchgeführten Arthroskopie wurde eine Resektion des eingerissenen randständigen Außenmeniskusrestes vorgenommen (Berichte vom 03. Dezember 1997, 01. Oktober 1997 und 30. Januar 1998). Es bestand ein Zu-stand nach offener Teilresektion des Außenmeniskusrestes rechts aus dem Jah-re 1986 sowie eine mäßige Arthrose des rechten oberen Sprunggelenks. Den Einriss im Außenmeniskusrest führte Dr. C. auf das Ereignis vom 14. September 1997 zurück, hingegen sah er die retropatellare Chondromalazie Grad III - IV bei Zustand nach offener Extirpation eines Patellafragmentes sowie eine mediale Chondromalazie Grad III bei Zustand nach älterer offener Teilresek-tion des Außenmeniskus als älteren Datums und damit als unfallfremde Entwick-lung an. Dr. C. bescheinigte Arbeitsunfähigkeit bis 10. Oktober 1997 und Behandlungsbe-dürftigkeit bis 14. Oktober 1997, der Kläger nahm am 11. Oktober 1997 seine Tätigkeit als Verwaltungsangestellter bei der Samtgemeinde B. wieder auf.

Wegen eines im Beitrittsgebiet erlittenen und vom FDGB anerkannten und ent-schädigten Arbeitsunfalls vom 03. März 1987 hatte der Kläger im Beitrittsgebiet Verletztenrente bezogen.

Nach einer Stellungnahme des beratenden Arztes Dr. D. vom 26. Februar 1998 stellte die Beklagte mit Bescheid vom 12. Oktober 1998 fest, dass der Unfall vom 14. September 1997 einen Einriss in dem nach einer offenen Außenmeniskusteil-resektion 1986 verbliebenen Außenmeniskusrest rechts mit einer Arbeitsunfähig-keit bis 10. Oktober 1997 verursacht habe. Die darüber hinaus festgestellten Be-schwerden seien jedoch Folge der unfallunabhängigen Knorpelschäden am rechten Kniegelenk. Eine Entschädigungspflicht bestehe nicht.

Im Widerspruchsverfahren gab der Kläger an, dass sich durch den Unfall die Knorpelschäden so verschlimmert hätten, dass er seine sportliche Laufbahn im Fußball habe beenden müssen. Die fehlenden Kniebeschwerden vor dem Unfall vom 14. September 1997 belegten den Zusammenhang zwischen diesem Unfall und seinen Beschwerden. Mit Widerspruchsbescheid vom 21. April 1999 wies die Beklagte den Widerspruch als unbegründet zurück.

Hiergegen hat der Kläger am 20. Mai 1999 Klage erhoben. Entgegen der Auffas-sung der Beklagten sei von einer unfallbedingten Behandlungsbedürftigkeit bis 30. April 1998 auszugehen. Die bis 10. Oktober 1997 bescheinigte Arbeitsunfä-higkeit habe sich auf seine Tätigkeit als Verwaltungsangestellter bezogen, die mit seiner versicherten Tätigkeit als Vertragsamateurfußballspieler nichts zu tun habe. Wegen der Unfallfolgen - einer verminderten Belastungsfähigkeit und einer dauernden Bewegungseinschränkung - habe er seine Tätigkeit als Fußballspieler beim TUS B. im Juni 1998 aufgeben müssen.

Das Sozialgericht (SG) hat den Befundbericht des Arztes E. vom 15. September 1999 und des Dr. C. vom 25. Oktober 1999, der eine Arbeitsun-fähigkeit als Vertragsfußballer bis 15. November 1997 bescheinigte, beigezogen. Anschließend ist das Gutachten des Dr. F. vom 24. März 2000 erstattet worden.

Mit Gerichtsbescheid vom 11. Dezember 2000 hat das SG Aurich die Klage ab-gewiesen. Es könne offen bleiben, ob

der Einriss des Außenmeniskusrestes Fol-ge des Unfalls vom 14. September 1997 sei - was Dr. F. bezweifele - , denn die Beklagte habe diese Schädigung als Unfallfolge anerkannt. Die über den 10. Oktober 1997 hinaus bestehenden Beschwerden seien jedoch nach der ü-bereinstimmenden Einschätzung der Dres. G. auf den unfallunabhängigen Knor-pelschaden zurückzuführen. Die Entwicklung eines derart ausgeprägten Knor-pelschadens binnen weniger Tage sei nicht möglich. Der Unfall vom 14. September 1997 habe auch nicht zu einer richtunggebenden Verschlimme-rung geführt, da sich eine traumatische Veränderung der Knorpelstrukturen mit blutiger Imbibierung, Abhebung von Knorpelschuppen oder Einblutungen im Knochengewebe nicht habe bestätigen lassen.

Gegen diesen ihm am 22. Dezember 2000 zugestellten Gerichtsbescheid hat der Kläger am 18. Januar 2001 Berufung eingelegt. Er trägt vor, das SG Aurich habe die neuere Rechtsprechung des BSG zur Gelegenheitsursache unzureichend gewürdigt. Als Erstdiagnose sei bei ihm eine deutliche Ergussbildung festgehalten worden, dieser Erguss sei von Dr. C. punktiert, von Dr. F. aber nicht berücksich-tigt worden. Dieser Vorgang sei im OP-Bericht nicht ausdrücklich erwähnt wor-den. Es sei entscheidungserheblich, ob die Schädigung des Außenmeniskus unfallbedingt sei, da diese immer sekundär arthrotische Veränderungen nach sich ziehe, wenn Beschwerdefreiheit vor dem Unfall bestehe, ein geeignetes Trauma vorliege, unmittelbar danach die Arbeitsniederlegung erfolge und eine Ergussbil-dung aufgetreten sei sowie Knochenverletzungen an der Patella, die die Aner-kennung als Unfallfolge erleichtern, bestehen. Nur die letzte Voraussetzung sei bei ihm nicht gegeben, da es sich um ein Verdrehtrauma handele. Seien bei ei-nem Meniskusriss sowohl eine Unfalleinwirkung, als auch degenerative Verände-rungen als Ursache in Betracht zu ziehen, müsse die wesentlich mitwirkende Teilursache festgestellt werden. Er beziehe sich auf ein Gutachten des Dr. H. vom 03. Januar 2001, das bisher keine Berücksichtigung gefunden habe.

Der Kläger beantragt,

1. den Gerichtsbescheid des SG Aurich vom 11. Dezember 2000 aufzuheben und den Bescheid der Beklagten vom 12. Oktober 1998 in Gestalt des Wider-spruchsbescheides vom 21. April 1999 zu ändern,

2. festzustellen, dass die Beschwerden im Bereich des rechten Kniegelenks Fol-gen des Arbeitsunfalls vom 14. September 1997 sind,

3. die Beklagte zu verurteilen, ihm wegen der über den 10. Oktober 1997 bzw. 14. Oktober 1997 hinausgehenden Arbeitsunfähigkeit und Behandlungsbe-dürftigkeit Entschädigungsleistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung zu gewähren.

Die Beklagte beantragt,

die Berufung des Klägers gegen den Gerichtsbescheid des SG Aurich vom 11. Dezember 2000 zurückzuweisen.

Die Beklagte trägt vor, dass Dr. F. nicht von falschen Tatsachen ausgegangen sei: Er erwähne mehrfach die unmittelbar nach dem Unfall festgestellte Erguss-bildung. Die pauschale Aussage des Dr. H. rechtfertige keine andere Beurteilung.

Der Kläger hat das für eine private Versicherung erstattete Gutachten des Dr. H. vom 03. Januar 2001 vorgelegt, der den Mitwirkungsanteil des Unfalls vom 14. September 1997 an der vorbestehenden Arthrose mit 50 % einschätzte. Der Senat hat eine Auskunft der BEK, der AOK sowie Befundberichte des Dr. I. vom 18. Dezember 2001 und des Dr. J. vom 8. Januar 2002 eingeholt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sachverhaltes wird auf die Verwaltungsakte der Beklagten und die Gerichtsakte Bezug genommen, die Gegenstand der mündlichen Verhandlung und Beratung gewesen sind.

Entscheidungsgründe:

Die statthafte Berufung ist form- und fristgerecht eingelegt und damit zulässig. Sie ist jedoch unbegründet.

Das SG und die Beklagte haben zutreffend entschieden, dass der Kläger wegen der Folgen des Unfalls vom 14. September 1997 keinen Anspruch auf Entschädi-gung aus der gesetzlichen Unfallversicherung nach den §§ 8 SGB VII hat.

Entgegen der Auffassung des Klägers kann dahingestellt bleiben, ob der am 15. September 1997 festgestellte Einriss des Außenmeniskusrestes tatsächlich Folge des Unfalls vom 14. September 1997 ist. Zweifel bestehen hinsichtlich der Ausführungen des Dr. F., nach denen es für eine isolierte Ruptur des Außenme-niskus - wie vorliegend - erheblicher lokaler Kräfte bedürfe, die gleichzeitig auch eine Innenbanddehnung oder -zerrung hervorgerufen hätten, die hier aber gera-de nicht besteht. Diese Einschätzung des Dr. F. steht im Einklang mit den allge-meinen unfallmedizinischen Erfahrungsgrundsätzen, wonach es keinen isolierten Meniskusriss, dh einen Einriss ohne

Verletzung auch der benachbarten Struktu-ren des Meniskus, gibt (Ludolph, Ärztliche Begutachtung, Abschnitt VI.1.2.1. S. 9; Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 6. Aufl 1998, S. 651). Da die Beklagte diesen Einriss gestützt auf die Einschätzung des den Kläger un-mittelbar nach dem Unfall behandelnden Dr. C. als Unfallfolge bescheidmäßig anerkannt hat, ist diese Unfallfolge aber nicht streitig. Dieser Einriss hat aber nach der übereinstimmenden Einschätzung der Dres. G. lediglich zu der von der Beklagten bereits anerkannten Arbeitsunfähigkeit bis 10. Oktober 1997 geführt. Dagegen sind die ausgeprägten, bei der Arthroskopie vom 01. Oktober 1997 diagnostizieren Knorpelveränderungen der Retropatellarregion und des äußeren Kniegelenkskompartimentes erheblichen Ausmaßes keine Folgen des Unfalls vom 14. September 1997, da diese sich grundsätzlich in einem wesentlich länge-ren Zeitraum - und nicht wie hier binnen weniger Tage - entwickeln und deshalb von Dres. K. überzeugend als vorbestehend bezeichnet worden sind.

Es lässt sich mit der im Recht der gesetzlichen Unfallversicherung erforderlichen hinreichenden Wahrscheinlichkeit nicht feststellen, dass die von dem Kläger über den 10. Oktober 1997 hinaus geltend gemachten Beschwerden - eine Muskel-verschmächtigung des rechten Beines von 2-1 cm, eine geringgradige Ergussbil-dung des rechten Kniegelenks mit Kapselschwellung sowie eine Bewegungsein-schränkung von 125-5-0 bei Flexion/Extension - auf den Unfall vom 14. September 1997 zurückzuführen sind. Insbesondere kann als Ursache dieser Beschwerden nicht der von der Beklagten als Unfallfolge festgestellte Außenmeniskuseinriss herangezogen werden. Dres. G. haben insoweit übereinstimmend und überzeugend dargelegt, dass die bei dem Kläger bereits unmittelbar nach dem Unfall bestehenden ausgeprägten Knorpelveränderungen der Retropatellarregion und des femoropatellaren Gleitla-gers das Beschwerdebild hinreichend erklären (Gutachten Dr. F., S. 26). Diese Knorpelveränderungen aber sind nicht Folge des Außenmeniskusteilreinrisses, unterstellt, dieser ist am 14. September 1997 eingetreten. Dabei ist unerheblich, dass der Kläger nach seinen Angaben vor dem Unfall vom 14. September 1997 über keinerlei Beschwerden von Seiten des rechten Knie-gelenks geklagt hat. Denn derartige Knorpelschäden können über einen längeren Zeitraum klinisch stumm bleiben. Das bloße zeitliche Zusammentreffen zwischen Unfall und Auftreten der Beschwerden reicht für die Annahme des Kausalzu-sammenhangs nicht aus.

Es lässt sich auch nicht hinreichend wahrscheinlich machen, dass diese Knorpel-veränderungen durch das Ereignis vom 14. September 1997 wesentlich ver-schlimmert worden sind. Insbesondere lässt sich nicht feststellen, dass es nach dem Unfall zu traumatischen Veränderungen der Knorpelstrukturen in Gestalt von blutigen Imbibierungen, Abhebungen von Knorpelschuppen oder frischen Ein-blutungen im Knochengewebe gekommen ist (Gutachten Dr. F., S. 28). Diese werden auch weder in den Berichten des Dr. C. noch in dem OP-Bericht vom 01. Oktober 1997 über die Arthroskopie beschrieben. Insbesondere rechtfertigt der von Dr. C. festgestellte Erguss nicht die Annahme von Einblutungen, da nach den allgemeinen unfallmedizinischen Erfahrungsgrundsätzen ein solcher sowohl serös wie auch blutig sein kann (Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 6. Aufl. 1998, S. 652) und Dr. C. weder in den Berichten noch in dem OP-Protokoll frische Einblutungen beschrieben hat.

Das Gutachten des Dr. H. rechtfertigt keine andere Beurteilung. Auch dieser Gut-achter hat einen Vorschaden am rechten Kniegelenk des Klägers festgestellt. Seine Auffassung, dass die Arthrose zur Hälfte auf den Unfall vom 14. September 1997 zurückzuführen ist, hat er aber nicht begründet, und sie lässt sich auch nicht aus den von ihm erhobenen Befunden belegen. Unter Berücksichtigung der über-zeugenden Beurteilung der Dres. G. vermochte sich der Senat Dr. H. nicht anzu-schließen.

Dagegen ist im vorliegenden Fall kein Raum für die Frage einer Gelegenheitsur-sache. Diese stellt sich erst bei Vorliegen mindestens zweier möglicher Ursachen für ein Beschwerdebild und der daran anschließenden Abwägung, welche der Ursachen rechtlich wesentlich für den Eintritt der Gesundheitsschädigung ist. Hier aber gibt es für den die Beschwerden des Klägers verursachenden ausgeprägten Knorpelschaden lediglich eine Ursache, die anlagebedingte Entwicklung dieser Knorpelveränderungen in Gestalt eines unfallunabhängigen Vorschadens. Dage-gen lässt sich - wie bereits ausgeführt - nicht feststellen, dass auch dem Unfall eine ursächliche Bedeutung für die das Beschwerdebild prägenden Knorpelschä-den zukommt.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.

Es liegt kein Grund vor, die Revision zuzulassen 160 Abs 2 SGG).

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