Urteil des LSG Niedersachsen-Bremen vom 08.05.2002, 9 SB 44/01

Entschieden
08.05.2002
Schlagworte
Behinderung, Debilität, Niedersachsen, Leistungsfähigkeit, Geschäftsführer, Prokurist, Anschluss, Sicherheit, Sachverständiger, Abfindung
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Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen

Urteil vom 08.05.2002 (nicht rechtskräftig)

Sozialgericht Stade S 2 SB 127/99

Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen L 10/9 SB 44/01

Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Sozialgerichts Stade vom 02.02.2001 wird zurückgewiesen. Kosten sind nicht zu erstatten. Die Revision wird nicht zugelassen.

Tatbestand:

Die Beteiligten streiten über die Höhe des bei dem Kläger festzustellenden Grades der Behinderung (GdB).

Der 1941 geborene Kläger beantragte erstmals im Oktober 1998 die Feststellung eines GdB. Zur Begründung verwies er insbesondere auf die Folgen eines im Juli 1998 erlittenen Herzinfarktes, auf Herz-Kreislaufbeschwerden, Rückenschmerzen und als Spätschäden nach Alkoholismus auf erhöhte Vergesslichkeit. Nach Einholung von Berichten der behandelnden Ärzte des Klägers stellte der Beklagte mit Bescheid vom 15. Januar 1999 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 26. Mai 1999 einen GdB von 40 und das Vorliegen einer dauernden Einbuße der körperlichen Beweglichkeit fest. Für die Bemessung des GdB seien die Funktionsbeeinträchtigungen 1. arterielle und venöse Durchblutungsstörungen der Beine, 2. Herzleistungsminderung bei koronarer Herzkrankheit und Bluthochdruck mit Infarkt und operativer Behandlung, 3. Schmerzzustände im Bereich der Wirbelsäule bei Verschleißleiden maßgebend. Die daneben bestehenden Gesundheitsstörungen 1. hohe Cholesterinwerte, 2. Gichtanfälle, 3. Hirnleistungsstörungen, 4. Augenschaden erreichen jeweils keinen Einzel-GdB und seien für die Bildung des Gesamt- GdB ohne Bedeutung.

Dagegen hat der Kläger am 24. Juni 1999 Klage beim Sozialgericht (SG) Stade erhoben und die Feststellung eines GdB von mindestens 50 begehrt. Zur Begründung hat er die Auffassung vertreten, die Gichterkrankung sei so ausgeprägt, dass sie bei der Bildung des Gesamt-GdB doch zu berücksichtigen sei. Die Herzleistungsminderung habe ein höheres als von dem Beklagten angenommenes Ausmaß. Außerdem seien die Spätfolgen der Alkoholkrankheit zu berücksichtigen.

Das SG hat zunächst einen Befundbericht von dem Allgemeinmediziner Dr. E. eingeholt und den Kläger sodann auf seinen Antrag hin von dem Internisten Dr. F. begutachten lassen. In dem Gutachten vom 24. Oktober 2000 und in der von dem Kläger vorgelegten ergänzenden Stellungnahme vom 9. Januar 2001 hat der Sachverständige die Auffassung vertreten, bei dem Kläger liege ein Gesamt-GdB von 70 vor. Mit Urteil vom 2. Februar 2001 hat das SG die Klage als unbegründet abgewiesen. Zur Begründung hat das SG insbesondere ausgeführt, in Abweichung zu der Auffassung des Dr. F. sei die Herzkrankheit mit Herzleistungsminderung nur mit einem Teil-GdB von 20 zu bewerten. Die Bemessung des GdB richte sich nach den verbliebenen Leistungseinschränkungen. Die Schwere der Herzkrankheit und die ungünstige Prognose seien für die Bemessung des GdB hingegen nicht maßgebend.

Gegen das ihm am 5. März 2001 zugestellte Urteil wendet sich die am 28. März 2001 bei dem Landessozialgericht eingegangene Berufung des Klägers. Er begehrt weiterhin die Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft und verweist zur Begründung insbesondere auf die Verschlusskrankheit des rechten Beines. Daneben seien die auf psychiatrischem Fachgebiet liegenden Folgeerkrankungen nach der Alkoholkrankheit zu berücksichtigen, die sich aus dem für die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte erstatteten Gutachten des Nervenarztes Dr. G. ergäben.

Der Kläger beantragt nach seinem schriftsätzlichen Vorbringen sinngemäß,

1. das Urteil des Sozialgerichts Stade vom 2. Februar 2001 aufzuheben und den Bescheid des Beklagten vom 15. Januar 1999 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 26. Mai 1999 abzuändern,

2. den Beklagten zu verurteilen, bei ihm einen Grad der Behinderung von 50 seit Oktober 1998 festzustellen.

Der Beklagte beantragt,

die Berufung zurückzuweisen.

Er hält das angefochtene Urteil für zutreffend.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte, der Schwerbehindertenakte des Versorgungsamtes H., Az: 66-6238/2 sowie auf die über den Kläger geführte Verwaltungsakte der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte Bezug genommen. Die genannten Unterlagen waren Gegenstand der Entscheidungsfindung.

Entscheidungsgründe:

Im Einverständnis mit den Beteiligten entscheidet das Gericht gemäß § 155 Abs 3 und 4 des Sozialgerichtsgesetzes (SGG) durch den Berichterstatter und ohne mündliche Verhandlung.

Die Berufung ist zulässig, insbesondere form- und fristgerecht eingelegt. Sie ist jedoch nicht begründet.

Das SG hat die Klage zu Recht als unbegründet abgewiesen. Die Voraussetzungen für die Feststellung eines GdB von mehr als 40 sind nicht nachgewiesen. Das SG hat den zur Entscheidung anstehenden Sachverhalt umfassend und zutreffend ermittelt und ihn mit richtigem Ergebnis der rechtlichen Prüfung unterzogen. Zur Vermeidung von Wiederholungen wird auf den Inhalt des angefochtenen Urteils Bezug genommen, § 153 Abs 2 SGG. Das Gericht teilt insbesondere die Auffassung des SG hinsichtlich der Bewertung der koronaren Herzkrankheit des Klägers. Für die Bewertung durch des durch diese Erkrankung bedingten Grades der Behinderung ist ausschließlich das Maß der Leistungsbeeinträchtigung maßgebend, nicht das etwa bestehende Rezidivrisiko, vgl Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im Sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht, Ausgabe 1996, Rdnr 26.9.

Zu weitergehenden Ausführungen zu diesem Bereich sieht das Gericht insbesondere auch im Hinblick darauf keinen Anlass, dass die Vorschriften des von dem SG noch angewandten Schwerbehindertengesetzes inzwischen mit Wirkung ab dem 1. Juli 2001 aufgehoben und durch die Vorschriften des Neunten Buches des Sozialgesetzbuch ersetzt worden sind. Materiell-rechtliche Änderungen haben sich daraus nicht ergeben, vgl. auch Urteil des Bundessozialgerichtes vom 7. November 2001, Az.: B 9 SB 1/01 R.

Eine Höherbemessung des GdB kommt auch nicht im Hinblick auf die etwa bei dem Kläger auf psychiatrischem Fachgebiet vorliegenden Gesundheitsstörungen in Betracht. Denn diese sind nicht nachgewiesen. Das Gericht kann seine Überzeugung insbesondere nicht auf das für die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte erstattete Gutachten des Dr. G. vom 25. Mai 2001 stützen. Denn das Gericht kann sich nicht davon überzeugen, dass die in dem Gutachten wiedergegebenen mitarbeitsabhängigen Befunde den tatsächlichen Leistungseinschränkungen des Klägers entsprechen. Insoweit verkennt das Gericht nicht, dass Dr. G. in der gesamten Untersuchungssituation keine bevorzugten Taktiken oder Strategien und keine Aggravationstendenzen auffällig geworden sind. Angesichts der Vorgeschichte des Klägers hätte aber für Dr. G. Anlass bestanden, die von ihm erhobenen Befunde einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Aufgrund der von ihm durchgeführten psychometrischen Untersuchung ist Dr. G. zu dem Ergebnis gelangt, dass bei dem Kläger ein Intelligenzquotient von nur 77 vorliegt. Dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Klägers derart bis in die Nähe der Debilität - diese wird nach der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandtet Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Nr. F70, bei einem IQ-Bereich zwischen 50 und 69 angesiedelt - gemindert wäre, widerspricht der Lebensgeschichte des Klägers. Der Kläger ist bis März 1999 als Prokurist und Geschäftsführer der Stadthalle I. tätig gewesen. Nach seinen Angaben hat er diese Tätigkeit aufgrund von mit Personalabbau verbundenen Rationalisierungsmaßnahmen seines Arbeitgebers aufgegeben. In diesem Zusammenhang sei auch eine Abfindung gezahlt worden, vgl Angaben des Klägers gegenüber Dr. J. in dem für die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte erstatteten Gutachten vom 28. November 2000. Im Anschluss daran war der Kläger bis Februar 2001 in geringfügigem Umfang in der Arbeiterkammer K. im Bereich der Steuerberatung tätig. Beide Tätigkeiten sind mit einer an Debilität grenzenden Intelligenzminderung schlechterdings unvereinbar. In der gesamten Akte finden sich auch überhaupt keine Hinweise darauf, dass der Kläger etwa infolge von Intelligenzdefiziten an der ordnungsgemäßen Ausübung der ihm übertragenen Arbeiten gehindert gewesen wäre. Darüber hinaus finden sich in den medizinischen Unterlagen vor dem Gutachten des Dr. G. vom 25. Mai 2001 auch keine Anhaltspunkte dafür, dass eine ernstliche Einschränkung des intellektuellen Leistungsvermögens des Klägers bestanden haben könnte.

Vor diesem Hintergrund ist das Gericht nicht nur an der Entscheidung gehindert, ob es sich um einen schwereren oder leichteren psychiatrischen Schaden handelt. Vielmehr ist der Schaden an sich bereits zweifelhaft.

Diese Zweifel auszuräumen sieht sich das Gericht infolge der Weigerung des Klägers außerstande, sich einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen. Auch eine Begutachtung nach Aktenlage ist zur weiteren Aufklärung des entscheidungserheblichen Sachverhaltes nicht geeignet und daher nicht erforderlich. Dr. G. hat in seinem Gutachten hinsichtlich der Einschränkungen der intellektuellen Leistungsfähigkeit des Klägers nicht Einzelbefunde mitgeteilt, sondern nur die zusammenfassende Bewertung. Ein etwaiger anderer Sachverständiger könnte auf dieser

unzureichenden Informationsbasis und ohne persönlichen Eindruck von dem Kläger in einem Gutachten nach Aktenlage keine fundierte Stellungnahme zu der Frage des Bestehens und erst recht nicht des Ausmaßes einer Hirnleistungsstörung abgeben. Mit der für die Entscheidungsfindung des Gerichts erforderlichen Sicherheit können deshalb weitere Feststellungen nicht getroffen werden.

Die Kostenentscheidung beruht auf der Anwendung der §§ 183, 193 SGG.

Anlass für die Zulassung der Revision besteht nicht, § 160 Abs 2 Nrn 1 und 2 SGG.

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