Urteil des LSG Hessen, Az. L 1 Ar 126/79

LSG Hes: öffentlich, nummer, arbeitsentgelt, anspruchsberechtigter, leistungsanspruch, rechtsnatur, versicherungsträger, forderungsabtretung, vergleich, kostenfreiheit
Hessisches Landessozialgericht
Beschluss vom 18.12.1980 (rechtskräftig)
Sozialgericht Marburg S 5 Ar 30/77
Hessisches Landessozialgericht L 1 Ar 126/79
Der Antrag der Klägerin auf gerichtliche Streitwertfestsetzung wird abgelehnt.
Gründe:
Die Klägerin begehrte Konkursausfallgeld (Kaug) für 12 Arbeitnehmer, die ihre Ansprüche auf Arbeitsentgelt vor
Stellung des Kaug-Antrages im Wege der Forderungsabtretung auf sie übertragen hatten. Insoweit wurde am 19. Juni
1980 ein Prozeßvergleich geschlossen, in dem die Beklagte sich unter anderem verpflichtete, der Klägerin die Hälfte
der außergerichtlichen Kosten zu erstatten. Mit Schriftsatz vom 6. August 1980, eingegangen beim Hessischen
Landessozialgericht am 7. August 1980, hat die Klägerin Antrag auf gerichtliche Streitwertfestsetzung gestellt.
Dieser Antrag war mangels Statthaftigkeit abzulehnen. Zwar kann eine selbständige Wertfestsetzung für die
Rechtsanwaltsgebühren auch im sozialgerichtlichen Verfahren gemäß § 10 Absatz 1 Bundesgebührenordnung für
Rechtsanwälte (BRAGO) erfolgen, da es im sozialgerichtlichen Verfahren auf Grund des hier geltenden Grundsatzes
der Kostenfreiheit (§ 183 Sozialgerichtsgesetz – SGG –) an einem Wert für Gerichtsgebühren fehlt. Voraussetzung für
eine solche Wertfestsetzung ist jedoch, daß die Gebühren des Rechtsanwalts überhaupt nach dem Gegenstandswert
berechnet werden. Dies ist im sozialgerichtlichen Verfahren nur ausnahmsweise der Fall. Grundsätzlich erhält der
Rechtsanwalt im Verfahren vor Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit gemäß § 116 Absatz 1 BRAGO eine sogenannte
Rahmengebühr, die nicht nach dem Gegenstandswert berechnet wird. Lediglich in Verfahren auf Grund der
Beziehungen zwischen Ärzten, Zahnärzten und Krankenkassen (Kassenarztrecht) sowie öffentlich-rechtlicher
Versicherungsträger untereinander (so § 116 Absatz 2 Satz 1 Nummer 1 BRAGO) oder auf Grund öffentlich-rechtlicher
Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und der Bundesanstalt für Arbeit oder einer Berufsgenossenschaft (so § 116
Absatz 2 Satz 1 Nummer 2 BRAGO) werden die Gebühren nach dem Gegenstandswert berechnet. Eine derartige
Ausnahmefallgestaltung im Sinne des § 116 Absatz 2 Satz 1 BRAGO ist vorliegend jedoch nicht gegeben, wobei
lediglich das Vorliegen einer "öffentlich-rechtlichen Streitigkeit zwischen Arbeitgebern und der Bundesanstalt für
Arbeit” in Betracht kam.
Eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit zwischen einem Arbeitgeber und der Bundesanstalt für Arbeit im Sinne des § 116
Absatz 2 Satz 1 Nummer 2 BRAGO ist nur gegeben, wenn Gegenstand des Verfahrens öffentlich-rechtliche
Rechtsbeziehungen sind, wie sie typischerweise (nur) zwischen einem Arbeitgeber und der Bundesanstalt für Arbeit
bestehen. Nicht ausreichend ist, daß es sich um Rechtsbeziehungen handelt, die nur zufälligerweise zwischen einem
Arbeitgeber und der Bundesanstalt bestehen, ebenso gut mit gleicher rechtlicher Qualität aber auch zwischen jedem
beliebigen Dritten, der kein Arbeitgeber ist, und der Bundesanstalt bestehen könnten. Derartige Fallgestaltungen
werden nicht (mehr) von der Ausnahmeregelung des § 116 Absatz 2 Satz 1 Nummer 2 BRAGO erfaßt. Diese
Regelung stellt auf die materiell-rechtliche Rechtsnatur der streitigen Rechtsbeziehungen ab; nicht ausreichend ist,
daß am Verfahren überhaupt ein Arbeitgeber und die Bundesanstalt beteiligt sind. Insoweit ist die Vorschrift des § 116
Absatz 2 Satz 1 Nummer 2 BRAGO sach- und nicht nur personenbezogen. Diese Voraussetzungen sind im Falle der
Klägerin nicht erfüllt. Sie stützte ihren Kaug-Anspruch auf die Vorschrift des § 141 k Absatz 1 Satz 1
Arbeitsförderungsgesetz (AFG). Hiernach steht, soweit die Ansprüche auf Arbeitsentgelt vor Stellung des Antrages
auf Kaug auf einen "Dritten” übertragen worden sind, diesem der Anspruch auf Kaug zu. Gegenstand des Verfahrens
war damit nicht eine Rechtsbeziehung, wie sie typischerweise (nur) zwischen der Klägerin als dem Arbeitgeber der
originär Kaug-berechtigten Arbeitnehmer bestehen konnte. Vielmehr hätte auch jeder beliebige Dritte, etwa eine Bank,
als Anspruchsberechtigter im Sinne des § 141 k Absatz 1 Satz 1 AFG auftreten können, falls auf ihn die Ansprüche
auf Arbeitsentgelt übertragen worden wären. Ein Arbeitgeber ist nur zufälligerweise, nicht aber typischerweise
berechtigter "Dritter” im Sinne des § 141 k Absatz 1 Satz 1 AFG. Bildet sein Leistungsanspruch den Gegenstand
eines Verfahrens vor Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit, handelt es sich nicht um ein Verfahren "auf Grund
öffentlich-rechtlicher Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und der Bundesanstalt für Arbeit” im Sinne des § 116
Absatz 2 Satz 1 Nummer 2 BRAGO.
Diese Entscheidung kann mit der Beschwerde nicht angefochten werden (§ 177 SGG, § 10 Absatz 3 Satz 2 BRAGO).