Urteil des LSG Bayern, Az. L 2 U 276/06

LSG Bayern: abstufung der beiträge, gesellschaft mit beschränkter haftung, unternehmen, veranlagung, vag, sozialversicherung, versicherer, rücknahme, gestaltungsspielraum, durchschnitt
Bayerisches Landessozialgericht
Urteil vom 27.06.2007 (nicht rechtskräftig)
Sozialgericht München S 24 U 550/04
Bayerisches Landessozialgericht L 2 U 276/06
I. Die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Sozialgerichts München vom 22. Juni 2006 wird zurückgewiesen. II.
Die Klägerin hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. III. Die Revision wird nicht zugelassen. IV. Der Wert des
Streitgegenstandes wird auf 9.065,40 Euro festgesetzt.
Tatbestand:
Streitig ist die Veranlagung der Klägerin zum Gefahrtarif ab 1. Januar 2001.
Die Klägerin tritt als unabhängige Versicherungsmaklerin auf und bietet bundesweit Produkte verschiedener
Versicherer an, schwerpunktmäßig im Namen und in Vollmacht des Versicherers Leistungen der Vertragsverwaltung,
Beitragsinkasso, Schadensregulierung, Leistungsprüfung und Abrechnung. Sie hat mit mehreren Versicherern
Kooperationsverträge abgeschlossen, auf Grund derer sie bevollmächtigt ist, im Namen der Versicherung in der
Bundesrepublik Deutschland spezifische Versicherungen zu zeichnen, zu dokumentieren, die dafür anfallenden
Prämien zu kassieren und diese mit der Versicherung abzurechnen. Die Versicherungsträger übertragen hierbei der
Klägerin vor allem die Bestandsführung und Vertragsverwaltung, das Prämien- und Beitragsinkasso, die
Schadensregulierung, die Erstellung der erforderlichen Druckstücke für die Versicherten, die Leistungsprüfung und die
Abrechnung.
Im Rahmen der Anmeldung zur Beklagten gab die Klägerin am 7. Oktober 1997 als Art des Unternehmens an: "Intern.
Versicherungsmakler GmbH". Mit Bescheid vom 27. Juni 2001 über die Veranlagung zu den Gefahrklassen stufte die
Beklagte die Klägerin ab 1. Januar 2001 in die Gefahrtarifstelle 27 - Versicherungsvertreter, -fachmann, -makler
(Gefahrklasse 2001: 0,92; 2002: 1,04; ab 2003: 1,16) - ein.
Die Klägerin machte im Widerspruch geltend, das Unternehmen arbeite nicht als klassischer Versicherungsmakler,
sondern es sei durch die mit ihm zusammenarbeitenden Versicherungsgesellschaften mit deren Aufgaben betraut. Es
unterhalte keinen Außendienst.
Die Beklagte wies den Widerspruch mit Widerspruchsbescheid vom 19. November 2001 zurück. Eine Einstufung zur
Gefahrtarifstelle 02 - Versicherungsunternehmen - komme nicht in Betracht. Eine Einstufung in diese Gefahrtarifstelle
setze voraus, dass das Unternehmen den Betrieb von Versicherungsgeschäften zum Gegenstand habe und nicht
Träger der Sozialversicherung sei (§ 1 des Gesetzes über die Beaufsichtigung der Versicherungsunternehmen -
Versicherungsaufsichtsgesetz - VAG). Diese Unternehmen verpflichteten sich gegen Entgelt, ein wirtschaftliches
Risiko derart zu übernehmen, dass sie bei Eintritt eines von vornherein ungewissen Ereignisses eine vermögenswerte
Leistung erbringen. Die Versicherungsunternehmen unterlägen der Versicherungsaufsicht. Die Klägerin sei jedoch als
Versicherungsmaklerin kein Versicherungsunternehmen gemäß § 1 VAG und unterliege nicht der Aufsicht durch das
Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen.
Die Beklagte setzte entsprechend die Beiträge mit Beitragsbescheid für 2001 vom 24. April 2002, für 2002 vom 23.
April 2003 und für 2003 vom 21. April 2004 fest. Mit Schreiben vom 25. Juni 2004 beantragte die Klägerin, den
Beitragsbescheid für 2003 nach § 44 des Zehnten Buchs des Sozialgesetzbuchs (SGB X) zurückzunehmen, weil er
auf einer unzutreffenden Einstufung beruhe. Die Beklagte lehnte mit Bescheid vom 1. Juli 2004 den Antrag "auf
Rücknahme des Veranlagungsbescheides vom 27. Juni 2001" ab. Der Antrag sei als Antrag auf Rücknahme des
Veranlagungsbescheides vom 27. Juni 2001 gemäß § 160 Abs. 2 Nr. 2 des Siebten Buchs des Sozialgesetzbuchs
(SGB VII) umzudeuten gewesen. Sie verwies auf den bindenden Widerspruchsbescheid vom 19. November 2001. Die
Veranlagung mit Bescheid vom 27. Juni 2001 sei zutreffend erfolgt.
Den Widerspruch wies die Beklagte mit Widerspruchsbescheid vom 30. Juli 2004 zurück.
Mit Beitragsbescheid vom 18. April 2005 und vom 19. April 2006 setzte die Beklagte die Beiträge für 2004 und 2005
fest.
Mit der Klage zum Sozialgericht München hat sich die Klägerin gegen die Beitragserhebung gewandt und die
Aufhebung des Bescheides vom 1. Juli 2004 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 30. Juli 2004 beantragt.
Die Einstufung in den Gefahrtarif "Versicherungsvertreter, -fachmann, -makler" sei unrechtmäßig, weil in dieser
Gefahrenklasse mehrere Risiken zusammengefasst seien, die ein unterschiedlich hohes Risiko beinhalteten. Bei ihr
handele es sich um kein typisches Unternehmen in diesem Sinn, da jene üblicherweise schwerpunktmäßig - über
einen Außendienst - Kunden akquirierten, wobei die Schadensregulierung Aufgabe des Versicherers sei. Dies treffe
bei ihr nicht zu. Durch eine Einstufung zur Gefahrklasse 27 werde dem Grundsatz der Einzelfallgerechtigkeit sowie
der Verhältnismäßigkeit nicht Rechnung getragen. Die gewerbetypische Unfallgefahr liege nicht vor. Eine Umlage
dieser gewerbespezifischen Unfallgefahr sei durch Bildung einer Quote von Außendienstmitarbeitern zu der
Mitarbeiterzahl des gesamten Unternehmens ohne großen verwaltungstechnischen und versicherungsmathematischen
Aufwand möglich.
Die Beklagte hat eingewandt, die dargelegten Grundsätze einer Veranlagung zur Gefahrtarifstelle 02 seien nicht erfüllt.
Vor allem übernehme die Klägerin kein wirtschaftliches Risiko; dieses obliege weiter dem Versicherer. Es handele
sich bei dem Gefahrtarif vom 1. Januar 2001 um einen Gewerbezweigtarif. Zur Beitragsdifferenzierung und Bildung
von Gefahrengemeinschaften müssten objektive Risikomerkmale gefunden werden. Dabei stünde den Trägern der
Sozialversicherung ein Beurteilungsspielraum zu.
Das Sozialgericht hat die Klage mit Urteil vom 22. Juni 2006 abgewiesen. Die Risikobewertung nach einem
Gewerbezweigprinzip sei im Grundsatz mit den Zielvorstellungen und Werteentscheidungen des Gesetzes und der
Verfassung vereinbar (BSG, Urteil v. 21. März 2006, Az.: B 2 U 2/05 R m.w.N.). Aus den unterschiedlichen
Tätigkeiten und Gefährdungsrisiken innerhalb dieses Gewerbezweiges folge kein Zwang für die Selbstverwaltung der
Beklagten, diese weiter zu unterteilen. Der Beklagten sei innerhalb des gesetzlichen Rahmens bei der Aufstellung des
Gefahrtarifs ein nicht zu eng bemessener Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum eingeräumt. Es bestehe kein
Zweifel, dass die Klägerin als Versicherungsmaklerin tätig sei. Sie sei daher zu Recht zur Gefahrtarifstelle 27
veranlagt, so dass ein Anspruch auf einen Wechsel in die Gefahrtarifstelle 02 "Versicherungsunternehmen"
ausgeschlossen sei. Die Klägerin unterliege zum einen nicht der Aufsicht durch die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistung, zum anderen verpflichte sie sich nicht gegen Entgelt, das wirtschaftliche Risiko zu übernehmen,
bei Eintritt eines von vornherein ungewissen Ereignisses eine vermögenswerte Leistung zu erbringen. Dass alle
gewerbezugehörigen Betriebe und Einrichtungen trotz unterschiedlicher Gefährdungslagen zu derselben Gefahrklasse
veranlagt und deshalb einzelne von ihnen stärker mit Beiträgen belastet würden, sei als Folge der bei der Tarifbildung
notwendigen Typisierung hinzunehmen (BSG v. 5. Juli 2005, Az.: B 2 U 32/03 R m.w.N.).
Zur Begründung der Berufung hat die Klägerin ausgeführt, § 157 Abs. 1 S. 2 SGB VII sehe zur Abstufung der Beiträge
in dem Gefahrtarif die Feststellung verschiedener Gefahrklassen vor. Von einer Abstufung sei nicht auszugehen,
wenn lediglich einerseits die Unternehmensart "Versicherungsvertreter, -fachmann, -makler" und andererseits das
"Versicherungsunternehmen" als mögliche Unternehmensart zur Disposition gestellt werde. Selbst wenn dem
Unfallversicherungsträger hierbei ein Ermessen eingeräumt wäre, sei die Entscheidung der Beklagten, keine weitere
Abstufung in dem Gefahrtarif vorzunehmen, an dem Maßstab des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes und des Prinzips
der Einzelfallgerechtigkeit zu messen. Das BSG postuliere die Verpflichtung des Unfallversicherungsträgers, ein
erheblich abweichendes Gefährdungsrisiko der einzelnen Unternehmen zu prüfen und ggf. das Unternehmen als
eigenen Gewerbezweig abzuspalten. Sie beschäftige keine Außendienstmitarbeiter; das Unfallrisiko sei daher um ein
Vielfaches geringer. Im Übrigen gelte der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und des Übermaßverbotes. Sie hat einen
Auszug aus dem Handelsregister sowie ein Muster eines Kooperationsvertrages übersandt und eine Aufstellung der
im Unternehmen tätigen Mitarbeiter übergeben.
Die Beklagte hat darauf hingewiesen, dass ab 1. Januar 2007 ein neuer Gefahrtarif in Kraft getreten sei.
Die Klägerin beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts München vom 22. Juni 2006 und den Bescheid der Beklagten vom 1. Juli 2004 in der
Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 30. Juli 2004 aufzuheben und die Beklagte zu verurteilen, den Bescheid
vom 27. Juni 2001 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 19. November 2001 dahingehend abzuändern,
dass sie in die Gefahrtarifstelle 02 eingestuft wird, hilfsweise, dass sie in eine neue, von der Beklagten einzuführende
Gefahrtarifstelle eingestuft wird und diese dem Umstand, dass sie keine Außendienstmitarbeiter beschäftigt,
Rechnung trägt.
Die Beklagte beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Im Übrigen wird gemäß § 136 Abs. 2 Sozialgerichtsgesetz (SGG) auf den Inhalt der Akte der Beklagten sowie der
Klage- und Berufungsakte Bezug genommen.
Entscheidungsgründe:
Die Berufung der Klägerin ist zulässig (§§ 143, 151 SGG), aber unbegründet.
Streitgegenstand ist allein die Ablehnung der Rücknahme des Veranlagungsbescheides vom 27. Juni 2001 durch den
Bescheid vom 1. Juli 2004 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 30. Juli 2004. Hierdurch ergibt sich eine
Prüfung der Rechtmäßigkeit der Veranlagung in die Gefahrtarifstelle 27 nach dem von 2001 bis 2006 geltenden
Gefahrtarif. Nicht Gegenstand des Verfahrens und gesondert zu betrachten sind die für den Zeitraum ab 2001
ergangenen Beitragsbescheide.
Ein Verwaltungsakt wird gemäß § 160 Abs. 2 Nr. 2 SGB VII mit Wirkung für die Vergangenheit aufgehoben, soweit die
Veranlagung zu einer zu hohen Gefahrklasse von den Unternehmern nicht zu vertreten ist. Die Vorschrift ist lex
specialis zu §§ 44, 45 SGB X.
Eine zu hohe Veranlagung aufgrund des Veranlagungsbescheides vom 27. Juni 2001 lag jedoch nicht vor.
Insbesondere ist der Gefahrtarif 2001, der als Gewerbezweigtarif ausgestaltet ist, im Grundsatz nicht zu beanstanden.
Der Veranlagungsbescheid beruht auf § 159 Abs. 1 S. 1 SGB VII, nach dem der Unfallversicherungsträger die
Unternehmen für die Tarifzeit nach dem Gefahrtarif zu Gefahrklassen veranlagt. Die Beiträge berechnen sich nach
dem Finanzbedarf der Berufsgenossenschaften, den Arbeitsentgelten der Versicherten und dem in der Gefahrklasse
zum Ausdruck kommenden Grad der Unfallgefahr in den Unternehmen (§§ 153 Abs. 1, 157 Abs. 1 S. 2 SGB VII). Der
von jeder Berufsgenossenschaft festzusetzende Gefahrtarif stellt autonomes Recht dar. In ihm sind zur Abstufung der
Beiträge Gefahrklassen festzustellen (§ 157 Abs. 1 S. 1 und 2 SGB VII). Er ist nach Gefahrtarifstellen zu gliedern,
denen jeweils eine aus dem Verhältnis der gezahlten Leistungen zu den Arbeitsentgelten errechnete Gefahrklasse
zugeordnet ist (§ 157 Abs. 2 S. 1 und Abs. 3 SGB VII). In den Tarifstellen sind Gefahrengemeinschaften nach
Gefährdungsrisiken unter Berücksichtigung eines versicherungsmäßigen Risikoausgleichs zu bilden (§ 157 Abs. 2 S.
1 SGB VII; zum Ganzen: z.B. BSG v. 28.11.2006, Az.: B 2 U 10/05 R).
Die Gefahrtarife als autonom gesetztes objektives Recht können vom Gericht daraufhin überprüft werden, ob sie mit
sonstigem höherrangigen Recht vereinbar sind. Dabei ist den Unfallversicherungsträgern ein Entscheidungs- und
Gestaltungsspielraum eingeräumt, soweit sie innerhalb der ihnen erteilten gesetzlichen Ermächtigung Recht setzen
(BSGE 91, 128). Der Senat hat also nicht zu überprüfen, ob die Regelungen des Gefahrtarifs die zweckmäßigste,
vernünftigste oder gerechteste Lösung darstellen. Allerdings muss bei der Bildung des Gefahrtarifs gesichertes
Zahlenmaterial vorliegen; ferner muss der Gefahrtarif versicherungsmathematischen Grundsätzen entsprechen (BSG
a.a.O.).
Vorliegend knüpfte die Beklagte mit dem Gefahrtarif an Gewerbezweige an (sog. Gewerbezweigtarif). Das BSG hat
bereits mehrfach entschieden, dass die Risikobewertung nach dem Gewerbezweigprinzip grundsätzlich mit den
Zielvorstellungen und Wertentscheidungen des Gesetzes und des Grundgesetzes vereinbar ist (z.B. BSG v.
28.11.2006, a.a.O., zum Gefahrtarif 1998 der Beklagten - mit weiteren Nachweisen). Es kann der Beklagten nicht
vorgeschrieben werden, statt dessen einen sog. Tätigkeitstarif aufzustellen, auch wenn dadurch eventuell eine
bessere Differenzierung nach dem kaufmännischen und dem verwaltenden Teil eines Unternehmens möglich wäre.
Dem Hauptantrag auf Einstufung in die Gefahrtarifstelle 02 - Versicherungsunternehmen - war nicht stattzugeben, da
die Klägerin nach Überzeugung des Senats kein Versicherungsunternehmen betreibt. In der letztgenannten
Entscheidung führte das BSG aus, dass es zwar für die Bildung der Gewerbezweige und die Zuordnung zu ihnen auf
die in der jeweiligen Unternehmensart anzutreffenden Arbeitsbedingungen ankommt. Maßgebend ist dabei aber vor
allem Art und Gegenstand des Unternehmens (BSGE 91, 128). Der Gefahrtarif 2001 trennt zwischen
"Versicherungsunternehmen" (Gefahrtarifstelle 02) und der Unternehmensart "Versicherungsvertreter,
Versicherungsfachmann, Versicherungsmakler". Der Begriff des Versicherers bzw. des Versicherungsunternehmens
ist im VAG in der Fassung der Bekanntmachung vom 17. Dezember 1992 (BGBl. 1993 I S. 2), zuletzt geändert durch
Art. 44 des Gesetzes vom 26. März 2007 (BGBl. I S. 378), definiert. Danach handelt es sich um Unternehmen, die
den Betrieb von Versicherungsgeschäften zum Gegenstand haben und nicht Träger der Sozialversicherung sind (§ 1
Abs. 1 VAG). Versicherungsunternehmen bedürfen nach § 5 Abs. 1 VAG zum Geschäftsbetrieb der Erlaubnis der
Aufsichtsbehörde. Die Erlaubnis darf gemäß § 7 Abs. 1 VAG nur Aktiengesellschaften, Versicherungsvereinen auf
Gegenseitigkeit sowie Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts erteilt werden. Ausweislich des
Handelsregisterauszugs erfüllt die Klägerin diese Voraussetzungen nicht. Sie ist in der Rechtsform der Gesellschaft
mit beschränkter Haftung (GmbH) tätig. Gegenstand des Unternehmens ist ferner nicht die Versicherung bestimmter
Risiken, sondern die Vermittlung und Verwaltung von Versicherungsverträgen aller Art gemäß § 93
Handelsgesetzbuch (HGB). Eine versicherungsrechtliche Aufsicht liegt unstreitig nicht vor. Nach § 1 Abs. 2 des
vorgelegten Vertragsmusters übernimmt nicht die Klägerin, sondern der Vertragspartner als Versicherer den
Versicherungsschutz. Dieser überträgt der Klägerin lediglich bestimmte Dienstleistungen. Insgesamt ist somit nicht
von einem Versicherungsunternehmen, sondern von einer Versicherungsmaklertätigkeit auszugehen. Eine
Veranlagung in die Gefahrtarifstelle 02 kommt damit nicht in Betracht.
Eine analoge Anwendung dieser Gefahrtarifstelle auf die Klägerin scheitert bereits daran, dass eine planwidrige Lücke
im Gefahrtarif nicht zu erkennen ist und die Klägerin ihrem Betätigungsfeld und ihrer Betriebsbezeichnung
entsprechend von der Beklagten in zutreffender Weise der Unternehmensart Versicherungsmakler zugeordnet wurde.
Soweit die Klägerin hilfsweise fordert, wegen eines erheblich abweichenden Grades der Unfallgefahr in eine neue, von
der Beklagten einzuführende Gefahrtarifstelle eingestuft zu werden, ist auch dieser Antrag nicht begründet.
Insbesondere bei heterogen zusammengesetzten Gewerbezweigen ist nach der Rechtsprechung des BSG zu prüfen,
"ob die nach technologischen Gesichtspunkten vorgenommene Zuordnung und die daran geknüpfte Vermutung einer
gemeinsamen gewerbetypischen Unfallgefahr die tatsächliche Risikosituation in den betroffenen Unternehmen
zutreffend widerspiegelt." (BSG v. 28.11.2006, a.a.O.). Ergebe sich, dass bei einer bestimmten Art von Unternehmen
ein vom Durchschnitt des Gewerbezweiges erheblich abweichendes Gefährdungsrisiko besteht, könne daraus ein
Anspruch auf Verselbstständigung als eigener Gewerbezweig oder auf Zuteilung zu einem anderen, passenderen
Gewerbezweig folgen (BSG, a.a.O., m.w.N.). Allerdings könne eine Unternehmensart nur dann als eigenständiger
Gewerbezweig geführt werden, wenn die zugehörigen Betriebe und Einrichtungen zusammengenommen eine
Größenordnung erreichten, bei der sich eine gewerbetypische Unfalllast nach versicherungsmathematischen
Grundsätzen (§ 157 Abs. 2 S. 1 SGB VII) berechnen lasse. Nach der einem Gewerbezweigtarif innewohnenden Logik
kämen dafür aber nur solche Gewerbezweige in Betracht, die technologisch verwandte Unternehmensarten
beherbergten. Dies ist vorliegend nicht erkennbar. Vielmehr handelt es sich nach der vorgelegten Auflistung um
lediglich 38 Beschäftigte. Eine Zuordnung zu einem Gewerbezweig ohne Berücksichtigung technologischer
Zusammenhänge allein nach der Größe des Unfallrisikos scheidet aus, weil damit das Gewerbezweigprinzip
aufgegeben und die Systementscheidung für einen Gewerbezweigtarif konterkariert würde.
Aus den dargelegten Gründen steht für den Senat fest, dass die Klägerin unter Zugrundelegung der bestehenden
Gefahrtarifstellen nach technologischen Kriterien richtig als Versicherungsmaklerin der Gefahrtarifstelle 27 zugeordnet
wurde. In diesem Fall kann die Zugehörigkeit zu dem Gewerbezweig nicht mit dem Hinweis auf eine unterschiedliche
Belastungssituation in Frage gestellt werden. Die Bildung von Gefahrklassen nach dem Gewerbezweigprinzip hat
nämlich zur zwangsläufigen Folge, dass es innerhalb der Gewerbezweige nicht nur gewerbetypische, sondern auch
vom Durchschnitt der Gruppe mehr oder weniger deutlich abweichende Unternehmen und Unternehmensarten gibt.
Dass alle gewerbezweigzugehörigen Betriebe und Einrichtungen trotz unterschiedlicher Gefährdungslagen zur selben
Gefahrklasse veranlagt und deshalb einzelne von ihnen stärker mit Beiträgen belastet werden, als es ihrem
tatsächlichen Gefährdungsrisiko entspricht, ist als Folge der bei der Tarifbildung notwendigen Typisierung
hinzunehmen (siehe dazu bereits: BSG SozR 2200 § 734 Nr. 1; BVerfG SozR 2200 § 734 Nr. 2; Urteil des Senats
vom 21. August 1991 - 2 RU 54/90 = NZA 1992, 335). Insoweit sind im Hinblick auf versicherungsmathematische
Gesichtspunkte und den Gedanken eines Solidarausgleichs Bestrebungen nach Differenzierung und Berücksichtigung
des individuellen Gefährdungsrisikos bei der Bildung von Gewerbezweigen Grenzen gesetzt (vgl. BSGE 91, 128 ff.;
92, 190; 95, 47).
Einen Verstoß gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das Prinzip der Einzelfallgerechtigkeit als Ausfluss des
Rechtsstaatsprinzips nach Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes (GG) vermag der Senat nicht zu erkennen. Dies gilt
zum einen für die Frage, ob die Beklagte verpflichtet ist, einen eigenständigen Gewerbezweig (z.B. für
Versicherungsmakler ohne Außendiensttätigkeit) einzurichten. Wie dargelegt kann die Beklagte hierzu nur verpflichtet
werden, wenn die zugehörigen Betriebe und Einrichtungen zusammengenommen eine Größenordnung erreichen, bei
der sich eine gewerbetypische Unfalllast nach versicherungsmathematischen Grundsätzen berechnen lässt. Dies ist
vorliegend nicht der Fall.
Zum anderen kann nach der dargelegten Rechtsprechung die Zugehörigkeit zu dem Gewerbezweig nicht mit dem
Hinweis auf eine unterschiedliche Belastungssituation in Frage gestellt werden. Es stellt einen Ausfluss des
Solidarausgleichs sowie eine Folge der notwendigen Typisierung dar, dass die Klägerin dies hinzunehmen hat, obwohl
sie aufgrund Besonderheiten ihres Geschäftsbetriebs ein geringeres Unfallrisiko als vergleichbare
Versicherungsmakler aufweist, da sie vor allem den Internetkontakt forciert und auf Außendienstmitarbeiter verzichtet.
Es mag deshalb zutreffen, dass die Klägerin mit den Beiträgen zur Beklagten stärker belastet ist als dies ihrem
tatsächlichen Gefährdungsrisiko entspricht. Auch deutliche Abweichungen sind aber hinzunehmen. Eine Grenze
bilden nach Auffassung des Senats die Grundrechte der Klägerin nach Art. 12 (Berufsfreiheit) bzw. Art. 14 Abs. 1 GG
(Eigentum). Es ist jedoch nicht vorgetragen oder ersichtlich, dass diese Grundrechte in verfassungsrechtlich
bedeutender Weise tangiert sind, insbesondere ist bei einer Gesamtbeitragshöhe zwischen 3.364,72 Euro
(Beitragsjahr 2001) und 6.616,52 Euro (Beitragsjahr 2002) keine erdrosselnde Wirkung der Beitragsbelastung
erkennbar.
Aus der Entscheidung des BSG vom 9. Dezember 1993 (SozR 3-2200 § 725 Nr. 2), auf die sich die Klägerin zur
Begründung einer 30 %-Grenze bei der Differenz der Gefährdungsrisiken bezieht, ergibt sich nichts Gegenteiliges, da
diese Entscheidung die Frage der Vereinbarkeit satzungsgemäßer Zuschläge zum Unfallversicherungsbeitrag mit
höherrangigem Recht, die nach Zahl und Kosten der Arbeitsunfälle differenzieren, betrifft. Insoweit ging es im Übrigen
um einen Vergleich zwischen der Beitragsbelastung eines Unternehmers mit den Aufwendungen der zuständigen
Berufsgenossenschaft für Entschädigungsfälle der Beschäftigten dieses Unternehmens, nicht um Fragen der
Veranlagung. Schließlich lehnte das BSG das Bestehen einer derartigen Grenze gerade ab.
Die Kostenfolge stützt sich auf § 197 a SGG in Verbindung mit §§ 154 Abs. 1, 161 Abs. 1
Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO).
Die Revision war nicht zuzulassen, weil Gründe nach § 160 Abs. 2 Nrn. 1 und 2 SGG nicht vorliegen.
Die Festsetzung des Streitwertes ergibt sich aus §§ 1 Abs. 1 Nr. 4, 3 Abs. 1, 52 GKG. Der Rechtsstreit betrifft zwar
nicht die jeweiligen Beitragsbescheide, sondern den Veranlagungsbescheid. Dieser stellt die Grundlage für die
nachfolgenden Beitragsbescheide dar. Da der Antrag aber somit eine bezifferbare Geldleistung betrifft, ist gemäß § 52
Abs. 3 GKG deren Höhe maßgebend. Dabei ist auf den Differenzbetrag zwischen dem geforderten und dem bei einem
Erfolg der Berufung zu erwartenden Jahresbeitrag für die Laufzeit des Gefahrtarifs 2001 (Jahre 2001 bis 2006)
abzustellen.