Urteil des LG Mönchengladbach vom 04.11.2008, 5 T 239/08

Aktenzeichen: 5 T 239/08

LG Mönchengladbach: zwangsversteigerung, eigentumswohnung, miete, glaubhaftmachung, nebenkosten, wohnraum, anschluss, vollstreckungstitel, vorrecht, pfändung

Landgericht Mönchengladbach, 5 T 239/08

Datum: 04.11.2008

Gericht: Landgericht Mönchengladbach

Spruchkörper: 5. Zivilkammer

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 5 T 239/08

Vorinstanz: Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt, 502 K 9/08

Schlagworte: Falschbezeichnung, Vollstreckungsbescheid, Wohngeldforderung, Rangklasse

Normen: ZVG § 10 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 S. 2 und 3

Leitsätze: 1. Das Vollstreckungsgericht ist gemäß § 10 Abs. 3 S. 2 ZVG an die Falschbezeich-nung einer Wohngeldforderung im Vollstreckungsbescheid als Forderung aus Miete gebunden, ohne dass eine anderweitige Glaubhaftmachung gemäß § 10 Abs. 3 S. 3 ZVG möglich wäre.2. Der Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 2 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG) umfasst als „Minus“ den Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 5 10 Abs. 1 Nr. 5 ZVG).

Tenor: Auf die sofortige Beschwerde der Antragstellerin wird der Beschluss des Amtsge-richts Mönchengladbach-Rheydt vom 17.6.2008 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Entscheidung über den Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung an das Amtsgericht zurückverwiesen.

1Die Gläubigerin, eine Wohnungseigentümergemeinschaft, erwirkte am 4.12.2007 gegen die Schuldnerin, die Miteigentümerin der Wohnungseigentümergemeinschaft ist, einen Vollstreckungsbescheid. Die Hauptforderung ist darin wie folgt bezeichnet:

"Miete für Wohnraum (einschl. Nebenkosten) 2

für die Wohnung in: 3

41239 Mönchengladbach 4

gem. Schreiben vom 11.09.07 7.886,00 Euro". 5

Die Gläubigerin hat wegen der Forderung aus dem Vollstreckungsbescheid die 6

Anordnung der Zwangsversteigerung der eingangs bezeichneten Eigentumswohnung der Schuldnerin im Rang nach § 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG beantragt. Das Amtsgericht hat mit Beschluss vom 17.6.2008 den Antrag auf Versteigerung der Eigentumswohnung in der Rangklasse 2 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG) zurückgewiesen. Es hat ausgeführt, aus dem Vollstreckungsbescheid ergebe sich nicht, dass es sich um eine Wohngeldforderung handele. Die Anspruchsbezeichnung im Vollstreckungsbescheid sei für das Vollstreckungsgericht verbindlich. Ferner habe die Gläubigerin nicht durch Vorlage des Einheitswertbescheides der Eigentumswohnung der Schuldnerin nachgewiesen, dass der zu vollstreckende Betrag 3 % des Einheitswertes der Eigentumswohnung übersteige. Entgegen der Rechtsprechung des BGH (Beschluss vom 17.4.2008 V ZB 13/08 Juris) sei das Vollstreckungsgericht nicht verpflichtet, das Finanzamt um Vorlage des Einheitswertbescheids zu ersuchen. Im Übrigen enthalte die titulierte Forderung Ansprüche aus dem Jahr 2005, die nicht unter das Vorrecht der Rangklasse 2 fielen.

7Hiergegen wendet sich die Gläubigerin mit ihrer sofortigen Beschwerde. Sie vertritt unter Bezugnahme auf das Urteil des BGH vom 23.1.2008 (VII ZR 46/07 Juris) die Auffassung, dass die irrtümliche Falschbezeichnung der Hauptforderung im Vollstreckungsbescheid unschädlich sei, da sich aus den übrigen Umständen, insbesondere dem Schreiben vom 11.9.2007, mit hinreichender Sicherheit ergebe, dass es sich um eine Wohngeldforderung handele. Der Wohngeldanspruch aus dem Jahr 2005 sei erst mit Vornahme der Abrechnung im Jahr 2006 entstanden und fällig geworden, so dass er nach dem Wortlaut des § 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG in die Rangklasse 2 falle. Im Übrigen sei eine vollständige Zurückweisung des Versteigerungsantrages wegen Fehlens des Einheitswertbescheides nicht statthaft. Das Amtsgericht hätte die Zwangsversteigerung in der Rangklasse 5 anordnen und im Anschluss das zuständige Finanzamt um Übermittlung des Einheitswertbescheides ersuchen müssen. Im Anschluss hätte die Gläubigerin den Beitritt in die Rangklasse 2 beantragen können.

8Das Amtsgericht hat der sofortigen Beschwerde nicht abgeholfen und die Sache der Kammer zur Entscheidung vorgelegt.

II. 9

10Die zulässige sofortige Beschwerde hat im Ergebnis Erfolg und führt zur Aufhebung des angefochtenen Beschlusses.

11Die vollständige Zurückweisung des Antrages auf Anordnung der Zwangsversteigerung ist zu Unrecht erfolgt. Das Amtsgericht hätte die Zwangsversteigerung in der Rangklasse 5 anordnen und den weitergehenden Antrag auf Versteigerung der Eigentumswohnung in der Rangklasse 2 als unzulässig verwerfen müssen.

12Der Einzelrichter der Kammer ist mit dem Amtsgericht der Auffassung, dass der Vollstreckungsbescheid die Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 2 nicht zulässt. Nach § 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG werden vom Vorrecht der Rangklasse 2 alle Ansprüche auf Zahlung der Beiträge zu den Lasten und Kosten des gemeinschaftlichen Eigentums oder des Sondereigentums, die nach §§ 16 Abs. 2, 28 Abs. 2 und 5 WEG geschuldet werden, einschließlich der Vorschüsse und Rückstellungen erfasst. Dazu gehören demnach die von der Gläubigerin dem Antrag zugrunde gelegten Wohngeldansprüche.

13Nach § 10 Abs. 3 S. 2 ZVG genügt für die Vollstreckung ein Titel, aus dem die Verpflichtung des Schuldners zur Zahlung, die Art und der Bezugszeitraum des Anspruchs sowie seine Fälligkeit zu erkennen sind. Der von der Gläubigerin vorgelegte Vollstreckungsbescheid enthält diese Angaben nicht. Im Vollstreckungsbescheid ist die Hauptforderung mit "Miete für Wohnraum (einschl. Nebenkosten) für die Wohnung in 41239 Mönchengladbach gem. Schreiben vom 11.09.07" bezeichnet. Entgegen der Auffassung der Gläubigerin muss das Vollstreckungsgericht die Angaben im Vollstreckungsbescheid zugrunde legen, ohne dass eine anderweitige Glaubhaftmachung gemäß § 10 Abs. 3 S. 3 ZVG möglich wäre (Böhringer/Hintzen, Rpfleger 2007, 353, 359). Für diese Sichtweise spricht in erster Linie der Wortlaut des § 10 Abs. 3 S. 2 ZVG sowie ein Umkehrschluss aus § 10 Abs. 3 S. 3 ZVG. Denn aus dem Titel soll sich die Art des Anspruchs erkennen lassen; nur wenn dies nicht der Fall ist, ist eine Glaubhaftmachung in sonstiger geeigneter Weise möglich. Für diese Auffassung streitet auch der Grundsatz, dass das Vollstreckungsgericht an die Entscheidung des Prozessgerichts gebunden ist und keine materiell-rechtliche Prüfung der Anspruchsart vornehmen soll. So hat der BGH (Beschluss vom 26.9.2002 IX ZB 180/02 Juris) für die privilegierte Pfändung von Ansprüchen aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung gemäß § 850 f Abs. 2 ZPO entschieden, dass der Gläubiger im Vollstreckungsverfahren nicht mehr nachweisen kann, dass der titulierte Anspruch (auch) auf einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung beruht, wenn im Vollstreckungstitel keine oder nur eine vertragliche Anspruchsgrundlage genannt ist. Der Grundgedanke dieser Entscheidung ist auf den vorliegenden Fall übertragbar, weil das Vollstreckungsgericht auch hier die Art der Forderung dem Vollstreckungstitel gegebenenfalls im Wege der Auslegung entnehmen muss.

14Die im Vollstreckungsbescheid enthaltene Bezeichnung lässt auch unter Berücksichtigung weiterer Umstände, die im Titel Anklang finden, keine andere Auslegung zu. Die Bezeichnung "Miete für Wohnraum (einschl. Nebenkosten)" ist unzweideutig und daher nicht auslegungsfähig. Aber selbst bei anderer Beurteilung käme eine Auslegung im von der Gläubigerin verstandenen Sinne nicht in Betracht. Das im Vollstreckungsbescheid in Bezug genommene Schreiben vom 11.9.2007 geht von einem Wohngeldanspruch in Höhe von 7.554,86 Euro aus, während im Vollstreckungsbescheid ein Betrag in Höhe von 7.880,86 Euro ausgewiesen ist. Aufgrund des Umstandes, dass hier eine betragsmäßige Abweichung vorliegt, kann das Schreiben nicht zur zweifelsfreien Auslegung der Anspruchsart herangezogen werden. Im Übrigen können Eigentümergemeinschaften aufgrund ihrer (Teil-) Rechtsfähigkeit auch Vermietungen vornehmen und infolge dessen Mietzinsansprüche geltend machen. Dies mag im vorliegenden Fall zwar äußerst unwahrscheinlich sein, ausgeschlossen ist es hingegen nicht.

15Das Urteil des BGH vom 23.1.2008 (VIII ZR 46/07 Juris) steht der angenommenen Bindung des Vollstreckungsgerichts an die Angaben im Vollstreckungsbescheid nicht entgegen, da es sich um ein Erkenntnisverfahren handelt, für das andere Grundsätze gelten.

16Vorliegend kann es dahingestellt bleiben, ob das Amtsgericht verpflichtet war, das zuständige Finanzamt gemäß § 54 Abs. 1 S. 4 Halbs. 1 GKG um Übermittlung des Einheitswertbescheides zu ersuchen (BGH, Beschluss vom 17.4.2008 V ZB 13/08 Juris; a.A. AG Potsdam, Beschluss vom 26.6.2008 2 K 127/08 ZMR 2008, 750). Denn die Zurückweisung der Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 2 konnte vorliegend bereits deshalb erfolgen, weil nicht nachgewiesen wurde, dass es

sich um eine Vollstreckung wegen Wohngeldansprüchen handelt. Aus diesem Grunde bedarf es auch keiner Entscheidung, ob Ansprüche aus 2005 in die Rangklasse 2 gehören, weil sie erst im Jahre 2006 begründet und fällig geworden sind.

17Das Amtsgericht hätte die Zwangsversteigerung allerdings in der Rangklasse 5 anordnen müssen, weil der Antrag der Gläubigerin auf Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 2 den Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 5 ohne dass dies ausdrücklich erklärt werden musste als "Minus" umfasst. Dass das der Fall ist, ergibt sich unter anderem aus der betragsmäßigen Obergrenze der Privilegierung der Rangklasse 2 in Höhe von 5 % des Verkehrswertes. Denn das Vollstreckungsgericht ist bei Überschreiten der 5 %igen Obergrenze gehalten, den darüber hinaus gehenden Betrag in der Rangklasse 5 einzutragen, ohne dass dies eines konkreten Antrages bedarf (vgl. hierzu Alff/Hintzen, Rpfleger 2008, 165, 168 ff.). Dem steht § 308 Abs. 1 ZPO, der auch im Zwangsvollstreckungsrecht gilt, nicht entgegen. Die Rangklassen 2 und 5 des § 10 Abs. 1 ZVG stehen nach Auffassung des Einzelrichters der Kammer im Verhältnis von "mehr" und "weniger" zueinander. Hiefür sprechen neben den obigen Erwägungen auch die Gründe des Beschlusses des BGH vom 17.4.2008 (a.a.O.). Im dort entschiedenen Fall hat die Gläubigerin wie her ausschließlich die Anordnung der Zwangsversteigerung in der Rangklasse 2 beantragt; die Eintragung erfolgte mangels Vorliegens der Voraussetzungen des § 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG in der Rangklasse 5.

18Die Sache war daher zur erneuten Entscheidung über den Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung an das Amtsgericht zurückzuverweisen. Das Amtsgericht wird, sofern die übrigen Voraussetzungen der Anordnung der Zwangsversteigerung vorliegen, die Zwangsversteigerung in der Rangklasse 5 einzutragen und den weitergehenden Antrag auf Anordnung in der Rangklasse 2 als unzulässig zu verwerfen haben.

19Eine Übertragung des Verfahrens auf die Kammer gemäß § 568 S. 2 ZPO war aufgrund der Aufhebung und Zurückverweisung nicht angezeigt. Über diese Frage wird gegebenenfalls erneut zu entscheiden sein, falls es in gleicher Sache erneut zur Durchführung eines Beschwerdeverfahrens kommt.

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