Urteil des LG Hagen vom 14.01.2005, 9 O 224/03

Entschieden
14.01.2005
Schlagworte
Unfall, Behandlung, Kollision, Klinikum, Verschulden, Witterungsverhältnisse, Fahrzeug, Akte, Auto, Sicherheitsleistung
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Landgericht Hagen, 9 O 224/03

Datum: 14.01.2005

Gericht: Landgericht Hagen

Spruchkörper: 9. Zivilkammer

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 9 O 224/03

Tenor: Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits trägt der Kläger.

Das Urteil ist vorläufig gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des zu vollstreckenden Betrages vollstreckbar.

Tatbestand 1

2Der Kläger macht Schadensersatzansprüche aus einem Unfallgeschehen vom 16.11.2002 gegen 19:20 Uhr in ####1 I in Höhe des Hauses W, geltend. Der Kläger befand sich im Hause W-Str., um dort seine Tochter zum Kirchgang abzuholen. Von dort aus begab er sich nach draußen und wollte die W2 überqueren, um zu seinem Fahrzeug zu gelangen, welches er auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Q-Platz des Penny-Marktes abgestellt hatte. Dies war gegen 19:20 Uhr am 16.11.2002. Zu diesem Zeitpunkt war es dämmerig und es regnete. Am Rande der W3 befinden sich T-T. Der

3Kläger selbst war jedoch dunkel gekleidet. Beim Überqueren der W3 kam es zur Kollision mit dem Fahrzeug des Beklagten zu 1) welches bei der Beklagten zu 2) pflichtversichert ist. Hierbei war es so, dass der Kläger bereits die eine Fahrbahn der W3 überquert hatte als es zur Kollision kam. Der Kläger wurde hierbei von der linken Stoßstange des vom Beklagten zu 1) gesteuerten Fahrzeuges erfasst. Dadurch fiel er auf den linken Kotflügel des Fahrzeugs und stieß mit dem Schädel gegen die Windschutzscheibe. Dadurch wurde diese stark beschädigt. Der Kläger ist durch das Unfallgeschehen schwer verletzt worden. Er befand sich zunächst in

4stationärer Behandlung in dem Klinikum M in der Zeit vom 16.11. bis 03.12.2002. Dort ist der Kläger auch operiert worden. Am 03.12. wurde der Kläger aus der stationären Behandlung entlassen mit Unterarmgehstützen wobei er sich im

5Zeitraum vom 10.04. bis 14.04.2003 erneut in stationärer Behandlung in dem Klinikum M befand. Hier erfolgte am 11.04.2003 eine weitere Operation wobei eine Implantatentfernung erfolgte. Im März 2004 musste sich der Kläger nochmals in

6stationärer Behandlung begeben, um aus dem linken Knie die Q und dort befindlichen Schrauben entfernt zu bekommen.

7Der Kläger ist der Ansicht, der Beklagte zu 1) ist zum Zeitpunkt der Kollision mit einer Geschwindigkeit von mindestens 55 bis 60 km/h gefahren. Wobei insoweit eine Geschwindigkeitsüberschreitung vorlag. Ferner habe der Beklagte zu 1) seine

8Geschwindigkeit nicht den bestehenden Witterungsverhältnissen angepasst, da er auf Grund der Witterungsverhältnisse seine Geschwindigkeit auf höchstens 30 km/h hätte reduzieren müssen. Ferner ist der Kläger der Ansicht, dass bei einer angemessenen Geschwindigkeit zwischen 30 und 40 km/h das Unfallgeschehen hätte vermieden werden können. Insofern habe nämlich der Beklagte zu 1) es an der notwendigen

Aufmerksamkeit fehlen lassen, da er auf Grund der geschilderten Örtlichkeit den 9

Kläger hätte sehen müssen. Insbesonders war die T durch Laternen ausgeleuchtet. 10

Der Kläger beantragt, 11

1.12

die Beklagten werden gesamtschuldnerisch verurteilt, an den Kläger ein in das 13

Ermessen des Gerichtes gestelltes Schmerzensgeld nebst Zinsen in Höhe von 5 14

Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 21. März 2003 zu zahlen. 15

2.16

Es wird festgestellt, dass die Beklagten gesamtschuldnerisch verpflichtet sind, dem 17Kläger den gesamten materiellen und immateriellen Zukunftsschaden aus dem Unfall vom 16.11.2002 in I auf der W3 zu ersetzen, soweit Ansprüche nicht auf Dritte übergegangen sind, bzw. übergehen.

Die Beklagten beantragen, 18

die Klage abzuweisen. 19

20Sie sind der Ansicht, dass das Unfallgeschehen seitens des Beklagten zu 1) nicht habe vermieden werden können. Der Kläger sei dunkel gekleidet gewesen und dem Beklagten zu 1) quasi vor das Auto gelaufen. Sämtliche Beleuchtungsvorrichtungen des Beklagtenfahrzeuges seien in Takt gewesen. Insbesonders habe der Kläger den rechten Fahrbahnrand noch nicht fast erreicht. Vielmehr habe er sich aus ihrer Sicht mindestens 2,5 bis 2 m von der anderen Straßenseite entfernt befunden.

21Bezüglich des weitergehenden Sach- und Streitstandes wird auf die gewechselten Schriftsätze sowie die Anlagen zur Akte verwiesen.

22Bezüglich der Frage des Unfallhergangs hat das Gericht Beweis erhoben durch Vernehmung der Zeugen L und I2. Zum Ergebnis der Beweisaufnahme wird auf das Sitzungsprotokoll vom 16.0.2004 verwiesen. Ferner hat das Gericht ein schriftliches Sachverständigengutachten des Sachverständigen Schiffmann eingeholt und diesen ergänzend zum Gutachten befragt. Bezüglich des Gutachtens wird auf das Gutachten des Sachverständigen vom 05. Juli 2004 verwiesen. Bezüglich der Aussage des Sachverständigen wird auf das Sitzungsprotokoll vom 14.01.2005 verwiesen.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e 23

24Ein Schmerzensgeldanspruch des Klägers folgt weder aus §§ 7, 11, 12 StVG, noch aus §§ 8 und 23 BGB. Insofern war die Klage abzuweisen. Ein

25Schadensersatzanspruch nach den genannten Vorschriften liegt nämlich gemäß § 9 StVG i.V.m. §§ 244, 254 BGB dann nicht vor, wenn das Verschulden des Fußgängers so schwer wiegt, dass die Betriebsgefahr des Fahrzeugs dahinter zurücktritt (vgl. Lang/Stahl/Suchomehl, die Unfallregulierung nach neuem Schadensersatzrecht, NZV 2003, 441, 443; Geigel der Haftpflichtprozess 24. Aufl. § 25 Rnd.-Nr. 98. Von

26einem derartige überwiegenden Verschulden ist hier jedoch auszugehen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass ausweislich des glaubhaften und nachvollziehbaren Sachverständigengutachten des Sachverständigen Schiffmann der Unfall für den Beklagten zu 1) als unvermeidbar einzustufen war. Hierbei ist der Sachverständige nach der Vorgabe des Gerichts nach einer dem Beklagten zu 1) zugebilligten Reaktionszeit von 1

Sekunde ausgegangen und kam zu dem Ergebnis, dass der Beklagte keinerlei 27

Chancen hatte den dunkel gekleideten Kläger zu erkennen und entsprechende 28

29Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Selbst wenn man zu Gunsten des Klägers auf die Aussage des Zeugen I2 abstellt, der im Termin aussagte, er habe den Kläger

301 bis 1 ½ Sekunden vorher gesehen und noch überlegt ob er rufen solle, kommt man zu keiner anderen Beurteilung des Geschehens. Selbst unter Zugrundelegung dieses für den Kläger günstigen Sachverhalts kam der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass auch innerhalb dieser Reaktionszeit das Unfallgeschehen als unvermeidbar zu bewerten sei. Hierzu führte er aus, dass ausweislich der Vorgaben des Gerichtes dem Beklagten eine Reaktionszeit von 1 Sekunde zugebilligt wird, während der Verkehrsgerichtstag für die geschilderten Witterungsverhältnisse eine Reaktionszeit von 1,5

31Sekunden vorsieht jedoch unter Zugrundelegung bei der Reaktionszeit hätte der Unfall durch den Beklagten zu 1) nicht vermieden werden können. Insoweit ist zwar zu berücksichtigen, dass der Kläger als Fußgänger grundsätzlich sehr schutzwürdig ist. Jedoch kann nicht jegliches Verhalten des Klägers den entsprechenden Autofahrer angelastet werden. Vielmehr muß der Kläger sich sein Verhalten dann nicht anrechnen lassen, wenn der Autofahrer selbst keinerlei Chance hatte den Unfall zu vermeiden. Dies wurde hier seitens des Sachverständigen dargetan.

32Eine andere Beurteilung der Sach- und Rechtslage gibt sich auch nicht daraus, dass der Sachverständige im Termin vom 14.01.05 ausführte, dass die

33Kollisionsgeschwindigkeit unter Berücksichtigung der nunmehr mitgeteilten Größe des Klägers auf zwischen 50 und 55 km/h festzusetzen sei. Hierbei kann dahinstehen, ob für den Beklagten zu 1) ein Anlass bestand, diese Geschwindigkeit auf unter 50 km/h zu reduzieren. Grundsätzlich ist der Fahrer eines Kraftfahrzeuges verpflichtet, seine Fahrweise den Licht- und Witterungsbedingungen anzupassen, so dass auch eine grundsätzlich erlaubte Geschwindigkeit von 50 km/h als zu schnell angesehen werden kann. Ausweislich des nachvollziehbaren Sachverständigengutachtens des Sachverständigen Schiffmann hätte hier der Unfall jedoch auch dann vermieden werden können, wenn der Beklagte zu 1) mit 30 km/h gefahren wäre. Eine weitere Reduzierung unter dieser 30 km/h war von dem Beklagten zu 1) auch nicht zu verlangen, da er grundsätzlich freie Sicht hatte. Insofern hat

sich die hier vorliegende Überschreitung der Geschwindigkeit auch nicht auf das Unfallgeschehen ausgewirkt.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 ZPO. 34

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 709 ZPO. 35

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Anmerkungen zum Urteil