Urteil des LG Dortmund vom 04.07.2006, T 1/05

Aktenzeichen: T 1/05

LG Dortmund: wohnung, besucher, wand, polizei, pistole, angriff, warnschuss, strafrechtliche verantwortlichkeit, zorn, leib

Landgericht Dortmund, 14 (Schw) T 1/05

Datum: 04.07.2006

Gericht: Landgericht Dortmund

Spruchkörper: Schwurgericht

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 14 (Schw) T 1/05

Tenor: Der Angeklagte wird wegen Mordes und wegen gefährlicher Körperverletzung zu

lebenslanger Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe

verurteilt.

Der Angeklagte trägt die Verfahrenskosten, die notwendigen Auslagen der Nebenkläger und seine Auslagen.

Angewendete Strafgesetze:

§§ 211, 224 Abs. 1 Nr. 2 und 5, 223, 53, 54 Abs. 1 Nr. 1 StGB.

G r ü n d e : 1

I. 2

Lebenslauf des Angeklagten 3

4Der Angeklagte wurde am 22.02.1947 in M in der Nähe von L(jetzt L in Polen) geboren und wuchs dort in geordneten Familienverhältnissen auf. Nach seinen Angaben war sein Vater als Meister bei der Eisenbahn tätig, während seine Mutter ein Geschäft leitete. Der Angeklagte wurde altersgerecht eingeschult. Wegen einer Blinddarmoperation und der damit verbundenen längeren stationären Behandlung musste er eine Klasse wiederholen. Abgesehen davon bereitete ihm der Lernstoff keine Schwierigkeiten. Nach seinen Angaben wurde er etwa 1962 aus der 8. Klasse der Volksschule als Jahrgangsbester entlassen. Im Anschluss besuchte er fünf Jahre lang ein von ihm so bezeichnetes Technikum, eine weiterführende Schule, die gleichzeitig eine Berufsausbildung vermittelte. Der Angeklagte erwarb dort nach seinen Angaben das Abitur und absolvierte mit Erfolg eine Ausbildung zum Techniker. Anschließend arbeitete er etwa 8 bis 9 Jahre lang zuvor oder währenddessen leistete er den

Militärdienst ab in einem Hüttenwerk, nach der Anfangszeit als Vorarbeiter, und war darüber hinaus nebenberuflich als Bademeister tätig. Weil diese Nebentätigkeit von der Werksleitung nicht weiter hingenommen wurde, gab der Angeklagte diese Arbeitsstelle auf. Nach seinen Angaben war er im Anschluss mehrere Jahre als Inspektor und Oberinspektor im öffentlichen Dienst Polens tätig und dabei u. a. mit der Organisation von Sportveranstaltungen befasst, bevor er aufgrund der niedrigen Entlohnung in eine Brauerei wechselte, in der er angeblich für mehrere Jahre als Brauereimeister tätig war. Anlässlich des Todes seines Vaters, der zu diesem Zeitpunkt in E in Deutschland lebte, im Jahre 1988 siedelte der Angeklagte nach Deutschland über und ließ sich ebenfalls in E nieder, wo auch seine in diesem Verfahren als Zeugin vernommene Schwester N lebte. Zusätzlich zu seiner polnischen Staatsbürgerschaft erwarb er die deutsche Staatsbürgerschaft. Er absolvierte einen Sprachkurs sowie einen Schweißerkurs und war ca. drei Jahre lang in einem Leiharbeitsunternehmen als Schlosser und Schweißer tätig, bevor er dann eine Arbeitsstelle in einem Betrieb fand, der Montage von Fenstern und Türen ausführte. Bei einem Arbeitsunfall vor acht oder neun Jahren er war aus dem 2. Stock eines Hauses gestürzt zog er sich eine Ellbogenfraktur und seine Angaben dazu während des Strafverfahrens wechselten möglicherweise auch Handgelenksbrüche zu. Nach längerer stationärer Behandlung und verschiedenen Rehabilitationsmaßnahmen scheiterten erneute Versuche, als Schlosser zu arbeiten. Der Angeklagte ist seitdem nicht mehr berufstätig. Er lebt seitdem von einer knapp bemessenen Unfall- bzw. Erwerbsunfähigkeitsrente und erhält ergänzende Unterstützung vom Arbeitsamt.

5Der Angeklagte war in Polen zweimal verheiratet. Die erste Ehe ging er im Alter von 25 Jahren ein. Sie wurde bereits nach drei Jahren geschieden. Zu dem aus dieser Ehe stammenden und in Polen lebenden 34-jährigen Sohn hat der Angeklagte noch Kontakt. Ein zweites Mal heiratete der Angeklagte mit 30 Jahren. Aus dieser Ehe gingen ein jetzt 25 Jahre alter Sohn und eine jetzt 24 Jahre alte Tochter hervor, die wie ihre Mutter in Polen leben. Zu ihnen hat der Angeklagte keinen Kontakt mehr. Seit etwa acht Jahren unterhält der Angeklagte wiederum eine Beziehung zu der Zeugin H, mit der er bereits als junger Mann vor seiner ersten Heirat ein Verhältnis hatte, das beendet worden war, nachdem die Zeugin von ihm schwanger geworden war und eine Fehlgeburt gehabt hatte. Die Zeugin hatte danach einen anderen Mann geheiratet und war, als der Angeklagte wieder mit ihr zusammen traf, Witwe. Die Zeugin H bezieht in Polen eine Rente und ist Eigentümerin eines Hauses. Der Angeklagte und seine Partnerin leben seit mehreren Jahren zusammen, und zwar dergestalt, dass sie sich teils im Hause der Zeugin in Polen und teils in der Wohnung des Angeklagten in E in Deutschland aufhalten.

6Der Angeklagte ist seit langem gewöhnt, Alkohol zu trinken. Zum Auftreten von Entzugssymptomen ist es nie gekommen. Ein oder zwei Wochen auf Alkohol zu verzichten, ist dem Angeklagten ohne Weiteres möglich. Nach reichlicherem Alkoholgenuss an einem Tag sieht der Angeklagte am folgenden Tag grundsätzlich vom Konsum alkoholischer Getränke ab. Bewusstseinsverändernde Drogen hat der Angeklagte nie genommen.

7Vor dem erwähnten Arbeitsunfall vor acht bis neun Jahren hat der Angeklagte bei seiner früheren Tätigkeit in der polnischen Brauerei einmal einen Ohnmachtsanfall erlitten, was damals schließlich auf mangelnde Sauerstoffzufuhr in dem Werksraum, in dem sich der Angeklagte aufgehalten hatte, zurückgeführt wurde. Nachdem er Mitte des Jahres 2002 im Hausflur des Mehrfamilienhauses, in dem er seine Wohnung hat, überfallen und

dabei auf den Kopf geschlagen worden war, suchte er Anfang 2003 wegen auftretender Angstzustände zweimal einen Neurologen auf, der ihm ein Beruhigungsmittel verschrieb. Der Angeklagte wiegt bei einer Größe von 1,72 m ca. 104 kg, weist also eine Adipositas auf. Er leidet unter Bluthochdruck und einer chronischen Gastritis.

Strafrechtlich ist der Angeklagte bereits in Erscheinung getreten. 8

9Ende der 90-er Jahre wurde in einem Umfangsstrafverfahren u. a. gegen ihn ermittelt. Er stand seinerzeit wegen des Umstands, dass er mehrfach Kleintransporter angemietet hatte, mit denen nach Erkenntnissen der Polizei geschmuggelte Zigaretten transportiert worden waren, im Verdacht, sich an wiederholtem organisiertem Schmuggel von jeweils 1.000 Stangen Zigaretten oder mehr beteiligt zu haben. Während der laufenden Ermittlungen, von denen der Angeklagte seinerzeit wohl keine Kenntnis hatte, wurde er Mitte Januar 1999 und Mitte Dezember des Jahres 2000 jeweils im Besitze von 80 Stangen unverzollter Zigaretten betroffen. Im letzteren Fall hatte er vor seiner Festnahme bereits weitere 80 Stangen geschmuggelte Zigaretten weiterveräußert. Das Amtsgericht Dortmund verhängte in dem Verfahren 80 Cs 170 Js 76/02 (14/02) aufgrund der konkret bezeichneten Vorfälle von Januar 1999 und Dezember 2000 durch Strafbefehl vom 04.03.2002 wegen Steuerhehlerei in 2 Fällen eine Gesamtgeldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 15,00 gegen den Angeklagten. Wegen der weitergehenden Vorwürfe wurde das Verfahren, in dem sich der Angeklagte im Sommer 2001 etwas mehr als zwei Monate in Untersuchungshaft befunden und eingeräumt hatte, nicht bei der ersten Anmietung, aber bei späteren Anmietungen davon ausgegangen zu sein, dass die Fahrzeuge von seinen Auftraggebern beim Handel mit geschmuggelten Zigaretten eingesetzt wurden, gemäß § 154 StPO eingestellt.

II. 10

Tatvorgeschichte 11

Im Jahre 2002 stand der Angeklagte in Kontakt mit den späteren Tatopfern, dem am ###### geborenen I und dem am ###### geborenen I². Bei ihnen handelt es sich um polnische Brüder - der jüngere hatte seinen Geburtsnamen I ändern lassen -, die mit dem Schmuggel von Zigaretten von Polen nach Deutschland befasst waren. Ob der Angeklagte sie aufgrund früherer Schmuggelgeschäfte kannte oder sie in diesem Jahre kennen gelernt hatte, hat die Kammer nicht festgestellt. Die Brüder suchten Abnehmer für nach Deutschland zu schmuggelnde Zigaretten, woraufhin der Angeklagte sie mit dem Zeugen bekannt machte, der sich auf dieses Geschäft mit den Brüdern einließ.

13Der Angeklagte wurde für seine Vermittlung von den Brüdern entlohnt; möglicherweise erhielt er anstelle eines Geldbetrages oder zusätzlich eine jahrzehntealte halbautomatische Selbstladepistole des belgischen Fabrikats FN, Modell 1910/22, Kaliber 7,65 mm Browning. Sicher festzustellen ist, dass der Angeklagte, der seit seiner Kindheit an Waffen interessiert ist, sich beim Militärdienst in Polen als sehr guter Schütze erwiesen hatte und seit langen Jahren Waffen und Militaria unterschiedlichster Art sammelt, längere Zeit vor dem Tatgeschehen im Besitze der vorbezeichneten funktionsfähigen Pistole war und mindestens gelegentlich damit bei Aufenthalten in Polen geschossen hatte.

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mietete gemeinsam mit einem anderen Mittäter eine Halle bzw. Garage in Essen an und bezog in der Folgezeit nach Deutschland geschmuggelte unverzollte Zigaretten von 12

I und I². Mindestens zwei Lieferungen von jeweils über 1.000 Stangen wurden in D umgeschlagen, von an seine eigenen Abnehmer verbracht und an diese veräußert. Bei Abwicklung eines weiteren Geschäfts wurden die Zigaretten, die zuvor von und seinem Mittäter in D bereits übernommen worden waren, beim Weitertransport von der Polizei beschlagnahmt. Der Zeuge suchte daraufhin umgehend I und auf, die sich in Begleitung eines anderen Mannes in der Wohnung des Angeklagten befanden und auf die Bezahlung der Lieferung warteten. Als von der Beschlagnahme berichtete und darauf hinwies, dass er von den Abnehmern jetzt kein Geld mehr erhalten werde und die Lieferung deshalb erst später bezahlen könne, wurde er von I und ohne Weiteres aufgefordert, unverzüglich die 17.000,00 zu beschaffen und die Lieferung zu bezahlen. sah keine Möglichkeit, diese Forderung zu erfüllen, und machte dies auch deutlich, worauf es zu einem Streitgespräch kam, in dessen Verlauf einer der Brüder wohl I ein Küchenmesser nahm und dem Zeugen damit einen Stich in das Bein versetzte, der so heftig war, dass die Spitze der Klinge abbrach und in der Wunde steckenblieb, wo sie sich noch heute befindet. Der Angeklagte war bei dieser Auseinandersetzung anwesend, hatte jedoch mit der Abwicklung des von ihm ursprünglich vermittelten Geschäfts selbst nichts zu tun und hatte sich an der Auseinandersetzung nicht beteiligt. Er schritt andererseits auch nicht ein und ließ seine Besucher gewähren. verließ verletzt die Wohnung. In seiner Angst vor weiteren Angriffen trieb er zunächst einen größeren Teilbetrag mehrere 1.000,00 auf, die er den Brüdern aushändigte. Bis zum Herbst 2004 wurde er mehrfach in E von den Brüdern I und überwiegend wohl in Begleitung eines dritten Mannes aufgesucht und zu weiteren Zahlungen aufgefordert. Auch wenn dabei keine offenen Drohungen geäußert wurden, so verstand der Zeuge L³, was auch der Absicht der Brüder entsprach, das Erscheinen mehrerer Männer und ihr Auftreten als so bedrohlich, dass er, soweit es ihm möglich war, weitere Zahlungen in unterschiedlicher Höhe auf die Restforderung leistete. Dabei spielte nicht nur die bereits erlebte Gewalttätigkeit eine Rolle, sondern auch der Umstand, dass schon die Statur des älteren Bruders I hatte bei einer Größe von etwa 2 m ein Gewicht von ca. 120 kg geeignet war, ihm Angst einzuflößen. Bei einem der Besuche erhielt der Zeuge einen Schlag in das Gesicht, worauf er gegen die Wand des Wohnungsflurs hinter ihm prallte. Verletzungen zog er sich dabei nicht zu. Von November 2004 bis zum September 2005 befand sich der Zeuge L³, der zwischenzeitlich wegen dieser Zigarettengeschäfte verurteilt worden war zur Identität der Lieferanten hatte er im Verfahren keine oder unzutreffende Angaben gemacht in Haft. Während der Haftzeit erhielt seine Ehefrau wohl keinen Besuch von I und I², obwohl etwa 3.000,00 noch immer ausstanden.

15Der Angeklagte hatte weiterhin ein gutes Verhältnis zu den Brüdern, die ihn in Abständen in E besuchten. Darüber hinaus gab es auch Kontakte zwischen ihnen, wenn sich der Angeklagte in Polen aufhielt. Mehrfach kam es dazu, dass der Angeklagte seine Wohnung zur Übernachtung der Brüder oder ihrer Begleitung zur Verfügung stellte. Den Brüdern ging es bei ihren Aufenthalten in Deutschland unabhängig vom Eintreiben der Forderung gegen - auch - um die Durchführung anderer krimineller Geschäfte. Feststellungen zu ihren Kontakten zum Angeklagten im Einzelnen und dazu, ob der Angeklagte in andere kriminelle Aktivitäten eingebunden war, hat die Kammer nicht getroffen. In einem Fall überließ der Angeklagte, während er sich selbst in Polen aufhielt, I außerdem die Wohnung für einen etwa einwöchigen Urlaub mit Frau und Kind.

III. 16

Tatgeschehen 17

18Am frühen Morgen des 21.10.2005 erschienen I und der Zeuge in Begleitung des Zeugen beim Angeklagten. Sie waren aus Polen mit dem Auto angereist, um das Wochenende in E zu verbringen. Sie hatten vor, in E bzw. im Ruhrgebiet kriminelle Geschäfte zu tätigen. U. a. beabsichtigten I und I², die noch ausstehenden 3.000,00 vom Zeugen einzutreiben. Weitere Einzelheiten bezüglich der beabsichtigten Geschäfte hat die Kammer nicht festgestellt. Ob sie dem Angeklagten ihr Kommen allgemein oder bezogen auf den konkreten Zeitpunkt angekündigt hatten und ob der Angeklagte konkrete Kenntnisse von den beabsichtigten Geschäften hatte, ist offen.

19Der Angeklagte hatte seit mehreren Wochen Besuch von seiner Partnerin, der Zeugin H. Bei der Wohnung des Angeklagten im 1. Obergeschoss des Hauses G in E - eines Hauses mit vier Wohnebenen und insgesamt 12 Mietwohnungen - handelt es sich um eine nicht allzu große 2-Zimmerwohnung mit Küche und Bad. Der Angeklagte empfing seine Besucher herzlich. Als sie darum baten, sich bei ihm ausruhen bzw. frischmachen zu dürfen, weil das Hotel erst um 10:00 Uhr öffne, war er ohne Weiteres damit einverstanden. Ob zu diesem Zeitpunkt über einen Aufenthalt der Besucher in der Wohnung des Angeklagten über das gesamte Wochenende hin gesprochen wurde, ist offen. Auch wenn die Zeugin H möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt mit dem Aufenthalt der Besucher nicht einverstanden war, so beeinträchtigte dies die Stimmung nicht. Die Besucher hielten sich mehrere Stunden in der Wohnung auf und aßen dort auch. Der Angeklagte hatte Essen von einem Restaurant in der Nähe besorgt. I und hatten dem Angeklagten ihrerseits Wodka und auch eine Stange Zigaretten mitgebracht. Als die Besucher im Verlaufe des Nachmittags die Wohnung verließen, ließen sie ihr Gepäck in der Wohnung zurück. Der Angeklagte hatte ihnen zuvor einen Schlüssel für die Haus- und für die Wohnungstür ausgehändigt, so dass die Besucher zu beliebiger Zeit zurückkommen konnten. Wo und unter welchen Umständen im Einzelnen I, und die Nacht verbrachten, hat die Kammer nicht festgestellt. Sie kehrten jedenfalls am frühen Samstagmorgen in die Wohnung des Angeklagten zurück. Sie äußerten, sie hätten von einem "P" erfahren, dass der Angeklagte sie zusammen mit betrogen habe. Sie seien gewarnt worden, bei ihnen zu übernachten, weil er seine Gäste bestehle. Der Angeklagte war empört über diesen Verdacht und konnte sich nur vorstellen, dass mit "P" ein Schwager seines Schwagers P², der mit seiner Schwester N verheiratet war, namens S gemeint war, dessen Spitzname "P" lautete. Er rief gegen 8:00 Uhr seine Schwester N und bei der Familie S an, wobei er erfuhr, dass S("P") schon vor zwei Tagen mit dem Lkw zu einem Auslandstransport aufgebrochen sei und deshalb nicht derjenige sein könne, der schlecht über ihn gesprochen habe. Bei diesen Gesprächen weigerten sich die I bzw. I², mit dem Angerufenen zu sprechen. Die Zeugin rief später zurück und machte dem Angeklagten Vorwürfe, dass er "so viel Gangster" bei sich habe, die er "rausschmeißen" solle, worauf der Angeklagte erwiderte, dass sie nicht gingen. Die Spannungen blieben bestehen, obwohl die Besucher wieder mehrere Stunden blieben und sich auch eine Zeit lang schlafen legten. Es war dann vor ihrem Aufbruch in die Stadt mindestens die Rede davon dass der Angeklagte seinen Besuchern ein Ultimatum setzte, hat die Kammer nicht festgestellt , dass die Besucher nach ihrer Rückkehr Abends bzw. in der Nacht ihr Gepäck mitnehmen und fahren sollten. Diesmal bekamen sie keinen Hausschlüssel mit. Im Verlaufe des Samstagabends - wohl gegen 20:00 Uhr - tauchten sie einmal an der Wohnung der Zeugen auf. Die anwesende Zeugin L4 ging auf das Klingeln hin zur Wohnungstür und sah I, und im Flur stehen, worauf sie die Tür nicht öffnete. Etwas später rief der Angeklagte ebenfalls bei der Familie an und warnte in seinem Gespräch mit der Zeugin L4 diese davor, dass sie Besuch der ihr bekannten Männer wegen der

ausstehenden Restforderung erhalten könne, worauf die Zeugin erwiderte, dass dieser Besuch schon da gewesen sei und dass sie das nächste Mal die Polizei rufen würde. Wie I, und die Nacht weiterhin verbrachten, hat die Kammer ebenfalls nicht festgestellt. Sie kehrten jedenfalls erst am Sonntagmorgen zwischen 7:00 und 8:00 Uhr in die Wohnung des Angeklagten zurück. Wenn sie es nicht schon wussten, so merkten sie unmittelbar, dass sie nicht mehr willkommen waren, was sie aber nicht hinderte, wie selbstverständlich zu bleiben, wofür sich I und entschieden hatten. Die Brüder hatten beschlossen, in der Wohnung zu bleiben und dort zunächst zu schlafen, bevor sie abfuhren. Ob sie aufgrund der Rollenverteilung bei dem früheren Zigarettengeschäft bzw. anderen kriminellen Geschäften oder aufgrund ihrer zahlenmäßigen und körperlichen Überlegenheit davon ausgingen, dass der Angeklagte und die Zeugin H nichts machen könnten, kann dahinstehen. Sie hatten jedenfalls mitbekommen, dass die Zeugin H mit ihrem Besuch noch weniger einverstanden war als der Angeklagte und nahmen das - sie waren jetzt jedenfalls verärgert - zum Anlass, über die Zeugin grob beleidigend herzuziehen, womit sie aber auch den Angeklagten, der die Zeugin wirklich liebt, besonders trafen. Dabei tat sich besonders der Zeuge hervor. Als der Angeklagte gleich zu Beginn darauf hinwies, dass die Zeugin im Schlafzimmer sei, es ihr nicht gut gehe und das Schlafzimmer deshalb nicht betreten werden solle, füllte der Zeuge in der Küche einen Topf mit Wasser, ging in das Schlafzimmer und schüttete das Wasser über die im Bett liegende Zeugin. Diese wurde auch selbst nass und brachte das Oberbett und das Kopfkissen, nachdem sie die Bezüge abgezogen hatte, anschließend auf den Balkon, wo sie es zum Trocknen ausbreitete, wobei sie weinte. Der Angeklagte war überaus zornig über dieses Verhalten. Ihm war klar, dass er gegen die Besucher körperlich selbst nichts ausrichten konnte, und fragte dann, was sie denn machen würden, wenn er sich bei einem Besuch gegenüber einer Frau so verhalten würde. Der Zeuge machte sich dann über den Angeklagten lustig und erklärte, das sei nur der - in Polen übliche - Osterbrauch gewesen. Den Angeklagten machte dies noch zorniger. Er beschloss gegen 8.00 Uhr, in Gegenwart seiner Besucher einen Notruf abzusetzen, wobei er hoffte, dass schon der Anruf die Besucher zum Gehen veranlassen würde. Er wählte zunächst den Feuerwehrnotruf und wurde von dem Mitarbeiter der Feuerwehr darauf verwiesen, sich an die Polizei zu wenden. Der Angeklagte wählte daraufhin den polizeilichen Notruf. Eine Verbindung kam jedoch nicht zustande, weil die Zeugin H den Anrufvorgang durch Drücken der Hörerauflage unterbrach. I und zeigten sich davon im Übrigen unbeeindruckt und einer von Ihnen erklärte dem Angeklagten, dass sie der Polizei sagen würden, dass die Zeugin H zwei Kilogramm Rauschgift in ihrer Scheide geschmuggelt habe, worauf der Angeklagte die Beleidigung zurückgab und erwiderte, dass allenfalls dessen Frau in der Lage sei, darin zwei Kilogramm zu transportieren. Möglicherweise kündigten I und auch an, den Angeklagten im Falle des Erscheinens von Polizei der Unterschlagung von zum Verkauf übergebenen Gegenständen zu bezichtigen. Der Angeklagte machte dann keinen weiteren Versuch mehr, die Polizei zu rufen. Obwohl ihm klar war, dass die Brüder wegen ihrer eigenen kriminellen Geschäfte solche Beschuldigungen nicht erheben würden, wollte er in diesem Augenblick keine weitere Eskalation. Die Beleidigungen seitens der Brüder wurden aber fortgesetzt. So wurde der Angeklagte gefragt, was er mit der alten Kuh mit ihrer roten Schnauze gemeint war wieder die Zeugin H - wolle. Er brauche nur etwas zu sagen, dann könne man ihm etwas Jüngeres aus Polen besorgen. Nach diesen groben Beleidigungen verließ die Zeugin H, die sich inzwischen umgezogen hatte, weinend die Wohnung, wobei sie erklärte, sie werde nicht zurückkommen, bevor die Männer gegangen seien. Obwohl der Angeklagte weiterhin unvermindert wütend über die Brüder war, suchte er nun nach einer Möglichkeit, die Situation zu entspannen. Er rief den Zeugen T, der einen der Brüder von früher kannte, an und bat diesen unter Hinweis darauf, dass er

Probleme habe, zu kommen. Dieser sagte zu und ließ sich - er hatte am Vorabend Alkohol in erheblicher Menge getrunken - von seiner Ehefrau bringen. Als sie eintrafen, zog der Angeklagte die Zeugin zur Seite und äußerte, dass er Probleme mit "H", der Zeugin H, habe. Sie sei weg und habe geäußert, entweder die Besucher gingen oder sie. Ob und welche konkreten Vorstellungen bezüglich einer Hilfeleistung seitens der Zeugen T beim Angeklagten bestanden, ist offen. Der Angeklagte und alle Besucher setzten sich ins Wohnzimmer um den Tisch herum. Der Zeuge T hatte Wodka mitgebracht, wovon getrunken wurde. Nach einiger Zeit kehrte die Zeugin H zurück. Sie hatte sich jedoch nicht beruhigt. Sie setzte sich nicht mit an den Tisch und äußerte - für alle vernehmlich - mehrfach, dass die Besucher verschwinden sollten. Auch in Gegenwart der Zeugen T kam es wieder zu der beleidigenden Äußerung, dass die Zeugin H Alkoholikerin sei. Der Angeklagte verhielt sich zu dieser Zeit sehr ruhig und reagierte darauf äußerlich nicht, obwohl er weiterhin Wut und Zorn empfand. Zwischendurch entspannte sich die Situation etwas. So wurde beispielsweise - der Zeuge T hatte das Gespräch wohl darauf gelenkt - über Fußball gesprochen. Die Zeugen T brachen um 10:00 Uhr oder etwas später auf. Der Angeklagte hatte erst zum Schluss des Aufenthalts Wodka getrunken. Einige Zeit nach dem Weggang der Zeugen T - der konkrete Zeitpunkt ist nicht festzustellen - legten sich die Männer schlafen. Zuvor - auch insoweit ist kein konkreter Zeitpunkt festzustellen - hatte sich der Zeuge weiter unhöflich benommen, indem er in der Küche nach Essbarem geschaut, auch in den Kühlschrank gesehen, von einem Brötchen und Käse etwas abgebissen und sich abfällig über die vorhandenen Lebensmittel geäußert hatte.

Zu den Verhältnissen in der Wohnung ist nachzutragen, dass hinter der Wohnungseingangstür ein querverlaufender Flur lag, an den sich rechter Hand das Badezimmer anschloss. Rechts neben der gegenüber der Wohnungseingangstür angebrachten Garderobe mit Spiegel befand sich die Tür zum Wohnzimmer, dem einzigen größeren Raum. Von der Wohnzimmertür aus gesehen rechts befanden sich hintereinander jeweils nur vom Wohnzimmer aus zu betreten Küche und Schlafzimmer. Während das Schlafzimmer, über das wiederum ein kleiner in das Gebäude eingezogener Balkon zu erreichen ist, vom Wohnzimmer durch eine Tür abgetrennt war, war die Küche durch einen offenen Rundbogen zu betreten. In dem Rundbogen hing ein aus einer Vielzahl von wohl geflochtenen Schnüren bestehender Sichtschutz, dessen zwei Hälften allerdings wohl des bequemen Durchgangs wegen jeweils miteinander verschlungen worden waren. Die herabhängenden zwei Schnurbündel, die im Übrigen 40 cm oder mehr oberhalb des Fußbodens endeten, behinderten den Blick aus dem Wohnzimmer in die Küche nur unwesentlich. Erst im Bereich etwa des oberen Drittels fächerten die Bündel auf. Wegen der Einzelheiten wird insoweit gem. § 267 Abs.1 Satz 3 StPO auf den Ausdruck des Digitalbildes Nr. 40 der Lichtbildmappe der KTU (Bd. I Bl. 109 d. A.) verwiesen. Den Bereich links von der Wohnzimmertür aus gesehen nahmen im Wesentlichen eine Couch, ein Tisch und ein Sessel ein. Die Couch befand sich mit der Rückenlehne an der links an die Wohnzimmertür anschließenden Wand, die Flur und Wohnzimmer trennte und in Leichtbauweise - wohl aus Rigipsmaterial - ausgeführt und übertapeziert war. Oberhalb der Couch hing, gruppiert um mehrere Bilder herum - eine Vielzahl der Waffen und anderen Sammlerstücke des Angeklagten. Dazu gehörten alte Pistolen - vermutlich Steinschlossmodelle -, Gewehre - wohl Dekorationswaffen - , Handschellen, Orden und über ein Dutzend Hieb- und Stichwaffen, überwiegend oder sogar sämtlich in Scheiden steckend.

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Während sich I mit dem Kopf zur Tür und mit dem Kopf zum Schrank auf die ausgezogene Bettcouch im Wohnzimmer legten, klappte der Zeuge die Campingliege 20

in der Küche aus und legte sich darauf. Er hatte dort wohl schon am Samstag geschlafen. Der Angeklagte war damit nicht einverstanden und brachte dies auch zum Ausdruck, wodurch sich die Brüder nicht stören ließen. Der Zeuge hatte sich an allem nicht beteiligt. Obwohl auch er in der Wohnung blieb, nahm ihm das der Angeklagte, der ihn als untergeordneten Begleiter einstufte, nicht übel. Sein Zorn richtete sich allein gegen die Brüder. Dieser Zorn wurde noch einmal gesteigert, als eine Zeit lang später die Zeugin H die Küche betrat und nach dem Einschalten von Licht vom Zeugen barsch angefahren wurde, sie solle das Licht ausmachen und aus der Küche verschwinden, er wolle schlafen. Der Zeuge schlief dann wieder ein. Auch I und der Zeuge schliefen jetzt. Alle drei waren übermüdet.

22Die Wut und der Zorn des Angeklagten über die Beleidigung seiner Partnerin und damit auch seiner Person hatten jetzt ein solches Maß erreicht, dass er nicht mehr hinnehmen wollte, dass die Brüder in der Wohnung blieben. Er holte nunmehr die im Rahmen der Tatvorgeschichte erwähnte Selbstladepistole,die über zwei Sicherungen verfügt. Zum einen ist dieses Pistolenmodell mit einer Griffstücksicherung ausgestattet, die durch das feste Umschließen des Pistolengriffs mit der Schusshand deaktiviert wird. Zum anderen weist es eine Hebelsicherung auf, die bei Betätigung die Griffstücksicherung und den Verschluss blockiert. Im Magazin der Waffe befanden sich mindestens drei Patronen. Der Angeklagte betätigte die Hebelsicherung, lud die Waffe durch und gab im Sessel sitzend über den Tisch und die dahinter auf der Schlafcouch schlafenden I und hinweg einen Schuss in Richtung der Wand ab, wobei ihm klar war, dass das Geschoss die Wand durchdringen und nicht etwa abprallen und als Querschläger im Wohnzimmer herumfliegen würde. Das Geschoss durchschlug tatsächlich die Wand und den auf der anderen Seite befindlichen Spiegel, um schließlich im Wohnungstürblatt gegenüber steckenzubleiben. Hierdurch wachte der Zeuge auf und möglicherweise auch kurz I. Falls letzterer kurz wach wurde und äußerte, dass ihn der Angeklagte ruhig in den "Arsch" schießen könne, so hatte er das Geschehen in seiner Schlaftrunkenheit nicht ernst genommen. Er ging in diesem Fall nicht davon aus, dass ihm ein Angriff gegen Leib und Leben seitens des Angeklagten drohe. Der Zeuge schlief weiter. Der Zeuge stand jetzt auf. Der Angeklagte wies darauf hin, dass er mit einer scharfen Waffe geschossen habe, die sogar durch die Wand schieße. Er sagte weiter, sie hätten noch Zeit bis "halb" - die Wanduhr zeigte etwa 1/4 nach der vollen Stunde -, um aufzustehen. Wenn sie bis dahin nicht aufgestanden seien, werde er die anderen abknallen. Wenn er - der Zeuge - keine Schwierigkeiten haben wolle, packe er besser seine Sachen und gehe `raus. Der Zeuge nahm diese Ankündigung nicht ernst. Er ging ins Bad und begab sich anschließend wieder auf die Schlafcouch, wo er im Sitzen möglicherweise zwischendurch döste. Zu diesem Zeitpunkt saß der Angeklagte wieder auf dem Sessel auf der anderen Seite des Tisches mit seiner Waffe. Als der Zeuge im Bad war oder danach kurz eingedöst war, bat die Zeugin H den Angeklagten flehentlich darum, mit der Waffe nichts weiter zu machen. Der Angeklagte wartete genau die festgesetzte Viertelstunde ab. Auch die Bitten der Zeugin H hatten ihn nicht beruhigen können. Wut und Zorn beherrschten ihn weiterhin. Seine Partnerin war massiv beleidigt worden, ohne dass er für sie entscheidend hatte eintreten können. Dass die Brüder nicht einmal darauf reagiert hatten, dass er mit der scharfen Waffe durch die Wand geschossen hatte, der Zeuge weiter geschlafen hatte und I, wenn er kurz wach gewesen war, wieder eingeschlafen war, empfand er als zusätzliche Demütigung vor seiner Freundin. In dieser Gemütsverfassung entschloss er sich schließlich zum Ablauf der Viertelstunde, sich für die Kränkungen und Demütigungen sowohl seiner Partnerin als auch ihm selbst gegenüber zu rächen, indem er die Schusswaffe gegen die Brüder einsetzte, und dadurch gleichzeitig zu demonstrieren, dass man so nicht mit ihm umspringen könne

und er nicht der Mann sei, leere Drohungen auszustoßen. Der Angeklagte hielt das beabsichtigte Handeln nicht für erlaubt. Falls er an Folgen für ihn selbst dachte, so waren ihm solche Folgen in diesem Moment gleichgültig. Dem Angeklagten war bewusst, dass von dem Warnschuss gar nichts mitbekommen und beim Schlafengehen bzw. beim Wiedereinschlafen nach dem Vorfall mit der Zeugin H nicht mit einem Angriff gegen Leib und Leben von seiner Seite gerechnet hatte. Ihm war weiter entweder bewusst, dass das auch für I galt, oder ihm war bewusst, dass dieser zwar durch den Schuss kurz wach geworden, ihn aber nicht als ernstzunehmende Warnung vor einem Angriff gegen Leib und Leben verstanden hatte. Der Angeklagte wusste weiter, dass beide Männer, weil sie schliefen, einem schnell nacheinander gegen beide durchgeführten Angriff gegenüber hilflos sein würden und wollte dies jetzt zur Tatbegehung auch ausnutzen. Er stand aus dem Sessel auf - falls er die Hebelsicherung zwischenzeitlich eingelegt hatte, so löste er sie -, trat auf den an der aus seiner Sicht an der linken Küchenwand auf dem Klappbett liegenden Zeugen zu, der auf dem Rücken liegend schlief, und feuerte mit der Waffe in seiner rechten Hand, wobei er die Griffstücksicherung drückte, aus geringer Entfernung - die Mündung der Waffe war 40 bis 60 cm von der Körpermitte entfernt - einen Schuss auf den Unterkörper des ab, mit dem er ihn mindestens erheblich verletzen und außer Gefecht setzen wollte, wobei er für möglich hielt, dass sterben würde, und einen solchen Ausgang in Kauf nahm. Das Geschoss trat im Schrittbereich in den linken Unterbauch ein, nicht weit vom Geschlechtsteil entfernt, durchsetzte den dortigen Darmabschnitt und drang durch die Rectusmuskulatur bis in die Lumbalmuskulatur vor, wo es wenige Zentimeter neben der Wirbelsäule stecken blieb. Der Zeuge wurde durch den Schussknall und die Verletzung wach und bewegte sich in seiner Angst, worauf das Campingbett teils einklappte. Der Zeuge hatte den Angeklagten in die Küche gehen und schießen sehen. Er begab sich sofort in die Küche. Der Angeklagte ging im Durchgang zur Küche an ihm vorbei, ging zurück ins Wohnzimmer, trat an den auf der Couch liegenden I heran - falls dieser nicht reglos lag, so war er jedenfalls nicht wach und handlungsfähig, was der Angeklagte wahrnahm - und schoss aus 20 bis 40 cm auf dessen Oberkörper, wobei I einen Herzdurchschuss erlitt, der zu erheblichem Blutverlust in die Brusthöhle und fast unmittelbar zu einem Kreislaufzusammenbruch führte, wodurch I binnen kurzem verstarb. Auch in diesem Fall handelte der Angeklagte, um I eine schwere Verletzung zuzufügen und ihn außer Gefecht zu setzen, wobei er dessen Tod mindestens für möglich hielt und auch eine solche Folge in Kauf nahm.

Im Anschluss flüchteten sowohl die Zeugin H, die jetzt aus dem Schlafzimmer kam, als auch der Zeuge I², der dabei vom Zeugen gestützt wurde, aus der Wohnung. Während die Zeugin H das Haus verließ, blieb der Zeuge I², der nicht mehr weiter konnte, im Hausflur auf einer Treppenstufe sitzen. Der Zeuge begab sich zurück in die Wohnung, um Hilfe herbeizurufen bzw. den Angeklagten dazu zu bewegen, Hilfe zu rufen. Der Angeklagte riet dem Zeugen N², ein Handtuch auf die Wunde zu drücken, damit die Blutung gestillt werde. Der Angeklagte rief schließlich es war jetzt 13:29 Uhr über Notruf zunächst bei der Einsatzleitstelle der Feuerwehr über deren Notruf an. Als er mitteilte, dass es in seiner Wohnung eine Schießerei gegeben habe, wurde das Gespräch an die Polizei weitervermittelt. Im Weiteren äußerte der Angeklagte, der zu diesem Zeitpunkt sehr aufgeregt war und dessen ohnehin nur unzulängliches Deutsch kaum zu verstehen war, dass er geschossen habe. Er wollte dem Gesprächspartner sagen, dass er jemanden in den Bauch geschossen habe. Verstanden wurde zunächst, dass er in einen Baum geschossen habe. Anschließend rief der Angeklagte die Reihenfolge hat die Kammer nicht festgestellt die Zeugin und seine Schwester, die Zeugin N, an. Der ersten erklärte er, dass es kein Problem mehr gebe. Er sagte dazu, er 23

habe die erschossen, oder, er habe auf die geschossen. Als die Zeugin nachfragte, sagte er noch etwas und beendete das Gespräch. Seiner Schwester sagte er ebenfalls nur, dass er zwei Gangster erschossen bzw. auf zwei Gangster geschossen habe. Nachdem seine Schwester weiter erfuhr, dass sie die Zeugin H nicht sprechen könne, weil sie weggelaufen sei, ahnte sie, dass etwas schlimmes passiert war, und machte sich deshalb sofort auf den Weg zur Wohnung des Angeklagten. In der Nähe der Wohnung traf sie die Zeugin H, die ihr berichtete, dass der Angeklagte den Leuten eine Frist gegeben habe, aus der Wohnung zu verschwinden. Er sei nur ausgelacht worden. Der Angeklagte habe eine Pistole in der Hand gehabt, sie habe ihm die Waffe weggenommen und ihn oder die Leute auf Knien gebeten, Ruhe zu geben. Die Leute hätten sie die Zeugin H - vorher beleidigt. Auf Frage der Zeugin N, warum ihr Bruder nicht die Polizei gerufen habe, antwortete die Zeugin N, dass die Leute ihn damit erpresst hätten, dass sie der Polizei sagen wollten, dass sie die Zeugin H mit Drogen zu tun habe, was aber nicht stimme.

24Kurz nach 13.30 Uhr trafen die zunächst eingesetzten Polizeibeamten einer nahegelegenen Polizeiinspektion unter ihnen PK am Hause G ein, wo sie eine RTW-Besatzung erwartete. Als sich die Beamten vorsichtig der Haustür näherten, erblickten sie den Angeklagten, der aus einem geöffneten Fenster des Hausflures im ersten Stockwerk auf sie herabschaute. Beim Erscheinen der Beamten rief er von sich aus, dass er geschossen habe, und warf die benutzte Selbstladepistole etwas später auf die Aufforderung eines Beamten, seine Hände aus dem Fenster zu halten, hinunter in ein Gebüsch neben der Haustür, so dass sie von den Beamten sofort sichergestellt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt war das Magazin leer. Beim Hinaufgehen zur Wohnung des Angeklagten stießen die Beamten im Treppenhaus auf den auf einer Treppenstufe sitzenden Zeugen und den Zeugen N². Der Angeklagte wurde am geöffneten Flurfenster im ersten Stock angetroffen, von den Beamten zur Eigensicherung zunächst zu Boden gebracht und mit einer Schließacht gefesselt. In der Wohnung fanden die Beamten sodann den reglosen I teils auf dem Bauch und teils auf der linken Seite liegend auf der Schlafcouch vor. Durch den inzwischen eingetroffenen Notarzt wurde dann bei Ableitung eines EKG war keinerlei Herztätigkeit mehr zu verzeichnen der Tod von I festgestellt. Der Zeuge wurde an Ort und Stelle notärztlich versorgt und anschließend in die Städtischen Kliniken E transportiert. Der Zeuge N², die Zeugin H, die in der unmittelbaren Nähe des Hauses wegen ihres aufgeregten Verhaltens aufgefallen war, und der Angeklagte wurden in der Folgezeit vorläufig festgenommen und getrennt zum Polizeigewahrsam verbracht. Währenddessen hatten KOK`in I³und andere Beamte der Kriminalwache mit der Aufnahme des Tatortbefundes begonnen. Im Laufe des Nachmittags waren dann Angehörige der inzwischen gebildeten Mordkommission und der Abteilung für kriminaltechnische Untersuchungen letztere auch noch am folgenden Tag mit der Untersuchung der Wohnung, der Anfertigung von Lichtbildern und der Sicherung von Spuren am Tatort und an den Beteiligten befasst. In der Wohnung wurden unter anderem drei Patronenhülsen des Kalibers 7,65 mm eine innen vor dem Wohnzimmerfenster, eine auf dem Teppich links neben dem Sessel und eine in der Küche unter einem Gewürzregal gefunden und ebenso wie das in der Wohnungstür steckende Projektil sichergestellt. Darüberhinaus wurden sichergestellt: ein Fallmesser der Bundeswehr, ein Karabinerverschluss, eine einschüssige vermutlich in Eigenbau hergestellte Pistole, ein sechsschüssiger vermutlich ebenfalls privat gefertigter Revolver ohne Schlaghahn, ein Wurfstern, Kartuschenmunition, einige Patronen allerdings keine des Kalibers und des Fabrikats der verschossenen Munition - und eine geringe Menge Schwarzpulver. Der Angeklagte, der über keine waffenrechtlichen Erlaubnisse

verfügt, hat sich inzwischen mit der außergerichtlichen Einziehung dieser Gegenstände, deren Besitz teils verboten, teils erlaubnispflichtig ist, wie auch der Selbstladepistole nebst Magazin einverstanden erklärt.

25Den Beteiligten mit Ausnahme des Zeugen N²- wurden nachmittags Blutproben entnommen, die bezogen auf die Entnahmezeitpunkte folgende Blutalkoholkonzentrationen aufwiesen: die des Angeklagten 1,02 o/oo (15.08 Uhr) und 0,87 o/oo (15.38 Uhr), die der Zeugin H 1,56 o/oo (16.32 Uhr) und 1,47 o/oo (17.02 Uhr) und schließlich die des Zeugen 0,73 o/oo (15.30).

26Der Zeuge war in kreislaufstabilem Zustand in der Klinik eingetroffen. Die behandelnden Ärzte gingen zunächst wegen zweier Verletzungen im Unterbauch davon aus, dass den Zeugen zwei Schüsse getroffen hatten, stellten dann aber fest, dass diese äußeren Verletzungen auf ein eindringendes Geschoss, das zunächst den Rand einer Hautfalte getroffen hatte, zurückzuführen waren. Nach Eröffnung der Bauchhöhle mittels einer Laparotomie fand sich reichlich Blut darin. Die Bauchhöhle und der Schusskanal wurden gesäubert. Der verletzte Dickdarmabschnitt wurde entfernt und die dabei entstandenen Darmenden wurden miteinander verbunden. Da das Projektil von der Bauchhöhle aus nicht zu tasten war, wurde es mit einem bildgebenden Verfahren lokalisiert und unter Setzung eines Schnittes neben der Wirbelsäule vom Rücken her entfernt. Der Zeuge verblieb einen Tag auf der Intensivstation und wurde dann auf eine normale Station verlegt. Da sich keine Komplikationen ergaben, konnte er bereits am 31.10.2005 aus dem Krankenhaus entlassen werden. Psychische Schäden hat der Zeuge nicht davongetragen. Er muss sich allerdings mit der über 25 cm langen Laparotomienarbe auf seinem Bauch und dem Risiko späterer Komplikationen wie dem Auftreten von Verwachsungen im Bauchraum abfinden.

27Der Angeklagte wurde erstmalig am 24.10.2005 als Beschuldigter vernommen. Die Vernehmung, die unter Mitwirkung des Zeugen KHK und der als Dolmetscherin tätigen Zeugin erfolgte, begann vormittags und dauerte etwa drei Stunden. Nach entsprechender Belehrung über den Vorwurf und seine Rechte als Beschuldigter machte der Angeklagte zunächst Angaben zu seinem Lebenslauf und seiner gesundheitlichen Verfassung, bevor er sich zur Person seiner Besucher und zum Tatvorwurf selbst äußerte. Die Brüder I und bezeichnete er als Mafiosi bzw. Gangster, die in Begleitung eines "Bodyguards" am Freitag vor dem Wochenende bei ihm erschienen und in E ihren Geschäften nachgegangen seien, von denen er nicht viel wisse. Nach einer in wesentlichen Punkten mit den dazu getroffenen Feststellungen übereinstimmenden Schilderung der Ereignisse am Freitag, Samstag und am Sonntagmorgen gab der Angeklagte zum eigentlichen Tatgeschehen folgendes an: Er sei in das Schlafzimmer gegangen, um seine weinende Freundin zu beruhigen. Er habe ihr gesagt, dass er das in Ordnung bringe. Er habe dann die Pistole, die er drei Jahre zuvor von I bekommen habe, geholt. Die Männer hätten nicht geschlafen, sondern die ganze Zeit seine Freundin beleidigt. Er habe ca. 40 cm über I weg geschossen und dabei gesagt, sie sollten sich jetzt "verpissen". Er habe ihnen Angst einjagen wollen, damit sie verschwänden. Er habe dann gesagt, dass er ihnen eine Viertelstunde Zeit zu verschwinden gebe. Er habe "Glatze" dem Begleiter gesagt, wenn sie um 12.30 Uhr hinsichtlich der Uhrzeit irrte sich der Angeklagte um eine Stunde noch da seien, seien sie selber schuld. Er habe "Glatze" auch das Loch im Garderobenspiegel und in der Wand gezeigt. "Glatze" habe nur mit den Schultern gezuckt; I habe gesagt, er könne ihn ruhig in den "Arsch" schießen. Er sei dann ins Schlafzimmer gegangen, worauf seine Freundin versucht habe, ihn zu beruhigen. Er habe die Uhr schlagen hören und

sei total aufgeregt gewesen. Er sei dann in die Küche gegangen, habe den auf dem Klappbett liegenden mit der linken Hand an der Oberbekleidung gezogen, ihn umgedreht und dabei gesagt: "Ich habe dir doch gesagt, ...". Er denke, sei klar gewesen, was er damit gemeint habe. Dann habe er geschossen. Er habe ihn auf der rechten Seite treffen, aber nur verletzen wollen. Dann sei er ins Wohnzimmer gegangen. Er habe I auch gesagt: "Ich habe dir doch gesagt, ...", worauf sich dieser aufgerichtet habe und ihm etwas entgegengekommen sei. Dann habe er geschossen, und zwar aus einem Abstand von etwa 40 cm zum Körper des I. Er habe auch I nur verletzen wollen und habe im Glauben, beide lediglich verletzt zu haben, "Glatze" aufgefordert, die beiden mitzunehmen und zu verschwinden. Er sei schon seit seiner Kindheit an Waffen interessiert gewesen und habe bei der Armee sehr gut geschossen, sogar Meisterschaften gewonnen. Deshalb sei er vorher sicher gewesen, dass er sie nur verletzen würde. Auf Vorhalt, dass nach Angabe des Zeugen beide Männer bei der Schussabgabe geschlafen hätten, erklärte der Angeklagte, dass das nicht möglich sei. I habe sich bewegt, als er ihn angefasst habe. "Glatze" habe sich die ganze Zeit zwischen dem ersten Schuss und den späteren Schüssen mit den beiden unterhalten. Die Waffe habe nach dem ersten Schuss auf dem Wohnzimmertisch gelegen, so dass "Glatze" oder die beiden anderen sie an sich hätten nehmen können.

28Bei der anschließenden Vorführung vor den Haftrichter zunächst u. a. folgendes an: Die hätten nicht geschlafen. I habe sogar gesagt, er könne ihn in den "Arsch" schießen. Er sei von I auch mit dem Messer bedroht worden. Sie hätten ständig seine Freundin beleidigt und auch damit gedroht, sie zu verletzen. Möglicherweise habe ihn der angestoßen, als er gerade auf I geschossen habe. Er der Angeklagte habe zuvor gedroht, die Polizei anzurufen. Er habe das um 11.30 Uhr und möglicherweise auch schon um 8.00 Uhr morgens tatsächlich getan. Die Männer hätten gesagt, das solle er ruhig tun; sie hätten genügend Waffen, um sich zu verteidigen. Er habe Angst vor ihnen gehabt. Auf Nachfrage schilderte der Angeklagte das Kerngeschehen noch einmal. Nachdem sein Freund, der ihm die Besucher vom Hals habe schaffen sollen, weg gewesen sei, habe er, während seine Lebensgefährtin in einem anderen Zimmer gewesen sei, einen Warnschuss in die Wand oberhalb des Kopfes von I abgegeben, worauf dieser entgegnet habe, er könne ihm ruhig in den "Arsch" schießen. Er habe ihnen fünfzehn Minuten Zeit zu verschwinden gegeben. Als die Zeit umgewesen sei, sei er zu dem in der Küche auf dem Klappbett liegenden gegangen. Er habe ihn umgedreht. habe ihn angeschaut; dann habe er den Schuss abgegeben. Es habe nur ein Streifschuss an dessen rechter Seite sein sollen. habe sich dann hinter das zusammengebrochene Klappbett gekauert. Er der Angeklagte sei in das Wohnzimmer gegangen. Er habe den auf dem Ecksofa liegenden I, der sich jetzt etwas aufgerichtet und auf einen Ellenbogen gestützt hätte, mit einer Hand am Kragen gefasst und aus etwa einem halben Meter Entfernung den Schuss abgegeben.

29Der Angeklagte wurde dann aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Dortmund vom 24.10.2005 in Untersuchungshaft genommen, die bis heute andauert.

30Bei einer ergänzenden Vernehmung am 25.10.2005 wiederholte der Angeklagte, dass er Angst vor den Männern gehabt habe. Er sei ja dabei gewesen, als sie gestochen hätten. Sie hätten auch vor einem halben Jahr, als sie Ärger mit Türstehern in C gehabt hätten, Schusswaffen dabeigehabt. Sonst habe er in Deutschland keine Waffe bei ihnen gesehen. Seine Waffe habe er mit Magazin und acht Schuss vor ungefähr drei Jahren als Geschenk von I bekommen, weil er sie mit zusammengebracht habe. Als er sie am Sonntagmorgen geholt habe, habe er das Magazin herausgenommen, ca. fünf

Patronen darin gesehen, das Magazin eingeführt, durchgeladen und den ersten Schuss abgegeben. Danach sei er mit der Waffe in der Hosentasche in den Flur gegangen, habe dort das Loch in der Wand gezeigt und ihm gesagt, dass er keine Scherze mache und dass sein letztes Wort sei, dass er ihnen noch fünfzehn Minuten gebe. Er habe keine Reaktion des gesehen. Er sei dann ins Schlafzimmer zu seiner Freundin gegangen. Es könne sein, dass er sich zeitlich vertan habe und dass er nach dem ersten Schuss um 13.15 die anderen Schüsse um 13.30 abgegeben habe.

31Bei der am 28.11. und 8.12.2005 von der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. durchgeführten Exploration äußerte sich der Angeklagte zum Kerngeschehen im wesentlichen wie folgt: Nach dem Vorfall, als sie von aus der Küche gewiesen worden sei, sei seine Freundin ins Schlafzimmer gegangen, wohin er ihr gefolgt sei. Sie habe die ganze Zeit geheult. Dann habe er der Angeklagte -, als er danach im Sessel im Wohnzimmer gesessen habe, bemerkt, dass ein Samuraimesser von der Wand genommen worden sei und sich an der Tür befunden habe. Der Glatzköpfige sei dann aufgestanden und ins Bad gegangen. Da habe er der Angeklagte die Pistole, die auf einer Wanduhr gelegen habe, geholt, gesagt, dass sie verschwinden sollten, und habe durch die Wand in einen Spiegel hinein geschossen. I habe dann gesagt, er könne ihm in den "Arsch" schießen. Er habe ihnen fünfzehn Minuten Zeit gegeben, um zu verschwinden. Danach habe er im Schlafzimmer seine Freundin beruhigt, die vor lauter Schreck gezittert habe. Nach fünfzehn Minuten habe die Uhr um 13.30 geschlagen. Zwischendurch habe er durch die nicht zugezogene Schlafzimmertür ein Fragment eines Gesprächs zwischen dem Glatzkopf und I, nämlich den Satz "Das soll er doch mal versuchen" mitbekommen. Dann sei er –der Angeklagte zur Küche, habe am T-Shirt gepackt, hochgezogen und ihm gesagt: "Ich hab`s euch doch gesagt, ...". Da sei der erste Schuss gefallen. Er habe zwischen Rippen und Arm gezielt, um nicht zu stark zu verletzen. Daraufhin sei der hochgesprungen, da sei der Schuss gefallen. Er der Angeklagte sei dann zu I gegangen, der zu diesem Zeitpunkt auf einem Arm gelegen, aber versucht habe, sich zu erheben, und dabei gefragt habe, ob hier einer geschossen habe. Er habe das bejaht und als er zwischen Rippen und Arm des I gezielt habe, habe ihn aus der Küche in den Flur laufend geschubst. Da sei der zweite Schuss gefallen. Auf die Frage, was in ihm vorgegangen sei, als er geschossen habe, gab er an, er habe sich machtlos gefühlt, dass diese "Hurensöhne" einen zum Dreck machen könnten und dabei dächten, dass Geld alles sei, sie alle niedermachen könnten und alles dürften. Er habe auch an die Behauptung gedacht, dass seine Freundin zwei Kilogramm Rauschgift in ihrer Scheide transportiert habe. Er bereue und er bedauere, was passiert sei. Im Vorflur habe ein Elektroschocker gelegen, der aber nicht funktioniert habe. So habe er gedacht, entweder sie oder