Urteil des LG Aachen, Az. 41 O 1/09

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Landgericht Aachen, 41 O 1/09
Datum:
12.05.2009
Gericht:
Landgericht Aachen
Spruchkörper:
1. Kammer für Handelssachen
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
41 O 1/09
Normen:
UWG §§ 3, 4 Nr. 11; RDG § 3
Leitsätze:
Die Werbung einer Autowerkstatt mit der Aussage, sie biete eine
"Schadenabwicklung mit allen Versicherungsgesellschaften" an,
verstößt gegen §§ 3, 4 Nr. 11 UWG i.V.m. § 3 RDG.
Tenor:
Die Beklagte wird verurteilt,
es bei Vermeidung eines vom Gericht für jeden Fall der
Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu € 250.000,00,
ersatzweise Ordnungshaft oder Ordnungshaft bis zu 6 Monaten zu
unterlassen,
mit der Aussage
"Schadenabwicklung mit allen Versicherungsgesellschaften"
zu werben und/oder werben zu lassen, wie nachfolgend wiedergegeben:
Leerseite = Anzeige
Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Beklagte mit Ausnahme der
Mehrkosten, die durch die Anrufung des unzuständigen Landgerichts O3
entstanden sind. Diese Kosten übernimmt die Klägerin.
Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten gegen Leistung einer Sicherheit in
Höhe von 110% des zur Vollstreckung kommenden Betrages und im
übrigen gegen Leistung einer Sicherheit in Höhe von 50.000,00 €
vorläufig vollstreckbar.
T a t b e s t a n d
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Die Klägerin ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Ihr gehören alle bei dem
Landgericht in O1, O2 und O3 zugelassenen Angehörigen des Anwaltsberufes sowie
die "verkammerten" Rechtsbeistände als Mitglieder an.
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Sie wahrt und fördert die beruflichen Belange ihrer Mitglieder.
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Die Beklagte betreibt in O1 unter anderem eine Kfz-Werkstatt. Sie bewarb in den O1
Tageszeitungen vom 10.09.2008 ihre Leistungen als Unfallspezialist in O1 mit der aus
dem Tenor ersichtlichen Anzeige.
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Die Klägerin sieht darin eine unzulässige Werbung mit Rechtsdienstleistungen und
einen Verstoß gegen die §§ 3, 8 Nr. 11 UWG in Verbindung mit § 3 RDG.
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Sie beantragt,
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die Beklagte zu verurteilen
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es bei Vermeidung eines vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlung
festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu € 250.000,00, ersatzweise Ordnungshaft
oder Ordnungshaft bis zu 6 Monaten zu unterlassen,
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mit der Aussage
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"Schadenabwicklung mit allen Versicherungsgesellschaften"
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zu werben und/oder werben zu lassen, wie nachfolgend wiedergegeben
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LEERSEITE = Anzeige
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Die Beklagte beantragt,
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die Klage abzuweisen.
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Die Beklagte hält ihre Werbung für zulässig. Die Ankündigung beziehe sich nicht auf
Rechtsdienstleistungen. Falls dies doch der Fall sei, sei dies nach § 5 RDG als
zulässige Nebenleistung zum Hauptberuf erlaubt.
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Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird Bezug genommen
auf die wechselseitigen Schriftsätze der Parteien nebst den von ihnen zu den Akten
eingereichten Urkunden sowie auf den Inhalt des Sitzungsprotokolls vom 31.03.2009.
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E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e
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Die zulässige Klage hat in der Sache Erfolg.
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Der nach § 8 Abs. 1 UWG klagebefugten Klägerin steht der geltend gemachte
Unterlassungsanspruch nach den §§ 3, 4 Nr. 11 UWG in Verbindung mit § 3 RDG zu.
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Die Werbeankündigung der Beklagten vom 10.09.2008 ist wettbewerbswidrig, da sie
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damit einem sich aus dem Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) ergebenden
gesetzlichen Verbot zuwider handelt. Die von der Beklagten angebotene
Schadensabwicklung mit allen Versicherungsgesellschaften bewirbt, zumindest im
Gesamtzusammenhang mit den übrigen Aussagen der geschalteten Anzeige
Rechtsdienstleistungen, für deren Erbringung die Beklagte nicht befugt ist.
Nach § 2 Abs. 2 RDG ist Rechtsdienstleistung jede Tätigkeit in konkreten fremden
Angelegenheiten, sobald sie eine rechtliche Prüfung des Einzelfalls erfordert.
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Im Fall bietet die Beklagte als "Unfallspezialist in Aachen" im Rahmen ihres
"Unfallschaden Managements" einen "professionellen Rundum-Service aus einer
Hand" an. Hierzu gehört unter anderem auch die "Schadenabwicklung mit allen
Versicherungsgesellschaften".
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Es ist der Beklagten darin Recht zu geben, dass nicht jedes Schadensmanagement
auch gleichzeitig einer Rechtsdienstleistung im Sinne des § 2 RDG entspricht. Jedoch
wird bei der Schadensregulierung die Grenze von der allgemeinen zulässigen
Dienstleistung zur Rechtsdienstleistung dann überschritten, wenn es um mehr als die
allgemeine Auskunft geht, dass die Erstattungsfähigkeit des Schadens von der
Haftungslage abhängt und aufgrund Mitverschuldens oder der von dem Fahrzeug des
unbeteiligten Kunden ausgehenden Betriebsgefahr eingeschränkt sein kann; sobald es
um den Einzelfall und bestimmte Probleme zum Haftungsgrund oder auch zur
Schadenshöhe geht, handelt es sich um eine Rechtsdienstleistung des § 2 Abs. 1 RDG
(so: Prox, Rechtsdienstleistungsgesetz und Unfallschadenregulierung in ZfSch 2008,
363 ff.).
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Hier werden die angesprochenen Verkehrskreise aufgrund des Gesamteindrucks, den
sie von der Werbeankündigung der Beklagten haben, ohne Weiteres den Schluss
darauf ziehen, dass nicht nur die oben genannten zulässigen Auskünfte erteilt werden,
sondern das Angebot der Beklagten darüber weit hinaus geht. Dies zu beurteilen, ist
dem Gericht möglich, da der erkennende Richter als Autobesitzer zu den
angesprochenen Verkehrskreisen gehört.
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Zunächst deutet bereits der Hinweis auf die Schadenabwicklung mit allen
Versicherungsgesellschaften darauf hin, dass die Tätigkeit der Beklagten sich nicht nur
darauf beschränkt, den unstreitigen Teil der Forderung des Auftraggebers bei den
Versicherungsgesellschaften einzuziehen. Wäre dieser Eindruck gewollt gewesen, so
hätte es nahe gelegen, von einem Inkasso bzw. von einer Einziehung zu sprechen und
nicht von einer Abwicklung. Üblicherweise geht eine Abwicklung über das bloße
Einziehen von Forderungen hinaus. Der somit hervorgerufene Eindruck wird verstärkt
durch den Hinweis, dass die Beklagte ein Unfallschadenmanagement bietet. Ein
solches Management kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn es umfassend alle
Fragen rund um den Unfall, also auch die möglichen Fragen zur Schuld, "managt", und
zur Zufriedenheit des Kunden behandelt. Eine zusätzliche Verstärkung dieses
Eindrucks bei den angesprochenen Verkehrskreisen wird durch den Hinweis auf den
professionellen "Rundum Service" hervorgerufen. Denn gerade diesen Hinweis werden
die angesprochenen Verkehrskreise ohne Weiteres dahin verstehen, dass sie rundum
versorgt werden und bei Beauftragung der Beklagten keine weitere Dienstleistungen,
also auch keine Rechtsdienstleistung, in Anspruch nehmen müssen. Dabei wird aber
die Grenze zur zulässigen Rechtsdienstleitung eindeutig überschritten (vgl. auch
Landgericht Koblenz, Urteil vom 07.03.2009 zu 4 HK.O 140/08).
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Aufgrund der Werbung der Beklagten erwartet der Auftraggeber erkennbar eine
rechtliche Prüfung von Geschäftsinhalt und Geschäftsrisiken, was bereits nach dem
Vorgänger des Rechtsdienstleistungsgesetzes, dem Rechtsberatungsgesetz,
unzulässig war (vgl. BGH, NJW 2000, 2108 f.).
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Entgegen der Auffassung der Beklagten ist die von ihr beworbene Rechtsdienstleistung
nicht nach § 5 RDG erlaubt. Danach sind erlaubt Rechtsdienstleistungen im
Zusammenhang mit einer anderen Tätigkeit, wenn sie als Nebenleistung zum Berufs-
und Tätigkeitsbild gehören. Ob eine Nebenleistung vorliegt, ist nach ihrem Inhalt,
Umfang und sachlichen Zusammenhang mit der Haupttätigkeit unter Berücksichtigung
der Rechtskenntnisse zu beurteilen, die für die Haupttätigkeit erforderlich sind.
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Diese Voraussetzungen liegen hier nicht vor. Die Grenze von der allgemeinen
Dienstleistung zur Rechtsdienstleistung ist auch im Bereich des sogenannten
Schadensmanagements, also bei der Abwicklung von Verkehrsunfallschäden für die
Unfallgeschädigten, stets dort zu ziehen, wo eine besondere rechtliche Prüfung
erforderlich ist. Dies ist, wenn die Unfallschadensregulierung von der Ermittlung von
Haftungs- oder Mitverschuldenquoten abhängen kann, stets der Fall (so: die
Begründung zum Rechtsdienstleistungsgesetz, BR-Drucksache 623/06 Seite 95).
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Die Regulierung dem Grunde nach streitiger Schadensfälle, ist deshalb aber auch
niemals eine nach § 5 Abs. 1 RDG zulässige Nebenleistung einer Kfz-Reparatur
(derselbe, ebenda).
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Es ist nämlich zu berücksichtigen, dass das Berufs- und Tätigkeitsfeld des Mitarbeiters
einer Kfz-Werkstatt sicherlich die Beratung über alle technischen und wirtschaftlichen
Fragen bei der Reparatur eines Fahrzeuges oder auch der Ersatzbeschaffung umfasst.
Ebenso gehört zwangsläufig dazu die Verteidigung einer Reparaturrechnung im
Ganzen und auch in Teilen gegen Kürzungsversuche des gegnerischen
Haftpflichtversicherers. Stellt man insbesondere auf die Rechtskenntnisse ab, die für die
Haupttätigkeit (Reparatur oder Ersatzteilbeschaffung) der Kfz-Werkstatt erforderlich sind,
wird klar, dass weitergehende Rechtsdienstleistungen für die Kfz-Werkstatt auch unter
dem Aspekt der Nebenleistung nach § 5 Abs. 1 RDG unzulässig sind (so: Prox, a. a. O.).
Hier vermittelt die beanstandete Ankündigung aber nicht den Eindruck, dass sich die
Tätigkeiten der Beklagten auf den oben genannten zulässigen Bereich beschränken.
Vielmehr wird durch den Hinweis auf die Schadensregulierung im Rundum-Service der
Eindruck vermittelt, dass auch weitergehende Dienstleistungen, die der rechtlichen
Prüfung der Haftungsquote und sonstige rechtliche Belange betreffen, angeboten
werden.
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Vor diesem Hintergrund ist die Gesamtankündigung wettbewerbswidrig, da mit den
Grundzügen des Rechtsdienstleistungsgesetzes nicht in Einklang zu bringen.
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Die prozessualen Nebenentscheidungen beruhen auf den §§ 91, 709 ZPO.
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Streitwert: 50.000,00 €
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Der Schriftsatz vom 26.04.2009 gibt keinen Anlass, andern zu entscheiden.
Insbesonders ist es nicht erforderlich, die mündliche Verhandlung wieder zu eröffnen,
um in anderer Kammerbesetzung zu verhandeln. Die Kammer ist ordnungsgemäß
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besetzt, da die Beklage rügelos verhandelt und damit die konkludente Zustimmung zur
Entscheidung durch den Vorsitzenden gegeben hat (vgl.: BVerfGE 98, 145, 153).
U1
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