Urteil des LAG Köln, Az. 7 Sa 1027/07

LArbG Köln: arbeitsgericht, fristlose kündigung, gleichbehandlung im unrecht, wichtiger grund, ordentliche kündigung, genehmigung, weiterverkauf, eigentum, bekanntgabe, diebstahl
Landesarbeitsgericht Köln, 7 Sa 1027/07
Datum:
23.01.2008
Gericht:
Landesarbeitsgericht Köln
Spruchkörper:
7.Kammer
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
7 Sa 1027/07
Vorinstanz:
Arbeitsgericht Köln, 22 Ca 234/07
Schlagworte:
außerordentliche Kündigung; Diebstahl; Kündigungsvollmacht;
Personaldezernentin; Beweiswürdigung; Selbstbedienungsmentalität
Normen:
§§ 174, 626 I und II BGB
Sachgebiet:
Arbeitsrecht
Leitsätze:
1) Ein Hausmeister, der seinem Arbeitgeber gehörende wertvolle
Einrichtungsgegenstände einer stillgelegten Kantinenküche unerlaubt
auf eigene Rechnung an Dritte verkauft, kann sich nicht erfolgreich damit
entlasten, dass in dem Betrieb unter Kollegen wie Vorgesetzten eine
weitverbreitete „Selbstbedienungsmentalität“ geherrscht habe.
2) Bei einem typischerweise mit Kündigungsvollmacht ausgestatteten
Funktionsträger (hier: gewählte Personaldezernentin eines
Landschaftsverbandes) liegt bereits in der Übertragung des Amtes eine
Bekanntgabe der Bevollmächtigung i. S. v. § 174 Satz 2 BGB. Es kommt
dabei nicht darauf an, ob jeder Arbeitnehmer konkret über die
Übernahme des Amtes durch eine bestimmte Person informiert wird.
Tenor:
Die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Köln
vom 12.07.2007 in Sachen
22 Ca 234/07 wird kostenpflichtig zurückgewiesen.
Die Revision wird nicht zugelassen.
T a t b e s t a n d :
1
Die Parteien streiten um die Wirksamkeit zweier außerordentlicher und einer hilfsweise
ausgesprochenen ordentlichen Kündigung der Beklagten.
2
Wegen des Sach- und Streitstandes erster Instanz, wegen der erstinstanzlich zur
Entscheidung gestellten Sachanträge und wegen der Gründe, die die 22. Kammer des
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Arbeitsgerichts Köln dazu bewogen haben, die Klage abzuweisen, wird auf Tatbestand
und Entscheidungsgründe des angegriffenen Urteils vom 12.07.2007 Bezug
genommen. Das Arbeitsgericht hat Beweis erhoben durch Vernehmung des Zeugen W
S . Wegen des Ergebnisses der Beweisaufnahme wird auf das Sitzungsprotokoll des
Arbeitsgerichts vom 12.07.2007 Bezug genommen. Ferner wird Bezug genommen auch
auf den übrigen Inhalt der arbeitsgerichtlichen Sitzungsprotokolle sowie der
erstinstanzlich zur Akte gereichten Schriftsätze der Parteien.
Das Urteil des Arbeitsgerichts wurde dem Kläger am 06.08.2007 zugestellt. Er hat
hiergegen am 23.08.2007 Berufung einlegen und diese am Montag, dem 08.10.2007,
begründen lassen.
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Der Kläger macht geltend, die vom Arbeitsgericht als wirksam erachtete Kündigung vom
20.12.2006 scheitere schon aus formalen Gründen an § 174 BGB. Er, der Kläger, sei
nicht darüber informiert gewesen, dass der Beklagte Frau H zur Personaldezernentin
berufen habe.
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Des Weiteren wendet sich der Kläger gegen die vom Arbeitsgericht vorgenommene
Würdigung der erstinstanzlich durchgeführten Beweisaufnahme. Er, der Kläger, habe
Beweis dafür angeboten, dass auch der Zeuge S für private Zwecke eine Friteuse aus
der aufgelassenen Küche des Beklagten in der Abtei B mitgenommen und einen
Rollladen aus der Kantine für sich reserviert habe. Er habe auch dem Zeugen D erlaubt,
sich an den Gegenständen der Kantine zu bedienen. Auch bezüglich der Frage, welche
Personen über Schlüssel für den Keller verfügten, habe der Zeuge die Unwahrheit
gesagt. Wäre das Arbeitsgericht diesen Beweisantritten nachgegangen, hätte sich die
Unglaubwürdigkeit des Zeugen S herausgestellt. Auch wäre der Zeuge antragsgemäß
zu vereidigen gewesen.
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Schließlich, so meint der Kläger, sei der Aussage des Zeugen S zu entnehmen, dass
die Kündigungserklärungsfrist des § 626 Abs. 2 BGB im Zeitpunkt des Ausspruchs der
Kündigung vom 20.12.2006 bereits abgelaufen gewesen sei; denn der Zeuge S habe
ausgesagt, schon Mitte des Jahres 2006 mit dem Verwaltungsleiter W über das
Verschwinden der Einrichtungsgegenstände gesprochen zu haben.
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Darüber hinaus habe er, der Kläger, die in dem Betrieb in B allgemein herrschende
Selbstbedienungsmentalität dargelegt. Damit habe er sich nicht auf eine
Gleichbehandlung im Unrecht berufen, sondern aufzeigen wollen, dass er in Anbetracht
des allseits praktizierten und von den Vorgesetzten geduldeten Verhaltens davon habe
ausgehen dürfen, dass sein Verhalten kein Fehlverhalten sei.
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Schließlich habe das Arbeitsgericht auch eine fehlerhafte Interessenabwägung
vorgenommen.
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Der Kläger und Berufungskläger beantragt nunmehr,
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das Urteil des Arbeitsgerichts Köln vom 12.07.2007 (22 Ca 234/07) aufzuheben
und
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festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis des Klägers weder durch die fristlose
Kündigung des Beklagten vom 20.12.2006 noch durch die fristlose Kündigung
des Beklagten vom 29.12.2006 noch durch die ordentliche Kündigung des
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Beklagten vom 15.01.2007 aufgelöst worden ist.
Der Beklagte und Berufungsbeklagte beantragt,
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die Berufung des Klägers zurückzuweisen.
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Der Beklagte und Berufungsbeklagte verteidigt das arbeitsgerichtliche Urteil mit Sach-
und Rechtsausführungen.
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E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :
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I. Die Berufung des Klägers gegen das arbeitsgerichtliche Urteil vom 12.07.2007 ist
zulässig. Die Berufung ist gemäß § 64 Abs. 2 Buchstabe c) ArbGG statthaft und wurde
nach Maßgabe des § 66 Abs. 1 ArbGG fristgerecht eingelegt und begründet.
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II. Die Berufung des Klägers musste jedoch erfolglos bleiben. Das Arbeitsgericht hat den
Rechtsstreit richtig entschieden und bereits die zeitlich erste der drei streitigen
Kündigungen, nämlich diejenige vom 20.12.2006, zutreffend als rechtswirksam
angesehen. Das Arbeitsgericht hat seine Entscheidung auch tragfähig begründet.
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Aus der Sicht der mündlichen Verhandlung in der Berufungsinstanz ist
zusammenfassend und ergänzend das Folgende auszuführen:
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1. Der Kläger hat unstreitig Mitte 2005 mehrere Edelstahl-Großküchenregale
(Einkaufspreis 400,00 €) sowie eine Thermobox (Einkaufspreis 700,00 €), die seit der
Auflösung der in den Räumen der Abtei B im Jahre 1999 betriebenen Großkantine in
den dortigen Kellerräumen gelagert waren, an einen ihm bekannten und mit dem
Beklagten in Geschäftsbeziehungen stehenden Gastronomen verkauft und den hieraus
erzielten Erlös in Höhe von mehreren hundert Euro für sich behalten. Die besagten
Gegenstände standen im Zeitpunkt ihres Verkaufs durch den Kläger im Eigentum des
Beklagten, seines Arbeitgebers.
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2. Der Diebstahl bzw. die Unterschlagung von im Eigentum des Arbeitgebers stehenden
Gegenständen ist seit jeher als ein für die Rechtfertigung einer außerordentlichen
fristlosen Kündigung im Sinne des § 626 Abs. 1 BGB geeigneter wichtiger Grund
anerkannt. Nach der ständigen höchstrichterlichen Rechtsprechung des
Bundesarbeitsgerichts gilt dies sogar schon für die Entwendung bzw. Unterschlagung
von Gegenständen geringen Wertes (Bienenstichfall !). Erst recht muss dies dann für
Gegenstände von bedeutendem Wert gelten, wie sie hier betroffen sind (Einkaufspreis
der Gegenstände 1.100,00 €, Erlös des Klägers aus dem privaten Weiterverkauf
mehrere hundert Euro). Diese rechtlichen Zusammenhänge werden, soweit ersichtlich,
vom Kläger auch nicht ernsthaft in Frage gestellt.
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3. Der Kläger will vielmehr darauf hinaus, dass es ihm durch den Zeugen S erlaubt
worden sei, sich aus den Gegenständen der im Jahre 1999 aufgelösten Groß-Kantine
"zu bedienen". Außerdem macht er geltend, dass in dem Betrieb des Beklagten in der
Abtei B seit langer Zeit eine derartige "Selbstbedienungsmentalität" unter der
Belegschaft allgemein und insbesondere auch in Vorgesetztenkreisen geherrscht habe,
so dass er, der Kläger, sein Verhalten nicht als ein Fehlverhalten habe erkennen
können. Mit beiden Argumenten kann der Kläger nach Lage der Dinge nicht gehört
werden.
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Von einer Genehmigung des Verkaufes der Regale und der Thermobox zu eigenem
Nutzen kann nicht ausgegangen werden und die vom Kläger behauptete
"Selbstbedienungsmentalität" - einmal unterstellt, die vom Kläger insoweit
vorgebrachten Beschuldigungen träfen im Wesentlichen zu – vermöchte ihn nicht in
entscheidungserheblicher Weise zu entlasten.
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a. Das Arbeitsgericht ist im Ergebnis zutreffend davon ausgegangen, dass es dem
Kläger
nicht
Großküchenregale und die Thermobox zu eigenem Gewinn privat zu verkaufen. In der
mündlichen Verhandlung vor dem Arbeitsgericht vom 03.05.2007 hatte der Kläger zu
Protokoll erklärt:
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"Nach der Schließung der Kantine in B hat Herr S uns Mitarbeitern ausdrücklich
erlaubt, Sachen von der vorher von uns betriebenen Kantine wegzuholen. Das
galt auch für private Zwecke. Über den Verkauf von Gegenständen ist nicht
gesprochen worden."
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Diese Behauptung des Klägers erscheint bereits so vage, allgemein gehalten und
unsubstantiiert, dass es zur Überzeugung des Berufungsgerichts einer
Beweisaufnahme hierüber gar nicht bedurft hätte. So war der Kläger selbst im Zeitpunkt
der mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht noch nicht in der Lage, diese
von ihm behauptete "Wegnahmeerlaubnis" auch nur annähernd zeitlich einzuordnen,
was allerdings schon deshalb erforderlich gewesen wäre, wenn man bedenkt, dass die
vom Kläger veräußerten Einrichtungsgegenstände nach der Auflösung der Kantine bis
zu ihrem Verkauf durch den Kläger mehrere Jahre im Keller der Abtei B gelagert waren.
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b. Des Weiteren ist folgendes zu bedenken: Bei der aufgelösten Küche handelte es sich
um eine Großküche, in der frührer mehrere hundert Essen täglich zubereitet wurden. Zu
einer solchen Großküche gehört eine große Menge unterschiedlichsten Inventars, von
nahezu wertlosem Verbrauchsmaterial über materiell geringwertige, aber nützliche
Kleinteile wie Besteck und Geschirr, kleinen Küchengeräten und Elektrokleingeräten
über Mobiliar bis hin zu wertvollen technischen Einrichtungen. Die vom Kläger
behauptete, allgemein gehaltene Erlaubnis, die Mitarbeiter könnten "Sachen von der
von uns vorher betriebenen Kantine wegholen", kann daher von jedem
Erklärungsempfänger nicht ohne weiteres und unterschiedslos auf das gesamte
Kücheninventar vom Spüllappen bis hin zur Thermobox oder Edelstahlregalen bezogen
werden. Ein derart allgemein gehaltener Erlaubnistatbestand, wie der Kläger ihn dem
Zeugen S in den Mund legt, hätte somit ohnehin zunächst allenfalls auf
Verbrauchsmaterial oder Kleinteile bezogen werden können, die ansonsten zur
Verschrottung angestanden hätten, nicht aber auf Einrichtungsmobiliar und Großgeräte
im Werte von mehreren hundert Euro. Hierzu hätte es vielmehr, was auch dem Kläger
unmittelbar hätte einleuchten müssen, einer speziellen und konkreten Genehmigung
bedurft, die aber der Kläger selbst nicht, jedenfalls auch nicht annähernd substantiiert
behauptet. Bezeichnenderweise wurde das Gesamtinventar der ehemaligen Großküche
im nachhinein betrachtet auf die unterschiedlichste Weise behandelt: Teilweise wurde
es in diversen anderen Küchen und Kantinen des Beklagten weiterverwendet, teilweise
wurde es verschrottet, teilweise wurde es verkauft – auch an Mitarbeiter (!) – und
teilweise ist es noch heute in den Lagerräumen der Abtei B vorhanden.
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c. Schließlich bleibt auch zu bedenken, dass es sich bei dem Zeugen S seinerzeit zwar
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um einen ranghöheren Mitarbeiter, aber nicht einmal um den direkten Vorgesetzten des
Klägers gehandelt hatte. Um so weniger konnte der Kläger Äußerungen dieses Zeugen
als offizielle und endgültige Genehmigung seines Arbeitgebers verstehen, sich Inventar
der ehemaligen Großküche im Werte von mehreren hundert Euro zum privaten
Weiterverkauf wegnehmen zu dürfen.
d. Ungeachtet all dessen hat der Zeuge S in seiner Vernehmung vor dem Arbeitsgericht
am 12.07.2007 definitiv und auf mehrfaches Befragen verneint, dem Kläger und/oder
auch anderen Mitarbeitern einen Freibrief dafür gegeben zu haben, dass man sich an
den Gegenständen der Kantine unterschiedslos bedienen könne.
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aa. Das Arbeitsgericht ist bei der Würdigung der Zeugenaussage von zutreffenden
Grundsätzen ausgegangen und hat hiervon in nicht zu beanstandender Weise
Gebrauch gemacht. Da das Arbeitsgericht seine Überzeugungsbildung aus der
Aussage des Zeugen S selbst gewinnen konnte, bedurfte es nicht zwingend einer
weiteren Beweiserhebung über Behauptungen des Klägers, die nicht das
Kerngeschehen des Beweisthemas betreffen, sondern lediglich als Hilfstatsachen bei
der Beurteilung der Glaubwürdigkeit des Zeugen hätten fungieren können.
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bb. Dies gilt um so mehr, als die Einwände des Klägers gegen den Inhalt der
Zeugenaussage teilweise gänzlich unerhebliche Nebenumstände betreffen (in
Anbetracht der Tatsache, dass der Verkauf der Gegenstände gerade durch den Kläger
unstreitig ist, war es unerheblich, wer sonst noch einen Schlüssel zu den Kellerräumen
besaß) und teilweise auch bereits vor Beginn der Beweisaufnahme durch den
Beklagten widerlegt werden konnten (Schriftsatz des Beklagten vom 30.05.2007 zum
Thema "Rolladen").
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cc. Letztlich war bei der Würdigung der Aussage des Zeugen S auch zu
berücksichtigen, dass der Zeuge zu einer negativen Tatsache (keine Genehmigung
erteilt) auszusagen hatte, der zu verneinende Tatbestand (Erteilung der Genehmigung)
vom Kläger aber – wie bereits ausgeführt – nur äußerst unsubstantiiert vorgetragen
worden war.
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e. Das Arbeitsgericht ist somit zutreffend davon ausgegangen, dass der Kläger nicht
damit gehört werden kann, ihm sei die Wegnahme und der Weiterverkauf der Regale
und der Thermobox zu eigenem Nutzen von der Arbeitgeberin erlaubt gewesen.
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f. Ebenso wenig kann der Kläger damit gehört werden, dass er aufgrund einer im Betrieb
der Abtei B des Beklagten herrschenden "Selbstbedienungsmentalität" auch der
Vorgesetzten die Unrechtmäßigkeit seines Tuns nicht habe erkennen können.
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aa. Es kann dahin gestellt bleiben, ob die Behauptung des Klägers von der
"Selbstbedienungsmentalität" auf einen wahren und nachweisbaren Tatsachenkern
zurückgeführt werden kann. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, entlastet dies den
Kläger nicht in einer entscheidungserheblichen Weise. Dass es einem Arbeitnehmer
verboten ist, im Eigentum seines Arbeitgebers stehenden Gegenstände von
bedeutsamen Wert wegzunehmen und auf eigene Rechnung weiter zu verkaufen, ist in
rechtlicher Hinsicht ein so einfacher und selbstverständlicher Tatbestand, dass er jedem
unmittelbar einleuchten muss. Wenn der Kläger somit meinte, in seiner dienstlichen
Umgebung eine "Selbstbedienungsmentalität" wahrnehmen zu können, musste ihm
ebenso klar sein, dass einer solchen Selbstbedienungsmentalität ein unrechtmäßiges
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und nicht zu billigendes Verhalten seiner Kollegen und Vorgesetzten zugrunde läge.
bb. Es war die selbstverständliche arbeitsvertragliche Pflicht des Klägers, sich einer
solchen Selbstbedienungsmentalität zu widersetzen und – wenn nicht mit den ihm zur
Verfügung stehenden Mitteln dagegen vorzugehen – so doch zumindest sich nicht
selbst davon "anstecken" zu lassen.
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cc. Dies gilt um so mehr, als der Beklagte zu recht darauf hinweist, dass der Kläger in
seiner Funktion als Hausmeister gerade auch stärker als andere Mitarbeiter
Obhutspflichten wahrzunehmen hatte.
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dd. Dass der Kläger durch irgendeine Form von Gruppenzwang dazu gezwungen
worden wäre, sich an dem die Selbstbedienungsmentalität ausdrückenden Verhalten zu
beteiligen, hat er selbst nicht vorgetragen. Dabei spielt es auch keine
ausschlaggebende Rolle, dass nach der Behauptung des Klägers – immer zu seinen
Gunsten unterstellt, diese hätten einen wahren Kern – auch Vorgesetzte in die
"Selbstbedienungsmentalität" verstrickt gewesen seien. Arbeitgeber des Klägers und
Arbeitsvertragspartner waren nicht seine Vorgesetzten, sondern der
Landschaftsverband Rheinland, eine Institution, die nach eigenem Bekunden über ca.
14.000 Arbeitskräfte verfügt und in der Abtei B nur eine von vielen Betriebsstätten
unterhält.
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ee. Würde man das Verhalten des Klägers aufgrund der von ihm behaupteten, in seiner
dienstlichen Umgebung herrschenden "Selbstbedienungsmentalität" als entschuldigt
oder gar gerechtfertigt ansehen, bedeutete dies, dass ein offensichtlich unrechtmäßiges,
unredliches und den Vertragspartner schädigendes Verhalten um so eher sanktionslos
bleiben müsste, desto mehr Personen sich eines solchen Verhaltens befleißigten oder
es gar systematisch betrieben.
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4. Das Arbeitsgericht hat ferner zutreffend erkannt, dass die Kündigung vom 20.12.2006
auch in formeller Hinsicht nicht zu beanstanden ist.
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a. Die Kündigungserklärungsfrist des § 626 Abs. 2 BGB ist eingehalten.
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aa. Der Kläger wurde am 13.12.2006 zu den die Kündigung bedingenden Vorwürfen
angehört. Die Anhörung des betroffenen Arbeitnehmers stellt bei einer
verhaltensbedingten Kündigung wie der vorliegenden einen Teil der
Sachverhaltsaufklärung dar.
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bb. Der Beklagte hat die Sachverhaltsaufklärung auch nicht ungebührlich verzögert.
Nach seiner Darstellung hat der Verwaltungsleiter W erstmals am 07.12.2006 davon
erfahren, dass der Kläger die besagten Gegenstände auf eigene Kosten weiterverkauft
und hatte wegschaffen lassen.
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cc. Dem steht die Aussage des Zeugen S vor dem Arbeitsgericht nicht entgegen. Der
Zeuge war bei seiner Vernehmung danach befragt worden, "wann er von dem
Verschwinden der Regale Kenntnis" erlangt habe. Der Zeuge antwortete hierauf: "Das
war voriges Jahr, irgendwann. Ich würde sagen, das war Mitte letzten Jahres.". Wenn
der Zeuge im Weiteren ausführt, "dann" habe er mit Herrn W darüber gesprochen, so ist
zum einen nicht gesagt, wie viel Zeit seit seiner Kenntniserlangung bei dem erstmaligen
Gespräch mit Herrn Westkamp bereits vergangen war. Insbesondere war in der
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entsprechenden Passage der Beweisaufnahme aber nur von dem Tatbestand des
Verschwindens der Regale die Rede, nicht aber davon, dass für dieses Verschwinden
der Kläger verantwortlich zu machen sei und dass dieser konkret die Gegenstände zu
eigenem Nutzen an einen Dritten verkauft hatte. Die Aussage des Zeugen S steht der
Angabe der Beklagten, die erstmalige Information über den Kündigungstatbestand habe
der Zeuge W am 07.12.2006 erhalten, somit nicht entgegen.
b. Ebenso wenig ist die Kündigung formell wegen Verstoßes gegen § 174 BGB
rechtsunwirksam.
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aa. Die Unterzeichnerin des Kündigungsschreibens, Frau H , war in ihrer Eigenschaft
als gewählte Personaldezernentin der Beklagten unstreitig Kraft ihres Amtes zur
Vornahme personeller Maßnahmen einschließlich des Ausspruchs einer Kündigung
befugt.
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bb. Es entspricht der jahrzehntelangen Rechtsprechung des BAG, wie sie von dem
Beklagten in der Berufungserwiderung zutreffend zitiert wird, dass bei solchen
Personen, die Kraft ihrer dienstlichen Funktion ersichtlich und typischerweise zum
Ausspruch von Kündigungen bevollmächtigt sind,
in der Übertragung des Amtes
Bekanntgabe der Bevollmächtigung im Sinne von § 174 Satz 2 BGB zu sehen ist, ohne
dass es darauf ankommt, dass jeder einzelne Arbeitnehmer eines Unternehmens
konkret über die Übernahme des Amtes durch eine bestimmte Person informiert wird.
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cc. Dies entspricht auch dem Sinn und Zweck des § 174 BGB. Frau H hat das
Kündigungsschreiben unter Bezugnahme auf ihre Funktion als Personaldezernentin
unterschrieben. Das Amt des Personaldezernenten bei dem Beklagten, der Funktion
eines Personalleiters in einem Wirtschaftsunternehmen vergleichbar, bringt die
Kündigungsberechtigung mit sich. Der Sinn des § 174 BGB liegt darin, dass bei einem
einseitigen Rechtsgeschäft, das ein Bevollmächtigter vornimmt, der
Erklärungsempfänger sichergehen können soll, dass der Erklärende hierzu tatsächlich
bevollmächtigt ist. Dem dient im Allgemeinen die Vorlage einer Vollmachtsurkunde. Bei
arbeitsvertraglichen Beziehungen reicht aber eben auch der Hinweis auf eine die
Vollmacht in typischer Weise umfassende Funktionsstellung in gleicher Weise aus.
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5. Das Arbeitsgericht hat auch die Interessen des Klägers einerseits, des Beklagten
andererseits ohne Rechtsfehler gegeneinander abgewogen.
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Es hat die 17jährige Betriebszugehörigkeit des Klägers zur Kenntnis genommen und als
einen zu seinen Gunsten sprechenden Gesichtspunkt im Rahmen der
Interessenabwägung gewürdigt. Es hat aber letztlich zurecht darauf abgestellt, dass die
Schwere der Pflichtverletzung und die damit in nachvollziehbarer Weise
einhergehender Zerstörung des Vertrauens in die Redlichkeit des Klägers nach Lage
der Dinge schwerer wiegen und den Ausschlag dafür geben, die Fortsetzung des
Arbeitsverhältnisses mit dem Kläger für den Beklagten als unzumutbar anzusehen.
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III. Die Kostenfolge ergibt sich aus § 97 Abs. 1 ZPO.
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Ein gesetzlicher Grund für die Zulassung der Revision ist bei der Entscheidung des
vorliegenden Einzelfalles nicht erkennbar.
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Rechtsmittelbelehrung
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Gegen diese Entscheidung ist ein weiteres Rechtsmittel nicht gegeben.
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Dr. Czinczoll Risse Behrendt
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