Urteil des FG Münster vom 14.01.2003, 12 V 6514/02 E

Aktenzeichen: 12 V 6514/02 E

FG Münster (Vollziehung, Aussetzung, Dringlichkeit, Aussetzen, Steuerpflichtiger, Rechtswidrigkeit, Einspruch, Gesellschafter, Geschäftsführer, Arbeitslohn)

Finanzgericht Münster, 12 V 6514/02 E

Datum: 14.01.2003

Gericht: Finanzgericht Münster

Spruchkörper: 12. Senat

Entscheidungsart: Beschluss

Aktenzeichen: 12 V 6514/02 E

Tenor: Die Vollziehung des Einkommensteuerbescheides 2001 vom 06.11.2002 wird in Höhe von 1.523,65 EUR (2.980 DM) Einkommensteuer

und 81,72 EUR (159,83 DM) Solidaritätszuschlag ausgesetzt.

Die Kosten des Verfahrens trägt der Antragsgegner.

Die Beschwerde wird zugelassen.

G r ü n d e: 1

2Die Antragsteller (Ast.) sind Eheleute. Der Antragsteller erzielte im Kalenderjahr 2001 (Streitjahr) als Gesellschafter-Geschäftsführer einer GmbH ohne gesetzliche Rentenversicherungspflicht und Pensionsanspruch Einnahmen aus nichtselbständiger Arbeit in Höhe von 140.124 DM. Die Antragstellerin erzielte sozialversicherungspflichtige Einnahmen aus nichtselbständiger Arbeit in Höhe von 27.600 DM.

3Die Ast. machten in ihrer Einkommensteuer (ESt)-Erklärung für das Streitjahr Vorsorgeaufwendungen in Höhe von insgesamt 24.764 DM geltend.

4Der Antragsgegner (Ag.) setzte die ESt des Streitjahres mit Bescheid vom 06.11.2002 auf 20.042,64 Euro (39.200 DM) fest. Er berücksichtigte dabei keinen Vorwegabzug im Sinne von § 10 Abs. 3 Nr. 2 Einkommensteuergesetz (EStG) mit der Begründung, dass nicht der gesamte Arbeitslohn beider Ehegatten die Voraussetzungen des § 10 Abs. 3 Nr. 2 EStG erfüllt habe.

5Die Ast. legten hiergegen Einspruch ein, über den der Ag. noch nicht entschieden hat. Die Aussetzung der Vollziehung des ESt-Bescheids lehnte der Ag. unter Hinweis auf Richtlinie 106 des Amtlichen Einkommensteuerhandbuchs und den BFH-Beschluss vom 21.12.2000 XI B 75/99, BFH/NV 2001, 773 ab.

6Die Ast. haben daraufhin gemäß § 69 Abs. 3 Finanzgerichtsordnung (FGO) um Aussetzung der Vollziehung durch das Gericht gebeten.

7Der Antrag auf Aussetzung der Vollziehung des ESt-Bescheids 2001, über den nach § 69 Abs. 3 Satz 3 FGO wegen der Dringlichkeit der Vorsitzende entscheidet, ist begründet.

8Nach § 69 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO soll das Finanzgericht die Vollziehung des angefochtenen Verwaltungsakts u.a. aussetzen, wenn ernstliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit bestehen. Ernstliche Zweifel sind anzunehmen, wenn bei überschlägiger Prüfung des angefochtenen Verwaltungsakts im Aussetzungsverfahren neben den für die Rechtmäßigkeit sprechenden Gründen gewichtige gegen sie sprechende Umstände zu Tage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung der entscheidungserheblichen Rechtsfragen bewirken oder Unklarheiten in der Beurteilung der Tatfragen aufwerfen. Ist die Rechtslage nicht eindeutig, ist über zu klärende Fragen im summarischen Beschlussverfahren nicht abschließend zu entscheiden. Die Aussetzung der Vollziehung setzt auch nicht voraus, dass die für die Rechtswidrigkeit sprechenden Gründe überwiegen (BFH-Beschlüsse vom 10.05.2001 I S 3/01, BFH/NV 2001, 956, und vom 30.11.2000 V B 187/00, BFH/NV 2001, 657).

9Bei überschlägiger Prüfung der Rechtslage bestehen Zweifel, dass das Finanzamt im streitigen ESt-Bescheid zu Recht den Vorwegabzug der Ast. in voller Höhe gekürzt hat.

10Gemäß § 10 Abs. 3 Nr. 2 EStG in der für das Streitjahr geltenden Fassung steht dem Steuerpflichtigen für Vorsorgeaufwendungen je Kalenderjahr ein Vorwegabzug von 6.000 DM zu, der sich im Fall der Zusammenveranlagung von Ehegatten auf 12.000 DM verdoppelt. Der Vorwegabzug ist gemäß § 10 Abs. 3 Satz 2 EStG um 16 v.H. der Summe der Einnahmen aus nichtselbständiger Arbeit zu kürzen, wenn für die Zukunftssicherung des Steuerpflichtigen Leistungen im Sinne des § 3 Nr. 62 EStG erbracht werden oder der Steuerpflichtige zum Personenkreis des § 10 c Abs. 3 Nr. 1 oder 2 EStG gehört. Die Kürzungsvoraussetzung liegt im Streitjahr in der Person des Antragstellers nicht vor. Der Vorwegabzug in Höhe von insgesamt 12.000 DM ist demnach lediglich um 16 v.H. der Einnahmen der Antragstellerin aus nichtselbständiger Arbeit, mithin um 4.416 DM zu kürzen.

11Gegen die Rechtmäßigkeit der Verwaltungsanweisung in Richtlinie 106 Satz 3 Einkommensteuerrichtlinien 2001, auf die sich der Ag. zur Begründung seiner Entscheidung stützt, bestehen erhebliche Bedenken. Sie kann entgegen der Auffassung des Ag. nicht auf den BFH-Beschluss in BFH/NV 2001, 773 gestützt werden. Nach dieser Entscheidung ist zwar der Vorwegabzug in vollem Umfang zu kürzen, auch wenn nur der Arbeitgeber eines Ehegatten Zukunftssicherungsleistungen im Sinne von § 3 Nr. 62 EStG erbringt. Daraus ergibt sich jedoch lediglich, dass zusammenveranlagte Ehegatten hinsichtlich des Vorwegabzuges eine Höchstbetragsgemeinschaft bilden (vgl. auch BFH- Urteil vom 04.03.1998 X R 109/95, BFH/NV 1998, 1466). Das ändert aber nichts daran, das jeder der zusammenveranlagten Ehegatten als Steuerpflichtiger anzusehen ist (vgl. BFH- Urteil vom 12.10.1994 X R 260/93, BStBl. II 1995, 119). Hiernach darf die Kürzung des Vorwegabzuges nur auf der Grundlage der Einnahmen aus nichtselbständiger Arbeit desjenigen Ehegatten berechnet werden, in dessen Person die Kürzungsvoraussetzungen vorliegen.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 135 Abs. 1 FGO. 12

13Die Zulassung der Beschwerde beruht auf § 128 Abs. 3 Satz 2 FGO i.V.m. § 115 Abs. 2 Nr. 1 FGO.

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