Urteil des FG Hamburg, Az. 3 KO 28/14

FG Hamburg: subjektives recht, konkrete normenkontrolle, gewaltenteilung, unabhängigkeit, report, verfassungsrecht, verfassungsbeschwerde, justizbehörde, gerichtsbarkeit, rüge
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Grundgesetz/Finanzgerichtsordnung: Gewaltenteilung oder Selbstverwaltung der Justiz
Soweit das Prinzip der Gewaltenteilung in der deutschen Justiz unvollkommen umgesetzt ist, entspricht
die Gesetzeslage nach bisheriger Rechtsprechung gleichwohl dem bisherigen deutschen
Verfassungsrecht.
FG Hamburg 3. Senat, Beschluss vom 04.02.2014, 3 KO 28/14
§ 14 BVerfGG, § 1 FGO, § 2 FGO, § 3 FGO, § 5 FGO, § 33 FGO, § 51 FGO, Art 19 GG, Art 20 GG, Art 92 GG, Art
93 GG, Art 97 GG, Art 100 GG, Art 101 GG, § 66 GKG, Art 3 HV, Art 62 HV, Art 64 HV, Art 65 HV, § 14 HVerfGG,
§ 40 VwGO, § 54 VwGO
Verfahrensgang
Gründe
Die Gerichtskosten-Erinnerung nach § 66 Abs. 1 Gerichtskostengesetz (GKG) ist unzulässig und wäre im
Übrigen auch unbegründet.
I.
1. Unzulässig ist die Erinnerung bereits deswegen, weil keine kostenrechtlichen Gesichtspunkte geltend
gemacht werden (vgl. BFH vom 3. August 2005 IX S 14/05, BFH/NV 2005, 1865) oder weil sinngemäß die
der Kostenlastentscheidung zugrunde liegende Gerichtsentscheidung und das durch sie abgeschlossene
Verfahren angegriffen wird (vgl. Beschlüsse FG Hamburg vom 30.11.2012 3 KO 205/12, Juris; BFH vom 14.
April 2008 IX E 2/08, Juris; vom 3. Juli 2006 VI S 8/06, BFH/NV 2006, 1867; vom 1. September 2005 III E
1/05, BFH/NV 2006, 92; vom 29. Juli 1997 VII E 7/97, BFH/NV 1998, 618).
2. Ebenso unzulässig ist die Erinnerung mangels Bestimmtheit oder Bezifferung des mit ihr verfolgten
Begehrens. Zugleich ist die Sachentscheidungsvoraussetzung der Beschwer oder Erinnerungsbefugnis
mangels Geltendmachung einer Rechtsverletzung nicht erfüllt, wenn die Erinnerungsbegründung aufgrund der
Unübersichtlichkeit der Ausführungen die Möglichkeit konkreter Rechtsverletzungen in Bezug auf ein
bestimmtes Begehren nicht hinreichend klar, geordnet und verständlich erkennen lässt; es ist nicht Aufgabe
des Gerichts, sich das herauszusuchen, was zur Darlegung einer Beschwer geeignet sein könnte (vgl. FG
Hamburg, Urteile vom 28.02.2013 3 K 145/12, 3 K 146/12, 3 K 147/12, Juris; vom 08.01.2009 3 K 228/08,
StEd 2009, 568, Juris m. w. N.).
3. Gleichfalls unzulässig ist die Erinnerung wegen Rechtsmissbrauchs, da ihre Begründung letztlich auf nicht
nachvollziehbare Vorwürfe von richterlichen Disziplinarvergehen, Hochverrat und Rechtsbeugung und damit
auf exzessive Justiz-Verunglimpfung hinausläuft (vgl. FG Köln, Urteile vom 08.09.1998 8 K 5803/98 und 8 K
6180/98, Juris; nachgehend BFH-Beschlüsse vom 09.09.1999 VII R 100/98, VII B 323/98, VII B 324/98 und
VII R 87/98, VII B 279/98).
4. Unzulässig ist ferner die sinngemäße Rechtsweg-Rüge, soweit die Unzuständigkeit der
Verwaltungsgerichte, zu denen die Finanzgerichtsbarkeit gehöre, für Streitigkeiten verfassungsrechtlicher Art
unter Hinweis auf § 40 VwGO, Art. 19 Abs. 4, Art. 97, 101 GG geltend gemacht wird.
a) Zuständig für die Kostenerinnerung gemäß § 66 Abs. 1 Satz 1 GKG ist das Gericht, bei dem die Kosten
angesetzt worden sind. Dies ist das nach § 33 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 FGO mit der Klage der Kläger als
öffentlich-rechtlicher Streitigkeit über Abgabenangelegenheiten befasst gewesene Finanzgericht.
b) Im Übrigen liegt eine verfassungsrechtliche und in die gesetzlich eröffneten Zuständigkeiten des
Hamburgischen Verfassungsgerichts (Art. 65 HV, § 14 HVerfGG) oder des Bundesverfassungsgerichts (Art.
93 GG) - anstelle der Auffangzuständigkeit der ordentlichen Gerichtsbarkeit gemäß Art. 19 Abs. 4 GG -
fallende Streitigkeit nicht schon dann vor, wenn im Rahmen einer gegen die Besteuerung gerichteten Klage
von Steuerpflichtigen verfassungsrechtliche Argumente angeführt werden; sondern nur bei Streitigkeiten über
unmittelbar dem Verfassungsrecht entnommene Rechte oder Pflichten zwischen Staats- oder
Verfassungsorganen oder gemäß Verfassung Beteiligungsberechtigten sowie in den geregelten Verfahren der
verfassungsgerichtlichen Normenkontrolle oder der Verfassungsbeschwerde (vgl. § 14 HVerfG; § 13
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BVerfGG; BFH-Beschluss vom 19.01.2012 VI B 98/11, BFH/NV 2012, 759; Urteile FG Sachsen-Anhalt vom
19.02.2013 5 K 1027/11, EFG 2013, 1158; FG Berlin-Brandenburg vom 17.01.2013 7 K 7303/11, EFG 2013,
723, nachgehend BFH-Beschluss vom 15.05.2013 III B 36/13, Juris).
c) Davon abgesehen würde es dem Steuerpflichtigen selbst für eine Verfassungsbeschwerde an einem
subjektiven Recht fehlen für die abstrakte Rüge mangelnder Verwirklichung von Staats- oder
Verfassungsprinzipien insbesondere der Gewaltenteilung oder der sachlichen richterlichen Unabhängigkeit,
die nur dem Richter ein subjektives Recht verleiht (Entscheidungen des Bay. VerfGH vom 27.09.2001 Vf. 59-
VI-00, NStZ-RR 2002, 46; vom 19.11.1992 Vf, 53-VI-91, Juris; vom 01.02.1991 Vf. 18-VI-90, BayVBl. 1991,
377).
d) Ferner sind auch nicht die Voraussetzungen für eine konkrete Normenkontrolle dargetan, das heißt für eine
Richtervorlage an ein Verfassungsgericht gemäß Art. 64 Abs. 2, Art. 65 Abs. 3 Nr. 6 HV i. V. m. § 14 Nr. 6
HVerfG oder Art. 100 GG i. V. m. § 13 Nr. 11 BVerfGG.
II.
Die Sachentscheidungsvoraussetzung der richtigen Besetzung des Gerichts ist gegeben (Art. 101 GG; § 5
FGO).
1. Über die Gerichtskosten-Erinnerung entscheidet der gemäß § 66 Abs. 6 GKG originär zuständige
Einzelrichter des im Geschäftsverteilungsplan bestimmten Kostensenats des Finanzgerichts (§§ 1, 2, 5
FGO), nachdem in der Klagesache die Vorsitzende des für Klagen gegen das beklagte Finanzamt
zuständigen 6. Senats gemäß Übertragungsbeschluss vom 20. August 2013 als Einzelrichterin gemäß § 6
FGO entschieden hat.
2. An der gesetzmäßigen Besetzung fehlt es nicht wegen haushalts- bzw. z. T. verwaltungsrechtlicher
Einordnung eines Gerichts in ein ministerielles Ressort bzw. in Hamburg in die Justizbehörde.
a) Das Prinzip der Gewaltenteilung und damit der sachlichen Unabhängigkeit der rechtsprechenden Gewalt ist
in der deutschen Justiz - mit Ausnahme des Bundesverfassungsgerichts - zwar unvollkommen umgesetzt,
und zwar aus heutiger verfassungspolitischer Sicht im Hinblick auf die Weiterentwicklung der von
ministeriellen Stellenbewilligungen und Haushaltsmitteln unabhängigen Selbstverwaltung der Justiz in den
anderen Staaten Europas.
Dieses deutsche Defizit wird u. a. belegt durch die Veröffentlichungen
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des Europarats in Straßburg ("Recommandation of the Committee of Ministers to member states on
judges: independence, efficiency and responsibilities" vom 17. November 2010);
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der dort eingesetzten European Commission for the Efficiency of Justice bzw. Commission
européenne pour l'efficacité de la justice (CEPEJ; Evaluation of European Judicial Systems, Report
2012, page 108: 5.2 Budgetary powers within courts);
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des dortigen Beirats der Europäischen Richter bzw. des Consultative Council of European Judges
(CCJE; "The Councils for the judiciary", last update 2014; Magna Charta der Richter vom
17.11.2010, CCJE (2010)3; "States without a High Council", "Preliminary report" vom 19.03.2007);
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der Association of European Administrative Judges ("Independence and Efficiency of
Administrative Justice", Summary Report April 2007);
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der deutschen Richterschaft (z. B. Dt. Richterbund, Selbstverwaltung der Justiz, drb.de; Weber-
Grellet, DRiZ 2012, 2 ff., 46 ff.; Kreth, DRiZ 2013, 236; Bötther, Betrifft Justiz 2013, 73; vgl. i. Ü.
Fuchs, Verfassungsmäßigkeit und Umsetzbarkeit von Modellen für eine selbstverwaltete Justiz in
Deutschland, Diss. Passau 2012).
b) Gleichwohl wird es nach bisherigem deutschen Verfassungsrecht für die Gewaltenteilung im
Rechtsstaat mit effektivem Rechtsschutz und dem gesetzlichen und unabhängigen Richter nach Art. 19
Abs. 4, Art. 20 Abs. 2, Art. 92 ff., 97 ff. und 101 GG bzw. Art. 3, 62 ff. HV als noch ausreichend
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angesehen,
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dass die richterliche Unabhängigkeit und Weisungsfreiheit durch Verfassung und Gesetze
sichergestellt ist (vgl. § 1 FGO; BVerwG-Urteil vom 08.09.1953 III A 8.53, BVerwGE 1, 4, NJW
1953, 1886; Hessisches LSG, Beschluss vom 21.12.1992 L 5 B 42/92, NZS 1993, 519);
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dass die Einrichtung oder Auflösung der im inhaltlichen Kernbereich ihrer Rechtsprechung
unabhängigen und (insoweit) von den Verwaltungsbehörden getrennten Gerichte dem Verfassungs-
oder Gesetzgeber vorbehalten bleibt (vgl. § 3 FGO; Bay. VerfGH, Entscheidung vom 29.09.2005
Vf. 3.-VII-05, Vf. 7-VIII-05, NJW 2005, 3699; Beschlüsse BVerfG vom 10.06.1953 1 BvF 1/53,
BVerfGE 2, 307, NJW 1953, 1177; VGH Baden-Württemberg, vom 24.03.1966 I 451/65, ZBR 1966,
156);
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dass die Legislative die Richterernennung und die organisatorische Ressortierung der
Gerichtsbarkeit bei einem bestimmten Ministerium bzw. bei dem Justizministerium - in Hamburg
Justizbehörde - regelt (vgl. BFH-Beschlüsse vom 31.05.2011 III B 96/10, BFH/NV 2011, 1874; vom
25.08.2009 V S 10/07, BFHE 226, 109, BStBl II 2009, 1019; vom 20.11.1997 VI R 70/97, BFH/NV
1998, 609; Urteile VerfGH Nordrhein-Westfalen vom 09.02.1999 11/98, NJW 1999, 1243, DRiZ
1999, 99, NordÖR 1999, 283; Hessischer Dienstgerichtshof vom 20.04.2010 DGH 4/08, Juris;
nachgehend BVerfG-Nichtannahmeeschluss vom 17.01.2013 2 BvR 2576/11, NJW 2013, 2102,
DRiZ 2013, 142);
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dass bei der konkreten richterlichen Besetzung die Trennung von gerichtsinterner Verwaltung
beachtet wird (vgl. OLG Frankfurt, Beschluss vom 21.12.1998 11 U 38/98, OLGR Frankfurt 1999,
73) und
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dass ein Richter nach früherer Mitwirkung im Verwaltungsverfahren von der Ausübung des Amtes
als Richter ausgeschlossen ist (z. B. § 51 Abs. 2 FGO, § 54 Abs. 2 VwGO), wie etwa auch ein
früherer Finanzbeamter, ohne dass deshalb Kollegen gemäß § 51 Abs. 1 FGO abgelehnt werden
könnten (vgl. Beschlüsse BFH vom 03.08.2000 VIII B 80/99, BFH/NV 2001, 783; vom 13.03.1989
IV B 40/88, BFH/NV 1989, 793; vom 09.09.1986 VIII R 219/85, BFH/NV 1987, 307; vom
14.04.1986 III B 47/84, BFH/NV 1986, 547; vom 20.01.1982 I B 55/81, Juris, nachgehend BVerfG
vom 12.07.1982 2 BvR 743/82, Juris; vom 22.03.1982 III S 1/82, Juris; vom 07.05.1974 IV S 5/74,
BFHE 112, 25, BStBl II 1974, 385).
III.
Unbegründet ist die Erinnerung auch hinsichtlich des Bestreitens der Verfassungsmäßigkeit des
Grundgesetzes, des angewandten Steuerrechts bzw. des Einkommensteuergesetzes (EStG), des
Steuerverfahrensrechts bzw. der Abgabenordnung (AO) oder des Prozessrechts bzw. der
Finanzgerichtsordnung (FGO), wie bereits im klageabweisenden Urteil vom 25.10.2013 6 K 138/11 ausgeführt
(vgl. Urteile FG Sachsen-Anhalt vom 15.08.2013 6 K 1314/12, Juris; vom 19.02.2013 5 K 1027/11, EFG
2013, 1158; Hessisches FG vom 10.07.2013 4 K 941/13, Juris; FG Berlin-Brandenburg vom 17.01.2013 7 K
7303/11, EFG 2013, 723; FG Hamburg vom 19.04.2011 3 K 6/11, DStRE 2012, 638, EFG 2011, 2189;
Beschlüsse BFH vom 19.01.2012 VI B 98/11, BFH/NV 2012, 759; vom 18.05.2011 VII B 195/10, BFH/NV
2011, 1743). Entsprechendes gilt auch für das hier interessierende Kostenrecht bzw. das
Gerichtskostengesetz (GKG).
IV.
Die Gerichtskostenfreiheit des Erinnerungsverfahrens und die Nichterstattung außergerichtlicher Kosten
folgen aus § 66 Abs. 8 GKG.
Die Unanfechtbarkeit ergibt sich aus § 66 Abs. 3 Satz 3 GKG, § 128 Abs. 4 FGO.