Urteil des FG Düsseldorf vom 06.02.2002, 4 K 1411/01

Entschieden
06.02.2002
Schlagworte
Rechtskräftiges urteil, Ware, Berechtigter, Beförderung, Lieferung, Verkehr, Inhaber, Vermögensvorteil, Entstehung, Unterlassen
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Finanzgericht Düsseldorf, 4 K 1411/01 VBR

Datum: 06.02.2002

Gericht: Finanzgericht Düsseldorf

Spruchkörper: 4. Senat

Entscheidungsart: Urteil

Aktenzeichen: 4 K 1411/01 VBR

Tenor: Der Steuerbescheid des Beklagten vom 14. August 1998 in der Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 7. Juni 2000 wird aufgehoben.

Der Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.

Die Revision wird zugelassen.

Tatbestand: 1

2Die Klägerin, eine griechische Brennerei, versandte an D mit begleitendem Verwaltungsdokument Nr. 107 vom 2. Dezember 1994 18.000 Flaschen Branntwein ('Branntwein') zu je 0,7 l mit 38 Vol % Alkohol von Griechenland in die Bundesrepublik Deutschland. Die Lieferung sollte im innergemeinschaftlichen Steuerversandverfahren unter Steueraussetzung erfolgen. Da die Klägerin bisher mit D noch nicht zusammengearbeitet hatte, zog sie zuvor folgende Erkundigungen über den Empfänger ein: Mit Telefax vom 30. November 1994 ging ihr eine - an D gerichtete - Bescheinigung des Finanzamts M vom 1. März 1994 ein, in der diesem bestätigt wurde, dass er umsatzsteuerrechtlich geführt werde. Die Bescheinigung nimmt ferner Bezug auf die Umsatzsteuernummer: " " und die Verbrauchsteuernummer: " " des D. Auf Nachfrage bestätigte das griechische Finanzministerium der Klägerin mit Schreiben 1. Dezember 1994 die Umsatzsteuernummer des D. Bei der Übergabe des Branntweins in Griechenland an das beauftrage Transportunternehmen erhielt die Klägerin 19.800,- DM in bar.

3Tatsächlich war der Empfänger D zum Bezug des Branntweins unter Steueraussetzung nicht berechtigt, denn er war weder Inhaber eines Steuerlagers noch berechtigter Empfänger. Die auf der Bescheinigung des Finanzamts M vom 1. März 1994 befindliche Verbrauchsteuernummer wurde nachträglich durch D eingetragen, die Lieferung bei der Bestimmungszollstelle nicht gestellt und das sog. "Drittstück" des begleitenden Verwaltungsdokuments der Klägerin nicht übersandt.

Durch mittlerweile rechtskräftiges Urteil des Amtsgerichts B vom 4. Mai 1999 - - wurde u. 4

4Durch mittlerweile rechtskräftiges Urteil des Amtsgerichts B vom 4. Mai 1999 - - wurde u. a. D wegen gemeinschaftlich begangener Steuerhinterziehung in fünf Fällen, wobei es in einem Fall beim Versuch blieb, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt, wobei die Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Ausweislich der Urteilsbegründung stellte das Gericht folgenden Sachverhalt fest:

5"Obwohl keiner der Angeklagten gemäß § 141 des Branntweinmonopolgesetzes dazu berechtigt war, branntweinhaltige Erzeugnisse aus anderen EG-Staaten unter Steueraussetzung einzuführen, bezog zumindest der Angeklagte D in der Zeit vom 28.03.1994 bis zum 02.08.1995 mit dem anderweitig verfolgten Stathopoulus sowie Konstantinidis teilweise unter Verwendung einer fiktiven Verbrauchsteuernummer, aus Griechenland sechs Lkw-Ladungen unversteuerten 'Branntwein', um anschließend keine Steueranmeldung vorzunehmen und den 'Branntwein' gewinnbringend zu verkaufen. Zu diesem Zweck hatte der Angeklagte D eigens die Einzelfirma "D, Im- und Export, Einzelhandel mit Lebensmitteln und Spirituosen", , angemeldet. Hinsichtlich der sechs Lkw-Ladungen kam es zu folgenden Steuerverkürzungen:

6...3. Im November 1994 122.094,00 DM... In der Hauptverhandlung waren die Angeklagten in vollem Umfang geständig ...".

7Mit Bescheid vom 14. August 1998 setzte der Beklagte unter Hinweis auf die bestehende Gesamtschuld mit weiteren namentlich bezeichneten Schuldnern 122.094,00 DM Branntweinsteuer gegen die Klägerin fest und führte zur Begründung an, dass der Branntwein durch die Inbesitznahme dem Steueraussetzungsverfahren entzogen worden und sie auch Schuldnerin der Steuer geworden sei. Der Bescheid wurde der Klägerin am 10. März 1999 zugestellt.

8Dagegen legte die Klägerin mit Schreiben vom 30. März 1999 Einspruch ein, den der Beklagte mit Einspruchsentscheidung vom 7. Juni 2000 - zugestellt am 12. Februar 2001 - zurückwies.

9Am 9. März 2001 hat die Klägerin Klage erhoben und zur Begründung ausgeführt: Sie sei nicht Steuerschuldnerin hinsichtlich der Ware geworden. Insbesondere habe sie alles zur Überprüfung der Empfangsberechtigung des D getan. So habe sie die vom Finanzamt M dem D zugewiesene Umsatzsteuernummer durch das griechische Finanzministerium überprüfen lassen. Auf die Bestätigung des Finanzministeriums habe sie vertrauen können, auch habe sie keinen Anlass gehabt, die Angaben anzuzweifeln. Die tatsächlichen Absichten des D seien ihr völlig unbekannt gewesen, sie habe die Ware daher gutgläubig übersandt. Im Übrigen sei die Steuerfestsetzung aber auch gemäß § 169 Abs. 1 der Abgabenordnung (AO) verjährt. Der Beklagte könne sich in diesem Zusammenhang nicht auf die zehnjährige Festsetzungsverjährungsfrist gemäß § 169 Abs. 2 Satz 3 AO berufen, weil nicht sie, sondern D die Steuerhinterziehung begangen habe. Auch habe sie durch die Tat des D keinen Vermögensvorteil erlangt. Schließlich beruhe die Steuerhinterziehung des Empfängers nicht darauf, dass sie die im Verkehr erforderlichen Vorkehrungen zur Verhinderung von Steuerverkürzungen unterlassen habe. Denn sie habe alles Erforderliche getan, um die Berechtigung des D zum Empfang der Ware zu überprüfen. In diesem Zusammenhang verweise sie auf die Bescheinigung des Finanzamts M sowie die Überprüfung durch das griechische Finanzministerium. Ihr könne auch nicht vorgehalten werden, dass sie die Verbrauchsteuernummer nicht habe überprüfen lassen. Denn zu diesem Zeitpunkt sei die sog. SEED-Datei noch nicht vorhanden gewesen. Aus dem in diesem

Zusammenhang vom Beklagten vorgelegten Schriftverkehr folge nichts Gegenteiliges. In dem Schreiben des griechischen Finanzministeriums werde lediglich bestätigt, dass der Bereich der Verbrauchsteuern in Griechenland in die Zuständigkeit der Abteilung "Verbrauchsteuern des Finanzministeriums" unter der dort genannten Anschrift mit Telefon- und Faxnummer falle. Die dortige Telefonnummer gelte im Übrigen heute nicht mehr. Nach Mitteilung des griechischen Finanzministeriums sei die SEED-Datei auch Jahre nach ihrer Einführung noch nicht zuverlässig gewesen, nicht zuletzt deswegen, weil ein Informationsaustausch zwischen den Mitgliedsländern der Europäischen Union zu wünschen übrig gelassen habe. Die Datei funktioniere daher nicht problemlos und biete auch nicht die erforderliche Sicherheit. Das System werde ständig überarbeitet und verbessert. Im Übrigen sei ihr durch das amtliche Schreiben des Finanzamts M auch die Verbrauchsteuernummer des D mitgeteilt worden. Schließlich sei darauf hinzuweisen, dass ein Steueraussetzungsverfahren nur dann wirksam eröffnet werden könne, wenn feststehe, dass der Empfänger auch tatsächlich zum Bezug des Branntweins berechtigt gewesen sei.

Die Klägerin beantragt, 10

den Steuerbescheid des Beklagten vom 14. August 1998 in der Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 7. Juni 2000 aufzuheben. 11

Der Beklagte beantragt, 12

die Klage abzuweisen. 13

14Zur Begründung trägt er vor: Die Steuerschuld der Klägerin sei nach § 143 des Gesetzes über das Branntweinmonopol (BranntwMonG) entstanden, denn zweifelsfrei habe D die Ware dem Steueraussetzungsverfahren entzogen. Auch könne sich die Klägerin nicht auf Verjährung berufen, weil die zehnjährige Verjährungsfrist nach § 169 Abs. 2 Satz 2 AO gelte. In tatbestandlicher Hinsicht sei zunächst nicht Voraussetzung, wer die Steuer hinterzogen habe. Im Übrigen könne sich die Klägerin auch nicht nach § 169 Abs. 2 Satz 3 AO exkulpieren. Denn zum einen habe die Klägerin nicht alles Erforderliche zur Überprüfung der Empfangsberechtigung des D getan. Zwar habe sie die Richtigkeit der Umsatzsteuernummer vom griechischen Finanzministerium überprüfen lassen. Diese Steuernummer berechtige aber nur zur steuerfreien Lieferung bzgl. der Umsatzsteuer innerhalb der Europäischen Union. Sie berechtige gerade nicht zur steuerfreien Lieferung von Waren, die mit besonderen Verbrauchsteuern belastet seien. Hinsichtlich der Verbrauchsteuern erteile das jeweilige Hauptzollamt für seinen Bezirk Verbrauchsteuernummern, die seit dem 1. Januar 1993 über die Auskunftsdatei SEED auch kontrolliert werden könnten. Die Klägerin habe die Möglichkeit gehabt, sich bei einer Auskunftsstelle in Griechenland über die SEED-Datei hinsichtlich der Verbrauchsteuernummer des D zu informieren. Dies habe sie jedoch unterlassen. Zum anderen könne die Klägerin den Nachweis der Exkulpation auch deshalb nicht führen, weil sie durch die Tat einen Vermögensvorteil erlangt habe. Der Begriff des Vermögensvorteils sei weiterreichend als der Begriff des Steuervorteils. Während ein Steuervorteil spezifisch steuerlicher Art sei, würden zum Vermögensvorteil auch sonstige Vorteile wirtschaftlicher Art, also jede Verbesserung der Vermögenslage gehören. Durch den Verkauf von 18.000 Flaschen 'Branntwein' habe die Klägerin 19.800,00 DM erhalten, worin zweifellos eine Verbesserung ihrer Vermögenslage zu sehen sei.

15Mit weiterem Schriftsatz vom 27. Dezember 2001 hat der Beklagte Unterlagen des Hauptzollamts S - Zentrale Verbrauchsteuern - übersandt, aus denen sich zweifelsfrei ergebe, dass seit September 1993 der aktuelle SEED-Datenbestand regelmäßig per Diskette zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Griechenland ausgetauscht worden sei. Wegen der Einzelheiten wird auf die Anlage zum Schriftsatz des Beklagten, von der dem Prozessbevollmächtigten der Klägerin ein Doppel übersandt worden ist, Bezug genommen.

Die Beteiligten haben auf die Durchführung einer mündlichen Verhandlung verzichtet. 16

Entscheidungsgründe: 17

Die zulässige Klage ist begründet. 18

Der Steuerbescheid des Beklagten vom 14. August 1998 in der Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 7. Juni 2000 ist rechtswidrig und verletzt die Klägerin in ihren Rechten 100 Abs. 1 Satz 1 der Finanzgerichtsordnung - FGO - ).

20Der Beklagte ist zu Unrecht von der Entstehung der festgesetzten Branntweinsteuer in der Person der Klägerin ausgegangen. Nach § 130 Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über das Branntweinmonopol vom 8. April 1922 (RGBl. I, 335, 405) in der im BGBl. III, 612-7 veröffentlichten bereinigten Fassung, zuletzt geändert durch das Verbrauchsteuer- Binnenmarktgesetz vom 21. Dezember 1992 (BGBl. I, 2150, 2166) - BranntwMonG - unterliegt Branntwein im Steuergebiet der Branntweinsteuer. Die gegenüber der Klägerin festgesetzte Branntweinsteuer ist jedoch weder nach § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntweinMonG entstanden noch ist die Klägerin Steuerschuldnerin nach § 144 BranntweinMonG geworden, so dass es auf die zwischen den Beteiligten streitige Frage der Verjährung eines etwaigen Steueranspruchs gemäß § 128 BranntweinMonG in Verbindung mit § 169 der Abgabenordnung - AO - nicht mehr ankommt.

21Werden Erzeugnisse unter anderem gemäß § 141 Abs. 1 BranntwMonG unter Steueraussetzung im innergemeinschaftlichen Steuerversandverfahren befördert, entsteht nach § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntwMonG die Steuer, wenn die Erzeugnisse während der Beförderung dem Steueraussetzungsverfahren entzogen werden, es sei denn, dass sie nachweislich untergegangen oder an Personen im Steuergebiet abgegeben worden sind, die zum Bezug von Erzeugnissen unter Steueraussetzung berechtigt sind. Nach § 143 Abs. 1 Satz 3 BranntwMonG gelten Erzeugnisse als entzogen, wenn sie nicht in das Steuerlager oder den Betrieb im Steuergebiet aufgenommen werden. Gemäß § 143 Abs. 4 Nr. 1 BranntwMonG ist der Versender - hier die Klägerin - Steuerschuldner.

22Voraussetzung für die Entstehung der Steuerschuld nach dieser Vorschrift ist jedoch zunächst, dass Erzeugnisse in einem Steueraussetzungsverfahren befördert werden. Die in § 143 Abs. 1 Satz 3 BranntweinMonoG aufgestellte Vermutung bezieht sich erkennbar nur auf den Entzug der Erzeugnisse und lässt die Frage der Eröffnung eines Steueraussetzungsverfahrens unberührt; ein solches Verfahren wird vielmehr tatbestandlich vorausgesetzt, damit die Vermutung eingreifen kann. An der wirksamen Eröffnung eines Steueraussetzungsverfahrens durch die Klägerin fehlt es indes.

23

Nach dem im vorliegenden Fall allein maßgeblichen § 141 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BranntwMonG dürfen Erzeugnisse unter Steueraussetzung im innergemeinschaftlichen 19

Steuerversandverfahren von Inhabern von Steuerlagern und berechtigten Empfängern im Steuergebiet aus Steuerlagern in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft bezogen werden. Dem Empfänger des von der Klägerin versandten Branntweins, D, war nach dem rechtskräftigen Urteil des Amtsgerichts B vom 4. Mai 1999 (a.a.O) jedoch weder eine Erlaubnis zum Betrieb eines Branntweinlagers nach § 135 Abs. 2 BranntwMonG noch eine Zulassung als berechtigter Empfänger nach § 141 Abs. 2 und 3 BranntwMonG erteilt worden. Die in der Bescheinigung des Finanzamts M vom 1. März 1994 bestätigte Verbrauchsteuernummer ist nach den Ermittlungen der Zollfahndung nachträglich von diesem zu der zutreffenden Umsatzsteuernummer hinzugefügt worden, um so die Klägerin über die fehlende Berechtigung zu täuschen. Dieser Sachverhalt ist zwischen den Beteiligten unstreitig. Steht aber fest, dass der Empfänger der Ware, D, weder Inhaber eines Steuerlagers noch berechtigter Empfänger war, ist der Branntwein gemäß § 141 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BranntwMonG nicht im innergemeinschaftlichen Steuerversandverfahren unter Steueraussetzung befördert worden, so dass ein Entziehen von Erzeugnissen aus dem Steueraussetzungsverfahren gemäß § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntwMonG ausscheidet (vgl. Finanzgericht - FG - Düsseldorf, Urteil vom 22. Mai 2000 - 4 K 8348/97 VBr - Zeitschrift für Zölle und Verbrauchsteuern - ZfZ - 2000, Seite 385, für den Fall, dass der Versender dies auch wusste).

24Dem steht nicht entgegen, dass die gutgläubige Klägerin, die nach ihrem glaubhaften Vorbringen, insbesondere unter Hinweis auf die Bescheinigung des Finanzamts M vom 1. März 1994, und selbst nach dem Vortrag des Beklagten von den Machenschaften des D nichts (positiv) wusste, beabsichtigte, den Branntwein im Verfahren der Steueraussetzung zwischen verschiedenen Mitgliedstaaten gemäß Art. 15 der Richtlinie (EWG) Nr. 92/12 des Rates vom 25. Februar 1992 über das allgemeine System, den Besitz, die Beförderung und die Kontrolle verbrauchsteuerpflichtiger Waren (ABl. EG Nr. L 76/1) - Richtlinie 92/12/EWG - zu versenden. Auf einen insoweit von der Klägerin vorgetragenen Irrtum über die Berechtigung des D kommt es für die Steuerentstehung nach § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntwMonG nicht entscheidend an, weil - wie dargestellt - bereits von Anfang an objektiv die Berechtigung des D zum Bezug des Branntweins unter Steueraussetzung fehlte und so das Verfahren der Beförderung des Branntweins unter Steueraussetzung im innergemeinschaftlichen Steuerversandverfahren gemäß § 141 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BranntwMonG schon nicht wirksam eröffnet werden konnte.

25Der Senat folgt damit der in der Literatur vertretenen Auffassung, dass die Steuerentstehung nach § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntwMonG an das Vorliegen der objektiven Voraussetzungen für die wirksame Eröffnung eines Steueraussetzungsverfahrens geknüpft ist und es auf die subjektiven Vorstellungen der Wirtschaftsbeteiligten hierüber nicht ankommt (vgl. Alexander, in: Teichner/Alexander/Reiche, Mineralölsteuer, Mineralölzoll, Nebengesetze, Loseblatt, Stand: September 2001, § 9 MinöStG Rn. 8; Reiche (a.a.O), § 14 MinöStG Rn. 13, § 15 MinöStG Rn. 12, § 18 MinöStG Rn. 57, jeweils für das Mineralölsteuerrecht, was der Sache nach keinen Unterschied macht; Peters/Bongartz/Schröer-Schallenberg, Verbrauchsteuerrecht, 2000, D 212 und D 41; offen gelassen: FG Hamburg, Beschluss vom 6. November 1998 - IV 248/98 - ZfZ 1999, Seite 139 (140) mit weiteren Nachweisen zum Meinungsstand). Für eine solche Gesetzesauslegung spricht nach Auffassung des Senats entscheidend, dass das Gesetz das Verfahren der Steueraussetzung allein an das Vorliegen der objektiven Bezugs- und Versandberechtigung der Wirtschaftsbeteiligten knüpft: § 141 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1 und 2 BranntwMonG verlangen für die Steueraussetzung im innergemeinschaftlichen Versandverfahren, dass der

Beteiligte Inhaber eines Steuerlagers oder berechtigter Empfänger ist. Auf die subjektive Vorstellung des jeweiligen Partners kommt es hierbei nicht an. Auch wenn sich dieser über die Berechtigung seines Beziehers (=Empfänger) oder Versenders geirrt haben sollte, bleibt es dabei, dass ein Steueraussetzungsverfahren nicht wirksam eröffnet werden konnte, weil es an einem wesentlichen Erfordernis, nämlich der materiellen Berechtigung des Versenders bzw. Beziehers von Erzeugnissen, mangelt. Dass es für die Annahme eines wirksam eröffneten Steueraussetzungsverfahrens allein auf die objektiven Verhältnisse ankommt, bringt auch die Richtlinie 92/12/EWG hinreichend deutlich zum Ausdruck. Nach Art. 15 Abs. 1 Richtlinie 92/12/EWG "muss die Beförderung verbrauchsteuerpflichtiger Waren im Verfahren der Steueraussetzung zwischen Steuerlagern erfolgen". Art. 16 Abs. 1 Satz 2 Richtlinie 92/12/EWG bestimmt für den sogenannten berechtigten Empfänger ("gewerblicher Wirtschaftsbeteiligter"), dass dieser "verbrauchsteuerpflichtige Waren aus anderen Mitgliedstaaten im Verfahren der Steueraussetzung beziehen" kann. Die Zulassung als Inhaber eines Steuerlagers (vgl. Art. 12, 13 Richtlinie 92/12/EWG) oder als sogenannter berechtigter Empfänger (vgl. Art. 16 Abs. 2 und 3 Richtlinie 92/12/EWG) wiederum ist an die Einhaltung einer Reihe objektiver Kriterien gebunden; liegen diese nicht vor, wird die Zulassung versagt. Aus der Zusammenschau der Vorschriften folgt für den Senat, dass die unter anderem von Soyk, "Die Steuerentstehung beim Entziehen verbrauchsteuerpflichtiger Waren", ZfZ 1998, Seite 3 (4, m.w.N) vertretene gegenteilige Auffassung, wonach allein die subjektive Zwecksetzung des Versenders bzw. Empfängers von Waren maßgebend sein soll, im Gesetz keine Stütze findet. Sie läuft im Ergebnis auf ein gesetzlich nicht vorgesehenes weiteres Steueraussetzungverfahren hinaus, nämlich das des vermeintlich berechtigten Versenders bzw. Empfängers (darauf verweist zu Recht: Reiche (a.a.O.), § 15 Rn. 13). Die Auffassung ist überdies für die mit der Ermittlung des Sachverhalts betrauten Behörden und Gerichte auch mit praktischen Problemen verbunden, wenn über die Frage der Kenntnis des vermeintlich gutgläubigen Wirtschaftsbeteiligten zu befinden ist; dies insbesondere dann, wenn sich dieser - wie hier die Klägerin - im Ausland befindet.

26Fehlt es - wie dargestellt - an der wirksamen Eröffnung eines Steueraussetzungsverfahrens, hat dies zur Konsequenz, dass D den Branntwein aus dem freien Verkehr des Mitgliedstaats Griechenland bezogen hat, obgleich dieser mit einem begleitenden Verwaltungsdokument nach der VO (EWG) Nr. 2719/92 befördert wurde (vgl. auch Art. 18 Richtlinie 92/12/EWG). Gleichwohl ist die Klägerin als Versenderin des Branntweins nicht nach § 144 BranntwMonG Steuerschuldnerin der Branntweinsteuer geworden, weil sie weder Bezieherin des Branntweins gewesen ist (Abs. 1 Satz 2) noch diesen im Steuergebiet 2 BranntwMonG) in Besitz gehalten oder verwendet hat (Abs. 2 Satz 2).

27Der Senat weist darauf hin, dass damit eine Festsetzung von Branntweinsteuer gegen die Klägerin nur nach dem nationalen Verbrauchsteuerrecht der Bundesrepublik Deutschland ausscheidet. Für die Klägerin als Versenderin des Branntweins dürfte sich die Beförderung des Branntweins nämlich als eine Entnahme aus dem Verfahren der Steueraussetzung im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Unterabsatz 2 Buchstabe a) der Richtlinie 92/12/EWG in Griechenland darstellen. Danach gilt als Überführung von verbrauchsteuerpflichtigen Waren in den steuerrechtlich freien Verkehr jede - auch unrechtmäßige - Entnahme der Ware aus dem Verfahren der Steueraussetzung (vgl. dazu BFH, Beschluss vom 19. März 2001 - VII B 243/00 - juris dok. STRE200150484). Von daher wäre für die zuständige griechische Zollbehörde an die Möglichkeit zu denken, bis zur Grenze der Verjährung gegen die Klägerin Branntweinsteuer nach

griechischem Verbrauchsteuerrecht festzusetzen, was hier nicht geprüft werden kann und muss. Über einen solchen Sachverhalt könnte der Beklagte die griechische Zollverwaltung gegebenenfalls im Wege der Amtshilfe unterrichten.

28Ist die Branntweinsteuer nach den vorstehenden Ausführungen nicht in der Person der Klägerin entstanden, muss der Senat im Hinblick auf die geltend gemachte Verjährung eines etwaigen Steueranspruchs gemäß § 128 BranntwMonG in Verbindung mit § 169 AO nicht den von den Beteiligten aufgeworfenen Fragen eines für die Klägerin mit der Tat des D erlangten Vermögensvorteils und/ oder, ob die Klägerin die im Verkehr erforderlichen Vorkehrungen zur Verhinderung von Steuerverkürzungen unterlassen hat, nachgehen.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 135 Abs. 1 FGO. 29

30Der Senat hat nach § 115 Abs. 2 Nrn. 1 und 2 FGO die Revision zugelassen. Zu der in der steuerrechtlichen Literatur kontrovers diskutierten Frage, ob es für die Entstehung der Branntweinsteuer nach § 143 Abs. 1 Satz 1 BranntwMonG allein auf das Vorliegen der objektiven Voraussetzungen für das Steueraussetzungsverfahren ankommt und Kenntnisse des Wirtschaftsbeteiligten nicht berücksichtigt werden können, liegt bislang keine höchstrichterliche Entscheidung vor. Der Beschluss des BFH vom 17. März 2000 - VII B 39/99 - ZfZ 2000, Seite 312 ff., zudem im Prozesskostenhilfeverfahren ergangen, betraf einen Fall, bei dem die Frage der Steuerentstehung nach § 144 oder § 143 BranntweinMonG, auf den der Beschluss ausdrücklich Bezug nimmt (a.a.O., Seite 313), von der Vorinstanz offen gelassen werden konnte. Die hier entschiedene Rechtsfrage wird auch nicht durch den Beschluss des BFH vom 19. März 2001 - VII B 243/00 - (juris dok. STRE200150485) beantwortet, weil nach den Feststellungen der Vorinstanz der Versender dort einen nicht existierenden Empfänger angegeben hatte und dies auch wusste. Von daher erscheint eine höchstrichterliche Entscheidung der hier aufgeworfenen Rechtsfrage angezeigt.

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Anmerkungen zum Urteil