Urteil des BVerwG vom 01.06.2010, 6 B 77.09

Entschieden
01.06.2010
Schlagworte
Vorverfahren, Widerspruchsverfahren, Begründungspflicht, Rüge, Post, Verfahrensmangel, Erheblichkeit, Zahl, Allergie, Konsultierung
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 6 B 77.09 VG 2 K 2856/07.F(V)

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 6. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 1. Juni 2010 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Neumann und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Graulich und Dr. Möller

beschlossen:

Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Verwaltungsgerichts Frankfurt am Main vom 14. August 2009 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 3 047,48 festgesetzt.

Gründe:

1Die auf die Grundsatz- (1.) und die Verfahrensrüge (2.) gestützte Beschwerde

hat keinen Erfolg.

21. Die Revision ist nicht wegen grundsätzlicher Bedeutung der Rechtssache

34 Satz 1 und 2 WPflG, § 135 Satz 3 i.V.m. § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) zuzulassen.

3Grundsätzliche Bedeutung gemäß § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO kommt der

Rechtssache nur zu, wenn sie eine höchstrichterlich bisher noch nicht geklärte

Rechtsfrage von grundsätzlicher, d.h. allgemeiner Bedeutung aufwirft. Dazu ist

erforderlich, dass die von der Beschwerde darzulegende 133 Abs. 3 Satz 3

VwGO) Rechtsfrage in einem zukünftigen Revisionsverfahren klärungsfähig und

klärungsbedürftig ist und ihre Entscheidung eine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung besitzt. Streitgegenständlich sind die Notwendigkeit

der Hinzuziehung eines Rechtsanwalts 80 Abs. 2 VwVfG) und der Aufwendungsersatz für ärztliche Privatgutachten 80 Abs. 1 Satz 1 VwVfG) im isolierten Vorverfahren. Die Beschwerde bleibt ohne Erfolg, weil keine der drei vom

Kläger hierzu aufgeworfenen Rechtsfragen (a) bis c)) den Darlegungsanforderungen genügt.

4a) Für grundsätzlich klärungsbedürftig hält der Kläger zunächst die Frage, „auf

welche Merkmale es für die Ausfüllung der ‚jeweiligen tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse’ des Einzelfalls und der ‚persönlichen Verhältnisse des Widerspruchsführers’ ankommt“.

5Diese Fragestellung rechtfertigt nicht die Zulassung der Grundsatzrevision. Die

Beurteilungskriterien, die sich für das Merkmal der Notwendigkeit sowohl im

Hinblick auf die Hinzuziehung eines Bevollmächtigten im Sinne des § 80 Abs. 2

VwVfG als auch hinsichtlich der Erstattungsfähigkeit von Gutachtenkosten als

Aufwendungen im Sinne des § 80 Abs. 1 Satz 1 VwVfG in verallgemeinerungsfähiger Weise aufstellen lassen, sind in der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts geklärt und bedürfen aus Anlass des zur Entscheidung stehenden Falles keiner Ergänzung oder Weiterentwicklung (vgl. zum Folgenden

erst kürzlich: Beschluss vom 28. April 2010 - BVerwG 6 B 46.09 - BA S. 3 ff.).

6Danach ist gemäß § 80 Abs. 2 VwVfG bzw. § 162 Abs. 2 Satz 2 VwGO die Erstattungsfähigkeit von Kosten eines Bevollmächtigten im Vorverfahren - anders

als die von Anwaltskosten im gerichtlichen Verfahren 162 Abs. 2 Satz 1

VwGO) - nicht automatisch, sondern je nach Lage des Einzelfalls nur unter der

Voraussetzung der konkreten Notwendigkeit anzuerkennen. Die Notwendigkeit

der Hinzuziehung eines Bevollmächtigten im Vorverfahren ist unter Würdigung

der jeweiligen Verhältnisse vom Standpunkt einer verständigen Partei aus zu

beurteilen. Maßgebend ist, ob sich ein vernünftiger Bürger mit gleichem Bildungs- und Erfahrungsstand bei der gegebenen Sachlage eines Rechtsanwalts

oder sonstigen Bevollmächtigten bedient hätte. Notwendig ist die Hinzuziehung

eines Rechtsanwalts nur dann, wenn es der Partei nach ihren persönlichen

Verhältnissen und wegen der Schwierigkeit der Sache nicht zuzumuten war,

das Vorverfahren selbst zu führen. Abzustellen ist regelmäßig auf den Zeitpunkt

der Bevollmächtigung (Beschluss vom 14. Januar 1999 - BVerwG 6 B 118.98 -

Buchholz 316 § 80 VwVfG Nr. 42 S. 1, Urteil vom 17. Dezember 2001

- BVerwG 6 C 19.01 - Buchholz 448.0 § 20b WPflG Nr. 3 S. 8, Beschlüsse vom

21. August 2003 - BVerwG 6 B 26.03 - Buchholz 316 § 80 VwVfG Nr. 51

S. 23 f., vom 25. Oktober 2006 - BVerwG 6 B 39.06 - juris Rn. 4, vom

1. Februar 2007 - BVerwG 6 B 85.06 - Buchholz 316 § 80 VwVfG Nr. 52 S. 1

und vom 1. Oktober 2009 - BVerwG 6 B 14.09 - juris Rn. 5). Die Besonderheiten des Musterungsverfahrens gebieten keine andere Betrachtungsweise. Denn

bei der in diesem Verfahren zu treffenden Feststellung, ob der Wehrpflichtige in

gesundheitlicher Hinsicht den Anforderungen des Grundwehrdienstes zu

entsprechen vermag, handelt es sich ungeachtet aller im Detail schwierigen

tatsächlichen und rechtlichen Abgrenzungskriterien nicht um eine Fragestellung

von schon im Ansatz besonderem Schwierigkeitsgrad (Beschluss vom 14. Januar 1999 a.a.O. S. 2 f.).

7Zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig im Sinne des § 80

Abs. 1 Satz 1 VwVfG und deshalb erstattungsfähig können auch die Kosten eines in Auftrag gegebenen Privatgutachtens sein, wenn dessen Einholung zur

Vorbereitung des Verfahrens oder zur Erlangung der erforderlichen Sachkunde

geboten war. Die Frage, ob die Einholung eines - ärztlichen - Gutachtens in

diesem Sinne notwendig ist, hängt wiederum von den tatsächlichen Umständen

des jeweiligen Einzelfalls ab und entzieht sich - generell und so auch im Musterungsverfahren - einer allgemein geltenden Beantwortung (vgl. Beschlüsse vom

15. März 1994 - BVerwG 8 B 207.93 - Buchholz 316 § 80 VwVfG Nr. 35, vom

3. April 1996 - BVerwG 8 B 158.95 - Buchholz 316 § 80 VwVfG Nr. 37 und vom

14. Januar 1999 a.a.O. S. 3).

8Bei der Beurteilung der Frage, ob im konkreten Fall die Hinzuziehung des Bevollmächtigten des Klägers und die Einholung von drei fachärztlichen Gutachten

notwendig waren, hat das Verwaltungsgericht die beschriebenen Maßstäbe

angewandt. Die in diesen Maßstäben angelegte Maßgeblichkeit der jeweiligen

Umstände des Einzelfalls steht einer weiteren rechtsgrundsätzlichen Klärung

entgegen. Dies wird durch die aufgeworfene Frage im Ergebnis nur bestätigt.

Ein Revisionsverfahren könnte insoweit zu keinen weiteren allgemeinen Erkenntnissen führen. Dies gilt auch, soweit sich die Beschwerdebegründung im

Hinblick auf die von ihr für erforderlich erachtete weitere Klärung der Kriterien

zur Beurteilung der Notwendigkeit einer Bevollmächtigtenheranziehung auf den

zu § 109a Abs. 1 OWiG ergangenen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts

vom 11. Februar 1994 - 2 BvR 1883/93 - (NJW 1994, 1855, 1856) und im

Zusammenhang damit auf die erforderliche Berücksichtigung des gesetzlichen

Zwecks der jeweiligen Kostennorm beruft. Denn die Gesichtspunkte, die der

Kläger hierzu anführt, können im Rahmen der dargestellten Maßstäbe für eine

Entscheidung nach § 80 Abs. 2 VwVfG Berücksichtigung finden (vgl. Beschlüsse vom 14. Januar 1999 - BVerwG 6 B 118.98 - juris Rn. 16 - insoweit in Buchholz a.a.O. nicht abgedruckt - und vom 28. April 2010 - BVerwG 6 B 46.09 -

BA S. 4).

9b) Für grundsätzlich klärungsbedürftig hält der Kläger außerdem, „ob ein Widerspruchsführer auch dann in der Lage ist, das Verfahren zur Anfechtung eines Musterungsbescheides ohne sachkundige Hilfe Dritter - eines Anwaltes

und/oder eines medizinischen Gutachters - alleine zu führen, wenn er von den

rechtlich maßgeblichen Umständen, die einer Heranziehung entgegenstehen,

keine Kenntnis hat und aufgrund der Eigenheit dieser Umstände keine Kenntnis

haben kann“.

10Diese Frage führt nicht auf eine grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache,

weil sie sich dem Verwaltungsgericht nicht gestellt hat. Denn dessen Urteil liegt

die tragende Erwägung zu Grunde, dass von dem Kläger weder die rechtliche

Erheblichkeit, noch die wehrmedizinische Einordnung seiner gesundheitlichen

Verhältnisse, wohl aber die Mitteilung der bei ihm vorliegenden gesundheitlichen Einschränkungen bzw. Beschwerden als solche verlangt werden konnte.

Eine Rechtsfrage, die sich für die Vorinstanz nicht gestellt oder auf die diese

nicht entscheidend abgehoben hat, kann regelmäßig und so auch hier nicht zur

Zulassung der Revision führen (Beschlüsse vom 14. November 2008 - BVerwG

6 B 61.08 - Buchholz 422.2 Rundfunkrecht Nr. 47 Rn. 3 und vom 5. Oktober

2009 - BVerwG 6 B 17.09 - juris Rn. 7).

11c) Aus dem gleichen Grund kann der Kläger mit der dritten Frage, der er

Grundsatzbedeutung beimisst, die Revisionszulassung nicht erreichen. Diese

Frage geht dahin, ob „einem Widerspruchsführer im Musterungsverfahren zugemutet werden kann, seinen Sachvortrag aus dem Ausgangsverfahren einfach

zu wiederholen, anstatt sich fachkundiger Hilfe - sei es juristischer oder

medizinischer Art - zu bedienen“.

12Eine derartige Forderung hat das Verwaltungsgericht nicht aufgestellt. Es ist

vielmehr in erster Linie davon ausgegangen (UA S. 9), von dem Kläger habe

nach seinen persönlichen Verhältnissen erwartet werden können, dass er etwaige seit der Musterung eingetretene Veränderungen in seinen gesundheitlichen Verhältnissen und auch Ergänzungen im Widerspruchsverfahren ohne die

Hilfe eines Bevollmächtigten vorbringe. Nur alternativ zu dieser Erwägung und

für den Fall, dass der Kläger alle Beeinträchtigungen bereits im Musterungsverfahren benannt, die Beklagte hieraus jedoch keine Konsequenzen gezogen

haben sollte, hat das Verwaltungsgericht ausgeführt (UA S. 10), dem Kläger sei

es auch insoweit zumutbar gewesen, das Widerspruchsverfahren ohne Hinzuziehung eines Rechtsanwalts zu führen und - dann allerdings notwendigerweise

auch teils wiederholend - auf seinen Gesundheitszustand hinzuweisen, weitere

Beschwerden vorzutragen, entsprechende Atteste vorzulegen und gegebenenfalls Einsicht in seine Musterungsunterlagen zu nehmen.

132. Die von der Beschwerde erhobenen Verfahrensrügen 34 Satz 1 und 2

WPflG, § 135 Satz 3 i.V.m. § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) bleiben ebenfalls ohne

Erfolg. Die Beschwerde rügt zu Unrecht, das angefochtene Urteil sei in sich

nicht nachvollziehbar und widerspruchsfrei begründet. Aus dem Beschwerdevorbringen ergibt sich weder ein Verstoß gegen den Überzeugungsgrundsatz

des § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO, noch ein solcher gegen die Begründungspflicht

des § 108 Abs. 1 Satz 2 VwGO.

14Die Freiheit, die der Überzeugungsgrundsatz des § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO

dem Tatsachengericht zugesteht, bezieht sich auf die Bewertung der für die

Feststellung des Sachverhalts maßgebenden Umstände. Sie ist nach der einen

Seite hin begrenzt durch das jeweils anzuwendende Recht und dessen Auslegung. Nach der anderen Seite hin ergibt sich die Grenze daraus, dass der

Überzeugungsgrundsatz nicht für eine Würdigung in Anspruch genommen werden kann, die im Vorgang der Überzeugungsbildung an einem Fehler leidet,

z.B. an der Missachtung gesetzlicher Beweisregeln oder an der Berücksichti-

gung von Tatsachen, die sich weder auf ein Beweisergebnis noch sonst wie auf

den Akteninhalt stützen lassen. Dabei ist die Sachverhalts- und Beweiswürdigung selbst dem jeweils anzuwendenden sachlichen Recht zuzurechnen; Verfahrensfehler können insoweit in Gestalt einer im Einzelfall willkürlichen Würdigung - etwa wegen widersprüchlicher oder aktenwidriger Feststellungen oder

wegen Verstößen gegen Natur- oder Denkgesetze - vorliegen (Beschlüsse vom

27. Februar 2007 - BVerwG 6 B 81.06 - Buchholz 402.41 Allgemeines Polizeirecht Nr. 83 Rn. 59 und vom 30. April 2008 - BVerwG 6 B 15.08 - juris Rn. 15,

insoweit in Buchholz 111 Art. 37 EV Nr. 6 nicht abgedruckt).

15Die Begründungspflicht des § 108 Abs. 1 Satz 2 VwGO verlangt, dass in den

Urteilsgründen die tatsächlichen Umstände und rechtlichen Erwägungen wiedergegeben werden, die das Gericht bestimmt haben, die Voraussetzungen für

seine Entscheidung als erfüllt anzusehen. Das Urteil muss erkennen lassen,

dass das Gericht den ermittelten Tatsachenstoff wertend gesichtet und in welchen konkreten Bezug es ihn zu den angewandten Rechtsnormen gesetzt hat.

Dies setzt voraus, dass das Gericht zum einen seinen rechtlichen Prüfungsmaßstab offenlegt und zum anderen in tatsächlicher Hinsicht angibt, von welchem Sachverhalt es ausgeht und - sofern es den Tatsachenbehauptungen

eines Beteiligten widerspricht - warum es dessen Vortrag nicht folgt und aufgrund welcher Erkenntnisse es eine ihm ungünstige Tatsachenlage als erwiesen ansieht. Aus den Entscheidungsgründen muss sowohl für die Beteiligten als

auch für das Rechtsmittelgericht nachvollziehbar sein, aus welchen Gründen

des materiellen Rechts oder des Prozessrechts das Gericht dem Vortrag eines

Beteiligten, jedenfalls soweit es sich um einen zentralen Punkt seiner

Rechtsverfolgung handelt, nicht folgt. Die Begründungspflicht ist immer dann

verletzt, wenn die Entscheidungsgründe rational nicht nachvollziehbar, sachlich

inhaltslos oder sonst wie unbrauchbar sind (vgl. Beschlüsse vom 18. Oktober

2006 - BVerwG 9 B 6.06 - Buchholz 310 § 108 Abs. 2 VwGO Nr. 66 Rn. 24,

vom 30. Juni 2009 - BVerwG 9 B 23.09 - juris Rn. 3 und vom 22. Oktober 2009

- BVerwG 5 B 51.09 - juris Rn. 24).

16Ausgehend hiervon lässt das Beschwerdevorbringen, mit dem der Kläger durch

sechs Rügen (a) bis f)) einen Verfahrensmangel darzutun sucht, weder eine

Verletzung des § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO, noch des § 108 Abs. 1 Satz 2

VwGO erkennen.

17a) Der Kläger macht zunächst geltend, dass in den Entscheidungsgründen des

angefochtenen Urteils nicht klar zwischen der Subsumtion des Sachverhalts im

Hinblick auf die Bedingungen für die Hinzuziehung eines Bevollmächtigten einerseits und die Erstattungsfähigkeit von Gutachtenkosten andererseits unterschieden werde.

18Diese Rüge geht fehl, denn das Verwaltungsgericht hat nicht verkannt, dass es

- wie ausgeführt - für beide hier umstrittenen kostenrechtlichen Aspekte auf die

persönlichen, tatsächlichen und rechtlichen Umstände des Einzelfalls ankommt.

Wenn das Verwaltungsgericht, was diese Umstände anbelangt, in den Gründen

seines Urteils im Zusammenhang mit der Frage der Erstattungsfähigkeit der

Kosten für die von dem Kläger eingeholten ärztlichen Gutachten teilweise auf

seine vorhergehenden Ausführungen zur Notwendigkeit der Hinzuziehung eines

Bevollmächtigten verweist, beeinträchtigt dies die Nachvollziehbarkeit seiner

Erwägungen nicht. Soweit der Kläger diese Erwägungen darüber hinaus unter

Verweis auf die Vorschrift des § 19 Abs. 5 WPflG (auch) inhaltlich angreift,

beschreibt er keinen Verfahrensmangel der verwaltungsgerichtlichen Entscheidung, sondern legt im Stil einer Berufungsbegründung dar, dass ihn das Urteil

nicht überzeugt.

19b) Weiterhin hat sich das Verwaltungsgericht entgegen der Ansicht der Beschwerde durch seinen Verweis darauf (UA S. 9), dass allein gesundheitliche

Einwendungen des Klägers zu dessen Erfolg im Widerspruchsverfahren geführt

hätten und rechtliche Ausführungen nicht erforderlich gewesen seien, nicht in

Widerspruch zu dem von ihm angewandten Grundsatz gesetzt, dass maßgeblicher Beurteilungszeitpunkt für die Notwendigkeit der Hinzuziehung eines Bevollmächtigten dessen Beauftragung ist. Das Verwaltungsgericht stellt in der

bezeichneten Passage der Urteilsgründe keine ex post-Betrachtung an, sondern verleiht seiner die gesamte Entscheidung tragenden Erwägung Ausdruck,

der Kläger sei im Verlauf des Verwaltungsverfahrens stets gehalten gewesen,

die gesundheitlichen Beschwerden als solche mitzuteilen, die nach den Er-

kenntnismöglichkeiten, die von ihm nach seinen persönlichen Verhältnissen

hätten erwartet werden müssen, potentiell erheblich gewesen seien.

20c) Von diesem Ausgangspunkt der Vorinstanz her gibt es entgegen der Rüge

des Klägers auch keinen Widerspruch zwischen der Erwägung des Verwaltungsgerichts (UA S. 9), er sei nicht gehindert gewesen, Anhaltspunkte für gesundheitliche Mängel innerhalb des Widerspruchsverfahrens selbst und ohne

Bevollmächtigten vorzubringen, und seinem unter Beweis gestellten und von

dem Verwaltungsgericht als wahr unterstellten Vortrag (UA S. 11 f.), er habe bis

zu der ersten Besprechung mit seinem Bevollmächtigten die Bedeutung seiner

Beschwerden für seine Belastbarkeit nicht gekannt. Für das Verwaltungsgericht

war nicht erheblich, ob der Kläger die Bedeutung seiner gesundheitlichen Einschränkungen tatsächlich erkannt hat, sondern es hat auch hier entscheidend

darauf abgestellt, dass er seine potentiell erheblichen Beeinträchtigungen nach

seinen persönlichen Verhältnissen jedenfalls selbst hätte erkennen und vorbringen können.

21d) Widersprüchlich sind deshalb entgegen der Beschwerdebegründung ferner

nicht die in den Entscheidungsgründen (UA S. 9) enthaltene Erwägung, der

Wehrpflichtige wisse im Allgemeinen selbst, ob er unter gesundheitlichen Beschwerden leide, die seiner Heranziehung zum Wehrdienst entgegenstehen,

und die Wahrunterstellung der Beweisbehauptung des Klägers (UA S. 11 f.), die

ganz überwiegende Zahl der von Symptomen pathologischer Allergie- und

Skeletterkrankungen betroffenen Menschen könne diese nicht ohne fachkundige Hilfe als Indizien für einen pathologischen Zustand einordnen, solange das

Allgemeinbefinden dadurch nicht unerheblich beeinträchtigt werde. Das Verwaltungsgericht hat - worauf es zutreffend hinweist (UA S. 12) - dem Kläger keine

Einordnung pathologischer Zustände angesonnen. Es hat ihn vielmehr für verpflichtet erachtet, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen anzugeben, deren

potentielle Erheblichkeit er nach der Einschätzung des Verwaltungsgerichts

erkennen musste.

22e) Wegen dieser die Entscheidung des Verwaltungsgerichts tragenden Erwägung fehlt es weiter an dem von dem Kläger angenommenen Widerspruch zwi-

schen einerseits der Annahme (UA S. 9), von dem Wehrpflichtigen könne - bei

bestehender Unsicherheit über den für eine Heranziehung (richtig: Nichtheranziehung) zum Wehrdienst erforderlichen Leidensdruck gegebenenfalls nach

Konsultierung eines Facharztes - die Mitteilung aller gesundheitlichen Beschwerden, unter denen er leide, und etwaige seit der Musterung eingetretenen

gesundheitlichen Veränderungen erwartet werden, und andererseits der als

wahr unterstellten Behauptungen des Klägers über seine Unkenntnis, worauf es

bei den von ihm für normal gehaltenen körperlichen Reaktionen ankomme, und

über das Nichtbestehen eines Leidensdrucks.

23f) Schließlich ist das Verwaltungsgericht nicht auf der Grundlage eines Verfahrensfehlers zu der Überzeugung gelangt (UA S. 4), es sei dem Kläger ohne

Weiteres zumutbar gewesen, die Angaben über seine Beschwerden auf neuropsychiatrischem Gebiet, die er gegenüber dem Gutachter Dr. S. geäußert habe,

ergänzend zu den ihm bereits im Rahmen des Erstuntersuchungsverfahrens

geltend gemachten gesundheitlichen Verhältnissen im Widerspruchsverfahren

gegenüber der Beklagten vorzubringen. Zum einen stellt diese Einschätzung

entgegen der Ansicht des Klägers entsprechend den obigen Ausführungen (unter 2.b)) keine in Widerspruch zu den allgemeinen Grundsätzen für die Notwendigkeit der Hinzuziehung eines Bevollmächtigten stehende ex post-

Betrachtung dar. Zum anderen geht der Vorwurf fehl, das Verwaltungsgericht

habe in aktenwidriger Weise nicht berücksichtigt, dass der Kläger bereits in der

Musterungsuntersuchung vom 15. Januar 2007 zu den in der gutachterlichen

Stellungnahme des Nervenarztes Dr. S. vom 22. Juli 2007 erwähnten Beschwerden vorgetragen habe, diese Stellungnahme also keine neuen Feststellungen enthalte, sondern nur die bereits vorgetragenen Umstände anders bewerte. Denn der Untersuchungsbogen vom 15. Januar 2007 verhält sich unter

den Nummern 31 und 32 lediglich zu dezenten Hinweisen für musisch-sensible

Persönlichkeitsmerkmale und einer Neigung zu migränoidem Kopfschmerz.

Demgegenüber referiert die Stellungnahme von Dr. S. vom 24. Juli 2007 wesentlich ausführlichere Angaben des Klägers zu Kopfschmerzattacken und Engegefühlen im Hals beim Essen.

243. Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Die Festsetzung des

Streitwertes für das Beschwerdeverfahren beruht auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52

Abs. 3 GKG und folgt der von den Beteiligten nicht in Frage gestellten berichtigten Wertfestsetzung in der ersten Instanz.

Neumann Dr. Graulich Dr. Möller

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5 C 19.11 vom 10.01.2013

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9 VR 4.13 vom 28.05.2013

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6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil