Urteil des BVerwG vom 03.05.2004

Eingriff, Verschulden, Kollegialgericht, Feststellungsklage

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT
BESCHLUSS
BVerwG 6 B 17.04
VGH 1 S 437/03
In der Verwaltungsstreitsache
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hat der 6. Senat des Bundesverwaltungsgerichts
am 3. Mai 2004
durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht
Dr. B a r d e n h e w e r und die Richter am Bundesverwaltungsgericht
Dr. H a h n und Dr. G r a u l i c h
beschlossen:
Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der
Revision in dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-
Württemberg vom 28. November 2003 wird zurückgewiesen.
Die Klägerin trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.
Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdever-
fahren auf 10 000 € festgesetzt.
G r ü n d e :
1. Die allein auf den Revisionszulassungsgrund der grundsätzlichen Bedeutung der
Rechtssache gestützte Beschwerde (§ 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) bleibt ohne Erfolg.
Dem Beschwerdevorbringen ist keine Formulierung einer bestimmten, höchstrichter-
lich noch ungeklärten und für die Revisionsentscheidung erheblichen Rechtsfrage
des revisiblen Rechts zu entnehmen. Dies betrifft sowohl den gerügten Zusammen-
hang von Feststellungsinteresse und Erfolgsaussicht einer Amtshaftungsklage (a),
als auch den entsprechenden Zusammenhang mit einer Klage aus enteignungsglei-
chem Eingriff (b).
a) Die Klägerin hält die Frage für grundsätzlich klärungsbedürftig, ob an der sog. Kol-
legialgerichts-Richtlinie in der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur
Bestimmung des Interesses an einer Feststellungsklage festzuhalten sei. Die Be-
klagte verstehe diese Judikatur in einer allgemeinen und generellen Art und Weise
so, dass jedes zukünftige Amtshaftungsverfahren von vornherein als aussichtslos zu
betrachten sei, wenn irgendein Kollegialgericht in irgendeiner Entscheidung einmal
dieses oder ein vergleichbares Handeln einer Behörde als rechtmäßig beurteilt habe.
Diese weite Interpretation verleihe der bisherigen Judikatur jedoch eine Ausdehnung,
welche mit der durch Art. 34 GG grundrechtlich gewährleisteten Möglichkeit des
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Amtshaftungsanspruchs nicht mehr in Einklang zu bringen sei. Sie bedürfe insoweit
einer näheren Präzisierung und Eingrenzung. Darin liege die grundsätzliche Bedeu-
tung der Rechtssache.
Diese Fragestellung kann nicht zur Zulassung der Revision führen, weil mit ihr in An-
betracht der einschlägigen höchstrichterlichen Rechtsprechung ein Bedarf nach wei-
terer Klärung der Rechtslage nicht aufgezeigt ist. Entgegen den teilweise missver-
ständlichen Ausführungen der Beschwerde hat die Klägerin keinen Fortsetzungs-
feststellungsantrag i.S. des § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO gestellt. Der Verwaltungsge-
richtshof hat den Antrag der Klägerin vielmehr als Feststellungsantrag i.S. des § 43
VwGO angesehen. Von dieser Auffassung ist angesichts des Fehlens darauf bezo-
gener Revisionszulassungsgründe auszugehen. Nach der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts (Urteile vom 20. Januar 1989 - BVerwG 8 C 30.87 -
BVerwGE 81, 226 <228>, vom 29. April 1997 - BVerwG 1 C 2.95 - Buchholz 310
§ 43 VwGO Nr. 127 und vom 27. Juni 1997 - BVerwG 8 C 23.96 - Buchholz 310 § 43
VwGO Nr. 128) können die Sachurteilsvoraussetzungen für Klagen nach § 43 VwGO
und nach § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO unter bestimmten Umständen unterschiedlich
sein. Auch wenn man die Fragestellung der Klägerin trotz ihrer Auseinandersetzung
mit dem eine Fortsetzungsfeststellungsklage entsprechend § 113 Abs. 1 Satz 4
VwGO betreffenden Urteil vom 3. Juni 2003 - BVerwG 5 C 50.02 - (Buchholz 310
§ 113 Abs. 1 VwGO Nr. 17) auf § 43 Abs. 2 VwGO bezieht, kann sie nicht zur Zulas-
sung der Grundsatzrevision führen. Dient - wie hier - eine nach Rechtsänderung auf
die Feststellung eines früheren Rechtsverhältnisses gerichtete Klage der Fortführung
einer entsprechenden auf ein gegenwärtiges Rechtsverhältnis zielenden Feststel-
lungsklage, so besteht keine grundsätzliche Unterschiedlichkeit in den Sachurteils-
voraussetzungen nach § 43 Abs. 2 VwGO und § 113 Abs. 1 VwGO (vgl. für eine
fortgeführte Leistungsklage Urteil vom 8. Dezember 1995 - BVerwG 8 C 37.93 -
BVerwGE 100, 83 <91>). Das berechtigte Interesse eines Klägers i.S. des § 43
Abs. 2 VwGO kann daher grundsätzlich auch auf die Absicht gestützt werden, die
beklagte Behörde auf Schadensersatz nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG in An-
spruch zu nehmen. Hiermit kann ein Feststellungsinteresse aber grundsätzlich nicht
begründet werden, wenn die beabsichtigte Schadensersatzklage offensichtlich aus-
sichtslos ist (siehe z.B. BVerwG, Urteile vom 28. August 1987 - BVerwG 4 C 31.86 -
Buchholz 310 § 113 VwGO Nr. 173 und vom 17. Dezember 1991 - BVerwG 1 C
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42.90 - Buchholz § 113 VwGO Nr. 238; stRspr). Davon ist auszugehen, wenn offen-
sichtlich das für einen Amtshaftungsanspruch erforderliche Verschulden fehlt. Sowohl
vom Bundesverwaltungsgericht (siehe z.B. Urteil vom 22. Januar 1998 - BVerwG 2 C
4.97 - Buchholz 310 § 161 VwGO Nr. 113 m.w.N.), als insbesondere auch von den
für die Durchführung von Amtshaftungsprozessen zuständigen Zivilgerichten wird als
Regel angenommen, dass einen Beamten kein Verschulden treffe, wenn ein mit
mehreren Berufsrichtern besetztes Kollegialgericht die Amtstätigkeit als objektiv
rechtmäßig angesehen hat (sog. "Kollegialgerichts-Richtlinie"; vgl. z.B. BGH, Urteil
vom 28. November 2002 - III ZR 122/02 - BGHReport 2003, 171 = NVwZ-RR 2003,
166 = DÖV 2003, 296 = MDR 2003, 265). Daran ändert sogar der Umstand nichts,
dass in einer höheren Instanz die entsprechende Verwaltungshandlung als
rechtswidrig beurteilt wird (BVerwG, Urteil vom 3. Juni 2003 a.a.O.).
Eine Änderung dieser Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist weder
zweckmäßig noch geboten. Ihr Kern ist die Bestimmung der Verschuldensvorausset-
zungen im Amtshaftungsanspruch nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG. Das Bundes-
verwaltungsgericht lehnt seine eigene Rechtsprechung in dieser Frage eng an dieje-
nige des Bundesgerichtshofs an.
Der Bundesgerichtshof hat im Laufe der Zeit in seiner Rechtsprechung unter grund-
sätzlicher Beibehaltung der Rechtsfigur Einwänden gegen die sog. Kollegialgerichts-
Richtlinie Rechnung getragen und damit gewichtige Vorbehalte in der Literatur aus-
geräumt. Dies betrifft Ausnahmen vom Verschuldensausschluss im Falle eines ge-
wichtigen Pflichtverstoßes der Behörde auf höchster Ebene (BGHZ 134, 268), im
Falle einfacher, leicht zu beantwortender Rechtsfragen, bei Entscheidungen in einem
summarischen gerichtlichen Verfahren, aber auch bei offensichtlichen Fehlern in der
Entscheidung des Kollegialgerichts (vgl. im Übrigen die Zusammenstellung bei
Windthorst in Detterbeck/Windthorst/Sproll, Staatshaftungsrecht, München 2000, § 9
Rn. 184 ff. m.w.N.).
Die auf eine Modifizierung dieser Rechtsprechung zielende Rüge der Klägerin ver-
weist auf die besonderen Umstände ihres Falles, ohne einen darüber hinausweisen-
den Klärungsbedarf aufzuzeigen.
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Im Übrigen ist die Klägerin nicht daran gehindert, ihre rechtlichen Einwände gegen
die sog. Kollegialgerichts-Richtlinie im Rahmen einer zivilgerichtlichen Amtshaf-
tungsklage vorzubringen und sich dort gegebenenfalls durchzusetzen. Die - inzident -
das Verschulden verneinende Entscheidung des Berufungsgerichts hindert sie daran
nicht.
b) Ohne Erfolg bleibt die Grundsatzrüge auch, soweit sie die Verneinung des Fest-
stellungsinteresses im Berufungsurteil in Bezug auf die Erfolgsaussicht einer Klage
aus enteignungsgleichem Eingriff angreift. Insoweit fehlt es bereits ansatzweise an
der Formulierung einer klärungsbedürftigen Rechtsfrage. Außerdem unterstellt die
Beschwerde dem Berufungsurteil, es dehne die sog. Kollegialgerichts-Richtlinie vom
Amtshaftungsanspruch auf den Entschädigungsanspruch aus enteignungsgleichem
Eingriff aus. Dies trifft nicht zu. Den Anspruch aus enteignungsgleichem Eingriff ver-
neint das angegriffene Urteil vielmehr mit der Erwägung, der Schutzbereich des Ei-
gentumsrechts sei durch die Vorgehensweise der beklagten Behörde nicht betroffen,
weil nicht in einen vorhandenen konkreten Bestand an Rechten und Gütern einge-
griffen werde, sondern allenfalls in Gewinnchancen der Klägerin. Die Klägerin ver-
weist in diesem Zusammenhang darauf, dass sie bereits "große wirtschaftliche Dis-
positionen" getroffen habe. Dies hat das Berufungsgericht auch mit seiner Bezug-
nahme auf das Urteil des Verwaltungsgerichts nicht festgestellt, wie die Klägerin
meint. Denn die von ihr herausgegriffene Formulierung stellt die Wiedergabe ihres
Parteivorbringens dar.
c) Die weiteren Ausführungen der Klägerin stellen in der Art einer Revisionsbegrün-
dung eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen des Verwaltungsgerichtshofs
dar, ohne auf einen Revisionszulassungsgrund zu führen.
2. Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO, die Festsetzung des
Streitwerts für das Beschwerdeverfahren beruht auf § 14 Abs. 1 Satz 1, Abs. 3, § 13
Abs. 1 Satz 1 GKG.
Bardenhewer Hahn Graulich