Urteil des BVerwG vom 29.04.2010, 4 CN 3.08

Entschieden
29.04.2010
Schlagworte
Raumordnung, Bebauungsplan, Gemeinde, Niedersachsen, Planungspflicht, Abstimmung, Landesplanung, Übereinstimmung, Rüge, Bekanntmachung
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 4 CN 3.08 OVG 1 D 147/07

Verkündet am 29. April 2010 Rüger als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Normenkontrollsache

hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 29. April 2010 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Rubel, den Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Jannasch, die Richterinnen am Bundesverwaltungsgericht Dr. Philipp und Dr. Bumke und den Richter am Bundesverwaltungsgericht Petz

für Recht erkannt:

Die Revision der Antragstellerin gegen das Urteil des Oberverwaltungsgerichts der Freien Hansestadt Bremen vom 30. Oktober 2007 wird zurückgewiesen.

Die Antragstellerin trägt die Kosten des Revisionsverfahrens einschließlich der außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen.

G r ü n d e :

I

1Die Antragstellerin, eine niedersächsische Gemeinde, wendet sich gegen den

vorhabenbezogenen Bebauungsplan 38 für den Bau eines Einrichtungshauses

und SB-Möbelmarktes in Bremen-Osterholz. Sie ist nach dem Landes-

Raumordnungsprogramm Niedersachsen als Mittelzentrum ausgewiesen. Die

Antragsgegnerin, die Stadtgemeinde Bremen, ist eine von zwei Gemeinden des

Landes Bremen.

2Das etwa 11 ha große Plangebiet grenzt an seiner Ostseite an das Gemeindegebiet der Antragstellerin. Es ist etwa 8 km von der Innenstadt der Antragstellerin und etwa 10 km von der Bremer Innenstadt entfernt. Westlich des Plangebiets liegt das Einkaufszentrum „Weserpark“. Der bisher geltende Bebauungsplan sah für das Plangebiet u.a. ein Sondergebiet „Radio Bremen“ vor. Nachdem Radio Bremen in die Innenstadt umzog, erwarb die Beigeladene die frei

gewordenen Flächen und beantragte die Aufstellung eines vorhabenbezogenen

Bebauungsplans sowie parallel die Änderung des Flächennutzungsplans. Der

Bebauungsplan sieht für den größten Teil des Plangebiets ein Sondergebiet

„Einzelhandel SO (EH)“ vor, das der Errichtung eines Einrichtungshauses und

eines SB-Möbelmarktes mit einer Bruttogeschossfläche von insgesamt bis zu

90 000 und einer Verkaufsfläche von bis zu 45 000 dient. Der Beigeladenen ist zwischenzeitlich eine Baugenehmigung für die Errichtung des Vorhabens erteilt worden.

3Im Rahmen der Anhörung nahmen die Antragstellerin und der Kommunalverbund als Träger öffentlicher Belange zum Entwurf des Bebauungsplans Stellung. Mit der Kritik der Antragstellerin an dem von der Antragsgegnerin zugrunde gelegten Gutachten J. & K. vom März 2006 sowie dem vom Kommunalverband in Auftrag gegebenen Gutachten S. befasste sich die Deputation für Bau

und Verkehr und empfahl, den Bebauungsplan wie auch die Änderung des Flächennutzungsplans in Kenntnis der eingegangenen Stellungnahmen zu beschließen. Der Bebauungsplan mit Vorhaben- und Erschließungsplan wurde

ebenso wie die 78. Änderung des Flächennutzungsplanes am 23. Januar 2007

von der Stadtbürgerschaft beschlossen und am 19. Februar 2007 bekannt gemacht.

4Mit Urteil vom 30. Oktober 2007 hat das Oberverwaltungsgericht den Normenkontrollantrag der Antragstellerin abgewiesen. Zur Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt:

5Dem Bebauungsplan fehle es nicht an der Planrechtfertigung. Die Antragsgegnerin habe die Belange, die für die Abwägung von Bedeutung seien, in den wesentlichen Punkten zutreffend ermittelt und bewertet. Das Gutachten J. & K.

habe zu Recht nur Umverteilungen zu Lasten der Innenstadt der Antragstellerin

berücksichtigt; nur die Innenstadt der Antragstellerin erfülle die Voraussetzungen eines zentralen Versorgungsbereichs. Das Gutachten habe sich auch darauf beschränken dürfen, nur die Effekte auf den vorhandenen Einzelhandel in

der Innenstadt der Antragstellerin zu berücksichtigen. Das vom Kommunalverbund vorgelegte Gutachten S. habe die Antragsgegnerin nicht zu detaillierten

Erhebungen über mögliche Umsatzverteilungen veranlassen müssen. Die

Prognose dieses Gutachtens beziehe sich nicht auf die Innenstadt der Antragstellerin. Die Abwägung sei nicht zu beanstanden; die Antragsgegnerin habe die

Auswirkungen ihrer Planung auf die städtebaulichen Belange der Antragstellerin

bei der Abwägung hinreichend gewürdigt.

6Der Bebauungsplan sei auch gemäß § 8 Abs. 2 Satz 1 BauGB aus dem im Parallelverfahren geänderten Flächennutzungsplan entwickelt worden. Der Flächennutzungsplan in der Fassung der 78. Änderung sei nicht wegen Verstoßes

gegen Raumordnungsrecht unwirksam. In Bremen gebe es kein Landesraumordnungsrecht, gegen das der Flächennutzungsplan verstoßen könnte. Das

Landes-Raumordnungs-programm aus dem Jahre 1981 sei nach der Entscheidung des Bremischen Staatsgerichtshofs vom 22. August 1983 nicht verbindlich; in der Folgezeit sei ein neues Landes-Raumordnungsprogramm nicht aufgestellt worden. Der Flächennutzungsplan erfülle auch nicht die Funktion eines

Raumordnungsplans gemäß § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG. Soweit eine Äußerung im

Urteil vom 10. Dezember 2001 in dieser Richtung verstanden worden sein sollte, werde daran nicht festgehalten. Der aus dem Jahre 1983 stammende Flächennutzungsplan habe in seiner ursprünglichen Fassung keine eigenen raumordnerischen Regelungen enthalten, sondern sich darauf beschränkt, solche an

anderer Stelle getroffenen Regelungen im Zuge der vorbereitenden Bauleitplanung bodenrechtlich zu konkretisieren. Auch in der Folgezeit sei der Flächennutzungsplan nicht um raumordnungsrechtliche Ziele angereichert worden. Unabhängig davon könne ein Flächennutzungsplan nur dann die Funktion eines

Raumordnungsprogramms nach § 8 Abs. 1 Satz 1 ROG übernehmen, wenn er

auch inhaltlich die Anforderungen an einen Raumordnungsplan erfülle. Dass

der Flächennutzungsplan nicht die Funktion eines Raumordnungsplans nach

§ 8 Abs. 1 Satz 2 ROG übernehme, habe nicht die Unwirksamkeit des Flächennutzungsplans zur Folge. Die Funktion des Flächennutzungsplans als vorbereitender Bauleitplan werde durch das Fehlen eines Raumordnungsplans

nicht berührt. Der Flächennutzungsplan müsse sich aber, wenn landesrechtliche Vorgaben zur Raumordnung und Landesplanung nicht bestünden, an den

Vorgaben des Bundesraumordnungsrechts messen lassen, soweit diese unmittelbar gelten würden. Bei raumbedeutsamen Planungen seien die Grundsätze

und sonstigen Erfordernisse der Raumordnung in der Abwägung zu berücksichtigen. Zu diesen Grundsätzen gehöre auch das System der zentralörtlichen

Gliederung nach § 2 Abs. 2 ROG. Diese Grundsätze habe die Antragsgegnerin

bei ihrer Abwägungsentscheidung berücksichtigt. Die Antragsgegnerin sei nicht

aus Rechtsgründen gehalten gewesen, den Grundsätzen in der Weise Rechnung zu tragen, dass aus ihnen zwingend verbindliche Ziele der Raumordnung

in Gestalt eines Kongruenzgebots, eines Beeinträchtigungsverbots und eines

Integrationsgebots mit einem Inhalt abzuleiten gewesen wären, die dem Vorhaben entgegengestanden hätten. Sie habe auch nicht ausdrücklich darlegen

müssen, warum sie solche Ziele nicht für sachlich geboten erachte, obwohl sie

für das niedersächsische Umland und in vielen anderen Ländern gälten. Der

materiellen Abstimmungspflicht sei dadurch Genüge getan, dass die Antragsgegnerin die konkreten Auswirkungen ihrer Planung auf die raumordnungsrechtlichen Belange der Antragstellerin und der anderen betroffenen Gebietskörperschaften in ihre Erwägungen einbezogen und fehlerfrei ermittelt, bewertet

und gewichtet habe. Ein Verstoß gegen die Abstimmungspflicht ergebe sich

nicht daraus, dass zwar die Antragstellerin bei der Änderung des Flächennutzungsplans beteiligt worden, die Änderung aber nicht mit dem Land Niedersachsen abgestimmt worden sei. § 8 Abs. 2 ROG sei schon deshalb nicht unmittelbar anwendbar, weil der Flächennutzungsplan nicht die Funktion eines

Raumordnungsplans habe. Für eine entsprechende Anwendung der Vorschrift

auf die Änderung des Flächennutzungsplans sei kein Grund ersichtlich, denn

Planungen des Landes Niedersachsen würden durch die Änderung nicht berührt.

II

7Die Revision der Antragstellerin ist unbegründet. Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts steht mit Bundesrecht im Einklang. In Übereinstimmung mit Bundesrecht hat das Oberverwaltungsgericht festgestellt, dass der vorhabenbezogene Bebauungsplan 38 mit höherrangigem Recht vereinbar ist.

81. Der angefochtene Bebauungsplan ist nicht wegen eines Verstoßes gegen

das interkommunale Abstimmungsgebot 2 Abs. 2 BauGB) und das Abwägungsgebot 1 Abs. 7 BauGB) unwirksam.

91.1 Zu den Belangen, die gemäß § 2 Abs. 3 BauGB zu ermitteln und in die Abwägung gemäß § 1 Abs. 7 BauGB einzustellen waren, gehören die städtebaulich relevanten Auswirkungen des geplanten Vorhabens auf zentrale Versorgungsbereiche. Das von der Antragsgegnerin zugrunde gelegte Gutachten

J. & K., das eine Prognose der Umverteilung der Kaufkraftströme enthält, hat

das Oberverwaltungsgericht methodisch nicht beanstandet und als geeignete

Grundlage zur Ermittlung der möglichen negativen städtebaulichen Auswirkun-

gen angesehen. Dass sich das Gutachten J. & K. darauf beschränkt, die Umverteilung der Kaufkraftströme zu Lasten der Innenstadt der Antragstellerin

prognostisch zu ermitteln, ist bundesrechtlich nicht zu beanstanden. Denn nach

den bindenden Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts bestanden keine

Anhaltspunkte dafür, dass die Auswirkungen der Planung auf außerhalb der

Innenstadt der Antragstellerin gelegene Betriebe städtebaulich relevant sein

könnten. Das Oberverwaltungsgericht hat festgestellt, dass nur die Innenstadt

der Antragstellerin einen zentralen Versorgungsbereich darstelle (UA S. 23). Es

sei auch nichts dafür ersichtlich, dass Einzelhandelsbetriebe außerhalb der Innenstadt für die Erfüllung von deren mittelzentraler Funktion von Bedeutung

sein könnten. Einem innenstadtnahen Möbelhaus mit einer Verkaufsfläche von

2 050 m², auf das die Antragstellerin abhebt, hat das Oberverwaltungsgericht

insoweit keine Bedeutung beigemessen. Auswirkungen auf die verbrauchernahe Versorgung wurden auch von der Antragstellerin nicht befürchtet.

10Der Verwertbarkeit des Gutachten J. & K. stand nicht entgegen, dass nur die

Effekte auf den vorhandenen Einzelhandel in der Innenstadt untersucht worden

sind. Die Begründung des Oberverwaltungsgerichts, künftige Ansiedlungen

könnten schon deswegen jedenfalls nicht von der Prognose der Umsatzumverteilung erfasst werden, weil es keine konkret geplanten Vorhaben gebe, die

nach Sortiment und Größe bestimmbar wären, ist nicht zu beanstanden. Entgegen der Auffassung der Antragstellerin sind ihre Bemühungen um eine künftige Ansiedlung weiterer Einzelhandelsbetriebe nicht unberücksichtigt geblieben. Wie das Oberverwaltungsgericht ausgeführt hat, hat die Antragsgegnerin

bei der Abwägungsentscheidung nicht nur nach schädlichen Auswirkungen des

Vorhabens auf die Innenstadt gefragt, sondern auch die Befürchtung der Antragstellerin gewürdigt, durch das Vorhaben werde die künftige Ansiedlung von

Einzelhandelsbetrieben, um die sich die Antragstellerin mit Blick auf ihre Aufgabe als Mittelzentrum bemühe, erschwert, wenn nicht verhindert.

11Die von der Antragstellerin zur Ermittlung der abwägungsbeachtlichen Belange,

insbesondere zur Geeignetheit des Gutachten J. & K. erhobenen Verfahrensrügen haben keinen Erfolg. Der Einwand der Antragstellerin, das Oberverwaltungsgericht habe das Gutachten J. & K. nicht verwerten dürfen, weil der zent-

rale Versorgungsbereich als wesentliche Ausgangsgröße nicht ermittelt und

definiert worden sei und damit die sachliche Grundlage für die gutachterliche

Prognose fehle, ist unbegründet. Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass sich der

räumliche Zuschnitt des im Gutachten markierten „Zentrums“ nicht mit der Innenstadt deckt. Das Oberverwaltungsgericht verwendet beide Begriffe; der

Begriff „Innenstadt“ stellt nur eine andere sprachliche Umschreibung zur Veranschaulichung des räumlichen Zuschnitts und der Lage des „Zentrums“ dar.

Dass Unklarheit über den räumlichen Zuschnitt der Innenstadt bestünde, behauptet auch die Antragstellerin nicht. Von daher geht auch der Vorwurf der

Aktenwidrigkeit fehl. Soweit die Antragstellerin die Berechnungsmethode des

Gutachtens J. & K. angreift, zeigt sie keine Mängel des Gutachtens, insbesondere keine „rechnerische Fehlervarianz“ auf. Dass es auch andere Berechnungsmethoden geben mag, führt nicht auf die behauptete Ungeeignetheit des

Gutachtens und belegt insbesondere nicht den behaupteten Denkfehler. Das

Oberverwaltungsgericht hat die dem Gutachten J. & K. zugrunde liegende Methode überprüft und festgestellt, dass das Gutachten auf einer methodisch anerkannten Vorgehensweise beruht. Wie das Oberverwaltungsgericht zu Recht

festgestellt hat, bot auch das vom Kommunalverband vorgelegte Gutachten S.

keinen Anlass zu detaillierten Erhebungen über das verwertete Gutachten

J. & K. hinaus, weil sich das Gutachten S. auf das gesamte Stadtgebiet bezieht,

mithin mit dem Gutachten J. & K. nicht vergleichbar ist. Der von der Antragstellerin in diesem Zusammenhang gerügte Verstoß gegen Denkgesetze

beruht ebenfalls nur auf der Behauptung, es gebe nur eine einzige korrekte Methode zur Ermittlung von Umsatzumverteilungen. Das gilt auch für die mit dem

Hinweis auf die Gutachten F. und L. begründete Verfahrensrüge. Das Oberverwaltungsgericht hat beide Gutachten gewürdigt und festgestellt, dass dadurch die Datenbasis, auf die sich das Gutachten J. & K. gestützt hat, nicht

substantiiert in Zweifel gezogen werde. Schließlich ist auch die Rüge, das Gutachten J. & K. beruhe auf unrichtigen Zahlenangaben, unbegründet. Das Oberverwaltungsgericht hat zugrunde gelegt, dass nach dem eigenen Vortrag der

Antragstellerin von der Umsatzumverteilung nur ein Bettenhaus im Zentrum und

ein innenstadtnahes Möbelhaus mit einer Verkaufsfläche von 2 050 betroffen seien, und ist unter Bezugnahme auf das Gutachten S. davon ausgegangen, dass eine befürchtete Aufgabe allein dieser beiden Geschäfte keine

Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit des zentralen Versorgungsbereichs

der Antragstellerin habe. Dass sich der Fehler auf das Gutachten insgesamt

ausgewirkt haben könnte, ist nicht zu erkennen und behauptet auch die Antragstellerin nicht.

121.2 Die Abwägungsgrundsätze, die das Oberverwaltungsgericht aus § 1 Abs. 7

und § 2 Abs. 2 BauGB abgeleitet und der Überprüfung der Abwägung zugrunde

gelegt hat, entsprechen der Rechtsprechung des Senats. Da auf der Grundlage

des Gutachtens J. & K. schädliche Auswirkungen des Vorhabens auf die Innenstadt der Antragstellerin nicht festgestellt worden sind, fehlt es insoweit an

einer bei der Abwägung zu gewichtenden Gefährdungslage.

13Die gegen die Würdigung des Gutachtens J. & K. erhobenen Verfahrensrügen

bleiben erfolglos. Die Rüge, die Folgerung des Oberverwaltungsgericht, dass

keine schädlichen Auswirkungen zu erwarten seien, sei denkfehlerhaft, weil im

Gutachten J. & K. von einer Nachweisschwelle ausgegangen werde, die bei

einer Umsatzverteilung von bis zu 0,1 Mio. liege, berücksichtigt nicht, dass

das Oberverwaltungsgericht wie auch das Gutachten J. & K. einen festen

Schwellenwert für die Schädlichkeit der Umsatzumverteilungen nicht zugrunde

gelegt haben. Prozentual ermittelte Umsatzverteilungssätze lassen nicht lediglich einen einzigen „logischen“ Schluss zu. Das Oberverwaltungsgericht stützt

sich auch nicht allein darauf, dass die Umsatzverteilung bei den in Frage stehenden Sortimenten (Möbel/Betten) unterhalb einer Nachweisgrenze von

100 000 liege, sondern berücksichtigt - wie bereits ausgeführt -, dass von dieser Umsatzumverteilung nur zwei Geschäfte betroffen seien und stellt zu den

Randsortimenten fest, dass für diese Sortimente Einzelhandelsflächen in der Innenstadt nur in einer Größenordnung von ca. 625 vorhanden seien. Mit dem

Vorwurf der mangelnden Sachkunde greift die Antragstellerin nur die Einschätzung des Oberverwaltungsgerichts, dass die beiden Geschäfte keine besonderen „Leitsortimente“ zum Gegenstand haben, an, weil sie meint, die Geschäfte seien „Kristallisationspunkte“. Welche Geschäfte besondere Bedeutung

für die Funktionsfähigkeit eines zentralen Versorgungsbereichs haben, insbesondere ob einem Einzelhandelsbetrieb eine besondere Anziehungskraft

(„Magnetfunktion“) für einen zentralen Versorgungsbereich zukommt und damit

unentbehrlich für die Funktionsfähigkeit des Bereichs erscheint, bestimmt sich

nach den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und obliegt der Beurteilung des

Tatsachengerichts. Fundierte Anhaltspunkte, dass die Innenstadt ihren Versorgungsauftrag bei Wegfall der genannten Geschäfte nicht mehr erfüllen könne,

hat die Antragstellerin nicht aufgezeigt.

141.3 Zu Recht ist das Oberverwaltungsgericht davon ausgegangen, dass die Antragsgegnerin rechtlich nicht gehalten war, Bemühungen der Antragstellerin um

eine Stärkung von deren Funktion als Mittelzentrum Vorrang vor der Verbesserung ihrer eigenen Funktion als Oberzentrum einzuräumen.

15In Übereinstimmung mit Bundesrecht hat das Oberverwaltungsgericht zugrunde

gelegt, dass sich die Antragstellerin nach § 2 Abs. 2 Satz 2 BauGB auf ihre

raumordnerische Funktion als Mittelzentrum berufen kann. Das Oberverwaltungsgericht hat dazu ausgeführt, es sei nicht zu verkennen, dass die Antragstellerin auf eine Ansiedlung weiterer Einzelhandelsbetriebe angewiesen sei,

um ihre Funktion als Mittelzentrum wahrzunehmen, weil sie gegenwärtig nur

eine Gesamtzentralitätsziffer von 77 habe. Das habe die Antragsgegnerin gesehen und bei der Abwägung auch die Befürchtungen der Antragstellerin im

Hinblick auf ihre künftigen Entwicklungschancen gewürdigt. Nach den tatsächlichen, für die revisionsgerichtliche Beurteilung bindenden Feststellungen des

Oberverwaltungsgerichts weist jedoch auch die Antragsgegnerin Zentralitätsdefizite auf. Das Oberverwaltungsgericht hat sich dabei nicht darauf gestützt, dass

das Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen bestimmt, dass die oberzentrale Funktion der Antragsgegnerin zu beachten sei, sondern hat ausdrücklich betont, dass sich dieses Landes-Raumordnungsprogramm nur auf das

Land Niedersachsen beziehe (UA S. 37). Maßgeblich war nach Auffassung des

Oberverwaltungsgerichts vielmehr, welche Zentralitätsfunktion die Antragsgegnerin tatsächlich wahrnimmt und ob - geleitet von den tatsächlichen Annahmen,

die der gängigen raumordnungsrechtlichen Kategorisierung zugrunde liegen -

ein städtebauliches Defizit besteht, das durch das geplante Vorhaben ausgeglichen werden soll. Das ist bundesrechtlich nicht zu beanstanden. Abwägungserheblich kann die oberzentrale Funktion der planenden Gemeinde nicht nur

sein, wenn ihr diese Funktion durch ein Ziel der Raumordnung zugewiesen

wurde. Auch die tatsächliche Wahrnehmung einer oberzentralen Funktion kann

eine Planung rechtfertigen. Maßgeblich für die Abwägungsentscheidung ist das

städtebauliche Ziel, das eine Gemeinde mit ihrer Planung verfolgt. Entscheidend ist, ob im Hinblick auf die besondere städtebauliche Situation der Gemeinde ein Defizit besteht, das durch das geplante Vorhaben ausgeglichen

werden soll. Auf die im Raumordnungsrecht gebräuchlichen Zentralitätskennziffern hat das Oberverwaltungsgericht lediglich als Orientierungshilfe bei der Gewichtung des Zentralitätsdefizits zurückgegriffen. Auch das ist nicht zu beanstanden. Dass sich die den Zentralitätskennziffern zugrunde liegenden Annahmen als ungeeignet erweisen könnten und die städtebauliche Situation der Antragsgegnerin als Großstadt mit oberzentraler Funktion in tatsächlicher Hinsicht

unzutreffend erfasst worden wäre, ist nicht zu erkennen. Der Einwand der Antragstellerin, das Warenangebot des Vorhabens gehöre nicht zum Aufgabenbereich eines Oberzentrums, sondern sei den mittelzentralen Funktionen eines

Ortes zuzurechnen, beruht auf einer unzutreffenden raumordnungsrechtlichen

Betrachtungsweise. Ungeachtet der Frage, ob sich das Warenangebot des

Vorhabens überhaupt insgesamt einem „höheren“ oder „gehobenen“ Bedarf

zurechnen ließe, sind Orte, denen nach den tatsächlichen Gegebenheiten

oberzentrale Bedeutung zukommt, nicht auf das Angebot eines spezialisierten

höheren Bedarfs beschränkt. Die dort wohnende Bevölkerung muss nicht nur

mit Angeboten eines spezialisierten höheren Bedarfs, sondern auch mit Angeboten für den gehobenen Bedarf und dem wohnortnahen, allgemeinen täglichen

Grundbedarf versorgt werden. Entsprechend ist auch ein Mittelzentrum nicht

beschränkt auf Angebote des gehobenen Bedarfs, sondern dient ebenso der

Grundversorgung. Im Übrigen wird auch im Fall entsprechender raumordnungsrechtlicher Festlegungen des Zentrale-Orte-Prinzips - wie beispielsweise

das Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen belegt - lediglich ein Ausschluss zu Lasten der hierarchisch nachgeordneten Zentren formuliert.

16Die hiergegen erhobenen Verfahrensrügen bleiben ebenfalls erfolglos. Die Rüge, das angefochtene Urteil leide an einem Begründungsmangel gemäß § 138

Nr. 6 VwGO, ist unbegründet. Wie auch das Oberverwaltungsgericht in seinem

Beschluss vom 29. Januar 2008, mit dem es den Antrag der Antragstellerin auf

Tatbestandsberichtigung abgelehnt hat, dargelegt hat, bedurfte es zur rechtli-

chen Würdigung keiner ins Einzelne gehenden Beschreibung der bisherigen

und künftigen Ansiedlungsbemühungen der Antragstellerin. Ebenso erfolglos

bleibt die Rüge der Aktenwidrigkeit. Das Gutachten J. & K. nennt zwar bezogen

auf alle angeführten Warengruppen die Zentralitätskennziffer 102. Im Tatbestand des angefochtenen Urteils wird aber die im Bebauungsplanverfahren

zugrunde gelegte Zentralitätskennziffer 84 genannt (UA S. 4), was sich deckt

mit der im Gutachten J. & K. genannten Zentralitätskennziffer für die Warengruppe „Möbel“. Der von der Antragstellerin behauptete Widerspruch ist damit

jedenfalls nicht offensichtlich; der Sachzusammenhang legt es vielmehr nahe,

dass das Oberverwaltungsgericht mit dem Hinweis, die Gesamtzentralität liege

bei „84“, lediglich auf Defizite in diesem Sortiment abhebt.

171.4 In Übereinstimmung mit Bundesrecht hat das Oberverwaltungsgericht aus

dem Gebot, die Bauleitpläne benachbarter Gemeinden aufeinander abzustimmen 2 Abs. 2 BauGB), abgeleitet, dass auch dann, wenn die Antragsgegnerin nicht gehalten gewesen sei, von der Verwirklichung eines Vorhabens insgesamt Abstand zu nehmen, sie gleichwohl bei der Planung des Vorhabens auf

die Interessen der Antragstellerin Rücksicht zu nehmen habe. Hinsichtlich der

Größe des Vorhabens hat es keinen Verstoß gegen das allgemeine Rücksichtnahmegebot gesehen, weil städtebauliche Belange der Antragstellerin eine Reduzierung der Verkaufsflächen ungeachtet der Empfehlung des Kommunalverbunds im Rahmen des IMAGE-Verfahrens nicht zwingend geboten hätten. Zur

Lage des Vorhabens an der Stadtgrenze zur Antragstellerin hat das Oberverwaltungsgericht ausgeführt, dass für die Ansiedlung gerade an dieser Stelle

besondere städtebauliche Gründe bestünden und Alternativstandorte, die eine

ähnliche Standortgunst, insbesondere unter verkehrlichen Aspekten, aufweisen

würden, im beabsichtigten Realisierungszeitraum nicht zur Verfügung stünden.

Diese auf bindenden Tatsachenfeststellungen beruhenden Erwägungen lassen

Rechtsanwendungsfehler nicht erkennen.

182. Der Bebauungsplan verstößt nicht gegen das Entwicklungsgebot 8 Abs. 2

Satz 1 BauGB). Nach den Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts (UA

S. 33) ist er aus dem Flächennutzungsplan in der Fassung der 78. Änderung

entwickelt worden. Bebauungspläne können grundsätzlich nur aus einem wirk-

samen Flächennutzungsplan entwickelt werden. Der Flächennutzungsplan in

der Fassung der 78. Änderung ist - wie das Oberverwaltungsgericht zu Recht

angenommen hat - nicht wegen eines Verstoßes gegen Raumordnungsrecht

unwirksam.

19Landesraumordnungsrecht, gegen das der Flächennutzungsplan verstoßen

könnte, besteht nach den Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts nicht,

weil es in Bremen weder ein Gesetz, das eine Rechtsgrundlage für die Landesplanung enthält, noch ein verbindliches Landes-Raumordnungsprogramm i.S.d.

§ 8 Abs. 1 Satz 1 ROG gibt, da das Landes-Raumordnungsprogramm 1981

nach der Entscheidung des Bremischen Staatsgerichtshofs vom 22. August

1983 - St 1/82 - (BremStGHE 4, 57) rechtlich nicht verbindlich ist. Nach Auffassung des Oberverwaltungsgerichts erfüllt auch der Flächennutzungsplan weder

in seiner Ursprungsfassung noch in der Fassung der 78. Änderung die Funktion

eines Raumordnungsplans nach § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG 1998, gleichwohl sei er

deswegen nicht unwirksam.

20Die Annahme des Oberverwaltungsgerichts, die Wirksamkeit des Flächennutzungsplans in seiner Funktion als vorbereitender Bauleitplan nach § 5 Abs. 1

Satz 1 BauGB werde nicht durch das Fehlen eines Raumordnungsplans nach

dem Raumordnungsgesetz berührt, steht in Übereinstimmung mit Bundesrecht.

Der Flächennutzungsplan einer Gemeinde wird durch das Fehlen oder die Unwirksamkeit eines landesweiten Raumordnungsplans nicht automatisch unwirksam. Bei der bauleitplanerischen Abwägung müssen aber die Grundsätze und

sonstigen Erfordernisse der Raumordnung berücksichtigt werden; die Planung

muss mit den betroffenen übergemeindlichen Planungen des Nachbarlandes

abgestimmt werden. Das hat das Oberverwaltungsgericht zutreffend erkannt.

212.1 Maßgebend für die Wirksamkeit der 78. Änderung des Flächennutzungsplans ist, soweit es um das Bundesraumordnungsrecht geht, das Raumordnungsgesetz 1998 (ROG 1998), da das Verfahren unter Geltung dieses Gesetzes begonnen und beendet worden ist. Gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 ROG 1998

hat jedes Land für sein Gebiet einen zusammenfassenden und übergeordneten

Plan aufzustellen. In den Stadtstaaten kann ein Flächennutzungsplan nach § 5

BauGB die Funktion eines Plans nach Satz 1 übernehmen 8 Abs. 1 Satz 2

Halbs. 1 ROG 1998). § 8 Abs. 1 Satz 1 ROG 1998 verpflichtet die Länder und

damit auch die Stadtstaaten. § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG 1998 ändert nichts an dieser Planungspflicht sondern erlaubt es lediglich im Flächennutzungsplan auch

raumordnungsrechtliche Festlegungen zu treffen. Die Wahlmöglichkeit zwischen den beiden Planungsinstrumenten soll es dem Stadtstaat jedoch nicht

ermöglichen, sich der Planungspflicht durch Verweis auf die jeweils andere Alternative und in Bremen auf die Zuständigkeit der Stadtgemeinden für die Flächennutzungsplanung zu entziehen.

222.2 Nach Auffassung des Oberverwaltungsgerichts erfüllt der Flächennutzungsplan der Antragsgegnerin bereits nach dem Willen des Plangebers nicht

die Funktion eines Raumordnungsplans i.S.d. § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG 1998. In

dem aus dem Jahre 1983 stammenden Flächennutzungsplan seien die im

Landes-Raumordnungsprogramm 1981 dargestellten Ziele der Raumordnung

und Landesplanung berücksichtigt worden. Der Flächennutzungsplan habe in

seiner ursprünglichen Fassung keine eigenen raumordnerischen Regelungen

enthalten, sondern sich darauf beschränkt, solche an anderer Stelle getroffenen

Regelungen im Zuge der vorbereitenden Bauleitplanung bodenrechtlich zu

konkretisieren. Auch in der Folgezeit sei der Flächennutzungsplan nicht um

raumordnungsrechtliche Ziele angereichert worden. Nach dieser auf Landesrecht beruhenden und damit bindenden Auslegung 173 Satz 1 VwGO i.V.m.

§ 560 ZPO) war der Flächennutzungsplan weder nach dem ursprünglichen

Grundkonzept noch bei der hier in Rede stehenden 78. Änderung auf eine

raumordnungsrechtliche Funktionsübernahme angelegt. Ob ein Flächennutzungsplan - wie das Oberverwaltungsgericht angenommen hat - unabhängig

davon nur dann die Funktion eines Raumordnungsplans gemäß § 8 Abs. 1

Satz 2 ROG 1998 übernehmen kann, wenn er auch inhaltlich und mit dem planungstechnischen Instrumentarium der Raumordnung die Anforderungen an

einen Raumordnungsplan erfüllt, bedarf keiner Vertiefung. Die Frage ist nicht

entscheidungserheblich, weil die Annahme, der Flächennutzungsplan übernehme die Funktion eines Raumordnungsplans, schon am mangelnden Willen

des Plangebers scheitert, einen Plan mit der Funktion eines Raumordnungsplans gemäß § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG 1998 aufzustellen. Dass Bremen seiner

raumordnungsrechtlichen Planungspflicht weder nach § 8 Abs. 1 Satz 1 ROG

1998 noch nach § 8 Abs. 1 Satz 2 ROG 1998 nachgekommen ist, räumt auch

die Antragsgegnerin ein.

232.3 Streitentscheidend ist allein die Frage, welche Rechtsfolgen eintreten, wenn

ein Stadtstaat weder einen landesweiten Raumordnungsplan i.S.d. § 8 Abs. 1

Satz 1 ROG 1998 aufgestellt noch einen Flächennutzungsplan i.S.d. § 8 Abs. 1

Satz 2 ROG 1998 hat, der diese Funktion übernehmen kann. Das Raumordnungsgesetz enthält keine ausdrückliche Regelung zur Fehlerfolge. Aus § 8

Abs. 1 Satz 2 ROG 1998 ergibt sich nur, dass ein Flächennutzungsplan die

Funktion eines Raumordnungsplans übernehmen kann. Fehlt es an der raumordnungsrechtlichen Funktionsübernahme, folgt daraus nicht, dass er allein

deswegen auch die Funktion eines vorbereitenden Bauleitplans i.S.d. § 5 i.V.m.

§ 8 Abs. 2 Satz 1 BauGB nicht mehr erfüllen kann. Die Funktion eines vorbereitenden Bauleitplans erschließt sich aus dem Entwicklungsgebot gemäß § 8

Abs. 2 Satz 1 BauGB: Bebauungspläne sind aus dem Flächennutzungsplan zu

entwickeln. Welche Darstellungen ein Flächennutzungsplan in seiner Funktion

als vorbereitender Bebauungsplan enthalten darf und muss, ergibt sich allein

aus § 5 BauGB (Urteil vom 18. August 2005 BVerwG 4 C 13.04 - BVerwGE

124, 132 <137 ff.>). Enthält der Flächennutzungsplan die erforderlichen Darstellungen nach § 5 BauGB und entspricht er den insoweit an einen Flächennutzungsplan zu stellenden verfahrensrechtlichen und materiell-rechtlichen Anforderungen, zu denen insbesondere die ordnungsgemäße Abwägung nach § 1

Abs. 7 BauGB gehört, ist er als vorbereitender Bauleitplan i.S.d. § 5 BauGB

wirksam. Die bundesgesetzliche Pflicht zur landesweiten Raumordnungsplanung nach § 8 Abs. 1 ROG 1998, die sich auch in der Neufassung des § 8

Abs. 1 ROG 2008 findet, ändert daran nichts. Ist ein Stadtstaat der Pflicht zur

landesweiten Raumordnungsplanung nicht nachgekommen, hat dies für die

Bauleitplanung keine weitergehenden Folgen als wenn ein Flächenland seine

Planungspflicht nicht oder nicht vollständig erfüllt. Auch in einem Flächenland

werden die Flächennutzungspläne der Gemeinden durch das Fehlen oder die

Unwirksamkeit des landesweiten Raumordnungsplans nicht automatisch unwirksam.

24Auch aus § 1 Abs. 4 BauGB können sich materiell-rechtliche Anforderungen an

einen Flächennutzungsplan ergeben. § 1 Abs. 4 BauGB verlangt eine Anpassung der Bauleitpläne an wirksam festgelegte Ziele der Raumordnung. Fehlt

aber eine steuernde Zielvorgabe der Raumordnung, kann die in § 1 Abs. 4

BauGB normierte Anpassungspflicht der Gemeinde von vornherein nicht zum

Zuge kommen. In einem solchen Fall stellt sich die Frage der Zielkonformität

des Bauleitplans nicht (Beschluss vom 25. Juni 2007 - BVerwG 4 BN 17.07 -

BRS 71 Nr. 45 S. 227 f.). Das Fehlen raumordnerischer Festlegungen mit Bindungswirkung i.S.d. § 1 Abs. 4 BauGB lässt die Wirksamkeit eines Flächennutzungsplans auch dann unberührt, wenn es sich um raumbedeutsame Planungen i.S.d. § 3 Nr. 6 ROG 1998 handelt. Das in § 8 Abs. 2 Satz 1 BauGB normierte Entwicklungsgebot findet keine raumordnungsrechtliche Entsprechung

im Verhältnis zwischen Landesplanung und Bauleitplanung. Das Raumplanungsrecht umfasst eine Abfolge von Planungsentscheidungen auf Bundesund Landesebene mit fortschreitender Verdichtung bis hin zu konkreten Festsetzungen auf Gemeindeebene. In diesem mehrstufigen System ist die gemeindliche Bauleitplanung der Landes- und Regionalplanung zwar nachgeordnet; sie stellt die unterste Ebene in der Planungshierarchie dar. Nach § 1 ROG

1998 obliegt der Raumordnung die übergeordnete, überörtliche, überfachliche

und zusammenfassende Planung und Ordnung des Raumes (Urteil vom

17. September 2003 - BVerwG 4 C 14.01 - BVerwGE 119, 25 <38>). Aus diesem mehrstufigen und auf Kooperation angelegten System der räumlichen Gesamtplanung folgt aber nicht, dass ein Flächennutzungsplan unwirksam ist,

wenn es an einer landesrechtlichen Raumordnungsplanung mit Bindungswirkung nach § 1 Abs. 4 BauGB fehlt. Entgegen der Auffassung der Antragstellerin

besteht insoweit auch keine planwidrige Regelungslücke und läuft die Vorschrift

nicht leer. Eine Verletzung der raumordnungsrechtlichen Planungspflicht nach

§ 8 Abs. 1 ROG 1998 bleibt nicht sanktionslos. Wenn raumbedeutsame

Planungen zu raumordnungsrechtlich relevanten Spannungen führen, besteht

die Notwendigkeit der Koordination der widerstreitenden Interessen. Die erforderliche planerische Koordinierung hat der Flächennutzungsplan mit Blick auf

die konkrete Planung und deren Auswirkungen im Rahmen der bauleitplanerischen Abwägung zu leisten.

252.4 Materiell-rechtlich müssen Darstellungen des Flächennutzungsplans auch in

der Funktion als vorbereitender Bauleitplan den Anforderungen des Bundesraumordnungsrechts genügen, soweit diese nicht ausschließlich für Raumordnungspläne gelten. Ein Flächennutzungsplan muss sich bei raumbedeutsamen

Planungen - nicht nur im Stadtstaat - ungeachtet des Fehlens verbindlicher landesraumordnungsrechtlicher Vorgaben an den unmittelbar geltenden bundesrechtlichen Vorgaben des Raumordnungsrechts messen lassen. Gemäß § 4

Abs. 2 ROG 1998 sind die Grundsätze und sonstigen Erfordernisse der Raumordnung bei raumbedeutsamen Planungen in der Abwägung zu berücksichtigen. Diese Vorschrift richtet sich nicht nur an den Träger der Raumordnung,

sondern greift in allen Fällen raumbedeutsamer Planungen i.S.d. § 3 Nr. 6 ROG

1998, also auch dann, wenn solche Planung in Gestalt eines Flächennutzungsplans erfolgt. Zu Recht hat das Oberverwaltungsgericht die Antragsgegnerin

daher verpflichtet gesehen, im Rahmen der Abwägung nach § 1 Abs. 7 BauGB

die Grundsätze und sonstige Erfordernisse der Raumordnung zu berücksichtigen.

26Die Antragsgegnerin war bundesrechtlich indes nicht gehalten, den Grundsätzen der Raumordnung in der Weise Rechnung zu tragen, dass aus ihnen zwingend verbindliche Ziele mit einem Inhalt abzuleiten gewesen wären, der dem

Vorhaben entgegenstünde. In Übereinstimmung mit Bundesrecht hat das

Oberverwaltungsgericht die Antragsgegnerin daher auch nicht als verpflichtet

angesehen, im Rahmen ihrer Abwägungsentscheidung ausdrücklich darzulegen, warum sie solche Ziele nicht für sachlich geboten erachtete, obwohl sie für

das niedersächsische Umland und in vielen anderen Ländern gälten. § 8 Abs. 1

Satz 2 ROG 1998 verpflichtet den Träger der Bauleitplanung im Stadtstaat

grundsätzlich nicht, Ziele der Raumordnung festzulegen. Auch bei der Steuerung des raumbedeutsamen Einzelhandels kann er auf Zielfestlegungen verzichten (vgl. auch Urteil vom 17. September 2003 a.a.O. S. 41; Beschluss vom

8. Juni 2006 - BVerwG 4 BN 8.06 - BRS 70 Nr. 13 (2006) S. 93 f.). Zu den bei

der Abwägung zu beachtenden Grundsätzen der Raumordnung gehört zwar

auch der Grundsatz der zentralörtlichen Gliederung gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 2

ROG 1998. Dieser Grundsatz kann aber auf der Ebene der Landesplanung bei

der Ansiedlung großflächiger Einzelhandelsbetriebe durch unterschiedliche

Vorgaben für die städtebauliche Planung umgesetzt werden. Ob Beeinträchtigungsverbote, also die Vorgabe, dass die Ansiedlung die Funktion benachbarter zentraler Orte nicht oder nicht wesentlich beeinträchtigen darf, Kongruenzgebote, wonach eine Ansiedlung der zentralörtlichen Versorgungsfunktion bzw.

dem Verflechtungsbereich des jeweiligen zentralen Ortes entsprechen muss

und/oder Integrationsgebote, wonach eine Ansiedlung nur im Zusammenhang

mit bereits vorhandenen zentralen Einkaufsbereichen der Standortgemeinde

zuzulassen ist, als verbindliche Ziele i.S.d. § 1 Abs. 4 BauGB zu normieren

sind, ist bundesgesetzlich nicht vorgegeben, sondern hat der Träger der

Raumordnung - sei es das Land, sei es der im Stadtstaat zuständige Träger der

Bauleitplanung - mit Blick auf die Gegebenheiten im Planungsraum zu entscheiden. Ob sich das Planungsermessen ausnahmsweise zu der strikten

Pflicht, sich festzulegen, reduzieren kann, bedarf keiner Entscheidung. Solche

Besonderheiten liegen hier nicht vor. Wie das Oberverwaltungsgericht ausgeführt hat, hat die Antragsgegnerin die Grundsätze der Raumordnung bei ihrer

Abwägungsentscheidung über die Änderung des Flächennutzungsplans berücksichtigt. Sie hat die Auswirkungen auf die Innenstadt, die Nebenzentren

und die Zentren der Nachbargemeinden untersuchen lassen und sich mit den

Auswirkungen auf die zentralen Versorgungsbereiche der Antragstellerin in

gleicher Weise auseinander gesetzt wie bei der Abwägungsentscheidung über

den im Parallelverfahren aufgestellten Bebauungsplan. Dass die Abwägung

nicht zu beanstanden war und die hiergegen erhobenen Verfahrensrügen keinen Erfolg haben, wurde bereits dargelegt.

272.5 Als vorbereitender Bauleitplan muss der Flächennutzungsplan mit den Bauleitplänen benachbarter Gemeinden abgestimmt werden 2 Abs. 2 Satz 1

BauGB). Darüber hinaus ergibt sich aus dem Abwägungsgebot nach § 1 Abs. 7

BauGB das Gebot, Bauleitpläne, die mehr als geringfügige Auswirkungen auf

raumbedeutsame Planungen und Maßnahmen im Umgriff eines größeren Planungsraums haben und nicht auf einer übergeordneten Planungsebene abgestimmt worden sind, auch mit den betroffenen übergemeindlichen Planungen

materiell abzustimmen. Ist die erforderliche Abstimmung mit übergemeindlichen

Planungen des Nachbarlandes wegen des Fehlens einer landesweiten Raumordnungsplanung unterblieben, muss die Abstimmung im Rahmen der bauleit-

planerischen Abwägung nachgeholt werden. Ist die Abstimmung auch auf dieser Ebene nicht oder nicht in der gebotenen Weise vorgenommen worden, ist

die Abwägung fehlerhaft und der Flächennutzungsplan aus diesem Grunde

unwirksam.

28Der materiellen Abstimmungspflicht ist Genüge getan, wenn die Belange des

Nachbarlandes ermittelt, bewertet und gewichtet worden sind und sich die Planung als Ergebnis einer gerechten Abwägung unter Berücksichtigung der Belange des Nachbarlandes darstellt. Nach den tatsächlichen Feststellungen des

Oberverwaltungsgerichts ist die Abstimmung mit den betroffenen Nachbargemeinden, insbesondere der Antragstellerin und den Trägern der Regionalplanung erfolgt. Planungen des Landes Niedersachsen seien dagegen nicht berührt; die Änderung wirke sich nicht auf das Landes-Raumordnungsprogramm

Niedersachsen aus, sondern allenfalls auf die daraus zu entwickelnden Regionalpläne. An die Würdigung des Oberverwaltungsgerichts, dass Planungen des

Nachbarlandes durch die Änderung des Flächennutzungsplanes nicht berührt

werden, ist der Senat gebunden. Allein der Umstand, dass in einem Nachbarland Ziele der Raumordnung festgelegt worden sind, die der Planung entgegenstünden, wenn sie für den Plangeber im eigenen Land gälten, genügt nicht,

um einen Abstimmungsbedarf auszulösen. Die Abstimmung dient nicht der

Entwicklung einheitlicher Standards etwa für die Steuerung des Einzelhandels,

sondern der Koordination raumbedeutsamer Planungen und Maßnahmen 1

Abs. 1 Satz 1 ROG). Wie das Oberverwaltungsgericht zu Recht betont hat, bedeutet die Abstimmungspflicht nicht, dass sich ein Land darum bemühen muss,

nach Möglichkeit den für das gesamte Gebiet des Nachbarlands verbindlichen

Vorgaben zur Entwicklung, Ordnung und Sicherung des Raums zu folgen. Vor

diesem Hintergrund ist auch nicht zu beanstanden, dass das Oberverwaltungsgericht keinen Grund für eine entsprechende Anwendung des § 8 Abs. 2 ROG

1998 gesehen hat. Der Anspruch auf förmliche Beteiligung dient dem Schutz

der raumordnerischen Planungshoheit des Nachbarlandes. Darauf ist die für

eine sachgerechte Abwägung gebotene Ermittlung und Gewichtung der grenzüberschreitenden Auswirkungen der Planung ausgerichtet. Fehlt es schon an

der Möglichkeit, dass schutzwürdige Planungsinteressen des Nachbarlandes

überhaupt betroffen sein könnten, weil der Planung eine überregionale Bedeu-

tung für das Nachbarland nicht zukommt, bedarf es auch keiner verfahrensmäßig-förmlichen Abstimmung mit dem Nachbarland.

293. Schließlich ist der Flächennutzungsplan nicht deswegen unwirksam, weil sich

der Plangeber bei der Abwägung des Flächennutzungsplans 1983 möglicherweise durch das Landes-Raumordnungsprogramm 1981, das erst nach Bekanntmachung des Flächennutzungsplans für unwirksam erklärt wurde, gebunden gefühlt hat (vgl. dazu Urteil vom 5. Juli 1974 - BVerwG 4 C 50.72 -

BVerwGE 45, 309, 315; Beschluss vom 20. August 1992 - BVerwG 4 NB

20.91 - BVerwGE 90, 329). Ein solcher Fehler im Abwägungsvorgang wäre

- sollte er erheblich im Sinne des seinerzeit maßgeblichen § 155 b Abs. 2

Satz 2 BBauG gewesen sein - jedenfalls nicht (mehr) beachtlich. Nach § 244

Abs. 2 Satz 1 BauGB i.d.F. vom 8. Dezember 1986 sind Mängel der Abwägung

von Flächennutzungsplänen, die vor dem 1. Juli 1987 bekannt gemacht worden

sind, unbeachtlich, wenn sie nicht innerhalb von sieben Jahren nach dem 1. Juli

1987 schriftlich gegenüber der Gemeinde geltend gemacht worden sind. Die

Antragstellerin hat nicht vorgetragen, dass dieser Fehler innerhalb von sieben

Jahren nach dem 1. Juli 1987 schriftlich gegenüber der Antragsgegnerin geltend gemacht worden sei. Die Unbeachtlichkeit eines Abwägungsmangels tritt

gemäß § 244 Abs. 2 Satz 1 BauGB i.d.F. vom 8. Dezember 1986 nach Fristablauf unabhängig davon ein, ob die Gemeinde - wie in § 244 Abs. 2 Satz 2

BauGB i.d.F. vom 8. Dezember 1986 vorgesehen - innerhalb von sechs Monaten nach dem 1. Juli 1987 durch ortsübliche Bekanntmachung auf die Änderung

der Rechtslage hingewiesen hat oder nicht. Eine solche Bekanntmachung erfolgte lediglich deklaratorisch (Beschluss vom 8. Mai 1995 - BVerwG 4 NB

16.95 - NVwZ 1996, 372 <373>).

30Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2, § 162 Abs. 3 VwGO.

Prof. Dr. Rubel Dr. Jannasch Dr. Philipp

Dr. Bumke Petz

B e s c h l u s s

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Revisionsverfahren gemäß § 47

Abs. 1 i.V.m. § 52 Abs. 1 GKG auf 60 000 festgesetzt.

Prof. Dr. Rubel Dr. Jannasch Dr. Philipp

Dr. Bumke Petz

Sachgebiet: BVerwGE: ja

Bauplanungsrecht Fachpresse: ja

Rechtsquellen:

BauGB § 1 Abs. 7, § 2 Abs. 2 Satz 2, § 1 Abs. 4, §§ 5, 8 Abs. 2 Satz 1 ROG 1998 § 8 Abs. 1 Satz 1, § 8 Abs. 1 Satz 2, § 8 Abs. 2

Stichworte:

Flächennutzungsplan; Bebauungsplan; Entwicklungsgebot; großflächiger Einzelhandel; Landesplanung; Raumordnungsplan; Stadtstaat; Planungspflicht; Verletzung der Planungspflicht; Wirksamkeit des Flächennutzungsplans; Anforderungen an Abwägung; materielle Abstimmungspflicht; förmliche Beteiligung des Nachbarlandes.

Leitsatz:

Der Flächennutzungsplan einer Gemeinde wird durch das Fehlen oder die Unwirksamkeit eines landesweiten Raumordnungsplans nicht automatisch unwirksam. Bei der bauleitplanerischen Abwägung müssen aber die Grundsätze und sonstigen Erfordernisse der Raumordnung berücksichtigt werden; die Planung muss mit den betroffenen übergemeindlichen Planungen des Nachbarlandes abgestimmt werden.

Urteil des 4. Senats vom 29. April 2010 - BVerwG 4 CN 3.08

I. OVG Bremen vom 30.10.2007 - Az.: OVG 1 D 147/07 -

BVerwG: wohnsitz in der schweiz, wohnsitz im ausland, ausbildung, liechtenstein, aeuv, ohne erwerbstätigkeit, subjektives recht, besuch, unzumutbarkeit, anwendungsbereich

5 C 19.11 vom 10.01.2013

BVerwG: vollziehung, gebärdensprache, kunst, aussetzung, verfahrenskosten, download, link, ermessen, presse

9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil