Urteil des BVerwG vom 19.03.2015, 4 C 12.14

Entschieden
19.03.2015
Schlagworte
Gebäudehöhe, Bautiefe, Begriff, Gestaltung, Grundstück, Anbau, Umbau, Grenzabstand, König, Bodenrecht
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Sachgebiet:

BVerwGE: nein Fachpresse: ja

Bau- und Bodenrecht, einschließlich der immissionsschutzrechtlichen Genehmigungen für Windkraftanlagen, sofern der Schwerpunkt der Sache im Bauund Bodenrecht liegt

Rechtsquelle/n:

BauGB § 34 Abs. 1, 2 BauNVO § 22 Abs. 2 Satz 1 VwGO § 96 Abs. 2

Stichworte:

Innenbereich; unbeplanter ~; Rücksichtnahmegebot; Einfügen; Doppelhaus; Begriff des ~es; mathematisch-prozentualer Maßstab; Gesamtwürdigung; Abstandfläche; Berichterstatter; Ortstermin.

Leitsatz/-sätze:

Ob zwei grenzständig errichtete Baukörper ein Doppelhaus bilden, lässt sich weder abstrakt-generell noch mathematisch-prozentual bestimmen (wie BVerwG, Urteil vom 24. Februar 2000 - 4 C 12.98 - BVerwGE 110, 355 <360>). Es bedarf einer Würdigung des Einzelfalls unter Betrachtung quantitativer und qualitativer Gesichtspunkte.

Urteil des 4. Senats vom 19. März 2015 - BVerwG 4 C 12.14

I. VG Gelsenkirchen vom 27. März 2013 Az: VG 10 K 2713/12

II. OVG Münster vom 26. Juni 2014 Az: OVG 7 A 1276/13

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 4 C 12.14 OVG 7 A 1276/13

Verkündet am 19. März 2015 als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 19. März 2015 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Rubel und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Gatz, Petz, Dr. Decker und Dr. Külpmann

für Recht erkannt:

Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 26. Juni 2014 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen zurückverwiesen.

Die Kostenentscheidung bleibt der Schlussentscheidung vorbehalten.

G r ü n d e :

I

1Der Kläger wendet sich gegen eine den Beigeladenen erteilte Baugenehmigung

für die Erweiterung ihres grenzständig errichteten Wohnhauses.

2Der Kläger und die Beigeladenen sind Eigentümer benachbarter Grundstücke.

Abgesehen von einer Baustufenordnung fehlen bauplanerische Festsetzungen.

Auf dem Grundstück der Beigeladenen wurde 1967 grenzständig zum Grund-

stück des Klägers ein zweigeschossiges Wohnhaus mit traufständigem Satteldach (30°) und einer Wohnfläche von 127,93 qm errichtet; das Gebäude ist etwa 9 m tief und 9 m breit. Hinzu treten eine zum nordöstlich liegenden Nachbargrundstück grenzständige Garage sowie ein Wintergarten im hinteren

Grundstücksteil. Das Grundstück des Klägers wurde 1983 grenzständig zum

vorhandenen Gebäude auf dem Grundstück der Beigeladenen mit einem zweigeschossigen Wohngebäude mit traufständigem Satteldach (35°) bebaut. Dieses Gebäude verfügt über eine Wohnfläche von etwa 177 qm und trat sowohl

zur Straßen- als auch zur Gartenseite um 1 m gegenüber dem Gebäude der

Beigeladenen vor. Seine Firsthöhe liegt etwa 1,50 m höher als bei dem Gebäude der Beigeladenen.

3Der angegriffene Bescheid der Beklagten genehmigt den Umbau und die Erweiterung des Gebäudes der Beigeladenen durch eine straßenseitige Erweiterung

des Bestandsgebäudes mit einem zum Grundstück des Klägers hin grenzständigen, zweigeschossigen und 5 m tiefen Anbau, der gegenüber dem Gebäude

des Klägers um 4 m hervortritt, mit einem Satteldach und einer Dachneigung

von 30°. Die Giebelseite des Anbaus ist zur Straße ausgerichtet. Am Standort

des früheren Wintergartens ist ein an die Garage angebauter Abstellraum mit

einem gemeinsamen Satteldach vorgesehen.

4Die gegen den Bescheid gerichtete Klage ist in den Vorinstanzen erfolglos geblieben. Nach Auffassung des Oberverwaltungsgerichts verstößt die angefochtene Baugenehmigung nicht gegen das bauplanungsrechtliche Gebot der

Rücksichtnahme, insbesondere nicht gegen die Anforderungen der "Doppelhausrechtsprechung" des Bundesverwaltungsgerichts. Die beiden Gebäude

bildeten auch nach dem genehmigten Umbau ein Doppelhaus. Maßgeblich seien sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte. Im Interesse einer möglichst rechtssicheren Handhabung sei ein einheitlicher Baukörper unter den

quantitativen Aspekten Geschossigkeit, Bautiefe und Gebäudehöhe der grenzständigen Gebäudeteile sowie des oberirdischen Brutto-Raumvolumens im Regelfall nicht mehr anzunehmen, wenn sich nur eines der genannten Merkmale

bei den jeweiligen Gebäuden um mehr als die Hälfte unterscheide. Diesen

Rahmen wahre das Bauvorhaben der Beigeladenen. Auch qualitative Gesichts-

punkte sprächen nicht gegen ein Doppelhaus. Das Haupthaus der Beigeladenen und das Haus des Klägers wiesen identische Dachformen und Neigungen

auf. Die Firste beider Gebäude seien parallel zur Straße ausgerichtet. Auch der

Anbau trage ein Satteldach. Dessen abweichende Ausrichtung sei dem Ortsund Stadtbild geschuldet. Durch den Anbau schließe das Haus zur Bauflucht

des nordöstlich gelegenen Nachbargebäudes auf. Die Gebäude des Klägers

und der Beigeladenen würden so optisch in die übrige Bebauung integriert. Das

Gebot der Rücksichtnahme werde ferner weder durch eine Verschattung des

klägerischen Wohnzimmers verletzt noch wirke der genehmigte Bau erdrückend. Beeinträchtigungen durch Regenwasser und Schneebretter seien im

vereinfachten Genehmigungsverfahren nicht zu prüfen. Abstandflächenrechtliche Vorschriften seien nicht verletzt.

5Das Oberverwaltungsgericht hat die Revision wegen grundsätzlicher Bedeutung

im Hinblick auf die Fortentwicklung der Grundsätze der Rechtsprechung zum

planungsrechtlichen Begriff des Doppelhauses zugelassen. Von diesem

Rechtsmittel hat der Kläger Gebrauch gemacht. Die Beklagte und die Beigeladenen verteidigen das Urteil.

II

6Die Revision führt zur Zurückverweisung an die Vorinstanz 144 Abs. 3 Satz 1

Nr. 2 VwGO). Das Oberverwaltungsgericht ist unter Anlegung bundesrechtswidriger Maßstäbe 137 Abs. 1 Nr. 1 VwGO) zu dem Ergebnis gelangt, dass die

angegriffene Baugenehmigung Rechte des Klägers nicht verletzt 113 Abs. 1

Satz 1 VwGO).

71. Die Annahmen des Oberverwaltungsgerichts zum Außerkrafttreten der Baustufenordnung der Stadt D. und zum Prüfungsumfang eines vereinfachten Genehmigungsverfahrens nach § 68 BauO NW beruhen auf der Auslegung irrevisiblen Landesrechts und unterliegen keiner revisionsgerichtlichen Prüfung

173 Satz 1 VwGO i.V.m. § 560 ZPO).

82. Ohne Verstoß gegen Bundesrecht hat das Oberverwaltungsgericht angenommen, das genehmigte Vorhaben sei weder wegen seines Schattenwurfs

noch wegen einer erdrückenden Wirkung dem Kläger gegenüber rücksichtslos.

9Ein Nachbar, der sich auf der Grundlage des § 34 Abs. 1 BauGB gegen ein

Vorhaben im unbeplanten Innenbereich wendet, kann mit seiner Klage nur

durchdringen, wenn die angefochtene Baugenehmigung gegen das im Tatbestandsmerkmal des Einfügens enthaltene Gebot der Rücksichtnahme verstößt.

Dies ist der Fall, wenn das genehmigte Vorhaben zwar in jeder Hinsicht den

aus seiner Umgebung hervorgehenden Rahmen wahrt, sich aber gleichwohl in

seine Umgebung nicht einfügt, weil es an der gebotenen Rücksicht auf die

sonstige, also vor allem auf die in unmittelbarer Nähe vorhandene Bebauung

fehlt (stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Mai 1978 - 4 C 9.77 - BVerwGE 55,

369 <385 f.>). Das Oberverwaltungsgericht hat das Vorliegen dieser Voraussetzungen geprüft und als Tatgericht verneint. Dies ist revisionsgerichtlich nicht

zu beanstanden.

103. Das Berufungsurteil verletzt demgegenüber Bundesrecht, soweit es einen

Verstoß gegen das planungsrechtliche Gebot der Rücksichtnahme "im Hinblick

auf die auch im unbeplanten Innenbereich anwendbare Doppelhausrechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts" verneint hat.

11Ein Verstoß gegen das Gebot der Rücksichtnahme kann vorliegen, wenn sich

ein Vorhaben entgegen § 34 Abs. 1 BauGB nach den dort genannten Merkmalen nicht in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. Maßgebend für den

Verstoß gegen Rechte eines Nachbarn ist insoweit, dass sich aus den individualisierenden Tatbestandsmerkmalen der Norm ein Personenkreis entnehmen

lässt, der sich von der Allgemeinheit unterscheidet (stRspr, vgl. BVerwG, Urteil

vom 5. Dezember 2013 - 4 C 5.12 - BVerwGE 148, 290 Rn. 21 m.w.N.). Der

Senat hat diese Aussagen für Doppelhäuser konkretisiert: Ist ein unbeplanter

Innenbereich in offener Bauweise bebaut, weil dort nur Einzelhäuser, Doppelhäuser und Hausgruppen im Sinne von § 22 Abs. 2 BauNVO den maßgeblichen

Rahmen bilden, so fügt sich ein grenzständiges Vorhaben im Sinne des § 34

Abs. 1 BauGB grundsätzlich nicht nach der Bauweise ein, das unter Beseiti-

gung eines bestehenden Doppelhauses grenzständig errichtet wird, ohne mit

dem verbleibenden Gebäude ein Doppelhaus zu bilden. Ein solches Vorhaben

verstößt gegenüber dem Eigentümer der bisher bestehenden Doppelhaushälfte

grundsätzlich gegen das drittschützende Gebot der Rücksichtnahme (BVerwG,

Urteil vom 5. Dezember 2013 - 4 C 5.12 - BVerwGE 148, 290 Ls. 1). Diesen

Rechtsgrundsatz legt das Oberverwaltungsgericht zugrunde, wenn es - stark

verkürzend - auf die "Doppelhausrechtsprechung im unbeplanten Innenbereich"

(UA S. 8 f.) verweist.

12a) Das Oberverwaltungsgericht durfte ohne Verstoß gegen Bundesrecht bei der

Auslegung des § 34 Abs. 1 BauGB die Vorschriften der Baunutzungsverordnung als Auslegungshilfe heranziehen. Sie definieren, was die Begriffe der offenen oder geschlossenen Bauweise meinen. Aus diesem Grund kann im unbeplanten Innenbereich auf den Begriff des Doppelhauses der Baunutzungsverordnung zurückgegriffen werden, um Vorhaben zu würdigen (BVerwG, Urteil

vom 5. Dezember 2013 - 4 C 5.12 - BVerwGE 148, 290 Rn. 12; Lemmel, in: FS

Schlichter, 1995, S. 353 <355 f.>). Hieran hält der Senat fest. Der Revision ist

zuzugeben, dass der Gesetzgeber nicht an die Begriffe der Baunutzungsverordnung gebunden ist und § 34 BauGB in seinem Absatz 1 anders als in Absatz 2 auf die Baunutzungsverordnung nicht Bezug nimmt. Angesichts des

Wortlauts des § 34 Abs. 1 BauGB liegt jedoch die Annahme fern, der Gesetzgeber habe den dort verwendeten Begriffen eine von den Begriffen der Baunutzungsverordnung abweichende Bedeutung zumessen wollen. Auch die Revision benennt hierfür keinen Anhaltspunkt.

13b) Das Oberverwaltungsgericht hat offengelassen, ob der nach § 34 Abs. 1

Satz 1 BauGB maßgebliche Rahmen der näheren Umgebung durch Einzelhäuser, Doppelhäuser oder Hausgruppen i.S.v. § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO gebildet wird oder ob eine Gemengelage verschiedener Bauweisen vorliegt. Bundesrechtlich war ihm diese Vorgehensweise nicht versperrt. Ob die nach § 34

Abs. 1 BauGB maßgebende Umgebung einer Bebauung in offener Bauweise im

Sinne des § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO entspricht oder mit Blick auf dieses

Merkmal eine "Gemengelage" vorliegt, bedarf keiner Entscheidung, wenn das

Gesamtgebäude auch nach Ausnutzung der Genehmigung ein Doppelhaus ist.

Denn in beiden Fällen wäre der Bauweise nach ein Doppelhaus zulässig. Hiervon geht das Oberverwaltungsgericht zutreffend aus (UA S. 9). Es legt seiner

tatrichterlichen Würdigung aber einen bundesrechtswidrigen Begriff des Doppelhauses zugrunde.

14Das Oberverwaltungsgericht hat für das Vorliegen eines Doppelhauses quantitative und qualitative Aspekte betrachtet. Unter den quantitativen Aspekten der

Geschossigkeit, der Bautiefe, der Gebäudehöhe und des oberirdischen Brutto-

Raumvolumens könne ein Doppelhaus im Regelfall nicht mehr angenommen

werden, wenn sich auch nur eines dieser Merkmale bei den jeweiligen Gebäuden um mehr als die Hälfte unterscheide (UA S. 10). Es müsse auch in qualitativer Hinsicht der Charakter eines Doppelhauses gewahrt bleiben. Diese Anforderungen versteht das Oberverwaltungsgericht nach den weiteren Ausführungen nicht als notwendige, sondern als hinreichende Bedingungen für das Vorliegen eines Doppelhauses, die getrennt voneinander zu prüfen sind. Wann das

Fehlen eines Regelfalls zu einem anderen Ergebnis führen kann, bleibt offen.

Dieses Begriffsverständnis ist mit Bundesrecht nicht vereinbar.

15aa) Nach der Rechtsprechung des Senats lässt sich weder abstrakt-generell

noch mathematisch-prozentual festlegen, in welchem Umfang die beiden Haushälften an der Grenze zusammengebaut sein müssen (BVerwG, Urteil vom

24. Februar 2000 - 4 C 12.98 - BVerwGE 110, 355 <360>). Hieran hält der Senat fest. Auch für die weiteren vom Oberverwaltungsgericht herangezogenen

quantitativen Kriterien ist eine mathematisch-prozentuale Festlegung nicht möglich.

16Der Wortlaut des § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO verlangt, dass das Doppelhaus

ein Gebäude mit seitlichem Grenzabstand ist. Zwei selbständige Baukörper, die

sich an der Grenze berühren, aber praktisch allseitig freistehend sind, bilden

kein Doppelhaus (BVerwG, Urteil vom 24. Februar 2000 - 4 C 12.98 - BVerwGE

110, 355 <358 f.>). Der Begriff des Doppelhauses hat dabei vom Ziel der offenen Bauweise auszugehen. Leitbild ist ein Haus, das nach beiden Seiten mit

Grenzabstand errichtet wird und so einen Vorgarten mit einem Hausgarten verbindet (Boeddinghaus, in: Boeddinghaus/Grigoleit, BauNVO, 6. Aufl. 2014, § 22

BauNVO Rn. 17). Die grundsätzlich nach beiden Seiten geforderten Grenzabstände sollen dabei als die Bebauung gliedernde und auflockernde Elemente

wahrgenommen werden (König, in: König/Roeser/Stock, BauNVO, 3. Aufl.

2014, § 22 Rn. 17). Ein einseitig grenzständiger Bau fügt sich in dieses System

nur ein, wenn das gegenseitige Abstandsgebot an der Grundstücksgrenze auf

der Grundlage der Gegenseitigkeit überwunden wird (BVerwG, Urteil vom

24. Februar 2000 - 4 C 12.98 - BVerwGE 110, 355 <359>).

17Der vom Oberverwaltungsgericht gewählte mathematisch-prozentuale Ansatz

trägt dem nicht Rechnung. Allerdings liegt es nahe, bei der Gebäudehöhe ein

Verhältnis als Ausgangspunkt zu wählen, weil dieses nach außen besonders

sichtbar wird. Eine gemeinsame Gebäudehöhe ist für das Maß der Übereinstimmung beider Gebäude deshalb von besonderer Bedeutung. Für eine feste

oder indizielle Grenze von 50 % fehlt indes jeder Anhalt. Bei der Bautiefe liegt

es anders: Ob ein Versprung durch unterschiedliche Bautiefen den Eindruck

eines gemeinsamen Baukörpers aufhebt und das Grenzgrundstück abriegelt,

hängt nur zum Teil davon ab, auf welcher Länge die Gebäude aneinander gebaut sind, namentlich, wenn die Länge der gemeinsamen Wand nicht sichtbar

ist. Es sind regelmäßig weitere Kriterien in Betracht zu ziehen, etwa die Höhe

der einseitig grenzständigen Wand sowie die Frage, ob der Versprung in voller

Länge auf einer Gebäudeseite auftritt oder in jeweils geringerem Maße Vorderund Rückseite belastet. Diese Einwände sprechen auch gegen einen mathematisch-prozentualen Maßstab beim oberirdischen Brutto-Raumvolumen, weil dieses durch Gebäudehöhe und Bautiefe maßgeblich mitbestimmt wird. Schließlich macht es für das Maß an hinnehmbarer Abweichung keinen Unterschied,

ob die Gebäude ursprünglich übereinstimmend eingeschossig oder übereinstimmend zweigeschossig sind. Insoweit ist die Betrachtung eines Verhältnisses als Ausgangspunkt verfehlt.

18Trotz des unzutreffenden rechtlichen Ansatzes verstößt die Annahme des

Oberverwaltungsgerichts nicht gegen Bundesrecht, dass die quantitativen Kriterien jeweils für sich den Charakter eines Doppelhauses auch in der Gestalt der

angegriffenen Genehmigung nicht aufheben. Dies liegt für die Kriterien der Geschossigkeit, der Gebäudehöhe und des oberirdischen Brutto-Raumvolumens

auf der Hand. Hinsichtlich der Bautiefe gestatten die tatrichterlichen Feststellungen zum Schattenwurf und zur verneinten erdrückenden Wirkung den

Schluss, dass der Charakter eines Doppelhauses insoweit noch gewahrt ist.

19bb) Die tatrichterliche Würdigung der qualitativen Kriterien verstößt gegen Bundesrecht. Die Qualifizierung zweier Gebäude als Doppelhaus hängt nicht allein

davon ab, in welchem Umfang die beiden Gebäude an der gemeinsamen

Grundstücksgrenze aneinander gebaut sind. Es kann daher das Vorliegen eines Doppelhauses mit Blick auf die bauplanungsrechtlichen Ziele der Steuerung der Bebauungsdichte sowie der Gestaltung des Orts- und Stadtbildes geprüft und ein Mindestmaß an Übereinstimmung verlangt werden (BVerwG, Urteil vom 5. Dezember 2013 - 4 C 5.12 - BVerwGE 148, 290 Rn. 16). Es geht um

eine spezifische Gestaltung des Orts- und Straßenbildes (BVerwG, Urteil vom

24. Februar 2000 - 4 C 12.98 - BVerwGE 110, 355 <361>), die darin liegt, dass

das Doppelhaus den Gesamteindruck einer offenen, aufgelockerten Bebauung

nicht stört, eben weil es als ein Gebäude erscheint. Es kommt also für die Frage, ob grenzständige Gebäude ein Doppelhaus bilden, auf die wechselseitige

Verträglichkeit dieser Gebäude an (so für eine Hausgruppe auch BVerwG, Beschluss vom 19. März 2015 - 4 B 65.14 - juris Rn. 6). Diesen Blick hat sich das

Oberverwaltungsgericht verstellt, als es für die Würdigung der unterschiedlichen

Dachausrichtung nicht das Gebäude des Klägers in den Blick genommen, sondern jedenfalls auch für maßgeblich gehalten hat, dass der Anbau zur Bauflucht

des Hauses auf dem zur anderen Seite benachbarten Grundstück aufschließe

und so optisch in die übrige Bebauung integriert werde.

20cc) Schließlich verstößt das angegriffene Urteil gegen Bundesrecht, weil es an

der gebotenen Gesamtwürdigung des Einzelfalls fehlt.

21Qualitative und quantitative Kriterien dürfen nicht nur isoliert betrachtet werden:

Denn es ist ebenso denkbar, dass größere quantitative Abweichungen bei deutlich einheitlicher Gestaltung hingenommen werden können, wie es vorstellbar

ist, dass eine deutlich abweichende Gestaltung in ihrer Wirkung gemildert wird,

weil die Gebäudeteile in quantitativer Hinsicht stark übereinstimmen. Eine isolierte Betrachtung vernachlässigt auch, dass Fälle denkbar sind, in denen erst

das Zusammenwirken quantitativer und qualitativer Kriterien den Charakter eines Doppelhauses entfallen lässt. Das Oberverwaltungsgericht hätte daher prüfen müssen, ob insbesondere der Unterschied in der Bautiefe zusammen mit

der abweichenden Gestaltung des Anbaus in ihrem Zusammenwirken den Charakter eines Doppelhauses aufheben.

224. Die Auslegung der Regelungen zur Abstandfläche in § 6 Abs. 1 Satz 1 und 2

Buchst. b BauO NRW ist revisibel, soweit die planungsrechtliche Zulässigkeit

einer Doppelhausbebauung in Rede steht, weil die landesrechtliche Norm an

die bundesrechtliche Regelung lediglich anknüpft (stRspr, vgl. BVerwG, Urteile

vom 4. November 1976 - 5 C 73.74 - BVerwGE 51, 268 <273> und vom 7. Juni

2006 - 4 C 7.05 - BRS 70 Nr. 84 S. 449 f.; zum Begriff des Doppelhauses bei

Auslegung des § 6 Abs. 1 BauO NW vgl. BVerwG, Beschluss vom 10. April

2012 - 4 B 42.11 - BRS 79 Nr. 95 Rn. 8). Auch insoweit liegt ein Verstoß gegen

Bundesrecht vor, wie sich aus dem Vorstehenden ergibt.

235. Der Bundesrechtsverstoß zwingt zur Zurückverweisung 144 Abs. 3 Nr. 2

VwGO) zur Klärung der Fragen, ob das Gesamtgebäude nach dem Umbau weiterhin ein Doppelhaus bildet und - verneinendenfalls - ob die maßstabsetzende

Bebauung nach der Bauweise eine einseitig grenzständige Bebauung nur in

Form eines Doppelhauses zulässt.

24Auf die Verfahrensrügen kommt es nicht an. Sie könnten, ihre Begründetheit

unterstellt, ebenfalls nur zur Zurückverweisung führen. Zur Forderung der Revision, der Senat des Oberverwaltungsgerichts habe den Augenschein in voller

Besetzung einholen müssen, weist der Senat aber auf Folgendes hin: Für die

Frage, ob ein Gericht nach § 96 Abs. 2 VwGO schon vor der mündlichen Verhandlung durch eines seiner Mitglieder als beauftragten Richter Beweis erheben lassen kann, gelten die Kriterien für die Beweisaufnahme durch den Vorsitzenden oder Berichterstatter im vorbereitenden Verfahren nach § 87 Abs. 3

Satz 2 VwGO (vgl. BVerwG, Beschluss vom 21. April 1994 - 1 B 14.94 - Buchholz 11 Art. 140 GG Nr. 54 S. 2 f.). Es kommt darauf an, dass von vornherein

anzunehmen ist, dass das Gericht das Beweisergebnis auch ohne unmittelbaren Eindruck von dem Verlauf der Beweisaufnahme sachgemäß zu würdigen

vermag. Dies gilt auch für Ortsbesichtigungen (BVerwG, Beschluss vom

15. August 1997 - 4 B 130.97 - Buchholz 310 § 87 VwGO Nr. 9 S. 2). Dass

nach diesen Maßstäben eine Ortsbesichtigung durch den Senat des Oberverwaltungsgerichts erforderlich sein könnte, hat die Revision nicht dargelegt und

ist auch nicht ersichtlich (vgl. BVerwG, Beschluss vom 20. November

2014 - 7 B 27.14 - NVwZ-RR 2015, 94 Rn. 6).

Prof. Dr. Rubel Dr. Gatz Petz

Dr. Decker Dr. Külpmann

B e s c h l u s s

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Revisionsverfahren auf 7 500

festgesetzt.

Prof. Dr. Rubel Dr. Gatz Petz

Dr. Decker Dr. Külpmann

BVerwG: wohnsitz in der schweiz, wohnsitz im ausland, ausbildung, liechtenstein, aeuv, ohne erwerbstätigkeit, subjektives recht, besuch, unzumutbarkeit, anwendungsbereich

5 C 19.11 vom 10.01.2013

BVerwG: vollziehung, gebärdensprache, kunst, aussetzung, verfahrenskosten, download, link, ermessen, presse

9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil