Urteil des BVerwG vom 05.06.2014, 4 B 14.14

Entschieden
05.06.2014
Schlagworte
Sicherheit, Baulinienplan, Beweisantrag, Sondernutzung, Gewährleistung, Streichung, Gebäude, Aufwertung, Befreiung, Grundstück
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 4 B 14.14 VGH 2 B 13.1587

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 5. Juni 2014 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Rubel und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Petz und Dr. Decker

beschlossen:

Die Beschwerde der Kläger gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom 28. November 2013 wird zurückgewiesen.

Die Kläger tragen die Kosten des Beschwerdeverfahrens als Gesamtschuldner.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 20 000 Euro festgesetzt.

G r ü n d e :

1Die auf sämtliche Zulassungsgründe nach § 132 Abs. 2 VwGO gestützte Beschwerde bleibt ohne Erfolg.

21. Die Revision ist nicht nach § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO zuzulassen. Verfahrensmängel, auf denen die angegriffene Entscheidung beruhen kann, sind nicht

in einer den Darlegungsanforderungen des § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO entsprechenden Weise dargetan.

3a) An einer schlüssigen Darlegung des behaupteten Verfahrensmangels fehlt

es, soweit die Beschwerde geltend macht, der Verwaltungsgerichtshof sei seiner Begründungspflicht gemäß § 117 Abs. 2 Nr. 5 VwGO nicht „vollumfänglich“

nachgekommen.

4Die Beschwerde macht sinngemäß geltend, derjenige Teil der Entscheidungsgründe, der sich mit der Ablehnung des Genehmigungsanspruchs für die Bauantragsvarianten 1, 2 und 4 befasse, beschränke sich lediglich auf drei Absätze,

sei floskelhaft und weise keine Bezüge auf den streitigen Sachverhalt und das

Parteivorbringen auf. Die Beschwerde räumt aber selbst ein, dass der Verwal-

tungsgerichtshof einen Genehmigungsanspruch mit dem Argument abgelehnt

habe, dass die Grundzüge der Planung berührt seien, weil durch die Planvarianten 1, 2 und 4 in ganz anderer Weise (als bei der zugesprochenen Bauantragsvariante 3) in das Maßnahmenkonzept der Beklagten eingegriffen werde;

die Beschwerde bemängelt lediglich das Fehlen einer ausführlicheren Darstellung der tatsächlichen und rechtlichen Erwägungen, die dieser Annahme zugrunde liegen. Ähnliches gilt für die vom Verwaltungsgerichtshof (UA Rn. 45)

weiter angeführte Begründung, die Arkadenfläche sei zur Gewährleistung der

Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs erforderlich, weshalb es nicht zu beanstanden sei, wenn die Beklagte eine Sondernutzung der dem öffentlichen Verkehr gewidmeten Arkaden ausschließen wolle. Der Sache nach macht die Beschwerde damit lediglich inhaltliche Mängel in der Begründung des Berufungsurteils geltend. Ein dem angegriffenen Urteil anhaftender inhaltlicher Begründungsmangel - dessen Vorliegen unterstellt - ist aber grundsätzlich ungeeignet,

die Entscheidung des Berufungsgerichts als „nicht mit Gründen versehen“ im

Sinne des § 138 Nr. 6 VwGO erscheinen zu lassen. Das gilt nur dann nicht,

wenn die Gründe in einem so hohen Maße „völlig unverständlich und verworren“ sind, dass sie in Wirklichkeit nicht erkennen lassen, welche Überlegungen

für das Berufungsgericht überhaupt maßgeblich waren (Beschluss vom 5. Juni

1998 - BVerwG 9 B 412.98 - Buchholz 310 § 138 Ziff. 6 VwGO Nr. 32). Diese

Voraussetzungen liegen bereits nach dem eigenen Vortrag der Beschwerde

nicht vor.

5b) Soweit die Beschwerde eine Verletzung der gerichtlichen Aufklärungspflicht

geltend macht, ist ein Verfahrensfehler ebenfalls nicht schlüssig dargetan.

6Die Beschwerde hält weitere Ermittlungen dazu, von wie vielen Personen der

Arkadenbereich tatsächlich in Anspruch genommen wird, für „zwingend“, weil

der Verwaltungsgerichtshof seine ablehnende Entscheidung hinsichtlich der

Bauantragsvarianten 1, 2 und 4 damit begründet habe, dass die Arkadenflächen zur Gewährleistung der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs erforderlich seien. Dass die Kläger durch einen entsprechenden Beweisantrag auf diese

weitere Sachverhaltsaufklärung hingewirkt hätten, behauptet die Beschwerde

selbst nicht. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts

kann die Aufklärungsrüge aber grundsätzlich nicht dazu dienen, Beweisanträge

zu ersetzen, die ein Beteiligter in zumutbarer Weise hätte stellen können, jedoch zu stellen unterlassen hat (Beschluss vom 5. August 1997 - BVerwG 1 B

144.97 - NJW-RR 1998, 784). Warum sich dem Tatsachengericht eine weitere

Sachverhaltsaufklärung auch ohne ausdrücklichen Beweisantrag hätte aufdrängen müssen (vgl. hierzu Beschluss vom 26. Juni 1975 - BVerwG 6 B 4.75 -

Buchholz 232 § 26 BBG Nr. 17), legt die Beschwerde nicht dar und ist auch

nicht ersichtlich, zumal der Verwaltungsgerichtshof (UA Rn. 40) selbst davon

ausgegangen ist, dass „aufgrund der Ecksituation kaum Fußgängerverkehr“

stattfinde.

7Soweit die Beschwerde weiter geltend macht, es sei nicht ausreichend ermittelt

worden, ob der zugrunde liegende Baulinienplan wirksam zustande gekommen

ist, wie dies das Verwaltungsgericht unter Hinweis auf das Verfahren nach

§ 174 Abs. 1 Satz 1 BBauG bezweifelt habe, ist ein Aufklärungsmangel ebenfalls nicht dargetan. Der Verwaltungsgerichtshof (UA Rn. 32) hat angenommen,

dass keine Umstände vorliegen, die darauf schließen ließen, dass der Baulinienplan nicht wirksam übergeleitet worden sei oder aus sonstigen Gründen

keine Rechtswirkung mehr entfalte, und insoweit auf die Ausführungen des erstinstanzlichen Urteils verwiesen. Dort (UA S. 15 ff.) hatte sich das Verwaltungsgericht eingehend mit allen aus seiner Sicht in Betracht kommenden Unwirksamkeitsgründen auseinandergesetzt und deren Vorliegen verneint. Angemerkt

hatte es lediglich, dass „allenfalls zweifelhaft“ erscheine, ob hinsichtlich der Änderung des Baulinienplans für die Nachbargrundstücke ein Verfahren nach

§ 174 Abs. 1 Satz 1 BBauG hätte durchgeführt werden dürfen; es hatte sich

allerdings auf den Standpunkt gestellt, dass dies auf die rechtliche Beurteilung

des klägerischen Begehrens keine Auswirkungen hätte, weil - die Rechtswidrigkeit der Aufhebung der Arkadenfestsetzung für die Nachbargrundstücke unterstellt - dann allenfalls diese Aufhebung nicht wirksam geworden sei. Dem hält

die Beschwerde entgegen, dass für diesen Fall die Baulinie für die Nachbargrundstücke nach wie vor gelte und die dort jetzt bestehende Bebauung in Abweichung von der Baulinie bewilligt worden sei mit der Folge, dass den Klägern

unter Gleichheitsgesichtspunkten ebenfalls ein Abweichungs- oder Befreiungsanspruch zustehe. Ein Aufklärungsmangel wird hierdurch jedoch nicht aufge-

zeigt. Inhaltlich erhebt die Beschwerde vielmehr eine in das Gewand einer Verfahrensrüge gekleidete Sachrüge.

8c) Auch soweit die Beschwerde einen Aufklärungsmangel, eine Verletzung des

rechtlichen Gehörs und einen Begründungsmangel geltend macht, weil den

Entscheidungsgründen des Berufungsurteils keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen seien, ob der Verwaltungsgerichtshof den gerügten Verstoß gegen den

allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG berücksichtigt habe, fehlt es

an einem schlüssigen Beschwerdevortrag.

9Die Beschwerde behauptet, im Berufungsverfahren sei „umfänglich vorgetragen

und unter Beweisangebot gestellt“ worden, dass die Beklagte erst vor wenigen

Jahren die dauerhafte Schließung der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen Arkadengänge am Kaufhaus Beck genehmigt habe; darüber hinaus

habe sie erst im Jahr 2002 die Schließung des Arkadenstumpfes in dem unmittelbar an das klägerische Grundstück angrenzenden Gebäude genehmigt und

eine Streichung der dortigen Baulinie bewilligt; schließlich habe sie in unmittelbarer Nachbarschaft des klägerischen Grundstücks Sondernutzungserlaubnisse

erteilt. Damit habe sie eine Vielzahl an Bezugsfällen geschaffen. Inwieweit diese angeblichen Bezugsfälle unter Gleichheitsgesichtspunkten tatsächlich von

Bedeutung sind, lässt die Beschwerde im Dunkeln. Den Darlegungsanforderungen des § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO ist auch insoweit nicht Genüge getan.

10d) Schließlich kann sich die Beschwerde auch durch den Willkürvorwurf nicht

den Vortrag ersparen, der für eine substantiierte Darlegung eines Verfahrensmangels zu fordern ist. Insoweit fehlt es bereits an der Bezeichnung der als verletzt gerügten Verfahrensvorschrift.

112. Die Rechtssache hat auch nicht die grundsätzliche Bedeutung 132 Abs. 2

Nr. 1 VwGO), die ihr die Beschwerde beimisst.

12Für rechtsgrundsätzlich klärungsbedürftig hält die Beschwerde die Frage,

ob zur Ermittlung der dem Bebauungsplan zugrunde liegenden planerischen Konzeption ausschließlich auf plane-

rische bzw. stadtgestalterische Zielsetzungen zurückgegriffen werden darf, die zum Zeitpunkt des Planerlasses galten und in den Plan Eingang gefunden haben, oder ob zur Ermittlung der Grundzüge der Planung im Sinne von § 31 Abs. 2 BauGB auch stadtgestalterische Zielsetzungen herangezogen werden dürfen, die erst nach Planerlass für das Plangebiet aufgestellt wurden.

13Diese Frage rechtfertigt nicht die Zulassung der Revision. Sie wäre in einem

durchzuführenden Revisionsverfahren nicht entscheidungserheblich.

14Die Beschwerde macht geltend, der Verwaltungsgerichtshof habe seine Annahme, dass die Bauantragsvarianten 1, 2 und 4 die Grundzüge der Planung

berührten, damit begründet, dass „Arkaden ein wichtiges städtebauliches Prinzip sind, das gerade im Zusammenhang mit dem Maßnahmenkonzept der Aufwertung der Münchner Innenstadt erhalten und weiter entwickelt werden soll“

(UA Rn. 44). Erkennbar ziehe der Verwaltungsgerichtshof damit zur Ermittlung

der jeweiligen Planungssituation stadtgestalterische Erwägungen heran, die

sich in der Begründung zum Baulinienplan gerade nicht fänden. Ob diese Vorgehensweise zulässig sei, sei in der Rechtsprechung bisher ungeklärt.

15Die aufgeworfene Rechtsfrage wäre in einem durchzuführenden Revisionsverfahren nicht entscheidungserheblich, weil der Verwaltungsgerichtshof (UA

Rn. 43 ff.) das Vorliegen der Voraussetzungen für die Erteilung einer Befreiung

im Sinne des § 31 Abs. 2 BauGB nicht lediglich darauf gestützt hat, dass die

Grundzüge der Planung berührt werden, sondern - selbständig tragend - auch

darauf, dass es nicht zu beanstanden sei, wenn die Beklagte unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs (UA Rn. 45) und „im

Übrigen“ auch unter dem Gesichtspunkt des sich ändernden optischen Erscheinungsbildes der Arkaden (UA Rn. 46) eine (nach Ansicht des Verwaltungsgerichtshofs - UA Rn. 39 ff. - erforderliche) Sondernutzung(serlaubnis) ausschließen wolle. Ist die vorinstanzliche Entscheidung auf mehrere selbständig tragende Begründungen gestützt, so kann die Revision nur zugelassen werden, wenn

hinsichtlich jeder dieser Begründungen ein Revisionszulassungsgrund aufgezeigt wird und vorliegt (vgl. Beschluss vom 9. Dezember 1994 - BVerwG

11 PKH 28.94 - Buchholz 310 § 132 Abs. 2 Ziff. 1 VwGO Nr. 4, stRspr). Daran

fehlt es hier.

16Hinsichtlich des weiteren Begründungselements eines rechtlich nicht zu beanstandenden Ausschlusses der erforderlichen Sondernutzungserlaubnis sind

Verfahrensrügen - wie dargelegt - nicht mit Erfolg erhoben worden. In der Sache stellt die Beschwerde der Annahme des Verwaltungsgerichtshofs lediglich

ihren eigenen Standpunkt gegenüber, dass sonstige öffentliche Interessen den

Varianten 1, 2 und 4 nicht entgegenstünden, weil in stadtgestalterische oder

verkehrliche Belange der Beklagten nicht eingegriffen werde. Revisionszulassungsgründe macht sie damit nicht geltend. Da somit hinsichtlich des zweiten

Begründungselements des Berufungsurteils Revisionszulassungsgründe insgesamt fehlen, führt die auf das erste - und im Urteil des Verwaltungsgerichtshofs

im Hinblick auf die Ausführungen unter Rn. 34 nicht konsequent behandelte -

Begründungselement - die Grundzüge der Planung - bezogene Grundsatzrüge

nicht zum Erfolg, weil die Begründung, dass die Grundzüge der Planung berührt

seien, hinweggedacht werden kann, ohne dass sich der Ausgang des Verfahrens ändert.

173. Mangels Entscheidungserheblichkeit scheitert auch die Divergenzrüge 132

Abs. 2 Nr. 2 VwGO), die die Beschwerde hilfsweise für den Fall erhoben hat,

dass die - wie dargestellt: nicht entscheidungserhebliche - Grundsatzfrage im

erstgenannten Sinne zu beantworten sein sollte.

18Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2, § 159 Satz 2 VwGO, die

Streitwertfestsetzung stützt sich auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 1 GKG.

Prof. Dr. Rubel Petz Dr. Decker

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5 C 19.11 vom 10.01.2013

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9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil