Urteil des BVerwG vom 23.06.2004, 3 C 41.03

Entschieden
23.06.2004
Schlagworte
Privatsphäre, Verfassungskonforme Auslegung, Herausgabe, Einwilligung, Persönlichkeitsrecht, Veröffentlichung, Betroffene Person, Wissenschaftliche Forschung, Vollstreckung, Privatleben
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 3 C 41.03 Verkündet VG 1 A 317.02 am 23. Juni 2004

Schöbel Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 3. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 23. Juni 2004 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. D r i e h a u s sowie die Richter am Bundesverwaltungsgericht van S c h e w i c k , Dr. D e t t e , L i e b l e r und Prof. Dr. R e n n e r t

für Recht erkannt:

Auf die Revision des Beklagten wird das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 17. September 2003 teilweise geändert. Die Vollstreckung aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 4. Juli 2001 ist insoweit zulässig, als die Klägerin ohne Einwilligung des Beklagten Tonbänder und Wortlautprotokolle über Gespräche mit ihn betreffenden personenbezogenen Informationen oder Unterlagen mit solchen Informationen zur Verfügung zu stellen beabsichtigt, die - allein oder unter anderem - sein Privatleben betreffen. Darüber hinaus ist die Vollstreckung aus dem genannten Urteil insoweit zulässig, als die Klägerin ohne Einwilligung des Beklagten für Zwecke der politischen Bildung oder nach § 34 Abs. 1 StUG Unterlagen mit ihn betreffenden personenbezogenen Informationen zur Verfügung zu stellen beabsichtigt, bei denen sich nicht sicher ausschließen lässt, dass sie aufgrund einer gegen ihn oder einen anderen gerichteten Verletzung der räumlichen Privatsphäre und/oder des Rechts am gesprochenen Wort gewonnen worden sind oder dass sie aus Akten oder Dateien von Organen oder Behörden der Bundesrepublik Deutschland einschließlich West- Berlins, westdeutschen Parteien, Wirtschaftsunternehmen oder gesellschaftlichen Organisationen stammen, oder die eine derartige Information zur möglichen Grundlage haben.

Im Übrigen wird die Revision zurückgewiesen.

Die Klägerin trägt zwei Drittel, der Beklagte ein Drittel der Kosten des Rechtsstreits in beiden Rechtszügen.

G r ü n d e :

I.

Der Beklagte war Ministerpräsident eines Landes, Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland

und Vorsitzender der CDU. Über ihn befinden sich etwa 6 500 Blatt mit personenbe-

zogenen Informationen in den Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Nachdem der Amtsvorgänger der Bundesbeauftragten für die Unterlagen

des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

(im Folgenden: BStU) die Absicht geäußert hatte, diese Unterlagen - außer solchen

mit ausschließlich privaten Informationen und Mitschnitten und Wortlautprotokollen

von Telefonaten - auf entsprechende Anfrage hin Forschern und Medien zur Verfügung zu stellen, erwirkte der Beklagte ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom

4. Juli 2001 (NJW 2001, 2987), mit dem die BStU verurteilt wurde,

es zu unterlassen, Dritten ohne Einwilligung des Beklagten für die Forschung zum Zwecke der politischen und historischen Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, für Zwecke der politischen Bildung oder für die Verwendung durch Presse, Rundfunk, Film, deren Hilfsunternehmen und die für sie journalistischredaktionell tätigen Personen in Original-Unterlagen oder Duplikate von Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes mit personenbezogenen Informationen über den Beklagten Einsicht zu gewähren oder Duplikate von Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes mit personenbezogenen Informationen über den Beklagten herauszugeben, auch soweit es sich nicht um Tonbänder und Wortlautprotokolle handelt, soweit diese Informationen aufgrund zielgerichteter Informationserhebung oder Ausspähung einschließlich heimlicher Informationserhebung durch den Staatssicherheitsdienst gesammelt wurden oder soweit Informationen über den Beklagten als Dritten gesammelt wurden, auch soweit sie nicht ausschließlich das Privatleben oder die Privatsphäre des Beklagten betreffen.

Die Revision der Klägerin wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 8. März

2002 zurück (BVerwGE 116, 104).

Mit Gesetz vom 2. September 2002 (BGBl I S. 3446) wurde das Stasi-Unterlagen-

Gesetz mit Wirkung vom 6. September 2002 geändert. Nunmehr sollen Unterlagen

mit personenbezogenen Informationen über Personen der Zeitgeschichte, Inhaber

politischer Funktionen oder Amtsträger zu den im Gesetz vorgesehenen Zwecken

herausgegeben werden dürfen, soweit es sich um Informationen handelt, die ihre

zeitgeschichtliche Rolle, Funktions- oder Amtsausübung betreffen, und soweit durch

deren Verwendung keine überwiegenden schutzwürdigen Interessen des Betroffenen

beeinträchtigt werden; bei der Abwägung soll insbesondere berücksichtigt werden,

ob die Informationserhebung erkennbar auf einer Menschenrechtsverletzung beruht.

Sollen Unterlagen hiernach zur Verfügung gestellt werden, so soll der Betroffene im

Regelfalle zuvor angehört werden; stimmt er nicht zu, so sollen die Unterlagen erst

zwei Wochen nach Mitteilung von der Behördenentscheidung zugänglich gemacht

werden.

Mit ihrer Klage hat die Klägerin beantragt, die Vollstreckung aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts vom 4. Juli 2001 für unzulässig zu erklären. Sie meint, das Änderungsgesetz habe dem Titel die Grundlage entzogen. Der Beklagte hat im Wesentlichen entgegnet, das Änderungsgesetz sei verfassungswidrig und nichtig. Es verletze

ihn in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das ihm auch in seiner Rolle als Person der Zeitgeschichte sowie als Amts- und Funktionsträger zustehe. Diesem Grundrecht komme der Vorrang gegenüber den Belangen der Forschung und der Presse

zu, weil die Stasi-Unterlagen rechtsstaatswidrig - oft unter Verletzung des Brief-,

Post- und Fernmeldegeheimnisses - erlangt worden seien, vielfach ihre Quelle nicht

erkennen ließen und sich einer inhaltlichen Überprüfung entzögen. Wenn die rechtsstaatlich erhobenen Bestände des Bundesarchivs erst nach dreißig Jahren freigegeben würden, könnten für eine Freigabe der rechtsstaatswidrig erlangten Stasi-

Unterlagen keine geringeren Voraussetzungen gelten. Im Übrigen sei das Änderungsgesetz mit seinen Rechten als Abgeordneter des Deutschen Bundestages aus

Art. 47 GG und insofern mit dem Gleichheitssatz unvereinbar, als nunmehr Opfer des

Staatssicherheitsdienstes mit Tätern gleichgestellt würden.

Das Verwaltungsgericht hat der Klage mit Urteil vom 17. September 2003 stattgegeben. Zur Begründung hat es ausgeführt: Die Klägerin könne der Vollstreckung entgegenhalten, dass sie mit dem In-Kraft-Treten des Änderungsgesetzes nicht länger

grundsätzlich gehindert sei, Forschern oder Medienvertretern Unterlagen mit personenbezogenen Daten über den Beklagten zur Verfügung zu stellen. Das Änderungsgesetz sei verfassungsgemäß und damit wirksam. Zwar werde das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Beklagten in der Ausprägung des Rechts auf informationelle

Selbstbestimmung berührt, wenn die Klägerin personenbezogene Informationen herausgebe, die der Öffentlichkeit nicht ohnehin bekannt oder die allgemein zugänglich

seien. Dieses Recht stehe auch Amtsträgern zu. Der Eingriff sei jedoch gerechtfertigt. Er diene der Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit und der politischen Bildung und

damit legitimen Gemeininteressen. Die Herausgabe von Stasi-Unterlagen mit personenbezogenen Informationen - auch von solchen mit unwahrem Inhalt - sei zur Erreichung dieser Ziele geeignet und erforderlich. Der Eingriff in die Rechtssphäre des

Beklagten sei, gemessen am Gesetzeszweck, auch nicht im engeren Sinne unverhältnismäßig, weil das Gesetz nur die Herausgabe von Unterlagen mit amts- bzw.

funktionsbezogenen Informationen erlaube; damit bleibe die Herausgabe ausschließlich privater Informationen verboten, der unantastbare Kernbereich des Persönlichkeitsrechts mithin geschützt. Außerhalb dieses Kernbereichs werde die BStU mit

Recht dazu befugt, über die Herausgabe aufgrund einer Abwägung im Einzelfall zu

entscheiden. Dass das Gesetz hierfür - abgesehen von der Pflicht, etwaige Menschenrechtsverletzungen bei der Informationsgewinnung zu berücksichtigen - keine

näheren Maßstäbe vorgebe, liege in der Natur der Sache und lasse sich nicht beanstanden, zumal die darin gelegene Schwäche durch die neue Verfahrensregelung

kompensiert werde. Dass sich eine nur zweckentsprechende Verwendung einmal

herausgegebener Unterlagen kaum sicherstellen lasse, müsse die Behörde im Rahmen ihrer Abwägung berücksichtigen. Eine Verletzung von Art. 3 oder Art. 47 GG

lasse sich ebenfalls nicht feststellen.

Zur Begründung seiner Sprungrevision wiederholt der Beklagte sein erstinstanzliches

Vorbringen und hebt besonders hervor, dass im Rechtsstaat etwa das hoheitliche

Abhören von der Strafprozessordnung nur unter engen Voraussetzungen erlaubt

werde. Vor darüber hinausreichendem Abhören müsse der Rechtsstaat seine Bürger

schützen. Die Unterlagen der Staatssicherheit seien insgesamt rechtsstaatswidrig

erlangt worden. Daher sei der Rechtsstaat verpflichtet, die Opfer dieser Ausspähung

generell zu schützen. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz sei dementsprechend als Opferschutzgesetz konzipiert worden. Durch die Praxis der Klägerin werde dieses Gesetzesziel in sein Gegenteil verkehrt. Dass Wortmitschriften abgehörter Gespräche sowie Informationen mit ausschließlich privatem Inhalt ausgenommen würden, genüge

bei weitem nicht, da nicht wortgetreue Zusammenfassungen von Abhörmaßnahmen

sowie Informationen mit zugleich privatem und amtlichem Bezug zugänglich gemacht

werden sollten. Hinzu komme, dass die Stasi-Unterlagen oft inhaltlich unwahr, ihre

Quellen nicht mehr überprüfbar seien. Einmal veröffentlicht, sei nicht einmal mehr

erkennbar, dass es sich um Stasi-Unterlagen handele. Sie würden vom Publikum als

wahr angesehen. Dadurch gerieten die Opfer und ihre Erben zusätzlich in eine

Rechtfertigungssituation.

Die Klägerin verteidigt das angefochtene Urteil. Für den Rechtsstreit entscheidend

sei, ob die Neufassung des § 32 Abs. 1 StUG selbst und nicht erst deren mögliche

Anwendung im Einzelfall mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Betroffenen

unvereinbar sei. Dieses schütze aber den Beklagten von vornherein nicht in seiner

Funktion als Bundeskanzler. Amtsbezogene Informationen seien nur dann grundrechtsrelevant, wenn sie "auf die Person durchschlügen" oder wenn sie sich von privatbezogenen Informationen nicht trennen ließen. Im Übrigen müssten sich Personen der Zeitgeschichte außerhalb der engsten Privatsphäre ein niedrigeres Schutzniveau gefallen lassen als andere. Das gelte auch bei Informationen, auf die der

Staat das alleinige Zugriffsrecht habe. Umgekehrt sei, auch wenn Forscher und

Pressevertreter keinen grundrechtlichen Anspruch auf Zugang zu amtlichen Unterlagen hätten, doch der institutionelle Gehalt der Forschungs- und Pressefreiheit im

Rahmen der Abwägung zu berücksichtigen. Dabei bestehe ein öffentliches Aufarbeitungsinteresse gerade an den menschenrechtswidrigen Methoden des Staatssicherheitsdienstes. Derart gewonnene Informationen auszunehmen, führe dazu, dass ein

Regime gerade dann vor Aufarbeitung geschützt werde, wenn es besonders rechtsstaatswidrig vorgehe. Im Rahmen der Abwägung müsse im Übrigen auch berücksichtigt werden, dass nur die Antragsteller wirksam an den gesetzlichen Aufarbeitungszweck gebunden werden könnten, nicht jedoch Nutzer aus einer - zulässigen -

Weiterveröffentlichung. Die Presse in ihren Veröffentlichungen an den Aufarbeitungszweck zu binden, sei mit der Pressefreiheit auch gar nicht vereinbar. Umso

größere Bedeutung komme dem neu geschaffenen Verfahren nach § 32a StUG zu,

in welchem der Betroffene seine Einwendungen gegen eine Herausgabe vorbringen

könne; hernach könne er um vorläufigen und vorbeugenden Rechtsschutz nachsuchen. Damit habe der Gesetzgeber das Mögliche und das Erforderliche getan.

Der Vertreter des Bundesinteresses beteiligt sich nicht am Verfahren.

II.

Die Sprungrevision des Beklagten hat zum Teil Erfolg. Das vollstreckbare Urteil vom

4. Juli 2001 findet in dem geänderten Gesetz insoweit noch eine Grundlage, als der

Klägerin weiterhin untersagt ist, ohne Einwilligung des Beklagten Tonbänder und

Wortlautprotokolle über Gespräche mit ihn betreffenden personenbezogenen Informationen oder Unterlagen mit solchen Informationen zur Verfügung zu stellen, die

- allein oder unter anderem - sein Privatleben betreffen; darüber hinaus, als der Klägerin ohne Einwilligung des Beklagten untersagt ist, Unterlagen mit ihn betreffenden

personenbezogenen Informationen für Zwecke der politischen Bildung oder nach

§ 34 Abs. 1 StUG zur Verfügung zu stellen, bei denen sich nicht sicher ausschließen

lässt, dass sie aufgrund einer gegen ihn oder einen anderen gerichteten Verletzung

der räumlichen Privatsphäre und/oder des Rechts am gesprochenen Wort gewonnen

worden sind oder dass sie aus Akten oder Dateien von Organen oder Behörden der

Bundesrepublik Deutschland einschließlich West-Berlins, westdeutschen Parteien,

Wirtschaftsunternehmen oder gesellschaftlichen Organisationen stammen, oder die

eine derartige Information zur möglichen Grundlage haben. In diesem Umfang ist die

Vollstreckungsgegenklage abzuweisen. Soweit das Urteil vom 4. Juli 2001 darüber

hinausgeht, hat das Verwaltungsgericht demgegenüber die Vollstreckung mit Recht

für unzulässig erklärt.

1. Das Verwaltungsgericht hat die Vollstreckungsgegenklage als statthaft und zulässig angesehen. Das ist richtig. § 767 ZPO ist bei der Vollstreckung verwaltungsgerichtlicher Urteile entsprechend anwendbar 167 Abs. 1 Satz 1, § 168 Abs. 1 Nr. 1

VwGO; Urteil vom 26. Oktober 1984 - BVerwG 4 C 53.80 - BVerwGE 70, 227

<229>). Hiernach kann der Vollstreckungsschuldner nachträglich entstandene Einwendungen, die den durch das Urteil festgestellten Anspruch selbst betreffen, im

Wege der Klage geltend machen. Das schließt auch nachträgliche Gesetzesänderungen ein (vgl. Urteil vom 26. Oktober 1984 a.a.O. <231>; Urteil vom 19. September

2002 - BVerwG 4 C 10.01 - BVerwGE 117, 44 <45>). Nachträgliche Gesetzesänderungen betreffen den im Urteil festgestellten Anspruch freilich nur dann selbst, wenn

sie sich rückwirkende Kraft beilegen oder wenn der festgestellte Anspruch in die Zukunft hinein wirkt. Letzteres ist bei Unterlassungsansprüchen wie dem vorliegend

rechtskräftig festgestellten der Fall (vgl. auch BGH, Urteil vom 26. September 1996

- I ZR 265/95 - BGHZ 133, 316 <323>).

Gegenstand der Vollstreckungsgegenklage kann auch sein, die Vollstreckung aus

dem Titel nur zu einem Teil für unzulässig zu erklären (BGH, Urteil vom 17. April

1986 - III ZR 246/84 - NJW-RR 1987, 59 <60>).

2. a) Das Verwaltungsgericht hatte die Klägerin im Jahr 2001 verurteilt, es zu unterlassen, Dritten ohne Einwilligung des Beklagten Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes mit ihn betreffenden personenbezogenen Informationen zur Verfügung zu

stellen, soweit diese Informationen aufgrund zielgerichteter Informationserhebung

durch den Staatssicherheitsdienst gesammelt wurden oder soweit Informationen über

den Beklagten als Dritten gesammelt wurden. Dies kommt einem generellen

Herausgabeverbot gleich; denn die beiden Fallgruppen der zielgerichteten Informationserhebung und der Sammlung von Informationen über den Beklagten als Dritten

decken - wie in den Entscheidungsgründen des Urteils klargestellt wurde - sämtliche

denkbaren Fälle ab. Rechtsgrundlage des Urteils war § 4 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 32

Abs. 1 Nr. 3 erster Spiegelstrich, § 34 Abs. 1 des Gesetzes über die Unterlagen des

Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

(Stasi-Unterlagen-Gesetz - StUG) vom 20. Dezember 1991 (BGBl I S. 2272) in der

Fassung des Art. 4 Abs. 2 des Gesetzes vom 17. Juni 1999 (BGBl I S. 1334) - im

Folgenden: StUG a.F. -. Hiernach war die Klägerin nur ermächtigt, für die gesetzlich

bestimmten Zwecke Unterlagen mit personenbezogenen Informationen über Personen wie den Beklagten zur Verfügung zu stellen, soweit diese nicht Betroffene oder

Dritte sind. Nach § 6 Abs. 3 StUG sind Betroffene Personen, zu denen der Staatssicherheitsdienst aufgrund zielgerichteter Informationserhebung oder Ausspähung

einschließlich heimlicher Informationserhebung Informationen gesammelt hat, und

gemäß § 6 Abs. 7 StUG sind Dritte sonstige Personen - also weder Betroffene noch

Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes noch Begünstigte (vgl. § 6 Abs. 4 bis 6

StUG) -, über die der Staatssicherheitsdienst Informationen auf andere Weise gesammelt hat.

Mit dem Fünften Gesetz zur Änderung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (5. StUÄndG)

vom 2. September 2002 (BGBl I S. 3446) hat der Gesetzgeber, soweit hier von Interesse, § 32 geändert - im Folgenden: § 32 StUG n.F. -. Die Vollstreckungsgegenklage ist begründet, wenn und soweit der titulierte Unterlassungsanspruch in dem geänderten Gesetz keine Grundlage mehr findet; sie ist unbegründet, soweit der Unterlassungsanspruch nach dem geänderten Gesetz fortbesteht.

b) Auch nach dem geänderten Gesetz darf die Klägerin keine Unterlagen mit Informationen über den Beklagten herausgeben oder sonst zur Verfügung stellen, die - allein oder unter anderem - sein Privatleben betreffen. Nach dem Wortlaut von § 32

Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StUG n.F. darf die Behörde Unterlagen mit personenbezogenen

Informationen über Personen der Zeitgeschichte, Inhaber politischer Funktionen oder

Amtsträger ohne deren Einwilligung nur zur Verfügung stellen, soweit die Informationen die Person gerade in ihrer zeitgeschichtlichen Rolle, Funktions- oder Amtsausübung betreffen. Damit ermächtigt die Vorschrift nicht zur Weitergabe von Informationen, die inhaltlich das Privatleben betreffen. Bei Unterlagen mit sowohl privaten als

auch amts- oder funktionsbezogenen Informationen müssen die privaten Informationen getilgt werden; lässt sich dies nicht bewerkstelligen, etwa weil eine Information

zugleich die zeitgeschichtliche Rolle, Funktions- oder Amtsausübung wie das Privatleben betrifft, so muss die Weitergabe unterbleiben. Die von der Klägerin im Erstprozess vertretene Auffassung, unzulässig sei nur die Herausgabe von Unterlagen mit

ausschließlich privatem Inhalt, wurde bereits im Ausspruch des Urteils vom 4. Juli

2001 zurückgewiesen; sie findet im geänderten Gesetz ebenfalls keine Stütze.

Im Übrigen aber enthält der Wortlaut des § 32 Abs. 1 StUG n.F. kein generelles Herausgabeverbot mehr. Dass die betreffende Person hinsichtlich der jeweiligen Information Betroffener oder Dritter im Sinne des § 6 Abs. 3 und 7 StUG ist, soll eine Zurverfügungstellung auch bei Personen der Zeitgeschichte, Inhabern politischer Funktionen oder Amtsträgern nicht mehr von vornherein ausschließen. Vielmehr ist über

eine Zurverfügungstellung in diesen Fällen nach Maßgabe einer Abwägung im Einzelfall zu entscheiden 32 Abs. 1 Sätze 2 und 3 StUG n.F.).

c) Etwas anderes ergibt sich nicht aus § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG. Hiernach ist die Verwendung personenbezogener Informationen über Betroffene oder Dritte, die im

Rahmen der zielgerichteten Informationserhebung oder Ausspähung des Betroffenen

einschließlich heimlicher Informationserhebung gewonnen worden sind, zum Nachteil

dieser Personen unzulässig. Der Beklagte meint, diese Vorschrift gehe den §§ 32 ff.

StUG vor und trage allein für sich schon den strittigen Unterlassungstitel; dass der

Gesetzgeber sie bei der Änderung des § 32 StUG nicht ebenfalls geändert habe,

nehme dem Änderungsgesetz die Wirkung. Dem ist das Verwaltungsgericht zu Recht

nicht gefolgt.

§ 5 Abs. 1 Satz 1 StUG ist im Bereich von §§ 32, 34 StUG n.F. nicht anwendbar. Aus

§ 32 Abs. 1 Sätze 2 und 3, Abs. 3 Sätze 2 und 3 StUG n.F. ergibt sich, dass die

möglichen Nachteile, welche Betroffenen oder Dritten aus der Zurverfügungstellung

oder Verwendung von Unterlagen mit personenbezogenen Informationen über sie

drohen, allein im Wege einer Abwägung zu berücksichtigen sind, dass sie aber die

einwilligungslose Zurverfügungstellung oder Verwendung nicht länger ausnahmslos

hindern sollen. Dass die Geltung des § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG im Anwendungsbereich

von §§ 32, 34 StUG n.F. - entgegen der sonstigen Regelungstechnik des Gesetzes

(vgl. § 21 Abs. 2, § 23 Abs. 1 Satz 2, § 24 Abs. 1 Satz 2, § 25 Abs. 3 StUG) - nicht

ausdrücklich suspendiert oder relativiert wurde, ändert nichts. Dies belegt lediglich,

dass der Gesetzgeber des Fünften Änderungsgesetzes die ursprüngliche Systematik

und Regelungstechnik des Gesetzes nicht beachtet und fortgesetzt hat. Es zieht jedoch nicht seinen deutlich erklärten Willen in Zweifel, für den Schutz von Betroffenen

und Dritten im Anwendungsbereich der §§ 32, 34 StUG künftig die bloße Abwägung

genügen zu lassen (BTDrucks 14/9219, S. 4 f.; 14/9591, S. 6 f.; 14/9641). Dieser

Wille hat im Gesetz auch Ausdruck gefunden. So hat der Gesetzgeber in § 32 Abs. 1

und 2 StUG n.F. bei den Personen der Zeitgeschichte, Funktions- und Amtsträgern

die an § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG anknüpfende Einschränkung "soweit sie nicht Betroffene oder Dritte sind" gerade gestrichen; und er hat das Anliegen des Opferschutzes,

welches § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG verfolgt, in den Rahmen der geforderten Abwägung

verlagert, indem § 32 Abs. 1 Satz 3, Abs. 2 Satz 3 StUG n.F. nunmehr gebietet, bei

der Abwägung insbesondere zu berücksichtigen, ob die Informationserhebung

erkennbar auf einer Menschenrechtsverletzung beruht.

3. Dem Verwaltungsgericht ist darin zu folgen, dass die Vollstreckungsgegenklage

nicht schon deshalb abzuweisen ist, weil die Neuregelung wegen Verstoßes gegen

ein verfassungsrechtliches Gebot der Widerspruchsfreiheit der Rechtsordnung oder

wegen Unvereinbarkeit mit Art. 3 Abs. 1 oder mit Art. 47 Satz 2 GG nichtig wäre.

a) Der Beklagte meint, das Änderungsgesetz sei nicht widerspruchsfrei, weil der Gesetzgeber nur § 32, nicht aber auch die Grundnorm des § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG geändert habe. Das geht fehl. Der behauptete Widerspruch besteht nicht, weil § 32

StUG n.F. - wie gezeigt - in seinem Anwendungsbereich § 5 Abs. 1 Satz 1 StUG verdrängt.

b) Der Beklagte hält die Neufassung des § 32 StUG ferner deshalb für verfassungswidrig und nichtig, weil sie Opfer mit Tätern des Staatssicherheitsdienstes - genauer:

Betroffene 6 Abs. 3) und Dritte 6 Abs. 7) mit Mitarbeitern 6 Abs. 4 und 5) und

Begünstigten 6 Abs. 6 StUG) - ungerechtfertigt gleichstelle. Auch das trifft nicht zu.

Personenbezogene Informationen über Betroffene und Dritte dürfen unverändert

grundsätzlich nur mit deren Einwilligung zur Verfügung gestellt werden 32 Abs. 1

Satz 1 Nr. 5 StUG n.F.), während sich Mitarbeiter und Begünstigte eine Zurverfügungstellung ohne Einwilligung nach Maßgabe einer Abwägung gefallen lassen

müssen 32 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3, Sätze 2 und 3 StUG n.F.). In Wahrheit bemängelt

der Beklagte, dass solche Betroffene und Dritte, die zu der besonderen Gruppe der

Personen der Zeitgeschichte, Amts- und Funktionsträger gehören, einer Zurverfügungstellung ihrer Daten nicht länger einseitig widersprechen können, sondern sich

ebenfalls einer Abwägung ausgesetzt sehen; insofern stehen sie nicht länger den

übrigen Betroffenen und Dritten, sondern nunmehr Mitarbeitern und Begünstigten

gleich 32 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4, Sätze 2 und 3 StUG n.F.). Darin kann eine Verletzung des Gleichheitssatzes (Art. 3 Abs. 1 GG) jedoch nicht gesehen werden. Dass

Personen der Zeitgeschichte, Amts- und Funktionsträger, auch wenn sie Betroffene

oder Dritte sind, anders behandelt werden als andere Betroffene oder Dritte, findet in

dem gesteigerten öffentlichen Interesse an ihnen einen zureichenden Grund. Ihre

Gleichstellung mit den Mitarbeitern und Begünstigten des Staatssicherheitsdienstes

aber ist rein formal. Sie erschöpft sich darin, dass über die Zurverfügungstellung sie

betreffender Informationen nach Maßgabe einer Abwägung entschieden werden soll.

Anders als bei Mitarbeitern und Begünstigten kommt eine Zurverfügungstellung von

privaten Informationen bei ihnen schon nach dem Gesetzeswortlaut nicht in Betracht.

Ferner sind im Rahmen der Abwägung bei ihnen ganz andere Umstände zu berücksichtigen und die zu berücksichtigenden Umstände ganz anders zu gewichten als bei

Mitarbeitern und Begünstigten. Auch das besondere Verfahren nach § 32a StUG n.F.

gilt jedenfalls nach dem Gesetzeswortlaut nur für sie. Bei alldem kann von einer

sachlichen Gleichstellung keine Rede sein.

c) Schließlich meint der Beklagte, soweit durch die Ausspähung durch den Staatssicherheitsdienst Schriftstücke zu den Stasi-Unterlagen gelangt seien, die seine Funktion als Abgeordneter des Deutschen Bundestages beträfen, sei die Informationsgewinnung des Staatssicherheitsdienstes einer Beschlagnahme im Sinne des Art. 47

Satz 2 GG gleichzuerachten. Er möchte daher aus Art. 47 GG einen Anspruch gegen

die Bundesrepublik Deutschland auf Unterlassung jeder Verwertung derart gewonnener Informationen herleiten. Auch dies hat das Verwaltungsgericht mit Recht

zurückgewiesen.

Art. 47 Satz 2 GG schützt nach seinem Wortlaut gegen hoheitliche Beschlagnahme;

darin liegt seine Entsprechung zu Zeugnispflicht und Zeugniszwang (vgl. Art. 47

Satz 1 GG). Der Gewährleistungsinhalt der Vorschrift mag auf andere Weisen hoheitlicher Kenntnisnahme gegen den Willen des Abgeordneten (z.B. Kopieren von

Schriftstücken und Dateien) zu erstrecken sein. Stets aber muss es sich um hoheitliche Kenntnisnahme handeln. Gegen eine unbefugte Entwendung von Abgeordnetenschriftstücken durch Dritte und damit auch durch Beauftragte oder Zuträger des

DDR-Staatssicherheitsdienstes bietet die Vorschrift keinen Schutz. Die Stellen der

DDR waren an Art. 47 GG nicht gebunden.

Sollten derart gewonnene Unterlagen nunmehr zu den Stasi-Unterlagen gehören, so

hätten sie den Schutzbereich von Art. 47 GG verlassen. Durch ihre jetzige Weitergabe oder sonstige Verwendung könnte Art. 47 GG nicht mehr berührt werden. Die

Vorschrift hat nämlich einen spezifischen Schutzbereich. Sie schützt nur Schriftstücke im funktionellen Herrschaftsbereich eines Abgeordneten namentlich innerhalb

der Räumlichkeiten des Deutschen Bundestages (BVerfGE 108, 251 <269 f.>). Allenfalls setzt sie sich im Sinne eines Verwertungsverbots an im Widerspruch zu ihr

beschlagnahmten Schriftstücken fort. Keinesfalls aber führt sie zu einem Verwertungsverbot für sämtliche Schriftstücke, die auf anderem Wege - und sei es illegal -

den funktionellen Herrschaftsbereich eines Abgeordneten verlassen haben.

4. Die Neuregelung der §§ 32 ff. StUG ist auch nicht wegen Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts des Beklagten (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG)

nichtig. Allerdings nötigt das Grundrecht zu einer einschränkenden Auslegung und

Anwendung namentlich des § 32 Abs. 1 Sätze 2 und 3 StUG n.F., was zum teilweisen Erfolg der Revision und zur teilweisen Abweisung der Klage führt.

a) Das allgemeine Persönlichkeitsrecht weist unterschiedliche Gewährleistungsbereiche auf. Hier ist es in dreierlei Hinsicht angesprochen:

Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt zunächst das Recht auf informationelle

Selbstbestimmung, nämlich die Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst zu entscheiden, wann und innerhalb welcher Grenzen persönliche Lebenssachverhalte

offenbart werden (BVerfGE 65, 1 <41 f.>; vgl. BVerfGE 103, 21 <32 f.>). Dies umfasst nicht nur elektronisch speicherbare, sondern sämtliche personenbezogenen

Daten (BVerfGE 78, 77 <84>). Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, wo die Information

gewonnen wurde oder welchen Inhalt sie hat; das Schutzbedürfnis ergibt sich vor

allem aus der Möglichkeit, das Erscheinungsbild eines Menschen in einer bestimmten Situation von diesem abzulösen, datenmäßig zu fixieren - zu "verdinglichen" -

und jederzeit vor einem unüberschaubaren Personenkreis zu reproduzieren, dabei

auch zu verändern oder zu manipulieren (BVerfGE 101, 361 <381>; 106, 28 <40>).

In der Verbreitung personenbezogener Informationen kann auch ein Eingriff in die

Privatsphäre liegen. Das kann zum einen wegen des Inhalts der Information der Fall

sein. So umfasst die Privatsphäre Angelegenheiten, die wegen ihres Informationsinhalts typischerweise als "privat" eingestuft werden, weil ihre öffentliche Erörterung

oder Zurschaustellung als unschicklich gilt, das Bekanntwerden als peinlich empfunden wird oder nachteilige Reaktionen der Umwelt auslöst, wie es etwa bei Auseinandersetzungen mit sich selbst in Tagebüchern, bei vertraulicher Kommunikation unter

Eheleuten, im Bereich der Sexualität, bei sozial abweichendem Verhalten oder bei

Krankheiten der Fall ist (BVerfGE 101, 361 <382> m.w.N.). Der grundrechtliche

Schutz der Privatsphäre erstreckt sich aber zum anderen auch auf einen räumlichen

Bereich, in dem der Einzelne die Möglichkeit hat, frei von öffentlicher Beobachtung

und damit der von ihr erzwungenen Selbstkontrolle zu sein (private Rückzugsbereiche). Hierzu gehören jedenfalls der eigene häusliche Bereich, darüber hinaus aber

weitere Örtlichkeiten, die von der breiten Öffentlichkeit deutlich abgeschieden sind;

entscheidend ist insofern, ob der Einzelne eine Situation vorfindet oder schafft, in der

er begründetermaßen und damit auch für Dritte erkennbar davon ausgehen darf, den

Blicken der Öffentlichkeit nicht ausgesetzt zu sein (BVerfGE 101, 361 <382 ff.>).

Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt schließlich das Recht am gesprochenen

Wort (dazu zuletzt BVerfG, Urteil vom 3. März 2004 - 1 BvR 2378/98 und 1 BvR

1084/99 - NJW 2004, 999). Insofern besteht Schutz dagegen, dass Gespräche heimlich aufgenommen und ohne Einwilligung des Sprechenden oder gar gegen dessen

erklärten Willen verwertet werden. Dieses Recht ist nicht identisch mit dem Schutz

der Privatsphäre. Anders als dieses ist der Schutz des Rechts am gesprochenen

Wort nicht auf bestimmte Inhalte und Örtlichkeiten begrenzt, sondern bezieht sich

allein auf die Selbstbestimmung über die unmittelbare Zugänglichkeit der Kommunikation, also etwa über die Herstellung einer Tonaufnahme oder die Kommunikationsteilhabe einer dritten Person. Es schützt vor Verletzungen des Selbstbestimmungsrechts darüber, wem der Kommunikationsinhalt zugänglich sein soll (BVerfGE 106,

28 <40 f.>). Insofern steht es dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung nahe.

b) Träger des Grundrechts in allen genannten Aspekten sind auch Amtsträger, und

zwar nicht nur für Informationen mit privatem, sondern auch für solche mit amtsbezogenem Inhalt.

Der Schutz der Privatsphäre spricht den Amtsträger ohnehin nicht als solchen, sondern als Privatperson an; selbst demokratisch gewählten Amtswaltern steht ein privater Rückzugsbereich zu (BVerfGE 90, 255 <260>; 101, 361 <383>).

Ein Amtsträger genießt jedoch auch, und zwar auch als solcher, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Die Gefahr, dass das Erscheinungsbild eines Menschen in einer bestimmten Situation von diesem abgelöst und in anderen Zusammenhängen vor einem unüberschaubaren Personenkreis reproduziert, dabei verändert oder manipuliert wird, besteht bei Amtsträgern nicht anders als bei anderen, und

sie besteht auch - und vielleicht gerade - hinsichtlich seines Erscheinungsbildes "im

Amt". Die Folgen einer solchen beliebigen Darstellung treffen den Einzelnen nicht nur

in seinem Amt - dessen Ausübung ja häufig zugleich sein Beruf ist -, sondern

regelmäßig zugleich in seiner persönlichen und privaten Existenz. Der Senat hat bereits darauf hingewiesen, dass amts- oder funktionsbezogene Informationen - richtige

und erst recht manipulierte - für einen Politiker in einem demokratischen Staat

existenzvernichtende Folgen mit schwerwiegenden Auswirkungen auch auf die Privatsphäre haben können (Urteil vom 8. März 2002 - BVerwG 3 C 46.01 - BVerwGE

116, 104 <112>).

Nichts anderes gilt hinsichtlich des Rechts am gesprochenen Wort, und zwar wiederum auch für Gespräche mit amtsbezogenem Inhalt. Der Schutz des Rechts am

gesprochenen Wort hängt nicht davon ab, ob es sich bei den ausgetauschten Informationen um personale Kommunikationsinhalte oder gar besonders persönlichkeitssensible Daten handelt (BVerfGE 106, 28 <41>). Entscheidend ist die autonome

Entscheidung des Sprechenden, mit wem er sprechen und wen er vom Gespräch

fernhalten will. Der Schutz dieser Autonomie erstreckt sich auf Gespräche - einschließlich Telefonaten - in dienstlichen Büro- und Sitzungsräumen über amtsbezogene Gegenstände. Gewählte Amtsträger benötigen und verdienen auch grundrechtlichen Schutz davor, im Amt von anderen Stellen heimlich überwacht und abgehört

zu werden. Auch hier gilt, dass eine Verwertung derart gewonnener Informationen

durch Dritte, namentlich eine Veröffentlichung, den Amtsträger nicht nur in seinem

Amt, sondern zugleich in seiner privaten Existenz vernichten kann.

c) § 32 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4, § 34 Abs. 1 StUG n.F. greifen in das allgemeine Persönlichkeitsrecht in mehrfacher Hinsicht ein.

Zunächst ist festzuhalten, dass jegliche Zurverfügungstellung von Unterlagen mit

personenbezogenen Informationen durch eine Behörde, wie sie § 32 Abs. 1, § 34

Abs. 1 StUG n.F. erlauben, einen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle

Selbstbestimmung darstellt. Hierfür ist gleichgültig, wie die Information gewonnen

wurde. Das Grundrecht schützt nicht nur gegen die Erhebung, sondern unabhängig

hiervon auch gegen jede weitere Verwendung personenbezogener Daten, zumal in

anderen Verwendungszusammenhängen (vgl. BVerfGE 65, 1 <43>; 67, 100 <143>).

In bestimmten Fällen liegt in der Freigabe darüber hinaus aber zugleich ein Eingriff in

weitere Gewährleistungsbereiche des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, was das

Gewicht des Eingriffs erhöht.

Kein Eingriff in die Privatsphäre ist allerdings zu besorgen, soweit der Inhalt der zur

Verfügung gestellten Information in Rede steht. Wie gezeigt, ermächtigen § 32

Abs. 1 Satz 1 Nr. 4, § 34 Abs. 1 StUG n.F. nicht zur Weitergabe von Informationen,

die - allein oder unter anderem - das Privatleben betreffen (oben 2. b). Damit bleibt

die Privatsphäre, soweit diese Angelegenheiten umfasst, die wegen ihres Informationsinhalts typischerweise als "privat" eingestuft werden, unberührt.

Jedoch kommt dem Ort der Informationsgewinnung sowie ihrer Art und Weise Bedeutung zu. § 32 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StUG n.F. sieht die Weitergabe von Unterlagen

mit personenbezogenen Informationen auch dann vor, wenn diese Informationen im

häuslichen Bereich oder sonst im räumlichen Rückzugsbereich des Betroffenen - am

Urlaubsort usw. - gewonnen wurden, etwa wenn es sich um private Gespräche mit

Angehörigen oder persönlichen Freunden über Themen handelt, welche die Amtsführung betreffen. In derartigen Fällen steht ein Eingriff in die Privatsphäre in deren

räumlicher Hinsicht in Rede. Wurde ein Gespräch heimlich aufgezeichnet, so liegt

auch ein Eingriff in das Recht am gesprochenen Wort vor, und zwar auch wenn das

Gespräch außerhalb des privaten Rückzugsbereichs, etwa in Büro- oder Sitzungsräumen geführt wurde, aber nicht für fremde Ohren bestimmt war. Das wird nicht

dadurch ausgeräumt, dass die Klägerin im Erstprozess versichert hat, keine Tonaufzeichnungen und keine Wortlautprotokolle herauszugeben. Das Recht, über die

Teilnehmer einer Kommunikation selbst zu bestimmen, wird auch durch zusammenfassende Inhaltsangaben sowie Auswertungen, Kommentierungen und Analysen

betroffen, die das Abgehörte zur Grundlage haben.

Der Annahme eines Eingriffs steht nicht entgegen, dass der Weitergabe aufgezeichneter Informationen die eigentliche Verletzung durch das Eindringen in den privaten

Rückzugsbereich und die Aufzeichnung des gesprochenen Wortes zeitlich vorausgeht. Der grundrechtliche Schutz beschränkt sich nicht nur auf den Kommunikationsvorgang als solchen, sondern setzt sich an dem einmal gesprochenen und durch

Aufzeichnung oder Protokollierung "verdinglichten" Wort fort. Allerdings hat das

Bundesverfassungsgericht dies bislang nur für Fallgestaltungen ausgesprochen, in

denen nicht nur die Verwendung, sondern schon die Erhebung von Daten und Informationen unter der Geltung des Grundgesetzes stand und sich daher an Art. 2

Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG messen lassen musste. Dann beziehen sich die

Schutzwirkungen des Grundrechts nicht nur auf die Erhebung, sondern ebenso auf

die Weitergabe von Informationen, die durch einen Eingriff in die räumliche Privatsphäre und/oder in das Recht am gesprochenen Wort gewonnen worden sind

(BVerfG, Urteil vom 3. März 2004, NJW 2004, 999 <1018>; vgl. BVerfGE 85, 386

<399>; 100, 313 <360>). Nichts anderes gilt jedoch, wenn die Informationen wie hier

durch Stellen der DDR gewonnen worden sind, die an das Grundgesetz nicht gebunden waren, und erst später - schon bemakelt - in die Verfügungsgewalt der Klägerin gelangt sind. Dieser Umstand schließt nicht aus, in der Weitergabe derartiger

Informationen durch die Klägerin einen Eingriff in die räumliche Privatsphäre bzw. in

das Recht am gesprochenen Wort zu sehen. Jede einwilligungslose Verwendung

eines heimlich aufgezeichneten, vertraulich gesprochenen Wortes ist ein neuer Bruch

der Vertraulichkeit und damit ein erneuter Eingriff in das Grundrecht. Denn die

Eigenschaft, vertraulich gesprochen zu sein, haftet dem Wort, auch dem aufgezeichneten, unverändert an. Nur so lässt sich auch begründen, weshalb spätere Änderungen der Verwendungszwecke sich daran messen lassen müssen, ob die neuen

Zwecke schon die ursprüngliche Datenerhebung hätten rechtfertigen können

(BVerfGE 65, 1 <46>; 100, 313 <360>; NJW 2004, 999 <1018 f.>).

d) Das allgemeine Persönlichkeitsrecht in seinen verschiedenen Gewährleistungsbereichen ist - außerhalb des hier nicht in Rede stehenden unantastbaren Kernbereichs

(vgl. dazu BVerfG, Urteil vom 3. März 2004, NJW 2004, 999 <1001 f.>) - nicht

schrankenlos geschützt. Der Einzelne muss vielmehr Einschränkungen dieses

Rechts im überwiegenden Allgemeininteresse hinnehmen (BVerfGE 65, 1 <43 f.>).

Solche Beschränkungen bedürfen aber nach Art. 2 Abs. 1 GG einer gesetzlichen

Grundlage - was hier außer Frage steht - und müssen dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genügen. Dieses verlangt, dass eine Grundrechtsbeschränkung von hinreichenden Gründen des Gemeinwohls gerechtfertigt wird, das gewählte Mittel zur

Erreichung des Zwecks geeignet und erforderlich ist und bei einer Gesamtabwägung

zwischen der Schwere des Eingriffs und dem Gewicht der ihn rechtfertigenden

Gründe die Grenze des Zumutbaren noch gewahrt ist (BVerfGE 71, 183 <196 f.>; 78,

77 <85>). Außerdem hat der Gesetzgeber organisatorische und verfahrensrechtliche

Vorkehrungen zu treffen, welche der Gefahr einer Verletzung des Persönlichkeitsrechts entgegenwirken (BVerfGE 65, 1 <44>). Namentlich muss er sicherstellen,

dass die Verwendung personenbezogener Informationen nur zu einem Zweck erfolgt,

der auch ihre Erhebung rechtfertigen konnte oder könnte (vgl. BVerfGE 65, 1 <46,

61 f.>; 67, 100 <143>; 100, 313 <360, 385 ff.>; Urteil vom 3. März 2004, NJW 2004,

999 <1018>).

aa) Soweit Unterlagen der Forschung zum Zwecke der wissenschaftlichen - politischen oder historischen - Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes

32 Abs. 1 StUG; vgl. § 1 Abs. 1 Nr. 3 StUG) sowie der nationalsozialistischen Vergangenheit 32 Abs. 4 StUG) zur Verfügung gestellt werden sollen, durfte der Gesetzgeber die Entscheidung hierüber von einer Abwägung im Einzelfall abhängig

machen. Allerdings muss sichergestellt sein, dass die Unterlagen ausschließlich für

diesen Forschungszweck genutzt werden. Tonbänder und Wortlautprotokolle über

Gespräche des Betroffenen oder Dritter bleiben von der Weitergabe ausgenommen.

Das hatte die BStU stets zugesichert und war auch im Urteil vom 4. Juli 2001 vorausgesetzt; es ist der Klarstellung halber nochmals auszusprechen.

(1) An der Erforschung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes bestand bei Erlass des Gesetzes ein nachhaltiges öffentliches Interesse, das auch heute noch besteht. Das gilt zunächst und vor allem angesichts der systematischen und umfassenden Ausforschung der eigenen Bevölkerung der DDR - einschließlich Personen

der Zeitgeschichte sowie politischer Amts- und Funktionsträger - mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Gerade diese war ein besonders abstoßendes Herrschaftsinstrument des Einparteiensystems (vgl. BVerfGE 96, 189 <198>). Zudem vermag die

historische Erfahrung mit einer Diktatur und ihren Repressionsinstrumenten eine Anschauung darüber zu vermitteln, welchen Gefahren die Freiheitsrechte der Bürger

ausgesetzt sein können, wenn die Sicherungen eines freiheitlichen Rechtsstaats außer Kraft gesetzt sind (so BVerfG, Beschluss vom 23. Februar 2000 - 1 BvR

1582/94 - NJW 2000, 2413 <2415>). Das öffentliche Interesse an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes besteht jedoch

auch hinsichtlich seiner "Auslandsaufklärung", namentlich gegenüber Politik, Wirtschaftsunternehmen und gesellschaftlichen Organisationen des westlichen Teils

Deutschlands. Schließlich besteht unverändert ein öffentliches Interesse an der Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit, über die die Stasi-Unterlagen

neue Aufschlüsse bieten können.

Dieses öffentliche Interesse ist von erheblichem Gewicht. Daran ändert nichts, dass

Grundrechte interessierter Forscher und Forschungseinrichtungen nicht in Rede stehen, wie das Verwaltungsgericht zutreffend erkannt hat. § 32 StUG begünstigt zwar

die Träger der Forschung; hierauf besteht jedoch kein grundrechtlicher Anspruch.

Art. 5 Abs. 3 GG gewährleistet als Abwehrrecht nur die Freiheit der wissenschaftlichen Fragestellung und Methode sowie der Bewertung und Verbreitung der Forschungsergebnisse, erweitert jedoch nicht die der Forschung zugrunde gelegten

Quellen über den Umkreis der allgemein zugänglichen Informationen (Art. 5 Abs. 1

Satz 1 GG) hinaus (BVerfG, Urteil vom 30. Januar 1986 - 1 BvR 1352/85 - NJW

1986, 1243; BVerwG, Beschluss vom 9. Oktober 1985 - BVerwG 7 B 188.85 -

Buchholz 11 Art. 5 GG Nr. 72 = NJW 1986, 1277).

(2) Stasi-Unterlagen mit Informationen über Personen der Zeitgeschichte, Inhaber

politischer Funktionen und Amtsträger Personen und Institutionen der Forschung zur

Verfügung zu stellen, ist zur historischen Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit und der

NS-Vergangenheit zweifellos geeignet. Daran ändert auch der vom Beklagten bezweifelte Wahrheitsgehalt der Unterlagen nichts; gerade die Unwahrheit solcher Informationen kann Forschungsgegenstand sein. Auch dass das vom Gesetz vorausgesetzte Interesse der Forschung an einer Aufarbeitung mit zunehmendem zeitlichem Abstand schwinden mag, beseitigt die prinzipielle Eignung nicht; allenfalls wird

die Häufigkeit entsprechender Anträge abnehmen.

Der Gesetzgeber durfte die Einsichtgewährung und Herausgabe von Unterlagen mit

- nicht anonymisierten - personenbezogenen Informationen jedenfalls über Personen

der Zeitgeschichte, Amts- und Funktionsträger auch für erforderlich halten. Ein Forschungsmonopol der BStU selbst 37 Abs. 1 Nr. 5 StUG) widerspräche dem auf

Pluralität angelegten Wissenschaftsverständnis in einer freiheitlichen Gesellschaft.

Gerade an Personen der Zeitgeschichte oder - jedenfalls bedeutenderen - Amtsoder Funktionsträgern kann ein spezifisches Interesse des Staatssicherheitsdienstes

bestanden haben, das zu besonderen Zielen und Methoden der Überwachung geführt hat; das ließe sich allein aus den Unterlagen über andere nicht erforschen. Das

Verwaltungsgericht weist auch zutreffend darauf hin, dass dem Gesetzgeber an einer

zeitnahen Aufarbeitung gelegen sein durfte, weshalb ein Abwarten der üblichen

dreißigjährigen Sperrfrist des allgemeinen Archivrechts 5 Abs. 1 und 2 BArchG)

nicht als gleichermaßen taugliches Mittel erscheinen konnte. Schließlich durfte der

Gesetzgeber annehmen, dass sich das beschriebene legitime Aufarbeitungsinteresse allein anhand der Unterlagen über solche Personen der Zeitgeschichte, Amts- und

Funktionsträger, die mit der Herausgabe einverstanden sind, nicht hinlänglich

befriedigen ließe.

(3) Das beschriebene öffentliche Forschungsinteresse rechtfertigt die Zurverfügungstellung von Unterlagen mit personenbezogenen Informationen allerdings nur

dann, wenn es nach seinem Gewicht den damit verbundenen Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht überwiegt und dem Betroffenen darum zumutbar ist

(BVerfGE 65, 1 <44>; 78, 77 <85>).

(a) Der Schutz der räumlichen Privatsphäre besitzt im freiheitlichen Rechtsstaat

überragendes Gewicht. Dasselbe gilt für das Recht am gesprochenen Wort. Zu Forschungszwecken dürfte unter der Geltung des Grundgesetzes niemand belauscht

oder abgehört werden, auch nicht Personen der Zeitgeschichte, Inhaber politischer

Funktionen oder Amtsträger. Wurde das derart geschützte Wort gleichwohl aufgezeichnet, so rechtfertigen keinerlei Forschungszwecke es, den darin liegenden

schwerwiegenden Grundrechtseingriff dadurch zu wiederholen, dass die Aufzeichnung selbst weitergegeben wird. Denn die Aufzeichnung konserviert das Gespräch

und seine Situation; aus ihr spricht der Betroffene unmittelbar und persönlich; sie

erhebt den Anspruch der Authentizität, ohne Dazwischentreten berichtender oder

interpretierender Dritter. Daher verzichtet die BStU mit Recht darauf, Tonbänder und

Wortlautprotokolle von Abhörmaßnahmen zur Verfügung zu stellen; das schließt

Wortlautprotokolle in indirekter Rede ein.

Zusammenfassenden Inhaltsangaben über Abgehörtes fehlt demgegenüber die angesprochene Authentizität und Unmittelbarkeit. Das gilt erst recht für bewertende

Stellungnahmen. Ungeachtet ihrer grundrechtswidrigen Herkunft unterliegen sie daher einem vergleichbaren unbedingten Verwendungsverbot nicht. Vielmehr kommt

eine Zurverfügungstellung für die in § 1 Abs. 1 Nr. 3, § 32 Abs. 1 und 4 StUG genannten Forschungszwecke nach Maßgabe einer Abwägung im Einzelfall in Betracht. In deren Rahmen wird die BStU den Umstand, dass derartige Inhaltsangaben,

Berichte und Stellungnahmen eine Verletzung der Privatsphäre und/oder des Rechts

am gesprochenen Wort zur Grundlage haben, besonders zu berücksichtigen haben

(vgl. § 32 Abs. 1 Satz 3 StUG n.F. sowie unten e). Das wird sie dazu veranlassen,

derartige Unterlagen nur in seltenen Ausnahmefällen zur Verfügung zu stellen, wenn

ein besonders bedeutendes Forschungsvorhaben anders nicht verwirklicht werden

könnte.

(b) Bei diesen wie bei allen anderen Unterlagen mit personenbezogenen Informationen stellt die Weitergabe zugleich einen Eingriff in das Recht auf informationelle

Selbstbestimmung dar. Dies nicht generell zu verbieten, sondern zu Forschungszwecken nach Maßgabe einer Abwägung im Einzelfall zu gestatten, ist dem Betroffenen zumutbar. Allerdings darf die Abwägung nicht nach dem Vorbild des allgemeinen Archivrechts erfolgen 5 Abs. 5 Sätze 3 und 4 BArchG). Die Stasi-Unterlagen

unterscheiden sich von den gewöhnlichen Aktenbeständen aus öffentlichen Archiven

der Bundesrepublik Deutschland darin, dass sie - auch jenseits einer Verletzung der

Privatsphäre und/oder des Rechts am gesprochenen Wort - zu rechtsstaatswidrigen

Zwecken und vielfach auf rechtsstaatswidrige Weise erhoben worden sind und dass

sie bis zur Auflösung des Staatssicherheitsdienstes auch zu propagandistischen

Zwecken verwendet worden sind, was die Gefahr ihrer Manipulation nahe legt. Dies

führt dazu, dass sie grundsätzlich unter Verschluss bleiben müssen und dass die

Zurverfügungstellung zu Zwecken der Forschung die eng umgrenzte Ausnahme ist

und bleiben muss.

Eine Einsichtgewährung oder Herausgabe kommt daher nur in Betracht, wenn sichergestellt ist, dass die herausgegebenen Informationen ausschließlich für das

konkrete Forschungsvorhaben genutzt werden (vgl. BVerfGE 65, 1 <46, 61 f.>; 67,

100 <143>). Das erfordert - zum ersten -, dass die BStU bei jedem derartigen Antrag

die Übereinstimmung des angegebenen Forschungsvorhabens mit den gesetzlichen

Zwecken sowie seine Ernsthaftigkeit prüft. Hierzu muss sie die eigenen Angaben des

Antragstellers überprüfen. Es erfordert - zum zweiten -, dass die herausgegebene

Information von dem Forscher - vorbehaltlich der auch für die Presse geltenden

Ausnahmen (vgl. unten bb) - nicht an Dritte weitergegeben wird, und zwar auch nicht

im Wege der wissenschaftlichen Veröffentlichung. Das schließt die Edition aus und

im Regelfall auch das wörtliche Zitat im Rahmen der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse, die als solche unbenommen bleibt. Die im wissenschaftlichen

Diskurs erforderliche intersubjektive Überprüfbarkeit ist dadurch gewährleistet, dass

die BStU anderen Forschern die benutzten Stasi-Unterlagen auf Antrag unter den

gleichen Voraussetzungen zur Verfügung stellt. Dieselben Regeln gelten im Übrigen

für die eigene Forschungstätigkeit der Bundesbeauftragten (vgl. § 37 Abs. 1 Nr. 5

i.V.m. § 32 Abs. 3 StUG). Die gebotene Sicherstellung des Verwendungszwecks erfordert schließlich - drittens -, dass der jeweilige Forscher die Gewähr dafür bietet,

die beschriebenen Regeln auch einzuhalten. Das wird bei Forschern an Hochschulen, Akademien und vergleichbaren Institutionen regelmäßig anzunehmen sein; es

kann in anderen Fällen besondere zusätzliche Garantien, etwa eine ausdrückliche

schriftliche Versicherung, voraussetzen; bei verbleibenden Zweifeln ist der Antrag

abzulehnen. Die BStU wird die Einhaltung der genannten Regeln zu überwachen und

Verletzungen nachzugehen, auch etwa Strafanzeige zu erstatten haben (vgl. § 44

StUG).

bb) Die Zurverfügungstellung von Unterlagen mit personenbezogenen Informationen

für Zwecke der Presse, von Rundfunk und Film 34 Abs. 1 StUG) kommt demgegenüber nur in sehr engem Umfang in Betracht. Das liegt daran, dass die Herausgabe an die Presse eine beliebige Veröffentlichung ermöglicht, die dem davon Betroffenen grundsätzlich unzumutbar ist.

(1) Gemäß § 34 Abs. 1 StUG gelten die §§ 32 und 33 für die Verwendung von Unterlagen durch Presse, Rundfunk, Film, deren Hilfsunternehmen und die für sie journalistisch-redaktionell tätigen Personen - im Folgenden zusammenfassend: durch die

Presse - entsprechend. Die "entsprechende" Anwendung der §§ 32 und 33 StUG

bedeutet nicht, dass die Freigabe zu Forschungszwecken erfolgt. Der Presse obliegt

nicht die forschende, sondern die publizistische Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit.

Gleichwohl bleibt auch die Presse an den gesetzlichen Zweck der politischen und

historischen Aufarbeitung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes gebunden.

Die Herausgabe von Informationen an die Presse kann ebenfalls im öffentlichen

Interesse liegen. Die Presse wirkt an der öffentlichen Meinungsbildung mit und versieht so eine für die freiheitliche Demokratie überaus bedeutsame Funktion. Hieraus

begründet sich zugleich das öffentliche Interesse an einer Versorgung der Presse mit

Informationen, die sie zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben benötigt. Allerdings wiegt

dieses öffentliche Interesse nicht schwerer als dasjenige an der wissenschaftlichen

Erforschung der Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes und der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dabei muss hervorgehoben werden, dass auch die Herausgabe an die Presse grundrechtlich nicht gefordert ist. Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG gibt

der Presse zwar einen Anspruch auf Nutzung von Informationsquellen, die aufgrund

rechtlicher Vorgaben zur öffentlichen Zugänglichkeit bestimmt sind, bietet jedoch

keinen Anspruch auf Eröffnung einer Informationsquelle jenseits der im Sinne von

Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG allgemein zugänglichen Quellen (BVerfGE 103, 44 <59 f.>;

vgl. schon BVerwG, Urteil vom 13. Dezember 1984 - BVerwG 7 C 139.81 - BVerwGE

70, 310; Urteil vom 3. August 1990 - BVerwG 7 C 14.90 - BVerwGE 85, 283 <284>).

(2) (a) Vermag schon der Zweck der wissenschaftlichen Forschung die Zurverfügungstellung von Unterlagen mit personenbezogenen Informationen nicht zu rechtfertigen, wenn sich nicht sicherstellen lässt, dass diese nicht an die Allgemeinheit

weitergegeben werden, so muss dasselbe für die Zwecke der Presse gelten.

Das aber führt dazu, dass die Zurverfügungstellung von Unterlagen mit personenbezogenen Informationen an die Presse im Grundsatz weitgehend unzulässig ist. Hierzu muss in Rechnung gestellt werden, dass die Aufgabe der Presse in der Unterrichtung der Öffentlichkeit über die für die Allgemeinheit bedeutsamen Angelegenheiten

liegt. Die Tätigkeit der Presse zielt dementsprechend geradezu auf Veröffentlichung,

ohne dass sich die jeweilige Fragestellung und Zielrichtung vorherbestimmen ließe.

Die Ausrichtung auf Veröffentlichung bestätigt das Gesetz in § 34 Abs. 2 StUG. Auch

§ 32 Abs. 3 StUG denkt - außer an Veröffentlichungen durch die BStU selbst - vornehmlich an Veröffentlichungen durch die Presse; insofern soll in der Veröffentlichung durch die Presse offenbar auch keine Weitergabe an andere Stellen im Sinne

von § 33 Abs. 4 StUG zu sehen sein. Einmal veröffentlicht, sind die Informationen

aber frei verfügbar. Selbst die Klägerin räumt ein, dass auf dieser "zweiten Stufe"

- der Veröffentlichung durch die Presse - keine Zweckbindung mehr möglich ist. Das

macht aber jede Zweckbindung auf der "ersten Stufe" - der