Urteil des BVerwG vom 05.02.2010, 3 B 60.09

Entschieden
05.02.2010
Schlagworte
Unternehmen, Überprüfung, Grundrecht, Gestaltung, Berufsbild, Betreiber, Offenkundig, Stillschweigend, Berufsverbot, Vertreter
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BESCHLUSS

BVerwG 3 B 60.09 OVG 20 A 3608/07

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 3. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 5. Februar 2010 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Kley und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Dr. h.c. Rennert und Dr. Wysk

beschlossen:

Die Beschwerden der Kläger gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 20. Mai 2009 werden zurückgewiesen.

Die Kläger tragen die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu gleichen Teilen.

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Beschwerdeverfahren auf 60 000 festgesetzt.

Gründe:

1Die Kläger wenden sich gegen eine Verfügung des Eisenbahn-Bundesamtes, mit

der der DB Netz AG untersagt wurde, bei Entscheidungen über den Netzfahrplan,

die sonstige Zuweisung von Zugtrassen und über die Wegeentgelte nebst der

Vorbereitung dieser Entscheidungen Juristinnen oder Juristen der DB AG mit der

Rechtsberatung oder Rechtsvertretung zu beauftragen. Die Kläger sind bei der

DB AG als Juristen beschäftigt und in der zentralen Rechtsabteilung eingesetzt,

welche die DB AG für konzernangehörige Unternehmen - darunter auch die

DB Netz AG - vorhält. Die Vorinstanzen haben die Klagen abgewiesen, weil die

Kläger nicht in eigenen Rechten betroffen seien.

2Das Berufungsgericht hat die Revision nicht zugelassen. Die Beschwerden hiergegen bleiben ohne Erfolg. Der Rechtssache kommt die von den Klägern behauptete grundsätzliche Bedeutung nicht zu 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO).

31. Die Kläger werfen in erster Linie sinngemäß die Frage auf, ob von einem an

einen Dritten gerichteten Verbot, eine - hier: rechtsberatende - Dienstleistung eines bestimmten Unternehmens in Anspruch zu nehmen, die von diesem Unternehmen gerade für diese Tätigkeit beschäftigten Arbeitnehmer in ihrem Grundrecht aus Art. 12 Abs. 1 GG betroffen sind. Die Frage rechtfertigt nicht die Zulassung der Revision; sie zeigt weder in dieser abstrakten Form noch mit Blick auf

den konkreten Fall auf, dass die gefestigte Rechtsprechung zu Art. 12 Abs. 1 GG

der Überprüfung oder der Fortentwicklung bedürfte.

4Art. 12 Abs. 1 GG gewährleistet die Freiheit der beruflichen Betätigung. In der

Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (vgl. Beschluss vom 13. Juli

2004 - 1 BvR 1298/94 u.a. - BVerfGE 111, 191 <213> m.w.N.) und des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. Urteil vom 16. Januar 2007 - BVerwG 6 C 15.06 - Buchholz 300 § 189 GVG Nr. 1 Rn. 31 m.w.N.) ist geklärt, dass der Schutz des Grundrechts einerseits umfassend angelegt ist, andererseits aber nur vor solchen Beeinträchtigungen schützt, die gerade auf die berufliche Betätigung bezogen sind. Der

Schutzbereich ist daher nicht schon dann eröffnet, wenn eine Rechtsnorm, ihre

Anwendung oder andere hoheitliche Maßnahmen unter bestimmten Umständen

Rückwirkungen auf die Berufstätigkeit entfalten. Die Berufsfreiheit ist erst dann

berührt, wenn sich die Maßnahmen zwar nicht auf die Berufstätigkeit selbst beziehen, aber die Rahmenbedingungen der Berufsausübung verändern und infolge

ihrer Gestaltung in einem so engen Zusammenhang mit der Ausübung des Berufs

stehen, dass sie objektiv eine berufsregelnde Tendenz haben.

5Die Kläger zeigen nicht auf, inwiefern diese Grundsätze der Überprüfung oder der

Fortentwicklung bedürfen. Sie bringen im Wesentlichen vor, in ihrem Fall hätte das

Berufungsgericht eine berufsregelnde Tendenz des angefochtenen Bescheides

oder des § 9a Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 und 5 AEG, dessen Durchsetzung der angefochtene Bescheid dient, nicht verneinen dürfen. Damit rügen sie lediglich eine

unrichtige Anwendung der genannten Grundsätze auf den vorliegenden Rechtsstreit. Damit ist eine grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache nicht dargetan.

6Die Kläger legen auch nicht dar, dass das Berufungsgericht die unmittelbar einschlägigen Vorschriften des Allgemeinen Eisenbahngesetzes in einer Weise ausgelegt hätte, die - mit Blick auf ihr Grundrecht aus Art. 12 Abs. 1 GG - der höchstrichterlichen Überprüfung bedürfte. Dafür ist auch nichts ersichtlich. Das Berufungsgericht ist offenkundig davon ausgegangen, dass § 9a Abs. 1 Satz 2 AEG

lediglich Pflichten öffentlicher Betreiber von Schienenwegen mit Auswirkungen für

dritte Eisenbahnverkehrsunternehmen oder mit diesen verbundenen Unternehmen

begründet, jedoch keine berufsregelnde Tendenz für deren jeweilige Angestellte

erkennen lässt. Dass dies zutrifft, liegt auf der Hand und bedarf daher nicht noch

der Prüfung in einem Revisionsverfahren. Die Kläger sind Juristen und als solche

in einem Wirtschaftsunternehmen der Verkehrsbranche angestellt. Der Beruf des

Juristen als solcher wird durch Betreiberpflichten, denen die Wirtschaftsunternehmen der Verkehrsbranche unterworfen werden, nicht berührt; die

Betreiberpflichten stehen infolge ihrer Gestaltung weder in einem engen noch

überhaupt in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausübung des Berufs des Juristen. Nichts anderes gilt, wenn man ein besonderes Berufsbild des „angestellten

Juristen eines Verkehrsunternehmens“ anerkennen wollte, wofür aber jeglicher

Anhaltspunkt fehlt; auch dann lassen an ein Verkehrsunternehmen gerichtete

Betreiberpflichten dieses Berufsbild des „angestellten Juristen eines Verkehrsunternehmens“ als solches unberührt. Schutz eines konkreten Arbeitsplatzes bietet

Art. 12 Abs. 1 GG nicht; der Arbeitgeberin der Kläger bleibt unbenommen, sie für

andere Aufgaben einzusetzen, und den Klägern bleibt unbenommen, den Arbeitgeber zu wechseln.

72. Eine berufsregelnde Tendenz lässt sich auch nicht mit der Sorge der Kläger

begründen, als Vertreter der DB Netz AG künftig von Behörden oder Gerichten

zurückgewiesen zu werden (vgl. § 156 Abs. 2 BRAO, § 14 Abs. 6 VwVfG, § 67

Abs. 3 VwGO, § 79 Abs. 3 ZPO). Natürlich lässt sich in Frage stellen, ob die

DB Netz AG, wenn sie sich entgegen dem an sie gerichteten Verbot im Rechtsverkehr durch Personen vertreten lässt, die bei einem Eisenbahnverkehrsunternehmen oder einem mit einem solchen verbundenen Unternehmen angestellt sind

oder sonst eine Funktion ausüben, in Verwaltungs- und gerichtlichen Verfahren

ordnungsgemäß vertreten ist. Diese Frage berührt jedoch allein die Rechtsstellung

der DB Netz AG. Den Klägern selbst ist damit kein Berufsverbot oder Vertretungsverbot erteilt (§§ 150, 155, 156 BRAO); sie können daher wegen der Missachtung

eines solchen Berufs- oder Vertretungsverbots nicht von Behörden oder Gerichten

zurückgewiesen werden.

83. Schließlich sehen sich die Kläger zumindest deshalb in ihrem Grundrecht aus

Art. 12 Abs. 1 GG betroffen, weil das an die DB Netz AG gerichtete Verbot ihnen

gegenüber diskriminierende Wirkung habe. Die diskriminierende Wirkung sehen

sie darin, dass das Verbot einer abstrakten Gefährdungslage wehren solle, diese

aber mit Vermutungen zur Motivation, Interessenlage oder unbewussten Handlungsdirektiven gerade derjenigen Gruppe von Personen unterlegt werde, der sie

selbst angehören. Damit wird ebenfalls kein zusätzlicher Klärungsbedarf aufgezeigt. Das Berufungsgericht hat - unter Bezugnahme auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Koblenz vom 7. Oktober 1986 (7 A 48/86 - NVwZ 1987, 425) - für

möglich erachtet, dass ein Bescheid einen Dritten allein wegen seiner Begründung

in seinen Rechten verletzen kann, sofern dieser Dritte die Begründung als

diskriminierend ansehen oder infolge der Begründung mit mittelbaren beruflichen

Nachteilen rechnen muss. Das Berufungsgericht hat aber nichts dafür festgestellt,

dass der hier angefochtene Bescheid - ausdrücklich oder stillschweigend - mit

dem erwartbaren Verhalten gerade der Kläger motiviert wäre, geschweige denn in

einer Weise, die diese als herabwürdigend empfinden könnten. Dass die Kläger

typischerweise in einem Interessenzwiespalt stehen, wenn sie Angestellte der

DB AG sind, in deren Auftrag aber Rechtsdienstleistungen für die DB Netz AG

erbringen, und zwar auch und gerade in Angelegenheiten, die Konkurrenten der

DB AG betreffen, enthält keinen persönlichen Vorwurf, sondern beschreibt die

objektiven Gegebenheiten der Konstellation und damit die - vom Berufungsgericht

mit Recht so genannte - abstrakte Gefährdungslage, auf die § 9a Abs. 1 Satz 2

Nr. 3 und 5 AEG und der angefochtene Bescheid reagieren.

9Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2, § 159 Satz 1 VwGO i.V.m. § 100

Abs. 1 ZPO, die Festsetzung des Streitwerts auf § 39 Abs. 1, § 47 Abs. 1 Satz 1,

Abs. 3, § 52 Abs. 1 GKG.

Kley Prof. Dr. Dr. h.c. Rennert Dr. Wysk

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