Urteil des BVerwG vom 25.06.2009, 2 WD 7.08

Entschieden
25.06.2009
Schlagworte
Soldat, Dienstverhältnis, Zahlstelle, Bargeld, Strafurteil, Mildernde Umstände, Verfügung, Materialien, Datum, Erfüllung
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 2 WD 7.08 TDG S 5 VL 24/06

In dem gerichtlichen Disziplinarverfahren

gegen

Herrn Hauptmann …,

hat der 2. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in der nichtöffentlichen Hauptverhandlung am 25. Juni 2009, an der teilgenommen haben:

Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht Golze, Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Müller, Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Deiseroth, ehrenamtlicher Richter Oberstleutnant Auer und ehrenamtlicher Richter Hauptmann Timpe,

sowie

Leitender Regierungsdirektor als Vertreter des Bundeswehrdisziplinaranwalts,

Rechtsanwalt als Pflichtverteidiger,

Geschäftsstellenverwalterin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

für Recht erkannt:

Auf die Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft wird das Urteil der 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd vom 24. Oktober 2007 im Ausspruch über die Disziplinarmaßnahme geändert.

Der Soldat wird aus dem Dienstverhältnis entfernt.

Die Gewährung des Unterhaltsbeitrags wird auf einen Zeitraum von 12 Monaten verlängert.

Die Kosten des Berufungsverfahrens werden dem Soldaten auferlegt.

Gründe:

I

1Der jetzt 50 Jahre alte Soldat, der seine gymnasiale Ausbildung nach Beendigung der Klasse 12 vorzeitig abgebrochen hatte, war am 2. Januar 1980 als

Wehrpflichtiger zur Bundeswehr eingezogen worden. Aufgrund seiner Verpflichtungserklärung wurde er am 16. Juni 1980 in das Dienstverhältnis eines Soldaten auf Zeit berufen. Nachdem seine Dienstzeit mehrfach verlängert worden

war, erfolgte am 6. Juni 1989 seine Ernennung zum Berufssoldaten.

2Der zunächst regelmäßig beförderte Soldat wurde mit Wirkung vom 1. Oktober

1989 zum Hauptmann ernannt. Nachdem er wegen eines im September 1999

begangenen außerdienstlichen Betruges mit Urteil des Truppendienstgerichts

Süd vom 9. Oktober 2001 zum Oberleutnant degradiert worden war - seine dagegen eingelegte Berufung wurde vom Senat mit Urteil vom 11. Juli 2002

(BVerwG 2 WD 3.02) zurückgewiesen -, wurde er am 5. August 2004 erneut

zum Hauptmann befördert.

3Nach verschiedenen Vorverwendungen leistete der Soldat seit dem 1. Oktober

1996 Dienst als S 4- und Umweltschutzoffizier beim Stab …regiment (seit

1. Januar 2003 Stab/…zentrum …) in D., bis er am 7. November 2005 mit Einleitung des vorliegenden gerichtlichen Disziplinarverfahrens vorläufig des

Dienstes enthoben und ein Uniformtrageverbot gegen ihn ausgesprochen wur-

de; der dagegen vom Soldaten eingelegte Rechtsbehelf blieb ohne Erfolg. Mit

Verfügung vom 17. Dezember 2007 - nach Zustellung des erstinstanzlichen

Urteils in dieser Sache - wurden die Anordnungen der vorläufigen Dienstenthebung und des Uniformtrageverbots aufgehoben. Zum 1. Januar 2008 wurde der

Soldat zum …regiment nach D. versetzt, wo er derzeit als Leiter des

…lagers N. eingesetzt wird.

4Ausweislich des Auszugs aus dem Disziplinarbuch vom 3. Juni 2009 wurde

dem Soldaten in den Jahren 1996 und 1998 jeweils eine förmliche Anerkennung wegen vorbildlicher Pflichterfüllung ausgesprochen. In der letzten planmäßigen Beurteilung vom 25. März 2002 erhielt er im Bereich „F. Leistungen im

Beurteilungszeitraum“ siebenmal die Wertung „5“, sechsmal die Wertung „6“

und in den Bereichen „Zusammenarbeit“, „Fachwissen“ und „Praktisches Können“ jeweils die Wertung „7“. Ergänzend zu den mit „7“ bewerteten herausragenden Einzelmerkmalen führte der beurteilende Regimentskommandeur des

…regiments zusammenfassend aus, dass sich der Soldat mit ganzer Kraft in

den Stab des Regiments einbringe. Schnell und unbürokratisch helfe er besonders in prekären Situationen und kümmere sich dann vorrangig um die Beschaffung dringend benötigter, aber schwer beschaffbarer Versorgungsartikel. Er sei

ein Mann der Praxis. In der Sonderbeurteilung des stellvertretenden Kommandeurs …regiment vom 22. Februar 2008 erhielt der Soldat nach dem neuen

Beurteilungssystem im Bereich „Aufgabenerfüllung auf dem Dienstposten“ im

Durchschnittswert die Note „4,44“.

5Der Soldat ist seit 1981 verheiratet. Aus der Ehe sind eine jetzt 26-jährige Tochter und zwei jetzt 24- und 20-jährige Söhne hervorgegangen. Die beiden ältesten Kinder sind berufstätig; der jüngste Sohn lebt noch im elterlichen Haushalt.

6Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Soldaten sind seit Jahren sehr angespannt. Seine Schulden belaufen sich derzeit auf etwa 100 000 €; es werden

von ihm nur Zinszahlungen erbracht. Die Schulden beruhen auf Anschaffungen

(Wohnungseinrichtung, Auto) und einer vor 20 Jahren von Gläubigern in Anspruch genommenen Bürgschaft in Höhe von 40 000 DM für das elterliche Ledergeschäft. Beim Sozialdienst der Bundeswehr hat sich der Soldat zuletzt im

Jahr 1993 beraten lassen, wie er in der Hauptverhandlung vor dem Senat angegeben hat. Wegen seines geregelten Einkommens sei bisher ein Privatinsolvenzverfahren nicht in Betracht gekommen. Im Oktober 2001 hat der Soldat die

eidesstattliche Versicherung abgegeben. Seine Ehefrau ist nicht berufstätig. Da

die monatlichen Dienstbezüge bis zur Pfändungsfreigrenze einbehalten werden,

verbleiben der Familie im Monat ca. 800 bis 900 zum Leben; dies reiche nach

Einlassung des Soldaten einigermaßen aus.

II

71. In dem durch Verfügung vom 7. November 2005, dem Soldaten ausgehändigt am 11. November 2005, ordnungsgemäß eingeleiteten gerichtlichen Disziplinarverfahren hat die Wehrdisziplinaranwaltschaft für den Bereich des Wehrbereichskommando dem Soldaten mit Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober

2006 in der Fassung der Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 folgende Sachverhalte als schuldhafte Verletzungen seiner Dienstpflichten gemäß

§§ 7, 13 Abs. 1, § 17 Abs. 2 Satz 1 Alt. 2 i.V.m. § 10 Abs. 1 SG zur Last gelegt:

„1. In der Zeit zwischen dem 15.12.2003 und Mai 2005 erstellte der Soldat in seiner Funktion als S 4-Offizier des …zentrums in D. in insgesamt 116 Fällen Rechnungen bzw. Lieferscheine der Firma K. in N. über Handkaufaufträge, die den Bedarf von Büromaterialien zum Inhalt hatten, legte diese der Zahlstelle der Truppenverwaltung D. vor, welche er jeweils mit dem Vermerk ‚sachlich richtig’ versehen hatte und ließ sich den Rechnungsbetrag jeweils in bar durch die Zahlstelle der Truppenverwaltung D. ausbezahlen, obwohl er die entsprechenden Einkäufe für die Dienststelle zu keinem Zeitpunkt getätigt hatte.

Zur Tatausführung benutzte der Soldat jeweils eine von insgesamt vier unterschiedlichen Rechnungen bzw. Lieferscheinen der Firma K., die er im Kopierverfahren vervielfältigt und handschriftlich mit einem neuen Datum versehen hatte.

Im Vertrauen auf die Richtigkeit seiner Angaben wurden dem Soldaten die ausgewiesenen Rechnungsbeträge jeweils in bar durch die Zahlstelle der Truppenverwaltung D. ausbezahlt. Im Einzelnen handelte es sich um folgende Fälle:

LfdNr. Betrag Datum der Datum der Aus- EUR Rechnung/Lieferschein zahlungsanordnung

1 207,45 Dez.03 15.12.2003 2 207,45 19.02.2004 04.05.2004 3 207,45 27.05.2004 08.06.2004 4 207,45 15.06.2004 28.06.2004 5 207,45 02.07.2004 27.07.2004 6 207,45 07.08.2004 10.08.2004 7 207,45 16.08.2004 19.08.2004 8 207,45 24.08.2004 30.08.2004 9 207,45 22.09.2004 23.09.2004 10 207,45 04.10.2004 05.10.2004 11 207,45 14.10.2004 19.10.2004 12 207,45 22.10.2004 04.11.2004 13 207,45 16.11.2004 18.11.2004 14 207,45 08.11.2004 11.11.2004 15 207,45 18.11.2004 25.11.2004 16 207,45 29.11.2004 30.11.2004 17 207,45 10.12.2004 17.12.2004 18 207,45 14.12.2004 16.12.2004 19 214,00 31.03.2004 06.05.2004 20 214,00 22.04.2004 12.05.2004 21 214,00 07.06.2004 11.06.2004 22 214,00 15.06.2004 21.06.2004 23 214,00 21.06.2004 28.06.2004 24 214,00 09.08.2004 10.08.2004 25 214,00 16.08.2004 19.08.2004 26 214,00 25.08.2004 30.08.2004 27 214,00 22.09.2004 23.09.2004 28 214,00 04.10.2004 05.10.2004 29 214,00 06.10.2004 11.10.2004 30 214,00 12.10.2004 19.10.2004 31 214,00 20.10.2004 28.10.2004 32 214,00 09.11.2004 11.11.2004 33 214,00 15.11.2004 25.11.2004 34 214,00 19.11.2004 30.11.2004 35 214,00 Dez. 04 16.12.2004 36 214,00 13.12.2004 17.12.2004 37 195,87 26.04.2004 06.05.2004 38 195,87 01.03.2004 12.05.2004 39 195,87 07.06.2004 11.06.2004 40 195,87 Juni 2004 21.06.2004 41 195,87 22.06.2004 28.06.2004 42 195,87 21.07.2004 27.07.2004 43 195,87 Aug. 04 16.08.2004 44 195,87 Aug. 04 19.08.2004 45 195,87 23.09.2004 27.09.2004 46 195,87 04.10.2004 05.10.2004 47 195,87 06.10.2004 11.10.2004 48 195,87 12.10.2004 19.10.2004 49 195,87 20.10.2004 28.10.2004 50 195,87 09.11.2004 11.11.2004 51 195,87 22.11.204 25.11.2004 52 195,87 12.11.2004 22.11.2004 53 195,87 14.12.2004 16.12.2004 54 154,30 30.03.2004 12.05.2004 55 154,30 07.06.2004 11.06.2004 56 154,30 30.07.2004 03.08.2004 57 154,30 Aug. 04 16.08.2004

58 154,30 21.09.2004 27.09.2004 59 154,30 28.09.2004 05.10.2004 60 154,30 01.10.2004 11.10.2004 61 154,30 28.10.2004 04.11.2004 62 154,30 24.11.2004 30.11.2004 63 154,30 14.12.2004 16.12.2004 64 154,30 13.12.2004 17.12.2004 65 214,00 19.01.2005 28.01.2005 66 214,00 04.03.2005 09.03.2005 67 214,00 16.03.2005 22.03.2005 68 214,00 Apr. 05 11.04.2005 69 214,00 20.04.2005 25.04.2005 70 214,00 12.05.2005 23.05.2005 71 214,00 28.01.2005 11.02.2005 72 214,00 14.02.2005 21.02.2005 73 214,00 23.02.2005 28.02.2005 74 214,00 11.03.2005 17.03.2005 75 214,00 24.03.2005 01.04.2005 76 214,00 11.04.2005 18.04.2005 77 195,87 13.04.2005 18.04.2005 78 195,87 07.03.2005 09.03.2005 79 195,87 10.03.2005 22.03.2005 80 195,87 21.04.2005 25.04.2005 81 195,87 17.01.2005 18.01.2005 82 195,87 28.01.2005 11.02.2005 83 195,87 17.02.2005 21.02.2005 84 195,87 24.03.2005 11.04.2005 85 195,87 10.05.2005 23.05.2005 86 195,87 19.01.2005 28.01.2005 87 195,87 24.02.2005 28.02.2005 88 195,87 10.03.2005 17.03.2005 89 195,87 18.03.2005 01.04.2005 90 195,87 27.04.2005 10.05.2005 91 195,87 Mai 05 23.05.2005 92 207,45 21.02.2005 28.02.2005 93 207,45 09.03.2005 17.03.2005 94 207,45 21.03.2005 01.04.2005 95 207,45 15.04.2005 18.04.2005 96 207,45 22.04.2005 10.05.2005 97 207,45 17.05.2005 23.05.2005 98 207,45 14.01.2005 18.01.2005 99 207,45 27.01.2005 11.02.2005 100 207,45 01.03.2005 09.03.2005 101 207,45 17.03.2005 22.03.2005 102 207,45 04.04.2005 11.04.2005 103 207,45 18.04.2005 25.04.2005 104 207,45 09.05.2005 23.05.2005 105 154,30 März 05 09.03.2005 106 154,30 16.03.2005 22.03.2005 107 154,30 Apr. 05 11.04.2005 108 154,30 08.04.2005 25.04.2005 109 154,30 11.05.2005 23.05.2005 110 154,30 Feb. 05 21.02.2005 111 154,30 21.02.2005 28.02.2005 112 154,30 11.03.2005 17.03.2005 113 154,30 23.03.2005 01.04.2005 114 154,30 18.04.2005 18.04.2005 115 154,30 Mai 05 10.05.2005 116 154,30 19.05.2005 23.05.2005

2. Am 18.05., 20.05. und 24.05.2005 ließ sich der Soldat von der Zahlstelle der Truppenverwaltung D. wiederum Bargeld unter dem wahrheitswidrigen Vorbringen auszahlen, er habe Handkäufe für die Dienststelle zu erledigen. Eine anschließende Abrechnung mit der Zahlstelle erfolgte hierbei nicht. Im Einzelnen handelte es sich um folgende Bargeldauszahlungen:

a) am 18.05.2005: 200 Euro für Toner 200 Euro für Kartuschen und Patronen

b) am 20.05.2005: 200 Euro für Büromaterial 200 Euro für weiteres Büromaterial 200 Euro für Patronen

c) am 24.05.2005 200 Euro für Toner 200 Euro für Büromaterial 200 Euro für Kartuschen und Patronen 200 Euro für weiteres Büromaterial

In der Folgezeit behielt der Soldat in allen Fällen das ausgezahlte Geld für sich, ohne die Einkäufe zu tätigen bzw. die Beträge ordnungsgemäß abzurechnen, wodurch der Bundeswehr ein Gesamtschaden in Höhe von mindestens 11 000 Euro entstanden ist.“

8Mit Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 ergänzte die Wehrdisziplinaranwaltschaft ihre bisherigen Vorwürfe:

„Das zu den Anschuldigungspunkten 1 und 2 erlangte Bargeld verwendete der Soldat zum größten Teil nicht - wie in den Gründen des Urteils des Amtsgerichts U. vom 12.01.2006 (Az.: 6 …) angegeben - zur Beschaffung von Gegenständen für verschiedene Bereiche der Bundeswehr sowie für Organisationen, die der Bundeswehr nahe stehen, wie die Gemeinschaft katholischer Soldaten, die Kriegsgräberfürsorge oder die Offizierheimgesellschaft in D., die über keine eigenen Haushaltstitel verfügten oder für die die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen war.“

9In den Gründen der Nachtragsanschuldigungsschrift ist dazu ausgeführt, weitergehende Ermittlungen hätten ergeben, dass der Soldat keinerlei Gelder an

die im Strafurteil genannten gemeinnützigen oder ähnlichen Einrichtungen ab-

geführt, die ihm von der Truppenverwaltung ausgehändigten Gelder vielmehr

ausschließlich seinem Vermögen einverleibt habe. Insoweit werde angeregt,

dass sich die Truppendienstkammer von den betreffenden Feststellungen des

Strafgerichts löse.

102. In dem sachgleichen rechtskräftigen Strafurteil des Amtsgerichts

- Schöffengericht - U. vom 12. Januar 2006 war der Soldat wegen Betruges in

119 tatmehrheitlichen Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun Monaten

verurteilt worden, deren Vollstreckung auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt

wurde; die Bewährungszeit ist inzwischen abgelaufen. Über die in der Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober 2006 hinaus aufgeführten tatsächlichen Feststellungen des Strafgerichts enthalten dessen Urteilsgründe am Ende noch folgende, in der Nachtragsanschuldigungsschrift erwähnte Tatfeststellungen:

„Das auf diese Weise erlangte Bargeld verwendete der Angeklagte zum größten Teil zur Beschaffung von Gegenständen für verschiedenste Bereiche der Bundeswehr sowie für Organisationen, die der Bundeswehr nahe stehen, wie die Gemeinschaft katholischer Soldaten, die Kriegsgräberfürsorge oder die Offizierheimgesellschaft, die über keine eigenen Haushaltstitel verfügten oder für die die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen war.“

113. Die 5. Kammer des Truppendienstgerichts Süd hat mit Urteil vom

24. Oktober 2007 entschieden, dass der Soldat in den Dienstgrad eines Leutnants herabgesetzt wird. Aufgrund der bindenden Feststellungen im Strafurteil,

die hinsichtlich des objektiven Geschehensablaufs vom Soldaten eingeräumt

würden, stehe zwar fest, dass der Soldat in 119 Fällen durch Vorlage gefälschter Rechnungen bzw. Lieferscheine von der Truppenverwaltung insgesamt

24 467,69 Bargeld erlangt habe. Er habe aber der Bundeswehr sowie ihr nahestehenden Organisationen Materialien zur Verfügung gestellt, die mit dem

Geld gekauft worden seien. Beweis dafür, dass sich der Soldat mit dem Geld

selbst bereichert habe, lägen nicht vor. Die Kammer habe diesen - insoweit vom

Strafurteil abweichenden - Sachverhalt auch feststellen dürfen, weil sie sich

zuvor von den tatsächlichen Feststellungen im insoweit sachgleichen, aber widersprüchlichen Strafurteil gelöst habe. Da keine Selbstbereicherung vorliege,

bleibe nur die strafrechtlich ebenfalls sanktionierte Herstellung und Benutzung

falscher Urkunden zur Täuschung im Rechtsverkehr übrig. Nach Abwägung

aller be- und entlastender Umstände mache dieses schwere, einheitliche

Dienstvergehen (§§ 7, 11 Abs. 2, § 13 Abs. 1, § 17 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 10

Abs. 1 SG) die Degradierung des disziplinarisch vorbelasteten Soldaten zum

Leutnant erforderlich.

124. Gegen das der Wehrdisziplinaranwaltschaft am 23. November 2007 zugestellte Urteil hat diese am 13. Dezember 2007 zu Ungunsten des Soldaten Berufung eingelegt. Sie beantragt, den Soldaten aus dem Dienstverhältnis zu entfernen. Zur Begründung macht sie im Wesentlichen geltend:

13Die von der Truppendienstkammer in ihrem Urteil vorgenommene Beweiswürdigung hinsichtlich der Frage, ob der Soldat die erlangten Gelder in Höhe von

24 467,69 für sich selbst behalten oder überwiegend uneigennützig zu Gunsten der Bundeswehr bzw. ihr nahestehender Organisationen verwendet habe,

sei in mehrfacher Hinsicht unzureichend vorgenommen worden und daher fehlerhaft. Aus der Urteilsbegründung sei nicht ersichtlich, wie die Kammer zu dem

Ergebnis gekommen sei, der Soldat habe die erlangten Gelder überwiegend

uneigennützig verwendet. Diese von der Kammer getroffene Feststellung entbehre jeglicher nachvollziehbaren Tatsachengrundlage. Es fehle insbesondere

an einer Darstellung der einzelnen Zeugenaussagen sowie deren Glaubhaftigkeit. Die Kammer verkenne in ihrem Urteil, dass es dem Soldaten nicht gelungen sei, den Gegenbeweis für eine uneigennützige Verwendung der Gelder zu

erbringen.

14Auch die Maßnahmebemessung sei zu beanstanden. Das Vertrauensverhältnis

zwischen dem Dienstherrn und dem Soldaten sei durch die über einen längeren

Zeitraum mit hoher krimineller Energie durchgeführte Erschleichung von dienstlichen Geldern zum Zwecke eigennütziger Verwendung angesichts der dienstlichen Stellung des Soldaten als S 4-Versorgungsoffizier und angesichts der Höhe des eingetretenen Schadens für den Bund unwiederbringlich zerstört worden. Dies mache die Entfernung des Soldaten aus dem Dienstverhältnis erforderlich.

III

15Die gemäß § 115 Abs. 1, § 116 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 WDO form- und fristgerecht eingelegte Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft zu Ungunsten des

Soldaten hat Erfolg und führt bei diesem zur Entfernung aus dem Dienstverhältnis.

161. Das Rechtsmittel ist in vollem Umfang eingelegt worden. Mit der Berufungsbegründung werden sowohl die erstinstanzliche Schuldfeststellung als auch die

Maßnahmebemessung angegriffen. Der Senat hat daher im Rahmen der Anschuldigung 107 Abs. 1 i.V.m. § 123 Satz 3 WDO) eigene Tat- und Schuldfeststellungen zu treffen, diese rechtlich zu würdigen und gegebenenfalls über

die angemessene Disziplinarmaßnahme zu befinden.

172. Die Berufung der Wehrdisziplinaranwaltschaft ist begründet. Der Soldat hat

ein schweres Dienstvergehen begangen und dadurch das in ihn gesetzte Vertrauen seines Dienstherrn endgültig zerstört, sodass diesem bei der gebotenen

objektiven Betrachtungsweise eine Fortsetzung des Dienstverhältnisses nicht

mehr zugemutet werden kann (vgl. die ständige Rechtsprechung des Senats,

zuletzt Urteil vom 14. November 2007 - BVerwG 2 WD 29.06 - Buchholz 450.2

§ 84 WDO 2002 Nr. 4 m.w.N.). Dies hat gemäß § 63 WDO die Entfernung des

Soldaten aus dem Dienstverhältnis zur Folge.

18a) Tatsächliche Feststellungen

Mit Anschuldigungsschrift vom 2. Oktober 2006 in der Fassung der Nachtragsanschuldigungsschrift vom 7. Mai 2007 wird dem Soldaten im Wesentlichen zur

Last gelegt, als S 4-Versorgungsoffizier im Zeitraum 15. Dezember 2003 bis

24. Mai 2005 in insgesamt 119 Fällen das von der Truppenverwaltung betrügerisch erlangte Bargeld - in der Summe 24 467,69 - für sich behalten, d.h. endgültig seinem Vermögen einverleibt zu haben. Dieser Anschuldigungssachverhalt ist bis auf den Vorwurf, der Soldat habe das gesamte Geld endgültig für

sich behalten, erwiesen:

19aa) Hinsichtlich des unmittelbaren Tatablaufs hat der Senat gemäß § 84 Abs. 1

Satz 1 WDO von dem im sachgleichen rechtskräftigen Strafurteil des Amtsgerichts U. vom 12. Januar 2006 bindend festgestellten und vom Soldaten auch

eingeräumten Sachverhalt auszugehen, der sich nach der in der Berufungshauptverhandlung ergänzend durchgeführten Beweisaufnahme im Wesentlichen wie folgt darstellt:

20In der Zeit zwischen dem 15. Dezember 2003 und dem 24. Mai 2005 legte der

Soldat als S 4-Versorgungsoffizier des …zentrums in D. in insgesamt 116

Fällen Rechnungen bzw. Lieferscheine der Firma K. in N. über Handkäufe von

Materialien für die Bundeswehr - jeweils von ihm unterschriftlich mit dem Vermerk „sachlich richtig“ versehen - der Zahlstelle der Truppenverwaltung vor. Zur

Tatausführung nutzte der Soldat insgesamt vier unterschiedliche Rechnungen

bzw. Lieferscheine der Firma über 154,30 €, 195,87 €, 207,45 und 214 €, die

er im Kopierverfahren vervielfältigt und handschriftlich mit einem neuen Datum

versehen hatte. Obwohl die Einkäufe für die Bundeswehr tatsächlich nicht stattgefunden hatten, vertraute die Truppenverwaltung auf die Richtigkeit der Angaben des Soldaten und zahlte ihm in den 116 Fällen insgesamt 22 667,69 bar

aus.

21Am 18. Mai, 20. Mai und 24. Mai 2005 ließ sich der Soldat von der Zahlstelle

der Truppenverwaltung unter dem Vorwand, er habe Handkäufe für die Bundeswehr (Toner, Kartuschen und Patronen, sonstiges Büromaterial) zu tätigen,

Vorschüsse über 400 €, 600 und 800 €, insgesamt 1 800 €, bar auszahlen.

Ohne die Einkäufe vorzunehmen oder das Geld zurückzugeben, behielt der

Soldat die Geldbeträge zunächst für sich. Erst am 8. Juni 2005, d.h. nach Entdeckung seines Fehlverhaltens - die erste Vernehmung des Soldaten in dieser

Sache war am 30. Mai 2005 erfolgt - zahlte dieser die 1 800 der Truppenverwaltung zurück.

22Den ergänzenden, geständigen Einlassungen des Soldaten zufolge, zuletzt in

der Hauptverhandlung vor dem Senat, hatte der Soldat in seinem Spind für

Sondervorhaben eine „schwarze Kasse“ angelegt; es habe sich dort immer Bar-

geld befunden. Er wisse, dass sein Verhalten nicht richtig gewesen sei. Er habe

die Beschaffung „entbürokratisieren“ wollen, was der Soldat in der Berufungshauptverhandlung an Beispielen erläutert hat. Sein „unbürokratisches Handeln“

sei im Interesse des Dienstbetriebes gewesen. Er habe helfen wollen. Es sei ja

Geld da gewesen, aber für andere Zwecke. Deshalb habe er auch die tatsächlichen Rechnungen und Kaufbelege der Zahlstelle nicht vorlegen können.

23bb) Ob der Soldat - wie angeschuldigt - das in 116 Fällen betrügerisch erlangte

Bargeld, insgesamt 22 667,69 €, endgültig für sich behalten hat, bedarf keiner

abschließenden Klärung. Der Soldat hat sich vor dem Amts- und Truppendienstgericht im Wesentlichen dahin eingelassen, er habe keinen Cent privat

behalten. Er habe auch niemandem Geld gegeben, sondern bei Bedarf Material

beschafft und im Bereich der Bundeswehr, z.B. der Kantine, Truppenverwaltung

sowie der Bundeswehr nahestehenden Organisationen, z.B. der Offizierheimgesellschaft, Kriegsgräberfürsorge, zukommen lassen. Dies sei aber schwierig

zu beweisen; es gebe keine Belege mehr.

24In der Berufungshauptverhandlung hat der Soldat ergänzend vorgebracht, er

habe verschiedenen Bereichen der Bundeswehr oder ihr nahestehenden Organisationen ohne eigenen Titel im Bundeswehrhaushalt (Gemeinschaft katholischer Soldaten, Panzerkameradschaft, Kriegsgräberfürsorge etc.) auf Wunsch

Dinge besorgt, auf die sie eigentlich keinen Anspruch gehabt hätten. Etwa ein

Drittel der Gesamtsumme sei an solche privatrechtlichen Organisationen geflossen. In der Hauptverhandlung vor dem Truppendienstgericht hätten nicht

alle Personen, die von ihm beschafftes Material bekommen hätten, als Zeugen

ausgesagt. U.a. habe eine Mitarbeiterin der Truppenverwaltung von ihm, entgegen den Ausstattungsvorschriften, einen Flachbildschirm bekommen. Von den

im April und Mai 2005 insgesamt erhaltenen ca. 6 700 habe er 1 800 Anfang Juni zurückerstattet. Von dem Restbetrag (etwa 4 900 €) habe er u.a. für

den S 6 eine Beamerbirne (ca. 800 €), Brenner, Laufwerke, Patchkabel und

Programme besorgt.

25Abweichend vom Vorbringen des Soldaten hatte das Amtsgericht U. in seinem

rechtskräftigen Strafurteil vom 12. Januar 2006 festgestellt, der Soldat habe das

erlangte Bargeld (nur) „zum größten Teil“ zur Beschaffung von Gegen-ständen

für einzelne Bereiche der Bundeswehr sowie für ihr nahestehende Organisationen verwendet, die über keine eigenen Haushaltstitel verfügt hätten oder für die

die Anschaffung der gewünschten Gegenstände nicht vorgesehen gewesen sei.

26Der Senat hat - anders als das Truppendienstgericht - davon abgesehen, sich

insoweit gemäß § 84 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 123 Satz 3 WDO von den Feststellungen im Strafurteil des Amtsgerichts U. zu lösen und dann eigene

- gegebenenfalls abweichende - Feststellungen zur tatsächlichen Verwendung

der vom Soldaten betrügerisch erlangten Gelder zu treffen. Dabei kann offenbleiben, ob hier überhaupt die Voraussetzungen für einen solchen Lösungsbeschluss vorgelegen hätten (vgl. dazu z.B. Urteil vom 7. November 2007

- BVerwG 2 WD 1.07 - BVerwGE 130, 12 <15 ff.> m.w.N.). Denn jedenfalls sind

Sachverhaltsaufklärungen zum tatsächlichen Verwendungszweck der Gelder

weder für die Feststellung des Dienstvergehens noch für die Bestimmung der

angemessenen Disziplinarmaßnahme entscheidungserheblich. Selbst wenn zu

Gunsten des Soldaten davon auszugehen sein sollte, dass dieser die durch

Betrug erlangten Gelder in Höhe von 22 667,69 letztlich für Einrichtungen der

Bundeswehr oder bundeswehrnahe Organisationen ausgegeben hat, hat der

Soldat die Verhängung der disziplinarischen Höchstmaßnahme verwirkt; dies

wird nachfolgend ausgeführt.

27b) Disziplinarrechtliche Würdigung

Durch das von den Anschuldigungspunkten 1 und 2 erfasste und für den Senat

bindend festgestellte innerdienstliche Fehlverhalten hat der Soldat als

S 4-Versorgungsoffizier, zuständig für Beschaffung, wiederholt seine Pflicht, der

Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen 7 SG) in Gestalt der Vermögenswahrungspflicht gegenüber dem Dienstherrn (vgl. dazu z.B. Urteil vom

6. Mai 2003 - BVerwG 2 WD 29.02 - BVerwGE 118, 161 = Buchholz 235.01

§ 107 WDO 2002 Nr. 1 = NZWehrr 2004, 31 m.w.N.) sowie in ihrer Ausprägung

als Pflicht zur Loyalität gegenüber der geltenden Rechtsordnung, vor allem zur

Beachtung der Strafgesetze (vgl. dazu z.B. Urteil vom 11. Juni 2008 - BVerwG

2 WD 11.07 - Buchholz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 26 m.w.N.) vorsätzlich ver-

letzt. Durch sein Fehlverhalten beging er in 119 tatmehrheitlichen Fällen Straftaten nach § 263 Abs. 1 StGB (Betrug). Dafür wurde er zu einer Freiheitsstrafe

rechtskräftig verurteilt. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz hat der Soldat

aber keine Urkundendelikte im Sinne des § 267 Abs. 1 StGB begangen. Insoweit wurde weder eine unechte Urkunde hergestellt noch eine echte Urkunde

verfälscht noch eine unechte oder verfälschte Urkunde zur Täuschung im

Rechtsverkehr gebraucht. Die von dem Soldaten bei der Zahlstelle der Truppenverwaltung eingereichten Handkaufnachweise waren als Kopien von Originalschreiben von der Truppenverwaltungsbeamtin N. als solche erkannt und

- im Tatzeitraum - akzeptiert worden. Die Kopien stammten vom Soldaten, der

jeweils ein neues Datum, den Vermerk „sachlich richtig“ und seine Unterschrift

hinzugefügt hatte. Es handelte sich nicht um Identitätstäuschungen, sondern

um „schriftliche Lügen“.

28Mit seinem Fehlverhalten hat der Soldat zugleich auch jeweils bewusst und gewollt, d.h. vorsätzlich gegen seine Pflicht nach § 13 Abs. 1 SG verstoßen, in

dienstlichen Angelegenheiten die Wahrheit zu sagen. Seine von ihm mittels der

kopierten, inhaltlich unrichtigen Nachweise abgegebenen Erklärungen mit dem

Inhalt, er habe ordnungsgemäß und berechtigt im dienstlichen Auftrag Handkäufe getätigt, für die Erstattungsansprüche bestünden, waren objektiv unwahr,

was er wusste. Ebenso wusste der Soldat in den letzten drei Fällen der Annahme von Vorschussgeldern (Anschuldigungspunkt 2) bereits im Zeitpunkt der

Antragstellung, dass er die angegebenen Handkäufe nicht tätigen werde.

Gleichwohl hat er in diesem Bewusstsein jeweils die objektiv unwahren Erklärungen abgegeben.

29Darüber hinaus hat der Soldat durch seine Betrügereien gegenüber dem

Dienstherrn auch seine Pflicht zu achtungs- und vertrauenswürdigem Verhalten

im Dienst 17 Abs. 2 Satz 1 SG) vorsätzlich verletzt. Diese Vorschrift findet im

Falle des gleichzeitigen Verstoßes gegen andere Dienstpflichten zwar nur dann

Anwendung, wenn das Verhalten nicht nur der anderen Pflichtverletzungen wegen ansehensschädigend wirkt. Dem festgestellten Verhalten muss vielmehr

unabhängig von dem anderweitigen Pflichtenverstoß bereits die Eignung zur

Ansehens- oder Vertrauensschädigung innewohnen. Die Vorschrift stellt allein

auf diese Eignung ab. Achtungs- und Vertrauenswürdigkeit eines Soldaten können durch sein Verhalten aber schon dann Schaden nehmen, wenn dieses

Zweifel an seiner Redlichkeit und Zuverlässigkeit weckt oder seine Eignung für

die jeweilige Verwendung in Frage stellt (vgl. z.B. Urteil vom 13. März 2008

- BVerwG 2 WD 6.07 - Buchholz 449 § 10 SG Nr. 59 = NZWehrr 2009, 33

m.w.N., stRspr). Letzteres ist hier der Fall. Der Soldat hat in der herausgehobenen Position eines Hauptmanns und S 4-Versorgungsoffiziers über eineinhalb

Jahre wiederholt bewusst und gewollt in krimineller Weise das Vermögen der

Bundeswehr geschädigt.

30c) Bemessung der Disziplinarmaßnahme

Durch die vorsätzliche Verletzung seiner Dienstpflichten gemäß § 7 SG i.V.m.

§ 263 Abs. 1 StGB, § 13 Abs. 1 und § 17 Abs. 2 Satz 1 SG hat der Soldat ein

sehr schweres Dienstvergehen im Sinne des § 23 Abs. 1 SG begangen, das

den Ausspruch der disziplinarischen Höchstmaßnahme - Entfernung aus dem

Dienstverhältnis - erforderlich macht.

31Bei der Bemessung der Disziplinarmaßnahme ist von der von Verfassungs wegen allein zulässigen Zwecksetzung des Wehrdisziplinarrechts auszugehen.

Diese besteht ausschließlich darin, dazu beizutragen, einen ordnungsgemäßen

Dienstbetrieb wiederherzustellen und/oder aufrechtzuerhalten („Wiederherstellung und Sicherung der Integrität, des Ansehens und der Disziplin in der Bundeswehr“, vgl. dazu Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O. m.w.N.). Bei Art und Maß

der Disziplinarmaßnahme sind nach § 58 Abs. 7 i.V.m. § 38 Abs. 1 WDO Eigenart und Schwere des Dienstvergehens und seine Auswirkungen, das Maß

der Schuld, die Persönlichkeit, die bisherige Führung und die Beweggründe des

Soldaten zu berücksichtigen.

32aa) Eigenart und Schwere eines Dienstvergehens bestimmen sich nach dem

Unrechtsgehalt der Verfehlung, d.h. nach der Bedeutung der verletzten Dienstpflichten. Danach wiegt das Dienstvergehen des Soldaten sehr schwer.

33

Der Schwerpunkt seiner Verfehlung liegt in der Verletzung seiner Pflicht zum

treuen Dienen 7 SG). Der besondere Unrechtsgehalt des Dienstvergehens

ergibt sich vor allem daraus, dass der Soldat in seiner Funktion als S 4-

Versorgungsoffizier im Rahmen seiner dienstlichen Kernpflichten kriminelles

Unrecht im Sinne des § 263 Abs. 1 StGB begangen und wegen Betruges in 119

tatmehrheitlichen Fällen rechtskräftig zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von neun

Monaten verurteilt worden ist. Die Pflicht zum treuen Dienen 7 SG) ist gerade

auch bei solchen dienstlichen Vorgängen, die erfahrungsgemäß schwer kontrolliert werden können, von besonderer Bedeutung. Beim Umgang mit Geld und

Gut ist die Bundeswehr auf die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ihrer Soldaten in

hohem Maße angewiesen. Dies gilt gerade auch für das Beschaffungswesen

der Streitkräfte, das wie jede Ausgabentätigkeit der Verwaltung zudem vom

Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit geprägt ist (vgl. dazu § 34

Abs. 2 Satz 1 BHO). Erfüllt ein S 4-Versorgungsoffizier im Kernbereich seines

Dienstpostens diese zentralen dienstlichen Pflichten nicht, so erschüttert er das

Vertrauensverhältnis zu seinem Dienstherrn nachhaltig und begründet schwerste Zweifel an seiner Zuverlässigkeit und persönlichen Integrität. Ein solches

Fehlverhalten, für das auch die Allgemeinheit kein Verständnis hat, bedarf einer

nachdrücklichen, nach außen sichtbaren Disziplinarmaßnahme (vgl. dazu auch

Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O.).

34Der Dienstposten des Soldaten beinhaltete zentrale Funktionen auf dem Gebiet

der Material- und Bestandsnachweisführung sowie der dezentralen Beschaffung. Beschaffungsmaßnahmen gehörten zu seinen Kernaufgaben als S 4-

Versorgungsoffizier. In diesem Kernbereich hat der Soldat immer wieder elementare Grundsätze des Haushalts- und Beschaffungswesens - die Unantastbarkeit und jederzeitige Nachweisbarkeit dienstlich verausgabter Gelder - vorsätzlich verletzt. Zudem hat er insoweit einen schweren Haushaltsverstoß begangen, als er eine „schwarze Kasse“ eingerichtet hat. Durch das Anlegen einer

„schwarzen Kasse“ werden öffentliche Mittel der geordneten Haushaltsführung

und -kontrolle vorenthalten, was zur „Verschleuderung von Steuergeldern“ beiträgt. Ein solches Fehlverhalten ist, insbesondere bei erhöhter haushaltsrechtlicher Verantwortung, von besonderem Gewicht. Dabei ist es nicht entscheidend,

ob die Gelder der „schwarzen Kasse“ für bereits vorhandene oder erst künftig

erwartete Bedürfnisse eingesetzt werden. Eine eigennützige Verfügung über

Mittel in einer „schwarzen Kasse“, die aus Geldern des Dienstherrn gebildet

worden ist, führt - schon für sich gesehen - regelmäßig zur Entfernung aus dem

Dienstverhältnis (vgl. für das Beamtendisziplinarrecht, Urteil vom 6. September

1989 - BVerwG 1 D 50.88 - NVwZ-RR 1990, 152 f.).

35Eigenart und Schwere des vorliegenden Dienstvergehens sind zudem dadurch

gekennzeichnet, dass es sich nicht nur um ein einmaliges Fehlverhalten gehandelt hat, sondern der Soldat über eineinhalb Jahre in 116 Fällen der Truppenverwaltung bewusst inhaltlich unrichtige Nachweise vorgelegt und in drei

weiteren Fällen unwahre Angaben gemacht hat, um so fortlaufend vermögensschädigende Auszahlungen zu bewirken. Ein Soldat, der gegenüber Vorgesetzten und Dienststellen der Bundeswehr in dienstlichen Angelegenheiten unwahre

Erklärungen abgibt, büßt hierdurch allgemein seine Glaubwürdigkeit ein (vgl.

dazu u.a. Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O. m.w.N.) und beschädigt diese schwerwiegend. Die Bedeutung der Wahrheitspflicht 13 Abs. 1 SG) kommt schon

darin zum Ausdruck, dass diese - anders als z.B. bei Bundesbeamten - für Soldaten gesetzlich ausdrücklich geregelt ist. Eine militärische Einheit kann nicht

ordnungsgemäß geführt werden, wenn sich die Führung und die Vorgesetzten

nicht auf die Richtigkeit abgegebener Meldungen, Erklärungen und Aussagen

Untergebener verlassen können. Denn auf ihrer Grundlage müssen im Frieden

und erst recht im Einsatzfalle gegebenenfalls Entschlüsse von erheblicher

Tragweite gefasst werden (stRspr, vgl. u.a. Urteil vom 11. Juni 2008 a.a.O.

m.w.N.). Wer als S 4-Versorgungsoffizier in Erklärungen gegenüber der Truppenverwaltung, also in dienstlichem Zusammenhang, vorsätzlich unrichtige Angaben macht, lässt unmissverständlich erkennen, dass seine Bereitschaft zur

Erfüllung der Wahrheitspflicht nicht im gebotenen Umfang vorhanden ist. Eine

solche Dienstpflichtverletzung und die daraus folgende Beschädigung seiner

persönlichen Integrität haben damit erhebliche Bedeutung für die militärische

Verwendungsfähigkeit des Soldaten.

36Auch die Verletzung der Pflicht zu achtungs- und vertrauenswürdigem Verhalten im Dienst 17 Abs. 2 Satz 1 SG) wiegt schwer. Die Pflicht zur Wahrung

von Achtung und Vertrauen ist kein Selbstzweck, sondern hat funktionalen Be-

zug zur Erfüllung des grundgesetzmäßigen Auftrages der Streitkräfte und zur

Gewährleistung des militärischen Dienstbetriebs. Ein Soldat, insbesondere ein

Vorgesetzter, bedarf der Achtung seiner Kameraden und Untergebenen sowie

des Vertrauens seiner Vorgesetzten, um seine Aufgaben so zu erfüllen, dass

der gesamte Ablauf des militärischen Dienstes gewährleistet ist. Dabei kommt

es nicht darauf an, ob gegebenenfalls eine ernsthafte Beeinträchtigung der Achtungs- und Vertrauenswürdigkeit tatsächlich eingetreten ist, sondern nur darauf,

ob das festgestellte Verhalten dazu geeignet war (stRspr, z.B. Urteil vom

19. April 2007 - BVerwG 2 WD 7.06 - Buchholz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 21).

37Eigenart und Schwere des Dienstvergehens werden im vorliegenden Fall

schließlich auch dadurch bestimmt, dass der Soldat aufgrund seines Dienstgrades als Hauptmann in einem Vorgesetztenverhältnis stand 1 Abs. 5 SG a.F.

i.V.m. § 4 Abs. 2 und Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sowie Abs. 3 VorgV). Soldaten in Vorgesetztenstellung obliegt eine erhöhte Verantwortung für die Wahrung dienstlicher Interessen (stRspr, vgl. u.a. Urteil vom 16. Oktober 2002 - BVerwG 2 WD

23.01, 32.02 - BVerwGE 117, 117 = Buchholz 236.1 § 13 SG Nr. 9). Wegen seiner herausgehobenen Stellung ist ein Vorgesetzter in besonderem Maße für die

ordnungsgemäße Erfüllung seiner Dienstpflichten verantwortlich und unterliegt

damit im Falle einer Pflichtverletzung einer verschärften Haftung, da Vorgesetzte in ihrer Haltung und Pflichterfüllung ein Beispiel geben sollen 10

Abs. 1 SG). Dabei ist nicht erforderlich, dass es der Soldat bei seinem Fehlverhalten innerhalb eines konkreten Vorgesetztenverhältnisses an Beispielhaftigkeit hat fehlen lassen. Es reicht das Innehaben einer Vorgesetztenstellung aufgrund des Dienstgrades aus.

38bb) Die Auswirkungen des Fehlverhaltens für den dienstlichen Bereich belasten

den Soldaten in mehrfacher Hinsicht erheblich. Durch sein Dienstvergehen war

der Bundeswehr vorübergehend ein hoher Vermögensschaden von über

24 000 entstanden. Nur ein Teilbetrag von 1 800 ist bislang erstattet worden; erst jetzt - nach rechtskräftigem Abschluss des Disziplinarverfahrens - wird

geprüft werden, in welchem Umfang der Soldat zum Schadenersatz herangezogen werden kann. Ein Schadensausgleich ist auch nicht dadurch eingetreten,

dass der Soldat von dem Bargeld teilweise Materialien beschafft hat, die mittel-

bar der Bundeswehr wieder zugute gekommen sind. Die Stärke- und Ausrüstungsnachweisung (StAN) der Bundeswehr bestimmt unter anderem, welches

Material (z.B. Fahrzeuge, Ausrüstungen und Verbrauchsmaterialien) in den

Dienststellen, Einheiten und Verbänden als planmäßige Ausstattung festgelegt

ist. Durch die einschlägigen Haushaltsvorschriften, nach denen zu beschaffende Materialien in den StAN-Listen vorgesehen sein müssen, hat der Dienstherr

zugleich zum Ausdruck gebracht, dass weiteres Material für die Aufrechterhaltung des Dienstbetriebes nicht zur Verfügung gestellt werden soll. Der Soldat

war nicht befugt, sich im vermeintlichen dienstlichen Interesse über diese Anordnungen nach eigenem Gutdünken hinwegzusetzen.

39Ferner hatte das Fehlverhalten für die Personalplanung und -führung insoweit

negative Auswirkungen, als der Soldat als Hauptmann und S 4-Offizier mit Verfügung vom 7. November 2005 vorläufig des Dienstes enthoben wurde und bis

zur Aufhebung der Verfügung am 17. Dezember 2007 insgesamt über zwei

Jahre keinen Dienst leistete. Die damit verbundenen nachteiligen Folgen für

den Dienstbetrieb muss sich der Soldat zurechnen lassen. Auch das Bekanntwerden seiner Verfehlungen bei den mit der Strafverfolgung und Durchführung

des Strafverfahrens befassten Personen ist zu seinen Lasten zu berücksichtigen, da der Vorfall bei Außenstehenden ein schlechtes Licht auf den Ruf der

Bundeswehr und ihrer Angehörigen geworfen hat.

40cc) Da zu Gunsten des Soldaten - entsprechend seinen Einlassungen - davon

ausgegangen wird, dass dieser mit dem betrügerisch erlangten Bargeld Materialien für den Bundeswehrbereich und für bundeswehrnahe privatrechtliche Organisationen besorgt hat, war sein Handeln maßgebend davon bestimmt, sich

selbst den Dienst zu erleichtern - „Entbürokratisierung“ der Beschaffung - und

sein Ansehen und seinen Ruf als „Organisationstalent“ bei Vorgesetzten, Kameraden und Dritten zu steigern. Er handelte damit - zumindest ideell - eigennützig. Soweit er meint, dabei letztlich immer „im dienstlichen Interesse“ gehandelt zu haben, ist dies rechtsirrig. Sein Verhalten entsprach jedenfalls nicht der

objektiv vorgegebenen Ausstattungs- und Haushaltslage und verletzte seine

dienstlichen Kernpflichten.

41dd) Das Maß der Schuld des Soldaten wird vor allem dadurch bestimmt, dass

er vorsätzlich gehandelt hat. Hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass er zur

Tatzeit im Sinne des § 21 StGB erheblich vermindert schuldfähig gewesen sein

könnte, sind nicht ersichtlich und werden auch nicht geltend gemacht.

42Milderungsgründe in den Umständen der Tat, die die Schuld des Soldaten mindern könnten, sind ebenfalls nicht erkennbar. Sie wären nach der ständigen

Rechtsprechung des Senats (vgl. z.B. Urteil vom 23. September 2008

- BVerwG 2 WD 18.07 - m.w.N.) nur dann gegeben, wenn die Situation, in der

der Soldat versagt hat, von so außergewöhnlichen Besonderheiten gekennzeichnet war, dass ein an normalen Maßstäben orientiertes Verhalten nicht

mehr erwartet und daher auch nicht vorausgesetzt werden konnte. Dazu hat der

Senat in seiner gefestigten Rechtsprechung verschiedene - nicht abschließende - Fallgruppen entwickelt, z.B. ein Handeln in einer ausweglos erscheinenden, unverschuldeten wirtschaftlichen Notlage, die auf andere Weise nicht zu

beheben war, ein Handeln unter schockartig ausgelöstem psychischen Zwang

oder unter Umständen, die es als unbedachte, im Grunde persönlichkeitsfremde Augenblickstat eines ansonsten tadelfreien und im Dienst bewährten Soldaten erscheinen lassen, sowie ein Handeln in einer körperlichen oder seelischen

Ausnahmesituation (vgl. u.a. Urteil vom 23. September 2008 a.a.O. m.w.N.,

stRspr).

43Ausreichende Anhaltspunkte dafür, dass die Voraussetzungen eines solchen

Milderungsgrundes im Tatzeitraum (Dezember 2003 bis Mai 2005) vorgelegen

haben, sind nicht ersichtlich. Dies gilt insbesondere für ein mögliches Handeln

in einer wirtschaftlichen Notlage. Zwar war der Soldat schon damals mit

ca. 100 000 hoch verschuldet und hatte zum Leben monatlich nur ca. 800 bis

900 zur Verfügung. Nach eigenen Angaben kam und kommt er damit aber

einigermaßen aus. Im Übrigen macht der Soldat ein Handeln in wirtschaftlicher

Notlage auch nicht geltend. Dies ist insoweit folgerichtig, als er bestreitet, sich

Geld der Truppenverwaltung privat zugeeignet zu haben.

44Der Soldat kann sich auch nicht mit Erfolg auf andere, von der Rechtsprechung

über die drei genannten „klassischen Milderungsgründe“ hinaus entwickelte

mildernde Umstände berufen. So sah sich der Soldat bei seinem Fehlverhalten

nicht unverschuldet einer außergewöhnlichen situationsgebundenen Erschwernis gegenüber (vgl. dazu z.B. Urteil vom 17. September 2003 - BVerwG 2 WD

49.02 - Buchholz 235.01 § 38 WDO 2002 Nr. 12 m.w.N.). Eine solche „Erschwernislage“ kann insbesondere nicht darin gesehen werden, dass der Soldat - wie er vorträgt - von Vorgesetzten und/oder anderen Kameraden immer

wieder gebeten worden sein soll, Materialien zu beschaffen, die nach den

Haushaltsbestimmungen und der StAN nicht zur planmäßigen Ausstattung der

Dienststellen, Einheiten und Verbände gehörten. Gerade in seiner Funktion als

S 4-Versorgungsoffizier war der Soldat verpflichtet, sich an die Beschaffungsvorschriften zu halten und ihnen widersprechenden Anforderungen und Wünschen, auch soweit sie von Vorgesetzten geäußert worden sein sollten, entschieden entgegenzutreten. Dies war ihm aufgrund seiner Dienststellung als

S 4-Offizier im Rang eines Hauptmanns auch möglich und zumutbar.

45Zudem gibt es auch keine hinreichenden Anhaltspunkte für ein den Soldaten

entlastendes Mitverschulden von Vorgesetzten, etwa im Hinblick auf eine möglicherweise unzureichende Wahrnehmung der Dienstaufsicht (vgl. dazu z.B. Urteil vom 17. September 2003 a.a.O. m.w.N.). Zwar hat sich der Soldat in der

Hauptverhandlung vor dem Senat u.a. dahin eingelassen, „man“ habe seine

Vorgehensweise geduldet. Bei der monatlichen Prüfung hätte es auffallen müssen, dass er über den Titel „Büromaterial“ Geräte abgerechnet habe, die dort

nicht hineingepasst hätten. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass der Soldat

gerade keine Rechnungen und/oder Lieferscheine vorgelegt hat, aus denen

sich ergeben hätte, was er tatsächlich jeweils angeschafft hatte. Dessen ungeachtet vermag sich der Soldat auf ein mögliches Mitverschulden von Vorgesetzten wegen fehlender oder ungenügender Kontrollmaßnahmen auch deshalb

nicht zu berufen, weil er die Lage zielgerichtet ausgenutzt hat (vgl. dazu Urteil

vom 13. Februar 2008 - BVerwG 2 WD 9.07 - Buchholz 450.2 § 58 WDO 2002

Nr. 4; Wilhelm, ZBR 2009, 158 <159>). Mittels seiner besonderen Kenntnisse

und Befugnisse als S 4-Versorgungsoffizier legte er über einen Zeitraum von

etwa eineinhalb Jahren in 116 Fällen bewusst unwahre Handkaufnachweise bei

der Zahlstelle der Truppenverwaltung vor und ließ sich in drei weiteren Fällen

zu Unrecht Vorschüsse auszahlen. Zudem richtete er eine „schwarze Kasse“

ein. Er handelte wohlüberlegt und planmäßig mit dem Ziel, die Beschaffung zu

„entbürokratisieren“. Er bedurfte insoweit keiner Aufklärung über die ihm obliegenden Dienstpflichten. Auch wenn sein Fehlverhalten bei einer gründlicheren

Kontrolle schon zu einem früheren Zeitpunkt hätte auffallen müssen, kann dieser Umstand den Soldaten nicht entlasten. Die Truppenverwaltung konnte und

musste grundsätzlich davon ausgehen, dass er als Hauptmann und S 4-Offizier

wahrheitsgemäße Angaben macht, d.h. gegenüber seinem Dienstherrn insoweit

nicht straffällig wird.

46Schließlich kommt dem Soldaten auch nicht der Milderungsgrund der freiwilligen Wiedergutmachung des Schadens vor Tatentdeckung zugute. Nach ständiger Rechtsprechung des Senats (vgl. z.B. Urteil vom 6. Mai 2003 - BVerwG

2 WD 29.02 - BVerwGE 118, 161 = Buchholz 235.01 § 107 WDO 2002 Nr. 1 =

NZWehrr 2004, 31) kann zwar die freiwillige, vor Entdeckung der Tat erfolgte,

nicht durch die Furcht vor konkreter Entdeckung bestimmte Wiedergutmachung

des durch das Fehlverhalten eines bisher unbescholtenen Soldaten dem

Dienstherrn zugefügten materiellen Schadens einen Milderungsgrund darstellen. Diese Voraussetzungen sind hier jedoch aus mehreren Gründen nicht erfüllt. Der bereits disziplinarisch vorbelastete Soldat ist nicht unbescholten. Es

fehlt auch an einer Schadenswiedergutmachung vor Tatentdeckung. Die erste

Vernehmung des Soldaten in dieser Sache war am 30. Mai 2005 erfolgt; zur

Sache hat er damals nicht ausgesagt. Erst am 8. Juni 2005 hat der Soldat die

offenen Handkäufe vom 18., 20. und 24. Mai 2005 (Anschuldigungspunkt 2)

durch Erstattung der 1 800 ausgeglichen. Ein weiterer Schadensausgleich ist

bislang nicht erfolgt. Aber selbst wenn man in der Verwendung von etwa zwei

Dritteln der Gelder für „Bundeswehr-Zwecke“ eine rechtzeitige Schadenswiedergutmachung sehen sollte, fehlte es insoweit jedenfalls am Merkmal der

Freiwilligkeit. Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats (vgl. z.B. Urteil

vom 9. März 1995 - BVerwG 2 WD 1.95 - BVerwGE 103, 217 <218> = Buchholz 236.1 § 7 SG Nr. 2 = NZWehrr 1995, 161) liegt eine freiwillige Schadenswiedergutmachung nur dann vor, wenn sie ohne äußeren oder inneren zwingenden Anlass erfolgt und wenn das Verhalten des Soldaten erkennbar von

Einsicht und Reue bestimmt ist, sodass deswegen das an sich zerstörte Vertrauen des Dienstherrn in die Zuverlässigkeit und Treuebereitschaft des Solda-

ten wiederhergestellt werden kann (objektiv nachträgliche Prognose). Ein solcher Fall ist hier aber gerade nicht gegeben. Die Anschaffungen erfolgten nicht

aus Einsicht und Reue. Sie gehörten vielmehr zum System des Soldaten „entbürokratisierter Beschaffung“.

47ee) Die vom Soldaten erbrachten dienstlichen Leistungen lagen ausweislich der

vom Senat anhand der bei den Akten befindlichen und in die Berufungshauptverhandlung eingeführten dienstlichen Beurteilungen (zuletzt vom 25. März

2002 und 22. Februar 2008) leicht oberhalb des mittleren Bereichs. Der derzeitige, in der Hauptverhandlung vor dem Senat angehörte Disziplinarvorgesetzte

des Soldaten, Oberstleutnant R., hat den Soldaten allerdings als „die Stütze

schlechthin“ bezeichnet; er erbringe eine beeindruckende exzellente Leistung.

Der Leumundszeuge hat auch den sehr positiven Beurteilungsbeitrag des

Kommandanten …depot N., Oberstleutnant N., vom 18./22. September 2008 -

vom Soldaten in der Hauptverhandlung überreicht -, bestätigt. In diesem Beurteilungsbeitrag wird dem Soldaten ein sehr hoher Durchschnittswert der Aufgabenerfüllung („6,80“) zuerkannt.

48Allerdings lassen frühere Beurteilungen des Soldaten indirekt erkennen, dass er

es mit der Einhaltung dienstlicher Vorschriften bereits damals nicht immer sehr

genau nahm. So kommt etwa in der Beurteilung vom 25. März 2002 zum Ausdruck, dass sich der Soldat „schnell“ und „unbürokratisch“ besonders in prekären Situationen vorrangig um die Beschaffung „schwer beschaffbarer“ Versorgungsartikel kümmere. Er sei ein „Mann der Praxis“. Diesen Eindruck vom Persönlichkeitsbild des Soldaten hat Oberstleutnant Rü., damals Stellvertreter des

Leiters des …zentrums in D. und Vorgesetzter des Soldaten, als Zeuge in der

Berufungshauptverhandlung bestätigt. Der Soldat sei ein „guter S 4“ gewesen,

der „besorgt und beschafft“ habe. Das „Organisationstalent“ des Soldaten war

erkennbar mit seiner ungenügend ausgeprägten Bereitschaft verbunden, „unzulässigen Beschaffungswünschen“ entschieden entgegenzugetreten und erforderlichenfalls gegenüber unzulässigen Beschaffungsbegehren auch nein zu

sagen. Das muss von einem S 4-Versorgungsoffizier und Hauptmann aber verlangt werden, auch wenn er deshalb - zu Unrecht - vielleicht abwertend als „Bedenkenträger“ oder „Formalist“ bezeichnet wird. Diese entscheidende

Schwachstelle im Persönlichkeitsbild des Soldaten ist auch in der Aussage des

Leumundszeugen Oberst M., damals Disziplinarvorgesetzter des Soldaten,

deutlich geworden. Der Zeuge hat vor dem Senat wiederholt zu erkennen gegeben, dass der damalige Kommandeur des …regiments …, Oberst K., der den

Soldaten als S 4-Offizier sehr geschätzt habe, oft sehr „fordernd“ aufgetreten

sei. Er, der Zeuge, könne sich vorstellen, dass der Soldat dem Kommandeur

nicht habe die „Stirn bieten“ können.

49Den Soldaten belastet ferner erheblich, dass er sich die disziplinargerichtliche

Degradierung zum Oberleutnant (2001/2002) wegen eines außerdienstlichen

Betruges nicht hat zur Warnung dienen lassen. In seinem Berufungsurteil vom

11. Juli 2002 (Urteilsabdruck Seite 24) hatte der Senat den Soldaten zudem

ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, er müsse sich bewusst sein, „dass

er bei einem schwerwiegenden Verstoß gegen seine Dienstpflichten unter Umständen seinen Dienstgrad und seine Dienststellung in der Bundeswehr sowie

die Höhe der Alimentation aufs Spiel setzt“. Dieser Hinweis hat den Soldaten

offensichtlich nicht sehr beeindruckt. Bereits knapp 17 Monate später, im Dezember 2003 begann er als S 4-Versorgungsoffizier mit seinem betrügerischen

Handeln gegenüber der Zahlstelle der Truppenverwaltung, das Gegenstand des

vorliegenden Verfahrens ist.

50ff) Aufgrund der gebotenen Gesamtwürdigung des schuldhaften Fehlverhaltens

des Soldaten und der dafür erforderlichen Abwägung aller be- und entlastenden

Umstände ist im Hinblick auf Eigenart und Schwere des Dienstvergehens, das

Maß der Schuld sowie die Persönlichkeit und bisherige Führung des Soldaten

nach Auffassung des Senats der Ausspruch seiner Entfernung aus dem Dienstverhältnis unabweislich.

51(1) Die Verhängung der disziplinarischen Höchstmaßnahme in Gestalt der Entfernung aus dem Dienstverhältnis 63 WDO) ist dann geboten, wenn der Soldat durch ein schweres Dienstvergehen das in ihn gesetzte Vertrauen seines

Dienstherrn endgültig verloren hat, sodass diesem bei objektiver Betrachtung

eine Fortsetzung des Dienstverhältnisses nicht mehr zugemutet werden kann.

Die Frage nach der erforderlichen fortbestehenden Vertrauenswürdigkeit eines

Soldaten beantwortet sich dabei schon aus Gründen der Gleichbehandlung

(Art. 3 Abs. 1 GG) sowie im Interesse der rechtsstaatlich gebotenen Voraussehbarkeit der Disziplinarmaßnahme ausschließlich nach den vom Wehrdienstgericht festgestellten objektiven Bemessungsgesichtspunkten, hängt also z.B.

nicht von den Erwägungen der Einleitungsbehörde oder der mitunter eher

pragmatischen Einschätzung der unmittelbaren oder früheren Disziplinarvorgesetzten ab. Ob das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und persönliche Integrität

des betroffenen Soldaten erschüttert oder gar zerstört ist, ist allein nach einem

objektiven Maßstab, also aus der Perspektive eines objektiv und vorurteilsfrei

den Sachverhalt betrachtenden Dritten, nach der Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der wehrdienstgerichtlichen Entscheidung zu beurteilen (stRspr, vgl. dazu

insgesamt z.B. Urteile vom 14. November 2007 - BVerwG 2 WD 29.06 - Buchholz 450.2 § 84 WDO 2002 Nr. 4 und vom 4. März 2009 - BVerwG 2 WD

10.08 - Veröffentlichung in Buchholz vorgesehen>, jeweils m.w.N.). Auf die

Äußerungen der Leumundszeugen Oberst M. und Oberstleutnant R. in der Berufungshauptverhandlung zum ihrer Meinung nach fortbestehenden Vertrauen

in den Soldaten kommt es folglich nicht entscheidend an.

52Nach den genannten Grundsätzen ist die Entfernung des Soldaten aus dem

Dienstverhältnis Ausgangspunkt der Zumessungserwägungen:

53Vergreift sich ein Soldat in Vorgesetztenstellung vorsätzlich an Eigentum oder

Vermögen seines Dienstherrn, so indiziert ein solches schweres Fehlverhalten

nach der neueren Senatsrechtsprechung (vgl. z.B. Urteil vom 13. Februar 2008

a.a.O. m.w.N.) regelmäßig eine Dienstgradherabsetzung. Diese erste Einstufung des Dienstvergehens gilt auch bei vorsätzlich versuchter oder vollendeter

Schädigung bzw. Gefährdung des Vermögens des Dienstherrn durch Betrug

(vgl. z.B. Urteil vom 11. Juni 2008 - BVerwG 2 WD 11.07 - Buchholz 450.2 § 38

WDO 2002 Nr. 26 m.w.N.). Erfolgt jedoch der vorsätzliche Zugriff im Bereich

der dienstlichen Kernpflichten des Soldaten (z.B. Entwendung „anvertrauten“

dienstlichen Geldes