Urteil des BVerwG vom 25.07.2013, 2 C 63.11

Entschieden
25.07.2013
Schlagworte
Grundsatz der Gleichbehandlung, Gerichtshof für Menschenrechte, Ablauf der Frist, Disziplinarverfahren, Mildernde Umstände, Erschwerender Umstand, Dienstliches Verhalten, Mildernder Umstand, Beamtenverhältnis, Strafrechtliche Anklage
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 2 C 63.11 VGH 16b D 08.314

Verkündet am 25. Juli 2013

Melzer als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 25. Juli 2013 durch die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Heitz und Dr. von der Weiden, die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Thomsen und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Hartung und Dr. Kenntner

für Recht erkannt:

Die Urteile des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom 22. September 2010 und des Verwaltungsgerichts Ansbach vom 6. Dezember 2004 werden aufgehoben.

Der Beklagte wird in das Amt eines Polizeiobermeisters (Besoldungsgruppe A 8 BBesO) versetzt.

Die Kosten des Verfahrens werden gegeneinander aufgehoben.

G r ü n d e :

I

1Der 1958 geborene Beklagte steht als Polizeihauptmeister im Dienst der Klägerin. Mit rechtskräftigem Urteil vom 17. April 2002 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er hatte am 13. Mai 2001 außerdienstlich vor seinem Anwesen

zwei Personen wegen ihres Fahrverhaltens zur Rede gestellt, beleidigt und mit

der nicht geladenen Waffe bedroht. Das sachgleiche Disziplinarverfahren wurde

im Hinblick auf das Strafurteil mit Verfügung vom 26. Juni 2002 unter Feststellung einer an sich verwirkten langfristigen Kürzung der Dienstbezüge wegen

Maßnahmeverbots eingestellt.

2Gegenstand der Disziplinarklage ist der durch Urteil vom 19. März 2003 rechtskräftig festgestellte Sachverhalt, nach dem der Beklagte am 4. Dezember 2002

einen 50-€-Schein aus der Geldbörse eines Kollegen in der Absicht, diesen für

sich zu behalten, entnahm. Die Geldbörse mit weiterem Bargeld befand sich im

unverschlossenen Aktenkoffer des Kollegen, den dieser im Umkleideraum sei-

ner Hundertschaft abgestellt hatte. Der Beklagte wurde wegen des Diebstahls

zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt; die Strafaussetzung zur Bewährung aus dem Urteil vom 17. April 2002 wurde nicht widerrufen.

3Im sachgleichen Disziplinarklageverfahren hat das Verwaltungsgericht mit Urteil

vom 6. Dezember 2004 den Beklagten um zwei Ämter in das Eingangsamt eines Polizeimeisters zurückgestuft. Das Berufungsgericht hat den Beamten mit

Beschluss vom 10. November 2006 aus dem Beamtenverhältnis entfernt. Das

Bundesverwaltungsgericht hat diese Entscheidung durch Urteil vom 25. Oktober 2007 - BVerwG 2 C 43.07 - aufgehoben und die Sache zur Verhandlung

und erneuten Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Das

Berufungsgericht habe nicht ohne mündliche Verhandlung entscheiden dürfen,

weil § 130a VwGO im Disziplinarklageverfahren nicht anwendbar sei. Zudem

weise die Maßnahmebemessung Rechtsfehler auf.

4Mit dem angegriffenen Urteil hat das Berufungsgericht den Beamten aus dem

Dienst entfernt. Zur Begründung hat es im Wesentlichen ausgeführt:

5Der Kollegendiebstahl ziehe im Falle der Geringwertigkeit des entwendeten Betrags nach seiner Schwere im Regelfall eine Zurückstufung nach sich. Weitere

anerkannte Milderungsgründe oder sonstige mildernde Umstände von insgesamt vergleichbarem Gewicht lägen nicht vor. Demgegenüber falle erschwerend ins Gewicht, dass der Beklagte sich das vorhergehende Disziplinarverfahren und die strafgerichtliche Verurteilung nicht zur Warnung habe dienen lassen. Ein Beamter, der der Versuchung nicht widerstehen könne, eine zufällig

unbewachte und unverschlossene Tasche eines Kollegen zu öffnen und aus

dem darin vorgefundenen Geldbeutel Geld zu entwenden, und sich eine zeitnah

vorangegangene Bestrafung bei noch laufender Bewährungsfrist nicht zur abschreckenden Warnung dienen lasse, sei nicht mehr tragbar.

6Hiergegen wendet sich der Beklagte mit der Revision. Er beantragt,

die Urteile des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom 22. September 2010 und des Verwaltungsgerichts

Ansbach vom 6. Dezember 2004 aufzuheben und eine mildere Disziplinarmaßnahme zu bestimmen.

7Die Klägerin beantragt,

die Revision zurückzuweisen.

II

8Die Revision des Beklagten ist begründet. Das Berufungsurteil verletzt Bundesrecht, nämlich § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4, Abs. 2 Satz 1 BDG 69 BDG, § 137

Abs. 1 Nr. 1 VwGO). Der Senat macht nach Anhörung der Verfahrensbeteiligten

von der ihm gesetzlich eröffneten Möglichkeit Gebrauch, die Disziplinarmaßnahme auf der Grundlage des vom Berufungsgericht festgestellten Sachverhalts abschließend zu bestimmen 70 Abs. 1, § 65 Abs. 1 Satz 1, § 60 Abs. 2

BDG).

9Das Revisionsgericht hat bei der Anwendung des revisiblen Rechts auf den

festgestellten Sachverhalt 137 Abs. 2 VwGO, § 69 BDG) grundsätzlich dieselben Befugnisse und Entscheidungsmöglichkeiten, die das Berufungsgericht

im Falle einer Zurückverweisung hätte. Das Bundesdisziplinargesetz enthält

insoweit, anders als etwa § 82 Abs. 3 Satz 2 DRiG, keine Einschränkungen.

Vielmehr gilt die Regelung des § 60 Abs. 2 Satz 2 BDG, die den Verwaltungsgerichten die Befugnis zur Bestimmung der erforderlichen Disziplinarmaßnahme überträgt, gemäß § 70 Abs. 1, § 65 Abs. 1 Satz 1 BDG auch für das Revisionsverfahren (Urteile vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 9.06 - Buchholz 235.1

§ 13 BDG Nr. 3 Rn. 26, vom 24. Mai 2007 - BVerwG 2 C 25.06 - Buchholz

235.1 § 13 BDG Nr. 4 Rn. 27 und vom 29. Mai 2008 - BVerwG 2 C 59.07 -

Buchholz 235.1 § 70 BDG Nr. 3 Rn. 25).

10Das Bundesverwaltungsgericht kann von der ihm danach zustehenden, durch

die Rechtsmittelanträge eingeschränkten Befugnis jedoch nur Gebrauch machen, wenn es aufgrund der gemäß § 137 Abs. 2 VwGO, § 69 BDG bindenden

tatsächlichen Feststellungen des Berufungsurteils eine gesetzeskonforme, d.h.

den Anforderungen des § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG genügende Bemessungsentscheidung treffen kann. Es kann weder Tatsachen berücksichtigen, die

nicht festgestellt sind, noch die Richtigkeit der festgestellten Tatsachen nachprüfen. Daher kann das Bundesverwaltungsgericht über die Disziplinarklage nur

dann abschließend entscheiden, wenn das Berufungsurteil alle wesentlichen

bemessungsrelevanten Gesichtspunkte enthält. Ansonsten muss es gemäß

§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 VwGO, § 70 Abs. 2 BDG aufgehoben und die Sache

an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden (Urteile vom 3. Mai 2007

- BVerwG 2 C 9.06 - a.a.O. Rn. 27, vom 24. Mai 2007 a.a.O. Rn. 28 und vom

29. Mai 2008 a.a.O. Rn. 26).

11Die tatsächlichen Feststellungen des Berufungsurteils reichen für die Maßnahmebemessung gemäß § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4, Abs. 2 Satz 1 BDG aus. Die

Beteiligten sind hierzu gehört worden; sie haben keine Einwendungen erhoben

(zur Erforderlichkeit einer vorherigen Anhörung: Urteil vom 29. Mai 2008 a.a.O.

Rn. 33).

12Der Senat kommt im Rahmen seiner Bemessungsentscheidung nach § 13

Abs. 1 Satz 2 bis 4, Abs. 2 Satz 1 BDG zu dem Ergebnis, dass der Beklagte

grundsätzlich eine Zurückstufung in das Eingangsamt seiner Laufbahn verwirkt

hat. Dabei sieht er die Vorbelastung als gravierend ins Gewicht fallenden erschwerenden Umstand an, jedoch würdigt er, anders als das Berufungsgericht,

die freiwillige Wiedergutmachung und Entschuldigung als entlastenden Umstand von beachtlichem Gewicht. Aufgrund der von Verfassungs wegen gebotenen Berücksichtigung der unangemessen langen Verfahrensdauer wird der

Kläger jedoch nur in das Amt eines Polizeiobermeisters (BesGr. A 8 BBesO)

zurückgestuft.

131. Welche Disziplinarmaßnahme im Einzelfall erforderlich ist, richtet sich gemäß

§ 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG nach der Schwere des Dienstvergehens unter

angemessener Berücksichtigung der Persönlichkeit des Beamten und des Umfangs der durch das Dienstvergehen herbeigeführten Vertrauensbeeinträchtigung. Der Bedeutungsgehalt dieser gesetzlichen Begriffe ist in der Rechtsprechung des Senats geklärt (Urteil vom 20. Oktober 2005 - BVerwG 2 C 12.04 -

BVerwGE 124, 252 <258 ff.> = Buchholz 235.1 § 13 BDG Nr. 1 S. 5; seitdem

stRspr; vgl. zuletzt Urteil vom 28. Februar 2013 - BVerwG 2 C 62.11 - Rn. 39 ff.,

zur Veröffentlichung in der Entscheidungssammlung Buchholz vorgesehen).

Danach müssen die sich aus § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG ergebenden Bemessungskriterien mit dem ihnen im Einzelfall zukommenden Gewicht ermittelt

und in die Entscheidung eingestellt werden. Dieses Erfordernis beruht letztlich

auf dem im Disziplinarverfahren geltenden Schuldprinzip und dem Grundsatz

der Verhältnismäßigkeit (Übermaßverbot). Die gegen den Beamten ausgesprochene Disziplinarmaßnahme muss unter Berücksichtigung aller belastenden

und entlastenden Umstände des Einzelfalls in einem gerechten Verhältnis zur

Schwere des Dienstvergehens und zum Verschulden des Beamten stehen (vgl.

grundlegend Urteil vom 20. Oktober 2005 a.a.O. S. 258 f. bzw. S. 5; stRspr).

14a) Wie § 13 Abs. 1 Satz 2 BDG durch die Verwendung des Wortes „insbesondere" zum Ausdruck bringt, ist die Schwere des Dienstvergehens maßgebendes

Bemessungskriterium für die Bestimmung der erforderlichen Disziplinarmaßnahme. Dies bedeutet, dass das festgestellte Dienstvergehen nach seiner

Schwere einer der im Katalog des § 5 BDG aufgeführten Disziplinarmaßnahme

zuzuordnen ist. Für die Bestimmung der Schwere des Dienstvergehens hat die

Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts generelle Maßstäbe für einzelne Fallgruppen entwickelt (Urteile vom 20. Oktober 2005 a.a.O. S. 258 f.

bzw. S. 6 und vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 9.06 - a.a.O. Rn. 20; zuletzt vom

28. Juli 2011 - BVerwG 2 C 16.10 - BVerwGE 140, 185 = Buchholz 235.2

LDisziplinarG Nr. 18, jeweils Rn. 29 und vom 28. Februar 2013 a.a.O.

Rn. 39 f.).

15Für die Fallgruppe der Zugriffsdelikte, d.h. für die Veruntreuung dienstlich anvertrauter Gelder und Güter, ist die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis

grundsätzlich Richtschnur für die Maßnahmebestimmung, wenn die veruntreuten Beträge oder Werte insgesamt die Schwelle der Geringwertigkeit deutlich

übersteigen. Der Kollegendiebstahl ist hinsichtlich seiner Schwere der Veruntreuung amtlich anvertrauter Gelder vergleichbar (Urteile vom 20. Oktober 2005

a.a.O. S. 260 ff., vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 9.06 - a.a.O. Rn. 21 und

- BVerwG 2 C 30.05 - Rn. 30 nicht abgedruckt in Buchholz 310 § 108

Abs. 1 VwGO Nr. 50>, vom 15. Oktober 2007 - BVerwG 2 C 43.07 - Rn. 19 nicht veröffentlicht in Buchholz 235.1 § 65 BDG Nr. 2>, vom 29. Mai

2008 - BVerwG 2 C 59.07 Rn. 21 nicht veröffentlicht in Buchholz

235.1 § 70 BDG Nr. 3>; zuletzt vom 23. Februar 2012 - BVerwG 2 C 38.10 -

NVwZ-RR 2012, 479 ff., zur Veröffentlichung in der Entscheidungssammlung

Buchholz vorgesehen, Rn. 12, stRspr).

16Danach ist für den nach § 57 Abs. 1 Satz 1 BDG bindend festgestellten Kollegendiebstahl aufgrund der Geringwertigkeit des entwendeten Geldbetrages von

50 die Zurückstufung nach § 9 BDG Richtschnur für die Maßnahmebemessung.

17b) Davon ausgehend kommt es für die Bestimmung der Disziplinarmaßnahme

darauf an, ob Erkenntnisse zum Persönlichkeitsbild des Beamten und zum Umfang der Vertrauensbeeinträchtigung nach § 13 Abs. 1 Satz 3 und 4 BDG im

Einzelfall derart ins Gewicht fallen, dass eine andere als die durch die Schwere

indizierte Maßnahme geboten ist (Urteile vom 20. Oktober 2005 a.a.O. S. 259 f.

bzw. S. 6, vom 3. Mai 2007- BVerwG 2 C 9.06 - a.a.O. Rn. 20, zuletzt vom

28. Juli 2011 - BVerwG 2 C 16.10 - a.a.O. Rn. 29, vom 28. Februar 2013

- BVerwG 2 C 3.12 - Rn. 26 f. = NVwZ 2013, 1087 Veröffentlichung in den

Entscheidungssammlungen BVerwGE und Buchholz vorgesehen> und

- BVerwG 2 C 62.11 - NVwZ-RR 2013, 693 Veröffentlichung in Buchholz

vorgesehen> juris Rn. 39; stRspr). Deshalb dürfen die nach der Schwere des

Dienstvergehens angezeigten Regeleinstufungen nicht schematisch angewandt

werden.

18Je schwerwiegender das Dienstvergehen oder die mit ihm einhergehende Vertrauensbeeinträchtigung ist, umso gewichtiger müssen die sich aus dem Persönlichkeitsbild ergebenden mildernden Umstände sein, um gleichwohl eine

andere Maßnahme zu rechtfertigen (stRspr; Urteile vom 20. Oktober 2005

a.a.O. S. 261 ff. bzw. S. 7 ff., vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 9.06 - a.a.O.

Rn. 21 ff.; vom 24. Mai 2007 - BVerwG 2 C 25.06 - Buchholz 235.1 § 13 BDG

Nr. 4 Rn. 22 und vom 28. Februar 2013 a.a.O. Rn. 40; zuletzt Urteile vom

28. Februar 2013 - BVerwG 2 C 3.12 - a.a.O. Rn. 33 und - BVerwG 2 C 62.11 -

a.a.O. Rn. 46). Umgekehrt können Gesichtspunkte des Persönlichkeitsbildes

oder eine besondere Vertrauensbeeinträchtigung die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis rechtfertigen, obwohl diese Maßnahme nach der Schwere des

Dienstvergehens für sich genommen nicht indiziert ist.

19Das Bemessungskriterium „Umfang der Beeinträchtigung des Vertrauens des

Dienstherrn oder der Allgemeinheit“ gemäß § 13 Abs. 1 Satz 4 BDG erfordert

eine Würdigung des Fehlverhaltens des Beamten im Hinblick auf seinen allgemeinen Status, seinen Tätigkeitsbereich innerhalb der Verwaltung und seine

konkret ausgeübte Funktion (Urteil vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 30.05 -

Rn. 24 nicht veröffentlicht in Buchholz 310 § 108 Abs. 1 VwGO

Nr. 50). Maßstab ist hierbei, in welchem Umfang die Allgemeinheit dem Beamten noch Vertrauen in eine zukünftig pflichtgemäße Amtsausübung entgegenbringen kann, wenn ihr das Dienstvergehen einschließlich der belastenden und

entlastenden Umstände bekannt würde (grundlegend Urteil vom 20. Oktober

2005 a.a.O. S. 260 bzw. S. 7, seitdem stRspr; zuletzt Urteil vom 28. Februar

2013 - BVerwG 2 C 62.11 - a.a.O. Rn. 56). Die Prüfung, ob der betreffende Beamte im Beamtenverhältnis verbleiben darf, hat sich auf sein Amt als Ganzes

und nicht nur auf einen begrenzten Tätigkeitsbereich (Amt im funktionellen Sinne) zu beziehen (Urteil vom 22. Mai 1996 - BVerwG 1 D 72.95 - Buchholz 232

§ 54 Satz 3 BBG Nr. 6 S. 17 m.w.N.).

20Die Stellung als Polizeibeamter kann sich für die Bewertung außerdienstlichen

Verhaltens erschwerend auswirken, wenn ein Bezug zur Dienstausübung des

Beamten gegeben ist (stRspr; vgl. z.B. Beschlüsse vom 21. Dezember 2010

- BVerwG 2 B 29.10 - Buchholz 232 § 77 BBG Nr. 32 Rn. 5 ff., vom 25. Mai

2012 - BVerwG 2 B 133.11 - NVwZ-RR 2012, 607 Rn. 9 m.w.N. und vom 5. April 2013 - BVerwG 2 B 79.11 - juris Rn. 4 ff.). Entsprechendes gilt für innerdienstliche Pflichtverletzungen, die unter Ausnutzung der dienstlichen Stellung

begangen werden (vgl. Urteile vom 23. Februar 2012 - BVerwG 2 C 38.10 -

NVwZ-RR 2012, 479 ff. Rn. 16 und vom 28. Februar 2013 - BVerwG 2 C 3.12 -

a.a.O. Rn. 31 ff., 36). Dagegen hängt die disziplinarische Bewertung eines Kollegendiebstahls nicht davon ab, welcher Laufbahn oder welchem Verwaltungszweig der Beamte angehört oder welche dienstlichen Aufgaben er wahrnimmt.

Der Kollegendiebstahl ist hinsichtlich seiner Schwere im Grundsatz deshalb der

Veruntreuung amtlich anvertrauter Gelder vergleichbar, weil der Dienstherr sich

auch hier auf die Ehrlichkeit seiner Bediensteten verlassen können muss. Ein

Diebstahl zum Nachteil eines Kollegen belastet das Betriebsklima und stört den

Arbeitsfrieden und damit letztlich die Funktionsfähigkeit der Verwaltung in

schwerwiegender Weise (stRspr; zuletzt Urteil vom 29. Mai 2008 - BVerwG 2 C

59.07 - Rn. 21 nicht veröffentlicht in Buchholz 235.1 § 70 BDG Nr. 3>

m.w.N.). Insofern macht es keinen Unterschied, ob ein Polizeibeamter oder ein

Beamter aus einem anderen Verwaltungszweig seine Kollegen bestiehlt.

21Das Persönlichkeitsbild nach § 13 Abs. 1 Satz 3 BDG erfasst die persönlichen

Verhältnisse des Beamten und sein sonstiges dienstliches Verhalten vor, bei

und nach dem Dienstvergehen. Insbesondere sind frühere disziplinarische oder

strafrechtliche Verfehlungen, deren Berücksichtigung bei der Maßnahmebemessung kein rechtliches Hindernis entgegensteht, in die Würdigung einzubeziehen. Dies beruht darauf, dass - anders als im Strafrecht - mit einer Disziplinarmaßnahme nicht eine einzelne Tat bestraft wird. Gegenstand der disziplinarrechtlichen Betrachtung und Wertung ist die Frage, welche Disziplinarmaßnahme in Ansehung der gesamten Persönlichkeit des Beamten geboten ist, um die

Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes und die Integrität des Berufsbeamtentums möglichst ungeschmälert aufrechtzuerhalten (Urteile vom 3. Mai 2007

- BVerwG 2 C 30.05 - Rn. 25 nicht abgedruckt in Buchholz 310 § 108

Abs. 1 VwGO Nr. 50>, - BVerwG 2 C 9.06 - Buchholz 235.1 § 13 BDG Nr. 3

Rn. 16 und vom 23. Februar 2012 - BVerwG 2 C 38.10 - NVwZ-RR 2012, 479

<481>; stRspr). Aus einer Vorbelastung kann geschlossen werden, dass sich

der Beamte eine vorherige strafgerichtliche oder disziplinarische Sanktionierung

nicht hat zur Mahnung dienen lassen.

22Die Berücksichtigung einer Vorbelastung als erschwerender Umstand bei der

Maßnahmebemessung nach § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG scheidet aus, wenn

ein Verwertungsverbot eingreift. Dies bestimmt sich für strafrechtliche Verurteilungen nach den Tilgungsvorschriften des Bundeszentralregistergesetzes. Danach kann die erste strafrechtliche Verurteilung nicht mehr im Revisionsverfahren berücksichtigt werden (vgl. § 51 Abs. 1 BZRG). Für disziplinare Vorbelas-

tungen gelten die Verwertungsverbotsregelungen des § 16 BDG. Absatz 4 der

Vorschrift erfasst diejenigen Disziplinarvorgänge, die - wie hier - nicht zur Verhängung einer Disziplinarmaßnahme geführt haben. Die Frist für das Verwertungsverbot und die Tilgungspflicht beträgt bei erwiesenen Dienstvergehen zwei

Jahre 16 Abs. 4 Satz 2 Alt. 2 BDG). Aufgrund der Einleitung des neuen, hier

streitgegenständlichen Disziplinarverfahrens vor Ablauf der Frist, hat diese Frist

noch nicht geendet 16 Abs. 4 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 BDG). Das Gewicht

einer Vorbelastung hängt vor allem von der dafür rechts- oder bestandskräftig

ausgesprochenen Disziplinarmaßnahme und vom zeitlichen Abstand zur neuen

Verfehlung ab.

23Danach fällt das außerdienstliche Fehlverhalten des Beklagten vom 13. Mai

2001 erheblich zum Nachteil des Beklagten ins Gewicht. Es handelt sich um

eine rechtskräftig abgeurteilte Straftat, für die die Klägerin eine Kürzung der

Dienstbezüge 8 BDG) für verwirkt hielt. Vor allem aber beging der Beklagte

den Kollegendiebstahl am 13. Dezember 2002 nicht einmal ein halbes Jahr

nach Beendigung des ersten Disziplinarverfahrens.

24Als durchgreifende Entlastungsgründe kommen vor allem die Milderungsgründe

in Betracht, die in der Rechtsprechung des Disziplinarsenats des Bundesverwaltungsgerichts zu den Zugriffsdelikten entwickelt worden sind. Diese Milderungsgründe erfassen typisierend Beweggründe oder Verhaltensweisen des

Beamten, die regelmäßig Anlass für eine noch positive Persönlichkeitsprognose

geben. Zum einen tragen sie existenziellen wirtschaftlichen Notlagen sowie

körperlichen oder psychischen Ausnahmesituationen Rechnung, in denen ein

an normalen Maßstäben orientiertes Verhalten nicht mehr erwartet und daher

nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Zum anderen erfassen sie ein tätiges

Abrücken von der Tat, insbesondere durch die freiwillige Wiedergutmachung

des Schadens oder die Offenbarung des Fehlverhaltens jeweils vor drohender

Entdeckung (Urteil vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 30.05 - Rn. 31

nicht abgedruckt in Buchholz 310 § 108 Abs. 1 VwGO Nr. 50>).

25Unter Geltung der Bemessungsvorgaben gemäß § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG

ist es nicht mehr möglich, diese Milderungsgründe als abschließenden Kanon

der bei Zugriffsdelikten allein beachtlichen Entlastungsgründe anzusehen (vgl.

Urteil vom 20. Oktober 2005 a.a.O. S. 262 ff. bzw. S. 8 f., seitdem stRspr). Vielmehr gelten auch hier die dargestellten Anforderungen an die prognostische

Gesamtwürdigung. Demnach dürfen entlastende Gesichtspunkte bei Zugriffsdelikten nicht deshalb unberücksichtigt bleiben, weil sie für das Vorliegen eines

solchen Milderungsgrundes ohne Bedeutung sind oder nicht ausreichen, um

dessen Voraussetzungen - im Zusammenwirken mit anderen Umständen - zu

erfüllen. Die Milderungsgründe bieten jedoch Vergleichsmaßstäbe für die Bewertung, welches Gewicht entlastenden Gesichtspunkten in der Summe zukommen muss, um eine Fortsetzung des Beamtenverhältnisses in Betracht ziehen zu können. Generell gilt, dass deren Gewicht umso größer sein muss, je

schwerer das Dienstvergehen aufgrund der Höhe des Schadens, der Anzahl

und Häufigkeit der Zugriffshandlungen, der Begehung von „Begleitdelikten“ und

anderer belastender Gesichtspunkte im Einzelfall wiegt (Urteil vom 3. Mai 2007

- BVerwG 2 C 30.05 - Rn. 32 nicht abgedruckt in Buchholz 310 § 108

Abs. 1 VwGO Nr. 50>).

26Einen Aspekt des Persönlichkeitsbildes stellt die tätige Reue dar, wie sie durch

die Offenbarung des Fehlverhaltens oder die freiwillige Wiedergutmachung des

Schadens jeweils noch vor der drohenden Entdeckung zum Ausdruck kommt

(Urteil vom 3. Mai 2007 - BVerwG 2 C 30.05 - Rn. 23). Der anerkannte Milderungsgrund der freiwilligen Offenbarung greift nicht ein, wenn der Beamte das

Dienstvergehen deshalb offenbart, weil er damit rechnet, dass gegen ihn ermittelt wird. Durch die freiwillige Offenbarung zeigt der Beamte, dass er sein Fehlverhalten bereut und aus innerer Einsicht entschlossen ist, sich künftig rechtstreu zu verhalten. Sein Persönlichkeitsbild im Sinne von § 13 Abs. 1 Satz 3

BDG erscheint in einem günstigeren Licht, sodass die Erwartung gerechtfertigt

ist, die von ihm verursachte Ansehensschädigung könne wettgemacht werden.

Mit dem Zweck des Milderungsgrundes der freiwilligen Offenbarung lässt sich

nicht vereinbaren, den in die Tat umgesetzten Persönlichkeitswandel generell

für unbeachtlich zu erklären. Vielmehr führt die Umkehr des Beamten aus freien

Stücken selbst bei schwerwiegenden innerdienstlichen Pflichtenverstößen regelmäßig zur Bestimmung einer Disziplinarmaßnahme, die um eine Stufe niedriger liegt als die durch die Schwere des Dienstvergehens indizierte Maßnahme.

Dies gilt nur dann nicht, wenn dem Milderungsgrund erschwerende Umstände

von ganz erheblichem Gewicht gegenüberstehen (zum Ganzen zuletzt: Urteil

vom 28. Juli 2011 - BVerwG 2 C 16.10 - BVerwGE 140, 185 = Buchholz 235.2

LDisziplinarG Nr. 18, jeweils ab Rn. 37 m.w.N.).

27Einer Selbstanzeige, die der Beamte aus Furcht vor Entdeckung abgibt, kommt

naturgemäß ein geringeres Gewicht als einer freiwilligen Offenbarung zu. Hier

muss davon ausgegangen werden, dass der Beamte weniger aus innerer Einsicht als vielmehr in dem Bestreben tätig wird, die nachteiligen Folgen seines

Fehlverhaltens so gering wie möglich zu halten. Daher hängt es vom Hinzutreten weiterer, dem Persönlichkeitsbild zuzuordnenden mildernden Umständen

ab, welches Gewicht diesem Verhalten beizumessen ist. Dieses Gewicht erhöht

sich, wenn der Beamte nach der Selbstanzeige aus Furcht vor Entdeckung den

Schaden alsbald ausgeglichen hat. Gleiches gilt, wenn der Beamte durch seine

Mitwirkung die Aufklärung des Dienstvergehens ermöglicht oder erheblich vereinfacht hat (zum Ganzen: Urteil vom 28. Juli 2011 a.a.O. Rn. 38 f. m.w.N.).

28Danach ist das hier vom Beklagten gezeigte Verhalten nicht unbeachtlich, auch

wenn es nicht den anerkannten Milderungsgrund der freiwilligen Offenbarung

erfüllt. Zwar war bereits die Tat entdeckt, der Täter war aber noch nicht ermittelt

worden, als sich der Beklagte dem geschädigten Kollegen gegenüber offenbart

hat. Insofern ist von Bedeutung, dass durch die Mitwirkung des Beamten die

Aufklärung des Dienstvergehens vereinfacht wird. Dies ist bei einem Geständnis zu einem frühen Zeitpunkt, d.h. bevor die vom Berufungsgericht aufgezeigten Ermittlungsmaßnahmen bereits angelaufen sind, der Fall. Der Beklagte hat

außerdem den Schaden „alsbald“ ausgeglichen und sich beim Geschädigten

entschuldigt. Er hatte das Geld noch vor der Aufdeckung seiner Täterschaft zurückgesandt. Dies alles lässt sein Persönlichkeitsbild im Sinne von § 13 Abs. 1

Satz 3 BDG in einem günstigeren Licht erscheinen.

29c) Nach alledem hält es der Senat für erforderlich, aber noch ausreichend, den

Beklagten in das Eingangsamt seiner Laufbahn, d.h. um zwei Ämter, zurückzustufen.

30Die Schwere des Kollegendiebstahls indiziert die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis nicht, weil dem Beklagten der Milderungsgrund der Geringfügigkeit der entwendeten Sache zugute kommt. Demnach käme die Entfernung aus

dem Beamtenverhältnis nur in Betracht, wenn die außerdienstliche Bedrohung,

die als Vorbelastung zum Nachteil des Beklagten in die Gesamtwürdigung nach

§ 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG einzubeziehen ist, nicht durch das ihm gut zu

bringende Nachtatverhalten kompensiert wird. Wie dargelegt, ist die Vorbelastung erheblich. Dies folgt aus der als angemessen erachteten Kürzung der

Dienstbezüge und dem engen zeitlichen Zusammenhang mit der neuerlichen

gravierenden Dienstpflichtverletzung.

31Dem steht gegenüber, dass der Beklagte den Geldschein zurückgegeben und

sich später gegenüber dem Geschädigten offenbart hat, bevor die Tat entdeckt

war. Zwar reicht dies nicht aus, um den anerkannten Milderungsgrund der freiwilligen Offenbarung zu erfüllen. Das Verhalten lässt jedoch Gesichtspunkte

des Persönlichkeitsbildes erkennen, die die Einschätzung rechtfertigen, das

Vertrauen, der Beklagte werde sich künftig inner- und außerdienstlich einwandfrei verhalten, sei noch nicht zerstört, sondern nur stark erschüttert.

32Der Senat gewichtet damit das Nachtatverhalten anders als das Berufungsgericht, das mildernden Umständen außerhalb des Anwendungsbereichs der freiwilligen Offenbarung eine zu geringe Bedeutung beigemessen hat. Die Verwaltungsgerichte müssen bei der Gesamtwürdigung offen dafür sein, dass mildernden Umständen im Einzelfall auch dann ein beachtliches Gewicht für die

Maßnahmebemessung zukommen kann, wenn sie zur Erfüllung eines so genannten anerkannten Milderungsgrundes nicht ausreichen. Sie dürfen nicht als

nebensächlich oder geringfügig zurückgestellt werden, ohne dass sie in Bezug

zur Schwere des Dienstvergehens und belastenden Gesichtspunkten gesetzt

werden.

332. Der Zurückstufung um ein Amt, die hier wegen der unangemessen langen

Dauer des Disziplinarverfahrens angemessen ist, steht nicht das Verschlechterungsverbot nach §§ 129, 141 Satz 1 VwGO entgegen, das nach § 3 BDG auch

für Disziplinarklageverfahren gilt. Es wirkt sich als Beschränkung der grundsätz-

lich uneingeschränkten Befugnis des Rechtsmittelgerichts aus, die Disziplinarmaßnahme zu bestimmen (vgl. Urteil vom 28. Februar 2013 - BVerwG 2 C

3.12 - a.a.O. Rn. 24). Das Rechtsmittelgericht darf nach §§ 129, 141 Satz 1

VwGO nur eine Disziplinarmaßnahme festsetzen, die sich innerhalb des Rahmens hält, der durch den Antrag des Rechtsmittelführers bestimmt wird 64

Abs. 1 Satz 4 BDG).

34Zwar konnte unter der Geltung der Bundesdisziplinarordnung aufgrund des Verweises in § 25 Satz 1 BDO auf die Vorschriften der Strafprozessordnung auch

bei zu Lasten des Beamten eingelegten Berufungen des Bundesdisziplinaranwalts zugunsten des Beamten entschieden werden (vgl. § 301 StPO; dazu z.B.

Urteil vom 11. März 1997 - BVerwG 1 D 68.95 - juris Rn. 7). Dies ist aber nach

Inkrafttreten des Bundesdisziplinargesetzes nicht mehr möglich. Das Bundesdisziplinargesetz hat das Disziplinarrecht verfahrensrechtlich von der Bindung

an das Strafprozessrecht gelöst und stattdessen eng an das Verwaltungsverfahrens- und Verwaltungsprozessrecht angelehnt (BTDrucks 14/4659, S. 33).

Sinnfällig wird dies durch die Streichung des § 25 BDO und die zeitgleiche Einfügung der Verweisung in § 3 BDG auf die ergänzend anzuwendenden Bestimmungen des Verwaltungsverfahrensgesetzes und der Verwaltungsgerichtsordnung. Auf Regelungen der Strafprozessordnung wird nur noch punktuell in

den Fällen verwiesen, in denen auf sie nicht verzichtet werden kann (BTDrucks

14/4659 S. 34 f.; vgl. zum Ganzen auch Urteil vom 24. September 2009

- BVerwG 2 C 80.08 - BVerwGE 135, 24 = Buchholz 235.1 § 55 BDG Nr. 4, jeweils Rn. 15).

35Vorliegend hat nur die Klägerin gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung eingelegt, das den Beklagten um zwei Ämter zurückgestuft hatte. Allerdings ist hier

eine Durchbrechung des Verschlechterungsverbots zugunsten des Beklagten

geboten, um den Vorgaben von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und der Grundfreiheiten (EMRK) Rechnung zu tragen. Die unangemessen lange Dauer des Disziplinarverfahrens

muss zu einer Herabsetzung der Disziplinarmaßnahme auf eine Zurückstufung

um ein Amt führen.

36Nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK hat jede Person ein Recht darauf, dass über

Streitigkeiten in Bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen

oder über eine gegen sie erhobene strafrechtliche Anklage von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht in einem fairen

Verfahren, öffentlich und innerhalb angemessener Frist verhandelt wird.

37Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), dessen Rechtsprechung über den jeweils entschiedenen Fall hinaus Orientierungs- und Leitfunktion für die Auslegung der EMRK hat, entnimmt Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK einen Anspruch auf abschließende gerichtliche Entscheidung innerhalb angemessener Zeit. Die Angemessenheit der Dauer des Verfahrens ist aufgrund

einer Gesamtbetrachtung unter Berücksichtigung der Schwierigkeit des Falles,

des Verhaltens der Parteien, der Vorgehensweise der Behörden und Gerichte

sowie der Bedeutung des Verfahrens für die Parteien zu beantworten. Dies gilt

auch für Disziplinarverfahren. Sie müssen innerhalb angemessener Zeit, d.h.

ohne schuldhafte Verzögerungen, unanfechtbar abgeschlossen sein. Dabei

sind behördliches und gerichtliches Verfahren als Einheit zu betrachten (vgl. nur

EGMR, Urteil vom 16. Juli 2009 - 8453/04 - NVwZ 2010, 1015 <1017>).

38Für die innerstaatlichen Rechtsfolgen einer unangemessen langen Verfahrensdauer im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK ist zu beachten, dass diese Bestimmung nur Verfahrensrechte einräumt. Diese dienen der Durchsetzung und

Sicherung des materiellen Rechts; sie sind aber nicht darauf gerichtet, das materielle Recht zu ändern. Daher kann eine unangemessen lange Verfahrensdauer nicht dazu führen, dass den Verfahrensbeteiligten eine Rechtsstellung

zuwächst, die ihnen nach dem innerstaatlichen materiellen Recht nicht zusteht.

Vielmehr kann sie für die Sachentscheidung in dem zu lange dauernden Verfahren nur berücksichtigt werden, wenn das materielle Recht dies vorschreibt

oder zulässt. Ob diese Möglichkeit besteht, ist durch die Auslegung der entscheidungserheblichen materiellrechtlichen Normen und Rechtsgrundsätze zu

ermitteln. Bei dieser Auslegung ist das Gebot der konventionskonformen Auslegung im Rahmen des methodisch Vertretbaren zu berücksichtigen (Urteil vom

28. Februar 2013 - BVerwG 2 C 3.12 - a.a.O. Rn. 50; Beschluss vom 16. Mai

2012 - BVerwG 2 B 3.12 - NVwZ-RR 2012, 609 Rn. 12).

39Daraus folgt für die Bestimmung der Disziplinarmaßnahme nach einem unangemessen lange dauernden Disziplinarverfahren:

40Ergibt die Gesamtwürdigung aller be- und entlastenden Umstände nach Maßgabe des § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG, dass wegen eines schwerwiegenden

Dienstvergehens die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis geboten ist, so

lässt sich der Verbleib im Beamtenverhältnis allein aufgrund einer unangemessen langen Verfahrensdauer nicht mit dem Zweck der Disziplinarbefugnis, nämlich dem Schutz der Integrität des Berufsbeamtentums und der Funktionsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung, vereinbaren. Diese Schutzgüter und der

Grundsatz der Gleichbehandlung schließen es aus, dass ein Beamter, der

durch gravierendes Fehlverhalten im öffentlichen Dienst untragbar geworden

ist, weiterhin Dienst leisten und als Repräsentant des Dienstherrn hoheitliche

Befugnisse ausüben kann, weil das gegen ihn geführte Disziplinarverfahren

unangemessen lange gedauert hat. Das von dem Beamten zerstörte Vertrauen

kann nicht durch Zeitablauf und damit auch nicht durch eine verzögerte disziplinarrechtliche Sanktionierung schwerwiegender Pflichtenverstöße wiederhergestellt werden.

41Ergibt die Gesamtwürdigung dagegen, dass eine pflichtenmahnende Disziplinarmaßnahme ausreichend ist, steht fest, dass der Beamte im öffentlichen

Dienst verbleiben kann. Hier kann das disziplinarrechtliche Sanktionsbedürfnis

gemindert sein, weil die mit dem Disziplinarverfahren verbundenen beruflichen

und wirtschaftlichen Nachteile positiv auf den Beamten eingewirkt haben. Unter

dieser Voraussetzung kann eine unangemessen lange Verfahrensdauer bei der

Bestimmung der Disziplinarmaßnahme aus Gründen der Verhältnismäßigkeit

mildernd berücksichtigt werden (zum Ganzen: BVerfG, Beschluss vom 4. Oktober 1977 - 2 BvR 80/77 - BVerfGE 46, 17 <28 f.>; Kammerbeschluss vom

9. August 2006 - 2 BvR 1003/05 - DVBl 2006, 1372 <1373>; BVerwG, Urteile

vom 22. Februar 2005 - BVerwG 1 D 30.03 - juris Rn. 80, vom 8. Juni 2005

- BVerwG 1 D 3.04 - juris Rn. 27 und vom 29. März 2012 - BVerwG 2 A 11.10 -

juris Rn. 84 f.; Beschlüsse vom 13. Oktober 2005 - BVerwG 2 B 19.05 -

Buchholz 235.1 § 15 BDG Nr. 2 Rn. 8, vom 26. August 2009 - BVerwG 2 B

66.09 - juris Rn. 11, vom 16. Mai 2012 a.a.O. Rn. 9 f. und vom 28. Februar

2013 - BVerwG 2 C 3.12 - a.a.O. Rn. 53 f.).

42Da nach der Gesamtwürdigung der Beklagte im Dienst verbleibt, ist nach diesen Maßstäben die unangemessen lange Verfahrensdauer von mittlerweile

über 11 ½ Jahren zu seinen Gunsten zu berücksichtigen. Die Verfahrensverzögerungen beruhten nicht auf einem Verhalten des Beamten, sondern auf der

Behandlung des Verfahrens durch die Gerichte und sind daher als unangemessen anzusehen. Es liegt auf der Hand, dass die mit dem Disziplinarverfahren

verbundenen beruflichen und wirtschaftlichen Nachteile bei einer dermaßen

langen Verfahrensdauer zu einer erheblichen Belastung des Beklagten geführt

und positiv auf ihn eingewirkt haben. Eine bloße Verkürzung des Beförderungsverbots nach § 9 Abs. 3 BDG genügt nicht, um diese Belastungen auszugleichen, sondern bei der Maßnahmebemessung ist aus Gründen der Verhältnismäßigkeit von einer Zurückstufung um zwei Stufen auf eine solche um nur eine

Stufe zurückzugehen.

43Das Verschlechterungsverbot nach §§ 129, 141 Satz 1 VwGO, § 3 BDG hindert

die Berücksichtigung einer unangemessenen langen Verfahrensdauer bei der

Bestimmung der Disziplinarmaßnahme zugunsten des Beamten nicht, wenn sie

erst nach Ablauf einer Rechtsmittelfrist eintritt. Hier kann dem Beamten nicht

zum Nachteil gereichen, dass er eine pflichtenmahnende Disziplinarmaßnahme

akzeptiert hat. Er konnte bei seiner Entscheidung, kein Rechtsmittel einzulegen,

nicht wissen, dass sich die verhängte Maßnahme wegen der Dauer des vom

Dienstherrn betriebenen Rechtsmittelverfahrens als überzogen erweisen würde.

In derartigen Fällen ist es nicht nur konventionsrechtlich, sondern auch verfassungsrechtlich geboten, eine Ausnahme vom Verschlechterungsverbot und der

dadurch herbeigeführten Teilrechtskraft zuzulassen.

44Der Schutz vor unangemessen langer Verfahrensdauer ist nicht nur im Konventionsrecht verankert, er folgt auch aus dem Recht auf ein faires rechtsstaatliches Verfahren und dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. Daraus folgt, dass der

Ablauf und insbesondere die Dauer des Disziplinarverfahrens wegen ihrer Auswirkungen auf den Beamten bei der Bestimmung der Disziplinarmaßnahme in

den Blick genommen werden müssen, wenn das materielle Disziplinarrecht dies

zulässt (zur Berücksichtigung rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerungen im

Strafverfahren vgl. zuletzt BVerfG, Kammerbeschluss vom 8. April 2013 - 2 BvR

2567/10 - juris Rn. 16; vgl. auch Kammerbeschluss vom 21. Januar 2004

- 2 BvR 1471/03 - BVerfGK 2, 239 Rn. 29, 31; stRspr).

45Eine unangemessen lange Dauer des Disziplinarverfahrens vermindert das disziplinarrechtliche Sanktionsbedürfnis, weil anzunehmen ist, dass das Verfahren

selbst den Betroffenen belastet. Die nachteiligen Wirkungen können der Sanktion gleichkommen (vgl. speziell zum Disziplinarverfahren BVerfG, Beschlüsse

vom 4. Oktober 1977 - 2 BvR 80/77 - BVerfGE 46, 17 <29>, vom 8. September

1993 - 2 BvR 1517/92 - NVwZ 1994, 574 und vom 9. August 2006 - 2 BvR

1003/05 - BVBl 06, 1372). In Folge des Zeitablaufs veränderte Lebensumstände können Wirkungen, die von einer staatlichen Sanktion für das künftige Leben

des Betroffenen zu erwarten sind, verstärken.

46Im vorliegenden Fall musste der Beklagte nach Erlass des erstinstanzlichen

Urteils nicht damit rechnen, dass es anschließend noch fast neun Jahre bis zu

einer rechtskräftigen Entscheidung dauern würde. Für ihn bestand auch kein

Anlass, selbst ein Rechtsmittel gegen die erstinstanzliche Entscheidung einzulegen, weil zum damaligen Zeitpunkt die auf eine Zurückstufung in das Eingangsamt lautende Bemessungsentscheidung nicht zu beanstanden war.

47Die Kostenentscheidung beruht auf § 155 Abs. 1 Satz 1 VwGO.

Dr. Heitz Dr. von der Weiden Thomsen

Dr. Hartung Dr. Kenntner

Sachgebiet: BVerwGE: ja

Beamtendisziplinarrecht Fachpresse: ja

Rechtsquellen:

BDG §§ 3, 13, § 60 Abs. 2 Satz 2, § 64 Abs. 1 Satz 4, § 65 Abs. 1 Satz 1, § 70 Abs. 1 VwGO §§ 129, 141 EMRK Art. 6 Abs. 1

Stichworte:

Kollegendiebstahl; Geringwertigkeit; Vorbelastung; Verwertungsverbot; Berücksichtigung einer strafrechtlichen oder disziplinaren Vorbelastung; Polizistenmalus; Gesamtwürdigung aller be- und entlastenden Umstände; Funktionsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung; Rechtskraft; Verschlechterungsverbot; Disziplinarbefugnis der Rechtsmittelgerichte; unangemessen lange Dauer des Disziplinarverfahrens als mildernder Umstand; Rechtskraftdurchbrechung bei unangemessen langer Verfahrensdauer.

Leitsätze:

1. Eine Vorbelastung stellt einen belastenden Umstand bei der Gesamtwürdigung nach § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG dar, wenn sie ein erhebliches Gewicht hat und im zeitlichen Zusammenhang mit dem nunmehr zu beurteilenden Dienstvergehen steht.

2. Die Stellung als Polizeibeamter kann bei der Gesamtwürdigung erschwerend berücksichtigt werden, wenn der Pflichtenverstoß einen Bezug zu dieser Stellung aufweist.

3. Die Rechtsmittelgerichte haben bei der Bestimmung der Disziplinarmaßnahme das Verschlechterungsverbot nach §§ 129, 141 Satz 1 VwGO, § 3 BDG zu beachten.

4. Eine unangemessen lange Verfahrensdauer des Disziplinarverfahrens, die erst im allein vom Dienstherrn betriebenen Rechtsmittelverfahren eintritt, kann zugunsten des Beamten eine Ausnahme von dem prozessualen Verschlechterungsverbot erforderlich machen.

Urteil des 2. Senats vom 25. Juli 2013 - BVerwG 2 C 63.11

I. VG Ansbach vom 06.12.2004 - Az.: VG AN 6a D 04.1963 - II. VGH München vom 22.09.2010 - Az.: VGH 16b D 08.314 -

BVerwG: wohnsitz in der schweiz, wohnsitz im ausland, ausbildung, liechtenstein, aeuv, ohne erwerbstätigkeit, subjektives recht, besuch, unzumutbarkeit, anwendungsbereich

5 C 19.11 vom 10.01.2013

BVerwG: vollziehung, gebärdensprache, kunst, aussetzung, verfahrenskosten, download, link, ermessen, presse

9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil