Urteil des BVerwG vom 28.10.2010, 2 C 53.09

Entschieden
28.10.2010
Schlagworte
Beihilfe, Medizinische Betreuung, Aktiver Dienst, Öffentliche Anstalt, Sicherheit, Krankenversicherung, Aeuv, Anwendungsbereich, Fürsorgepflicht, Abgrenzung
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

BESCHLUSS

BVerwG 2 C 53.09 VG 26 A 150.06

Verkündet am 28. Oktober 2010 Hänig als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 28. Oktober 2010 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Herbert, die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Thomsen, die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Maidowski und Dr. Hartung sowie die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Dr. Eppelt

für Recht erkannt:

Das Verfahren wird ausgesetzt.

Dem Gerichtshof der Europäischen Union wird gemäß Artikel 267 AEUV folgende Frage zur Vorabentscheidung vorgelegt: Findet die Richtlinie 2000/78/EG zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf Anwendung auf nationalstaatliche Vorschriften zur Gewährung von Beihilfe für Beamte in Krankheitsfällen?

G r ü n d e :

I

1Die Klägerin, eine Bundesbeamtin, ging 2004 eine Lebenspartnerschaft im Sinne des § 1 Abs. 1 des Gesetzes über die Eingetragene Lebenspartnerschaft

vom 16. Februar 2001 (BGBl I S. 266), zuletzt geändert durch Art. 7 des Gesetzes vom 6. Juli 2009 (BGBl I S. 1696), ein. Die Lebenspartnerin der Klägerin ist

auf den Unterhalt durch die Klägerin angewiesen.

2Die Klägerin beantragte bei der Beklagten erfolglos Beihilfe für drei Apothekenrechnungen für auf ihre Lebenspartnerin ausgestellte Rezepte vom November

2005 über insgesamt 112,89 Euro. Die hiergegen erhobene Klage hatte Erfolg.

Zur Begründung hat das Verwaltungsgericht ausgeführt:

3Der Anspruch auf Beihilfe ergebe sich zwar nicht aus den nationalen Beihilfevorschriften, da Lebenspartner nicht zu den dort berücksichtigungsfähigen Angehörigen gehörten. Der Anspruch folge aber aus der Richtlinie 2000/78/EG.

Nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (Urteil

vom 1. April 2008 - Rs. C-267/06, Maruko - Slg. 2008, I-01757 = ZBR 2008, 375

= NJW 2008, 1649) bestünden keine Zweifel, dass auch die Beihilfe der Beamten ein Arbeitsentgelt im Sinne der Richtlinie sei. Sie werde nur aufgrund des

Dienstverhältnisses gewährt und nicht als Leistung des allgemeinen staatlichen

Systems der sozialen Sicherheit oder des sozialen Schutzes. Dies belegten die

Wechselwirkungen zwischen Beihilfe und amtsangemessener Besoldung.

4Die Lebenspartnerin befinde sich in einer Situation, die mit der eines Ehegatten

im Hinblick auf die Beihilfe vergleichbar sei. Diese Vergleichbarkeit folge aus

§ 5 Abs. 4 Nr. 3 der Beihilfevorschriften (BhV) i.d.F. vom 1. November 2001

(GMBl S. 918), zuletzt geändert durch Art. 1 der 28. Änderungsverwaltungsvorschrift vom 30. Januar 2004 (GMBl S. 379), der für Ehegatten auf die Unterhaltspflicht und die Unterhaltsbedürftigkeit als Voraussetzung abstelle. Diese

Voraussetzungen seien gleichermaßen bei Lebenspartnern erfüllt.

5Hiergegen wendet sich die Beklagte mit der Sprungrevision. Sie beantragt,

das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 16. Juni 2009 aufzuheben und die Klage abzuweisen.

6Die Klägerin beantragt,

die Revision zurückzuweisen.

II

7Das Verfahren ist in entsprechender Anwendung des § 94 VwGO auszusetzen

und dem Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Artikel 267 AEUV zur Klärung der Frage vorzulegen, ob die Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom

27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf (ABl L 303 vom

2. Dezember 2000, S.16 bis 22) Anwendung auf mitgliedstaatliche Vorschriften

zur Gewährung von Beihilfe für Beamte in Krankheitsfällen Anwendung findet.

Die Vorabentscheidung dieser Frage ist erforderlich, weil ihre Beantwortung für

die Entscheidung des Rechtsstreits erheblich ist.

81. Nach den mitgliedstaatlichen Vorschriften hat die Klägerin keinen Beihilfeanspruch für die Aufwendungen für ihre Lebenspartnerin.

9Auf den Anspruch der Klägerin finden die Beihilfevorschriften in der Fassung

der Bekanntmachung vom 1. November 2001 nach dem Stand der 28. Änderungsverwaltungsvorschrift vom 30. Januar 2004 Anwendung. Diese Beihilfevorschriften sind nach der Rechtsprechung des Senats zwar wegen Verstoßes

gegen den Gesetzesvorbehalt nichtig, aber bis zum Inkrafttreten der Bundesbeihilfeverordnung vom 13. Februar 2009 (BGBl I S. 326) weiter anwendbar

(Urteile vom 17. Juni 2004 - BVerwG 2 C 50.02 - BVerwGE 121, 103 <105 ff.>,

vom 28. Mai 2008 - BVerwG 2 C 24.07 - Buchholz 232 § 79 BBG Nr. 126

Rn. 10 f., vom 26. Juni 2008 - BVerwG 2 C 2.07 - BVerwGE 131, 234 <235 ff.>

= Buchholz 270 § 6 BhV Nr. 17 und vom 18. Februar 2009 - BVerwG 2 C 23.08

- Buchholz 270 § 6 BhV Nr. 18). Der Kreis der Beihilfeberechtigten und der einbezogenen Familienmitglieder ist vom Gesetzgeber zu bestimmen (Urteil vom

3. Juni 2009 - BVerwG 2 C 27.08 - Buchholz 237.7 § 88 NWLBG Nr. 6, LS und

Rn. 9). Auch insoweit genügte § 79 BBG a.F. nicht den verfassungsrechtlichen

Anforderungen.

10Gleichwohl sind die Beihilfevorschriften nach dem Stand der 27. und 28. Änderungsverwaltungsvorschrift vom 17. Dezember 2003 und 30. Januar 2004

(GMBl 2004 S. 227 und 379) grundsätzlich weiter anwendbar (Urteile vom

17. Juni 2004 a.a.O., vom 28. Mai 2008 a.a.O., vom 26. Juni 2008 a.a.O. und

vom 18. Februar 2009 a.a.O.). Dabei sind sie, obwohl es sich um Verwaltungsvorschriften handelt, weiterhin wie Gesetze auszulegen (Urteil vom 28. Mai

2008 - BVerwG 2 C 9.07 - Buchholz 270 § 6 BhV Nr. 15 und vom 18. Februar

2009 a.a.O.). Dies gilt nach Inkrafttreten der Bundesbeihilfeverordnung vom

13. Februar 2009 (BGBl I S. 326) für die vorher entstandenen Aufwendungen.

11Danach kann die Klägerin allein deshalb keine Beihilfeansprüche geltend machen, weil ihre Lebenspartnerin - anders als ein Ehegatte - nicht zu den berücksichtigungsfähigen Angehörigen nach § 3 Abs. 1 BhV gehört. (Diese Einschränkung gilt im Übrigen auch nach der Neuregelung, vgl. § 80 Abs. 1 Satz 3 BBG,

§ 4 BBhV.) Die übrigen Voraussetzungen für einen Beihilfeanspruch für Aufwendungen eines Ehegatten nach § 5 Abs. 4 Nr. 3 BhV liegen hingegen nach

den insoweit bindenden Feststellungen des Verwaltungsgerichts vor. Deshalb

hätte die Klägerin, wäre die Lebenspartnerschaft wie eine Ehe zu behandeln,

einen Beihilfeanspruch auf die geltend gemachten Aufwendungen für die Rezepte nach § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. a und Satz 3 oder Abs. 2 in Verbindung mit § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 BhV in Höhe von 79,02 €.

122. Unionsrechtlich wäre aufgrund der Richtlinie 2000/78/EG im Hinblick auf den

vom Gerichtshof der Europäischen Union geforderten konkreten Vergleich der

Lebenssituation in Bezug auf die begehrte Leistung eine Gleichbehandlung der

beamteten Lebenspartner mit verheirateten Beamten geboten, wenn die Beihilfe dem Anwendungsbereich der Richtlinie unterfiele. Die Vorlagefrage ist daher

entscheidungserheblich, da die Klägerin dann aufgrund der Richtlinie den Beihilfeanspruch hätte. Dies gilt auch dann, wenn sich eine unterschiedliche Behandlung zwischen Ehegatten und Lebenspartnern bereits aufgrund europäischen Primärrechts verbieten sollte.

13a) Die Situation einerseits der Lebenspartner und andererseits der Ehegatten ist

in Bezug auf die begehrte Leistung, nämlich die Beihilfe für Beamte in Krankheitsfällen vergleichbar.

14Die Vergleichbarkeit beurteilt sich nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs

der Europäischen Union zwar nach nationalem Recht, sie ist aber von den Gerichten der Mitgliedstaaten - unter Beachtung der unionsrechtlichen Vorgaben

zur Auslegung nationalen Rechts - zu entscheiden. Ist auf dieser Grundlage

anzunehmen, dass sich die Angehörigen beider Familienstände in einer vergleichbaren Lage befinden, stellt die Benachteiligung von Lebenspartnern eine

unmittelbare und nicht nur eine mittelbare Diskriminierung dar (vgl. EuGH Urteil

vom 1. April 2008 a.a.O. Rn. 73).

15Beihilfe wird nicht ausnahmslos für Aufwendungen eines jeden Ehegatten gewährt, sondern es müssen weitere Voraussetzungen erfüllt sein, die in § 5

Abs. 4 Nr. 3 BhV (jetzt: § 4 Abs. 1 BBhV, vgl. auch § 80 Abs. 1 Satz 3 BBG)

normiert sind und sich mit der Unterhaltspflicht des Beamten gegenüber seinem

Ehegatten und der Unterhaltsbedürftigkeit des Ehegatten umschreiben lassen:

16Nach § 5 Abs. 4 Nr. 3 BhV in der hier maßgeblichen Fassung sind Aufwendungen, die für den Ehegatten des Berechtigten entstanden sind, dann nicht beihilfefähig, wenn der Gesamtbetrag der Einkünfte 2 Abs. 3 Einkommensteuergesetz) des Ehegatten im Vorvorkalenderjahr vor der Stellung des Beihilfeantrags 18.000 übersteigt, es sei denn, dass dem Ehegatten trotz ausreichender

und rechtzeitiger Krankenversicherung wegen angeborener Leiden oder bestimmter Krankheiten aufgrund eines individuellen Ausschlusses keine Versicherungsleistungen gewährt werden oder dass die Leistungen hierfür auf Dauer

eingestellt worden sind (Aussteuer). Ferner kann die oberste Dienstbehörde in

anderen besonderen Ausnahmefällen, die nur bei Anlegung des strengsten

Maßstabes anzunehmen sind, im Einvernehmen mit dem Bundesministerium

des Inneren die Gewährung von Beihilfe zulassen.

17Hierdurch definieren die Beihilfevorschriften selbst die Situation, die vom Gericht zu vergleichen ist. Ein Beihilfeanspruch besteht danach bei Unterhaltsbedürftigkeit des Ehegatten eines Beihilfeberechtigten wegen zu geringen Einkommens oder wegen unverschuldet unzureichenden Krankenversicherungsschutzes.

18Das Verwaltungsgericht hat festgestellt, dass die Voraussetzungen dieser Vorschrift 5 Abs. 4 Nr. 3 Satz 1 BhV § 4 Abs. 1 BBhV mit leicht geänderten Einkommensgrenzen>) im Hinblick auf die Lebenspartnerin der Klägerin erfüllt sind. Ehegatten und Lebenspartner unterscheiden sich hinsichtlich ihrer

gegenseitigen Unterhaltspflichten für Aufwendungen für die medizinische

Betreuung nicht.

19Entgegen der Auffassung der Revision kommt es für die Beihilfeberechtigung

deshalb nicht darauf an, ob die Ehe - möglicherweise anders als die Eingetragene Lebenspartnerschaft - typisierend auf Kinder angelegt ist. Dies ist für das

Bestehen des Beihilfeanspruchs ohne Belang.

20b) Ein Beihilfeanspruch aufgrund der Richtlinie setzt voraus, dass die Beihilfe

für Beamte in Krankheitsfällen unionsrechtlich Entgeltbestandteil im Sinne des

Artikel 157 AEUV mit der Folge ist, dass sie dem Anwendungsbereich der

Richtlinie 2000/78/EG unterfällt. Diese Voraussetzung wäre nicht erfüllt, wenn

die Beihilfe für Beamte als eine Leistung des allgemeinen staatlichen Systems

der sozialen Sicherheit oder des sozialen Schutzes oder eine gleichgestellte

Leistung anzusehen wäre mit der Folge, dass sie der Richtlinie nicht unterfällt.

21Zwar gilt die Richtlinie 2000/78/EG nach ihrem Artikel 3 Abs. 1 Buchst. c für alle

Personen in öffentlichen und privaten Bereichen, einschließlich öffentlicher Stellen, in Bezug auf die Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen, einschließlich

der Entlassungsbedingungen und des Arbeitsentgelts. Jedoch bestimmt Artikel 3 Abs. 3 der Richtlinie ausdrücklich, dass die Richtlinie nicht gilt für Leistungen jeder Art seitens der staatlichen Systeme oder der damit gleichgestellten

Systeme einschließlich der staatlichen Systeme der sozialen Sicherheit oder

des sozialen Schutzes. Die gleiche Einschränkung findet sich im Erwägungsgrund Nr. 13 der Richtlinie 2000/78/EG. Danach findet die Richtlinie weder Anwendung auf die Sozialversicherungs- und Sozialschutzsysteme, deren Leistungen nicht einem Arbeitsentgelt in dem Sinne gleichgestellt werden, der diesem Begriff für die Anwendung des Artikels 141 des EG-Vertrags gegeben wurde, noch auf Vergütungen jeder Art seitens des Staates, die den Zugang zu

einer Beschäftigung oder die Aufrechterhaltung eines Beschäftigungsverhältnisses zum Ziel haben. Nach Artikel 141 des EG-Vertrags in der Fassung des

Amsterdamer Vertrags (nunmehr Artikel 157 AEUV) sind unter Entgelt im Sinne

dieses Artikels die üblichen Grund- oder Mindestlöhne und -gehälter sowie alle

sonstigen Vergütungen zu verstehen, die der Arbeitgeber auf Grund des Dienstverhältnisses dem Arbeitnehmer unmittelbar oder mittelbar in bar oder in Sachleistungen zahlt.

22Die danach entscheidungserhebliche Frage der Einordnung der Beihilfe ist bislang in der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union noch

nicht geklärt und lässt sich auch nicht eindeutig beantworten. Dies wäre nur der

Fall, wenn die richtige Anwendung des Gemeinschaftsrechts derart offenkundig

ist, dass für einen vernünftigen Zweifel keinerlei Raum bleibt. Um die Vorlage-

pflicht des nationalen Gerichts nach Artikel 267 AEUV auszulösen, genügt es,

dass es zu der Rechtsfrage verschiedene, vertretbare Auffassungen gibt

(EuGH, Urteil vom 6. Oktober 1982 - Rs. C-283/81 CILFIT - amtl. Slg. 1982,

I-03415 = NJW 1983, S. 1257 <1258>).

23In der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union gibt es eine

Reihe von Entscheidungen, die betriebliche Alterssicherungssysteme zum Gegenstand haben und deren Entgeltcharakter in Abgrenzung zu den Systemen

der gesetzlichen Alterssicherung bejaht worden ist. Eine Entscheidung, die sich

mit einem System der Sicherung in Krankheitsfällen befasst, liegt indes nicht

vor. Die vom Gerichtshof in den Entscheidungen zu Alterssicherungssystemen

entwickelten Abgrenzungskriterien sind zudem allenfalls eingeschränkt auf

Krankensicherungssysteme übertragbar.

24So hat der Gerichtshof der Europäischen Union im Urteil vom 17. Mai 1990

- Rs. C-262/88, Barber - (amtl. Slg. 1990, I-01889 = NJW 1991, 2204 <2205>)

hervorgehoben, dass der Begriff des Entgelts im Sinne von Artikel 119 Abs. 2

EG-Vertrag alle gegenwärtigen oder künftigen in bar oder in Sachleistungen

gewährten Vergütungen umfasst, vorausgesetzt, dass sie der Arbeitgeber dem

Arbeitnehmer wenigstens mittelbar aufgrund des Dienstverhältnisses gewährt

(Rn. 12). In Abgrenzung zu einer Leistung der sozialen Sicherung können insbesondere solche Altersrenten nicht einbezogen werden, die unmittelbar durch

Gesetz geregelt sind, keinerlei vertragliche Vereinbarungen innerhalb des Unternehmens oder des betroffenen Gewerbezweigs zulassen und zwingend für

allgemein umschriebene Gruppen von Arbeitnehmern gelten (Rn. 22). Deshalb

fallen Renten, die aufgrund eines an die Stelle des gesetzlichen Systems getretenen betrieblichen Systems gezahlt werden, in den Anwendungsbereich von

Artikel 119 EG-Vertrag (Rn. 28).

25Unter Anwendung der in diesem Urteil entwickelten Kriterien ist festzustellen,

dass die Beihilfe den Beamten zwar zumindest mittelbar aufgrund eines Dienstverhältnisses gewährt wird. Sie ist jedoch nach der oben zitierten Rechtsprechung des Senats durch Gesetz zu regeln, wobei die hier anwendbaren Verwaltungsvorschriften nur für eine Übergangszeit fortgelten und wie Gesetze auszu-

legen sind. Auch lassen die staatlichen Beihilfevorschriften keinerlei vertragliche

Vereinbarungen zu und gelten zwingend für eine allgemein umschriebene

Gruppe von Arbeitnehmern, nämlich für Beamte. Gegenstand dieser Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union waren zudem Richtlinien, die

Ausnahmen für die Vergangenheit vorsahen, aus denen sich unmittelbar ergab,

dass sie für die Zukunft auch für solche Renten gelten sollten, die aufgrund eines an die Stelle des gesetzlichen Systems getretenen betrieblichen Systems

gezahlt werden. Demgegenüber nimmt die hier zur Prüfung stehende Richtlinie

2000/78/EG nach ihrem Artikel 3 Abs. 3 ausdrücklich auch die den staatlichen

Systemen gleichgestellten Systeme der sozialen Sicherheit oder des sozialen

Schutzes von ihrem Anwendungsbereich aus.

26In dem Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 23. Oktober 2003

- Rs. C-4/02, Schönheit und Becker - (amtl. Slg. 2003, I-12575) ging es um die

Beamtenversorgung. Dabei galt auch hier die Besonderheit, dass die zur Überprüfung gestellten Richtlinien nach ihrem Wortlaut auch auf betriebliche Systeme der sozialen Sicherheit Anwendung finden, die als Ersatzleistungen an die

Stelle der gesetzlichen Systeme der sozialen Sicherheit treten, selbst wenn der

Beitritt zu diesen Systemen Pflicht ist. Der Gerichtshof hat entschieden, dass

die Beamtenversorgung in den Anwendungsbereich der Artikel 119 EG-Vertrag

bzw. Artikel 141 Abs. 1 und 2 EG fällt (Rn. 58, 63). Er hat zunächst erneut darauf hingewiesen, dass nur das Kriterium, dass das Ruhegehalt dem Betreffenden aufgrund seines Dienstverhältnisses mit seinem früheren Arbeitgeber gezahlt wird, d.h. das Kriterium der Beschäftigung, entscheidend sein kann

(Rn. 56). Zur Abgrenzung gegenüber den von den gesetzlichen Systemen der

sozialen Sicherheit gewährten Renten, die keine Entgelte im Sinne des Artikels

119 EG-Vertrag oder des Artikels 141 EG sind, kann jedoch nicht ausschließlich

auf dieses Kriterium abgestellt werden (Rn. 57). Allerdings können Erwägungen

der Sozialpolitik, der Staatsorganisation und der Ethik oder gar den Haushalt

betreffende Überlegungen, die bei der Festlegung eines Systems durch den

nationalen Gesetzgeber tatsächlich oder möglicherweise eine Rolle gespielt

haben, nicht ausschlaggebend sein, wenn die Versorgung nur für eine besondere Gruppe von Arbeitnehmern gilt, wenn sie unmittelbar von der abgeleisteten Dienstzeit abhängt und wenn ihre Höhe nach den letzten Bezügen berech-

net wird (Rn. 58, 59). Diese Kriterien hat der Gerichtshof in seinem Urteil vom

10. Juni 2010 - Rs. C-395/08, Bruno und Pettini - Juris Rn. 45 bis 47, in dem es

um die Altersversorgung Teilzeitbeschäftigter ging, noch einmal bestätigt.

27In Anwendung dieser drei Kriterien ist festzustellen, dass die Beihilfe zwar nur

an eine besondere Gruppe von Arbeitnehmern, nämlich an Beamte gezahlt

wird. Jedoch hängt sie weder von der abgeleisteten Dienstzeit ab, noch berechnet sich ihre Höhe nach den letzten Bezügen des Bediensteten.

28Die Frage, ob die Beihilfe Entgeltbestandteil ist, lässt sich schließlich auch nicht

ohne Zweifel anhand des Urteils des Gerichtshofs der Europäischen Union vom

1. April 2008 - Rs. C-267/06 a.a.O. beantworten. In dieser Entscheidung ging es

um eine ergänzende Hinterbliebenenversorgung aus einem berufsständischen

Pflichtversorgungssystem. Zur Prüfung stand die Richtlinie 2000/78/EG. Zum

Begriff des Arbeitsentgelts hat der Gerichtshof ausgeführt (vgl. Rn. 49 bis 57,

61), wann eine Hinterbliebenenversorgung in den Geltungsbereich der Richtlinie 2000/78/EG fällt: Sie wird im Rahmen eines berufsständischen Versorgungssystems für eine besondere Gruppe von Arbeitnehmern gewährt. Dieses

Versorgungssystem beruht auf einem Tarifvertrag, der die Sozialleistungen ergänzen soll, die nach den allgemein anwendbaren nationalen Rechtsvorschriften gewährt werden. Weiter wird dieses Versorgungssystem ausschließlich von

den Arbeitnehmern und Arbeitgebern der betreffenden Branche unter Ausschluss jeder finanziellen Beteiligung seitens des Staates finanziert und ist nach

dem einschlägigen Tarifvertrag für die genannte Gruppe von Arbeitnehmern bestimmt. Schließlich bemisst sich die Höhe der fraglichen Leistung nach der Versicherungsdauer des Arbeitnehmers, der der Ehegatte des Begünstigten war,

sowie den gesamten von diesem Arbeitnehmer entrichteten Beiträgen. Eine

derartige Versorgung ist daher als Entgelt im Sinne von Artikel 141 EG einzuordnen; dieses Ergebnis wird weder dadurch in Frage gestellt, dass es sich

bei der betreffenden Versorgungseinrichtung um eine öffentliche Anstalt handelt, noch durch die Pflichtzugehörigkeit zu dem System, das den Anspruch auf

die Hinterbliebenenversorgung vermittelt.

29Im Hinblick darauf, dass der Gerichtshof eine Reihe von Voraussetzungen

nennt, die in dem entschiedenen Fall gleichzeitig erfüllt waren, ist festzustellen,

dass keineswegs all diese Voraussetzungen auch bei der Beihilfe gegeben

sind.

30Zwar wird die Beihilfe nur für eine besondere Gruppe von Arbeitnehmern gewährt, nämlich für Beamte. Selbst wenn man außer Acht lässt, dass die Beihilfe

sich auf Gesetz und nicht unmittelbar auf Tarifvertrag gründet, könnte auch der

weitere, vom Gerichtshof der Europäischen Union hervorgehobene Umstand

zweifelhaft sein, dass es sich um eine Leistung handeln muss, die die Sozialleistungen ergänzen soll, die nach den allgemein anwendbaren nationalen

Rechtsvorschriften gewährt werden. Dies könnte der Besonderheit des Artikel 3

Abs. 3 der Richtlinie 2000/78/EG geschuldet sein, die - anders als die in den

vorher genannten Urteilen des Gerichtshofs zur Prüfung gestellten Richtlinien -

ausdrücklich auch die den staatlichen Systemen gleichgestellten Systeme der

sozialen Sicherheit oder des sozialen Schutzes von ihrem Anwendungsbereich

ausnimmt. Die Beihilfe ist keine Ergänzung des nach den allgemein anwendbaren mitgliedstaatlichen Rechtsvorschriften gewährten Krankenversicherungsschutzes, sondern Hauptbestandteil des Krankenversicherungsschutzes für

Beamte nach dem gegenwärtigen Regelungssystem, das sich als sogenanntes

„Mischsystem“ darstellt. Insoweit gibt es in Deutschland zwei nebeneinander

stehende Systeme des Schutzes im Krankheitsfall für unterschiedliche Beschäftigtengruppen, die das Europarecht einheitlich als Arbeitnehmer einstuft (einerseits für auf privatrechtlicher Grundlage tätige Arbeitnehmer die gesetzliche

Krankenversicherung , andererseits für Beamte das Mischsystem bestehend aus Beihilfe und privater Versicherung). Die beiden Systeme

schließen einander grundsätzlich aus: Weder kann ein auf privatrechtlicher

Grundlage tätiger Arbeitnehmer in den Genuss von Beihilfeleistungen kommen,

noch kann ein Beamter Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung werden (von Ausnahmen beim Wechsel zwischen den beiden Beschäftigungsverhältnissen abgesehen). Soweit die restliche Bevölkerung nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert ist, muss sie Krankheitskosten

durch eigenes Einkommen oder Vermögen oder die Leistung einer freiwilligen

privaten Krankenversicherung abdecken. Darüber hinaus bieten staatliche Leistungen der Grundsicherung sozialen Schutz für nicht erwerbsfähige Personen

oder Personen ohne ausreichendes Einkommen oder Vermögen.

31Auch wird die Beihilfe nicht ausschließlich von den Arbeitnehmern und Arbeitgebern der betreffenden Branche unter Ausschluss jeder finanziellen Beteiligung seitens des Staates finanziert, sondern ausschließlich vom Staat, also

(unionsrechtlich gesehen: allenfalls) vom Arbeitgeber.

32Ihre Höhe bestimmt sich nicht nach der Versicherungsdauer des Beamten, der

der Ehegatte des Begünstigten war bzw. ist, sowie den gesamten von diesem

Arbeitnehmer entrichteten Beiträgen. Im Gegenteil: Beihilfe erhält der Beamte

vom ersten Tag an, und zwar ungeschmälert in der gesetzlich vorgesehenen

Höhe, die sich ausschließlich am Familienstand (mit oder ohne Kinder) und anderen außerhalb der eigenen Leistungen des Beamten liegenden Kriterien (aktiver Dienst oder Ruhestand) orientiert. Die Beihilfe wird insbesondere nicht etwa für Teilzeitbeschäftigte nur anteilig entsprechend ihrer Arbeitszeit bemessen

oder für Beamte, die nur sehr kurz im Dienst des Staates stehen, entsprechend

ihrer (Betriebs-) Dienstzugehörigkeit gekürzt gewährt. Daher sind die für Alterssicherungssysteme vom Gerichtshof der Europäischen Union entwickelten Kriterien zur Unterscheidung zwischen Entgeltbestandteilen und Leistungen aus

einem System der sozialen Sicherung zur Abgrenzung für Krankensicherungssysteme ungeeignet. Insoweit ist nur der Gerichtshof der Europäischen Union

befugt, Abgrenzungskriterien für Krankensicherungssysteme zu entwickeln.

33Das System der Beihilfe ist auch nicht notwendiger Bestandteil der verfassungsrechtlich geschuldeten Alimentation des Beamten oder - europarechtlich

gewendet - seines Entgelts, so dass sich bereits aus diesem Umstand die Anwendbarkeit der Richtlinie 2000/78/EG ergäbe. Zur Bedeutung und Rechtsnatur

der Beihilfe hat der Senat im Urteil vom 26. Juni 2008 - BVerwG 2 C 2.07 -

(BVerwGE 131, 234 13 und 14>) grundlegend ausgeführt:

Die verfassungsrechtliche Fürsorgepflicht ergänzt die ebenfalls durch Art. 33 Abs. 5 GG gewährleistete Alimentationspflicht des Dienstherrn. Die Fürsorgepflicht fordert, dass der Dienstherr den amtsangemessenen Lebensunterhalt der Beamten und ihrer Familien auch in besonderen Belastungssituationen wie Krankheit oder Pflegebe-

dürftigkeit sicherstellt. Er muss dafür Sorge tragen, dass Beamte in diesen Lebenslagen nicht mit erheblichen finanziellen Aufwendungen belastet bleiben, die sie nicht mehr in zumutbarer Weise aus ihrer Alimentation bestreiten können. Dies ist auf der Grundlage des gegenwärtig praktizierten „Mischsystems“ zu beurteilen, in dem zur Eigenvorsorge der Beamten durch Abschluss einer auf die Beihilfevorschriften abgestimmten Versicherung die ergänzende Beihilfegewährung tritt. Die verfassungsrechtliche Fürsorgepflicht verlangt weder, dass Aufwendungen der Beamten in Krankheitsfällen durch Leistungen einer beihilfekonformen Krankenversicherung und ergänzende Beihilfen vollständig gedeckt werden, noch, dass die von der Beihilfe nicht erfassten Kosten in vollem Umfang versicherbar sind (…).

Mit den hergebrachten Grundsätzen des Berufsbeamtentums im Sinne des Art. 33 Abs. 5 GG ist der Kernbestand von Strukturprinzipien gemeint, die allgemein oder doch ganz überwiegend während eines längeren, traditionsbildenden Zeitraums, mindestens unter der Reichsverfassung von Weimar, als verbindlich anerkannt und gewahrt worden sind (…). Der dargestellte beihilferechtliche Kernbereich des hergebrachten Grundsatzes „Fürsorgepflicht“ hat sich in der Weimarer Zeit herausgebildet. Danach wurden in den Jahren 1922/23 in Preußen und im Reich Notstandsbeihilfen eingeführt, weil die Gehälter der Beamten aufgrund der außergewöhnlichen Geldentwertung in vielen Fällen nicht mehr ausreichten, um die Aufwendungen in Krankheits- , Geburts- und Todesfällen zu decken. Die Gewährung von Beihilfen setzte den Nachweis einer wirtschaftlichen Notlage durch den Beamten voraus (vgl. Erlasse des preußischen Finanzministers vom 25. August 1922, PrJMBl. S. 365, und der Reichsregierung vom 21. April 1923, RBBl. S. 115). Daran änderte sich bis zum Ende der Weimarer Republik im Jahr 1933 nichts (vgl. Erlass der Reichsregierung vom 11. Dezember 1928, RBBl. S. 197; zum Ganzen Schneider, Beihilfenrecht und soziale Krankenversicherung, 1970, S. 60 f. und 74 f.).

34Von Verfassungs wegen muss die amtsangemessene Alimentation lediglich die

Kosten einer Krankenversicherung decken, die zur Abwendung krankheitsbedingter, durch Leistungen aufgrund der Fürsorgepflicht nicht ausgeglichener

Belastungen erforderlich ist. Die Alimentation wäre erst dann nicht mehr ausreichend, wenn die Krankenversicherungsprämien, die zur Abwendung von krankheitsbedingten und nicht von der Beihilfe ausgeglichenen Belastungen erforderlich sind, einen solchen Umfang erreichten, dass der angemessene Lebensun-

terhalt des Beamten nicht mehr gewährleistet wäre. Aber selbst bei einer solchen Sachlage wäre verfassungsrechtlich nicht eine Anpassung der nicht verfassungsverbürgten Beihilfe geboten, sondern eine entsprechende Korrektur

der Besoldungs- und Versorgungsgesetze, die das Alimentationsprinzip konkretisieren (vgl. BVerfG, Beschluss vom 7. November 2002 - 2 BvR 1053/98

- BVerfGE 106, 225 ff.).

Herbert Thomsen Dr. Maidowski

Dr. Hartung Dr. Eppelt

Sachgebiet: BVerwGE: nein

Beamtenrecht Fachpresse: nein

Rechtsquellen:

BhV § 3 Abs. 1, § 5 Abs. 4 Nr. 3 AEUV Art. 157, Art. 267 Richtlinie 2000/78/EG Erwägungsgrund Nr. 13, Art. 3 Abs. 1 Buchst. c, Artikel 3 Abs. 3

Stichworte:

Beihilfe; Lebenspartner; Ehe; krankheitsbedingte Aufwendungen; Krankheitsfälle; Gesetzesvorbehalt; Vergleichbarkeit; europarechtliches Arbeitsentgelt; Entgeltbestandteil; Leistung des sozialen Schutzes; Krankenschutzsystem; Krankensicherungssystem; Mischsystem; Alimentation; Abgrenzungskriterien; Vorlage; Vorabentscheidung; Zweifel; EuGH.

Leitsatz:

Dem Gerichtshof der Europäischen Union wird zur Vorabentscheidung die Frage vorgelegt, ob die Richtlinie 2000/78/EG auf die Vorschriften zur Gewährung von Beihilfe für Beamte in Krankheitsfällen Anwendung findet.

Parallelentscheidung zum Beschluss des 2. Senats vom 28. Oktober 2010 - BVerwG 2 C 46.09 -

Beschluss des 2. Senat vom 28. Oktober 2010 - BVerwG 2 C 53.09

I. VG Berlin vom 16.06.2009 - Az.: VG 26 A 150.06 -

BVerwG: wohnsitz in der schweiz, wohnsitz im ausland, ausbildung, liechtenstein, aeuv, ohne erwerbstätigkeit, subjektives recht, besuch, unzumutbarkeit, anwendungsbereich

5 C 19.11 vom 10.01.2013

BVerwG: vollziehung, gebärdensprache, kunst, aussetzung, verfahrenskosten, download, link, ermessen, presse

9 VR 4.13 vom 28.05.2013

BVerwG (treu und glauben, rechtliches gehör, zivildienst, verwaltungsgericht, rechtssatz, bundesverwaltungsgericht, einberufung, beschwerde, ausbildung, zdg)

6 B 107.08 vom 22.08.2007

Anmerkungen zum Urteil