Urteil des BVerwG vom 25.10.2012, 2 C 41.11

Entschieden
25.10.2012
Schlagworte
Angriff, Erwerbsfähigkeit, Minderung, Psychische Krankheit, Körperschaden, Vorfrage, Lebensgefahr, Einverständnis, Rechtskraftwirkung, Rechtsnachfolger
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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

BVerwG 2 C 41.11 OVG 10 A 11091/10

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 2. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 25. Oktober 2012 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Domgörgen und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Heitz, Dr. von der Weiden, Dr. Hartung und Dr. Kenntner

ohne mündliche Verhandlung für Recht erkannt:

Die Revision des Klägers gegen das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz vom 15. April 2011 wird zurückgewiesen.

Der Kläger trägt die Kosten des Revisionsverfahrens.

G r ü n d e :

I

1Der 1948 geborene Kläger stand bis zu seiner Versetzung in den vorzeitigen

Ruhestand wegen Dienstunfähigkeit als Richter am Amtsgericht im Dienst des

Beklagten.

2Am 13. November 2007 wurde der Kläger nach einer Verhandlung von einem

Verfahrensbeteiligten im Gerichtsgebäude beschimpft. Dritte hielten den Beteiligten von einem körperlichen Angriff auf den Kläger ab. Wegen dieses Vorfalls

konnte der Kläger ab Januar 2008 krankheitsbedingt keinen Dienst mehr leisten. Mit seinem Einverständnis wurde er mit Ablauf des 30. September 2009 in

den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Der Beklagte erkannte den Vorfall vom 13.

November 2007 als Dienstunfall an.

3Im Rahmen eines Verfahrens auf Gewährung von Unfallausgleich stellte der

Beklagte beim Kläger aufgrund einer amtsärztlichen Untersuchung eine Minderung der Erwerbsfähigkeit vom Unfalltag an von 35 vom Hundert und ab dem

13. Juni 2008 von 40 vom Hundert fest. Die nach erfolglosem Vorverfahren erhobene Klage, den Beklagten zu verpflichten, dem Kläger ab dem 1. Juni 2009

Unfallausgleich für eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 vom Hundert zu

gewähren, wies das Verwaltungsgericht mit rechtskräftig gewordenem Urteil

vom 20. Dezember 2011 (- 6 K 1358/09.KO -) ab.

4Den Antrag des Klägers, den Vorfall vom 13. November 2007 wegen seiner

Schwere als qualifizierten Dienstunfall anzuerkennen und erhöhtes Unfallruhegehalt zu zahlen, lehnte der Beklagte ab. Widerspruch und Klage blieben erfolglos. Das Oberverwaltungsgericht hat die Berufung des Klägers zurückgewiesen.

Zur Begründung hat es im Wesentlichen ausgeführt: Die gebotenen strengen

Anforderungen an das Merkmal des rechtswidrigen Angriffs seien nicht erfüllt.

Es müsse sich um einen massiven Angriff gehandelt haben. Eine einfache Körperverletzung müsse unmittelbare Folge des zielgerichteten Handelns des

Schädigers gewesen sein. Ferner müsse die objektive Gefahr einer schweren

Körperverletzung bestanden haben.

5Hiergegen richtet sich die Revision des Klägers, mit der er die Verletzung formellen und materiellen Rechts rügt. Er beantragt,

das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz vom 15. April 2011 und das Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 26. August 2010 sowie den Bescheid des Ministeriums der Justiz vom 7. September 2009 und den Widerspruchsbescheid vom 10. November 2009 aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, das Vorliegen eines qualifizierten Dienstunfalls anzuerkennen und ein erhöhtes Unfallruhegehalt zu bewilligen,

hilfsweise,

das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz vom 15. April 2011 und das Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 26. August 2010 sowie den Bescheid des Ministeriums der Justiz vom 7. September 2009 und den Widerspruchsbescheid vom 10. November 2009 aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, über seinen Antrag vom 15. Juni 2008 unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts erneut zu entscheiden,

äußerst hilfsweise,

das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz vom 15. April 2011 aufzuheben und die Rechtssache zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Oberverwaltungsgericht zurückzuverweisen.

6Der Beklagte beantragt,

die Revision zurückzuweisen.

II

7Die Revision des Klägers, über die der Senat mit Einverständnis der Beteiligten

ohne mündliche Verhandlung entscheidet 101 Abs. 2 sowie §§ 141 und 125

Abs. 1 VwGO), ist unbegründet. Das Berufungsurteil verletzt zwar revisibles

Landesbeamtenrecht 191 Abs. 2 VwGO i.V.m. § 127 Nr. 2 BRRG und § 63

Abs. 3 Satz 2 BeamtStG). Es erweist sich aber aus anderen als den vom Oberverwaltungsgericht herangezogenen Gründen als im Ergebnis richtig 144

Abs. 4 VwGO).

81. Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts verletzt § 37 BeamtVG in der Fassung des Gesetzes vom 21. Dezember 2004 (BGBl I S. 3592), der hier nach § 1

des am 1. September 2006 in Kraft getretenen Landesgesetzes zur Ersetzung

und Ergänzung von Bestimmungen des Beamtenversorgungsgesetzes (Art. 4

des Landesbesoldungs- und -versorgungsanpassungsgesetzes 2007/2008 vom

21. Dezember 2007, GVBl S. 283) anwendbar ist. Für die Unfallfürsorge ist das

Recht maßgeblich, das im Zeitpunkt des Unfallereignisses gegolten hat, sofern

sich nicht eine Neuregelung ausdrücklich Rückwirkung beimisst (vgl. Urteile

vom 16. Mai 1963 - BVerwG 2 C 27.60 - BVerwGE 16, 103 <104> und -

BVerwG 2 C 153.60 - Buchholz 237.7 § 142 LBG NRW Nr. 2 S. 5 und vom 6.

Januar 1969 - BVerwG 6 C 38.66 - BVerwGE 31, 170 <172> = Buchholz 232 §

141a BBG Nr. 1 S. 2).

9Nach § 1 des Landesgesetzes i.V.m. § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG wird einem

Richter im Landesdienst das erhöhte Unfallruhegehalt nach Absatz 1 auch gewährt, wenn der Richter in Ausübung des Dienstes durch einen rechtswidrigen

Angriff einen Dienstunfall mit den in Absatz 1 genannten Folgen erleidet. Aufgrund der nicht angegriffenen und deshalb nach § 137 Abs. 2 VwGO bindenden

tatsächlichen Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts ist davon auszugehen, dass der Kläger in Ausübung seines Dienstes rechtswidrig angegriffen

worden ist.

10Dem Oberverwaltungsgericht ist darin zuzustimmen, dass § 1 des Landesgesetzes i.V.m. § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG nicht voraussetzt, dass der rechtswidrige Angriff für den Beamten oder Richter eine besondere Lebensgefahr begründet hat. Wortlaut und Systematik der Regelungen schließen es aus, die in §

37 Abs. 1 Satz 1 BeamtVG genannte Voraussetzung als ungeschriebenes

Merkmal der Tatbestände des Absatzes 2 anzusehen.

11Mit § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG unvereinbar sind dagegen die Anforderungen

des Oberverwaltungsgerichts an das Vorliegen eines rechtswidrigen Angriffs.

12Nach § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG wird erhöhtes Unfallruhegehalt nach Absatz 1

auch gewährt, wenn der Beamte in Ausübung des Dienstes durch einen

rechtswidrigen Angriff einen Dienstunfall mit den in Absatz 1 genannten Folgen

erleidet. Demnach muss es sich bei dem rechtswidrigen Angriff um einen

Dienstunfall im Sinne des § 31 Abs. 1 Satz 1 BeamtVG handeln. Dies setzt

nach der gesetzlichen Begriffsbestimmung des Dienstunfalls unter anderem

voraus, dass der Angriff einen Körperschaden des Beamten, d.h. eine Beeinträchtigung der körperlichen Integrität oder eine psychische Krankheit verursacht hat. Er muss bei wertender Betrachtungsweise zumindest eine wesentliche Mitursache für den Körperschaden darstellen (Urteile vom 15. September

1994 - BVerwG 2 C 24.92 - Buchholz 237.6 § 227 NdsLBG Nr. 1 S. 3 f. und

vom 18. April 2002 - BVerwG 2 C 22.01 - Buchholz 239.1 § 31 BeamtVG Nr. 12

S. 2 f.; Beschluss vom 8. März 2004 - BVerwG 2 B 54.03 - Buchholz 239.1 § 31

BeamtVG Nr. 13 S. 4; vgl. zu § 31 Abs. 4 Satz 1 BeamtVG: Urteil vom 29. Ok-

tober 2009 - BVerwG 2 C 134.07 - BVerwGE 135, 176 = Buchholz 239.1 § 31

BeamtVG Nr. 22 Rn. 26>).

13Bei Berücksichtigung des systematischen Regelungszusammenhangs mit dem

Dienstunfallbegriff des § 31 Abs. 1 Satz 1 BeamtVG liegt ein Angriff im Sinne

des § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG vor, wenn sich der Beamte in Ausübung oder

infolge des Dienstes einem plötzlichen, örtlich und zeitlich bestimmbaren Verhalten eines Dritten ausgesetzt sieht, durch das ihm zielgerichtet, d.h. mit zumindest bedingtem Vorsatz, ein Körperschaden zugefügt werden soll (Urteil

vom 8. Oktober 1998 - BVerwG 2 C 17.98 - Buchholz 239.1 § 37 BeamtVG Nr.

2 S. 1 f.; vgl. zum inhaltsgleichen Angriffsbegriff des § 31 Abs. 4 Satz 1

BeamtVG: Urteil vom 29. Oktober 2009 a.a.O. Rn. 17>).

14Allerdings ist nicht erforderlich, dass der Angriff zu der vom Täter beabsichtigten Körperverletzung des Beamten geführt hat. Es reicht aus, dass dieser in der

konkreten Gefahr der beabsichtigten Körperverletzung geschwebt hat und infolgedessen einen anderweitigen Körperschaden, insbesondere eine Verletzung

der seelischen Integrität erlitten hat (zu § 31 Abs. 4 BeamtVG: Urteil vom 29.

Oktober 2009 a.a.O. Rn. 18 f.>). Andernfalls wären solche Fälle nicht

erfasst, bei denen nur der Zufall eine Verletzung der körperlichen Integrität verhindert hat, der Beamte oder Richter aber wegen der erlittenen Bedrohung erheblich psychisch belastet ist und erkrankt.

15Damit sind zusätzliche Anforderungen, wie „massiver Angriff“, „Vollendung einer

einfachen Körperverletzung“, „körperlicher Kontakt zwischen dem Angreifer und

dem Amtsträger“ oder „objektiv bestehende Gefahr einer schweren Körperverletzung“, nicht zu vereinbaren. Es ist auch nicht erforderlich, dass der Schädiger

eine Waffe bei sich führt, um eine Drohung in die Tat umsetzen zu können.

Denn auch ein drohender Schlag mit der Faust begründet für das Opfer die objektive Gefahr eines erheblichen Körperschadens.

16Diese Auslegung wird auch dem Zweck des § 37 BeamtVG gerecht. Der Gesetzgeber will mit den Fallgruppen des § 37 BeamtVG einer gesteigerten, im

dienstlichen Bereich wurzelnden Gefährdungslage durch die Gewährung eines

erhöhten versorgungsrechtlichen Schutzes Rechnung tragen. Nicht zuletzt im

öffentlichen Interesse an einer effektiven Erledigung der öffentlichen Aufgaben

soll die Bereitschaft des Beamten oder Richters zur Erfüllung seiner dienstlichen Pflichten gestärkt werden, weil er damit rechnen kann, die Folgen dienstlich bedingter Körperschäden in Fällen einer solchen Gefährdung nicht allein

tragen zu müssen (vgl. Urteil vom 29. Oktober 2009 a.a.O. Rn. 19 und 21). Niveaugleich mit den anderen Fallgruppen des erhöhten Unfallruhegehalts ist die

Gefährdungslage nach § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG dann gegeben, wenn die

Verletzungshandlung vom Schädiger mit Wissen und Wollen der zu erwartenden Rechtsgutbeeinträchtigung ausgeführt wird und sie in einem inneren Zusammenhang mit der Dienstverrichtung des Amtsträgers steht (Urteil vom 8.

Oktober 1998 a.a.O. S. 2).

17Dem berechtigten Interesse des Dienstherrn, diesen erhöhten Dienstunfallschutz nicht ausufern zu lassen, ist durch die besonders hohen Anforderungen

an die Folgen des Dienstunfalls in § 37 Abs. 1 Satz 1 BeamtVG Rechnung getragen.

18Nach den nicht angegriffenen und deshalb nach § 137 Abs. 2 VwGO bindenden

tatsächlichen Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts stand das Verhalten

des Schädigers auch im unmittelbaren Zusammenhang mit der Diensthandlung

des Klägers. Denn der Schädiger hatte den Kläger angegriffen, weil er mit dessen Verhandlungsführung nicht einverstanden war.

19Begründet ist auch die Verfahrensrüge des Klägers, das Oberverwaltungsgericht habe bei der Würdigung des Sachverhalts wesentliche Aspekte des tatsächlichen Geschehens unberücksichtigt gelassen.

20Nach § 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO entscheidet das Gericht nach seiner freien,

aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens gewonnenen Überzeugung. Danach

ist das Gericht verpflichtet, seiner Überzeugungsbildung den im Verfahren festgestellten Sachverhalt vollständig und richtig zugrunde zu legen (Beschluss

vom 19. August 2008 - BVerwG 3 B 11.08 - Buchholz 451.55 Subventionsrecht

Nr. 110 Rn. 6 m.w.N.). Dieses Gebot hat das Oberverwaltungsgericht verletzt.

21Bei seiner Annahme, der Schädiger habe lediglich versucht, den Kläger in seinem sozialen Geltungsanspruch herabzusetzen, ihn zu beleidigen und auch zu

bedrohen, hat das Oberverwaltungsgericht wesentliche Aspekte des Vorfalls

unberücksichtigt gelassen. Denn der Schädiger hat den Kläger wegen seiner

Verhandlungsführung nicht nur verbal bedroht („Dich mach´ ich kalt“ und „Du

bist tot“), sondern hat auch versucht, auf ihn einzuschlagen. Nach den tatsächlichen Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts hatte sich der Schädiger

dem Kläger im Vorraum des Gerichtssaals bis auf wenige Zentimeter genähert,

hatte sich vor diesem aufgebaut, hatte die Faust erhoben, um auf den Kläger

einzuschlagen, und konnte lediglich von umstehenden Personen hiervon abgehalten werden.

222. Das Berufungsurteil erweist sich aber aus anderen als den vom Oberverwaltungsgericht genannten Gründen als im Ergebnis richtig 144 Abs. 4 VwGO).

Dem Erfolg des Hauptantrags und der gestaffelten Hilfsanträge des Klägers

steht entgegen, dass der rechtswidrige Angriff vom 13. November 2007 beim

Kläger nicht zu den Folgen geführt hat, die das Gesetz für die Zahlung des erhöhten Unfallruhegehalts voraussetzt.

23Nach § 37 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG muss der Beamte oder

Richter infolge des Dienstunfalles dienstunfähig geworden und in den Ruhestand getreten sowie im Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand infolge des

Dienstunfalles in seiner Erwerbsfähigkeit um mindestens 50 vom Hundert beschränkt sein. Aufgrund der Rechtskraft des Urteils des Verwaltungsgerichts,

mit dem die Klage des Klägers auf Gewährung von Unfallausgleich für eine

Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 vom Hundert ab dem 1. Juli 2009 abgewiesen wurde, steht fest, dass die Erwerbsfähigkeit des Klägers nicht im Zeitpunkt seines Eintritts in den Ruhestand infolge des Dienstunfalles um 50 vom

Hundert gemindert ist.

24Nach § 121 Nr. 1 VwGO binden rechtskräftige Urteile die Beteiligten und ihre

Rechtsnachfolger, soweit über den Streitgegenstand entschieden worden ist.

Die Beteiligten der Verfahren sind identisch; auch die Klage auf Gewährung von

Unfallausgleich nach § 35 Abs. 1 BeamtVG richtete sich gegen den Beklagten.

Für die gesetzliche Rechtskraftwirkung ist ohne Bedeutung, dass der Streitgegenstand des Revisionsverfahrens (erhöhtes Unfallruhegehalt) nicht mit dem

Gegenstand des rechtskräftig abgeschlossenen Verfahrens (Unfallausgleich)

identisch ist. Die Rechtskraft eines Urteils bindet auch, wenn und soweit sich

die im Urteil entschiedene Frage in einem späteren Verfahren mit anderem

Streitgegenstand als Vorfrage stellt (Urteil vom 24. November 1998 - BVerwG 9

C 53.97 - BVerwGE 108, 30 <33> m.w.N. = Buchholz 402.25 § 73 AsylVfG Nr.

3 S. 4 f.). Die Rechtskraft eines Urteils soll gerade verhindern, dass die aus

einem festgestellten Tatbestand hergeleitete Rechtsfolge, über die durch ein

Urteil rechtskräftig entschieden worden ist, bei unveränderter Sach- und

Rechtslage - mit der Gefahr unterschiedlicher Ergebnisse - erneut zum Gegenstand eines Verfahrens zwischen denselben Beteiligten gemacht wird. Das Gericht ist im Folgeverfahren an einer erneuten Sachprüfung gehindert (Urteile

vom 8. Dezember 1992 - BVerwG 1 C 12.92 - BVerwGE 91, 256 <258> =

Buchholz 310 § 121 VwGO Nr. 63 S. 15 und vom 10. Mai 1994 - BVerwG 9 C

501.93 - BVerwGE 96, 24 <26> = Buchholz 310 § 121 VwGO Nr. 68 S. 2 f.

m.w.N.; BGH, Urteil vom 17. Februar 1983 - III ZR 184/81 - NJW 1983, 2032).

25Streitgegenstand des rechtskräftigen Urteils des Verwaltungsgerichts war nicht

der Anspruch auf Unfallausgleich nach § 35 Abs. 1 BeamtVG dem Grunde

nach. Diesen Anspruch hat die Beklagte bereits durch den Feststellungsbescheid vom 7. Juli 2009 - allerdings nur für eine Minderung der Erwerbsfähigkeit

von 40 vom Hundert - rechtsverbindlich anerkannt. Gegenstand des Verfahrens

vor dem Verwaltungsgericht war vielmehr der vom Kläger darüber hinaus geltend gemachte Anspruch auf Unfallausgleich ab dem 1. Juli 2009 für eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 vom Hundert, der allein vom Grad der Minderung abhängt. Damit war der Grad der Minderung der Erwerbsfähigkeit des

Klägers Teil des Streitgegenstandes. Mit Eintritt der Rechtskraft des die Klage

abweisenden Urteils steht nach § 121 Nr. 1 VwGO auch für Verfahren mit einem anderen Streitgegenstand fest, dass der Kläger im streitgegenständlichen

Zeitraum nicht in seiner Erwerbsfähigkeit um 50 vom Hundert gemindert ist.

26Das rechtskräftige Urteil des Verwaltungsgerichts erfasst auch den für den Anspruch nach § 1 des Landesgesetzes i.V.m. § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG maßgeblichen Zeitpunkt des Eintritts des Klägers in den Ruhestand. Denn das Verwaltungsgericht hat über den Anspruch auf Unfallausgleich für den Zeitraum

vom 1. Juli 2009 bis zur mündlichen Verhandlung am 20. Dezember 2011 entschieden. Der Kläger ist mit Ablauf des 30. September 2009 in den Ruhestand

getreten.

27Unerheblich ist der Umstand, dass das Urteil des Verwaltungsgerichts hinsichtlich des Anspruchs des Klägers auf Gewährung eines Unfallausgleichs für eine

Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 vom Hundert ab dem 1. Juli 2009 erst

während des Revisionsverfahrens rechtskräftig geworden ist. Das Urteil kann

berücksichtigt werden, weil der Eintritt der Rechtskraft nicht weiter beweisbedürftig ist, seine Verwertung einer endgültigen Streiterledigung dient, die Beteiligten vom Senat hierauf hingewiesen worden sind und schließlich schützenswerte Interessen der Beteiligten dadurch nicht berührt werden (Urteil vom 21.

Juni 1979 - BVerwG 5 C 47.78 - BVerwGE 58, 146 <152> = Buchholz 436.0 §

90 BSHG Nr. 15 S. 6; BGH, Urteil vom 11. Oktober 1984 - III ZR 27/83 - BGHZ

92, 302 = NJW 1985, 1338 f., jeweils m.w.N.)

28Die Kostenentscheidung ergibt sich aus § 154 Abs. 2 VwGO.

Domgörgen Dr. Heitz Dr. von der Weiden

Dr. Hartung Dr. Kenntner

B e s c h l u s s

vom 12. Dezember 2012

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Revisionsverfahren gemäß § 47

Abs. 1, § 63 Abs. 2 und § 52 Abs. 1 GKG auf 27 985,54 festgesetzt. Dies entspricht dem zweifachen Jahresbetrag der Differenz zwischen dem gewährten

und dem vom Kläger erstrebten Unfallruhegehalt (vgl. Beschluss vom 13. September 1999 - BVerwG 2 B 53.99 - Buchholz 360 § 13 GKG Nr. 106 S. 3).

Domgörgen Dr. Hartung Dr. Kenntner

Sachgebiet: BVerwGE: nein

Beamtenversorgungsrecht Fachpresse: ja

Rechtsquellen:

BeamtVG F2004 § 37 VwGO § 108 Abs. 1, § 121 Nr. 1

Stichworte:

Unfallfürsorge; erhöhtes Unfallruhegehalt; besondere Lebensgefahr; rechtswidriger Angriff; Begründung einer objektiven Gefährdungslage für den Beamten oder Richter; Überzeugungsbildung; vollständige Erfassung des festgestellten Sachverhalts; Rechtskraft; Vorfrage für andere Verfahren; Grad der Minderung der Erwerbsfähigkeit; Berücksichtigung von nachträglich eingetretenen Umständen im Revisionsverfahren.

Leitsatz:

Der Begriff des rechtswidrigen Angriffs im Sinne von § 37 Abs. 2 Nr. 1 BeamtVG setzt voraus, dass der Angreifer den Beamten wegen dieser Eigenschaft oder der dienstlichen Tätigkeit objektiv in die Gefahr einer Schädigung bringt. Es ist nicht erforderlich, dass der Angreifer den Beamten körperlich beeinträchtigt (im Anschluss an Urteile vom 8. Oktober 1998 - BVerwG 2 C 17.98 - Buchholz 239.1 § 37 BeamtVG Nr. 2 und vom 29. Oktober 2009 - BVerwG 2 C 134.07 - BVerwGE 135, 176 = Buchholz 239.1 § 31 BeamtVG Nr. 22).

Urteil des 2. Senats vom 25. Oktober 2012 - BVerwG 2 C 41.11

I. VG Koblenz vom 26.08.2010 - Az.: VG 6 K 1379/09. KO - II. OVG Koblenz vom 15.04.2011 - Az.: OVG 10 A 11091/10 -

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Anmerkungen zum Urteil